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Kaugummi [Drabble]


 
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Klemens_Fitte
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BeitragVerfasst am: 28.06.2020 18:06    Titel: Kaugummi [Drabble] eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Kaugummi


Während des Interviews dachte Haderworth an Kaugummi. Farb- und geschmackloser Kaugummi aus dem Automaten seiner Kindheit, der mit bunt beklebten Sichtfenstern – die zugleich Verheißung und Vorbote zwangsläufiger Ernüchterung waren – und magisch-mechanischem Innenleben als Einarmiger Bandit vor der Raiffeisenbank hing; oder wie ein Schrein längst der Welt und dem Verzehr enthobener Paraphernalien. Vielleicht war es Haderworths Erinnerungsbild, infolge einer Mutprobe eine blassgelbe Kaugummikugel aus dem Automaten zwischen die Zähne gesteckt zu haben, und statt zu Staub zu zerfallen, füllte sie jetzt seinen Mund aus, wurde größer und fader, je mehr er darauf herumkaute, darauf herumredete, ohne zu einer Antwort zu finden.

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Klemens_Fitte
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BeitragVerfasst am: 30.06.2020 08:46    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Atemholen


Wann ihm klargeworden war, dass er nicht mehr zu atmen brauchte? Er wusste es nicht. Zuerst gab es eigens gewählte Grenzen, eine Minute, zwei, drei, während er in seinem Zimmer saß, nach den Hausaufgaben, das Gesicht in einer mit Wasser gefüllten Glasschüssel, aus den Augenwinkeln den Quartzwecker im Blick, der durch die Lichtbrechung eine unwirkliche Zeitfolge anzuzeigen schien. Später beendete er das Spiel eher aus Langeweile oder aus Angst, entdeckt zu werden. In Phasen der Konzentration vergaß er manchmal zu atmen. Die Mitschüler und Lehrer mieden ihn, ohne zu wissen, weshalb jedes längere Gespräch mit dem Jungen so beklemmend war.

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Klemens_Fitte
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BeitragVerfasst am: 01.07.2020 08:10    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Glücklich sein


Daumen und Zeigefinger blättern durch unbeschriftete Bögen karierten Papiers.
»Vielleicht beginnen wir mit Ihrer Biografie. Oder was Sie hierhergeführt hat.«
»Ich glaube, ich wollte glücklich sein. Für mich ist Glück, bei den Fischen schlafen.«
Der Bleistift verharrt, als hätte ihn das Denken eingeholt. »Wofür steht das? Ist das eine Art suizidale Fantasie?«
»Es ist ein konkretes Gefühl. So etwas steht für sich selbst.«
Der Bleistift rührt sich nicht.
Seufzen. Unmöglich, die Morgendämmerung im See zu beschreiben. Die Schattenkessel von Seerosen und Laubflecken. Oder wie es ist, einem schlafenden Hecht in die offenen Augen zu sehen, bis man die Zeit vergisst.

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Klemens_Fitte
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BeitragVerfasst am: 02.07.2020 08:20    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der Tyrann


»Wäre mein Vater kein Tyrann gewesen, hätte ich keinen Grund gehabt, zu ihm aufzusehen. Er war ja ein äußerst mittelmäßiger Mann, im Grunde. – Respektiert? Erst im Nachhinein, glaube ich. Einen Tyrannen respektiert man nicht. Man liebt und hasst ihn, aber das hat mit dem Selbstbild und der Selbsterhaltung zu tun. Respekt ist viel exogener. Kann man das so sagen? – Der Respekt kam erst in dem Moment, als sie ihn abgeführt haben. Er schreitet den Kiesweg zum Tor entlang, flankiert von Polizeibeamten in Zivil, und steigt in einen gepanzerten Wagen – da denkt man doch automatisch, das muss ein wichtiger Mensch sein.«

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BeitragVerfasst am: 03.07.2020 08:19    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Begreifen


Kontakt aufnehmen. Das Atmen des Baumes spüren, seine Sprache begreifen. Als sie noch mit Torbens Gruppe zum Wood-Yoga gegangen war, waren solche Sätze öfter gefallen, und nie hatte sie sich etwas darunter vorstellen können. Meist ahmte sie die Bewegungen nach, mit denen die anderen ihre Finger über die Baumstämme führten, ihre leisen Wonnelaute oder kurzen Oh!, während sie in Wirklichkeit versuchte, ein Gefühl für die Oberflächenstruktur der Rinde zu bekommen, die Temperatur und Festigkeit des Materials. Und jetzt, als sie vor dem Protoypen ihres Baumes stand, sagte sich Theresa Restemeyer, man könne ohnehin nur begreifen, was man selbst erschaffen habe.

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BeitragVerfasst am: 07.07.2020 08:38    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Unboxing


Das Problem an Snowdancers Haltung, diese dauerhaft eingefrorene Momentaufnahme einer durch keine Googlesuche belegbaren Gangart, lag in der weiten Spreizung von Vorder- und Hinterbeinen, was in Verbindung mit einer steifgliedrigen und kopflastigen Reiterin zum plötzlichen Sturz über die Tischkante und zum erneuten Abbruch von »Resi’s Barbie Ski Fun Blizzard Unboxing« führte, und als Resi – die beim Versuch, Reiterin und Pferd aufzufangen, den Tisch touchiert und die Kamera beinah zum Stürzen gebracht hatte – die Aufnahme erneut startete, kam ihr der halb improvisierte, halb auswenig gelernte Text, den sie für die zu erwartenden 13 Views in die Kamera sprach, endgültig banal vor.

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BeitragVerfasst am: 08.07.2020 08:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Warten


Kann noch dauern.
Er registrierte eher inzidentell, dass sich zugleich mit dem Aufleuchten des Handydisplay wie in einem eschatologischen Geschehen ein Riss in der anthrazitfarbenen Wolkendecke öffnete und die Umgebung in ein Blendlicht tauchte, oder wie am Ende einer Kinovorstellung, wenn das Publikum anstelle des erwarteten Finales mit einem stümperhaften Cliffhanger in die Ernüchterung eines staubigen, vermüllten und heruntergekommenen Vorführsaals entlassen wurde, ungläubig blinzelnd und im Gefühl, vorgeführt worden zu sein, und genau so bewegte sich die Handvoll Menschen über den Vorplatz des Busbahnhofs, in müden, lethargischen Bewegungen, die ihm erneut bewusst machten, dass nichts hier seiner inneren Aufregung entsprach.

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BeitragVerfasst am: 09.07.2020 08:09    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zettel schreiben


In wenigen Wochen hätte Flemming ein letztes Mal an diese Klasse gedacht und sie vergessen, die Namen der Schüler vergessen, sobald sie aufgerufen wurden, um ihre Zeugnisse entgegenzunehmen, abgerissen vom Endlospapier des Sekretariatsdruckers, mit gemessenem Applaus, ein kurzer, unauffälliger Schmerz, während er mit ihren Namen ihre Gesichter vergessen hätte, weil er sie nie angesehen hatte, einzeln, weil sie für ihn lediglich als Reihe um Reihe aus Köpfen und Mündern existiert hatten – und stattdessen hielt er jetzt den konfiszierten Zettel in der Hand und las diesen Satz, der sich zusammenzog und auseinanderschnappte wie eine Sprungfeder für das Gefühl in seiner Brust.

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BeitragVerfasst am: 10.07.2020 08:20    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Eindringen


»Sie sehen eine Buchmalerei aus den Rothschild Canticles, um 1300 entstanden, vermutlich im Auftrag einer wohlhabenden Nonne. Thema des Andachtsbuchs und der Illuminationen ist die Unio Mystica, und die hier vorgestellte Doppelseite zeigt die spannendste Variante, in das Göttliche einzudringen: Eine Nonne mit Lanze, ihr gegenüber der Schmerzensmann mit Spruchband: Du hast mich verwundet, meine Schwester, meine Braut, ein delikater Satz, der ins Territorium zwischenmenschlicher Intimität reicht. Zumal er nicht der übliche passiv-aggressive Heiland ist, sondern ein leibhaftiger Mann, seine Haut die luzide Haut des Pergaments, sie ist berührbar, und seine Seitenwunde öffnet ihn für die Penetration durch die Betrachterin.«

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BeitragVerfasst am: 11.07.2020 08:10    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Schwerkraft


»Uebelhoer hatte mal versucht, Dalís The Elephants zu kaufen, und irgendwann hing ne Kopie im Institut. – Sie kennen das, dieser Himmel mit einem roten Farbübergang, könnte aus nem Bob-Ross-Bild sein, und davor wie n psychedelisches Kasperltheater die zwei Elefanten auf ihren ewig langen Spinnenbeinen, mit so vielen Gelenken dran, dass man denkt, die müssten jederzeit wegbrechen. Stattdessen wirken sie nach oben gezogen. Ich glaube, er sah das als den sinnbildlichen Widerstand gegen die Gravitation, also das, worum es hier im Institut ging. Im Eingangsbereich hing das, während sie drüben in Amerika Experimente mit dem Bett von Isaac Newton gemacht haben.«

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BeitragVerfasst am: 12.07.2020 08:03    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Schwerkraft 2


Es gelang paradoxerweise nur in Phasen äußerster Antriebslosigkeit, wenn der Boden vor dem Bett so entfernt schien wie die Oberfläche des Mondes und sich der Lichtwechsel auf der Jalousie keiner Tageszeit zuordnen ließ, wenn die Finger bereits an der Tapete an die Grenze des Erfahrbaren stießen, um nach wenigen Momenten einer oberflächlichen Konzentration auf die haptische Erfahrung wieder taub und fühllos zu werden, wenn die Grenze zwischen Wachen und Schlafen, Traum und Wirklichkeit nicht mehr auszumachen war – dann konnte es sein, dass sich ihr Blick auf einen Gegenstand im Halbdunkel heftete, eine Vase, ein Buch, und dieser zu schweben begann.

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BeitragVerfasst am: 13.07.2020 08:02    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Beim Wort nehmen


Hätte jemand den Jungen darauf angesprochen – in einem echten Gespräch, nicht in diesem abstrakten Kommunikationsraum, in dem sich jede Antwort minutenlang bedenken ließ – wäre da jemand gewesen, der sich dem Jungen gegenübergesetzt hätte, ihm vielleicht, wie seine Mutter früher, die Hände auf die Oberschenkel gelegt und ihn in einen Blickkontakt gezwungen, hätte er gesagt, es gehe ihm in diesen Momenten nur darum, sein Gegenüber beim Wort zu nehmen, und wie die meisten seiner Aussagen bot auch diese wenig Angriffsfläche; er nahm sein Gegenüber beim Wort, dort, wo er es greifen konnte, mustern, drehen und wenden wie einen zu sezierenden Frosch.

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BeitragVerfasst am: 14.07.2020 08:23    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Warten 2


Peter Kämmerling, der hinter der jungen Journalistin das Café verließ, nach einem unerwartet kurzen Interview und ohne zuvor die Toilette aufzusuchen, und der danach im Wissen, noch anderthalb Stunden auf seinen Zug warten zu müssen, mehrere Minuten den verwaisten Bahnsteig auf und ab ging, um einem bedenklich eskalierenden Harndrang beizukommen, und dem schließlich nur blieb, direkt in die Schreckenshöhle einer Bahnhofskneipe hineinzukapitulieren und – aus Scham, direkt zu den Toiletten zu rennen – noch ein halbes Pils am Tresen zu trinken, fragte sich jetzt, welcher Geschmacksverirrte eine gartenzwerggroße Elvisfigur kaufte, zwischen deren ausgestreckte Arme ein Pappschild mit der Aufschrift »WC defekt« passte.

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BeitragVerfasst am: 17.07.2020 08:28    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Atemholen 2


Irgendwann begann er, sich mit der ganzen Sterbeproblematik zu befassen. An sich war das nicht ungewöhnlich, sagte er sich – für die allermeisten Menschen wurde der Gedanke an die eigene Sterblichkeit früher oder später relevant. Der Unterschied lag darin, dass es für ihn mit ganz praktischen, zugleich aber selten zufriedenstellend lösbaren Überlegungen einherging. Allein die Frage, ob er im eigentlichen Sinne sterblich war, oder anders – wenn er dem Befremden im Blick der Menschen folgte, die mehr als ein paar Minuten mit ihm verbrachten – ob er überhaupt lebte. Wo verlief die Grenze für einen, der schon zu Lebzeiten nicht mehr atmen musste?

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BeitragVerfasst am: 18.07.2020 08:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Begegnung


»Und sein Sexualtrieb? Hast du darüber nachgedacht?«
»Bitte?!«
»Wenn es geschlechtsreif wird. Was dann?«
»Das ist das Erste, was dir einfällt, wenn dir ein mystisches Wesen begegnet? Wir wissen noch nicht mal, ob es einen du-weißt-schon hat oder irgendwas anderes.«
»Ich find das wichtig. Angenommen, du bringst dieses Ding nach Hause. Findest heraus, was es frisst, ob es kackt, ob es Nester baut; angenommen, du kannst es vor den Nachbarn und deiner Familie verstecken. Du ziehst es auf, gewöhnst es an dich, es kennt kein Lebewesen außer dir. Und plötzlich entstehen in ihm andere Bedürfnisse, ganz instinktiv.«
»… du spinnst doch.«

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BeitragVerfasst am: 19.07.2020 08:20    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Aufwachen


Wochenlang hatte Wolf Latzauf seine technisch inepte Arbeitgeberin um mehrere Stunden seiner Arbeitszeit am Bürorechner gebracht (zuhause verzichtete Latzauf auf einen Internetanschluss, um einer Pornosucht Herr zu werden, die ihn sozial und karrieremäßig zu ruinieren drohte), bis er sie endlich fand: die perfekte Ferienwohnung – im zweiten Stockwerk einer Hütte in Hanglage, die Schlafzimmerfenster mit Blick über die Almwiesen ins Tal, vor allem aber: rustikale Fensterläden aus grün lackiertem Holz. Und so lag er jetzt auf dem Bett, nach dem tiefsten Schlaf seit Jahren, splitterfasernackt und bereit, seinen größten Traum zu erfüllen: mit dem Rammbock einer mörderischen Morgenlatte die Fensterläden aufzustoßen.

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BeitragVerfasst am: 20.07.2020 08:19    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ziele


»Bei Gruppensitzungen muss ich an meine Kindheit denken und meinen irrwitzigen Traum, Radrennfahrer zu werden. Hab mir die Ausrüstung vom Taschengeld abgespart und bin täglich durch die Vorstädte geradelt wie so n kleiner Greg LeMond. Ein Kind, das sich für Ausdauersport interessiert. Da wissen die Eltern nicht, ob sie stolz sein oder Angst haben sollen. Die Halbstarken aus unserer Straße haben mich zu Rennen herausgefordert, die Distanz zum Ziel immer so, dass sie mir davonsprinten konnten. Dass ich sie irgendwann abgehängt hätte, war ihnen egal. Bei Gruppensitzungen wirst du gefragt, ob du glücklich bist – aber darum ging es dir nie.«

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BeitragVerfasst am: 21.07.2020 08:16    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Warten 3


Was in ihm vorging, als er den S-Bahnhof Hermannstraße verließ, vorerst gestrandet – die letzte U-Bahn vor Betriebsschluss war bereits abgefahren – ließ sich vielleicht als die Empfindung einer plötzlichen berauschenden Freiheit beschreiben, für einige Augenblicke im Gedanken gebündelt, den Heimweg abzubrechen und den Nachtbus in die Gegenrichtung zu nehmen, bis Alt-Mariendorf, und dort an der Bushaltestelle zu warten, bis es weiterginge, irgendwohin, weil sich in dieser fixen Vorstellung alle möglichen Wege aus Alt-Mariendorf öffneten, Busse, die ein- oder zweimal am Tag fuhren, zu neuen Endhaltestellen im Nirgendwo mit immer längeren Wartezeiten – so, als wüsste er jetzt, wie er schlussendlich durchdrehen würde.

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BeitragVerfasst am: 22.07.2020 08:22    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Paris


»Der Plan war, mich im Urlaub neu in Annegret zu verlieben. Neue Seiten an ihr kennenzulernen. Wusste ja nicht, wie wörtlich das werden würde. Im Hotelzimmer hab ich ihn direkt gesehen: n Eiffelturmstuhl, komplett aus Plexiglas, die Rückenlehne mit diesem Eisenfachwerk bedruckt und ganz spitz zulaufend, bis fast unter die Decke. Und ne durchsichtige Sitzfläche. Annegret hat kurz gezögert, fand die Idee aber auch geil. Hat sich nur beschwert, weil das Plexiglas so kalt war. Jedenfalls robb ich über die Fliesen, steck den Kopf zwischen die Stuhlbeine und will mich auf den Rücken drehen. Und da muss es passiert sein.«

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BeitragVerfasst am: 23.07.2020 08:18    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Glaube


»Und was verbraucht der so am Tag?«
»Kommt drauf an. Bei günstigem Wind und geringem Wellengang reicht jede Stunde einmal Dank sprechen, vielleicht ab und zu bekreuzigen. Oder du lässt es drauf ankommen und sprichst erst bei Bedarf n Stoßgebet.«
»Hm, ich hab keine guten Erfahrungen mit Stoßgebeten. Irgendwie stimmt da das Verhältnis von Einsatz und Ertrag nicht.«
»Ja, brauchte ich glücklicherweise nur n einziges Mal, letzten Juli – gemütlich rumgeschippert und auf einmal mitten im Sturm. Hat mich zwei Stoßgebete und n inständiges Flehen gekostet.«
»Wow. Ich find das echt nicht einfach. Ich meine, es soll ja auch glaubwürdig klingen.«

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BeitragVerfasst am: 24.07.2020 08:12    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Rückeroberung


Nicht einmal dafür reichte es hier, dachte er, in dieser absolut öden und abstumpfenden Gegend, wo selbst das Unkraut nur halbherzig aus dem Boden krauchte, ohne jegliches Commitment für die Idee einer Rückeroberung menschlichen Lebensraums durch die Natur, da brauchte man sich bloß diesen bemitleidenswerten Löwenzahn anschauen, der einem die Unangebrachtheit einer Vokabel wie »Eroberung« vor Augen führte, wenn die Natur es nicht einmal schaffte, ein Feld zurückzuerobern, das man mehr oder weniger kampflos aufgegeben hatte, die letzten Überreste menschlicher Bewirtschaftung als Zeugen der Kapitulation, also nein, er kriegte einen richtigen Hals auf diese Gegend, die nicht einmal Postapokalypse hinbekam.

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hobbes
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Beiträge: 3517

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
Ei 4 Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 24.07.2020 09:07    Titel: Antworten mit Zitat

Warum schreibt denn hier keiner was? Angst, dazwischen zu quatschen? Oder sich - wie ich - vom Titel verängstigen lassen, denn Drabble, das ist doch bestimmt wieder was, mit dem ich nichts anfangen kann (scheiß Vorurteile, ehrlich wahr).
(mittlerweile hat google bzw. wikipedia mir gesagt, was ein Drabble ist - jetzt will ich das sofort selbst mal ausprobieren)
(werde es aber vermutlich doch nicht tun)

Äh, jedenfalls habe ich gerade sämtliche Einträge nachgelesen (die ich zuvor sträflich ignoriert habe) und hui, ich finde das großartig. Vor allem der schlafende Hecht wird mir hängen bleiben, aber alles andere mag ich auch, sehr sogar.
Bin extrem beeindruckt, was sich da in 100 Wörtern für Welten auftun.

Und freue mich auf mehr smile
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