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vor der tür

 

 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Antiquariat -> Dichte Weite 05/2015
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finis
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Beiträge: 596
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Die lange Johanne in Bronze


BeitragVerfasst am: 26.05.2015 09:10    Titel: vor der tür eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

.
vor der tür




ohne schatten bricht sich die erde
in ihren furchen handeln ameisen
um jedes samenkorn das fällt

hinter der wand
sitzt ein kind verhüllt in staub aus roter erde:
gestreifte haut streckt sich zwischen ameisenstraßen
und wartet nicht
zerkegelte stunden eilen auf winzigen rücken häufen sich
im hinterzimmer der kleinen stirn
der schwalbenblick: verloren
zwischen zerfetzten wolken die spuren einer langen reise
im blau verkeilt sich wand in wand
legt die hand auf die klinke das kind

hinter der wand
laufen die ameisen über den rücken einer frau:
sie sieht die welt schwarzweiß selbst lebt sie doch
im grau will fuß um fuß auf steine setzen
nicht hören was sie nicht darf wen sie nicht liebt
und was sie denkt was man sie denken lässt
bis zum hals steckt sie im sand
die straße zieht an ihr vorbei

hinter der wand zerbaut
die mutter stein um stein ihr haus
die ameisen zerdrückt sie mit der faust
bevor sie salz in ihre wunden streuen
packt sie zusammen was sie hält
sie fragt nicht
nach erlaubnis wenn sie geht
kein arzt sieht mehr ihren körper
seit sie widerdenkt
das schlafende kind auf ihrem rücken
versteckt die wunden hinter

hinter
der wand verfolgen sie die ameisen
das  meer liegt mit gebrochenen rippen
am strand: niemand ist da
um hirntod um hirntod festzustellen
niemand sagt wir haben alles versucht
und ein verirrtes handtuch versinkt im wasser
jemand hat es vergessen als die stunden ihm zerrannen
und die uhr ihn diktierte ihn fortschickte
bevor die toten kamen die keiner sah
die man nur zählte
bevor sie unter den ameisen versanken

hinter der wand läuft sie
dem regen nach

in der fremde weiß sie nicht
ob man sie bleiben lässt sie und das kind
die amsel im flieder starrt auf den wurm
ist keine schwalbe versteht nicht kennt nicht
den staub die wärme wie eine zweite haut
sie ist eine schwalbe
ohne stimme ohne flügel

mit geschlossenen augen tanzt sie
zwischen verhandlungen und protokoll:
aufgelistete wunden schlagen
den beat auch des herzens
sie hebt den kopf mit dem aktenzeichen auf der stirn
strafft die schultern: vor ihr
alles was sie sich stockend von den lippen rang
sie reiht die ameisen auf
für die zukunft sagt sie nichts mehr
sie denkt wohl noch an das kind sich selbst
vergessen oder doch verloren irgendwo
zwischen all den übertretenen grenzen
liegt ihr zerschnittenes leben
ziehen die ameisen kreise
sie sieht die roben an: sie fragen
nach dem unterschied zwischen gestern und morgen
für sie vergeht die zeit nicht wenn die mutter spricht
sie haben sich nicht zerschnitten
nach dem schlag einer falschen heimat
sie sagen die alte frau gibt es nicht
in diesem raum ist die mutter das kind
und nichts dazwischen
verstehen nicht kennen nicht
das jetzt das sie nicht hat
den hunger den sie nicht stillt
in kopf und herz und magen
hinter der tür liegt süden
ein countdown

hinter der wand das kind die alte frau
die mutter ist noch unterwegs das kind
in die ecke verdrängt zerspielt die stunden
die ameisen hält es im mund
korn wächst zwischen seinen zähnen
und zerfällt schritt für schritt
sie lässt die eins beim zählen aus

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Mardii
Stiefmütterle

Alter: 59
Beiträge: 1819



BeitragVerfasst am: 28.05.2015 17:12    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Lyriker,

in diesem Gedicht fällt das wiederkehrende Bild der Ameise auf. Die Parallele zum Menschen ist dabei vielleicht die Tatsache, dass Ameisen Staaten bilden und man den Ameisenstaat als funktionierenden Intellekt ansehen kann.
Vielleicht kommt aber auch die Komponente des Schädlings zum tragen, Ameisen, die Häuser untergraben und sie zum Einsturz bringen.
Das Schicksal der beschriebenen Frau ist wohl das Schicksal eines Flüchtlings, seine mangelnde Integration und sein Taumeln zwischen den verschiedenen Orten der Heimatlosigkeit.
Aber so richtig komme ich nicht dahinter. Bleibt das Kind bei der Großmutter und zieht die Frau allein los, um in der Fremde ihr Glück zu versuchen?
Hinter der Wand geschehen Dinge, die vielleicht das Licht des Tages scheuen, ein Verborgen-Bleiben tut sich auf.
Zitat:

hinter der wand
laufen die ameisen über den rücken einer frau:

Zitat:

hinter der wand zerbaut
die mutter stein um stein ihr haus

Zitat:

hinter
der wand verfolgen sie die ameisen


In dem Gefüge mit Amsel und Schwalbe werden zwei Vogelarten angesprochen, die über Winter an dem Ort bleibt und die über Winter nach Süden zieht.

Zitat:
die amsel im flieder starrt auf den wurm
ist keine schwalbe versteht nicht kennt nicht


Bedeutet das die Frau erkennt als Schwalbe den Unterschied zwischen verschiedenen Ländern und die Menschen im Land der Amsel können sie daher nicht verstehen?

In den folgenden Zeilen deutet sich wohl das Schicksal der Flüchtigen an, die zur Nomadin wird und in der Fremde zerschnitten, das heißt aufgerieben wird, von den vielen Anforderungen, die dort auf sie einwirken.

Zitat:
zwischen all den übertretenen grenzen
liegt ihr zerschnittenes leben
ziehen die ameisen kreise


Es bleibt für mich noch viel ungedeutet.

lg Mardii


_________________
`bin ein herzen´s gutes stück blech was halt gerne ein edelmetall wäre´
Ridickully
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firstoffertio
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BeitragVerfasst am: 28.05.2015 21:10    Titel: Antworten mit Zitat

Die nächsten zwei Wochen werde ich wenig Zeit für Computer haben. Deswegen heute noch ein Kurzkommentar von mir.

Ich würde gerne mehr Zeit für dieses Gedicht haben.

Auch hier scheint ein Ort angedeutet zu sein, den ich noch nicht recht erkenne. Und auch dieses Gedicht hat eine eigenartig überzeugende Sprache. Ein wenig zu lang ist es für mich, vor allem Strophe 6.

Diese Zeilen mag ich besonders:

im hinterzimmer der kleinen stirn
der schwalbenblick: verloren
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Literättin
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BeitragVerfasst am: 29.05.2015 08:31    Titel: Antworten mit Zitat

Hier wird die Geschichte einer Flucht vor dem Sterben in Elend und Hoffnungslosigkeit erzählt, eine Flüchtlingsgeschichte, die vor der Wand scheitert.

Ich musste dieses Gedicht drei- viermal lesen, um hineinzufinden, weil sich aus irgendwelchen Gründen schon die ersten Verse sperrten, die sich mir bis jetzt noch nicht wirklich erschließen. Vielleicht, weil mir aus der schattenlos sich brechenden Erde und den handelnden Ameisen kein Bild ergab.

Ich hatte die Erdkugel vor Augen und kam nicht darauf, dass die Ameisen verhandeln. Handelnde Ameisen erschienen mir schräg. Und so hing ich an den ersten Versen fest und wurde wiederum nicht schlau aus dem roten Staub in den das Kind gehüllt ist. Ich wähnte mich irgendwo in Australien.

Es brauchte also etwas, mich hier durchzufinden.

Dann kamen einige beeindruckende Stellen im Wechsel mit stolpernden Versen.

Was mir unheimlich gut gefiel, war das Bild mit dem Schwalbenblick:

Zitat:
im hinterzimmer der kleinen stirn
der schwalbenblick: verloren


Das zeigt auf sehr berührend zarte Weise die Verletzlichkeit und die Verlorenheit des Kindes und gleichzeitig seine Hoffnung auf Befreiung.


Die Gnadenlosigkeit des Lebens in Hoffnungslosigkeit sehr eindrücklich hier:


Zitat:
bis zum hals steckt sie im sand
die straße zieht an ihr vorbei



Dann wiederum Stellen, an denen ich stolpere:



Zitat:
laufen die ameisen über den rücken einer frau:
sie sieht die welt schwarzweiß selbst lebt sie doch
im grau will fuß um fuß auf steine setzen
nicht hören was sie nicht darf wen sie nicht liebt


Ich weiß den Doppelpunkt nicht zu deuten. Und ich rätsele an dem "Doch" herum", während ich gleichzeitig mit dem Satzbau nicht zurecht komme:

sie sieht die welt schwarzweiß selbst lebt sie doch
im grau will fuß um fuß auf steine setzen

Ich weiß nicht, zu welchem Teil das doch gehören soll und mir scheint im zweiten Vers ein "sie" zu fehlen.

Insgesamt wird mir dann recht spät die gesamte Geschichte deutlich, was dieser nicht wirklich gerecht zu werden scheint, denn es handelt sich hier offenbar um eine wirklich berührende Geschichte der Großmutter, die bereits ihre Tochter (die Mutter des Kindes) verloren hat und sich auf die Flucht nach Europa begibt, um hier an den zu hohen Wänden zu scheitern. Das Bild des toten Kindes, das hier am Ende gezeigt wird, ist ein wirklich erschütterndes. Nicht ganz klar ist mir, das Auslassen der Zahl eins beim zählen.

Und nicht ganz deutlich wird mir - was mir fast schwerfällt in diesem Zusammenhang zu erwähnen - die Verbindung mit dem Thema.
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Gefühlsgier
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Wohnort: Worms


BeitragVerfasst am: 03.06.2015 00:21    Titel: Antworten mit Zitat

Mir fällt es wirklich schwer, mich zu dem Stil der hier eingestellten Texte zu äußern. Das möchte ich lieber anderen überlassen und sowohl zu diesem als zu den anderen Beiträgen die inhaltlichen Eindrücke schildern, die ich beim Lesen bekommen habe, sowie im Anschluss ein kleines Fazit geben, woran man bei mir hier in etwa ist.

Du hast interessante Bilder erschaffen. Das wartende Kind. Der passive Vorgang des Wartens. Währenddessen sind überall die Ameisen, zwischen denen das Kind ist und von denen die Mutter verletzt wird. Die Tiere haben etwas aggressives, getriebenes. Die Atmospäre ist durchgehend sehr schwer, besonders, als die Mutter mit dem Kind den Ort verlässt und immer wieder wird ihr ein sehr bedrückendes Leben deutlich.

Leider erreicht mich das Gedicht nicht wirklich. Mir fällt es sehr schwer, manche der Beschreibungen richtig einzuordnen und ich kann mir bei hier kaum Gedanken dazu machen, da ich ich Schwierigkeiten habe, die Bilder ab dem Moment, in dem die Mutter mit ihrem Kind aufbricht, in meinem Kopf richtig entstehen und fließen zu lassen.



Zitat:
den beat auch des herzens


Zitat:
ein countdown


Mit Anglizismen kann ich in den meisten Texten nicht wirklich etwas anfangen. Bei "Beat" muss ich an ein Auto denken, das mit quietschenden Reifen und sehr lauter Musik, die man selbst trotz geschlossener Fenster sehr laut hört, an mir vorbeifährt. Ja. Das Wort finde ich leider sehr unpassend gewählt.

Mir fällt es schwer, Lyrikkommentare zu schreiben und ich habe ja schon erwähnt, dass ich mich in diesem Wettbewerb auf das konzentriere, was beim Lesen auf mich wirkt oder nicht wirkt. Alles, was ich hier anmerke, beruht auf meinem persönlichen Empfinden und soll keineswegs heißen, dass dein Gedicht allgemein unverständlich ist.

Leider ist dein Beitrag vergleichsweise im unteren Wertungsbereich, da hier stimmungstechnisch viel an mir vorbeigezogen ist, sodass er auch eine zeitlang nach dem Lesen kaum Eindrücke bei mir hinterließ.


_________________
"Exhaustion pays no mind to age or beauty. Like rain and earthquakes and hail and floods."
Haruki Murakami - "Dance Dance Dance"

~

Some people live in Hell
Many bastards succeed
But I, I've learned nothing
I can't even elegantly bleed
out the poison blood of failure
"Swans - Failure"

~

semidysfunktional
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Constantine
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 2605

Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 04.06.2015 01:23    Titel: Antworten mit Zitat

Bonjour!

Dein Gedicht macht es mir als Leser nicht leicht, das Thema der übergangslosen, abschnittslosen Lebenszeit darin zu erkennen. Ich sehe eine vermenschlichte Vogelfamilie in Aufbruchstimmung. Du erwähnst einen "Countdown" und den "Süden"
Zitat:
hinter der tür liegt süden
ein countdown

, der dafür spricht, dass die Vögel sich bald auf dem Weg machen müssen.

Verwirrung, was die Schwalben und die Amseln angeht. Zu Beginn der Schwalbenblick des Kindes, dann aber
Zitat:
in der fremde weiß sie nicht
ob man sie bleiben lässt sie und das kind
die amsel im flieder starrt auf den wurm
ist keine schwalbe versteht nicht kennt nicht
den staub die wärme wie eine zweite haut
sie ist eine schwalbe
ohne stimme ohne flügel

Ich verstehe nicht, was dieses Hin und her bezwecken soll. Sicherlich, die Amsel ist kein Zugvogel, die Schwalbe ist einer, aber warum der (wissende) "Erzähler" mit Amseln, die keine Schwalben sind, kommt, kann ich nicht nachvollziehen.

- Einige Zeilenumbrüche kann ich nicht nachvollziehen:
du schreibst zu Beginn 2x
Zitat:
hinter der wand


dann folgt ein
Zitat:
hinter der wand zerbaut

und frage mich, warum du den Zeilenumbruch nicht wieder nach "wand" getätigt hast?

dann
Zitat:
hinter
der wand verfolgen sie die ameisen

nach "hinter" der Zeilenumbruch, anstelle "hinter der wand" als wiederholte verwendete Zeile zu belassen.

diese Passage mit nur "hinter" in der Zeile ist für mich vom Stil her und im Bezug zur Vorstrophe schwer nachvollziehbar:
Zitat:
kein arzt sieht mehr ihren körper
seit sie widerdenkt
das schlafende kind auf ihrem rücken
versteckt die wunden hinter <-- den Sinn dieses "hinter" verstehe ich nicht. Es sprengt den Satz "das schlafende kind auf ihrem rücken versteckt die wunden". Wozu diese mMn überflüssige "hinter"?

hinter
der wand
verfolgen sie die ameisen <-- wie erwähnt, den Zeilenumbruch kann ich mir nicht erklären, verglichen zu den ersten zwei, drei Strophen mit gleichem Anfang.
das  meer liegt mit gebrochenen rippen
am strand: niemand ist da



- Verwirrung bei der Formulierung "beat des herzens". Für mich ein Bruch im Stil. Du verwendest in deinem Gedicht ein zweites englisches Wort "countdown", welches bereits sehr eingedeutscht ist. ok. Aber "beat des herzens" fällt für mich da heraus und ich weiß nicht, warum du "beat" anstelle z.B. "Schlag" verwendest. Was war hier die Notwendigkeit?

- Beim Lesen mehrmalig hängengeblieben:
Zitat:
im blau verkeilt sich wand in wand
legt die hand auf die klinke das kind

Mir mag die Satzkonstruktion nicht gefallen und ich fände
Zitat:
im blau verkeilt sich wand in wand
legt das kind die hand auf die klinke

passender.


- Teilweise verwirrte mich das ein oder andere Bild, welches ich vom Kontext her nicht zusammen bekam:
      - Die "Frau" steckt bis zum Hals im Sand, aber Ameisen laufen über ihren Rücken?
      - Ameisen streuen Salz in ihre Wunden?
      - Tote werden nicht gesehen, aber dennoch gezählt?


Möglich, dass ich, was meine Interpretation angeht, auf dem Holzweg bin. Gegen Vermenschlichung oder Verschlüsselung habe ich nichts, aber hier finde ich, bist du etwas zu weit über Ziel geschossen. Einige Bilder würde ich weglassen, hier und da überdenken und noch ein wenig an ihnen feilen. Die mir unerklärlichen Zeilenumbrüche und Formulierungen würde ich gleichfalls überdenken.

Im Vergleich zu den anderen Beiträgen, hast du es leider nicht in meine Top 10 geschafft: zéro points.

Merci beaucoup.

LG,
Constantine
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keinort.nirgends
Schreiberassi


Beiträge: 69

Die lange Johanne in Silber


BeitragVerfasst am: 04.06.2015 02:44    Titel: Antworten mit Zitat

Es ist mir ins Auge gesprungen: Die drei Texte, die ich bei diesem Wettbewerb am besten bewertet habe (zollvorsteher, jetzt das kind und dieser hier), haben allesamt eine interessante textinterne Sprechsituation. Hier sind es keine LIs im eigentlichen Sinne, die selbstreferentiell über sich selbst berichten; hier sind es sprechende Subjekte, die im Hintergrund bleiben und über andere berichten. Auch in deinem Text frage ich mich: Wer spricht hier?

Wer berichtet mir von der Frau, vom Kind? Das kann ja theoretisch schon jemand anderes sein, doch ich frage mich bei solchen Settings immer: Woher weiß das sprechende Subjekt das, wovon es mir erzählt? Woher weiß es von der Frau, dem Kind? Das ist zwar sehr erzähltheoretisch gedacht, aber gerade bei Langgedichten könnte so ein Ansatzpunkt ja lohnend sein, wo sie doch oft einen zumindest "narrativeren" Charakter als kürzere Gedichte haben. Und in der Erzähltheorie spricht man Erzählern/sprechenden Subjekten zunächst einmal einen "privilegierten Wahrheitsanspruch" zu. Und trotzdem frage ich mich hier, wie das sprechende Subjekt von der Frau, dem Kind weiß. Ist er beistehender Beobachter, sind viele, eher deskriptive Passagen nachvollziehbar, weil hier ja im Grunde "nur" äußeres Geschehen wiedergegeben wird ("die ameisen zerdrückt sie mit der faust"). Bei der Innensicht der Frau frage ich mich dann schon eher, wie der Sprecher davon erfährt ("sie sieht die welt schwarzweiß", "weiß sie nicht/ob"), genauso beim Leitvers "hinter der wand". Wie kann der Sprecher hinter die Wand sehen? Steht da jemand im Sinne der griechischen Teichoskopie auf der Mauer und berichtet mir vom dahinterliegenden Geschehen?

Das sind überspitzte Überlegungen und du musst dich sicher nicht mit allen auseinandersetzen. Das Gedicht hat sicher auch ohne LI seine Berechtigung - ich gebe die Überlegung trotzdem nur mit, weil ich finde, dass derartige Texte manchmal an Authentizität verlieren können. Das ist hier eigentlich gar nicht mal so sehr der Fall, aber trotzdem würde es mich interessieren, was die Frau selbst von ihrer Geschichte zu erzählen weiß.

Ganz allgemein gesprochen, meine ich, dass du es schaffst, einen stimmigen bildsprachlichen Duktus zu finden! An manchen Stellen flacht er für meinen Geschmack ein bisschen ab; hier lese ich auf eine Art heraus, dass die "Handlung" vorangetrieben werden soll, aber der lyrische Modus dafür irgendwie fehlt.
Trotzdem eröffnet mir das Gedicht viel: Auch die Umdeutung der zeitlichen "Abschnitte, Abschlüsse, Schwellen und Übergänge" aus dem Zitat in szs geographisch-politische Schwellen und Übergänge, Ländergrenzen finde ich eine schöne Überlegung! Hier bekommt der ZeitRAUM nochmal eine ganz andere Zuschreibung im Sinne eines real begrenzenden/eingrenzenden Raumes. Insgesamt für mich also einer der stärksten Texte beim Wettbewerb.

Eine Detailanmerkung habe ich noch: "aufgelistete wunden schlagen/den beat auch des herzens" - darüber würde ich auf jeden Fall nochmal nachdenken. Das finde ich sprachlich überhaupt nicht gelungen, weder syntaktisch noch bildlich. Der "Beat des Herzens" fällt hier meiner Meinung nach total aus dem Rahmen und klingt für mich eher nach 90s-Techno-Lifestyle als nach Vertreibungsszenario.

Ansonsten: Gerne gelesen und ich freue mich schon auf die Auflösung!

Schöne Grüße,
L a u
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Rübenach
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 2291



BeitragVerfasst am: 04.06.2015 08:27    Titel: Antworten mit Zitat

3. Platz

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"Von Literatur verstehen Autoren so viel wie Vögel von Ornithologie." (Marceel Reich-Ranicki)

„Ist es nicht idiotisch, sieben oder gar acht Monate an einem Roman zu schreiben, wenn man in jedem Buchladen für zwei Dollar einen kaufen kann?“ (Mark Twain)
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Lorraine
Geschlecht:weiblichAutor


Beiträge: 696
Wohnort: France
Das goldene Stundenglas Ei 10
Pokapro 2016


BeitragVerfasst am: 04.06.2015 08:33    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo smile
Für Analysen und Kommentare ist leider keine Zeit. Alle Texte habe ich mit großem Interesse mehrfach gelesen. Beste Grüße, Lorraine.
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tronde
Hobbyautor


Beiträge: 405

Das goldene Aufbruchstück Das silberne Niemandsland


BeitragVerfasst am: 04.06.2015 19:55    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo!

Copy-Paste: Da bin ich altbacken: bei durchgehender Kleinschreibung und fehlender Zeichensetzung muss ich an linksextremistische Bekennerbriefe denken und ärgere mich immer über die Leseerschwernis. Der Inhalt soll mich zum Genau-Lesen zwingen, nicht die Form. Paste-Copy.

Ich kann es lesen und die Energie, Liebe und Hingabe spüren, die hier hineingesteckt wurde, und davon berührt sein. Kann mir vorstellen, es vorzutragen. Aber nicht wegen des leicht irreal anmutenden Inhaltes, das distanziert mich. Es wäre ein Vortrag ohne Bezug dazu.

2 Punkte

Grüße
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Einar Inperson
Geschlecht:männlichDichter und Denker


Beiträge: 1742
Wohnort: Auf dem Narrenschiff


BeitragVerfasst am: 04.06.2015 22:43    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo du, irgendwo in Raum und Zeit,

Zitat:
vor der tür

Der Titel bleibt offen. Vor der Tür, weil gerade herausgetreten oder vor dem Eintreten. Und beim Lesen dann der Gedanke. Vor der Tür, nicht geborgen, schutzlos ausgeliefert. Dabei bleibe ich beim Wiederlesen.


Zitat:
ohne schatten bricht sich die erde
in ihren furchen handeln ameisen
um jedes samenkorn das fällt


Die Erde bricht, Furchen entstehen und die Menschen als winzige Händler. Schachern um jeden (Bro)samen. Die Versuchsanordnung ist gesetzt, aber die fehlenden Schatten wollen mir nicht erkennbar werden. Wirken deplatziert. Nicht Verhülltes, wo mir doch noch vieles verschattet bleibt?

Zitat:

hinter der wand
sitzt ein kind verhüllt in staub aus roter erde:
gestreifte haut streckt sich zwischen ameisenstraßen
und wartet nicht
zerkegelte stunden eilen auf winzigen rücken häufen sich
im hinterzimmer der kleinen stirn
der schwalbenblick: verloren
zwischen zerfetzten wolken die spuren einer langen reise
im blau verkeilt sich wand in wand
legt die hand auf die klinke das kind


Und tatsächlich. Es bleibt schattenhaft, nicht offen ohne Schatten. Beginnt die Strophe noch mit einem erkennbaren Bild. Ein Kind hinter der Wand im Staub. Rote Erde. Ich verorte die Szene in Westfalen.

Aber dann. gestreifte Haut, Schwalbenblick, zerfetzte Wolken. Metapher für Metapher, Bild für Bild soll ich enträtseln, ohne das mir der Text auch nur etwas helfen will. Und so geht das immer weiter. Ehrlich? Bei der Ameisenstraße bin ich noch bereit. Handelsweg, o.K. in Westfalen. Hellweg, will ich raten. Aber dann habe ich ganz einfach keine Lust mehr. Tut mir leid.

Noch einmal hier verdeutlicht:
Zitat:
verloren
zwischen zerfetzten wolken die spuren einer langen reise
im blau verkeilt sich wand in wand
legt die hand auf die klinke das kind


Grün markiert ist dir für mich ein wunderschönes Bild gelungen. Aber dann muss es noch getoppt werden, als ob verloren nicht reicht. "Zwischen zerfetzten Wolken".
Und wie soll ich die gewesene lange Reise einordnen? Eine Reise von hinter der Wand, da weiß ich es noch, das Kind. Für mich als Leser ist es nie weg gewesen.


Nur noch eine Frage:
Zitat:
das schlafende kind auf ihrem rücken
versteckt die wunden hinter

hinter
der wand verfolgen sie die ameisen
das meer liegt mit gebrochenen rippen
am strand:


Ist hier ein "hinter" zu viel rein gerutscht, oder soll das so sein?

Leider waren alle Punkte bereits vergeben.


_________________
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Stimmgabel
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Bronzener Sturmschaden Der goldene Spiegel - Lyrik (2)



BeitragVerfasst am: 05.06.2015 09:20    Titel: Antworten mit Zitat

-



zu   vor der tür :

ehrlich gesagt, dieser Text ist mir zu unklar; eine verwirr Leid_schicksalsgeschichte [ wir Menschen hilflos in der Zeit gefangen? ],  kaskadisch aufgebaut, was ist die Aussage? / ist da ein Kind tot_geboren oder nicht? und was sollen da permanent die Ameisen? ... quasi krabbelnde Psychobilder der Mutter? geht’s hier um eine Lebensspur einer Frau, die nie die Tür zu sich selbst öffnete?

Geht’s hier um eine heimliche Geburt eines Kindes?

... ist mir alles zu ungebunden flashig.


Gruß Stimmgabel


-


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MrPink
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Der Bronzene Wegweiser


BeitragVerfasst am: 05.06.2015 09:24    Titel: Antworten mit Zitat

Sorry,
hab es leider sehr eilig, bin spät dran und überhaupt.. Embarassed


MrPink:
ten points


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„Das Schreiben wird nicht von Schmerzen besorgt, sondern von einem Autor.“
(Buk)
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crim
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Pokapro und Lezepo 2014 Pokapro VII & Lezepo V



BeitragVerfasst am: 05.06.2015 18:50    Titel: Antworten mit Zitat

Mein dritter Platz. Ein gelungenes Gedicht. Kleinere Störfaktoren für mein Empfinden: zerspielt. zerbaut. das zer- ist mir allgemein zu sehr im Vordergrund, aber ansonsten kann ich mich sehr gut einlassen und etwas mitnehmen.
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anderswolf
Geschlecht:männlichHobbyautor


Beiträge: 336



BeitragVerfasst am: 05.06.2015 22:23    Titel: Antworten mit Zitat

Die gewählte Flüchtlings-Thematik findet sich nicht nur in diesem Gedicht des Wettbewerbs, aber nirgendwo so eindrücklich wie hier. Natürlich könnte man hier eine gewisse Zersplitterung der Betrachtung (und damit die deutliche Beschäftigung mit dem Zitat) vermissen, die anderswo deutlicher ist. Andererseits wird der Leser in keinem der anderen Beiträge im Wettbewerb so intellektuell und emotional gefordert.

Kryptisch, bestürzend, fesselnd, dicht. Zwölf Punkte.
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Zinna
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BeitragVerfasst am: 06.06.2015 17:14    Titel: Antworten mit Zitat

.
Hallo Inko,

die Zeit war knapp zum schreiben und kommentieren, passt ja zum Thema.
Ich bitte um Verzeihung, dass  meine Kommentare diesmal besonders kurz ausfallen.

Dein Beitrag steht bei mir in der Spitzengruppe.
Ich kann nicht explizit sagen weshalb
er so zu meinen Favoriten gehört. Vielleicht, weil er mich mit seinen Bildern einfach greift.
Auch der Ton gefällt mir.

LG
Zinna


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Wenn alle Stricke reißen, bleibt der Galgen eben leer...
(c) Zinna
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lilli.vostry
Wortschmiedin


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Wohnort: Dresden


BeitragVerfasst am: 06.06.2015 23:51    Titel: aw:VorderTür Antworten mit Zitat

Hallo,

ein sehr schöner und berührender Text voller metaphorischer, teils rätselhafter Bilder.
Bin mir nicht sicher, ob ich alles verstanden habe. Lese es als Lebensreise einer Frau oder auch Flüchtlingsgeschichte einer Frau mit ihrem Kind.
Ausgehend von der Frage: was ist "hinter der Wand" und was hat es mit den "Ameisen" auf sich, die Flucht, Aufbruch in eine andere Welt und Zeit, davor und danach werden sehr poetisch beschrieben.

Etwas verwirrend beim Lesen die teils unklaren Bezüge und Formulierungen und die Perspektivwechsel - wer wann redet - erschweren das Textverständnis.
Z.B. "ein Kind ver(ge)hüllt - fände ich sprachlich besser - in Staub";
"die Ameisen zerdrückt sie - wer? - mit der Faust" oder "die Amsel ist keine Schwalbe... sie (die Frau?) Übergang zu unvermittelt: "Sie ist eine Schwalbe ohne Stimme." (aber schönes Bild!)
Dann im Gerichtssaal: wieder sie - als Kind? Oder die Frau mit ihrem Kind...
"versteckt die Wunden hinter..." - wo, da fehlt etwas. Hinter der Wand vermutlich, doch der Übergang ist etwas hergeholt.

Sehr schön die Zeile: "das meer liegt mit gebrochenen Rippen am strand: niemand ist da"

Rätselhaft die Schlusszeile: "Sie (wer? die junge oder inzwischen alte Frau oder das Kind?) lässt die eins beim zählen aus".

Viel Stoff zum Nachdenken. Ein Gedicht, das einen nicht so schnell wieder loslässt.
PLatz 2, 10 Punkte von mir.

Viele Grüße,
Lilli


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Lionne
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Alter: 44
Beiträge: 455

Ei 8


BeitragVerfasst am: 07.06.2015 09:49    Titel: Antworten mit Zitat

Gut gefällt mir, wie die Strophen aufeinander aufbauen und immer ähnliche Bilder verwendet werden.

_________________
Wenn wir in uns selbst ein Bedürfnis entdecken, das durch nichts in dieser Welt gestillt werden kann, dann können wir daraus schließen, dass wir für eine andere Welt erschaffen sind.
C.S. Lewis
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finis
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Die lange Johanne in Bronze


BeitragVerfasst am: 13.06.2015 23:29    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Guten Abend -


Vielen herzlichen Dank an alle, die das Gedicht gelesen und sich damit beschäftigt haben. Mir ist klar, dass das Gedicht in der Form noch nicht fertig ist, aber um es vernünftig abhängen zu lassen, fehlte mir die Zeit. Daher kommt auch die Überlänge, bzw. die unnötigen Ausschweifungen an manchen Stellen.

Ein paar Worte zu den Ameisen. Sie waren das Zeitmotiv, das durch den Text leiten sollte. Es hat mich überrascht, dass das für viele nicht sichtbar war und ich suche noch nach einer Lösung. Auf jeden Fall tut es mir leid, dass es der Text euch dadurch unnötig schwer gemacht hat.

Dass der Beat ein absoluter Fehlgriff war, ist mir jetzt klar und ich frage mich, warum ich nicht selbst... zu spät. Meine Idee war, eine Verbindung zu dem Tanzen wenige Verse weiter oben zu schaffen - dass das auch mit einem schöneren, passenderen Ausdruck möglich ist, ist mir erst jetzt aufgefallen. Sorry.

@Mardii: Es war nie meine Absicht, alles auszudeuten. Ich finde Deine Gedanken zu den Ameisen sehr interessant. Und ja, es ist eine Flüchtlingsgeschichte. Was Amsel und Schwalbe angeht, hast Du auch absolut recht, oder was heißt recht haben, Du hast zumindest die Idee getroffen, die ich beim Schreiben hatte.

@firstoffertio: Ja, es ist zu lang. Es ist wirklich zu lang. Das liegt nicht zuletzt an ein paar Versen, die tatsächlich nur die Funktion haben, die Themenvorgabe etwas deutlicher hervortreten zu lassen, aber auch an ein paar Füllseln, die ich noch ausmerzen muss. Die "überzeugende Sprache", die Du dem Gedicht zuschreibst, freut mich sehr.

@Literättin: Ich finde es schade, dass die Eingangszeilen für Dich nicht greifbar wurden. Ich dachte nicht an eine Erdkugel, sondern mehr Richtung Acker. Die Zeit, die auf dem Lebensacker um die Samenkörner handelt - so in etwa.
Es freut mich dann wiederum, dass Du trotz allem noch Stellen finden konntest, die Dich erreicht haben. Über die Versstellung, die Du herausgegriffen hast, denke ich auch jetzt nach: es ist wohl tatsächlich nicht besonders nett gesetzt. Der Doppelpunkt? Der Wechsel von der Außensicht zur Innensicht der Frau. Und das "doch" hier liegt ein Widerspruch zwischen dem "schwarzweiß sehen" und doch "im grau" leben wollen.
Das Problem damit, dass die gesamte Geschichte erst spät deutlich wird, ist, dass das Konzept anders kaum funktioniert. Ich kann schlecht mit der Tür ins Haus fallen. Ich weiß auch nicht genau, wie ich dem entgegenwirken könnte, ohne das gesamte Gedicht aus den Angeln zu heben.
Das Auslassen der Zahl eins beim Zählen ist ein Rückbezug zum countdown: Das Leugnen des Todes, wenn Du so willst. Womit wir auch beim letzten Punkt wären: Umsetzung der Themenvorgabe. Mir ist bewusst, dass das hier nicht ganz direkt umgesetzt wurde. Es ist im Grunde eine Gegenposition, allein schon durch die Form. Klare Abschnitte, für jeden Lebensabschnitt der Frau. Keine prägenden Einschnitte im Leben stand da auch und das war für mich der Startschuss für genau diese Thematik. Doch, gibt es. Und Sterben? Ist heute so leicht/schwer wie eh und je. Der Umgang mit dem Tod war nie leicht, auch wenn der Prozess an sich so simpel erscheint. Und ob es wirklich schwieriger geworden ist, wage ich zu bezweifeln: deswegen auch die vielen Toten, die gezählt werden, der Tod wird gewissermaßen beziffert und in eine Schublade gesteckt. Oder auch wenn es heißt "die alte frau gibt es nicht" dann ist das ein direkter Bezug zum Zitat, bzw. so gewollt. Dann die zeit[]räume: Für jede Zeit einen Raum, eine Wand. Und die kulturellen Unterschiede. Lebensräume eben auch. Ist das halbwegs nachvollziehbar? Das ist zumindest ansatzweise was ich gewollt habe.

@Gefühlsgier: Ich finde es schade, dass ich Dich stimmungstechnisch nicht erreichen konnte und dass keine Bilder bei Dir entstehen konnten, denn genau das habe ich versucht. Was die Anglizismen angeht, hast Du absolut recht. Ich nehme sie raus. Warten. Ich wusste gar nicht, dass das im Text liegt. Danke. Und wie verständlich der Text ist... Ich hätte jedenfalls vor dem Wettbewerb etwas anderes diesbezüglich gesagt, als ich jetzt nach dem Wettbewerb denke. Ich weiß es nicht.

@Constantine: Ich finde es beeindruckend, dass Du aus den zwei Stellen mit den Vögeln ein so nicht angelegtes Zentralmotiv bauen kannst, dass auch noch irgendwie funktioniert. Die Stelle mit der Amsel und der Schwalbe wird definitiv überarbeitet, danke.
"zerbaut": soll sich wechselnd auf hinter der Wand und das Haus beziehen, soll darüber hinaus eine gewisse metrische Stabilität halten und darüber hinaus betont werden.
gedoppeltes hinter: das könnte tatsächlich etwas Spielerei sein; einerseits die Öffnung des Versteckens der Wunden: wohinter, womit wird es versteckt? bleibt es "hinter der wand" verborgen? Im Endeffekt eine Frage an den Leser. Eventuell tatsächlich etwas zu viel. Der Zeilenumbruch soll das "hinter" zusätzlich betonen, was aber wohl wirklich übertrieben ist.
"legt die hand auf die klinke das kind": "das kind" steht hier ganz hinten damit es sich auch auf das "hinter der wand" der folgenden Strophe des Gedichtes beziehen kann und somit der Aufbau des Gedichtes deutlich(er) wird. Und: Metrik.
bis zum hals im sand/ameisen über den rücken: schon korrigiert, du hast absolut recht.
Ameisen streuen Salz in ihre Wunden fragst du und ich frage mich, was deine Frage ist. Ja, das habe ich so geschrieben. Ich weiß, dass Salz und wunden etwas abgedroschen ist und habe mich schon nach einer Alternative umgesehen.
Tote werden nicht gesehen, aber gezählt: ja. man sieht sie nicht. sie sind nicht da. Aber jeder Haufen ist in den Nachrichten dann säuberlich durchgezählt worden.
Ich überdenke einiges - et je te remercie pour tes pensées. Bon soir!

@keinort.nirgends: Sehr interessant und sicherlich Gold wert, Deine Überlegungen. Für mich war eine distanzierte Sprechposition die einzig mögliche - ich weiß nicht, ob ich der Frau ein echtes "ich" hätte geben können - aber es wäre sicherlich angemessen, den distanzierten Sprecher etwas klarer zu gestalten. Wodurch er wie Einblick hat und warum, als lyrisches Ich eben. Wobei mir der Gedanke immer noch gefällt gerade die Thematik eher unpersönlich zu behandeln, um nicht bei Taschentuch-Betroffenheitslyrik zu landen. Auf jeden Fall danke. Danke für den "stimmigen, bildsprachlichen Duktus", das bedeutet mir sehr viel. Mir ist klar, dass er zwischendurch nicht komplett durchhält, aber allein dass er da ist, das ist schon viel. Danke auch für Deine Gedanken zum Zitat. Sehr erleichternd und bekräftigend für mich.

Danke, Rübenach!

Danke, Lorraine!

@tronde: Und jetzt berührt Dich das, was am meisten im Hintergrund bleiben und Dich am wenigsten berühren soll. Schade, dass Dich das, was mir dann wirklich wichtig war, mehr distanziert hat.

@Einar Inperson: Und das tut mir jetzt einfach nur noch leid: dass ich das Einstiegsbild so unklar aufgebaut habe, dass ich Dich auf einen Holzweg geschickt habe. Du sollst nicht raten müssen. Entschuldige.

@Stimmgabel: Ich weiß nicht, an welcher Stelle ich von Geburt geschrieben habe. Jedenfalls verstehe ich, glaube ich, was Du mit "ungebunden flashig" meinst, und arbeite daran.

Danke, Mr. Pink!

@crim: Ich zer-martere mir jetzt das Hirn, wie ich das Ding ent-zer-ren soll... Mir wird schon was einfallen. Danke auf jeden Fall!

@anderswolf: einfach sprachlos. einfach nur danke. Ich glaube, mehr kann ich dazu nicht sagen. Danke.
Danke.

@Zinna: Das freut mich auch so sehr. Danke!

@lilli.vostry: Das freut mich auch sehr. Ich arbeite generell noch an der Perspektive und werde da die Wechsel stark berücksichtigen. Der hergeholte Übergang - erwischt, Du hast wohl recht. Danke Dir sehr für Deine Worte und bin froh, dass das Gedicht Dich erreichen konnte.

@Lionne: Das ist sehr hilfreich, danke. Dann hat der Aufbau wohl doch irgendwie funktioniert.


Vielen herzlichen Dank für jeden Kommentar, das bedeutet mir sehr viel.
finis


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Constantine
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Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 14.06.2015 17:39    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe finis,

danke, dass du auf meine Fragen und Anmerkungen eingegangen bist.

finis hat Folgendes geschrieben:

@Constantine: Ich finde es beeindruckend, dass Du aus den zwei Stellen mit den Vögeln ein so nicht angelegtes Zentralmotiv bauen kannst, dass auch noch irgendwie funktioniert. Die Stelle mit der Amsel und der Schwalbe wird definitiv überarbeitet, danke.

Ich war auf dem Holzweg, was deinen Inhalt angeht. Es kann vorkommen, dass der Leser anders interpretiert, als der Autor im Sinn hatte. Generell finde ich, ist eine Mehr-Lesbarkeit eines Gedichtes ein Gewinn, soweit der Leser den Inhalt passend für sich herleitet. Wenn es aber deiner eigentlichen Intention widerspricht und es dir wichtig ist, die Interpretationsvarianz soweit einzuengen, dass ich als Leser näher an deiner Intention gelange, kann ich deine Überarbeitung der Vogelmotive nachvollziehen.


Des Verständnisses deiner Schreibtechnik wegen würde ich gerne ein wenig nachhaken:

finis hat Folgendes geschrieben:

"zerbaut": soll sich wechselnd auf hinter der Wand und das Haus beziehen, soll darüber hinaus eine gewisse metrische Stabilität halten und darüber hinaus betont werden.

Hierbei könntest du mir vom Verständnis her ein wenig helfen:

Zitat:
hinter der wand
sitzt ein kind verhüllt in staub aus roter erde:
[...]

hinter der wand
laufen die ameisen über den rücken einer frau:
[...]

hinter der wand zerbaut
die mutter stein um stein ihr haus

Mit dem "zerbaut" in der gleichen Zeile wie "hinter der wand" möchtest du "zerbaut" gleichzeitig auf "hinter der wand" und auf das Haus beziehen. Warum ist dir dieser Bezug hier so wichtig, und in den beiden vorherigen Strophen nicht, wo sich "sitzt" auf das Kind und "laufen" auf die Ameisen beziehen und kein Wechsel der Bezüge ermöglicht wird?
Was das Halten einer metrischen Stabilität in dieser Zeile angeht, bin ich mir auch nicht sicher, warum diese an dieser Stelle nötig sein sollte, im Vergleich zu den anderen Strophen.
"zerbaut" soll durch die Positionierung hinter "hinter der wand" betont werden. Meinst du ein sprachliches Betonen oder eher ein (optisches/formales) Herhorheben?
Heißt das, hättest du die Zeilen
Zitat:
hinter der wand
zerbaut die mutter stein um stein ihr haus

so geschrieben, hätte "zerbaut" eine andere Betonung?
Ich würde die Zeilen vom Tempo her etwas anders lesen, aber die sprachliche Betonung von "zerbaut" würde sich mMn nicht ändern, vielleicht aber dessen formale Hervorhebung.

Z.B. diese Zeilen
Zitat:
hinter der wand läuft sie
dem regen nach

müssten "läuft sie" sich auch wechselnd auf "hinter der wand" und dem Regen beziehen, oder? Auch hier eine metrische Stabilität und ein Betonen des "läuft sie"?
Wenn ja, warum wäre das "läuft sie" betonenswerter als z.B. die erwähnten "sitzt" und "laufen" der vorherigen Strophen?

finis hat Folgendes geschrieben:

gedoppeltes hinter: das könnte tatsächlich etwas Spielerei sein; einerseits die Öffnung des Versteckens der Wunden: wohinter, womit wird es versteckt? bleibt es "hinter der wand" verborgen? Im Endeffekt eine Frage an den Leser. Eventuell tatsächlich etwas zu viel. Der Zeilenumbruch soll das "hinter" zusätzlich betonen, was aber wohl wirklich übertrieben ist.


im Kontext deiner Zeilen
Zitat:
sie fragt nicht
nach erlaubnis wenn sie geht
kein arzt sieht mehr ihren körper
seit sie widerdenkt
das schlafende kind auf ihrem rücken
versteckt die wunden hinter

werden die Wunden der Mutter vom schlafenden Kind auf ihrem Rücken verdeckt. Für mich stellt sich hier nicht die Frage, wohinter oder womit die Mutter ihre Wunden verdeckt, denn es steht in deinen Zeilen: mit dem Kind auf ihrem Rücken. Das doppelte "hinter" bleibt für mich, rein subjektiv, weiterhin ein Stolperstein in deinem Gedicht.

Zitat:
hinter
der wand verfolgen sie die ameisen

Mit dem Zeilenumbruch möchtest du das "hinter" zusätzlich betonen.
Ich frage mich, nachdem du bereits wiederholt "hinter der wand" als Strophenanfang gewählt hast, warum für dich an dieser Position eine (stärkere) Betonung des "hinter" wichtig war und nicht auch an anderen Stellen im Gedicht?

finis hat Folgendes geschrieben:

"legt die hand auf die klinke das kind": "das kind" steht hier ganz hinten damit es sich auch auf das "hinter der wand" der folgenden Strophe des Gedichtes beziehen kann und somit der Aufbau des Gedichtes deutlich(er) wird. Und: Metrik.

Ich bin mir nicht sicher, ob du dadurch den Aufbau des Gedichtes deutlich(er) machst, vor allem nicht, wenn Zeilenumbrüche variieren können, um bestimmte Worte wie "zerbaut" oder "hinter" stärker zu betonen und ich mich frage, was macht, bezogen auf den Kontext, diese Betonungsabsicht so relevant?
"das kind" soll sich auf das "hinter der wand" der folgenden Strophe beziehen. Bereits zu Beginn deines Gedichts erwähnst du, dass hinter der Wand ein Kind ist. Sozusagen wiederholst du diese Information mit dem strophenübergreifenden Bezug.
Bezüge auf Folgestrophen sind mMn aber kein durchgängiges Stilmittel deines Gedichts.
So gedacht, müssten auch Bezüge zwischen den anderen Strophen vorkommen, auch was den Aufbau des Gedichts angeht, oder?
Zitat:

[...]
um jedes samenkorn das fällt

hinter der wand

sitzt ein kind verhüllt in staub aus roter erde:
[...]


[...]
legt die hand auf die klinke das kind

hinter der wand

[...]


[...]
die straße zieht an ihr vorbei

hinter der wand zerbaut

[...]


[...]
versteckt die wunden hinter

hinter
[...]


[...]
bevor sie unter den ameisen versanken

hinter der wand läuft sie

dem regen nach

in der fremde weiß sie nicht
[...]


[...]
ohne stimme ohne flügel

mit geschlossenen augen tanzt sie

[...]


[...]
ein countdown

hinter der wand das kind die alte frau
[...]

Nur mein subjektiver Eindruck, was strophenübergreifende Bezüge angeht. In rot markiert, wo ich diese Bezüge, wie im Falle des von dir erklärten Grün markierten, nicht sehe.
Wenn es ein einzeln oder zweifach gewähltes Stilmittel ist, um Strophenenden mit -anfängen aufeinander zu beziehen, so spricht nichts dagegen, dadurch kann auch wieder eine Betonung geschaffen werden, aber was den Aufbau des Gedichts angeht, ist es insgesamt für mich heterogen.


finis hat Folgendes geschrieben:

Tote werden nicht gesehen, aber gezählt: ja. man sieht sie nicht. sie sind nicht da. Aber jeder Haufen ist in den Nachrichten dann säuberlich durchgezählt worden.

Das nehme ich auf meine Kappe, da ich bei der Interpretation deines Gedichts auf dem falschen Weg war mit vermenschlichten Vögeln. An die Nachrichten musste ich in der Strophe mit den ungesehenen Toten, die gezählt werden, nicht denken.

Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, dass ich dich mit Fragen löchere, auch was die Technik deines Gedichts angeht.

LG,
Constantine
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finis
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BeitragVerfasst am: 15.06.2015 23:29    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Lieber Constantine,

Danke für Dein Nachhaken. Es fällt mir nicht leicht, Deine Fragen zu beantworten, deshalb nochmal ein zusätzliches Danke - - es zwingt mich einiges auszuformulieren, dass ich noch nie wirklich auf den Punkt gebracht habe. Ich hoffe, ich schweife nicht zu sehr ab.

Generell: Das Langgedicht war für mich die Gelegenheit eine Thematik in den Mittelpunkt zu stellen, die den Rahmen eines kurzen Gedichts vermutlich sprengen würde. Jede Strophe behandelt einen eigenen Aspekt und deswegen sind grundsätzlich die Strophen gewissermaßen getrennt, wenn sie auch durch die Motivik vernetzt sind. Ich meine damit: jede Strophe hat im Endeffekt ihre eigenen Regeln und muss sie für mein Verständnis auch haben. Deswegen sind sie unterschiedlich gestaltet, haben einen unterschiedlichen Tonfall - behaupte ich - und einen unterschiedlichen Gestus (das habe ich zumindest versucht).

Um konkret(er) zu werden: Die Strophe mit dem "zerbaut" hat eine ganz andere metrische Gestaltung als die anderen. Das "zerbaut" im ersten Vers soll dabei das annähernd Alternierende der folgenden Verse einführen. Die Idee war ein Kontrast zu der (jetzt hier von mir behaupteten) Dramatik dieser Stelle, die Frau gibt hier ihre Heimat auf, was durch die annähernde Rhythmisierung aber in die Distanz gerückt wird. Ich gebe zu, der Versbruch an dieser Stelle ist etwas heikel. Rein theoretisch wäre es aber so möglich das "zerbaut" sowohl als Partizip wie auch als Prädikat zu lesen. Und ja, für mich ergibt sich auch eine andere Betonung des Wortes, je nachdem ob es am Ende von Vers 1 oder am Anfang von Vers 2 stehen würde. Ich behaupte mal: Am Anfang von Vers 2 würde das Wort untergehen (und überhaupt der Vers zu lang werden). Trotzdem wäre es natürlich möglich. Ich kann hier viel vor mich hin behaupten, Fakt ist, dass das aber höchstwahrscheinlich beim Lesen des Gedichtes alles keine entscheidende Rolle spielt. Von daher...

Bei "hinter der wand läuft sie/dem regen nach" geht es mir dann nicht um Metrik, sondern um die Trennung der beiden Versatzstücke. Ihre Verbundenheit ist sowieso deutlich, sogar überdeutlich als einziger Zweizeiler. Aber die Akzentuierung ändert sich, wenn ich sage: hinter der wand läuft sie. Und ja, das ist genau der wechselseitige Bezug den ich meine. Im Endeffekt ist der Versbruch hier nichts anderes als eine erzwungene Atempause. Ich hätte auch so schreiben können:
hinter der wand
läuft sie
dem regen nach,
das wäre mir dann aber wiederum zu zerstückelt gewesen.

"hinter//hinter/der wand". Ich fange an, diesen Stolperstein zu mögen, ehrlich gesagt. Ein Stocken. Ein Was-soll-das. Ich fange an das richtig zu mögen und kann Dir gar nicht wirklich sagen warum. Tut mir leid. Ich weiß noch nicht, ob ich es so stehen lasse.

"legt die hand auf die klinke das kind": Verzeih, was das angeht, ich habe nicht geschrieben, was ich sagen wollte. Du hast recht. Ich habe keine direkten Überleitungen zu Folgestrophen. Was ich hier meinte, mit "Verdeutlichung des Aufbaus" ist eher, dass das Kind auch die Frau ist, in diesem Fall. Weil es ja mehrere Kinder gibt hier, das Kind aus Vers ein, dessen Haut sich streckt, das wächst, zur Frau wird und dann das Kind der Frau, das sie auf dem Rücken trägt. Ich wollte da auch den Bezug verdeutlichen, ich weiß nicht, ob das gelungen ist. Ausschlaggebend war vor allem die Metrik, hier. Der Anapäst hat vielleicht etwas Kindliches, Spielerisches und ist gleichzeitig eine Umkehrung vom Daktylus, also gerade kein Tanz, kein Walzer. (Ich habe die Metrik für mich entdeckt und mache gerade ganz viel Unsinn damit. Es macht Spaß.)

Warum betone ich manche Stellen und andere nicht. Ist das Willkür? Ich würde jetzt liebend gern "nein" sagen können, aber ich weiß es nicht. Es ist auch Intuition. Vielleicht ungefähr so: betont werden die Brüche. "zerbaut" zum Beispiel ist die erste wirklich aktive Stelle der Frau. Sie versinkt nicht mehr im Sand. Das Kind sitzt nicht mehr passiv da.

Und eins noch: Ich kenne das sehr gut, dass man Gedichte verliest, da ist ein Bild, da ist eine Idee, und irgendwie könnte das doch passen, das passiert so schnell, dass sich da ein ganz anderes Gedicht zusammenfügt... und im Nachhinein kann ich sehr gut nachvollziehen wie diese falsche Spur entstanden ist. Ich habe die Amsel/Schwalbe-Geschichte fast komplett gestrichen. Keine Amsel mehr und keine Schwalbe, nur noch Staub und Wärme, die beiden Vögel waren doch ein bisschen fremd und auch etwas ausgeschlachtet schon, einen Zugvogel als Sehnsuchtsmotiv, naja, da war ich definitiv nicht die erste.

Wenn ich Unsinn rede, liegt das an der Uhrzeit. Danke Dir sehr.

LG - finis


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Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 16.06.2015 19:05    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe finis,

ich danke dir sehr für deine Antworten. Unsinniges war nicht dabei, sondern sehr Wertvolles.
Es tut mir leid, wenn das Beantworten meiner Fragen schwierig war. Meine Fragen sagen mehr über mein Unvermögen aus. Dank deiner Erklärungen hast du mir geholfen, ein besseres Gespür für dein Gedicht zu bekommen. Prima.

Zitat:
hinter der wand
läuft sie
dem regen nach

Auch ich fände diese Möglichkeit als zu zerstückelt. Die Idee der erzwungenen Atempause gefällt mir.


Zitat:
"hinter//hinter/der wand". Ich fange an, diesen Stolperstein zu mögen, ehrlich gesagt. Ein Stocken. Ein Was-soll-das. Ich fange an das richtig zu mögen und kann Dir gar nicht wirklich sagen warum. Tut mir leid. Ich weiß noch nicht, ob ich es so stehen lasse.

Wichtig ist, dass es dir gefällt. Die Wirkung kann von Leser zu Leser variieren und gerade das macht z.B. diese Passage dann so spannend.

Zitat:
Warum betone ich manche Stellen und andere nicht. Ist das Willkür? Ich würde jetzt liebend gern "nein" sagen können, aber ich weiß es nicht. Es ist auch Intuition. Vielleicht ungefähr so: betont werden die Brüche. "zerbaut" zum Beispiel ist die erste wirklich aktive Stelle der Frau. Sie versinkt nicht mehr im Sand. Das Kind sitzt nicht mehr passiv da.

Ich verstehe, was du meinst und danke dir. Ja, "zerbaut" sticht für mich hervor. Es wirkt aktiver und auch mit der möglichen Lesart als Partizip oder als Prädikat kommen einige spannende Aspekte an dieser Stelle deines Gedichts zusammen.

Zitat:
Und eins noch: Ich kenne das sehr gut, dass man Gedichte verliest, da ist ein Bild, da ist eine Idee, und irgendwie könnte das doch passen, das passiert so schnell, dass sich da ein ganz anderes Gedicht zusammenfügt... und im Nachhinein kann ich sehr gut nachvollziehen wie diese falsche Spur entstanden ist. Ich habe die Amsel/Schwalbe-Geschichte fast komplett gestrichen. Keine Amsel mehr und keine Schwalbe, nur noch Staub und Wärme, die beiden Vögel waren doch ein bisschen fremd und auch etwas ausgeschlachtet schon, einen Zugvogel als Sehnsuchtsmotiv, naja, da war ich definitiv nicht die erste.

Das war nicht meine Absicht, denn schließlich bin nur ich aufgrund der Vogelmotive auf eine falsche Spur abgebogen.
Falls du deine Überarbeitung abgeschlossen hast, vielleicht magst du sie reinstellen.

Ich danke dir sehr für deine Zeit und deine klärenden Zeilen.

LG,
Constantine
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