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Elastizität einer Linie


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

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BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Elastizität einer Linie eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Elastizität einer Linie


Leckt mich am Arsch, sagte Beck als er das Schulgebäude betrat, achte Klasse, Wechsel nach langen Jahren, weil er von der anderen geflogen war und ja, das Leben konnte ihn am Arsch lecken.
Beck war nicht blöd, nein, er war intelligent zur Welt gekommen, aber Greta behauptete, er sei ein Verlierer und Greta musste es wissen, sie war bei seiner Geburt dabei gewesen.

Beck hätte im Krankenhaus geboren werden sollen, aber seine Mutter reagierte nicht rechtzeitig, weshalb Beck am Strand zur Welt kam.
Ist ein Junge, sagte Greta zur Mutter, aber die Mutter antwortete nicht, sie sank zu Boden und sprach mit gequälter Stimme ein Stoßgebet, was ihr aber auch nicht half.
Tot, mausetot am Strand, exakt zwei Minuten nach Becks Geburt. Das Gebet waren ihre letzten Worte gewesen, so hatte Greta das Beck später erzählt.
Sie sagte: Beck, dein Leben hat mit dem Tod begonnen.

Und so fühlte sich Beck auch an diesem ersten Tag in der neuen Schule: tot. Oder es war eher der Bau, der im tot vorkam und ebenso tot auf ihn zurückstrahlte. Siebziger Jahre, trostlose Flure, biedere Klassenzimmer – nichts, was Beck innerlich ausgefüllt hätte und der eine Lehrer, der gab ihm den Rest.
Beck stand vor der Eingangstür, etwas verträumt und etwas breitbeinig – er dachte an Veronika aus der alten Schule, weil er ihr Haar mochte – und dann dieser Lehrer, der nicht an ihm vorbeikam und sich dann über ihn beschwerte, ihn zur Sau machte, weil Beck eben breitbeinig vor der Tür stand und ihm den Weg versperrte.
Das werde ich der Schulleitung melden, sagte der Lehrer. Name?
Beck guckte nur verwirrt, anstatt zu antworten. Ihm entging aber nicht, dass der Lehrer ihn misstrauisch betrachtete.

Vielleicht bin ich deshalb ein Verlierer, sagte Beck mit fünfunddreißig zu Kevin, denn Kevin konnte er alles anvertrauen, was ihn so bewegte. Beck bewegte in diesen Jahren einiges. Mit spätestens fünfunddreißig hatte er gehofft, endlich auch eine Familie zu gründen. Dazu fehlte ihm aber noch immer eine Frau.
Ich sag´s dir Kevin, mittlerweile glaub ich, dass es an meiner Mutter liegt – sie ist Schuld daran, dass ich bei den Frauen kein Glück habe. Warum musste sie krepieren am Strand. Ich frag mich, vielleicht wär sie nicht gestorben, wenn sie anstatt zu beten, einfach mich angeschaut hätte. Ich glaube, das wäre besser gewesen.
Kevin antwortete nicht, er zuckte nur mit den Schultern und trank einen Schluck Kaffee.

Mit sechs wurde Beck in einer Gesamtschule am sozialen Brennpunkt eingeschult. Becks Vater scherte sich einen Dreck um ihn, weshalb Greta, die damals gerade einen Job als Küchenhilfe angenommen hatte, ihn bei sich aufnahm. Eine miese kleine Wohnung mit dreizehn Katzen als Mitbewohner. Aber immerhin kein Mann an Gretas Seite, dafür alle paar Tage ein anderer Kerl, mit dem sie vögelte.

Beck war drei Jahre alt, als er einen verheirateten Polizisten mit Greta zusammen erwischte. Das Bild von dem Mann mit Teufelsmaske vor dem Gesicht, gefesselt an den Holzverstrebungen seines Hochbettes, prägte sich tief in Becks Bewusstsein ein. Greta saß nackt und verschwitzt auf dem Polizisten, bewegte sich vor und zurück. Als sie Beck sah, nahm ihr Stöhnen ein Ende.
Hau ab, du Idiot!
Und Beck tat, wonach sie verlangte.
Nach diesem Ereignis schaffte Beck es nicht mehr, in seinem Bett zu schlafen, wovon er Greta aber niemals erzählte. Er baute sich am selben Abend eine Höhle und kletterte dort hinein, um seine Ruhe für die Nacht zu finden.  

Als er knapp nach seinem dreiundvierzigsten Geburtstag Isolde kennenlernte, fühlte Beck sich zum ersten Mal in seinem Leben angenommen. Mit ihr erging es ihm ähnlich, wie mit der See, die ihn angenehm beruhigte, gerade an Tagen, an denen der Sturm über dem Wasser tobte und der Horizont in Bewegung geriet. Beck liebte die Gewalt, die aus den Wellen sprach und sich dann am nächsten Tag urplötzlich auflöste, indem Stille herrschte, keine Bewegung, nur sanftes Rauschen nach einer heftigen Nacht. Es war der Kontrast, der ihn erfüllte, auch tröstete und der sich – seinem Empfinden nach – dort am deutlichsten bemerkbar machte, wo Wasser und Himmel sich trafen.

Deshalb waren es die dankbaren Momente in Becks Leben, wenn Greta gemeinsam mit ihm zur See fuhr, um an die Mutter zu denken. Diese Tage empfand Beck als heilig, weshalb er Isolde an einem Frühlingstag – sie kannten sich etwas mehr als sechs Monate – direkt am Ort seiner Geburt, kurz vor Sonnenuntergang, fragte, ob sie seine Frau werden wolle. Die Wellen bewegten sich ruhig an diesem Tag und Isolde antwortete mit einem Lächeln. Sie zog ihre Sandalen aus, bohrte ihren großen Zeh in den Sand und küsste Beck, anstatt zu antworten.
 
Beck war in der neunten Klasse, als sein Lehrer sich über seine Haare beschwerte. Zu diesem Zeitpunkt hatte er dermaßen schlechte Noten, dass klar war, er würde auch hier abbrechen müssen, wenn er nicht rausfliegen wollte.
Du hast es voll drauf, sagte seine Kunstlehrerin dennoch zu ihm. Sie war der einzige Mensch in Becks Leben, der etwas Positives in ihm sah.
Reiß dich zusammen, schau, dass du irgendwie bis zum Abitur durchhältst und mach was aus deiner Kreativität. Du kannst alles, du bist alles.
Aber Beck glaubte nur Bilder in sich zu haben, die flüchtig in ihm herumschwirrten, sich aber wieder auflösten, ehe er sie zum Ausdruck bringen konnte. Der Zweifel war es, der ihn jedes Mal einholte. Und Gretas Stimme.

Ich will Indianer sein, verkündete Beck wenige Tage vor der Faschingsfeier im Kindergarten, für die er sich verkleiden sollte. Greta schaute ihn nur seufzend an.
Junge, aus dir wird nichts. Ich sag dir das. Du bist nichts. Wie soll was aus dir werden?, murmelte sie und Beck rümpfte die Nase, weil er den Geruch des Alkohols nicht mochte, den sie ausdünstete.
Trotzdem ließ er nicht locker: Darf ich mich als Indianer verkleiden?
Greta taumelte zum Kleiderschrank, stellte sich auf ihre Zehenspitzen und kramte aus dem hintersten Fach eine Maske heraus. Die eines Teufels.
Hier, was anderes hab ich nicht, waren ihre Worte und obwohl Beck schauderte, nahm er die Maske entgegen.

Einmal war Beck frühmorgens mit Kevin unterwegs. Sie waren damals Anfang zwanzig. Beck arbeitete, seit er kurz vor dem Abschluss die Schule hingeschmissen hatte, bei einer Gebäudereinigungsfirma und lebte auf dem Existenzminimum.
Wie geht´s dir auf Arbeit, fragte Kevin.
Beschissen, ich hasse es.
Kevin zuckte mit den Schultern; das tat er oft. Einfach mit den Schultern zucken. Dann drückte er Beck eine Flasche Wodka in die Hand. Sie tranken, während sie an der vierspurigen Straße entlangliefen.
Sei kreativ, oder so was Ähnliches, hat sie zu mir gesagt, erzählte Beck seinem Freund. Er meinte die Kunstlehrerin; es war Jahre her, als er zuletzt an sie dachte.
Kevin lachte. Verdammte Scheiße, das soll ein Witz sein, oder? Wie hat sie das denn gemeint?
Vielleicht so? Beck verpasste dem Blitzer, der am Fahrbahnrand stand, einen Tritt. Dann noch einen. Kevin tat dasselbe.
Mist, das tut verdammt weh, erklärte Kevin.
Beck blickte verstohlen in die Gegend. Er lachte, als ihm die Eisenstange ins Auge fiel, die in der Nähe auf einem Parkplatz lag.
Das ist für den Punkt letztens, brüllte er und prügelte auf den Blitzer ein. Meine ganz persönliche Kreativität.

Die Teufelsmaske wackelte etwas vor Becks Gesicht als er den Kindergarten betrat. Überall Girlanden und Konfetti, Beck rannte im Raum umher, wusste nicht so recht, was das sollte. Friederike ermahnte ihn, mal endlich ruhig zu sein und mit den anderen Kindern zu spielen, woraufhin Beck zu Marie rannte.
Fickerin, rief er dem Mädchen zu.
Um Himmels Willen, was sagst du da, Junge?, war Friederikes Reaktion gewesen. Komm mal zu mir.
Beck lief zu ihr und fasste ihr zwischen die Beine, woraufhin die Erzieherin mit entgeistertem Gesichtsausdruck zurückwich. Sie sagte nichts. Beck fasste noch einmal zwischen ihre Beine. Friederike hielt ihn fest, schalt ihn einen ungezogenen Jungen, drängte ihn in die hinterste Ecke, wo Beck mit Stühlen um sich schmiss. Friederike packte fester, brüllte mit ihm, aber es half nichts. Beck riss sich los, verschwand in der Puppenecke und verbrachte dort den restlichen Tag damit, monoton vor- und zurückzuwippen – das Gesicht noch immer mit der Maske bedeckt.

Die Hochzeit mit Isolde fand an der See statt, im nächsten Standesamt, das an dem Strand lag, an dem Beck geboren wurde. Nach der Trauung küsste Beck Isolde immer und immer wieder. Er konnte sein Glück nicht fassen.
Was willst du von einem Verlierer wie mir?, fragte er Isolde.
Sie spazierten gerade zur Pension, die günstigste, die in der Gegend aufzutreiben gewesen war.
Rede keinen Mist, Beck, sagte Isolde.

Im Zimmer zog Isolde sich aus. Ein Kleidungsstück nach dem anderen und Beck schaute ihr dabei zu.
Warte, ich hol noch was aus dem Koffer, sagte er plötzlich.
Isolde trat einen Schritt rückwärts als sie die Teufelsmaske sah.
Was willst du damit, Beck?, fragte sie.
Aber Beck erwiderte nichts, er zog sich stattdessen ebenfalls aus, platzierte die Maske vor dem Gesicht und ging auf Isolde zu, mit neutralem Ausdruck in den Augen.
Beck, du machst mir Angst.

Mit dreizehn sprühte Beck Farbe auf die Spielgeräte eines öffentlichen Spielplatzes und wurde dabei erwischt.
Ich sag´s dir, Beck, aus dir wird nichts, ich sag´s dir, waren Gretas Worte, als die Polizisten mit ihm vor der Tür standen.

Der Wind wehte die Maske davon, während Beck zum Strand lief, nackt und außer sich. Sturm war aufgezogen und Beck breitete die Arme aus.
Beck, komm zurück, rief ihm Isolde hinterher.
Beck drehte sich nicht um, er lief in den Sturm bis er das Wasser erreichte.
Aus dir wird nichts, hörte er Gretas Stimme. Ein Verlierer eben.
Eine Welle brach über ihn ein und riss ihn von den Füßen.
Du bist kreativ, hörte er die Stimme seiner Kunstlehrerin. Du bist alles.
Beck schmeckte Salz und spürte Schmerz in der Nase, in der Lunge.

Du bist alles.
Du bist nichts.

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