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Mein Lied

 
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MoL
Geschlecht:weiblichQuelle


Beiträge: 960
Wohnort: NRW
Das bronzene Stundenglas


BeitragVerfasst am: 11.09.2016 18:00    Titel: Mein Lied eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Mein Lied

Ich war kein einfaches Kind. Immer, wenn ich wieder wegen irgendwas Ärger bekommen hatte, weil ich etwas falsch gemacht hatte, immer, wenn ich weinte, weil mich die anderen Kinder nicht mitspielen ließen, zog mich meine Mutter auf ihren Schoß und strich mir übers Haar. Dann seufzte sie, während sie mich mit einer Hand an sich drückte und mir mit der anderen unablässig übers Haar fuhr. Vater sah es nicht so gern, besonders nicht, wenn er es gewesen war, der mich  - zu Recht! - bestraft hatte. Ich weiß nicht, warum, aber sobald ich auf dem Schoß meiner Mutter saß, verstummten auch die heißesten Tränen. Mein immer leiser werdendes Schluchzen begleitete das Märchen, das meine Mutter mir dann jedes Mal erzählte. Es sollte Jahre dauern, bis ich erkannt, dass es sich um gar kein Märchen handelte, sondern um einen Ausdruck ihres wahrhaftigen Glaubens. Und ihres Mitleids mit mir.
„Weißt du, Kleines, eines Tages war es der Liebe Gott leid, allein zu sein. Da schuf er die Welt und die Menschen. Er schuf sie aber nicht einfach so, nein, er sang sie sich herbei. Denn weißt du, die Musik ist die Sprache der Seele. Die Musik ist Gottes Geschenk an uns, damit wir auch hier in unserem einfachen menschlichen Leben ein wenig Göttlichkeit habe. Deswegen werden wir die Musik auch nie so sehr verstehen, wie wir sie fühlen“
An dieser Stelle fiel ich meiner Mutter stets freudig-verwundert ins Wort: „Ich bin also ein Lied?“
Mama nickte. „Du bist Musik und Worte, mein Herz, denn Gott hat dich herbeigesungen“
Dann pflegte ihr Blick irgendwohin abzugleiten, bis sie mit einem weiteren Seufzen hinzufügte: „Aber als Gott dich ersungen hat, mein Herz, da war er so geblendet von deinem reinen Herzen, dass er vergessen hat, den letzten Vers für dich zu singen. Darum bist du nicht wie andere und darum hast du es so schwer. Das bedeutet aber nicht, dass du unvollkommen bist, sondern nur, dass du dich selbst zu Ende singen musst“
Ich habe Mama so geliebt!

WUUUUMMMMMM
Ich mache vor Schreck ein paar Schritte rückwärts.
Kurze Orientierung: Wo bin ich?
Eine Straße. Hauptstraße, Ecke irgendwas. Da vorne das Arbeitsamt, da die Videothek. Genau.
Nur: Was mache ich hier?
Mein Handy klingelt. Ich krame es aus meiner Jackentasche (Warum habe ich meine blaue Jacke an, es ist Sommer?), und gehe ran.
„Hallo?“
„Ich erwarte in zwei Stunden deine Entscheidung. 6 Uhr 43, Lisa. Keine Sekunde länger, das schwöre ich dir!“
KLACK.
Aufgelegt.
Verwundert starre ich auf das Handy in meiner Hand. Das war doch Tobias gewesen – oder?
„Man sollte meinen, du erkennst die Stimme deines eigenen Mannes“, sagt eine Stimme in mir.
Sie hat Recht.
„Das war Tobias“, murmele ich. Aber was meint er?
Ich stecke das Handy weg und schaue mich um. Warum ist es so dunkel? Ich hole das Handy wieder hervor, checke das Display. 4:44 Uhr. Ach so, ja, klar, wenn in zwei Stunden 6:44 Uhr ist. Oder war es 6:43 Uhr? Und was verdammt mache ich hier eigentlich?
Ich setze mich hin, damit ich besser nachdenken kann.
„Gibt es dir nicht zu denken, dass du mitten in der Nacht an einer Kreuzung stehst und dir nichts Besseres einfällt, als dich hinzusetzen?“
Ich lege den Kopf in den Nacken und schaue mir die Sterne an. Wenigstens die sind so wie immer. „Führe ich jetzt schon Selbstgespräche oder was?“, sage ich. Dann lache ich. „Ja, sieht so aus!“
Oh Mann. Bin ich jetzt völlig durchgeknallt?
Ich beschließe, aufzustehen. Von hier bis nach Hause sind es höchstens zwei Kilometer. Die Nacht ist so warm, dass ich in der Jacke schwitze.
Doch kaum bin ich aufgestanden, wird mir schwindelig. Mein Kopf fühlt sich an, als würde einer mit einem Kochlöffel darin herumrühren. Oder mit einem Mixer. Der mixt und mixt und-
Mein Mageninhalt schießt mit solch einer Wucht aus mir heraus, dass mir der Hals wegtut. Ich erbreche mich stundenlang, wie es scheint.

Endlich ist es vorbei. Nervös schaue ich mich um - was sollen denn die Leute denken?
Aber da sind keine Leute weit und breit, Glück gehabt.
Ich schleppe mich ein paar Meter weiter, um möglichst viel Abstand zwischen mich und die Lache Erbrochenes zu bringen, dann sind meine Knie so wackelig, dass ich mich wieder hinsetzten muss. Dieses Mal in einen Hauseingang.
„Wie ein Penner!“
„Ich bin kein Penner, ich bin nur müde“ Ich lehne mich an die Haustür und schließe die Augen. Nur ein bisschen schlafen, dann ist sicher alles wieder gut!
Kurz erwäge ich, die Jacke auszuziehen und mir daraus ein Kopfkissen zu formen.
Kopfkissen.
Irgendwas war mit einem Kopfkissen gewesen.
Tobias. Er hatte geschlafen. Im Schein der Flurlampe, der durch die spaltbreit geöffnete Schlafzimmertür auf ihn gefallen war hatte ich gesehen, dass ihm ein bisschen Sabber auf`s Kopfkissen getropft war. Ich hatte das Kissen erst am Tag zuvor mit der restlichen Bettwäsche gewaschen und an dann alle Betten neu bezogen.
Ich hatte gar nicht vorgehabt, zu schimpfen. Eigentlich hatte ich Tobias nur eine Weile beim Schlafen zusehen wollen. Weil ich ihn so liebe. Aber dann hatte ich den Sabberfleck gesehen und bin wütend geworden.
Warum bin ich wütend geworden?
Mein Gehirn fühlt sich klebrig an. Der Geruch meines eigenen Erbrochenen liegt mir noch in der Nase, sein Geschmack im Mund und wie aus dem Nichts überfällt mich die Erkenntnis, dass ich Alkohol schmecke. Und rieche. Ich habe wieder getrunken.
Shit.
Aber sicher war es dieses Mal nicht so schlimm.
Oder?

Ich rappele mich auf. Ich weiß, da ist etwas, ich weiß, dass ich nach Hause gehen muss. Irgendwie. Vielleicht erinnere ich mich, wen ich mich bewege. Ich bin müde, wie noch nie zuvor in meinem Leben, aber irgendetwas treibt mich an,.
Verdammt, was ist heute Abend geschehen? Tobias ist nach Hause gekommen. Wie immer um Fünf? Keine Ahnung. Bestimmt. Weiter.
Nein, zurückspulen! Tobias kommt nach Hause. Er hat sein dunkelgrünes Lieblingshemd an.
„Schmeckt diese Erinnerung bereits nach Alkohol?“
Ich stolpere weiter den Bürgersteig entlang. Tut sie. Scheiße.
Analyse: Was war los?
Ich schüttele den Kopf. Ich erinnere mich einfach nicht. Nichtmal was Tobias angeht, bin ich mir sicher. Moment, da ist etwas: Ich hatte gekocht! Ja genau! So ein irres Rezept von Chiefkoch.de, ganz kompliziert mit 100 verschiedenen Zutaten. Die ich natürlich nicht alle im Haus hatte. Also habe ich das ein oder andere improvisiert. Chrissi hat mir dabei geholfen beziehungsweise zugeguckt und wir hatten jede Menge Spaß. Timon hat die ganze Zeit geschlafen. Zum Rezept gehörte auch ein Schuß Wein. Oder meinte ich nur, er würde gut dazu passen? Egal. Ein Glas kann ja nicht schaden, hatte ich gedacht. Chrissi kichert. Sie mag es, wenn Mami albern ist. Und dann … und dann?

Erinnerung …
Eine Frau steht in einem Wohnzimmer. Auf ihrem Arm ein zweijähriges Mädchen. Es weint nicht, es jammert nicht, es macht überhaupt keine Geräusche, es starrt nur stumm vor sich hin.
Das Wohnzimmer sieht chaotisch aus, überall liegen Dinge herum. Schubladen wurden herausgerissen, Schranktüren stehen offen, Bücher, Brettspiele und Briefe bedecken den fleckigen Boden.
Draußen ist es dunkel. Ein Mann hämmert gegen die Scheibe der Terrassentür.
Warum tut er sowas?
Die Frau starrt ebenso wie das Kind nur vor sich hin, gibt keinen Laut von sich.
Irgendwo weint ein Baby. Irgendwo. Irgendwo. Irgendwo hier. Irgendwo dahinten in seinem Babybettchen. Warum kümmert sich niemand darum? Jemand muss etwas tun, das arme Ding schreit sich ja die Seele aus dem Leib!
Ich setzte mich in Bewegung. Die Frau ebenso. Ich gehe zum Kinderzimmer, aber die Frau torkelt, stößt mit der Hüfte gegen den Türrahmen, schreit auf, kommt ins Schlingern. Das Kind rutscht ihr aus den Armen und fällt auf den Boden. Jetzt weint es.
Der Mann da draußen hämmert noch lauter gegen die Scheibe und schreit etwas. Die Frau soll ihn hereinlassen.
Ich schaue mir die Tür genauer an. Der Riegel ist umgelegt, ein Schloß gibt es nicht. Ich kann die Tür also ganz einfach aufmachen.
Ich steige über das weinende Kind. Sage „Na na, das wird schon wieder!“ und gehe zu der Tür. Das Baby weint immer lauter, also halte ich mir die Ohren zu. Warum kümmert sich denn keiner darum?
Weil ich mir die Ohren zuhalte, kann ich die Tür nicht öffnen. Der Mann hat jetzt aufgehört zu schreien. Er schaut mich durch die Scheibe der Tür an. Seine Gesichtszüge sind durch das dicke Milchglas leicht verschwommen. Wir sehen jetzt einander direkt in die Augen. Der Mann sieht traurig aus. Verzweifelt.
Obwohl ich meine Ohren ganz fest zuhalte, kann ich das Baby schreien und das Kind weinen hören. Die Frau sollte nicht zu dem Baby gehen, oh nein, hinterher lässt sie es noch fallen und Kinder fallen schonmal hin, das ist nicht so schlimm, aber Babys dürfen niemals hinfallen, niemals, hörst du?
Ich öffne die Tür, damit der Mann kommen und das Baby trösten kann.
Der Mann stürzt ins Wohnzimmer, kniet sich neben das weinende Kind und hebt es hoch. Das Weinen verebbt. Ich höre, wie der Mann ins Kinderzimmer geht und das Baby beruhigt. Das ist gut.
Plötzlich rauscht es in meinen Ohren. Unsicher taste ich nach der Kommode, halte mich an ihr fest, hangele mich zum Sofa. Irgendwas ist komisch.

Jetzt kommt der Mann zu mir. Ohne irgendein Kind. Ich kichere.
„Auf den Schreck brauche ich jetzt erstmal einen Wodka!“, erkläre ich, doch der Mann versperrt mir den Weg zum Kühlschrank.
„Meinst du nicht, du hattest genug? MEINST DU NICHT, ES IST ENDLICH GENUG???“
„Pscht!“, mache ich und wedele mit dem Zeigefinger. „Nicht, dass du noch die Kinder weckst!“
BAMM
Ich halte mir die Wange. „Du hast mich geschlagen“, stelle ich fest. „Warum?“
„Warum?“ Mein Mann sieht mich fassungslos an. „Lisa, du hast mich beschimpft und geschlagen! Dann hast du das halbe Wohnzimmer auseinandergenommen und mich rausgeworfen-“
„Dich rausgeworfen?“ Ich lache betont höhnisch. „Wie sollte ich dich Fettarsch denn rausschmeißen können, hä?“
„Sagen wir so: Dein letzter Wutanfall kam überraschend. Im einen Moment stehen wir auf der Terrasse und du heulst in meinen Armen Rotz und Wasser, im nächsten Augenblick bist du rein und hast die Tür zugemacht“
Pfff! „Du spinnst ja!“
Meine Augen wandern durch den Raum. Steht nicht noch irgendwo …?
„Lisa, hör mir zu“ Tobias rüttelt mich. „Komm endlich zu dir! Herrgott nochmal, siehst du nicht, was du anrichtest mit deiner verdammten Trinkerei?“
Ich schüttele ihn ab. „Fass mich nicht an! Reicht es nicht, dass du mich schon geschlagen hast?“
Scham steigt im in die Wangen. Gut so.
„So weit ist es also mit dir gekommen, Tobias Heinemann: Ein Mann, der seine wehrlose Frau schlägt, Ich hoffe, du bist stolz auf dich!“
Ich schnappe mir meine Jacke und gehe. Nichts hält mich mehr bei diesem Schläger! Und wenn ich erstmal weg bin, ja dann wird er mal sehen, wie das ist! Soll er doch vor Kummer vergehen. Zappeln lassen werde ich ihn, oh ja! Bis er mich auf Knien um Vergebung anfleht. Oder besser noch: Ich komme einfach nie mehr zurück. Soll er mich doch für tot halten! Das wäre ihm sicher auch das Liebste, nicht wahr? Dass er mich endlich los ist. Genau das will er doch. Er liebt mich ja schon lange nicht mehr, auch wenn er`s abstreitet!
Ich spüre, wie mir das Schluchzen die Kehle hochsteigt.
„Ich werde dich verlassen, hörst du?“, brüllt mir Tobias hinterher. „Ich nehme die Kinder und verlasse dich, wenn du nicht endlich eine Therapie machst!“
Das könnte dem Penner so passen, was? Na warte, dir werd eich eine Lektion erteilen, die du so schnell nicht vergessen wirst!
Ich ziehe meine Jacke vor der Brust zusammen und marschiere in die Dunkelheit, immer weiter und weiter, bloß weg von ihm!

Entsetzt bleibe ich stehen. Die Ereignisse des Abend rauschen an mir vorbei. Manches ist nur bruchstückhaft vorhanden, manches überhaupt nicht. Ich kann mich an nichts erinnern, was nach dem kochen passiert ist, bis zu der Stelle, an der ich diese Frau sehe, die mit dem zweijährigen Kind im Arm in dem Wohnzimmer steht. Das Kind ist meine Chrissi, die Frau bin ich.
Ich schlage mir die Hand vor den Mund, fühle die Galle wieder hochkommen.
Nein!
„Doch!“
Das kann ich sein, das bin ich nicht!
„Doch!“
Das Baby: Timon!
„Ja“
Ich sinke auf die Knie und erbreche einen Schwall Galle. Danach ist mein Magen ist restlos leer, aber der Brechreiz hält an.
Wie ist es nur dazu gekommen?

„Du trinkst zu viel“
Ich zucke leicht zusammen. Wenn Papa das sagt oder Ferdi ist das ja eine Sache. Aber Tobias?
„ich trinke doch nicht zu viel“, wehre ich ab. „Ab und zu einen Wodka-O zum runterkommen oder mal zum Essen einen guten Wein“ Ich zucke mit den Schultern. „Andere haben ihr Feierabendbier. Du auch, wenn ich mich recht entsinne“
Tobias windet sich. „Ja, klar, schon. Aber auch nicht jeden Tag. Und dann aber auch nur eins, höchstens zwei“
„Ach, und was war Vorgestern?“, triumphiere ich. „Als du dir gleich vier Bier hinter die Binde gekippt hast und am nächsten Morgen total verkatert zur Arbeit bist?“
„Das war eine absolute Ausnahme“, erklärt Tobias.
„Pfft“, mache ich. „Und habe ich dich etwa Alki genannt? Na?“
„Nein“, gibt mein Mann zähneknirschend zu.
„Na also. Dann lass mich jetzt bitte in Ruhe mit dem Scheiß“
Tobias nickt und sieht so unglücklich aus, dass ich meine Arme um ihn lege.
„Hey“, sage ich und schaue ihm tief in die Augen. „Ich trinke gerne mal ab und zu was, ja, aber ich habe kein Alkoholproblem, okay? Versprochen!“
Ich sehe die Erleichterung in Tobias' Augen. Ich küsse ihn. Und damit er auf andere Gedanken kommt, führe ich ihn bald ins Schlafzimmer.

„Bei mir hat der liebe Gott vergessen, den letzten Vers zu singen“
„Wie bitte?“ Tobias schüttelt den Kopf. „Wovon zum Geier redest du?“
Mann, ist der begriffsstutzig!
„Du kennst doch den lieben Gott, oder?“
„Natürlich“
„Na siehst du. Und der hat mich herbeigesungen. Tirili, tirila, verstehste?“
„Ehrlich gesagt nicht, und außerdem-“
„Und dabei hat er was vergessen mitzusingen und deshalb bin ich so wie ich bin, verstehste? Einzigartig. Und muss die Wörter finden. Damit ich wieder zusammenpasse, verstehste?“
„Nein, das verstehe ich nicht, Lisa. Ehrlich gesagt redest du gerade ziemlich wirres Zeug und-“
„Wirres Zeug?“ Was bildet der sich eigentlich ein? „Nur weil du es nicht blickst, ja, dass ich Teil vom Plan von Gott bin, ja, musst Du mich nicht so anpampen!“
„Ich habe dich nicht angepampt, Schatz, aber meinst du nicht, du hattest jetzt genug Wein?“
„Was hat denn der Wein damit zu tun? Boah, du bist so ein Arschloch, ja? Warum lässt du mich nicht einfach in Ruhe?“
„... Mama?“

An diesem Abend habe ich zum ersten Mal beschlossen, nichts mehr zu trinken. Zum Glück war Chrissi erst ein Jahr alt und hat so gut wie nichts verstanden. Mein Ton und meine Lautstärke haben sie erschreckt, das war alles. Danach habe ich nichts mehr getrunken. 10 Monate lang.
„Siehst du? Und du dachtest, ich wäre süchtig und könnte nicht aufhören!“, sage ich triumphierend zu Tobias.
„Pscht, er schläft“, sagt er und schaut auf Timon herunter, der im Schlaf mit den Ärmchen zuckt.
„Kommst du dir nicht schäbig vor, ein Kind als Abstinenzhilfe zu missbrauchen?“, meldet sich meine innere Stimme.
„Nein, wieso? Ich wollte immer ein zweites Kind, oder etwa nicht? Und jetzt Klappe zu!“

12 Monate ohne Alkohol. Das beweist, dass ich kein Problem habe. Ich kann also ruhig wieder etwas trinken.

„Du verstehst mich nicht“
„Nein, Lisa, das tue ich wirklich nicht“
Zum ersten Mal seit Jahren, wie es mir vorkommt, führen wir dieses Gespräch, während ich nüchtern bin. Sonst habe ich mir immer Mut angetrunken, bevor ich mich meinem Mann anvertrauen konnte.
„Siehst du, es ist so“, sage ich und zeige nach draußen. „Da gibt es die eine Welt, die, in der du lebst und all die anderen. In die passe ich einfach nicht hinein. Mit meinem denken und meinen Gefühlen und … allem“
Tobias schüttelt den Kopf. „Wenn ich nur verstehen könnte, was in dir vorgeht!“
Fast wünschte ich, in meinem Leben wäre etwas passiert, etwas Grauenhaftes und Traumatisierendes. Dann würde mich niemand fragen, warum ich so bin, wie ich bin, dann würde ich Mitgefühl ernten und müsste mich nicht immer wieder dafür rechtfertigen, dass ich so verkorkst bin.
„Wenn ich doch nur vergewaltigt worden wäre“, entschlüpft es mir.
Zum ersten Mal sehe ich Abscheu in Tobias' Blick.

Ich muss bereits ein ganzes Stück gelaufen sein, denn plötzlich sehe ich das EDEKA vor mir. Das Geschäft scheint mich mit seinen Schaufensterplakaten zu verspotten: Diese Woche Äpfel und Dosensuppen im Angebot, greifen Sie zu, wenn Sie nicht Lisa Heinemann heißen und ein ganz normaler Mensch sind!
Ich bin furchtbar klar. Und gleichzeitig besoffen. Ist es nicht merkwürdig, dass man erst klarer sein muss, um das zu erkennen?
Ich gehe weiter, immer schneller, denn ebenso strömen jetzt die Erinnerungen immer schneller auf mich ein. An Partys und Streits. Mein weinendes Mädchen. Wie ich einmal mit dem Weinglas in der Hand vor Timons Wiege stand und darüber nachdachte, dass vielleicht alles besser wäre, wenn er nie zur Welt gekommen wäre.
An meine Zusammenbrüche, verursacht durch die grenzenlose Scham, wieder betäubt durch noch mehr Alkohol. Und immer wieder Tobias. Worte wie Schläge, grausam und hart.
Warum hat er mich nicht schon längst verlassen?
„Ich erwarte in zwei Stunden deine Entscheidung. 6 Uhr 43, Lisa. Keine Sekunde länger, das schwöre ich dir!“, hat er am Telefon gesagt. Komisch, dass ich das noch so genau weiß.

„Ich verstehe dich wirklich nicht, Lisa. Warum nur glaubst du immer, es so schwer zu haben, warum musst du immer das Opfer sein? Wo du doch alles hast und so geliebt wirst?“
Diese Frage hat mir Tobias so oft gestellt, dass ich meine Antworten nicht mehr zählen kann. Sie reichten von Schulterzucken oder gestammelten Erklärungsversuchen über Weinkrämpfe bis hin zu Wutausbrüchen. Die richtige Antwort habe ich nie gefunden.
„Weil ich anders bin“ - das ist glaube ich die häufigste und ehrlichste Antwort, die ich meinem Mann je gegeben habe.
Es stimmt. Ich kann es tief in mir drin fühlen: Etwas fehlt bei mir, das andere Menschen haben. Ist es die Fähigkeit zum Glück? Die Fähigkeit, vollkommen zu lieben?
Mama wusste, dass etwas mit mir nicht stimmt. Wie sehr wünschte ich, ich könnte wieder auf ihrem Schoß sitzen und mir durchs Haar streichen lassen.

Ich gehe weiter. Jeder Schritt fühlt sich etwas leichter an, doch der Schein trügt: In mir drin ist nichts als trostlose Leere. Die Wirkung des Alkohols hat soweit nachgelassen, dass ich den anderen Menschen, nicht auffallen werde, sollten sie mir begegnen.
„Nur solange sie nicht deinen Atme riechen“
Ich weiß, was Tobias von mir verlangt: Ein Therapie. Als ob ich geistig nicht ganz gesund wäre. Ich bin gesund! Aber etwas ist an mir anders, das gebe ich zu. Aber heißt das denn, dass der Fehler bei mir liegt? Vielleicht bin ich-
„Hör auf!“
Ich drehe meinen Kopf nach Osten und sehe die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Ich weiß nicht, warum, aber plötzlich habe ich die Stimme meiner Mutter im Ohr. Auch wenn es nur die Erinnerung an den Klang ist, treibt es mir die Tränen in die Augen. Mama!
„Das bedeutet aber nicht, dass du unvollkommen bist“, sagt sie und streicht mir über das Haar. Ich kann ihr Herz an meinem Rücken schlagen hören, „sondern nur, dass du dich selbst zu Ende singen musst“
Die Sonnenstrahlen kitzeln meine Nase. Die Kirchturmuhr schlägt zwei Mal: 5:30 Uhr. Es ist noch Zeit.
Mein Herz pochert. „Ich habe noch Zeit?“
„Du hast noch Zeit!“

Ich bleibe stehen. Zum ersten Mal seit 15 Jahren, wie mir scheint. Ich stehe einfach so da und lasse die Sonne an mir aufgehen. Ich weiß, dass ich rieche, aber ich erkenne, dass ich das ganz einfach abwaschen kann.
Jemand hat mal gesagt, dass man erst ganz Unten angekommen sein muss, um wieder auftauchen zu können.
Ich weiß nicht, ob ich schon ganz unten war, aber hier und jetzt stehe ich da und lasse mich vom Sonnenlicht reinwaschen.
Ich soll mich selbst zu Ende singen, hat Mama immer gesagt. Irgendwie habe ich dem nie groß Beachtung geschenkt.
Die Sonne geht auf und mit ihr erwachen die Vögel. Wenn ihr Zwitschern meine Melodie ist, was sind dann meine Worte?
Plötzlich ist alles so klar.
„Chrissi. Timon. Tobias. Lisa“
Ich hole mein Handy heraus und drücke auf Anruf.

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halcyonzocalo
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BeitragVerfasst am: 12.09.2016 13:26    Titel: Antworten mit Zitat

Okay, also die Länge des Textes ist wirklich beeindruckend. Ich möchte hier natürlich auch keinesfalls etwas unterstellen (Ich hatte auch schonmal einen sehr langen Beitrag), aber diese Geschichte ist so extrem lang, dass ich wirklich ein bisschen meine Zweifel habe, ob sie gestern innerhalb der zwei Stunden geschrieben wurde oder schon vorher existiert hat und nur den Themenvorgaben angepasst wurde. (Wobei das Thema dafür eigentlich zu gut eingebunden ist). Der erste Absatz ist ziemlich gelungen und bietet einen interessanten Einstieg. Danach flächt die Geschichte dann manchmal etwas ab und es sind einige Passagen dabei, die man auf jeden Fall straffer hätte fassen können (Was wiederum für die Live-Entstehung spricht Wink ). Stilistisch scheint es mir manchmal, als ob du dich nicht richtig hättest entscheiden können, das liest sich teilweise inhomogen. Der Plot selbst ist nicht schlecht und solide umgesetzt, das Thema wie gesagt ordentlich eingebunden. Mal schauen, ob am Ende was rausspringt.

Edit: Es ist für mich mal wieder sehr schwer gewesen, hinter meinen persönlichen Top 3 eine Reihenfolge festzulegen, da ich einige Texte auf einem ähnlichen Level sehe. Letztendlich habe ich mich dazu entschlossen, deinem Beitrag 4 Punkte zu geben. smile


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Die minimaldeterministische Metaphernstruktur mit ihrer mytophoben Phrasierung spiegelt den ideeimmanent abwesenden Bedeutungsraum.
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Uwe Helmut Grave
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Wohnort: Wolfenbüttel


BeitragVerfasst am: 12.09.2016 15:23    Titel: Re: Mein Lied Antworten mit Zitat

Guy Incognito hat Folgendes geschrieben:
12 Monate ohne Alkohol. Das beweist, dass ich kein Problem habe. Ich kann also ruhig wieder etwas trinken.

Jemand hat mal gesagt, dass man erst ganz Unten angekommen sein muss, um wieder auftauchen zu können.


Das sind meiner Meinung nach wohl die beiden wichtigsten Sätze dieser Geschichte - sie bringen die Gefühlswelt jener Alkoholikerin (eigentlich aller Alkoholabhängigen) präzise auf den Punkt.
Heute Morgen erfuhr ich am Telefon von einem über siebzigjährigen trinkenden Bekannten, der vor einiger Zeit im Badezimmer überraschend zusammengebrochen ist, dabei das Waschbecken heruntergerissen und sich die Seele aus dem Leib gekotzt hat. Seine Lebenspartnerin hat rasch das aus dem Rohr strömende Wasser abgestellt und ihn dann, während der Krankenwagen kam, notdürftig mit Mineralwasser saubergemacht. Anschließend lag er drei Wochen in der Klinik.
"Von nun an nur noch Kaffee und Tee", schwor er sich nach seiner Entlassung - nicht zum ersten Mal, und ich frage mich: Ist er jetzt ganz unten angekommen (siehe zweiter Satz)? Oder geht bald alles wieder von vorn los (siehe erster Satz)?
Meinen eigenen Text empfand ich schon als ziemlich lang, wenn man bedenkt, wie wenig Zeit wir alle hatten und ich normalerweise nicht länger als eineinhalb Stunden an einem Stück Bildschirmarbeit leisten kann. Doch in diese/r Schreiber/in habe ich meine/n Meister/in gefunden; so viele Zeilen in so kurzer Zeit - Respekt!


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U.H.G. - Freude am Lesen
"Wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich!" - "Aber er hat ja gar nichts an!" (Hans Christian Andersen) - Die Welt ist anders(en) als sie es dir erzählen.
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Municat
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BeitragVerfasst am: 12.09.2016 17:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hey unbekannter Autor smile

Deine Geschichte geht wirklich unter die Haut. Alleine das tröstende Bild der Mutter von einem Schöpfer, der die Wesen ersingt und dabei eben nicht immer perfekt ist, gefällt mir sehr gut.

Der Übergang in die zweite Szene ist dann natürlich heftig. Wie Lisa langsam bewusst wird, was sie angerichtet hat, wie sich ihr Zustand in der beschriebenen Zeit ändert, das alles wird auf eine Art transportiert, die gleichzeitig hart und empotional ist.

Die Erinnerung an den Streit und ihre Unfähigkeit, sich im Suff um ihre Kinder zu kümmern oder auch nur auf irgendeine Weise logisch zu denken. kommt definitiv an. Klar, Tobias hat sie geschlagen, aber als ANgehöriger eines Alkohol-Kranken ist man manchmal so überfordert, dass man unter Umständen Dinge tut, die eigentlich nicht zur eigenen Persönlichkeit passen.

Schön, dass Lisa sich letztendlich dazu entschließt, sich helfen zu lassen auf dem Weg, ihr eigenes Lied zu Ende zu schreiben.


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Gräme dich nicht, weil der Rosenbusch Dornen hat, sondern freue dich, weil der Dornbusch Rosen trägt smile
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Einar Inperson
Geschlecht:männlichDichter und Denker


Beiträge: 1742
Wohnort: Auf dem Narrenschiff


BeitragVerfasst am: 12.09.2016 21:34    Titel: Antworten mit Zitat

die 12

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Traurige Grüße und ein Schmunzeln im Knopfloch

Zitat: "Ich habe nichts zu sagen, deshalb schreibe ich, weil ich nicht malen kann"
Einar Inperson in Anlehnung an Aris Kalaizis

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"Ehrfurcht vor dem Leben" Albert Schweitzer
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V.K.B.
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Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 12.09.2016 23:31    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,

meine ersten Gedanken am Ende:

Zitat:
Plötzlich ist alles so klar.
„Chrissi. Timon. Tobias. Lisa“
Ja klar, sicher! Mann, wie ich diese blöde Schnalle hasse! Geh bloß sterben, du…

Ganz klar, deine Geschichte hat mich emotional berührt. Weil sie so völlig realistisch ist. Und weil ich schon beruflich mit solchen Leuten zu tun hatte, die sich selbst und ihre Familien kaputtsaufen. Ihre Kinder gefährden, verkommen lassen, traumatisieren… Und dann soll man da bei den Kindern noch irgendwas wieder in Ordnung bringen. Mutter verspricht, ich trinke nie wieder, sei in Therapie, jetzt wird alles gut, zwei Wochen später hat man sie am Telefon, sternhagelvoll und wirres Zeug redend, der sechzehnjährige Sohn wird beim Randalieren von der Polizei verhaftet und man weiß genau, an den kommt man nicht wieder ran, ist ja auch gar nicht mein Job, ich bin ja nicht sein Therapeut, aber… Okay, ich rege mich ab. Tief durchatmen! Mann, habe ich solche Leute gefressen!

"Schön" dargestellt hast du ihre zerfaserte Persönlichkeit, die Momente der beginnenden Persönlichkeitsspaltung, wenn sie nur noch "die Frau" sieht und sich nicht mehr wirklich damit identifiziert. Ihre ständigen abstrusen Rechtfertigungen, etc. Ich weiß nicht, ob es dein Ziel war, sie uns näher zu bringen und Mitleid zu wecken, wenn ja, ist das bei mir nicht gelungen. Ich habe nur Abscheu für sie empfunden. Aber wie gesagt, das ist persönlichen Erfahrungen geschuldet, wenn man beruflich mal mit solchen Kindern zu tun hat und sich zuviel Empathie leistet, weil man selbst Vater ist. Und eben nichts ausrichten kann, weil die Sozialarbeiter lieber mit den Jugendlichen hinter dem Jugendzentrum Bier trinken gehen (nennt man dann "niedrigschwelliges Angebot") und Jugendämter keinen Handlungsbedarf sehen, bis ein Kind dabei draufgeht. Dann der obligatorische kurze Aufschrei in den Medien, und es ändert sich: nichts! 'tschuldigung, wenn ich zynisch werde.

So, genug gewettert, ich wollte wollte eine Geschichte beurteilen und nicht meinen Frust über unser nicht funktionierendes Sozialsystem hinausschreien. Eine sehr starke Geschichte. Leider finde ich das Ende sehr naiv, es kam mir so vor, als solle man ihr glauben, die Wichtigkeit ihrer Familie erkannt zu haben und sich wirklich ändern zu wollen. Als habe sie den fehlenden Vers ihres religiösen Hirngespinsts für sich gefunden und könne sich jetzt tatsächlich ändern. Wie gesagt, ich glaube ihr kein Wort, kann ich nicht. Würde mich aber gerne mal eines besseren belehren lassen… Sorry, dass ich nicht mehr an Märchen glauben kann.

Oh, noch was: Das alles in zwei Stunden geschrieben? Hut ab, so schnell kann ich nichtmal tippen, glaube ich.

Punkte: Ja, ganz klar. Viele sogar. Aber nicht mein Favorit, dafür ist mir wie schon gesagt das Ende zu positiv ausgefallen. Das hätte etwas offener bleiben müssen.

Edit: 8 Punkte für dich.

Beste Grüße,
Veith


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»Sticks & stones may break your bones – but words … they will define you!«
(Phil Orani)
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Oktoberkatze
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Ei 1 Ei 9


BeitragVerfasst am: 13.09.2016 15:23    Titel: Antworten mit Zitat

Ich mag deine Lisa und drück ihr die Daumen, dass sie ihre Probleme in den Griff bekommt Daumen hoch

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Die meisten Denkmäler sind innen hohl
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Heidi
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BeitragVerfasst am: 15.09.2016 19:27    Titel: Antworten mit Zitat

Bei deiner Geschichte bin ich hin- und hergerissen. Als ich den ersten Absatz las, dachte ich: Yeah, das ist ein Ganz-weit-vorne-Text. Die Idee mit Gott, der die Menschen herbeisingt, als wären sie Musik, finde ich schön. Die Tatsache, dass Lisas letzter Vers fehlt und sie dadurch ein "Mangelwesen" ist (was mMn auf jeden Menschen zutrifft), klingt als Thema interessant und vielversprechend.
Du hast mit diesem ersten Teil also große Erwartungen in mir geweckt.

Rein inhaltlich finde ich auch die Weiterführung des Themas, mit Lisas Alkoholkrankheit und der Forderung ihres Mannes, mit dem Trinken aufzuhören, spannend. Dass Lisa sich zum Schluss für ihre Familie und gegen ihre Sucht entscheidet, berührt auch, aber nicht so sehr, wie die Anfangsszene.

Woran es bei deiner Geschichte hapert, ist die Umsetzung. Es wird zu viel zu schnell abgehandelt. Einerseits ist es gut, Lisa und ihre Sucht konkret kennenzulernen, auch die Entwicklung dorthin, andererseits sind für meinen Geschmack zu viele unterschiedliche Szenen verarbeitet worden, die vielleicht funktionieren könnten, wenn du mehr Zeit gehabt hättest, um daran zu feilen. So in dieser Form wirkt der Text unüberarbeitet (was ich mir aufgrund der Länge auch vorstellen kann - Hut ab, dass du in zwei Stunden inkl. Ideenfindung so viele Wörter geschrieben hast) diverse Fehler und Wortwiederholungen bremsen den Lesefluss auch. Aber Rechtschreibfehler und Vertipper sind bei mir generell kein Kriterium, um einem Text Punkte abzuziehen; wenn der Rest runder wäre, würde ich darüber mit Sicherheit hinwegsehen.

Fazit: Super Idee(n), alle Vorgaben erfüllt, aber die Umsetzung zu holterdiepolter. Du bekommst trotzdem Punkte, aber nicht so viele, wie beim anfänglichen Lesen gedacht.


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Meer
ein Rauschen unter den Füßen
bewegen sich Blätter fliegen

zerstäuben im Wind
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Tjana
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 58
Beiträge: 1863
Wohnort: Inne Peerle


BeitragVerfasst am: 15.09.2016 20:48    Titel: Antworten mit Zitat

Gefällt mir.
Ein Alkohol-Konflikt, hoch emotional und geschickt über Rückschau(en) zur aktuellen Szenerie transportiert.
Die Idee
Zitat:
Du musst dich selbst zu Ende singen

finde ich genial.
Die Erklärung
Zitat:
Das Kind ist meine Chrissi, die Frau bin ich.

hätte ich nicht gebraucht.
Das ist was für den oberen Bereich


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Wir sehnen uns nicht nach bestimmten Plätzen zurück, sondern nach Gefühlen, die sie ins uns auslösen
In der Mitte von Schwierigkeiten liegen die Möglichkeiten (Albert Einstein)
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Kopfkino
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 35
Beiträge: 268
Wohnort: zwischen Fluss und Wald


BeitragVerfasst am: 17.09.2016 19:55    Titel: Antworten mit Zitat

Diesen Text finde ich sehr berührend. Gut finde ich auch, wie man der Protagonistin aus der Verwirrung folgt und wie die Ausrede für alles am Ende der Grund für den richtigen Weg wird. Sehr schön!

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Lächeln!
____
...
Stop complainig said the farmer
who told you a calf to be?
...
But whoever treasures freedom
like a swallow has learned to fly.
...
(Donna Donna, Zeitlin und Secunda, Übers. Joan Baez)
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holg
Geschlecht:männlichDichter und Denker


Beiträge: 1406
Wohnort: knapp rechts von links
Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 17.09.2016 20:10    Titel: Antworten mit Zitat

Wie könnt ihr alle nur so viel und schnell schreiben?

Das ist die einigermaßen erschütternde Geschichte einer Alkoholikerin. Ich halte sie für gut erfasst. Es tut beinahe weh, das zu lesen.

Teilweise finde ich das ein wenig überladen, zu langatmig. Außerdem habe ich ein Problem damit, Kinder in Probelmgeschichten zu instrumentalisieren. Hier sehe ich zumindest eine Grauzone.

Sprachlich jedenfalls eindrücklich.


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Froh zu sein bedarf es wenig.
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poetnick
Geschlecht:männlichHobbyautor

Alter: 56
Beiträge: 409
Wohnort: Möglichkeiten


BeitragVerfasst am: 17.09.2016 21:12    Titel: Antworten mit Zitat

Ohne Kommentar, um Wertung abgeben zu können.

_________________
Wortlos ging er hinein,
schweigend lauschte er der Stille
und kam sprachlos heraus
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Ithanea
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 28
Beiträge: 1269

Ei 3


BeitragVerfasst am: 18.09.2016 13:51    Titel: Antworten mit Zitat

Oh Mann. Haarscharf. Dieser Text schwankt mehrfach haarscharf zwischen trotziger, schmutziger Einfachheit und gleichzeitig ehrlicher, nachspürbarer Tiefe und andererseits Too much, zu tagebuchartig, zu ausufernd, zu wenig präzisierend, zu achtlos hin und her, dass es verdammt schwierig wird. Erstmal meinen Respekt, in zwei Stunden so viel Text hinzukriegen, weiterhin Glückwünsch zur guten Idee mit dem fehlenden Vers, der zu Ende gesungen werden muss als teilweise hilfloser Versuch, sich das eigene Scheitern, fortwährende Nicht-Dazugehören zu erklären.
Was da in deinem Text passiert, ist glaubhaft, fühlt sich ehrlich an, was eins der besten Komplimente ist, die ich einem Text geben kann, aber er leidet, wie oben erwähnt, unter seinem Ausufern. Das Problem, das Thema ist schon lange klar, und dennoch wird es ausgewalzt mit noch einem Beispiel, noch einem Absatz. Das Erzählen ist mir etwas zu "Dahergeredet", zu redeflussartig, was einerseits gut ist, da es gerade am Anfang ein gutes Tempo und eine ernüchternd(haha)-beschissene Atmopshäre vorgibt, andererseits kippts dann später halt zu arg ins "Dahergerede", falls klar ist, was ich meine. Vielleicht liegt es an noch nicht so langer Schreibroutine? Punkte wahrscheinlich, einfach weil hier viel Substanz und Emotion undsoweiter spürbar ist.


_________________
Verschrieben. Verzettelt.
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Pudelzucker
Schreiberassi

Alter: 30
Beiträge: 42



BeitragVerfasst am: 18.09.2016 21:23    Titel: Antworten mit Zitat

Daumen hoch für einen gut strukturierten, runden Text in dieser Länge! Ich fand ihn spannend und überzeugend. Die dem vorgegebenen Thema geschuldete Rechtfertigung vom fehlenden Vers spricht leider dem Thema ein bisschen die Brisanz ab - wenn es einfach keinen Bezug zur Kindheit gegeben hätte, wäre noch die Botschaft dabei rumgekommen, dass sich Alkoholismus in jedes noch so normale Leben einschleichen kann.
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Michel
Geschlecht:männlichDichter und Denker


Beiträge: 1566
Wohnort: Südwest
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Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 19.09.2016 11:43    Titel: Antworten mit Zitat

Eine Frau sieht sich mit den Folgen ihres Trinkens konfrontiert und muss sich entscheiden: Illusion, gesund zu sein - oder endlich handeln?

Ich dachte schon, das geht weiter wie im ersten Satz. Tut's ja auch - aber als klarer wird, wer da spricht/denkt, stimmt der Anfang wieder.
Vielleicht rührt mich die Geschichte besonders an, weil ich lange auf dem Gebiet gearbeitet habe. Aber ich finde, der Text findet den schmalen Grat zwischen Verniedlichung und Verdammung. Da sind die harten Fakten drin, Randalieren in der Wohnung, Stimmungsschwankungen, Kinder vernachlässigen, die "schlimme Kindheit", das simplifizierende Erklärungsmodell - alles da, und nicht übertrieben. Und da sind die Momente der Klarheit, in denen der Figur sehr genau klar ist, was da mit ihr passiert. Ich fühle mich an mehrere Erzählungen aus der Alkoholreha erinnert. Ja, so kann's gewesen sein.
Und die Figur wird nicht verteufelt. Durch die Ich-Perspektive rückt das Geschehen näher heran, wird, wenn auch nicht akzeptierbar, zumindest verständlich.
Gefällt mir sehr gut.
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Seraiya
Geschlecht:weiblichAutor


Beiträge: 914



BeitragVerfasst am: 19.09.2016 19:55    Titel: Antworten mit Zitat

Aufgrund von Zeitmangel beschränke ich mich auf das Nötigste.
Der Text konnte mein Interesse leider nicht lange aufrecht erhalten. War mir unter anderem etwas zu wirr. Davon abgesehen empfinde ich allein die Menge als eine beachtliche Leistung.
3 Punkte


LG,
Seraiya


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Einen Dummkopf erkennt man daran, dass er alles abtut, was er anhand eigener Erfahrungen nicht erklären kann.
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hobbes
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger


Beiträge: 2981

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
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BeitragVerfasst am: 19.09.2016 20:19    Titel: Antworten mit Zitat

Erstaunlich viel Text. Ich vermute, das ist auch mein Hauptproblem, mir ist das zu auserklärt.
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Lilly_Winter
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 38
Beiträge: 275
Wohnort: Dortmund


BeitragVerfasst am: 19.09.2016 20:32    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,

Vorgaben:
Thema »Der fehlende Vers«
Ihr Lied, in dem der letzte Vers fehlt.
Jemand steht an einer Kreuzung und kann sich nicht auf den Beinen halten / während einer Autofahrt kann einer der Insassen nicht sagen, ob der Wagen sich bewegt, oder nicht.
Protagonistin stolpert betrunken die Straße entlang.
Jemand wartet auf ein Ereignis, dessen Eintreffen in zwei Stunden erwartet wird.
Zwei Stunden, bis sich die Protagonistin entschuldigen soll.

Für zwei Stunden ist das eine Masse an Text, der ein oder andere Fehler hat sich eingeschlichen. Die Geschichte finde ich nicht schlecht, die Protagonistin mit einem Alkoholproblem, die dadurch resultierenden Streitereien mit ihrem Ehemann, die unter Alkohol vernachlässigten Kinder. Eine Geschichte mit Potenzial. Am Anfang stört mich dieses Hin-und-Her, es fällt mir schwer, ihren Gedanken zu folgen, ich weiß nicht, was zu dem Vorabend gehört, und was weiter in der Vergangenheit liegt, das wirft mich teilweise aus dem Text.
Zitat:
„Schmeckt diese Erinnerung bereits nach Alkohol?“

Das gefällt mir sehr gut. Danach verliert es sich für mich etwas.
Mir gefällt auch die Idee mit der Mutter, die ihrer Tochter erklärt, Gott habe ihr Lied nicht zu Ende gesungen. Es wird zur Ausrede für jedes Problem, das sich im Leben entwickelt.
Ich habe das Gefühl, das sich manchmal die Erzählstimme ändert, von einem Textteil zum anderen, vielleicht ist das der Grund, warum es mich manchmal aus dem Text haut.
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rieka
Geschlecht:weiblichSucher und Seiteneinsteiger


Beiträge: 972



BeitragVerfasst am: 19.09.2016 21:45    Titel: Antworten mit Zitat

Wie ist es möglich, in zwei Stunden so viel Text zu schreiben. Dramatischen Inhalt hast du dir herausgesucht.  An manchen Stellen empfinde ich unlogische Zusammenhänge. Auch die Einfühlung in die Trinkende, Alkoholkranke, nicht wahr? hat für mich eine gewisse Sprunghaftigkeit. Das mag mit meiner Sicht darauf zu tun haben. Ich fürchte, du hast dich in der Schilderung des Kampfes mit dem Alkoholismus verloren und die Kernaussage deiner Geschichte in der Ausuferung einzelner Szenen aus dem Auge verloren. Deine Geschichte könnte, lebendig wie sie ist, Ausschnitt aus einem Romanfragment werden.
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firstoffertio
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BeitragVerfasst am: 20.09.2016 22:46    Titel: Antworten mit Zitat

Das ist ein beeindruckend langer Text für zwei Stunden, der einen Rausch, Streit und die Erinnerung daran gut beschreibt.

Bei alledem überzeugt mich das Ende und der Kreis zum Anfang nicht so recht.
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Amaryllis
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BeitragVerfasst am: 21.09.2016 15:33    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe/r Inko,

noch so ein Monstertext. Auch hier denke ich, dass mit etwas mehr Zeit der Text noch etwas optimiert, etwas gerafft hätte werden können. Durch die vielen ausführlichen Beschreibungen verliert das Thema für mich ein bisschen an Eindrücklichkeit. Prinzipiell ist der Textaufbau aber gut, also gerade dieser Rahmen mit dem Lied gefällt mir gut, das Vers-Thema ist auch gut umgesetzt. Ob das "nicht auf den Beinen halten können" jetzt wirklich noch im ersten Drittel ist, kann ich nicht sagen.

Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob mir das Ende nicht zu kitschig ist, aber eigentlich mag ich ja kitschige Enden.

Alles in allem für mich ein Text im Mittelfeld.

LG, Ama


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Flush
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Beiträge: 80



BeitragVerfasst am: 21.09.2016 20:28    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Teilnehmer,
die Geschichte ist gut, fast schon zu realistisch.
Die Wettbewerbsbedingungen sind umgesetzt.
Das Einzige, was mich stutzig macht, ist die Länge.
Die ist beachtlich und der Text fast ohne Fehler...
Grüße
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