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Pangari

 
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Municat
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 50
Beiträge: 279
Wohnort: Zwischen München und Ingolstadt


BeitragVerfasst am: 01.12.2016 20:00    Titel: Pangari eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Pangari

Vater erzählte mir viele Geschichten, als ich ihm noch zuhören durfte. Er erzählte von der Regenbogenschlange, die das Tal geformt hat, in das er geboren wurde und die Berge, die jeden Abend ihren Schatten auf den Bach werfen. Er erzählte von meiner Doppelgängerin im ewigen Traum, die meinen Urgroßvater und das Tal besuchen kann, wann immer sie möchte. Er erzählte von den Ritualen, die uns schon zu Lebzeiten an die Pforte des ewigen Traums führen konnten. Mutter setzte sich fast immer zu uns, wenn sie seine Stimme hörte. Sie lauschte ihm genauso gerne wie ich.

Bis der Protector kam.

Er fuhr mit einem staubigen Jeep vor und verlangte nach mir. Vater weigerte sich, die Sprache des Protectors zu sprechen, obwohl er sie verstand. Schließlich war es auch die Sprache der Bücher, aus denen Mutter mir vorlas, wenn seine Geschichten ein Ende fanden. Vater hob mich auf seinen Arm, als der Protector kam. Mutter weinte und schrie. Ich klammerte mich an Vaters Schulter. Es half nichts. Der Protector riss mich aus Vaters Armen und trat gegen Mutters Schienbein, als sie sich in die Tür stellte und ihn nicht vorbeilassen wollte. Im Auto band er mich mit einem Seil an den Sitz, weil ich sonst aus seinem Auto gesprungen wäre.
Als meine Augen leergeweint waren, drang die Stimme des Protectors in meine Gedanken. „Vergiss deinen Vater, der ist es nicht wert, dass du an ihn denkst. Wir machen einen Menschen aus dir. Sei froh, dass ich dich aus dem Elend hole. Jetzt lernst du die Zivilisation kennen. Das ist eine große Chance für dich.“
Er brachte mich in ein großes, helles Haus mit großen, hellen Bewohnern und einem kleinen, dunklen Zimmer im Keller, das mein Zimmer wurde. Tagsüber wusch ich die Wäsche, spülte das Geschirr und schrubbte die Bäder bis sie blitzten, abends lernte ich aus den Büchern, die sie mir gaben. Alle Bücher handelten von großen, hellen Menschen. Ich durfte zwar nicht mit am Tisch sitzen, aber das Essen schmeckte in der Küche genauso gut. Als ich zu groß für meine alten Sachen wurde, nähte ich mir neue Kleider aus den Stoffresten der Herrin. Ich gab mir Mühe, wie sie zu sein. Ich sprach wie sie, lernte, den Kopf zu neigen und den ewigen Traum zu vergessen. Manchmal lachte ich sogar.

Bis der Hausherr kam.

Zuerst zwang er mich nur, ihn auf eine Weise zu berühren, die mir falsch vorkam. Dann warf er mich auf die Matratze und tat mir weh. Nicht nur zwischen den Beinen, sondern auch im Herzen. „Vergiss alles, was in diesem Raum passiert, wenn du die Tür hinter dir schließt! Ein Wort zu meiner Frau oder einem der Wilden, und ich brenne dir die Zunge aus dem Mund.“
In den nächsten Monaten musste ich oft vergessen. Allerdings fand ich einen Weg, der mir das Vergessen erleichterte. Immer, wenn es ruhig wurde in dem großen, hellen Haus, schlich ich nach oben in den Salon, trank aus den Flaschen in dem Schrank, der verschlossen war. Ich wusste, wo der Schlüssel lag, weil ich im Salon immer sauber machte. Aus jeder Flasche nahm ich nur wenig, damit es nicht auffiel, aber es gab viele Flaschen in dem Schrank. Wenn zu viel fehlte, füllte ich den Rest mit Wasser auf.
Meistens setzte die Wirkung erst ein, wenn ich längst wieder in meinem Bett lag, aber es gab Ausnahmen. Einmal fand mich die Herrin morgens in dem großen Bad, das ich eigentlich nicht benutzen durfte. Sie roch meinen Atem und schlug mich, bis meine Lippe blutete. Von diesem Tag an wurde mein Zimmer nachts von außen verschlossen. Tagsüber wusch, spülte und schrubbte ich noch immer, aber ich lachte nicht mehr.

Bis der Polizist kam.

Nachbarn der Hausherren hatten ihm von mir erzählt. Diesmal wurde ich in einen Streifenwagen gesetzt. Gefesselt wurde ich nicht. Nur den Sicherheitsgurt musste ich anlegen. Der Beamte erzählte mir, dass Leute wie ich längst nicht mehr ohne Bezahlung arbeiten müssten.
„Jetzt bist du frei und kannst ein neues Leben anfangen. Schau nach vorne, nicht zurück.“ Sein Lächeln wirkte sogar ehrlich. Er wies mir ein Zimmer im Wohnheim zu und beschrieb mir den Weg zur Sozialstation, wo ich mir jede Woche einen Teil meiner Entschädigung abholen konnte. In den ersten Wochen versuchte ich noch, Arbeit zu finden, aber ohne Ausbildung und Zeugnisse wollte mich niemand einstellen. In der Stadt lebten viel zu viele Menschen. Einige von ihnen wechselten die Straßenseite, wenn sie mir begegneten. Mein neues Leben bestand aus dem Zimmer und der Straße zwischen Supermarkt und Sozialstation.
Jetzt durfte ich selbst entscheiden, was und wie schnell ich vergessen wollte. Die großen Flaschen gab es im Supermarkt. Wann immer das Geld reichte, kaufte ich mir eine davon. In dem Heim wohnten viele wie ich. Manchmal vergaßen wir gemeinsam. Koora aus dem siebten Stock begnügte sich nicht mit den Flaschen. Das Zeug, das sie mitbrachte, rührte ich nicht an. Koora starb an einer Überdosis. Wir saßen im selben Raum und haben es nicht bemerkt, weil wir betrunken waren.
Wir wurden alle auf die Wache gebracht und mussten in einer Zelle übernachten. „Zum ausnüchtern“, sagte der Beamte, der mich schon einmal abgeholt hatte. Diesmal lächelte er nicht. Am nächsten Morgen wurden wir  fotografiert, mussten Fingerabdrücke abgeben und bekamen eine Akte, in der etwas von unterlassener Hilfeleistung stand.
Ich beschloss, mein Zimmer nicht mehr zu verlassen und ließ mir die Flaschen von denen bringen, die sich noch auf die Straße trauten. Die Menschen in der Stadt sah ich nur noch aus meinem Fenster.

Bis der Therapeut kam.

Er faselte etwas von Wiedergutmachung und nahm mich mit in seine Praxis.
Jetzt sitze ich ihm gegenüber und kaue an den Fingernägeln. Er fragt mich, wo ich hingehöre. Ich weiß es nicht.
Ich gehöre nicht an den Ort, an dem Vater und Mutter mit mir hausten. Auch Vater gehörte dort nicht hin. Man hat Leute wie uns an diesen Ort gebracht, weil das Land, auf dem wir zuvor gelebt haben, uns nicht gehörte. Das hat mir Koora erzählt. Sie war älter, als sie geholt wurde. Ich weiß, dass uns das Land nicht gehört, weil es niemandem gehört.
Ich gehöre nicht in das große, helle Haus mit den großen, hellen Bewohnern. Dort habe ich gelernt, mich wie eine von ihnen zu verhalten und wie eine von ihnen zu vergessen. Aber ich bin keine von ihnen und werde es nie sein.
Ich gehöre nicht in das Wohnheim in der Stadt. Das Zimmer habe ich mir nicht selbst ausgesucht, meine Nachbarn auch nicht. Dort, wo ich lebe, bin ich niemand. Es spielt keine Rolle, ob ich morgens die Augen öffne oder nicht.
Dann fallen mir Vaters Geschichten ein: Das Land, in das wir geboren werden, gehört uns nicht. Aber eine Familie bleibt immer für das Land verantwortlich. Wir alle sind dort gebunden, wo unsere  Ahnen Zuhause sind.
Jetzt weiß ich, wo ich hingehöre. Ich muss das Tal finden, von dem Vater erzählt hat. Dort kann ich sesshaft werden. Dort kann ich endlich wirklich vergessen und anfangen zu leben. Dort kann ich Teil des ewigen Traums werden. Mein erster echter Neuanfang.
Ich erzähle dem Therapeuten von der Regenbogenschlange, die auf dem roten Felsen wohnt und die Welt formt. Ich erzähle ihm vom ewigen Traum, der Vergangenheit und Gegenwart vereint. Mein Name ist Pangari. In Vaters Sprache bedeutet das so viel wie Seele oder Schatten.


Am 13. Februar 2008 entschuldigte sich Premierminister Kevin Rudd in einer Rede vor dem australischen Parlament offiziell für die Zwangsentführungen und Erniedrigungen, die Mischlingskinder von Aborigines und weißen Australiern jahrhundertelang über sich ergehen lassen mussten.

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hobbes
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger


Beiträge: 2831

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
Ei 4 Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 01.12.2016 22:21    Titel: Antworten mit Zitat

Mir ist das zu plakativ, zu "moralisch." Und zu jammerig.
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Uwe Helmut Grave
Geschlecht:männlichOpa Schlumpf

Alter: 63
Beiträge: 1030
Wohnort: Wolfenbüttel


BeitragVerfasst am: 02.12.2016 18:55    Titel: Antworten mit Zitat

Ein berührendes, fesselndes Schicksal mit historischem Hintergrund. Seelisch ausgestanden ist das für die Zwangsverschleppten mit Sicherheit nie - Geld und gute Worte helfen da nur wenig. Leider wird es auch weiterhin gewissenlose Menschen geben, denen es nichts ausmacht, das Leben anderer Menschen komplett zu zerstören.

_________________
U.H.G. - Freude am Lesen
"Wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich!" - "Aber er hat ja gar nichts an!" (Hans Christian Andersen) - Die Welt ist anders(en) als sie es dir erzählen.
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Constantine
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 2448

Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 04.12.2016 02:15    Titel: Antworten mit Zitat

Bonjour,

was ich schade finde an deiner Geschichte, ist, dass du bis zum Schluss ein Mysterium über die Identität der Protagonistin und des zeithistorischen Kontexts gemacht hast. Aus dem Text geht für mich, ohne den letzten Erklärenden Absatz, nicht selbst hervor, worum es eigentlich geht.

Zunächst dachte ich an einen Mix aus SF- und Fantasygeschichte, als ein Protector erwähnt wird und er eine andere Sprache spricht. Assoziationen zu einer von einer fremden Spezies besetzen Welt. Die fremde Spezies ist menschlich oder es sind weiterentwickelte Menschen, die telepathische Fähigkeiten haben
Zitat:
Als meine Augen leergeweint waren, drang die Stimme des Protectors in meine Gedanken.


und groß und hell sind:
Zitat:
Er brachte mich in ein großes, helles Haus mit großen, hellen Bewohnern und einem kleinen, dunklen Zimmer im Keller, das mein Zimmer wurde.


Die Stimmung und die assoziierten Bilder ändern sich in der dritten Episode mit dem Polizisten und dem Wohnheim in der Stadt und der vierten Episode mit dem Therapeuten.

Warum verzichtest du darauf, dem Leser von Anfang an zu beschreiben, dass die Handlung in Australien spielt, es sich um ein Aborigines-Mädchen handelt und z.B. die konkrete Stadt mit dem Wohnheim nennst? Dass mit dem Protector ein Protector of Aborigines gemeint ist, verrät mir Google, der Name Pangari stammt aus Australien und bedeutet "Seele", auch Google, und dein plötzlicher letzter, erklärender Absatz
Zitat:
Am 13. Februar 2008 entschuldigte sich Premierminister Kevin Rudd in einer Rede vor dem australischen Parlament offiziell für die Zwangsentführungen und Erniedrigungen, die Mischlingskinder von Aborigines und weißen Australiern jahrhundertelang über sich ergehen lassen mussten.


Du verwendest Versatzstücke aus der Aborigine-Mythologie, bist, denke ich, auch soweit drin in der Materie des Landes und der damaligen Zeit, aber:
Ich denke, hier wurde eine gut gemeinte, packende Geschichte falsch aufgezäumt und sie verpufft mehr oder weniger. Neben der mMn anfangs sehr abstrakt erzählten Geschichte, ist mir der Text an manchen Stellen vom Zusammenhang zu sprunghaft und Pangaris Charakterisierung ziemlich blass, trocken und distanziert geraten.
Sprachlich hast du mMn einige Probleme, was die richtige Tempuswahl angeht. Es mag sein, dass du den Duktus der Protagonistin triffst, aber irgendwie habe ich den Eindruck, dass mir ein kindlicher Forrest Gump was erzählt, anstelle "Der Traumfänger" und ein Aborigine-Mädchen.

Trotz der Kritikpunkte funktioniert dein Text dahingehend, dass du mir als Leser genügend Anhaltspunkte und Freiraum für das Setting deiner Geschichte bietest. Nach dem das erste Lesen eher als Orientierung diente, entfaltet sich mir beim nachfolgenden Lesen ein stimmiges Bild, in dem ich die Infos, die ich recherchierte, mit dem Text zusammenfügen konnte.

Du hast es in meine Top Ten geschafft: deux points.

Merci beaucoup,
Constantine
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Dmitrij
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 44
Beiträge: 81
Wohnort: von der Zivilisation abgeschnitten in Wien-Umgebung


BeitragVerfasst am: 05.12.2016 00:08    Titel: Re: Pangari Antworten mit Zitat

Zitat:

Bis der Protector kam.

Es erinnerte mich sehr stark an "Battle Royale" (Koushun Takami). Das Buch, im Gegensatz zur Verfilmung, ist lesenswert. Vielleicht bist du jung, wie der o.g. Autor damals war, als er sein erstes Bestseller schrieb. Oder hast du absichtlich diese abgeflachte emotionslose Schreibweise gewählt? Wink Dadurch rückt die Handlung in Vordergrund und diese Handlung bleibt dem Thema treu.

4 Punkte bekommt von mir deine Pangari, weil diese Geschichte eine der wenigen ist, welche mit einem aktuellem gesellschaftlichen Phänomen konfrontiert, weil ich deine Position nachvollziehen kann und dich dafür als eigenständigen Autoren schätze. In diese Zeit darf man sich nicht von der Menschheit distanzieren, vor allem dann, wenn man über so ein Thema wie Niemandsland schreibt. Weil mit einem Staat verbinde ich Grenzen und diese Grenzen werden von Menschen gezogen und mir persönlich gefehlt ganz und gar nicht wie wir Menschen miteinander umgehen.

Heute, mit zirka 53% der Stimmen wurde Alexander Van der Bellen zum Österreichischen Bundespräsidenten gewählt. Bedeutet es, dass 47% im Land die Rechtspopulisten sind? Heutzutage vergisst man sehr gerne, dass die meisten Europäischen Länder im NATO sind und zusammen mit Amerika die Ausbildung und die Waffenversorgung der Mudschahidin und Taliban finanzierten. Warum erwähne ich diese islamischen Terroristen? Weil die genauso wie die Weißen Leute aus deiner Geschichte handeln. Weil sie Ihre Religion (bzw ihre Rasse) über die anderen erheben. Heutzutage wird man auf die Flüchtlinge gehetzt, anstatt das eigentliche Problem zu beseitigen, anstatt eigene Fehler zu gestehen. Entschuldigung, es sollte aus mir raus.

Ich vermisse in deiner Geschichte die Tiefe, die Sicht aus der Perspektive des Opfers, die Emotionen von Pangari. Ich könnte sie sehen, ihr Schicksal verfolgen, aber ich könnte sie und ihren Schmerz leider nicht fühlen.  

Solidarisch, Dmitrij


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Selbst wenn du ein überzeugter Optimist bist, unterschätze niemals all die pessimistisch denkenden Menschen;-)
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Seraiya
Geschlecht:weiblichAutor


Beiträge: 886



BeitragVerfasst am: 06.12.2016 00:36    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,


Leider kann die Texte aufgrund von Zeitmangel nicht so kommentieren, wie ich es gerne würde und wie sie es verdienen.

Sehr berührend, sehr fesselnd.


LG,
Seraiya
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Literättin
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 52
Beiträge: 1640
Wohnort: im Diesseits
Das silberne Stundenglas Der goldene Roboter
Lezepo 2015 Lezepo 2016


BeitragVerfasst am: 06.12.2016 15:59    Titel: Antworten mit Zitat

Dieser Text funktioniert in meinen Augen nicht. Schablonenhaft wandert Pangari (Seele) durch ihr schablonenhaftes Leben, das hier in kurzen Abschnitten abgehandelt wird. Was gelungen ist: die einzelnen Sätze zwischen den Absätzen, denn die lese ich noch am ehesten (während ich nach dem ersten Absatz eigentlich nicht weiter will, da ich auch sprachlich eher Versatzstücke vorgesetzt bekomme) und diese einzelnen Sätze lassen mich noch aufhorchen.

Ansonsten reiht sich hier ein erwartbares Drama derart ans nächste, ohne dass die Hauptfigur für mich sichtbar und greifbar wird in dem Sinne, dass "sie mich etwas anginge".

Das Land ist Australien und Niemandsland, weil es niemandem gehört. Auch dies wird eher nur so gesagt, ohne dass "es mich etwas anginge".

Die Geschichte an sich ist ambitioniert, aber leider sehr flach und sehr eingleisig.

Der letzte Absatz setzt hinter das schablonenhaft "abgespulte" Drama ein Ausrufezeichen und erklärt also, was ich jetzt zu empfinden habe, aber ich empfinde es nicht. So, wie die Geschichte hier aufgerollt wird, bleibt sie leblos und lässt mich regelrecht kalt.

Was sich wahrscheinlich brutal anhört, aber leider mein "Leseerlebnis" wiedergibt.

Ich vermute, es liegt an allzu bekannten Bildern die in allzu bekannte Sätze gekleidet werden. Spätestens beim Satz: "Dann warf er mich auf die Matratze und tat mir weh. Nicht nur zwischen den Beinen, sondern auch im Herzen." bin ich raus aus der Geschichte, nachdem ich mich durch die Regenbogenschlangen-Einleitung gekämpft habe, die nicht in irgend einer Weise die tiefe Bedeutung transportiert, die dieser Mythos für die australischen Ureinwohner hat.

Ich könnte sagen, dies ist also einfach nicht meins. Auf der anderen Seite aber finde ich, dass diese Erzählung schlichtweg ihrem gewählten Thema nicht gerecht wird, denn dieses, der tragische Lebenslauf einer australischen Ureinwohnerin die in die Fänge arroganter weißer Machthaber gerät, ist an sich brisant und es ließe sich - sofern hier nicht ein Klischee nach dem anderen bedient würde - vermutlich auch so erzählen, dass es mich als Leser auffordert, mich über mehr als ein in eine Schablone gepresstes Drama zu empören.

Ich glaube, es ist das Fehlen des wirklich spürbar gemachten Dramas, welches sich an wirklich spürbaren Menschen vollzieht, dass es mir unmöglich macht, hier Punkte zu vergeben.
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Heidi
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 37
Beiträge: 911
Wohnort: Hamburg


BeitragVerfasst am: 06.12.2016 21:44    Titel: Antworten mit Zitat

Du hast eine berührende, hochdramatische Geschichte geschrieben, vor allem, wenn man bedenkt, dass es sich hier um Realität handelt. Die Umsetzung des Mottos hast du eindringlich durch die Lebensabschnitte dargestellt, die deine Erzählerin zu bewältigen hat und mit jedem Mal einen Neuanfang startet, der dann ins nächste Dilemma führt. Das Thema Niemandsland kommt erst ganz zum Schluss und das finde ich schade, weil es dadurch aufgesetzt wirkt, als hättest du dich zu sehr auf das Motto konzentriert und darüber vergessen, dem Thema schon während des Schreibprozesses gerecht zu werden. Es gibt andere Geschichten, die mich diesbezüglich mehr überzeugt haben. Auch halte ich deinen Text nicht für ungefügig, er kommt eher "brav" rüber.

Keine Punkte


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Und meine Sonne
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Oktoberkatze
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 52
Beiträge: 325

Ei 1 Ei 9


BeitragVerfasst am: 06.12.2016 23:18    Titel: Antworten mit Zitat

Thema: sehe ich in der Verlorenheit der Prota gut umgesetzt
Motto: sehe ich ebenfalls gut umgesetzt
Inhalt: sehr eindringlicher, beschämender Text über jahrhundertelang praktiziertes Unrecht
Fazit: der letzte Absatz stört mich ein wenig, hat in seiner erklärenden Sachlichkeit mMn etwas vom erhobenen Zeigefinger Embarassed


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Lapidar
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger

Alter: 55
Beiträge: 2787
Wohnort: Wangen im Allgäu


BeitragVerfasst am: 08.12.2016 20:46    Titel: Antworten mit Zitat

... und wahrscheinlich hat sich nichts geändert.
Das ist jedenfalls wirklich ein immerwährender Kreislauf, vielleicht kann die Prota wirklich neu beginnen.


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tronde
Hobbyautor


Beiträge: 406

Das goldene Aufbruchstück Das silberne Niemandsland


BeitragVerfasst am: 09.12.2016 23:08    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo!
Die Idee zur Umsetzung der Mottos gefällt mir. Thema: Niemandsland ist für mich nicht das Gegenteil von Heimat. Auch sprachlich packt mich die Geschichte nicht, wirkt eher distanziert erzählt auch mich.
Wohl nicht in den Punkten.

Liebe Grüße
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V.K.B.
Geschlecht:männlichDichter und Denker

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Beiträge: 1093
Wohnort: an der Nordseeküste
Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 10.12.2016 01:54    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,
ein ernstes historisches Thema, und der Text liest sich wie ein Bericht dazu. Du ziehst alle Register: Sklaverei, sexueller Missbrauch, Alkohol, Drogen, Depression. Gerade dadurch erscheint mir das Schicksal der Protagonistin fast generisch, archetypisch. Ja, das hat es gegeben, und ist bestimmt nichts, wo Australien oder die Menschheit stolz drauf sein könnte. Leider sehe ich aber nichts, was dies zu einem Einzelschicksal macht, das jenseits der historischen Relevanz interessant wäre. Somit erreicht mich der Text leider nicht wirklich.

Von daher keine Punkte. Sorry, das ist gut geschrieben und ich habe es auch gerne gelesen, aber andere Texte haben mir besser gefallen und du hast es nicht in meine Top Ten geschafft, die Gründe dafür habe ich oben versucht dazulegen. Das heißt aber nicht, dass ich den Text jetzt schlecht fand und er mir nicht gefallen hätte.



Edit: Nach langer Überlegung, ewigen Vergleichen, alles vergessen und immer wieder von vorne beginnen wie neu, meine endgültige Wertung: leider nicht in meine Top Ten geschafft und von daher keine Punkte. Was aber nicht heißt, dass dich die Geschichte jetzt schlecht fand, eigentlich habe ich alle gerne gelesen. Aber da man nur zehn bepunkten kann, muss der Rest eben leer ausgehen, auch wenn's schwer fällt.


_________________
Der Möbiusstreifen ist der beste Beweis dafür, dass Komplexität die Projektion menschlicher Kleinheitsängste ist (Nis-Momme Stockmann)

Der Dumme schwimmt mit dem Strom, der Rebell schwimmt gegenan, der Weise schwimmt ans Ufer und ruft sich ein Taxi (original VKB)
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Babella
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 55
Beiträge: 596

Das goldene Aufbruchstück Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 10.12.2016 09:48    Titel: Antworten mit Zitat

Packend und beklemmend, in einem Rutsch gelesen, sehr berührt. Mehr habe ich nicht zu sagen.

_________________
- auch ich glaube, dass die Literatur das Beste ist, was gegen das Unglück erfunden wurde -

M. V. Llosa
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Jenni
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Beiträge: 3594

Das goldene Aufbruchstück Die lange Johanne in Gold


BeitragVerfasst am: 10.12.2016 16:09    Titel: Antworten mit Zitat

Die Geschichte von einer, die nirgendwo dazugehört. Sprachlich und formal schlicht erzählt, was der Geschichte und der Protagonistin aber auch angemessen ist.
Thema und Vorgabe absolut nachvollziehbar verarbeitet.

Im Wettbewerb gibt es viele solche Geschichten, die in sich schlüssig, rund und souverän erzählt sind. Diese hier hat den Pluspunkt des realen Hintergrunds, den du ihr zuletzt einräumst - ich weiß nicht, ob das nötig ist, mir wäre er sicher nicht bekannt gewesen, aber hätte man das in der Geschichte verarbeiten können, ohne ihr den naiven und schlichten Ton zu nehmen, da bin ich unsicher - jedenfalls. Gerade die Nüchternheit ist es, die sie letztlich berührend macht.

Im Vergleich hat es am Ende ganz knapp nicht für Punkte gereicht.
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Lorraine
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Beiträge: 648
Wohnort: France
Das goldene Stundenglas Ei 10
Pokapro 2016


BeitragVerfasst am: 11.12.2016 15:22    Titel: Antworten mit Zitat

Sorry, nur eine Platzhalter-Zeile, um bepunkten zu können.
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weltensegler
Geschlecht:weiblichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 90
Wohnort: Nürnberg


BeitragVerfasst am: 12.12.2016 11:39    Titel: Antworten mit Zitat

Neutraler Kommentar um werten zu können
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rieka
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Beiträge: 911



BeitragVerfasst am: 12.12.2016 14:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inco. Du hast die Geschichte eines aus seinem sozialen Umfeld herausgerissenen  Aboriginal-Mischlingskindes berührend und flüssig erzählt.
Ja, so war das wohl. Etwas Ähnliches gab es auch in der Schweiz mit Zigeunerkindern und weiß der Himmel wo sonst noch überall auf der Welt – auch heute noch in einigen Ländern auf andere Art und Weise. Eine berührende Geschichte. Mit viel Sozialkritik.
Ich schwanke beim Lesen der einzelnen Geschehnisse etwas zwischen, ‚ja, das ist passiert‘ und ‚hmmm, vielleicht etwas viel Klischee‘. Wenn du weniger viele dramatische Ereignisse, die es in der Gesamtheit sicher gab, aufgezählt hättest und stattdessen mit weniger Beispielen dichter am Erleben der Protagonistin geblieben wärst, hätte ich wahrscheinlich nicht so empfunden. Meines Erachtens wolltest du zu viel Information auf einmal in diesen Text stecken, um das Drama dieser Frau deutlich zu machen. Das halte ich für nicht nötig, denn diese Information liegt bei Lesern, die den Text annehmen, vor.
Die Kurve zum Niemandsland hast du am Ende noch gekriegt. Das Niemandsland im realen Sinn liegt klar auf der Hand. Auch das Niemandsland im Inneren wird jetzt benannt. In der Geschichte habe ich sie vor diesem Ende zwar vermuten, aber noch nicht fühlen können, jetzt ist sie da.
Ich finde, deine interessante Geschichte ist es wert, auf die oben von mir genannte Fülle zu mehr Fühlen hin leicht korrigiert zu werden.
Zu Punkten hat’s bei der Menge an guten Texten nicht gereicht.
0 Punkte
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Piratin
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Ei 2


BeitragVerfasst am: 12.12.2016 18:07    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,

das packt den Leser emotional und gerade durch den letzten Satz bleibt es haften. Das Thema ist getroffen und ich gebe 7 Punkte.
Viele Grüße
Piratin


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holg
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Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 13.12.2016 09:36    Titel: Antworten mit Zitat

Ohne Google habe ich keine Ahnung, was Pangari ist. Das löst der Text auch nicht auf. Und selbst nach dem letzten Abschnitt bin ich etwas ratlos, da google das Wort eher im indisch-asiatischen Teil der Welt verhörtet, als in Australien.
Ich lese Niemandsland als das Gefühl, nirgendwo hin zu gehören, entwurzelt, zwangsumerzogen und selbst nach Pseudorehabilitaion und Therapie nirgendwo zugehörig zu sein. Das ist einigermaßen traurig und wäre es auch ohne das mir zu plakative Betroffenheitsgedudel.
Neuanfänge gibt es einige, Vergessen nie, auch wenn es die Erzählerin behauptet. Insofern ist eine der Vorgaben nur teilweise umgesetzt.


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bamba
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Beiträge: 204



BeitragVerfasst am: 13.12.2016 15:15    Titel: Antworten mit Zitat

Diese Geschichte bräuchte wohl mehr als zehntausend Zeichen, um mich zu berühren.
Allenfalls ein Thema für einen Roman?
Hier bleibt die Protagonistin nur ein Opfer, von denen ich weiß, dass es sie ungezählt gibt und gab in der Welt (von diversen Ungerechtigkeiten). Ebenso die Täter (z.B. der Hausherr) bleiben nur Täter.
Weit weg, lange her, für mich gibt es nichts im Text, was mich betrifft.
Will nicht über etwas nachdenken, nur weil es vielleicht geschah. Erzählt wird die Geschichte ansprechend. Sorry, keine Punkte..
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Tjana
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Alter: 59
Beiträge: 1757
Wohnort: Inne Peerle


BeitragVerfasst am: 13.12.2016 20:22    Titel: Antworten mit Zitat

Zwangsentführung, ein fast nüchterner Bericht.
Mir zeigt er, dass die Erzählerin nur mit Distanz zurückzuschauen in der Lage ist. Toll gemacht!
Thema, Motto und Anspruch erfüllt, hoffentlich reichen meine Punkte


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Wir sehnen uns nicht nach bestimmten Plätzen zurück, sondern nach Gefühlen, die sie ins uns auslösen
In der Mitte von Schwierigkeiten liegen die Möglichkeiten (Albert Einstein)
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Lionne
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Beiträge: 455

Ei 8


BeitragVerfasst am: 16.12.2016 12:11    Titel: Re: Pangari Antworten mit Zitat

Diesen Text las ich fast als letztes. Weil mich der Titel nicht gereizt hat. Ich konnte damit nichts anfangen smile. Und gelesen habe ich sehr kritisch. Der Anfang kam mir vor wie ein leichtes Märchen, übertrieben blumig geschrieben. Doch dann packte mich die Geschichte dieses Mädchens.

Im Vergleich mit den anderen Texten ist dies hier eine außergewöhnliche Themenwahl. Aber mMn extrem passend.
Sehr berührend! Am Ende hatte ich Hühnerhaut.


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Wenn wir in uns selbst ein Bedürfnis entdecken, das durch nichts in dieser Welt gestillt werden kann, dann können wir daraus schließen, dass wir für eine andere Welt erschaffen sind.
C.S. Lewis
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