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Kettenreaktion


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

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BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Kettenreaktion eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der Bürgermeister grinste zufrieden, als der letzte Plastiksack in dem Container verschwand. Im Augenblick des Triumphes über den letzten verlotterten Schandfleck seiner Stadt reckte er die Brust und wartete gönnerhaft auf die nächste Frage der Praktikantin, die ihm das Lokalblatt geschickt hatte. Natürlich platze die Tüte  auf, wie die meisten. Temperaturen um die Null Grad machten das Material spröde. Eine kleine silberne Kugel, die an einer ungleichmäßigen Kette hing, wurde durch die Luft geschleudert und blieb am Riegel der Außenwand hängen.  Der undefinierbare  Inhalt einer abgewetzten Thermoskanne ergoss sich über Schlafsäcke, Isomatten und das schwarze lamb of god-shirt, das einer der Penner im letzten Sommer immer getragen hatte. Die Brühe stank fürchterlich. Die Praktikantin vergaß ihre Frage, rümpfte die Nase und trat einen Schritt zurück. Der Bürgermeister hatte nichts dagegen, das Interview zu beenden, weil die feuchte Kälte langsam unter seinen Filzhut kroch. Zwei seiner Stadträte halfen ihm die Böschung hinauf, ein dritter öffnete die Fahrertür seines Dienstwagens. Es war nicht weit bis zur Villa, genau genommen nur ein paar Meter. Trotzdem hatte er das Auto genommen. Schließlich  musste er auf solchen Terminen etwas darstellen, was er nicht konnte, wenn er sich die Füße platt lief. In der hohen Eingangshalle wartete sein Enkel auf ihn. Auf nassen Socken lief ihm der Kleine entgegen und hinterließ schlammige Spuren auf den Marmor-Fliesen. „Schau mal, was ich gerade  gefunden habe! Unter der Hecke neben der Tür. Schenk ich dir!“  Er öffnete seine Faust und hielt seinem Großvater ein schmutziges Tee-Ei unter die Nase. Der Bürgermeister unterdrückte den ersten Reflex, das wertlose Ding in den Mülleimer zu werfen. Er hatte seiner Tochter versprochen, den Kleinen nicht vor den Kopf zu stoßen. Mit spitzen Fingern zog er ein Taschentuch aus der Hosentasche, umwickelte das eklige Geschenk und steckte es ein. „Schau ich mir nachher an. Jetzt ist keine Zeit mehr. Bestimmt steht das Essen schon auf dem Tisch. Geh dir schon mal die Hände waschen.“

Sabine schlug den Kunstpelzkragen ihrer Jacke hoch. Der kalte Wind fuhr ihr in den Nacken. Billy rannte voraus und kläffte die welken Blätter an, die vor seiner Nase durch die Luft wirbelten. Ihn störte weder Frost noch Schneeregen, aber sein Fell war schließlich auch lang und dicht. Sie nahm den Weg direkt am Fluss entlang zur Brücke, wo die Obdachlosen ihre Kojen aus Kartons und Folien aufgestellt hatten. Auf dem Dachboden hatte sie noch ein paar alte Decken gefunden, die sie den  armen Seelen in ihrem kalten Lager bringen wollte. Nur gab es unter der Brücke keine Kojen mehr. Stattdessen stand dort ein Müllcontainer, aus dem beißender Gestank drang. Was wollte Nicole an diesem Ort? Bestimmt hatte das mit dem Ferienjob bei der Zeitung zu tun. Aber nicht nur das Mädchen hatte es gerade sehr eilig, das Ufer zu verlassen. Überrascht erkannte Sabine den Bürgermeister höchstpersönlich. Er ließ sich von seinen Parteifreunden die Böschung hinaufschieben. Bestimmt hatte er etwas mit diesem verdammten Container zu tun. Seit Monaten wetterte er gegen die armen Leute in ihren improvisierten Schlafhöhlen. Nur hatte er bisher nie die Mehrheit des Stadtrats hinter sich gebracht. Sabine schüttelte den Kopf. Dann entdeckte sie ihren Hund, wie er über die Seitenwand des stinkenden Containers kletterte. „ Billy, runter da!“ Er hatte eine viel feinere Nase als sie selbst. Was zum Henker suchte er dort? Geschmeidig sprang Billy in den Matsch und rannte den Trampelpfad zum Parkplatz hinauf. Vor dem geteerten Bereich wartete er schwanzwedelnd auf sie. Erst jetzt bemerkte Sabine, dass er etwas im Maul trug. Eine unregelmäßige Kette hing ihm aus dem Maul. „Aus!“ Sofort ließ Billy seine Beute fallen und schaute sein Frauchen erwartungsvoll an. Sabine schob das schmierige Tee-Ei mit dem Fuß unter das nächste Auto  und suchte nach einem Stöckchen, das sie Billy werfen konnte, um ihn von seinem Fang abzulenken. Sie folgte ihm zurück zum Ufer und warf das Stöckchen jedes Mal ein Stück weiter.

„Mir ist kalt, ich habe keinen Bock mehr.“ Patrick trat die Zigarette aus und steckte seine Hälfte der mobilen Spielkonsole ein. Jan hörte ihn nicht. Natürlich nicht. Die Bässe aus seinem Kopfhörer dröhnten laut genug, um den halben Parkplatz damit zu beschallen. Erst, als er bemerkte, dass er keinen Gegner mehr hatte, sah er vom Display auf. „Was soll das? Ich war am gewinnen!“  Patrick zuckte die Schultern. „Meine Finger fühlen sich an wie Eiszapfen. Ich fahr zurück. Wenn du mit willst, steig ein.“ Murrend ließ auch Jan sein Gamepad in der Jackentasche verschwinden. „Du weißt genau, dass ich zu Hause nicht darf.“ Patrick drehte sich zu seinem Freund um. Klar hatte Jan strenge Eltern. Aber wenn er nicht die zweite Ausbildung am Stück geschmissen hätte, würde er vermutlich inzwischen selbst Geld verdienen und müsste sich die Macho-Sprüche von seinem Alten nicht länger anhören. Jeder kann was aus seinem Leben machen. Man muss die Zeit, die einem vergönnt ist, nur richtig nutzen. Er behielt seine Gedanken für sich. Jan würde das nicht verstehen. Eine Ansammlung von Anzugträgern an der Böschung erregte seine Aufmerksamkeit. „Ist das da unten der Bürgermeister?“ Jan schnaubte. „Ist doch egal.“ Wenigstens folgte er ihm inzwischen zum Auto. Tatsächlich wurde der arrogante Sack von seinen Parteifuzzies umständlich in die Luxuskarosse gehievt. Bestimmt gab es in dem Vehikel Sitzheizung für jeden. „Jetzt komm schon.“ Jan schlurfte zur Beifahrertür, bückte sich und kramte unter dem Auto herum. Patrick drehte den Zündschlüssel im Schloss und startete den Wagen. Endlich schlug Jan die Beifahrertür zu. Dicht hinter der schwerfälligen Limousine des Bürgermeisters bog Patrick von dem Parkplatz in die Hauptstraße ein. Ein breites Grinsen machte sich in seinem Gesicht breit, als er das Gaspedal durchtrat und die dicke Limousine überholte. „Meine Kiste hat Power, da helfen dir deine Sitzheizungen auch nicht.“ Mit quietschenden Reifen scherte er vor dem Bürgermeister ein. Jan ließ ein undefinierbares Ding an einer kette wie ein Pendel vor seiner Brust  baumeln. Patrick rümpfte die Nase. „Was ist das denn?“. Jan zuckte die Schultern. „Keine Ahnung, lag unter dem Auto. Ich dachte, vielleicht fällt deine alte Mühle ja langsam auseinander.“ Patrick packte das Ding, damit es aufhörte, zu baumeln. Es fühlte sich glitschig an. „Ist ja widerlich. Wirf das weg.“ Jan reagierte nicht. „Das ist ganz bestimmt kein Teil von meinem Golf. Wirf es weg!“ Endlich öffnete Jan das Fenster und warf seinen Fund in die Hecke am Straßenrand. Im Rückspiegel beobachtete Patrick, wie der Chauffeur des Bürgermeisters den Blinker setzte.

Konstantin von Degener krallte  seine Finger in die Brüstung. Der Wind pfiff hier oben auf der Brücke um einiges kälter als unten in seinem Zuhause … das es nun nicht mehr gab. Er schwankte und wusste nicht, ob das am Wind lag oder daran, dass er schon bei der dritten Flasche angekommen war. Die Stofftasche, die an seinem Unterarm baumelte, fühlte sich verdächtig leicht an. Vermutlich hatte er diese Flasche auch schon so gut wie leer. Kaum mehr als zehn Meter unter ihm verlud jemand seine Habseligkeiten in einen rostigen Container. Den Schlafsack, die Matte, den Campingkocher und die Ravioli-Dosen. Und seine Erfindung. Die ganze Zeit über hatte er sein Muster aufgehoben und versteckt. Das Muster, mir dem er vor so vielen Jahren von Konzern zu Konzern gerannt war. Die ersten hatten ihn nicht für voll genommen und die, die sich von der Wirkung überzeugen konnten, hatten Angst bekommen und ihn weg geschickt. Die Zwielichtigen hatte er selbst nicht gewollt. Konstantin von Degener glaubte nach wie vor an seine Idee. Ein sauberer Sprengstoff für Abrissfirmen, den man kabellos und ohne Lunte zünden konnte. Nur, indem man ihn zuerst in Milchsäure tunkt, dann eine Weile feucht hält und dann in einer entsprechenden Thermohülle auf 38 grad Celsius erwärmt. Eine Revolution wäre das gewesen! Nur hatte ihm keiner geglaubt. Sein Physik-Professor war noch der Freundlichste gewesen. „Du bist deiner Zeit einfach voraus“, hatte er ihm gesagt, „Warte einfach ab, dann spielt dir die Zeit in die Karten.“ Allerdings ist Abwarten nicht leicht, wenn man den Job für die Erfindung aufgegeben hat, die Wohnung nicht mehr bezahlen kann und keine sinnvolle Berufserfahrung vorweisen kann.  Seine Familie hatte sich längst von ihm distanziert. Aber das war ein anderes Leben. Er hing schon wieder seinen Gedanken nach. Der Bürgermeister war längst wieder weg und er musste irgendwo einen Platz für die nächste Nacht finden. Auf der anderen Seite der Brücke knallte es, als hätte jemand einen verspäteten Silvesterknaller gezündet, nur viel lauter. Die Druckwelle überholte den Wind. Eine hellrote Feuersäule erhob sich über die Hauptstraße, gefolgt von einer schwarzen Rauchwolke.

Patrick bremste den Wagen und starrte mit offenem Mund auf die Rauchsäule.

Jan verpasste den ganzen Spaß. Er wippte zur Musik aus seinen Kopfhörern.

Sabine zuckte zusammen und holte erst wieder Luft, als sie sich sicher war, dass das Feuer nicht in ihrem Haus ausgebrochen war.

Billy drückte sich winselnd gegen ihre Schienbeine.

Nicole zückte ihr Handy und filmte die Stichflamme.

Der Enkel des Bürgermeisters  lief dem Chauffeur seines Großvaters schreiend aber unverletzt in die Arme.

Der Bürgermeister selbst brach mit einer Fleischwunde am Oberschenkel zusammen. Die Haut um die blutende Wunde stank nach verbranntem Fleisch.

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