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Elastizität einer Linie


 
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Heidi
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

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BeitragVerfasst am: 18.02.2019 21:51    Titel: Re: aw:ElastizitäteinerLinie Antworten mit Zitat

Liebe lilli.vostry,

lilli.vostry hat Folgendes geschrieben:
Hallo,

der Titel hat mich neugierig gemacht, er steht in starkem Kontrast zum starr-festgefügten, trostlosen, unabänderlichen Inhalt, eines scheinbar von vornherein zum Scheitern verurteilten Lebens; da es mit dem Tod begann??! Die Mutter fiel nach seiner Geburt am Strand tot um...


so ist es. Becks Mutter starb am Strand. Ich finde den Tod der Mutter selbst skurill, dann aber doch wichtig für den Text. Zwischenzeitlich dachte ich auch, die Mutter solle leben und Gretas Part einnehmen. Nach genauerem Hinschauen, empfand ich diese Überlegung dann aber zu krass. Wenn die leibliche Mutter mit dem Polzisten vögelt, sich nicht um ihr Kind kümmert und dann auch noch die Maske. Ich konnte das so nicht schreiben.
Schön, dass dich der Titel neugierig gemacht hat und du einen Kontrast zum Inhalt entdeckst.

lilli.vostry hat Folgendes geschrieben:
Seither läuft alles schief in Becks Leben - so heißt er - kurze Passagen aus der Schulzeit und Erwachsenenleben, immer vor und zurück springend, schildern ihn als Verlierer. Geprägt von schlechtem sozialen Millieu und negativen Glaubenssätzen seiner Ziehmutter Greta: "Du bist nichts, aus dir wird nichts..."

Nur die Kunstlehrerin glaubt an ihn: "Du kannst alles, du bist alles."
Doch damit kann er nichts anfangen, die anderen negativen Sätze wirken stärker...

Mit 43 lernt er eine Frau, Isolde, kennen und heiratet sie am Strand.
Doch er tut mit ihr, was er als Kind sah, setzt eine Teufelsmaske auf und macht ihr Angst damit und geht ins Wasser... Sieht keinen anderen Ausweg für sich.


Vielen Dank für deine Interpretation.

lilli.vostry hat Folgendes geschrieben:

Schade. Spannender Stoff, berührend, steckt viel drin; leider wirkt die Geschichte in dieser Form auf mich arg konstruiert, bizarr, einseitig... Dass er sich einfach so damit abfindet, ein Verlierer zu sein und nichts gegen diese vorgefassten Meinungen über ihn zu tun weiß, außer Alkohol und Gewalt, nehme ich ihm nicht ab und ist mir zu wenig für eine gute, gelungene Geschichte mit wirklichem Tiefgang.
So bleibt nichts außer Mitleid und auch Unverständnis mit dieser Figur, Beck, der doch sicher auch mindestens eine gute Seite hat??! Unklar bleibt, was Isolde an ihm toll findet, wenn sie ihn immerhin heiratet?!


Mir war während des Verfassens des Textes bewusst, dass die Tiefe, die in gewissen Bildern steckt (ich hab sie eigeninnerlich reinglegt), durch die "mal-eben-so-erzählt-Schreibweise" nicht in Fokus geraten könnte. Diese Gefahr habe ich in Kauf genommen, weil ich für Becks Lebensgeschichte genau diesen egal-Ton für sinnvoll gehalten habe. Es geschehen bizarre Dinge, ja.
Was ich interessant finde, ist, dass du dir etwa die Frage stellst, warum Beck trotz dieser mindestens-einer-guten-Seite in sich, nicht aus seinem Teufelskreis rauskommt. Das wäre der Anfang dessen, was ich mir von diesem Text erhofft hatte. Fragen zu bewegen, die dann weiter geführt werden im Leser. Auch die Isolde-Frage: Warum heiratet sie ihn, was findet sie an ihm toll? Solche Zwischenräume hatte ich mir erhofft, könnte der Leser/die Leserin selbst für sich füllen.

lilli.vostry hat Folgendes geschrieben:

Und woher weiß der Dreijährige, dass der Mann, mit der Teufelsmaske, mit dem Greta gerade Sex hat, ein "verheirateter Polizist" ist?


Ich bezweifle sehr, dass Beck das wusste, aber der auktoriale Erzähler, der konnte genau das sehen.

lilli.vostry hat Folgendes geschrieben:
Hier bleibt mir zu viel unklar, nicht glaubhaft formuliert.

Daher bist Du leider nicht unter meinen zu befedernden Texten.


Es gab noch eine andere Leserin, die den Text als zu sehr erfunden, zu wenig glaubhaft empfunden hat. Ich denke eher das Gegenteil: Die Geschichte ist beinah schon zu reallistisch, wenn auch übertrieben erzählt. Aber Geschmäcker sind verschieden. Ich kann nachvollziehen, warum es von dir keine Punkte für Beck gab und das ist für mich vollkommen okay.

Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar.

Liebe Grüße
Heidi


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Heidi
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BeitragVerfasst am: 19.02.2019 22:15    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Michel,

Michel hat Folgendes geschrieben:
Ein verlorenes Leben, in kurzen Episoden erzählt.


genau das wollte ich: erzählen von einem verlorenen Leben.

Michel hat Folgendes geschrieben:
Mutter tot, Vater gleichgültig, Greta Domina, Lehrer furchtbar, Kind übergriffig, Schule abgebrochen, Arbeit scheiße, Hochzeit Erlösung, Teufelsmaske zerstört alles, Beck ersoffen. Lapidar, knapp, präzise, inhaltlich nur schwer auszuhalten.


Dankeschön für die Zusammenfassung in knappen Worten, die sehr treffend sind. Über das Fette freu ich mich besonders.

Michel hat Folgendes geschrieben:
Reicht das für E? Gefühlt eher nicht.


Ach, scheiß auf E. Laughing Nein, ist nicht E, Michel, damit hast du sicherlich recht.

Michel hat Folgendes geschrieben:
Ungewöhnlich sind vielleicht die Zeit-Verwerfungen des nicht linear erzählten Lebens, aber sprachlich finde ich wenig, das nachhallt.


Freut mich, dass du mein Zeit-Durcheinander als ungewöhnlich formulierst. Schade dennoch, dass kein sprachlicher Nachhall stattfindet. Vielleicht ein inhaltlicher? Das wäre mir wichtig.

Vielen Dank dafür, dass du dich mit meinem Text auseinandergesetzt und einen Kommentar geschrieben hast.

Liebe Grüße
Heidi


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Heidi
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BeitragVerfasst am: 19.02.2019 22:27    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe Jenni,

Jenni hat Folgendes geschrieben:
Beck ist als Waisenkind aufgewachsen, hat es nicht leicht gehabt, wurde öfter mal entmutigt, aber nicht nur, so einfach ist es nicht im Leben. Und das finde ich toll gemacht, durch die Auswahl der Momente, von denen du erzählst, und vor allem durch deren Anordnung, deutest du mehrere Verläufe an, die das Ganze nehmen könnte, zwingst mich beim Lesen immer wieder mein Urteil in Frage zu stellen, und so bleibt auch das Ende in dieser Hinsicht offen, welcher Beck wird sich da manifestieren.


du erkennst mehrere Verläufe, die Becks Leben annehmen könnte und das finde ich spannend, hochinteressant sogar.
Ich wollte eine innere Zerrissenheit in Beck zeigen, auch Möglichkeiten, die Beck offenstehen, die er nicht für sich ergreift. Es gibt Dinge in seinem Leben, die er durch seine Entscheidung in eine andere Richtung lenken könnte, das war mir wichtig, spürbar zu machen.
Dass ich dich beim Lesen dazu zwinge, dein Urteil in Frage zu stellen, freut mich besonders. Mehr kann ich mir nicht wünschen.

Jenni hat Folgendes geschrieben:
Erzählt in so einem spröde witzigen Tonfall, der aber Platz für den nötigen Ernst machen kann, wo es nötig wird. Solcherart Spiel mit der Wirklichkeit lese ich nicht nur sowieso gerne, sondern du setzt damit auch toll das Thema (Un-)Haltbare Gegenwart um. Und von den Texten, die nach Vorgabe 1 erzählt sind, also ein ganzes Leben umfassen, finde ich, dass dieser am meisten daraus macht.


Vielen Dank für so viel Lob. Ich lass das mal so stehen und freue mich.

Jenni hat Folgendes geschrieben:
Punkte ja, wie viele, das entscheidet sich noch, wenn ich alles gelesen und kommentiert habe.

Ha, zehn am Ende, wer hätte das gedacht. Ich nicht, weil der Text mich jetzt nicht sofort völlig vom Hocker gehauen hat. Aber letztlich finde ich hier sowohl Thema/Vorgaben konsequent umgesetzt, als auch eine Geschichte, die ich gerne lese und die mich zu interessieren weiß.


Ich bin auch überrascht, dass es so viele geworden sind und danke dir dafür und für die Auseinandersetzung mit meinem Text.

Liebe Grüße
Heidi


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Heidi
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BeitragVerfasst am: 25.02.2019 19:42    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo nebenfluss,

nebenfluss hat Folgendes geschrieben:
Hallo Inko,

ja, das ist gut gemacht, dieses geraffte Leben, obwohl es aus meiner Sicht auch chronologisch funktioniert hätte. Das scheint mir eher eine Spielerei zu sein. Macht aber nichts.


gut gemacht freut mich und ja, ich bin ein verspieltes Mädchen.

nebenfluss hat Folgendes geschrieben:
Auch den schnodderigen Tonfall mag ich, passt zum Milieu, aus dem Beck zu stammen scheint. Die Mutter ist vielleicht etwas überzeichnet, aber was weiß ich schon von solchen Müttern.


Der Tod der Mutter, der ist sicherlich überzeichnet, und die Greta als Figur auf alle Fälle. Schön, dass du den Tonfall als zum Milieu passend empfindest. Mir geht es damit ebenso.

Vielen Dank für Kommentar und Punkte.

Liebe Grüße
Heidi


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Heidi
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BeitragVerfasst am: 25.02.2019 19:55    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo anderswolf,

anderswolf hat Folgendes geschrieben:
Beck mich am Ärmel, das ist ja mal eine überzogene, gleichzeitig nachvollziehbare Geschichte.


 Laughing Vielen Dank für diesen schönen gelungenen Satz.
Du drückst damit aus, was ich unter anderem drin haben wollte.

anderswolf hat Folgendes geschrieben:
Das Kind verschiedenster Traumata, aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, mal von vorn, mal von hinten, mal mit, mal ohne Maske, immer aber ohne Selbstbewusstsein.


So ist es. Aus verschiedenen Gründen ist da nicht viel Selbstbewusstsein vorhanden im Beck.

anderswolf hat Folgendes geschrieben:
Beck, der arme Teufel, dem die Wertekoordinatoren nix Brauchbares mitgegeben haben.
Moral von der Geschicht: Pass auf, was Du dem Kinde sagst und zeigst, es fällt schneller in den Brunnen, als Du es mit dem Bade ausschütten kannst. Herzlich willkommen im Gulasch sozialer Verwahrlosung.


Eine Moral hab ich nicht reinpacken wollen in den Text, aber das was du sagst, sehe ich ähnlich. Das Umfeld hat großen Einfluss auf einen heranwachsenden Menschen, es hätte aber auch noch anderes gegeben, was Beck hätte ergreifen können zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht. Dummerweise war der weniger schöne Teil seines Umfeldes, der ja sehr viel größer war als der positive, stärker und hat ihm sein Selbstbewusstsein genommen, noch ehe es hervorsprießen konnte, was sicherlich in sehr vielen Fällen vorkommt, die Ähnliches erfahren wie Beck. Das ist traurig.

Und was seh ich da? Beck hat den dritten Platz in deiner persönlichen Top Ten erreicht. Das freut mich sehr. Smile

Danke für den Kommentar und die vielen Punkte.

Liebe Grüße
Heidi


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Heidi
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BeitragVerfasst am: 25.02.2019 19:57    Titel: Re: Elastizität einer Linie Antworten mit Zitat

Hallo fabian,

fabian hat Folgendes geschrieben:
Kommentiert um noch bewerten zu können.


kurze, knackige Worte und als Belohnung die Mitte deiner Punkte.

Vielen Dank
Heidi


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Heidi
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BeitragVerfasst am: 14.05.2019 22:04    Titel: Antworten mit Zitat

.

Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont. *


_____


Elastizität einer Linie



Leckt mich am Arsch, sagte Beck als er das Schulgebäude betrat, achte Klasse, Wechsel nach so vielen Jahren, weil er von der anderen geflogen war und ja, das Leben konnte ihn am Arsch lecken.
Beck war nicht blöd, nein, er war intelligent zur Welt gekommen, aber Greta behauptete, er sei ein Verlierer und Greta musste es wissen, sie war bei seiner Geburt dabei gewesen.

Beck hätte im Krankenhaus geboren werden sollen, aber seine Mutter reagierte nicht rechtzeitig, weshalb Beck am Strand zur Welt kam.
Ist ein Junge, sagte Greta zur Mutter, aber die Mutter antwortete nicht. Sie sank zu Boden und sprach mit gequälter Stimme ein Stoßgebet, was ihr aber auch nicht half.
Tot, mausetot am Strand, exakt zwei Minuten nach Becks Geburt. Das Gebet waren ihre letzten Worte gewesen, so hatte Greta das Beck später erzählt.
Sie sagte: Beck, dein Leben hat mit dem Tod begonnen.

Und so fühlte sich Beck auch an diesem ersten Tag in der neuen Schule: tot. Oder war es eher der Bau, der im tot vorkam und ebenso tot auf ihn zurückstrahlte? Siebziger Jahre, trostlose Flure, biedere Klassenzimmer – nichts, was Beck innerlich ausgefüllt hätte und der eine Lehrer, der gab ihm den Rest.
Beck stand vor der Eingangstür, etwas verträumt und etwas breitbeinig – er dachte an Veronika aus der alten Schule, weil er ihr Haar mochte – und dann dieser Lehrer, der sich über ihn beschwerte, ihn zur Sau machte, weil Beck eben breitbeinig vor der Tür stand und ihm den Weg versperrte.
Das werde ich der Schulleitung melden, sagte der Lehrer. Name?
Beck guckte nur verwirrt, anstatt zu antworten. Ihm entging aber nicht, dass der Lehrer ihn misstrauisch betrachtete.

Vielleicht bin ich deshalb ein Verlierer, sagte Beck mit fünfunddreißig zu Kevin, denn er hatte gehofft, endlich auch eine Familie zu gründen. Dazu fehlte ihm aber noch immer eine Frau.
Ich sag´s dir Kevin, mittlerweile glaub ich, dass es an meiner Mutter liegt – sie ist Schuld daran, dass ich bei den Frauen kein Glück habe. Warum musste sie krepieren am Strand? Ich frag mich, vielleicht wär sie nicht gestorben, wenn sie anstatt zu beten, einfach mich angeschaut hätte. Ich glaube, das wäre besser gewesen.
Kevin antwortete nicht, er zuckte nur mit den Schultern und trank einen Schluck Bier.

Mit sechs wurde Beck in einer Gesamtschule am sozialen Brennpunkt eingeschult. Becks Vater scherte sich nicht um ihn, weshalb Greta, die damals gerade einen Job als Küchenhilfe angenommen hatte, ihn bei sich aufnahm. Eine miese kleine Wohnung, die sich Greta und Beck mit dreizehn Katzen teilten. Greta hatte keinen festen Freund, dafür alle paar Tage einen anderen Kerl, mit dem sie vögelte.

Beck war drei Jahre alt, als er einen verheirateten Polizisten mit Greta zusammen erwischte. Das Bild von dem Mann mit Teufelsmaske vor dem Gesicht, gefesselt an den Holzverstrebungen seines Hochbettes, prägte sich tief in Becks Bewusstsein ein. Greta saß nackt und verschwitzt auf dem Polizisten, bewegte sich vor und zurück. Als sie Beck sah, nahm ihr Stöhnen ein Ende.
Hau ab, du Idiot!
Und Beck tat, wonach sie verlangte.
Nach diesem Ereignis schaffte Beck es nicht mehr, in seinem Bett zu schlafen, wovon er Greta aber niemals erzählte. Er baute sich am selben Abend eine Höhle und kletterte dort hinein, um seine Ruhe für die Nacht zu finden.  

Als er knapp nach seinem dreiundvierzigsten Geburtstag Isolde kennenlernte, fühlte Beck sich zum ersten Mal in seinem Leben angenommen. Mit ihr erging es ihm ähnlich, wie mit der See, die ihn angenehm beruhigte, gerade an Tagen, an denen der Sturm über dem Wasser tobte und der Horizont in Bewegung geriet. Beck liebte die Gewalt, die aus den Wellen sprach und sich dann am nächsten Tag urplötzlich auflöste, indem Stille herrschte. Keine Bewegung, nur sanftes Rauschen nach einer heftigen Nacht. Es war der Kontrast, der ihn erfüllte, auch tröstete und der sich – seinem Empfinden nach – dort am deutlichsten bemerkbar machte, wo Wasser und Himmel sich trafen.

Deshalb waren es die dankbaren Momente in Becks Leben, wenn Greta gemeinsam mit ihm zur See fuhr, um an die Mutter zu denken. Diese Tage empfand Beck als heilig, weshalb er Isolde an einem Frühlingstag – sie kannten sich etwas mehr als sechs Monate – direkt am Ort seiner Geburt, kurz vor Sonnenuntergang fragte, ob sie seine Frau werden wolle. Die Wellen bewegten sich ruhig an diesem Tag und Isolde antwortete mit einem Lächeln. Sie zog ihre Sandalen aus, bohrte ihren großen Zeh in den Sand und küsste Beck, anstatt zu antworten.
 
Beck war in der neunten Klasse, als sein Lehrer sich über seine Haare beschwerte. Zu diesem Zeitpunkt hatte er dermaßen schlechte Noten, dass klar war, er würde auch hier abbrechen müssen, wenn er nicht rausfliegen wollte.
Du hast es voll drauf, sagte seine Kunstlehrerin dennoch zu ihm. Sie war der einzige Mensch in Becks Leben, der etwas Positives in ihm sah.
Reiß dich zusammen, schau, dass du irgendwie bis zum Abitur durchhältst, und mach was aus deiner Kreativität. Glaub mir, du kannst alles. Du bist alles.
Aber Beck glaubte nur Bilder in sich zu haben, die flüchtig in ihm herumschwirrten, sich aber wieder auflösten, ehe er sie zum Ausdruck bringen konnte. Der Zweifel war es, der ihn jedes Mal einholte. Und Gretas Stimme.

Ich will Indianer sein, verkündete Beck wenige Tage vor der Faschingsfeier im Kindergarten, für die er sich verkleiden sollte. Greta schaute ihn nur seufzend an.
Junge, aus dir wird nichts. Ich sag dir das. Du bist nichts. Wie soll was aus dir werden?, murmelte sie und Beck rümpfte die Nase, weil er den Geruch des Alkohols nicht mochte, den sie ausdünstete.
Trotzdem ließ er nicht locker: Darf ich mich als Indianer verkleiden?
Greta taumelte zum Kleiderschrank, stellte sich auf ihre Zehenspitzen und kramte aus dem hintersten Fach eine Maske heraus.
Hier, was anderes hab ich nicht, waren ihre Worte und obwohl Beck schauderte, nahm er die Teufelsmaske entgegen.

Einmal war Beck frühmorgens mit Kevin unterwegs. Sie waren damals Anfang zwanzig. Beck arbeitete, seit er kurz vor dem Abschluss die Schule hingeschmissen hatte, bei einer Gebäudereinigungsfirma und lebte auf dem Existenzminimum.
Wie geht´s dir auf Arbeit?, fragte Kevin.
Beschissen, ich hasse es.
Kevin zuckte mit den Schultern; das tat er oft. Einfach mit den Schultern zucken. Dann drückte er Beck eine Flasche Wodka in die Hand. Sie tranken, während sie an der vierspurigen Straße entlangliefen.
Sei kreativ, oder so was Ähnliches, hat sie zu mir gesagt, erzählte Beck seinem Freund, während sie weiterliefen. Er meinte die Kunstlehrerin; es war Jahre her, als er zuletzt an sie gedacht hatte.
Kevin lachte. Verdammte Scheiße, das soll ein Witz sein, oder? Wie hat sie das denn gemeint?
Vielleicht so? Beck verpasste dem Blitzer, der am Fahrbahnrand stand, einen Tritt. Dann noch einen. Kevin tat dasselbe.
Mist, das tut verdammt weh, erklärte Kevin.  Er hielt sich den Fuß und kippte beinahe um.
Beck blickte verstohlen in die Gegend. Er lachte als ihm die Eisenstange ins Auge fiel, die in der Nähe auf einem Parkplatz lag.
Das ist für den Punkt letztens, brüllte er und prügelte auf den Blitzer ein. Meine ganz persönliche Kreativität.

Die Teufelsmaske wackelte etwas vor Becks Gesicht als er den Kindergarten betrat. Überall Girlanden und Konfetti, Beck rannte im Raum umher. Er wusste nicht so recht, was das sollte. Friederike ermahnte ihn, mal endlich ruhig zu sein und mit den anderen Kindern zu spielen, woraufhin Beck zu Marie rannte.
Fickerin, rief er dem Mädchen zu.
Um Himmels Willen, was sagst du da, Junge?, war Friederikes Reaktion gewesen. Komm mal zu mir.
Beck lief zu ihr und fasste ihr zwischen die Beine, woraufhin die Erzieherin mit entgeistertem Gesichtsausdruck zurückwich. Sie sagte nichts. Beck fasste noch einmal zwischen ihre Beine. Friederike hielt ihn fest, schalt ihn einen ungezogenen Jungen, drängte ihn in die hinterste Ecke, wo Beck mit Stühlen um sich schmiss. Friederike packte fester, brüllte mit ihm, aber es half nichts. Beck riss sich los, verschwand in der Puppenecke und verbrachte dort den restlichen Tag damit, monoton vor- und zurückzuwippen – das Gesicht noch immer mit der Maske bedeckt.

Die Hochzeit mit Isolde fand an der See statt, im nächsten Standesamt, das an dem Strand lag, an dem Beck geboren wurde. Nach der Trauung küsste Beck Isolde immer und immer wieder. Er konnte sein Glück nicht fassen.
Was willst du von einem Verlierer wie mir?, fragte er Isolde.
Sie spazierten gerade zur Pension, die günstigste, die in der Gegend aufzutreiben gewesen war.
Rede keinen Mist, Beck, sagte Isolde.

Du darfst heute nicht an den Computer, du hast Mist gebaut, sagte Greta zu Beck. Sie sprach ruhig, ihre Gesichtszüge wirkten aber kalt. Friederike hat mir erzählt, was du getan hast bei der Faschingsfeier. Sie sagt, ich soll mit dir zu einem Psychologen, sie sagt, ich soll mir bei der Erziehungsberatung Hilfe holen, sie sagt, sie müsse das Jugendamt einschalten, wenn dein Verhalten sich nicht bessert. Und was meinst du? So einen Scheiß brauchen wir nun wirklich nicht! Also, reiß dich zusammen Beck, sonst bekommst du ernsthaft Ärger mit mir.
Beck reagierte nicht. Auch am nächsten Tag im Kindergarten reagierte er nicht, wenn er angesprochen wurde.

Im Zimmer zog Isolde sich aus. Ein Kleidungsstück nach dem anderen und Beck schaute ihr dabei zu.
Warte, ich hol noch was aus dem Koffer, sagte er plötzlich.
Isolde trat einen Schritt rückwärts als sie die Teufelsmaske sah.
Was willst du damit, Beck?, fragte sie.
Aber Beck erwiderte nichts, er zog sich stattdessen ebenfalls aus, platzierte die Maske vor dem Gesicht und ging auf Isolde zu, mit neutralem Ausdruck in den Augen.
Beck, du machst mir Angst.

Mit dreizehn sprühte Beck Farbe auf die Spielgeräte eines Spielplatzes.
Ich sag´s dir, Beck, aus dir wird nichts, ich sag´s dir, sagte Greta zu ihm als die Polizisten mit ihm vor der Tür standen.

Der Wind wehte die Maske davon, während Beck zum Strand lief, nackt und außer sich. Sturm war aufgezogen und Beck breitete die Arme aus.
Beck, komm zurück, rief ihm Isolde hinterher.
Beck drehte sich nicht um, er lief in den Sturm bis er das Wasser erreichte.
Aus dir wird nichts, hörte er Gretas Stimme. Ein Verlierer eben.
Eine Welle brach über ihn ein und riss ihn von den Füßen.

Beck malte stumm ein Bild während des Sachkundeunterrichts. Es sollten Wellen werden. Du stinkst flüsterte ihm Felix zu, der neben ihm saß. Ich finde dich richtig eklig.

Nachdem er drei Jahre mit Isolde verheiratet war, verlor Beck seinen Job.
Warum starrst du immer in dieselbe Ecke, Beck, sagte Isolde. Beck? Hast du getrunken? Beck?

Auf dem Spielplatz traf Beck häufig auf ältere Jungs. Manchmal ging er auch abends dorthin, wenn Greta gerade mit einem ihrer Liebhaber beschäftigt war.
Hast du was zu Kiffen?, hörte er einen Jungen zu einem anderen sagen.
Nee, aber ich hab noch eine Flasche mit Cola-Rum-Gemisch. Er zog sie aus dem Rucksack.
Beck blickte verstohlen in die Richtung der beiden.
Na, Kleiner, willst du mal probieren?
Beck nickte und ging zögerlich auf die Jungs zu.

Du ziehst dich immer mehr in dich zurück, wimmerte Isolde. Du trinkst nur und sagst nichts, wenn ich mit dir spreche, Beck. So habe ich mir unsere Ehe nicht vorgestellt.
Und du weißt immer, was ich bin, und wie ich bin, und wie ich zu sein habe, fuhr Beck sie an. Halt die Klappe, Isolde!
Isolde hielt die Klappe. Sieben Monate später packte sie ihre Koffer.

Ich hatte einen Albtraum, darf ich bei dir schlafen? Beck stand im Schlafanzug vor Greta.
Hau ab, Beck, geh in dein Zimmer, leg dich hin!, hörte er im Dunkeln ihre Stimme. Sie klang genervt. Beck blieb im Flur stehen und wartete auf den Morgen.

Sie haben nur noch wenige Wochen zu leben, sagte der Arzt, nachdem er Beck die Diagnose Leberkrebs mitgeteilt hatte. Sie sollten schon jetzt damit beginnen, sich von den Menschen zu verabschieden, die ihnen wichtig sind.
Beck nickte, verschwieg aber, dass es niemanden gab, von dem er sich verabschieden konnte.

Magst du mit mir spielen?, fragte die neue Praktikantin in der Kita.
Hau ab, Arschloch, erwiderte Beck.
Vielleicht lesen? In einem Buch? Sie ließ nicht locker, hielt ihm ein Sachbuch über Meerestiere vor die Nase. Beck begann darin zu blättern.

Beck starrte an die Decke seines Krankenhauszimmers. Sein Körper fühlte sich steif an. Er hatte Schmerzen.

Anstatt die Matheaufgabe zu lösen, malte Beck einen Narwal, wobei er darauf achtete, dass der Lehrer nicht sah, was er tat. Dabei erinnerte er sich an das Sachbuch in der Kita, das er vor drei Jahren zusammen mit einer Praktikantin angeschaut hatte.

Beck starrte von der Decke des Krankenhauszimmers auf seinen Körper, der dort lag, in weiße Laken gehüllt, in einem Bett mit Gittergestänge vorne und hinten.

Du bist nichts, hörte er Gretas Stimme sagen.
Du bist kreativ, du bist alles, hörte er die Stimme seiner Kunstlehrerin sagen.

Beck fühlte blaue Farbe.
Alles. Nichts.

_____

*zwei Verse aus dem Gedicht „Die gestundete Zeit“ von Ingeborg Bachmann


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