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Warum sah Max von Sydow auf seine Uhr und schwieg?


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

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BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Warum sah Max von Sydow auf seine Uhr und schwieg? eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Warum sah Max von Sydow auf seine Uhr und schwieg?


Da! Die volle Minute, Max. Du wirst mir verzeihen, bin zu faul, um mir irgendeinen Startpunkt zu merken. Meine kontrollierte Spontaneität. Das Wo ist für den Augenblick unwichtig. Es ist nur ein Ort, wie dieser Wanderweg oder der Mistkäfer vor mir, der seine Dungkugel rollt. Er könnte sie auch dort drüben bei den Kühen auf der Weide, irgendwo in einem Keller oder auf dem Mars vor sich herschieben. Es wäre dem Moment egal, wo der Käfer sich befindet, oder der Specht, den ich gerade hämmern höre, oder wo ich bin. Bedeutender sind das Wie und das Warum. Warum bin ich hier auf diesem Wanderweg, blicke auf meine Uhr und schaue dem Insekt zu? Der Zeiger stockt, springt um eine Einheit, stockt wieder, springt erneut. Stillstand in der Bewegung oder Bewegung im Stillstand? So konstant und konsequent der Uhrzeiger den Moment auch fortfegt, so inkonsequent ist er in seiner Konsequenz. Er hält inne und enthält so viel zwischen jedem Ticken.

Über mir nähert sich ein Kondensstreifen einem anderen, berührt ihn fast. Wie in Zeitlupe und von Geisterhand malt sich diese weiße Linie in den blauen Himmel. Der Fingerzeig Gottes, pflegte mein Großvater dazu zu sagen. Ein schöner Gedanke, aber nein, Gott hat damit nichts zu tun. Gott hat mit all dem hier nichts zu tun, nicht mit dem Wald, der Wiese, dem Wanderweg, den Tieren. Diesen Moment habe ich erschaffen und ich bin neugierig, was er mir bringen wird.

Hier, vor meinen Füßen ist ein Mistkäfer. Er ist schwarz, hat sechs Extremitäten und ist determiniert. Wie viele Zentimeter legt ein Mistkäfer in einer Minute zurück? Ganz klassisch, der Käfer mit seiner Dungkugel. Er rollt sie im Rückwärtsgang mit seinen Hinterextremitäten und stößt sich dabei mit seinen Vorderbeinen ab. Auf diesem Wanderweg scheint er genau zu wissen, wohin es lang geht, hält Kontakt mit seiner Kugel und schiebt Millimeter für Millimeter dieses Ungetüm von Mehrfachem an Masse seines eigenen Körpergewichts. Er hat keine Angst, überrollt zu werden. Denkt nicht daran. Nein.

Zur Rechten grenzen Ahornbäume an den Weg. Die Sonne färbt die Blätter in unterschiedlichste Grünschattierungen, von grell bis zu tiefgrün, und ein leises Rascheln verbindet sich mit dem Hämmern des Spechts. Drüben auf der umzäunten Weide stehen verteilt acht Kühe und grasen. Ihre rostbraunen Felle leuchten im Sonnenlicht, als wären sie mit Kupfer bedeckt, ihre Kopfenden wirken wie Sahnehauben. Acht rosa Zungen, sechzehn kupferne Ohren, vierundzwanzig Hufe, acht wedelnde Schwänze und bestimmt unzählige Fliegen. Wo Kühe sind, sind Fliegen. In der Ferne hallt das Hämmern eines Spechts zum dritten Mal. Er möchte mir irgendetwas sagen. Irgendwas möchte er mir in den Kopf hämmern, was ich vergessen habe. Dessen bin ich mir sicher, sonst würde ich ihn nicht, nein, sonst würde ich alles um mich nicht so intensiv wahrnehmen.

Was denkst du darüber, Max? Was hast du gedacht, als du deiner Kollegin Liv gegenübergessen bist und eine Minute lang schweigend auf deine Uhr geblickt hast? Oder dachtest du nichts, so wie dieser Käfer, der unerschütterlich weitere Zentimeter zurückgelegt hat und für den Zeit nichts ist? Wie viele Atemzüge tätige ich, während ich ihm dabei zusehe? Ist es nicht so, dass eine Minute ein unbeachtetes Dasein fristet? Wo weiß man noch, eine Minute zu schätzen? Im Sport zählen meist Sekunden, Hundertstel und Tausendstel entscheiden über Treppchenplatz, Gold, Silber, Bronze. Im Beruf spricht man von der Arbeitszeit, der Achtunddreißig- oder Zweiundvierzig-Stundenwoche. Was zählt, ist der Stundenlohn, aber die letzte Arbeitsminute, die traut sich keiner laut zu wertschätzen, sie wird heimlich herbeigesehnt und das innere Lächeln hinter einem gottergebenen ›Oh, schade, schon Feierabend‹ versteckt. Und diesen Käfer da, den interessiert das alles nicht. Auch nicht das Laubblatt, das ihm den Weg versperrt, er manövriert seine Kugel geschickt drum herum und legt wieder einige Zentimeter zurück, genauso wie mein Sekundenzeiger, der Halbzeit signalisiert.

Der Kondensstreifen über mir schneidet den anderen und zieht genauso unbeirrt weiter. Warum blicke ich auf meine Uhr und denke an Max von Sydow? Auch ich schweige, wie er einst. Auch ich möchte anscheinend einen Punkt deutlich machen. Aber mir sitzt keine Liv Ullmann gegenüber. Niemand wird hiervon erfahren und niemandem werde ich meinen Standpunkt erläutern. So wie immer. Ich mache alles mit mir aus. Ich erinnere mich nicht mehr, wann ich das letzte Mal jemanden um Rat gefragt habe, wann etwas so sehr in mir rumort hat oder nach außen wollte, dass ich es mit jemandem teilte. Dieser wundervolle Augenblick hier beispielsweise. Wie soll ich den mit jemandem teilen? Jeder, der wie ich hier steht, sieht das Gleiche und doch auch nicht. Paradox, aber so ist es. Jeder wird anders empfinden und jeder wird etwas anderes wahrnehmen.

Sag mir Max, was ist der Punkt in meinem Stillstand hier? Die Veranschaulichung einer nicht enden wollenden Dauer einer einzelnen Minute? Oder der Vorbote meines beginnenden Wahnsinns, weil ich hier stehe, einem Mistkäfer zusehe und mit dir einen inneren Monolog führe? Ist es meine Art von Humor, dass ich an die Szene mit dir und Liv denken musste und hier und jetzt die Gelegenheit nutze, sie auf meine Weise nachzuspielen? Oder möchte mir meine Seele hier und jetzt etwas beibringen, was ich noch zu lernen habe? Dann solltest du dich aber beeilen, denn das letzte Drittel ist angebrochen und ich bin im Vergleich zu den anderen weiterhin noch so weit wie zuvor. Der Mistkäfer ist einige Zentimeter weitergewandert, die Kühe haben sich bewegt, einige liegen zusammengerottet im Gras und manche blicken gelangweilt zu mir rüber, was ich absolut nachvollziehen kann. Max, mich hat dein ewiger Blick auf die Uhr auch gelangweilt, und doch ist er mir in Erinnerung geblieben. Nun bin ich selbst der Langweiler: Alles um mich ist in Bewegung, nur ich stehe da und es macht mir nichts aus.

Der Himmel ist wie Kaffeesatzlesen. Großmutter müsste jetzt bei mir sein, sie würde Großartiges darüber zu erzählen wissen, was mir die Zukunft bringt: Ein riesiges, von blau umgebenes Himmelskreuz, die Kondensstreifen haben sich an ihren Enden zu Puderzucker aufgelöst und Schleierwolken erstrecken sich wie zarte Zuckerwatte bis zum Horizont. Großvater würde sich jetzt bekreuzigen und dabei lächeln. Auch ich lächle, weil ich meinen Großvater und Himmelskreuze mag, aber ich bekreuzige mich nicht. Nicht für Kondensstreifen, nicht für die Luftfahrt und nicht für die Passagiere.

Das Ticken des Zeigers vollendet die Minute. Ich schätze die Strecke ab, die der Mistkäfer mit seiner wertvollen Kugel zurückgelegt hat und welchen Weg er noch vor sich hat. Tue ich das nicht auch? Schiebe irgendwas vor mir her, was mich überrollen könnte? Anstelle es zu ändern, schiebe ich es über Steiniges, über Unebenheiten, über Steigungen, und droht es nach links oder nach rechts abzudriften, halte ich die Spur, halte den Kontakt, berühre es, justiere und rolle es weiter vor mir her.
Max, ich lächle und weißt du was, ich beginne eine weitere Minute.
Weißt du warum?
Weil ich es kann.
Punkt.

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