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ZerfallsProzesse oder als du das Buffet eröffnet hast


 
 
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Constantine
Geschlecht:männlichBücherwurm


Beiträge: 3438

Goldener Sturmschaden Weltrettung in Bronze


Beitrag11.08.2022 18:00
ZerfallsProzesse oder als du das Buffet eröffnet hast
von Constantine
eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

ZerfallsProzesse oder als du das Buffet eröffnet hast


Du bist die Ruhe selbst. Warum auch nicht? Besteht kein Grund zur Panik oder Angst. Ist es nicht das Normalste auf der Welt?

Du hast die Vorhänge zur Seite geschoben und die Fenster geöffnet. In der Rahmung jeweils einen Keil, damit sie nicht wieder zufallen. Ne, das wäre blöd. Die Tür hingegen, die kann nicht zufallen oder sich überhaupt schließen lassen. Der Türrahmen ist verzogen und das Schloss, seitdem du hier wohnst, kaputt.
Das Haus hat seinen eigenen Charakter. Wenn es regnet, tröpfelt es durch das ganze Haus. Alles, was aus Holz ist, quillt auf und zieht sich bei Trockenheit wieder zusammen. Die Nägel im Holz, in den Böden und Fußleisten haben sich langsam herausgeschoben. Überall kann man auf rostige Nägel treten oder sich den Ellenbogen an ihnen stoßen. Das hast du sehr oft, dir den Ellenbogen gestoßen oder bist in einen rostigen Nagel getreten.
Auf irgendetwas wartet das Haus – auf einen Wechsel bei dessen Zuständigkeit oder auf den Letzten Willen bei einer Testamentseröffnung. Und dann wird man es abreißen. Ohne dich, denkst du, aber bis dahin hast du deinen Zweck längst erfüllt.

Für diesen Anlass hast du dir ein Kleid gekauft. Passend zur Jahreszeit. Einmalig. Wie für eine Hochzeit, denkst du. Aber nein. Du bist dir immer noch nicht sicher, ob es das Normalste auf der Welt ist. Wenn du ganz unten angekommen bist.

Verrückt, denkst du, ja, du bist verrückt, denn du hast die Suche, vor allem wird es wohl die nach Liebe oder etwas anderem gewesen sein, eingestellt und den Sinn gefunden, den du wie ein Theaterstück, klassisch in drei Akten, inszenierst.

Der erste Akt: dir die Kontrolle zurückzuholen.
Nicht mit Schweigen.
Im Kleinen.
Hast den Leuten in die Augen geschaut. Dabei gesagt, hey, Mann, mach mich nicht an. Hast gedacht, damit hältst du dir das Schweigen oder die Leute fern, aber so ganz sicher warst du dir nicht, ob dies bei den Leuten wirklich so ankam oder sie dich einfach für überheblich und arrogant hielten und sich deswegen von dir abwendeten. Mittlerweile ist es dir egal, was die Leute über dich denken.

Dein Chef hat dich permanent zwischen den Abteilungen hin und her geschickt, als wollte er dich loswerden. Er nannte es ›abteilungsübergreifende Maßnahmen‹. Und du warst wieder sechs Jahre alt und bist mit Botschaften zwischen deinen entfremdeten Eltern hin und her gelaufen.
Du hast es als Sechsjährige gehasst und du hast es in deinem Job gehasst.

Spannungssteigerung im langwierigen zweiten Akt: dich von allem zu befreien – von deinem Wagen, von deiner Einbauküche, von deiner Couchgarnitur, von deinem Make-up, von deinem Job. Du bist umgezogen, einfach raus aus allem, weg vom Lärm der Stadt, und hast dich in diesem Haus im Außenbezirk einquartiert. Mit dem nötigsten an Kleidung und deinem Fernseher – ironisch, ja, davon hast du dich nicht trennen können und musst bei dem Gedanken, doch nicht ganz unten angekommen zu sein, lachen. Du Dramaqueen, denkst du.
Du hast ein Zimmer und würdest dir die Küche und das Bad mit den anderen Bewohnern teilen, wenn es welche gäbe.

Der Sommer ist in vollem Gang. Keine Wolke am strahlenden Himmel, die Sonne im Zenit und draußen zwitschert, summt und zirpt es. Irgendwo kabbeln sich Elstern und Krähen, in der Ferne ruft ein Baumfalke und das Muhen einer Kuh gesellt sich in den Geräuschteppich, der dein einladendes Aroma umgibt.

Du liegst wie in Zeitlupe auf dem Bett und wartest.

Mittlerweile müssen Jahre vergangen sein, als du in der Stadt gewohnt hast, dich Schlaflosigkeit geplagt hat - nichts half: kein bescheuerter Baldrian und/oder Melatonin, keine verdammte warme Milch mit/ohne Honig, keine esoterische Meditations-CD mit/ohne Meditation, kein hemmungsloser Sex mit/ohne Fremden - und du auf die wirrsten Gedanken gekommen bist. Wie damals, während der alltäglichen Fahrt zur Arbeit mit der U-Bahn. Bei jeder Anfahrt und jeder Kurve, wenn sich die U-Bahn zu sehr auf eine Seite legte, hast du um ein Entgleisen gebetet. Hast die ganzen Leute angeschaut und gedacht, ihr alle stopft euch wie menschlicher Tabak in die Bahn und könntet sterben. An einem Tag bist du noch fit im Oberstübchen und schleppst dich durchs Leben, und am nächsten bist du Dünger Deluxe, ein Buffet für die Würmer. Der Tod, ein unglaubliches Wunder. Facettenreich. Dieser Gedanke heilte deine verdammte Schlaflosigkeit für einen Moment durch bescheuerte Narkolepsie – manchmal bist du eingeschlafen und Stationen nach deiner verpassten wieder aufgewacht, hast dann gehofft, auf der Rückfahrt deinen Ausstieg nicht zu verfehlen. Daheim bist du wach auf der Couch gelegen und hast dich durch das schwachsinnige TV-Programm gezappt, auf der Suche nach etwas zum Einschlafen. Völlig gaga.

Du erinnerst dich an eine Begebenheit aus deiner Kindheit. Hinter deinem Elternhaus hast du eine tote Ratte gefunden. Sie lag friedlich auf der Seite, während um sie herum und auf ihr lautes Gesumme herrschte. Unzählige Fliegen umkreisten sie, unzählig andere übersäten sie und diese beiden Fraktionen vermischten sich zusätzlich mit unzähligen Maden, die auf offenen Stellen und auf dem Fell der Ratte krochen. Es war ein wunderschöner Moment für dich. All das Gewusel machte den Eindruck, als würde die Ratte leben. Bald aufspringen und davonrennen. Wenn sie es bloß täte.
Deine Mutter kam und erschrak. Ekelhaft, fluchte sie und befahl, geh zu deinem Vater und sag ihm, er soll mit dem Spaten herkommen.
Du hättest losschreien können. Hast es nicht getan. Selbst schuld.
Dein Vater hat deine Mutter und dich kurz darauf verlassen.

Mama?
Ja?
Wann kommt Papa wieder zurück?
Deine Mutter hat weggeschaut und geschwiegen.

Wie du es damals gehasst hast, wenn sie schwieg. Wie du es heute hasst, wenn jemand schweigt und du wieder sechs Jahre alt wirst. Als hättest du etwas Ungehöriges gesagt oder getan, als hättest du plötzlich die Krätze bekommen, und müsstest dafür bestraft werden.
Wie eine Aussätzige.
Abwenden.
Loswerden.
Anschweigen.

Du vermutest, dass seitdem irgendwas begonnen hatte, langsam aber stetig in dir schief zu laufen.

Der erste Gast trifft ein. Sitzt an der Wand. Golden-grüner Schimmer.
Wunderschön, würdest du denken und die Fliege bewundern.
Sie riecht dich.
Auch sie wartet.

Du hast dich durch deine Schulzeit gebissen. Nach der Mittleren Reife hast du deine Mutter gefragt, und nun?
Mach eine solide Ausbildung.
Du hast dich als Kauffrau für Büromanagement ausbilden lassen und bist mit deinem Abschlusszeugnis stolz vor deine Mutter getreten: Und nun?
Such dir einen Mann und heirate, hat sie geantwortet.
Um zu enden wie Papa und du?
Die Ohrfeige deiner Mutter hat dich mit einem eingerissenen Trommelfell und wochenlangen Tinnitus belohnt.

Du merkst, dass du in einer Starre bist und deine Glieder steif geworden sind. Die sommerliche Wärme, die von draußen ins Zimmer strahlt, erzeugt eine trockene Hitze. Zumindest stellst du es dir so vor. Frieren wirst du nicht, auch wenn du wolltest.

Akt drei, das Finale: Du liegst auf dem Bett und starrst auf den Spiegel an der Schranktür. Deine letzte Veränderung, denkst du. Und begutachtest dich, dein Gesicht, deine Arme, deinen Körper. Obwohl du von Natur aus bereits einen blassen Teint hast, siehst du blasser aus und erkennst deutlicher deine Venen. Auf deiner Haut sind tausende, kleine Punkte, und kleine Ringe wie Kaffeeflecken. Gegen dein Kleid drückt dein geblähter Bauch und spannt den Stoff. Tropfen landen wie Tränen auf dem Bettbezug und dem Teppichboden, die sie gierig aufsaugen.

Das Summen in deinem Zimmer hat zugenommen. Goldene, von grünlich bis bläulich schimmernde fliegende Wunder, die, wären sie religiös, dich zu ihrer Göttin auserkoren hätten. Sie nähern sich dir, ihrer Gastgeberin, mit so viel Respekt und Achtung, wie es ihnen ihre Art gewährt, landen auf dir und begutachten dich. Wenn du könntest, würdest du viele kleine, kitzelnde Herde auf deiner Haut spüren.

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d.frank
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D
Beitrag21.08.2022 21:29

von d.frank
Antworten mit Zitat

Irgendwie unausgegoren, irgendwie auf die Pointe hin runtergeschrieben, ist mir auch zu platt und das Bild mit der Ratte, den Fliegen zu plakativ

Nachtrag:
Ich denke, das hätte wohl was werden können, wenn der Blick nicht so distanziert wäre, wenn das Du nicht einfach nur vorgeführt worden wäre.
Da ändern auch die Einschübe und Rückblenden nichts dran, letztlich bleibt es ein Blick von oben herab auf einen Effekt

Edit: Trotz der Kritik ist der Text unter die Punkte gerutscht


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Die Wahrheit ist keine Hure, die sich denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: Vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, daß selbst wer ihr alles opfert noch nicht ihrer Gunst gewiß sein darf.
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V.K.B.
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Beitrag22.08.2022 14:01

von V.K.B.
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Hallo Inky,

Wieder mal eine Geschichte in der seltenen Du-Perspektive. Eine Frau, die eigentlich mal ein normales Leben hatte, verliert den Sinn in diesem, zieht sich zurück, landet in einem verfallen Haus, wo sich sich schließlich zum Sterben aufs Bett legt, als Buffet für die Fliegen als Sommergäste und um den Zerfallsprozess ihres Lebens willentlich abzuschließen. Sie hatte das Gefühl, nie irgendwo dazuzugehören und immer nur angeschwiegen/weggeschwiegen zu werden.

Schauen wir mal, wie es in den Wettbewerb passt:

E-Lit: ja
Sperrig: Nicht wirklich. Okay, wir haben die doch recht exotische du-Perspektive
Thema Sommergäste: Die Frau als Sommergast (zum Sterben) in dem Haus und die Fliegen, die als "Gäste" zu ihr kommen
Begegnungen/Abschiede: Abschied von Leben, nachdem sie keinen Sinn mehr darin sieht, Begegnung mit dem Tod. In den Rückblenden der Abschied von ihrem alten Leben, in der Kindheit vom Vater, der die Familie verließ. Und frühere Begegnung mit dem Tod in Form der Ratte als Foreshadowing auf das eigene (unvermeidliche) Ende.
ungehörter Schuss: Kann man metaphorisch umgesetzt sehen. Niemand hat ihre Entfremdung vom Leben bemerkt oder auf ihre stummen Hilfeschreie reagiert. Interessiert schließlich in dieser Gesellschaft niemanden, wenn jemand durchs soziale Netz fällt.
Hintergrund Veränderung: Hier wird es schwierig. Die Veränderung findet, wie in vielen Geschichten, nicht im Hintergrund statt oder ist Kulisse, sondern steht der Protagonistin bevor.
Persönliches Gefallen: Mir gefällt die Sprache, das unaufgeregte, distanzierte (auch durch die 2.Person Perspektive), die die gleiche Bedeutungslosigkeit vermittelt, die der Protagonistin ihr Umfeld entgegengebracht hat. Kommt aber zu dem Preis, dass auch mich die Geschichte nicht wirklich berührt. Das Unemotionale wird durch die Perspektive/Erzählweise forciert, das Lesy wird so zum Teil jenes Umfelds, das nichts getan und auch nicht tun wollte, weil es egal war. Aber das hält mir keinen Spiegel vor, gibt mir keinen Denkanstoß, weil durch Perspektive/Erzählweise forciert. Die Geschichte lässt mir beim Lesen wenig Freiräume, was ich denken soll, sondern nimmt mich an die Hand und gibt alles vor. Das ist schade, weil nach dieser geführten Tour dann doch wenig an eigenen Eindrücken zurückbleibt.

3 Punkte.


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Warning: Cthulhu may occasionally jumpscare people …
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sleepless_lives
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Beitrag22.08.2022 22:23

von sleepless_lives
Antworten mit Zitat

Der Titel lässt leider nichts Gutes ahnen. Wenn dort durch die Großschreibung innerhalb des Wortes mir das Wort erklärt werden muss, dann kommt der Text wahrscheinlich auch eher mit dem Holzhammer. Ganz so schlimm ist es dann doch nicht, meistenteils, aber alles erscheint dennoch auf Effekt geschrieben zu sein, was dem Thema (Suizid) überhaupt nicht gut tut. Eine Reihe von zentralen Elementen scheinen Versatzstücke zu sein, die man nur zu oft gelesen oder gesehen hat, wie die Schlaflosigkeit oder das durch die Trennung der Eltern traumatisierte Kind. Ganz besonders ist aber das tote Tier, das das Kind entdeckt, eine altbekannte und immer wieder eingesetzte Trope. Die Fliegen als Gäste oder speziell Sommergäste leuchtet anfänglich nicht so ganz ein, aber gut, die zweite Hälfte des Titels macht klar, wie das zu verstehen ist. Sprachlich finde ich es größtenteils in Ordnung, obwohl die Sprache manchmal in Kombination mit der Erzählung in der zweiten Person Singular manipulativ erscheint, darüber hinweg täuschen soll, dass der Text unter einem Mangel an Substanz leidet oder es nicht schafft, diese greifbar werden zu lassen: Es fehlt einfach das Individuelle und Unverwechselbare. Alles könnte ausgetauscht werden. Selbst der Ort, obwohl das Haus als einziges plastischer ist, aus dem eher Gestaltlosen der restlichen Beschreibungen hervortritt. Am Ende rückt der Text deshalb fast ein bisschen in die Nähe der üblichen Horrorgeschichten mit einem "Schau mal, wie krass"-Ausrufezeichen.
Es gibt ein paar seltsame Formulierungen oder Bilder, z. B.
Zitat:
Du liegst wie in Zeitlupe auf dem Bett

Ergibt für mich keinen Sinn.

Zitat:

und das Muhen einer Kuh gesellt sich in den Geräuschteppich

Das ist in seiner Behäbigkeit ein Bruch zum restlichen Stil.

Zitat:
den Sinn gefunden, den du wie ein Theaterstück, klassisch in drei Akten, inszenierst.

Klassisch wären fünf Akte, was hier vom Schema her vielleicht auch noch mehr hergegeben hätte.


2 Punkte hätte es gegeben, wenn ich bewerten würde.


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dürüm
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Beitrag23.08.2022 14:21

von dürüm
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Hallo Inco,

ein Suizid auf Raten. Im Sommer von Fliegen zernagt zu werden.

Alles verursacht durch eine posttraumatische Belastungsstörung ohne adäquate Unterstützung.
Der Sozialstaat hat versagt.

Interessante Idee, die mich aber sprachlich nicht gepackt hat.

War einfach nicht wirklich meins. Leider keine Punkte.

Gruß
Kerem


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thepriest
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Beitrag23.08.2022 15:45

von thepriest
Antworten mit Zitat

Am Ende hat man nur noch einen Punkt. Wo soll der hin. Nun, die Fliegen waren in diesem Jahr so fleißig, dass sie sich auch diesen letzten Punkt verdient haben. Etwas diskreter Gore im Gewand ernster Literatur kann ja durchaus Laune machen. Also dann, auf ein Letztes!

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Constantine
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Goldener Sturmschaden Weltrettung in Bronze


Beitrag25.08.2022 08:59

von Constantine
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Hey Constantine

ich sag nur mal kurz Bonjour. Laughing

LG Constantine
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holg
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Bronzenes Licht Der bronzene Roboter


Beitrag25.08.2022 11:05

von holg
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sprachlich gut gemacht (die Du Perspektive in kurzen Texten mMn immer interessant und hier folgerichtig) kreist dieser Versuch über den Verfall eines Hauses, eines Lebens, eines Körpers etwas zu sehr um sich selbst.
Das Foreshadowing so mächtig, dass nach einem Drittel des Textes die letzte Wendung im Prinzip klar ist, nicht als Pointe funktioniert, ja nicht einmal ein befreiendes Aufatmen gönnt.

Als Film ein D. Aronofsky.


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Why so testerical?
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kioto
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Beitrag25.08.2022 21:03

von kioto
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Das Thema ist sehr frei interpretiert, aber es passt. E-Literatur ist es auch, ernst und düster. Eigentlich nicht so mein Geschmack, besonders da ich selber fast 70 bin und in einem Haus wohne, das mittlerweile viel Zuwendung braucht.

Geschrieben ist es auch gut. Gerne gelesen.


_________________
Stanislav Lem: Literatur versucht, gewöhnliche Dinge ungewöhnlich zu beschreiben, man erfährt fast alles über fast nichts.
Phantastik beschreibt ungewöhnliche Dinge (leider m.M.) meist gewöhnlich, man erfährt fast nicht über fast alles.

Gruß, Werner am NO-Kanal
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Babella
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Alter: 59
Beiträge: 860

Das goldene Aufbruchstück Der bronzene Roboter


Beitrag26.08.2022 10:29

von Babella
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Selbstgespräch einer Sterbenden, die sich nüchtern darüber bewusst ist, dass sie nach ihrem Ableben Nahrung für viele Lebewesen ist, das ist Leben: Eins stirbt, andere leben davon. Und die, die davon leben, sind wieder Nahrung für andere. Alles ist ein Kreislauf.

Düster, dicht, ein bisschen eklig, sehr plastisch geschildert mit dem alten Haus, das gleichfalls altert und im Sterben begriffen ist. Alte Verletzungen kommen hoch, das frühe Interesse an Biologie scheint durch, das ganze irgendwie so umsonstene Leben, das jetzt aber abgeschlossen ist und losgelassen werden kann mit dem letzten Wunsch, sich die Kontrolle zurückzuholen.

Das ist nicht die Leichtigkeit, die das Wort "Sommergäste" suggeriert. Hier lese ich mich fest, spüre nach, erwerbe, und ist das nicht das Wichtigste am Lesen, eine andere Perspektive, in die ich genüsslich, ja, wirklich, genüsslich, versacken kann.

Mein Favorit.
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Heidi
Geschlecht:weiblichReißwolf

Alter: 41
Beiträge: 1435
Wohnort: Hamburg
Der goldene Durchblick


Beitrag28.08.2022 19:24

von Heidi
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Das Thema

Hier lese ich vermutlich von einer bildhaft ausgedrückten Depression. Theoretisch könnte es sich auch um eine Horror- oder Gruselgeschichte handeln, allerdings spricht die Rückblende nicht dafür; außerdem lese ich die Story lieber in Richtung „seelische Gesundheit“.
Die Darstellung zu Beginn zeigt mir mit rostigen Nägeln, verzogenem Türrahmen etc. den Verfall eines Hauses; das Haus kann bildlich gesprochen auch als Körper interpretiert werden; den Raum, den ein Mensch bewohnt.
Das lyrische Du ist bewegungslos und 'genießt' diese Bewegungslosigkeit gewissermaßen auch - zumindest tut es nichts dagegen bzw. ist es nicht imstande etwas zu tun, was auch für das Krankheitsbild spricht. Der Rückblick in die Kindheit spricht von der Trennung der Eltern, die hier wohl nicht verkraftet worden ist und so tief sitzt, dass das lyrische Du keinen anderen Weg findet, als den des Rückzuges. Insbesondere die Tatsache, dass es als Kind Botschaften zwischen den Eltern vermitteln hat müssen, was sich später in der Arbeitswelt wiederholt hat, zeigt deutlich, dass diesbezüglich keine Entwicklung stattgefunden hat und die psychische Gesundheit daran leiden musste.
Was bleibt ist Bewegungslosigkeit, Starre, der lebendige Tod, der am Ende seine Krönung findet, indem die Fliegen sich den Körper einverleiben.
 
Wenn ich in Richtung Horror lesen würde, wäre es lediglich eine Geschichte über eine verstorbene Person, deren Leichnam nun genüsslich von den Fliegen verzehrt wird, ich lese aber die absolute Selbstaufgabe, die eine Körperlichkeit nicht mehr zulassen möchte und kann. Der physische Tod wird unweigerlich eintreten müssen, wenn der seelische bereits vorhanden ist.

Der Titel


Hm, na ja, irgendwie wirkt der, wenn ich ihn im Gesamtzusammenhang betrachte, etwas schwarzhumorig. Das betrifft aber nur den Titel. Das irritiert mich. Die Geschichte ist im Grunde todtraurig und dann lese ich diesen Titel noch mal im Nachhinein und frage mich, warum wirkt der eher so als würde er sich über die Figur lustig machen?
Die Antwort finde ich in dem Begriff Buffet, der offensichtlich eine Anspielung auf die letzte Passage sein soll, in der die Fliegen sich über den lebendigen Leib des lyrischen Dus hermachen dürfen. Ein Buffet würde man das in aller Ernsthaftigkeit wohl nicht nennen (okay, man vielleicht schon, ich aber nicht).
Text und Titel reiben sich leider auf eine eher unschöne Art.

Der Anspruch / Die Ungefügigkeit / Die Eigenständigkeit

Doch, der Text ist schon anspruchsvoll, die Umsetzung ist sicherlich nicht unbedingt neu, es handelt sich um ein Spiel mit großzügig und detailliert ausgestalteten Metaphern, was es, wenn es um dieses Thema geht, auch schon alles gegeben hat.
Insofern kann ich mir in Sachen Eigenständigkeit des Textes keine klare Meinung bilden, außer der, dass er im Zuge dieses Wettbewerbs sicherlich eigenständig daherkommt, auf die breite Masse des Literaturmarkts betrachtet wohl eher nicht.
Ungefügig, doch auch, es ist schon ein wenig innerliche ‚Arbeit‘ nötig, um heranzukommen an das Wesentliche, ich werde als Leserin herausgefordert, aktiv mitzuarbeiten.

Die Sprache

Die Sprache fließt und es ist schon so, dass ich gerne weiterlesen mag, ohne mich dazu überwinden zu müssen und auch ohne dass ich dauernd gähnen muss. Ich mag die Perspektive aus der geschrieben wurde, die das Du anspricht. Dadurch entsteht eine gewisse Distanz, die diesem Thema gut tut. Vor allem, weil die Bildsprache im Text sich nicht scheut, Ekelhaftes in Szene zu setzen. Allerdings wird dieses Ekelhafte für meinen Geschmack teilweise zu sehr ausgereizt. Das Bild mit der toten Ratte steigert sich ins Unerträgliche und wird durch die Detailgetreue zu einem oberflächlichen Schauer. Oft ist es wirkungsvoller etwas Grauenvolles nicht zu deutlich zu zeigen, sondern geschickt drumherum zu fabulieren – in meinem Lesen jedenfalls und ich denke, es hätte weniger gereicht, um die Thematik deutlich zu machen.
Klar kann gerade so ein Rattenbild dafür sorgen, das das Innenleben des Kindes hervorgehoben wird, weil es wohl sehr unwahrscheinlich ist, dass ein Kind sich über das Gewusel von Maden erfreut (es sei denn, es ist traumatisiert oder auf irgendeine andere Weise psychisch instabil). Ich nehme das so wahr, als hätte das Du schon als Kind eine krasse Teilnahmslosigkeit empfunden.

Der Gesamteindruck

Der Text ist schon haften geblieben. Das liegt aber leider an den Bildern, die sich von ihrer ekligen Seite zeigen und den Zerfall als solchen nicht beschönigen. Jeder Mensch ist diesem Zerfall gewissermaßen ausgesetzt und kann nicht davor wegrennen, egal wie sehr er dem durch äußere Maßnahmen entgegenzutreten versucht. Das könnte ich als allgemeinmenschlich deuten in diesem Text – eine Sache, die jeden betrifft, die jeder von uns erleben wird und mit der er einen Umgang finden muss, sofern er nicht eines frühen Todes stirbt.

Die Passivität des lyrischen Dus wird im Verlauf des Textes deutlich spürbar, mein Mitgefühl für dieses aber seltsamerweise nicht. Ich bleibe zu sehr an den Maden hängen und an den Schmeißfliegen, die den lebendigen Tod herbeiführen sollen. Was in der Vergangenheit vorgefallen ist, warum genau dieser Mensch dermaßen traumatisiert ist und nicht mehr die Kraft zum Weitermachen besitzt, kommt in der Geschichte nicht wirklich raus. Die Trennung der Eltern und die Streitigkeiten zwischen den beiden können es nicht alleine sein, dass ein Mensch sich im späteren Leben auf solche Weise aufgibt. Ich komme aber nicht heran und kann so auch nicht auf die von mir gewünschte Weise mitfühlen mit dem lyrischen Du. Es bleibt mir seltsam fern, dabei hätte ich gerne eine Beziehung zu ihm aufgebaut und gewusst, was es ist, was da nur schwer verdaut werden kann.

Klar kann es sein, dass es beabsichtigt ist, nicht an die Figur heranzukommen, weil die Depression diese Distanziertheit als Symptom verbirgt; ich lese hier aber eine Geschichte und in einer Geschichte ist es mir wichtig, mittels Empathie einen Zugang zu den Akteuren bekommen. Damit meine ich unter anderem das Wie einer Person. Hier erlebe ich im Wie nur den realen Umstand, dass dieser Mensch sich selbst aufgegeben hat, so weit, dass es im Grunde schon zu spät ist und das wiederum finde ich nicht genug, was Facetten einer Figur angeht, denn solche möchte ich lesen. Hier erlebe ich eine äußerliche Darstellung eines Inneren, dabei wäre das Innere an sich das, was mich interessiert.

Es gibt keine Punkte von mir.
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Reimeschreiberin
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 197



Beitrag28.08.2022 19:57

von Reimeschreiberin
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Nach und nach entspinnt sich die ganze Dramatik des Lebens der Protagonistin, die Konflikte der Eltern, der Verlust des Vaters, die Lieblosigkeit der Mutter, das Gefühl von Einsamkeit.
Und nach und nach wird klar, wie endgültig der Ausweg der Protagonistin ist, ein Theaterstück, bei dem sich der Vorhang nie wieder heben wird.
Sehr eindringlich geschrieben.
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Globo85
Geschlecht:männlichKlammeraffe

Alter: 37
Beiträge: 654
Wohnort: Südwesten
Das silberne Eis in der Waffel DSFo-Sponsor


Beitrag29.08.2022 08:00

von Globo85
Antworten mit Zitat

"Selbstmord auf Raten" oder Da beißt die Fliege keinen Faden ab

Vorgaben:
  • Begegnungen und/oder Abschiede: Für mich hier eher beiläufig erfüllt. Ja, es werden Interaktionen erwähnt, vergangene. Aber ist automatisch jede Interaktion auch eine Begegnung? Das würde die Vorgabe irgendwie ein bisschen sehr beliebig machen.
  • Anbahnende Veränderung: Das geht wohl mit dem (bevorstehenden?) Selbstmord einher.
  • Sommergäste/Nichtbeachteter Schuss: Die Fliegen als Sommergäste und die Selbstmordabsichten als Schuss.
  • Ist das E? Für mich definitiv. Nicht nur, aber auch schon wegen der Perspektive. Ansonsten auch der Stil in seinen Verknappungen ect. Das passt.

Eindrücke:
Eindringlich und schonungslos berichtet das LI (oder LD?) von seinem freudlosen Leben, der lieblosen Kindheit, der abweisenden Mutter. Auch sonstige Sozialkontakte eher Mangelware, bis eben auf die Sommergäste, die sich schon aufs (letzte) Abendmahl freuen. Auch wegen der Perspektive zieht der Text rein, ist schwer verdaulich, nicht nur wegen der aufkommenden Bilder, sondern auch der aus jeder Zeile triefenden Tristesse des geschilderten Seelenzustands.

Lieblingsstelle:
Zitat:
- nichts half: kein bescheuerter Baldrian und/oder Melatonin, keine verdammte warme Milch mit/ohne Honig, keine esoterische Meditations-CD mit/ohne Meditation, kein hemmungsloser Sex mit/ohne Fremden -


Fazit:
Mein fünfter Platz und damit 6 Punkte.
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Kojote
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Alter: 32
Beiträge: 1406
Wohnort: Wurde erfragt


Beitrag30.08.2022 16:46

von Kojote
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Liebes verfassendes Wesen!

Man merkt an dieser Geschichte, dass du mit Sprache umgehen kannst.

Der Anfang las sich gut, wurde dann aber sukzessive anstrengender. Oder ist es mal wieder meine berühmt-berüchtigte kurze Antenne, die die Abgründe meines Bewusstseins vor inhaltlichem Verständnis abschirmen? Andere würden vielleicht das Wort "Geschwurbel" gebrauchen, aber nein, das tue ich dir nicht an – wenn ich deine Geschichte inhaltlich nicht begreife, 99 andere Foristi aber schon, ist ja klar, an wem es liegt.

Ich gebe deinem Text sehr gute 5 Punkte.

Ciao
Kojote


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Schlomo
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Wohnort: Waldperlach


Beitrag31.08.2022 23:14

von Schlomo
Antworten mit Zitat

Pfuh! Das war ja heftig! Mir fällt dazu ein Zitat von Woody Allen ein: "Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber ich möchte nicht dabei sein, wenn er kommt."

_________________
#no13
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nicolailevin
Geschlecht:männlichEselsohr


Beiträge: 261
Wohnort: Süddeutschland


Beitrag01.09.2022 16:37

von nicolailevin
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Eine Frau steigt aus. Raus aus den mittelprächtigen Erwartungen eines mittelmäßigen Lebens. Sie kündigt den Job, sie wendet sich von ihrer Familie ab, die ihr nur Leid bereitet hat, sie mietet ein altes Haus und legt sich dort zum Sterben (Hautkrebs? Aids?).
Trist und irgendwie konsequent. Der moribunde Ennui über die Welt. Aber auch nicht überraschend oder mit einem sich mir erschließenden tieferen Sinn.

Es ist alles so sinnlos, wozu noch Punkte? Von mir gibt es entsprechend keine.
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Nachtvogel
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Alter: 31
Beiträge: 85
Wohnort: Münster


Beitrag03.09.2022 10:41

von Nachtvogel
Antworten mit Zitat

An dieser Geschichte gibt es vieles, das mir gut gefällt. Alleine die Idee, den Suizid als Buffet zu inszenieren, mit Fliegen als Sommergästen. Das hat gleichzeitig etwas Dekadentes und Anwiderndes, genauso wie das Bild der toten Ratte. Die Du-Perspektive hast du sehr schön eingesetzt. Sprachlich erscheint mir die Geschichte noch nicht ganz ausgereift, aber du hattest auch starke Konkurrenz. Was ich nicht ganz verstehe, ist der Titel "ZerfallsProzesse" - Zerfall ist klar, aber gibt es einen Grund, warum die "Prozesse" durch die Großschreibung noch einmal extra hervorgehoben werden?

5 Punkte
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Minerva
Geschlecht:weiblichKlammeraffe


Beiträge: 947

DSFo-Sponsor


Beitrag03.09.2022 17:31

von Minerva
Antworten mit Zitat

Der Sinn des Lebens hat Folgendes geschrieben:
Dieser Kuchen ist zu gut, um ihn stehen zu lassen.


Inhalt:
Die Prota bereitet sich für ihren persönlichen dritten Akt vor. Nachdem Bewältigungsversuche zum Überwinden der Folgen aus Kindheitserlebnissen sie trotzdem immer noch wie in der Kindheit fühlen lassen und auch der Versuch, sich von Überflüssigem zu befreien und in ein Haus am Stadtrand zu ziehen keine Erleichterung bringen, richtet sie sich schick daher und stirbt durch Suizid bzw. ihre Entscheidung und bietet das Buffet für die Fliegen.

Wertung

Der Übersichtlichkeit halber habe ich die Details zu den Kategorien in den Fußnoten ausführlich aufgeführt. Die Wertung dient dazu, die Geschichte für den Wettbewerb ranken zu können, deswegen wird alles im Detail betrachtet, bitte nimm es nicht als zerpflückende Kritik wahr, sondern als eine intensive Auseinandersetzung.

1 Die Geschichte an sich 4/5
Der Titel passt, ohne, dass man vorher weiß, was passieren wird. Es findet eine Merkwürdigkeit statt: der Übergang eines Menschen vom Leben zum Tod, anscheinend ein selbstgewähltes Dahinsterben und -gammeln. Könnte aber auch ein seltsamer Erzähler sein, der die Geschichte und Szenerie eines Selbstmordes erzählt.
Ich würde Depression herauslesen oder einfach Lebensmüdigkeit.
Die Vermischung von Ästhetik und Abscheu ist ausgesprochen faszinierend!
Ist dann aber auch wieder ein bisschen zu eklig.

2 Umsetzung der Themen 5/7
Sommergäste (Fliegen) und Abschied (Sterben) sind vorhanden, auch die anbahnende Veränderung ist da und zu spüren. Insgesamt sind die Themenvorgaben zwar relevant, aber ich finde, die Sommergäste und dass es zwangläufig im Sommer spielen muss, ist doch etwas zu dünn. Fliegen besiedeln auch zu anderen Jahreszeiten.

3 E-Faktor 3/5
Anspruch und Ernsthaftigkeit sind vorhanden. Die Wahl der zweiten Person als Erzähler bringt eine gewisse Distanz, aber weniger als der personale Erzähler, dafür nimmt es die selbstmitleidige Schärfe, die ein Ich-Erzähler haben könnte. Außerdem bleibt das  Phänomen des willentlichen Sterbens damit offen. Also gut gewählt an der Stelle.
Es wird allerdings ganz schön viel erklärt, also ich weiß dann alle Gründe und finde auch so, dass es nicht allzuviel mehr zu entdecken gibt. Liegt auch ein wenig in der Natur des Textes, das verstehe ich.

4 Lesbarkeit und Handwerk 5/5
War gut leserlich und strukturiert. Da gibt es nichts weiter anzumerken.

5 Logik 3/3
Nichts aufgefallen.

6 Sorgfalt 2/2
Alles im Rahmen.

7 Sommerfrischequotient 5/5

Gesamtpunkte: 27/32

PUNKTESPOILER * trommelwirbel *
6 Punkte

Meine liebsten Textstellen:

Zitat:
Irgendwo kabbeln sich Elstern und Krähen, in der Ferne ruft ein Baumfalke und das Muhen einer Kuh gesellt sich in den Geräuschteppich, der dein einladendes Aroma umgibt.
Zitat:
Es war ein wunderschöner Moment für dich. All das Gewusel machte den Eindruck, als würde die Ratte leben.
Zitat:
Das Summen in deinem Zimmer hat zugenommen. Goldene, von grünlich bis bläulich schimmernde fliegende Wunder, die, wären sie religiös, dich zu ihrer Göttin auserkoren hätten. Sie nähern sich dir, ihrer Gastgeberin, mit so viel Respekt und Achtung, wie es ihnen ihre Art gewährt, landen auf dir und begutachten dich.


-----------------------
Bewertung – ein Versuch. Ein bisschen Neutralität einbringen, jenseits von: mag ich - nicht mein Ding. Hab ich eigentlich „Ahnung“ von E-Lit? Nee, deswegen brauch ich diese Krücke zum Bewerten. Bei Offenheit der Interpretation einzelner Aspekte, lege ich immer alles zu euren Gunsten aus. Tut mir leid, dass das so ausführlich geworden ist. Jegliche Kritik ist meine persönliche Sichtweise, wenn ihr davon etwas gebrauchen könnt, greift zu, ansonsten lasst euch nicht den Tag vermiesen.

1 Ich will einfach eine gute Geschichte lesen und etwas herauslesen. 5 Punkte

2 a) Sind Sommergäste tatsächlich oder symbolisch vorhanden?
b) Dreht sich die Geschichte um eine oder mehrere Begegnungen und/oder Abschiede?
c) und d) Ist eine Veränderung thematisiert, und ist diese anbahnend, d.h. nicht schon im gesamten Text vollzogen und zudem „spürbar“ über den Textverlauf?
e) Wie relevant ist das zentrale Thema für die Geschichte?
f) Können es nur „Sommergäste“ sein oder könnte die Geschichte auch anderswie spielen?
g) Wie sehr durchdringen diese Themen insgesamt den Text als Ganzes? 7 Punkte


3 a) Künstlerischer Anspruch und Kreativität allgemein, also alles, was sich sinnhaft von einem Genretext abhebt. Hier „reicht“ es nicht, einfach die 2. Person Futur Präsens zu wählen oder möglichst lange und komplizierte Sätze oder Wörter zu verwenden – im Gegenteil, das gibt Abzüge bei Stil und Lesbarkeit, Handwerk muss beherrscht werden. Auch ist eine komplizierte Wortwahl nicht ausschlaggebend, kann auch vollkommen simpel sein. Es kommt immer darauf an … auch auf das, was vielleicht nicht gesagt wird, aber durch den Textaufbau durchwirkt. Die Form, das Gesagte und das Ungesagte müssen Hand-in-Hand gehen, eine Wirkung bewusst erzielt werden (oder zufällig-intuitiv … wer weiß das schon?). [Form und Inhalt oder form follows function] 2 Teilpunkte hier.
b) Ernsthaftigkeit der Themen, wobei Humor dazuzählt, wenn er mir bspw. „die Absurdität“ (des Lebens oder wovon auch immer vermittelt) darstellt; und/oder Sozialkritik und/oder regt mich das zum Nachdenken an? Hat das eine Relevanz? Ein gewisses Maß an Realismus, aber kein absoluter. Bizarr und surreal sind erlaubt. Auch das kann ich nur subjektiv abwägen: ist das Phantastik oder  E-tastik?
c) Mehrschichtigkeit und Ungefügigkeit. Auch hier ist Augenmaß gefordert, ich möchte mir den Inhalt oder die Bedeutung/Interpretation ein wenig erarbeiten müssen (nicht alles erklärt bekommen), aber nicht wie die Sau ins Uhrwerk glotzen. Ob ein Text mich bewusst verwirren will oder ob Thema, Sprache, Aufbau etc. mich nicht richtig erreichen, muss ich subjektiv abwägen.
d) Verwendung einer besonderen Sprache oder Spielerei damit, Verwendung besonderer Bilder oder einer Wirkung durch die gewählte, durchaus auch einfache, Sprache (Intensität).
5 Punkte

4 Kann ich den Text, rein vom Formalen her, gut weglesen, ungeachtet von Pausen zum Nachdenken oder des Anspruchs der Sprache? Wie sieht es mit dem Handwerklichen des Schreibens aus? Wird es beherrscht, wird es gar bewusst gebrochen? 5 Punkte

5 Soweit nachvollziehbar:
a) Logik inhaltlicher Art (in sich logische Geschichte, Reihenfolge),
b) Logik der Details (das namensbestickte Taschentuch von Onkel Günther lag aber vorhin nicht auf dem Liegestuhl sondern auf der Tiefkühltruhe im Keller) – auch: recherchierte Details
c) Logik des menschlichen Handelns (also wie plausibel ist das Verhalten, ungeachtet künstlerischer oder storytechnischer Abweichungen) 3 Punkte

6 Sorgfalt muss sein, bitte nicht mit den Augen rollen, es sind ja nur 2 Punkte. Es gibt immer eine Möglichkeit, die man vorm Absenden wahrnehmen kann: einen Testleser, ausdrucken, sehr langsam lesen, laut vorlesen, mit (kostenloser) Software vorlesen lassen, in ein E-Book umwandeln, um es auf einem anderen Medium zu lesen, Rechtschreibkorrektur der Schreibsoftware, zur Not Gerold (obwohl der nicht der Hellste ist, sorry Gerold). Bei zu vielen Rechtschreib- oder Grammatikfehlern wird etwas abgezogen. Wie gesagt, es sind nur wenige Punkte, aber auch Sorgfalt spielt eine Rolle. Das ist eine Frage der Fairness gegenüber anderen. Ich weiß, du hast viel zu tun und die Muße kam recht spät oder du hast Legasthenie oder ... Nicht bös gemeint. 2 Punkte

7 Onkel Günther würfelt mit seinem 5-seitigen Würfel und dividiert das Ergebnis durch 1… (Nach meinem ersten Bewertungssystem tummelten sich auf einmal mehrere Texte auf den gleichen Rängen, auch mehr Punkte in den Kategorien schafften keine Abhilfe … Leute, das geht nicht, ich muss irgendwie ein Ranking hineinbringen. Onkel Günthers Würfel ist quantenverschränkt mit dem Text und weiß, was richtig ist.) 5 Punkte


_________________
... will alles ganz genau wissen ...
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MoL
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Wohnort: NRW
Das bronzene Stundenglas


Beitrag04.09.2022 15:11

von MoL
Antworten mit Zitat

Lieber Inko,

da sind sie ja, die Fliegen. Smile

Gefällt mir gut. Sprachlich schön, inhaltlich rund, 7 Punkte von mir.


_________________
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gemeinsam mit Leveret Pale:
"Menschen und andere seltsame Wesen"
----------------------------------
Hexenherz-Trilogie: "Eisiger Zorn", "Glühender Hass" & "Goldener Tod", Acabus Verlag 2017, 2019, 2020.
"Die Tote in der Tränenburg", Alea Libris 2019.
"Der Zorn des Schattenkönigs", Legionarion Verlag 2021.
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Constantine
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Beiträge: 3438

Goldener Sturmschaden Weltrettung in Bronze


Beitrag04.11.2022 14:09
Danksagung
von Constantine
pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo ihr Lieben,

ich hatte ganz vergessen, dass ich mich hier noch nicht gemeldet hatte. Es tut mir leid.
Am Ende des Wettbewerbs begann ich die Kommentare eingehend zu studieren und für mich zu sortieren. Blöd, wenn die Ambition recht zeitaufwändig wird und sich über Tage und Wochen zieht. Und wie es so ist, es kommt was dazwischen, und danach etwas Anderes, und der Kopf spielt auch nicht immer mit. Und dann liegt es zu lange zurück und gerät im Vergessenheit. Dahingehend, danke fürs Erinnern.

Diesen Text zu verfassen war eine Herausforderung, von der Perspektive und vom Mindset der Protagonistin her, ihrer (mich doch sehr überraschenden) Abgeklärtheit und Determination während meines Schreibprozesses.

Klasse Themenvorgabe und der Smalltalk und das ganze Drumherum des Wettbewerbs: (Verspätetes) Dankeschön ans Orga-Team hobbes und anderswolf für diesen tollen Wettbewerb, eurer sicheren, humorvollen und kompetenten Leitung von Ankündigung bis zum Finale und Abschluss des Wettbewerbs.

Ich war und bin sehr begeistert über das Abschneiden meines Textes und der sehr konstruktiven, differenzierten und wohlwollenden Rezeptionen. Die Leseeindrücke reichen grob von Ekel zu drückend, distanziert, manches eher unschlüssig bis vage, nicht den Geschmack treffend bis zu Faszination und Genuss (@Bebella). Und von Fliegenkenner zu Fliegenkennerin: Lobende Worte von MoL. Very Happy
Vielen Dank an alle, die meinen Text gelesen und kommentiert haben.

Wir lesen uns.

LG Constantine
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