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Hamburg 19441945


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

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BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Hamburg 19441945 eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hamburg 19441945
Du passierst. Du passierst über den Bordstein hinweg einen Mann, der zwei Flaschen Pepsi Cola nebst einer Flasche Wodka aufgereiht hat wie zum Exekutieren. Um den Fusel zu köpfen, musst Du aber die zerfressenen Handschuhe ausziehen und bloßlegen, wo schon Deine Haut aufbricht; der Winter ist da. Du gibst ihm die Klinke in die Hand, zu tausenden auf dem täglichen Weg durch die Kachelhallen des Hamburger Hauptbahnhofs. Deine Bewegungen werden mechanisch, als Du in der Cuccis-Filiale gerade eine Bestellung verpackst. Jede Backwarentüte ist ein Kalenderblatt und das Zählen hört nicht auf, nur weil neben Dir der Kollege Kaffeemaschine eine Verkalkung meldet. Scheiße passiert. In jeder Papierfalte unter Deinen Fingernägeln wünschst Du dich fort, einen Standortwechsel. Feierabend. Einen Drink. Feierabend? Noch lange nicht. Drüben im Schanzenviertel friert der Smog von der nahen Max-Brauer-Allee in armlangen Eiszapfen an den Dächern. Das Schulterblatt behält seine Wärme für sich. Du bist bloß eine Duldung. Im Futter Deiner Bauchtasche stecken fünf Gramm Marihuana, Dein Magen arrangiert sich mit den Nährwerten einer Mahlzeit von vor Ewigkeiten. Am Eck der Roten Flora steht außerdem eine Polizeistreife; Du bereitest Dich also vor, hundert Meter über Deinen kleinen Horizont zu springen. Allerdings bist Du der Grenzüberschreitungen müde. Auf deiner Irrfahrt wünschst Du Dir nichts als den Sommer herbei, der sich in Gedanken an Olivenfelder zwischen zwei Flüssen wie Dein Ithaka ausnimmt. Dein Hafen steht in Flammen. Also griffst Du nach den Sternen, doch scheitertest am Meer. Weiter kann ja niemand laufen, als dass er bis zu den Knien nass ist. Weiter kannst Du nicht hinausschauen als aus einem Fenster auf die Gärten im Schanzenviertel, vielleicht aus einem Sozialbau. Zuhause im dritten Stock eines Altbaus lässt Du den Hörer sinken, verlangsamt durch das ruhelose Auf- und Ablaufen in Deiner Designerküche. Die Polizei hast Du gerufen, weil Dir der Lärm aus dem Kinderhort nebenan wieder einmal den Appetit verdirbt. Während Dein Finger aber über das rote Auflegen-Symbol streicht, kommt Dir statt Hunger nur ein Kalenderspruch über Kreisbewegungen in den Sinn. Im selben Moment ahnst Du auch schon, dass Du das bestellte Sushi auf der Theke nicht anrühren wirst. Dass die gesparte Zeit umsonst gekauft ist. Ins Wasser zurückwerfen kannst Du sie kaum. Trotzdem darf nicht vergessen werden, dass Du für diese Lieferung vom Fahrrad und in Deiner pinken Foodora-Weste drei Treppen steigen musstest, ohne wenigstens mit einem Trinkgeld davonzukommen. Ein Fluch liegt Dir deshalb auf den Lippen. Gerade willst Du mit drei Pizzen in Deinem Thermorucksack von der Oelkersallee nach rechts in Richtung Holstenstraße abbiegen, wo der Verkehr immer der Ausschnitt eines ewigen Stakkatos ist. Du hast noch so viel anderes zu sehen. Du bist ausgerechnet heute unachtsam und der Flügelschlag einer Taube im Augenwinkel lenkt Dich zu lange ab – Der Kilometerzähler fällt, obwohl er mit Dir bis nach Übersee reisen sollte. Ein Lieferwagen. Der Dich umgebende Raum droht auf ein Epizentrum zu schrumpfen. Deine Augen sind überall und doch blind. Weiter im Südosten, auf dem Hansaplatz im Viertel St. Georg hast Du sie in Kästen gesperrt, um Deinem Elend in die Rockschöße zu schauen. Die Prostitution blüht auf dem Pflaster, das Du Gefahrengebiet nennst. Du durchsuchst eine Tasche mit Einmalhandschuhen nach Skandalen. Mobiltelefone, Klappmesser, leere und gefüllte Plastikbeutel, Puderdosen, Polaroidkameras und Armbanduhren warten in der Asservatenkammer des Polizeikommissariats am Steindamm nebenan wie Waren in einem Supermarkt darauf, dass der Prozess Ihnen eine Bedeutung gäbe. Auf die Frage, was passiert ist, antwortest Du mit einem Skandal. Und dass ein Skandal ewig ist, wollen zumindest die meterdicken Betonwände der Wache behaupten, deren Fundamente wie Deine Pfahlwurzel in die Tiefe reichen. Dennoch bist Du unter den Pflastersteinen nichts als ein Elbstrand. Dein Schweiß, Dein Blut und Dein Ausfluss, alle Deine Körpersäfte versickern dazwischen oder stehen auf versiegelten Flächen. Das Wasser teilt Deinen Körper in Viertel, Deine Brücken ächzen mit jedem Blinzeln der Sonne unter den Blechlawinen. Wenn Du wieder vom Altonaer Balkon herunter den Schiffen nachblickst, schlägt Dir Dein eigenes Herz in die Brust. Noch warme Fußspuren führen fort von der Sitzbank, auf der es eben ein Wir gab. Du schmeckst das Salz in Deinem eigenen Fahrwasser und weißt, dass die Schiffe bald vom Horizont geschluckt würden. Im Nordwesten, in Blankenese, stehst Du noch einmal zum Abschied herausgeputzt unter einer Laterne am Fähranleger, einen Arm zum Winken erhoben. Viele Arme recken sich zur Antwort an Deck, gleich lächelst Du. Doch am Horizont legst Du Dir schon den Nächsten Schleier um. Auch Grau kann eine warme Farbe sein, daran glaubst Du fest. In Deinem Rücken bekämpft es das Weiß der Reichenvillen. Am Hauptbahnhof wiederum hat es damit übertrieben, denn das Gebäude steht wie ein fauler Zahn auf Deiner Zunge. Zwischen Mönckebergstraße und dem Taxistand am Hachmannplatz erstehst Du jeden Morgen auf aus Urin. Eine Flasche Pepsi steht geöffnet auf dem Gestein, aber der Wodka ist über dem Schraubverschluss noch mit einer Plastikfolie gesichert, die Deine zitternden Finger unmöglich macht. An allen Ein- und Ausgängen des Bahnhofs hast Du Dich vertauscht; ein Croissant und ein großer Becher Kaffee passieren die Durchreiche des Shops in Deinen Händen. Den warmen Becher gibst Du ungern her. Feierabend? Noch lange nicht. Dafür bedeutet das Martinshorn vor der Roten Flora – Dein Schreck ist nur kurz – dass die Polizeistreife in Richtung Max-Brauer-Allee davonrast. Das blaue Licht arbeitet sich in den Schmutzprismen der Eiszapfen ab wie ein Sekundenzeiger. Du wirst weiter auf den Sommer warten, denn die Fahrt auf Dein Ithaka wird über den Styx gebucht. Und gegen das Schwarzblau unter Lampedusa ist das Hamburger Grau wirklich eine warme Farbe. So ist es draußen noch, nachdem Du endlich den Blick vom Handy losgerissen hast. Aus dem Bildschirm strahlt Dein gebräuntes Gesicht im Griechenland-Urlaub an die Decke, ein einzelner Regentropfen berührt die Scheibe, also muss der Nebel gleich weichen. Das Kommen und Gehen in der Kindertagesstätte rafft sich zu einem Rauschen wie von einem Meer, auf dem Dein Tinnitus nah bei der Küste kreuzt. Das überwältigende Gefühl, in Deinem Dasein keinen bewussten Schritt getan zu haben, lähmt Deine Gedanken. Du bist reif für eine andere Insel. Statt fortzugehen bist auch Du aufgelaufen an Altonas Stränden wie ein Treibgut. Der Glaube an ein Wir erwies sich als eine Deiner Eitelkeiten, die Du endlich durchschaust und die an diesem Ausblick auf die Elbe zerbrechen musste. Eine Eitelkeit wie Leiharbeit, ein Zeitvertrag oder die spiegelglatten Flächen des neuen Turms an der Wurzel der Reeperbahn. Eitelkeit wie die blattlosen Vorgärten zwischen den Treppen in Blankenese, Eitelkeit wie die Neonreklame in der Silbersacktwiete. Deine Hand greift um sich und ins Leere, als der Wind von Westen her zunimmt und drohenden Regen über Deinen Körper trägt. Noch liegen Deine Augen im Nebel wie zwei warme Murmeln. Das Wetter schlägt jedoch schnell um und trifft Dich zuweilen mit der Wucht eines Fahrzeugs. Deine Stirn schwitzt vor Erwartung der Hoch- und Tiefdruckgebiete der Nacht. Du überlegst, Deinen Schmuck zu verschachern oder Deinen Körper zu verkaufen und dann von diesem Fähranleger aus loszuziehen. Ein Los zu ziehen. Was kann schon passieren?

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