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Stadtgehschichten


 

 
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UtherPendragon
Eselsohr


Beiträge: 364



BeitragVerfasst am: 21.02.2022 04:11    Titel: Stadtgehschichten eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Tag, ich heiße Uther und ich schreibe Stadtgehschichten.

Um ehrlich zu sein, fehlt mir gerade vor allem eine Motivation, um mir zum Schreiben "Frei zu nehmen" und ich hätte gern etwas davon. Um noch ehrlicher zu sein, bin ich nicht bereit, etwas am allgemeinen Textduktus zu verändern (vielleicht aber morgen, hehe.). Ich würde gern erfahren, ob Menschen außerhalb meiner sozialen Blase an so einer Häppchengeschichte Freude haben könnten. Ich bin total kritikempfänglich.
3x ehrlich: Der Anfang entstammt einer Leichenfledderei an einem meiner alten Texte.
Falls der Text für die Feedback-Abteilung noch zu frisch ist, sollte es mich zwar überraschen, aber dann ziehe ich natürlich zurück.

Serviert werden soll das ganze in radikal kurzen Kapiteln. Guten Appetit hoffentlich und Danke für jeden Eindruck im Voraus.

1

Das ist die Untergrundbahn, wie sie einhundert Meter vor Plötzes Station auf den Gleisen liegen bleibt. Das ist ihre Kein-Bock-auf-Stress-Miene und ein Schokoriegel, durchgeschoben unter der medizinischen Maske. Das ist Entspannt-Wirken, obwohl sich innerlich alles zusammenzieht wie um ja nicht auseinanderzufallen. Das ist die große Lüge ihres Lebens und deren plötzliche Enttarnung! Und Plötze hat kaum eine Sekunde, um ihren Jahrhundert-Gedanken festzuhalten; nur weil sie so ein Typ beobachtet, aufdringlich unter aschfarbenem Haar, und sich nicht einmal abwendet, als er bemerkt wird.
„Ist was?“ provoziert Plötze und schluckt Karamell.
„‘n Euro?“ Plötze bekommt seine ausgestreckte Handfläche zu sehen.
„Nee. Aber Sorry.“
„Nix für ungut, nich.“
Sie will wieder aus dem Fenster sehen, Graffiti entziffern. Doch in der Bewegung wird ihr schwarz vor Augen und sie bekommt gerade noch rechtzeitig eine Haltestange zu fassen.
„Wackelt ganz schön, wie?“ Immer noch der Typ in seinem dummen exzentrischen Mantel. Wahrscheinlich trägt er einen Wachturm darin. Oder eine Schreckschusspistole. Wie alt mag er sein? Zwischen vierzig und siebzig liegt alles im Bereich des Denkbaren.
„Ich komm zurecht, danke,“ darauf besteht Plötze und kommt sich verarscht vor. Aber als sie ihren  Schokoriegel vom Boden aufheben will, muss sie ihn aus der eben noch leeren Hand grapschen.
„Wackelt gar nicht, wie? Pass gut auf dich auf, Mädchen! Das Leben ist wie ne Hängebrücke. Bald geht alles in Arsch! Guck mich an.“
Er macht, dass Plötze angepisst ist. Gerade dann setzt sich die Bahn wieder in Bewegung und die Leute sehen kurz von ihren Handys auf, um sich auf den Bahnsteig zu ergießen.
„Ich komm klar,“ sagt Plötze – mehr zu sich selbst. Dabei versucht sie den väterlichen Tonfall des Fremden loszuwerden, der ohnehin kurz darauf vom Piepen der Türen übertönt wird:
„Manchmal wackelt die Brücke! Dann halt Dich gut fest.“
„Fick Dich!“ gibt sie gereizt zurück, aber nicht wie früher im Affekt. Schon lange vor jeder x-beliebigen unerfreulichen Begegnung hat sie sich einen Spruch zum Abservieren zurechtgelegt. Aus reiner Selbstachtung gibt sie sich keine Mühe darin, vulgär zu sein. Sie zwingt ihre Mundwinkel nach oben und kauft einen Kaffee.

12Wie es weitergeht »




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UtherPendragon
Eselsohr


Beiträge: 364



BeitragVerfasst am: 21.02.2022 04:12    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

2

Die Lüge ihres Lebens ist ihr also wieder entglitten. Schuld war der Fremde.
Vielleicht ist gerade auch einfach alles gut, nur ist das immer schwerer zu glauben. Am späten Nachmittag haben sich die Wolken mit ihren Bäuchen aus Stahl an der Lichtkuppel der Innenstadt abgerieben. Sie stemmen sich minutenlang gegen den Wind, um letztlich doch über den Straßen und Köpfen zu zerbrechen.
Plötze ist flaniert, hat also einen ihrer großen, den Tag ausfüllenden Spaziergänge absolviert. Nun stellt sie sich vor, Teil eines Films zu sein und mit jedem Schritt an der Spule zu drehen wie in einem Hamsterrad. Die ersten Tropfen Regen passen sich wunderbar in ihre Dramaturgie ein, doch muss sie schon wenig später Unterschlupf in einer Kneipe am Bahnhof suchen. Ihr vernünftiger Teil wollte nicht dort sein, ihr unvernünftiger Teil und ihr feuchter Kopf allerdings wissen das Dagestan auch an Wochentagen zu schätzen. Draußen werfen die Autoscheinwerfer Schlieren, als die Dunkelheit zunimmt. Gegen die Scheibe kann sie das Wetter zum Abschweifen bringen, als säße sie im Auge eines anderen großstädtischen Lichtermeers und wäre gerade der Eile einiger Boulevards, also einem Klischee entkommen.
Im Inneren des Dagestan wird vor allem Bier und Schnaps, tagsüber auch Mokka aus Kupfertassen getrunken. Umher lärmende Männer sprechen vielleicht vier fünf Sprachen, aber alle rauchen Lucky Strike aus dem selben Automaten neben der Toilette. Plötze horcht gern auf das Artistisch-Fließende im Arabischen: Die Vokale liegen da wie Plüsch auf den starken Schultern der Konsonanten. Hie und da klingt es, als wollten die Laute zu deutscher Kurzatmigkeit ausklingen, doch belehren die Ohren mit jedem ausgesprochenem Satzglied eines Besseren.
„Gestern hat jemand nach Dir gefragt,“ kommt der Barkeeper namens Balou mit ihr ins Gespräch. Lieber hätte Plötze geplaudert. Ihr Gegenüber findet sich offenbar furchtbar kokett dabei, sie auf die Folter zu spannen, nur löst der Satz in ihr vor allem Unruhe aus. Nach Plötze fragt man nicht. Sie findet ihre Leute selber, früher oder später. Manchmal spricht man sich eben ein paar Jahre nicht und dann erreicht sie ein Brief aus einer fernen Stadt oder von den Küsten des Baltikums.
„Sag schon,“ verlangt sie ungeduldig vom Barhocker auf einer Arschbacke, „wer?“
Balou lacht. „Keine Ahnung. Keine unserer Nasen aus dem Viertel. Ich musste einen Longdrink mischen, kannst Du Dir das vorstellen?“
„Nein.“ Jetzt lächelt auch sie ein wenig. Schon wieder ein Kerl!
„Doch. Dann wusste er nichts damit anzufangen. Ich glaube, Du hast den Verfassungsschutz am Hals oder so.“
„Wieso, gab es Trinkgeld?“
„Ne.“
„Du hast ihm aber nicht meine Nummer gegeben, oder?“
Als er sich abstützt, ist ihr Kinn auf Höhe seiner haarigen Ellenbogen. „Wie soll jemand wie ich,“ er präsentiert recht servil seinen Ober-Körper, „an die Nummer von jemand wie Dir kommen?“
Plötze ist Balou dankbar, dass sie ihn zum Lachen bringt. Ihrer Beobachtung nach haben er und sie denselben Männergeschmack: klein, knuffige Augen, ein bisschen abgeschmackt, Raucher (unbedingt!), untersetzt oder muskulös – egal. Hauptsache man muss seinetwegen am Ende kein ernstes Gesicht machen.
Weil es ihr im Dagestan langsam zu eng wird, trinkt sie ihr Pilsener aus, schreibt an und verschwindet im Restregen.

« Was vorher geschah12



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HansGlogger
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Beiträge: 154
Wohnort: Bayern


BeitragVerfasst am: 21.02.2022 16:43    Titel: Antworten mit Zitat

Die Geschichten sind gut zu lesen.
Mit den Zeiten geht es IMHO etwas durcheinander.
Ein paar Anmerkungen zum Teil zwei,

UtherPendragon hat Folgendes geschrieben:
Schuld war der Fremde.
welcher Fremde? Der unten erwähnte Longdrink-Trinker? Oder der aus Teil eins?


 Am späten Nachmittag haben sich die Wolken mit ihren Bäuchen aus Stahl an der Lichtkuppel der Innenstadt abgerieben. Sie stemmen sich minutenlang gegen den Wind, um letztlich doch über den Straßen und Köpfen zu zerbrechen.

wenn schon der Text im Präsenz ist, dann "reiben sich ab"

Plötze ist flaniert Zeit! Warum nicht Präsenz , hat also einen ihrer großen, den Tag ausfüllenden Spaziergänge absolviert.


Draußen werfen die Autoscheinwerfer Schlieren, als die Dunkelheit zunimmt. Gegen die Scheibe kann sie das Wetter zum Abschweifen bringen, als säße sie im Auge eines anderen großstädtischen Lichtermeers und wäre gerade der Eile einiger Boulevards, also einem Klischee entkommen.

Gut! Etwas surreal


„Gestern hat jemand nach Dir gefragt,“ kommt der Barkeeper namens Balou mit ihr ins Gespräch.
namens kann weg, oder?


 Manchmal spricht man sich eben ein paar Jahre nicht und dann erreicht sie ein Brief aus einer fernen Stadt oder von den Küsten des Baltikums.

Warum Baltikum? Das kommt etwas unvermittelt, siehe unten



„Doch. Dann wusste er nichts mit dem Longdrink? damit anzufangen. Ich glaube, Du hast den Verfassungsschutz am Hals oder so.“
„Wieso, gab es Trinkgeld?“

Erklärt das  den Verfassungsschutz? Und wieso soll sie den am Hals haben? Insgesamt etwas zu viel der geheimnisschwangeren  Andeutung, IMHO

 Restregen.
Schönes Wort

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UtherPendragon
Eselsohr


Beiträge: 364



BeitragVerfasst am: 21.02.2022 17:54    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Hans!

Das sind total gute Anmerkungen; die helfen weiter. Werde ich komplett übernehmen.

Und bringt mich ins Denken, ob das Ganze nicht doch ein Fall für die Werkstatt ist.

Herzlichen Dank an Dich!

UP


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