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Instabil


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 64
Beiträge: 166



BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Instabil eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat


Instabil


Es könnte später sein, es könnte Schnee fallen. Tatsächlich fallen hier nur Geschichten von den Bäumen, fallen sich Menschen am Bahnsteig in die Arme. In dieser Zeit duftet alles nach Tannennadeln und Frittierfett, sogar die Zeit selbst. Die Züge sind wesentlich voller als sonst, aber man lässt sich seine Vorfreude nicht verderben und verschmilzt Mantel an Mantel zu einem zähen, vorweihnachtlich gestimmten Klumpen. Vor dem Bahnhofsgebäude gehen im Quietschen der Straßenbahnen simultan die Laternen an – eine ganze Stadt wird von kleinen, hellen Punkten erleuchtet; nur das Fandango liegt im Dunkeln. Die Laterne davor blitzt kurz auf, erlischt, blitzt wieder auf und flackert mit schwachem Licht weiter. Ach weisch, die ganze Sach mit dere Erderwärmung, 1999 henn die Leut au gedacht, die Kernkraftwerke würde sich abschalte, und jetzt sitze ma immer noch hier und trinke unser Pils – also ich trink meins, du bediensch ja nur - aber des isch alles Gschwätz, die Medien liefern dere Leut nur des Drama, nach dem se verlange, beendet Volker im Inneren der Kneipe einen sehr langen Vortrag und drückt seine Zigarette aus. Im Hintergrund läuft Ton Steine Scherben. Der Barkeeper wischt die Theke, obwohl sie für Fandango-Verhältnisse bereits mehr als sauber ist; Das tut er immer, wenn Volker mal wieder Zeitung gelesen und Redebedarf hat. Im Novoline-Automaten rotieren die Früchte, Thomas hämmert seit Stunden schon geistesabwesend in periodischen Abständen auf den Taster. Ansonsten ist das Fandango leer. Der Barkeeper tut gerade so, als müsste er einen besonders hartnäckigen Fleck entfernen, weil er immer noch Volkers biergetränkten Blick auf sich spürt. Wie lange er ihn wohl anstarren und eine Antwort erwarten würde? Eine Minute? Länger? Weiß Volker eigentlich, wie bescheuert er aussieht, wenn er so starrt? Wenn die Augen diesen betrunken fiebrigen Glanz bekommen, aber dahinter nichts, absolut gar nichts zu sein scheint, als würde sein Hirn sich zwischendurch abschalten? Wenn der Schweiß im Dämmerlicht glänzt, wenn sein Mund leicht offen steht, die Lippen auf dem Weg zu einem halben Lächeln eingefroren? Vielleicht sollte irgendjemand Volker sagen, wie abgrundtief dumm er aussieht, wenn er versucht, klug auszusehen. Nicht aber der Barkeeper, dazu kennt er Volker zu gut. Der verträgt das nicht, wenn man ihn kritisiert, und dann war’s das mit dem Trinkgeld. Plötzlich bricht ein heller Schrei die Stille. Thomas hämmert auf Geldausgabe, gleich darauf klimpern 200€ in Münzen aus dem Geldspeicher. Sie hören gar nicht mehr auf, zu klimpern. Und während Thomas sich fragt, warum der Automat das Preisgeld nicht in Scheinen auszahlen kann, wirft der Barkeeper den Lappen mit einem Spritzen in den Wassereimer. Er grinst. Volkers fiebriger Blick ruht jetzt auf einem potenziellen Freibier.

Es könnte später sein, witzelt man im Kaffeezimmer. Die Uhr hängt bei 16:17, der Zeiger zuckt seit Stunden schon in periodischen Abständen vor und zurück. Brodelnd schießt der Espresso aus dem Steigrohr, das Whiteboard ist mit Molekülen und Penissen vollgekritzelt, über die Wände ziehen sich Unterschriften der Absolventinnen und Absolventen. Dahinter: nichts, die Wände sind dünn. Hier lauscht man besser in den Gang hinaus, bevor man über den Chef oder die Studierenden lästert. Eine lebhafte Diskussion zwischen Lorenz und Ralf kommt zu ihrem Ende, als letzterer plötzlich den Zeigerfinger hebt und triumphierend von seinem Smartphone abliest: nichts als eine Kostenfrage, schließlich müsste ein Spielautomat die eingegebenen Scheine erst einmal sortieren, auf Echtheit überprüfen und dann in ein zweites Fach zur Ausgabe schicken. Vielsagende Blicke, Lorenz zieht eine Grimasse und kramt in seinem Geldbeutel. Der Inhalt des Geldfachs klimpert, hört gar nicht mehr auf zu klimpern. Dann wirft Lorenz 5€ Kleingeld auf den Tisch und kommentiert die Geste trocken mit ich gebs dir wie ein Spielautomat. Gelächter. Die asiatische Post-Doktorandin hebt verwirrt ihren Kopf vom Handy und sucht einen Kontext. Sie findet keinen. Wo eigentlich Ralfs Student sei, fragt jemand.

Und auf Instagram immer noch my body is my mindset #model #modeling #picoftheday #outfitoftheday #fashioninsta #fashioninspo #fashioninspiration #nature #beauty #sky #squats, und auf Chatroulette immer noch erigierte Penisse, und auf Facebook immer noch haltlose Kommentare, hunderte pro Minute. Und besorgte Bürger stopfen sich ihre Zigaretten selbst, weil die Industriekippen so teuer geworden sind, weil alles immer teurer wird, sogar die Butter, und das lassen wir nicht mit uns machen, und das kann man gar nicht oft genug sagen, man wird’s ja wohl noch dürfen. Und auf YouTube immer noch 💰 GEHEIMER ROULETTE TRICK [BEWEISVIDEO!!] 💰, immer noch Unboxing Videos. Immer noch ticken die Sekunden bei den Warehouse-Deals,
und vielleicht kaufst du dir heute einen Staubsaugerroboter, weil es morgen schon zu spät sein könnte, vielleicht schon am Ende
dieser Minute, oder wenn draußen die Lichter angehen. Immer noch musst du deinen AdBlocker deaktivieren, um diesen Text
weiterlesen zu können, da führt kein Weg

Es könnte später sein in dieser Umgebung, in der alles aufs Wesentliche reduziert ist, in der sogar die Luftströme nach determinierten Bahnen verlaufen; was bedeutet hier schon eine Minute, wo jeder Schritt, jeder Reaktionsschritt mehrere Tage dauert, wo jeder seine eigene Route läuft, die sich lediglich im Kaffeezimmer mit denen der anderen kreuzt - wo die Kolben zu trägem Trip Hop in Wasserbädern rotieren, wo Doktoranden mit Fingern an Kanülen schnippen, wo das Rattern der Ölpumpen stets von diesem Grundrauschen unterlegt ist, diesem unnatürlichen Rauschen, das dich  bis in deine Träume verfolgt, das dich morgens aus dem Bett in die Küche treibt, das schon auf dich wartet, wenn du die Brandschutztür öffnest und eintrittst - was bedeutet hier schon eine Minute, wenn sie sich immer und immer wieder zu wiederholen scheint? Wenn die Musik dein einziger Maßstab ist, weil sich alles andere fremd verhält; wenn Flüssigkeiten bei Raumtemperatur sieden, wenn Gase flüssig aus Behältern schießen, musst du jeden Schritt berechnen, jede Bewegung durchdenken, und wehe, dein Handy vibriert, wehe, du fragst dich, wer dir wohl geschrieben haben könnte, wehe, du warst jemals oder sogar gestern betrunken – wehe, du hast dich im Fandango volllaufen lassen und dein ganzes Münzgeld an den Automaten verloren, bist nach nur drei Stunden Schlaf ins Labor getorkelt, hast dich den ganzen Tag mit Kaffee am Leben gehalten und tatsächlich – ganz hinten im Lösemittelschrank findest du noch ein Gebinde Diethylether, das zwar etwas alt aussieht, aber Chemikalien werden ja nicht schlecht, und für die Extraktion muss das sowieso nicht rein sein, also hopp, schnell noch extrahieren und dann ab nach Hause. Als du deine Hand an den Deckel führst, bricht im Fandango ein heller Schrei die Stille, wackelt an irgendeiner Tischkante in irgendeiner Wohnung bedrohlich ein halbvolles Weinglas, und als du deine Finger um das Plastik legst, kratzt sich eine junge Frau am Kopf, weil sie nicht mehr weiß, was sie in der Küche eigentlich wollte, und es klimpern die Münzen aus dem Spielautomaten, und wo eigentlich Ralfs Student sei, fragt jemand im Kaffeezimmer, als du den Deckel fester greifst, um ihn aufzuschrauben –

Beim Umgang mit Ethern ist größte Vorsicht geboten, da sie unter Einwirkung von Luftsauerstoff gefährliche, schlag- und wärmeempfindliche, explosive Etherperoxide bilden. Das liegt daran, dass Peroxide sehr instabile Moleküle sind. Aber Instabilität ist nichts Schlechtes, sie ist nur ein Zeichen der Veränderung. Wenn etwas zerfällt, findet es stets eine neue Form, einen neuen Ausdruck, einen neuen Platz im großen Ganzen. Was bedeutet hier schon eine Minute, wo sich über Jahre hinweg Etherperoxid im Deckelgewinde gesammelt hat, Molekül für Molekül, immer und immer wieder, nur um innerhalb weniger Sekunden in alle Einzelteile zu zerfallen? Als das Gebinde explodiert, friert auf Chatroulette kurz das Bild ein, fällt im Vorlesungssaal klimpernd ein Schlüsselbund zu Boden, wirft der Barkeeper den Lappen mit einem Spritzen in den Wassereimer.

Und dann fällt der jungen Frau wieder ein, was sie in der Küche wollte, und das Weinglas auf der Tischkante kommt zum Stillstand, ein leerer Bus fährt mit ratterndem Motor los. Im Piepsen der Marderschrecks, im Lärm der Glühweinstände geschieht etwas Sonderbares: Menschen schauen in den Himmel, als würde es gleich schneien. Fassen sich irritiert an den Kopf. Und wenden sich wieder ihren dampfenden Tassen zu. Niemand wird sich an diesen Augenblick erinnern.

Im Kaffeezimmer, vom einen Moment zum anderen, tickt die Uhr normal weiter. Und die Münzen, die du in den Automaten warfst, gehen für zwei Bier über den Tisch. Und 4 Leute haben dein neues Profilfoto geliked. Und das Grundrauschen, dieses unnatürliche Rauschen, drückt deine Augenlider herab.  

Und die Belüftungsanlage tauscht Luft aus, 30.000 Liter pro Minute.

 



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