12 Jahre Schriftstellerforum!
 
Suchen
Suchabfrage:
erweiterte Suche

Login

Jetzt erhältlich! Eine Anthologie von und mit unseren Usern. Jetzt bestellen! Die erste, offizielle DSFo-Anthologie! Lyrikwerkstatt Das DSFo.de DSFopedia


Am Nordpol ist es auch kalt


 

 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> DSFo Wettbewerbe -> Zehntausend
 Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  
Autor Nachricht
Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 63
Beiträge: 156



BeitragVerfasst am: 27/12/2017 19:00    Titel: Am Nordpol ist es auch kalt eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das Kind
Fünfzehn Kinder sitzen in der Klasse. Die Mädchen tragen rote Spängchen im Haar. Die Jungen hat man in Hemden mit Knöpfen gesteckt.
„Sie können jetzt gehen“, lächelt die Lehrerin den Eltern zu. „Der erste Schultag ist etwas ganz Besonderes.“
Es sind fünfzehn Kinder, aber nur eins trägt einen ausgebeulten Strickpullover mit einem grinsenden Eisbären darauf.   
Es sitzt ganz hinten.
Die Lehrerin hat die Namen der Kinder an die Tafel geschrieben und als erstes fragt sie, wer sie schon lesen kann. Die Kinder rufen durcheinander.
Die Lehrerin lächelt. „Wir sind jetzt in der Schule und melden uns.“
Und dann nimmt sie die Kinder der Reihe nach dran und sie dürfen ihre Namen auf der Tafel einkreisen.
Als das Kind mit dem Eisbären aufgerufen wird, kneift es die Augen zusammen. Es lehnt sich vor und bewegt die Lippen, während es auf der Tafel nach etwas sucht.
„Komm nach vorne“, ruft die Lehrerin und ohne die Schüler nach ihrer Meinung zu befragen, beschließt sie, dass dieses Kind lieber in der ersten Reihe sitzen sollte, wo es besser sehen kann.
Ganze vorne haben zwei Mädchen ihre Plätze, das eine schmal und blass, das andere mit blonden Locken und einer frischen Zahnlücke.
„Maria, du tauschst bitte“, weist die Lehrerin an. Der Lockenkopf erhebt sich und das schmale, blasse Mädchen starrt das Eisbärenkind an, das mit rotem Kopf zwischen den Reihen hindurchgewatschelt kommt.
Jemand lacht.

Die Erstklässler lernen das ABC und Zahlen bis 20 und das Kind mit dem Eisbärpullover erscheint eines Tages mit einer dicken Brille, durch die seine Augen kugelrund aussehen.
In den Pausen bleibt es an seinem Platz sitzen, während das schmale Mädchen zu seinen Freundinnen huscht. Die rutschen mit den Pobacken zur Seite, um ihr Platz zu machen. So teilen sie ihre Stühle und ihre Butterbrote und saugen an ihren Milchkartons.
Das Eisbärenkind liest stockend, wenn die Lehrerin es aufruft, und es hebt niemals die Hand, wenn eine Frage gestellt wird. Aber es malt Figuren an den Rand seines Heftes, alle möglichen Tiere und Männchen, die lustige, große Nasen haben. Und natürlich Eisbären. Das Mädchen neben ihm starrt manchmal aus dem Fenster und in den Himmel und dann wandert sein Blick auf das bemalte Heft zu seiner Rechten und von Zeit zu Zeit lacht es; einmal schaut das Eisbärenkind zu ihm hinüber und zeigt ihm etwas auf dem Blatt und beide kichern.
Doch eines Tages sagt die Lehrerin: „Im Unterricht wird nicht gezeichnet!“ Auf ihre Stirn hat sich eine steile Falte gegraben. Das Mädchen gleitet an den Rand des Tisches, als das Eisbärenkind aufschaut und seine dicken Finger über die Zeichnungen in seinem Heft legt.
„Wenn du dich auf den Unterricht statt auf deine Kritzeleien konzentrieren würdest, würde dir vielleicht auch das Rechnen leichter fallen“, sagt die Lehrerin, die sich schon wieder der Tafel zugewandt hat.
Jemand lacht. Das Kind sagt nichts.
Von diesem Tag an zeichnet es nur noch in der Pause. Einmal, als es gerade geklingelt hat und sich das Mädchen wieder zurück auf seinen Platz setzt, schiebt das Kind ihm ein Blatt Papier hin. Da sitzt ein verwackelter Vogel auf einem Dach und schaut hinab auf fünfzehn Schüler und eine Lehrerin mit großem, aufgerissenem Mund.
„Für dich“, flüstert das Kind. Das Mädchen lächelt. Aber nach dem Unterricht, als Maria daneben steht, knüllt es den Zettel zusammen und wirft ihn in den Papierkorb.

In der Sporthalle trägt das Kind ein T-Shirt, das ihm nur knapp über den Bauchnabel reicht. An seinen fleischigen Armen spannt es.
„Schon wieder ein Eisbär!“, dröhnt ein Junge. Er rempelt das Kind ein bisschen an. Das Kind lacht laut und quietschend und streicht schnell über das runde Eisbärengesicht auf seiner Brust.
Aber manchmal hat es kein Sportzeug dabei. „Mein T-Shirt ist in der Wäsche“, erklärt es.
„Dann musst du ein anderes mitbringen“, ruft die Lehrerin. Ihre Stimme ist nicht freundlich. Doch das Kind starrt sie nur an – und muss im Unterhemd mitmachen.

In der zweiten Klasse hat die Lehrerin eine Überraschung.
„Wisst ihr, was ein Referat ist?“ Sie erklärt den Jungen und Mädchen, dass sich jeder ein Tier aussuchen darf. Das soll in der nächsten Woche mit einem selbstgestalteten Plakat und einem kleinen Vortrag vorgestellt werden.
Die Lehrerin hat fünfzehn Tierbilder an die Pinnwand geheftet.
Das schmale, blasse Mädchen schaut aufmerksam nach vorne. Neben ihm hat sich das Nachbarskind kerzengerade aufgerichtet. Sein Mund steht offen. Schon sind überall im Klassenzimmer Finger in die Höhe geschossen.
„Tina?“, ruft die Lehrerin die erste Schülerin auf.
„Ich nehme den Eisbären!“
Für einen Moment ist es ganz still.
Und dann poltert es. Neben dem schmalen Mädchen ist ein Stuhl krachend umgefallen. Alle Köpfe fahren herum. Die Lehrerin runzelt die Stirn.
Ein Kind hat sich erhoben. Seine Wangen leuchten. Auf der dicken Brille prangen fettige Fingerabdrücke.
„Nein!“, ruft das Kind mit zitternder Stimme. „Nein!“
Es hat den Arm in die Höhe gestreckt.
„Was ist?“, fragt die Lehrerin. Ihre Mundwinkel sind herabgezogen.
„Ich…“ Sein Atem rasselt. „Ich möchte den Eisbären.“ Seine Stimme ist kaum zu hören.
Die Lehrerin schaut zu Tina und dann wieder zurück.
„Tina hat sich als erstes gemeldet.“
„Du kannst deinen Arm jetzt runternehmen!“, ruft jemand und alle lachen.
Da steht das schmale, blasse Mädchen auf. Es steht vor dem Eisbärenkind. Für einen winzigen Moment sind seine Arme ausgebreitet, wie ein Schild. Niemand spricht. Das Mädchen ist starr.
„Lilly?“, fragt die Lehrerin.
Das Mädchen bewegt die Lippen. Seine Freundinnen legen die Köpfe schief.
„Nichts“, sagt es schließlich. „Nichts.“

Am nächsten Tag kommt der Schulfotograf. Nur das Kind mit dem Eisbärenpullover fehlt.
Das schmale Mädchen ist umringt von seinen Freundinnen und als der Fotograf „Cheese“ ruft, lächelt es in die Kamera.

Die Komplizin
„Wir freuen uns, Sie so zahlreich begrüßen zu dürfen!“, beginnt der Schulleiter seine Rede. Er dankt für die großzügigen Spenden der ehemaligen Schüler, die die Renovierung und die Modernisierung in dieser Form erst möglich gemacht haben. Nach einer Führung durch das Schulgebäude ruft eine aufgeregte Stimme die Schüler der 1a, Jahrgang 1987, zusammen.
„Maria?“, fragt eine schmale, blasse Frau.
„Lilly?“
Die beiden Frauen lachen und umarmen sich. Andere ehemalige Schüler kommen hinzu. Köpfe werden geschüttelt, Erinnerungen hervorgeholt.
„Du hast das alles organisiert?“ Maria nickt und zeigt einen Brief der Lehrerin, der es leider nicht gut gehe. „Sie hat Bilder von uns aufbewahrt.“ Maria reicht einen Ordner herum, in den Zeichnungen aller Schüler eingeheftet sind.
Die schmale, blasse Frau hat sich auf einem winzigem Erstklässlerstuhl niedergelassen, den Ordner auf den Knien. Sie blättert langsam durch die Seiten. Als sie bei einem leeren, weißen Blatt anlangt, hält sie inne. Aber es ist nicht leer. Es ist weiß wie Schnee – und unten in der Ecke sitzt ein Eisbär mit ungewöhnlich großer Nase.
Die Frau lässt den Blick durch den Raum schweifen. Als sich eine schwere Hand auf ihre Schulter legt, klappt sie den Ordner schnell zu. „Ich habe gehört, du arbeitest jetzt mit Flüchtlingen?“, brummt der dicke Mann, zu dem sie aufblickt.
„Wir müssen ein Erinnerungsfoto machen!“, unterbricht Maria. Sie zeigt den anderen das Gruppenfoto aus der zweiten Klasse.
„Ich weiß genau, wo das war“, ruft jemand und lotst alle auf den Schulhof. Dort stellen sie sich vor dem Klettergerüst auf.
„Lilly, du musst hier in die Mitte.“ Die schmale Frau wird in die erste Reihe geschoben. „Wir machen das genauso wie damals.“
Maria legt ihr den Arm um die Schultern.
„Wahnsinn“, bemerkt ein schlaksiger Mann. „Haargenau wie auf dem Foto. Es fehlt niemand.“
Die schmale Frau dreht suchend den Hals. Sie macht einen Schritt vorwärts, um einen Blick auf die ganze Gruppe zu werfen.
„Komm schon“, ziehen ihre Freundinnen sie zurück.
Die Frau bewegt die Lippen. Sie runzelt die Stirn. Alle sind still.
„Cheese!“, ruft ein Ehemann, der sich bereit erklärt hat, das Fotografieren zu übernehmen, und alle lächeln.

Der Eisbär
Die schmale, blasse Frau steht in einer hellen Küche und schnippelt Gemüse. In einer Pfanne sammeln sich Ölbläschen um ein brutzelndes Bio-Huhn.
Plötzlich bleibt das Messer in der Luft stehen. Die Frau dreht das Radio lauter.
…tragischen Vorfall am Eisbärgehege des Zoos. Bisher gibt es keine Anhaltspunkte für einen Unfall oder ein Verbrechen. Die Polizei geht von Suizid aus.

Es nieselt. Der Zoo ist fast gänzlich verlassen. Ein Eisbär steht mit pendelndem Kopf in der Mitte seines Geheges. Vor dem Wassergraben und der hohen Mauer, von der die Menschen auf ihn hinabschauen, steht eine Frau und betrachtet ihn. Ihre Hände umschließen die Kanten des Informationsschilds: Ursus Maritimus. Leise schlagen die Wellen des Wasserbeckens gegen die Einfassung aus Beton.
Nach langen Minuten, in denen der Eisbär nicht von der Stelle weicht, lösen sich ihre Hände und sie wendet sich zum Gehen.
In diesem Moment tritt ein Zoowärter in schweren Stiefeln und braunen Hosen aus dem an das Gehege angrenzenden Gebäude. Sein Blick streift die einsame Besucherin.
„Entschuldigung“, ruft sie ihm da zu und er bleibt stehen. „Werden sie ihn nicht töten?“
„Töten?“, fragt der Mann. Er kratzt sich am Kinn.
„Den Eisbären“, erklärt die schmale Frau. „Schläfern sie ihn nicht ein, weil er einen Menschen angefallen hat?“
Der Wärter sieht die Frau an, dann den Eisbären.
„Er hat keinen Menschen angefallen“, antwortet er schließlich. „Die Frau ist da hinten über die Brüstung geklettert und kopfüber auf die Steine unten im Wasser gesprungen. Sie war sofort tot. Der Bär stand bloß da und hat mit dem Kopf gewackelt.“
„Die Frau?“
„Ja, die Verrückte, die sich umgebracht hat.“
Einen Augenblick länger starrt der Wärter die Besucherin an, dann geht er fort.
Sie hat die Hände gegen ihre Wangen gepresst und plötzlich lacht sie. Sie lacht ein paar Mal laut auf und schließlich beginnt sie zu weinen.
Da steht sie im Zoo am Eisbärgehege im Nieselregen und weint.

Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> DSFo Wettbewerbe -> Zehntausend Alle Zeiten sind GMT - 11 Stunden
Seite 1 von 1



 
 Foren-Übersicht Gehe zu:  
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht teilnehmen.
In diesem Forum darfst Du Ereignisse posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht herunterladen

Thema Autor Forum Antworten Verfasst am
Keine neuen Beiträge Scheinheilige ist jetzt Angst Angst Roter Teppich & Check-In 4 16/01/2018 21:11 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Mein Name ist Dennis und... SirShenanigans Roter Teppich & Check-In 4 11/01/2018 01:39 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Dann ich auch mal cipher Roter Teppich & Check-In 1 10/01/2018 11:36 Letzten Beitrag anzeigen
Dieses Thema ist gesperrt, Du kannst keine Beiträge editieren oder beantworten. Ankündigungen: Die Schreibzeit ist abgelaufen Bananenfischin Zehntausend 0 07/01/2018 19:00 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Google Übersetzer: "Hallo wer is... BlinkyBill Ideenfindung, Recherche 12 20/12/2017 19:58 Letzten Beitrag anzeigen

BuchEmpfehlungEmpfehlungBuchEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlung

von JJBidell

von Piratin

von V.K.B.

von Lapidar

von madrilena

von Herbert Blaser

von last-virgin

von WhereIsGoth

von Schmierfink

von Rufina

Impressum Marketing AGBs Links

Powered by phpBB © 2001, 2005 phpBB Group
Deutsche Übersetzung von phpBB.de
Du hast noch keinen Account? Klicke hier um Dich jetzt kostenlos zu registrieren!