14 Jahre Schriftstellerforum!
 
Suchen
Suchabfrage:
erweiterte Suche

Login

Jetzt erhältlich! Eine Anthologie von und mit unseren Usern. Jetzt bestellen! Die erste, offizielle DSFo-Anthologie! Lyrikwerkstatt Das DSFo.de DSFopedia


Das Un-Gewissen

 
Gehe zu Seite 1, 2  Weiter
 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Antiquariat -> Postkartenprosa 05/2018
 Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  
Autor Nachricht
lebefroh
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 39
Beiträge: 378
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 06.05.2018 19:00    Titel: Das Un-Gewissen eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das Un-Gewissen

Wir wissen es nicht.
Spät in der Nacht sind die Fenster dunkel. Hier und da brennt noch ein Licht, aber das Städtchen schläft, es atmet ja kaum. Der Wind weht vom Meer und verschluckt Motorengeräusche. Wenn der Wagen die Hauptstraße hinunterfährt, ganz langsam, hört das niemand, nur ein paar Hunde, die bellen. Und wenn er zurückkommt, der Wagen, sieht das niemand, selbst die Hunde, die schlafen.

Was wissen wir, warum die Hunde bellen? – Vielleicht schleicht ein Fuchs herum und vielleicht ist diese Nacht gar kein Lastwagen gefahren, das wissen wir nicht, denn wir schlafen. Nur wenn manchmal einer aufsteht und zum Wasserhahn läuft über die kalten Fliesen, dann könnte er sehen, wie die Scheinwerfer über den Asphalt streichen und wie der Wagen langsamer wird, weil der Fahrer Rücksicht nimmt auf die Bewohner der schlafenden Stadt. Der Motor heult nicht auf, deswegen wissen wir nicht, dass er da ist, und wir hören auch nicht das Schaben und Kratzen und das Blöken und Jammern als wären da Tiere. Nur wenn ein Spalt geöffnet ist zwischen den Gardinen erhascht jemand einen Blick auf den Lastwagen – der jetzt fast jede Nacht – auf der Straße durch die Stadt und bis hinaus in den Steinbruch am Meer. Und auf die Ladefläche, wenn vielleicht einmal eine Windböe die Plane packt und darunter die Leiber zum Vorscheinen kommen. Wie sie stehen und scharren und stellt euch vor – es spränge einmal einer herunter. Doch wir schlafen und selbst die Hunde bellen nicht mehr.

Und niemand kann wissen, ob der Wagen zurückkommt von der Straße, die im Steinbruch endet. Denn wir wissen ja gar nicht, dass er dort gefahren ist, langsam im Dunkeln, denn wir alle schliefen, bis auf den ein oder anderen, den der Mondschein weckte, heute und an den anderen Tagen. Vielleicht sind es Minuten oder eine Ewigkeit bis er wiederkommt, denn wir hören ihn nicht, und wir hören auch keinen Lärm von weit her, weil das Meer doch rauscht und der Wind pfeift. Wenn die Gardinen geöffnet wären, könnten wir vielleicht sehen, wie er fährt, vom Steinbruch her, und wie die Plane flattert und darunter die leeren Planken.

Aber die Gardine ist zu. Komm, schlaf ein.

Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Eliane
Geschlecht:weiblichAutor


Beiträge: 761



BeitragVerfasst am: 13.05.2018 21:35    Titel: Antworten mit Zitat

Ich mag diesen Text. Er klingt irgendwie ganz tief in mir drinnen unterschwellig gruselig nach. Schön.

Einhaltung der Vorgaben:
Szene: ich weiß nicht recht. Eigentlich ja, aber die Szene macht den kompletten Text aus. Das war glaube ich nicht im Sinne der Vorgabe.
Thema: ja
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Michel
Geschlecht:männlichNebelpreisträger

Alter: 48
Beiträge: 2521
Wohnort: Südwest
Das goldene Niemandsland Der silberne Spiegel - Prosa
Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 14.05.2018 13:55    Titel: Antworten mit Zitat

Langweilige Überschrift, auf den ersten Blick jedenfalls, das Gewisse, hier zum Gewissen umgedeutet, spielt mit dem Wegsehen. Der Text fängt mich ein, ein „Was wäre“-Spiel mit einem Laster, der wohl Tiere zum schlachten in den alten Steinbruch bringt, aber es sieht ja keiner. Läuft glatt, liest sich gut - nicht im Sinne von "einfach", sondern von "In seiner Komplexität trotzdem lesbar", was nicht jeder Text im Wettbewerb schafft. Gefällt mir.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
hobbes
Geschlecht:weiblichTretbootliteratin


Beiträge: 3470

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
Ei 4 Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 14.05.2018 14:04    Titel: Antworten mit Zitat

Oh, das mag ich. Völlig überraschend, denn gestern hat mich das Wir ein wenig genervt, heute sieht das schon anders aus. Es passt natürlich prima zum Text.
Doch, das mag ich. Ich mag, wie es gemacht ist, dieses Behaupten von nicht-wissen, wo doch gleichzeitig völlig klar ist, dass wir wissen.

Text, ich komme wieder.

edit: Der Titel! Den wollte ich auch noch mal erwähnen. Vielleicht erfreue ich mich so an ihm, weil ich in die Richtung gar nicht gedacht habe. Vielleicht passt er aber auch einfach so gut. Und das, wo er doch "nur" das Thema aufgreift. Sachen gibt's.

edit: Hallo Favoritentext smile
Du hast unter anderem auch deshalb gewonnen, weil ich dich beim xten Lesen immer noch mochte. Vielleicht auch: noch mehr mochte.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
Amarenakirsche
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 27
Beiträge: 292
Wohnort: tief im Westen


BeitragVerfasst am: 14.05.2018 14:59    Titel: Antworten mit Zitat

Der Text hat mir sehr gut gefallen.
Er ist eindringlich geschrieben. Du hast die Atmosphäre genau getroffen und das Thema 'Ungewissheit' auf eine andere Weise interpretiert, als die meisten (meine Meinung).
Ich mag die Betonung des Verbes "wissen" bzw. nicht-wissen an jedem Absatzanfang. Das bildet einen roten Faden, der durch die Geschichte lenkt.
Niemand will etwas gewusst oder bemerkt haben. Aber da ändert nicht, dass es passiert ist.

8 Federn
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Constantine
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 2894

Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 15.05.2018 15:40    Titel: Antworten mit Zitat

Da ich leider nur 10 Beiträge bepunkten kann, war die Auswahl schwierig.
Dein Beitrag erhält von mir leider 0 Punkte.
Sorry.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Heidi
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 39
Beiträge: 1307
Wohnort: Hamburg


BeitragVerfasst am: 15.05.2018 22:33    Titel: Re: Das Un-Gewissen Antworten mit Zitat

Interessant wie du um die Un-Gewissheit herumschleichst. Auch der letzte Satz, der gewiss ist, macht das alles Un-Gewiss.
Das ist ein sehr denkerischer Text und die habens bei mir weniger leicht. Trotzdem, mir gefällt er soweit. Text stellt Fragen für mich. Klar, besser wäre es, wenn ich mir die Fragen selbst stellen dürfte, weil Text sie aufwirfst, aber der Text ist halt so wie er ist.

Warum der Titel? Den Zusammenhang zum Text begreife ich noch nicht.
Du warst irgendwie weit oben in meiner Punkte-Liste und dann bist du immer weiter runter gerutscht und nun ... ist keiner mehr übrig.
Tut mir leid.


_________________
Scheiße darf keine Flügel haben
der Phallus braucht Flügel
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
d.frank
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 41
Beiträge: 980
Wohnort: berlin


BeitragVerfasst am: 15.05.2018 23:48    Titel: Antworten mit Zitat

Irgendwie fühle ich mich bei diesem Wettbewerb langsam so ein bisschen wie beim Memoryspielen Laughing
Es gibt immer wieder so Geschichtenpaare und ich muss mir daraus den Trumpf raussuchen.
Der Gegenpart hierzu hat mir besser gefallen.
Hier bleibt mir das zu vage.

Zitat:
das Schaben und Kratzen und das Blöken und Jammern als wären da Tiere.


Zitat:
wenn vielleicht einmal eine Windböe die Plane packt und darunter die Leiber zum Vorscheinen kommen. Wie sie stehen und scharren und stellt euch vor – es spränge einmal einer herunter.


Zitat:
vom Steinbruch her, und wie die Plane flattert und darunter die leeren Planken.



Irgendwas wird also regelmäßig im Steinbruch abgeladen und das Un-gewissen der Anwohner sorgt dafür, dass das Ganze schön im Verborgenen bleibt. So weit so gut. Aber das Un-Konkrete des Autors sorgt dafür, dass ich auf der Strecke bleibe. Die Ahnung ist eigentlich offensichtlich und dann aber wieder unausgegoren und plakativ?
Ich bekomme das jetzt nicht besser erklärt, weil es schon spät ist und weil ich müde vom Tag bin. Aber so wirklich warm werde ich mit der Geschichte nicht.


_________________
Die Wahrheit ist keine Hure, die sich denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: Vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, daß selbst wer ihr alles opfert noch nicht ihrer Gunst gewiß sein darf.
*Arthur Schopenhauer
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Aneurysm
Geschlecht:männlichHobbyautor


Beiträge: 474



BeitragVerfasst am: 16.05.2018 18:00    Titel: Antworten mit Zitat

Dieser Text erfüllt die Vorgaben sehr direkt, indem er die Ungewissheit darüber, ob die vorgegebene Szene tatsächlich so passiert ist, zum Thema macht. Er erzählt keine Geschichte auf konventionelle Art, sondern er schildert die Gedanken eines unbekannten Ichs zu der Szene. Liegt da jemand nachts in seinem Bett und fragt sich, was draußen passiert? Wir wissen es nicht, würde das Ich wohl antworten.

Mir sind die Gedanken über die Ungewissheit zu allgemein und zu flach. Was dort steht, denke ich mir, könnte sich jeder ausdenken, der über Ungewissheit im Zusammenhang mit der vorgegebenen Szene nachdenkt. Und weil mich der Text auch nicht anderweitig anspricht, indem er zum Beispiel Protagonisten schafft, mit denen ich mitfühle, hat es nicht für die Punkte gereicht.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Jenni
Geschlecht:weiblichBestseller-Autor


Beiträge: 4051

Das goldene Aufbruchstück Die lange Johanne in Gold


BeitragVerfasst am: 16.05.2018 23:15    Titel: Antworten mit Zitat

Niemand beobachtet die belanglose Szene mit dem vorbeifahrenden Auto, denn alle schlafen, und auch wenn es eine Geschichte dahinter gäbe (was im Steinbruch geschehen sein könnte), wir würden sie nicht kennen. Das ist eine schöne leise Idee, rund erzählt. Und so leise sie daherkommt, so lässt sie sich doch auf ein generelles Wegschauen übertragen und auf ein Desinteresse für Hintergründe, ohne dass es wirklich konkrete Andeutungen in diese Richtung gäbe, der Titel vielleicht, eine Andeutung, denn wer nichts sieht, lädt auch keine Schuld auf sich, belastet sein Gewissen nicht.
Steht auf meiner Liste, der mit den Punkten am Ende.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
V.K.B.
Geschlecht:männlich[Error C7: not in list]

Alter: 47
Beiträge: 2708
Wohnort: Nullraum
Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 17.05.2018 22:14    Titel: Antworten mit Zitat

Vorweg: Ich interpretiere Un-Gewissheit als zweideutig, einmal eine Ungewissheit (nicht wissen, was kommt oder los ist) und eine Un-Gewissheit wie Un-Ding (oder wie cummings das "un" in seinen Gedichten benutzt hat), also eine schlimme Gewissheit.

Hallo Inko,
wow, ein wirklich finsteres Szenario, muss ich schon sagen. Gut rübergebracht und gefällt mir. Der eigentlich nur aus Negationen bestehende Schreibstil ist zuerst etwas gewöhnungsbedürftig, aber hat irgendwie auch was. Einziger Wermutstropfen: Ab und an wiederholst du dich etwas zu oft.

Das Thema Un-Gewissheit ist brillant eingefangen. Niemand weiß was los ist, weil es niemand wissen will, und doch weiß es eigentlich jeder. Nur verschließt die Augen. Wir haben doch von nichts gewusst, werden sie später sagen.

Mir gefällt, was du mit der vorgegebenen Szene machst, das ist mutig. Schließlich lässt du sie ja eigentlich gar nicht stattfinden, oder außerhalb der Wahrnehmung. Streng genommen geht das gegen die Vorgaben. Aber ich sehe hier kein "Thema verfehlt", denn dir gelingt es trotzdem, die Stimmung der Originalszene einzufangen und als düsteres Un-Geschehen über der ganzer Geschichte schweben zu lassen. Gefällt mir richtig gut!

Ich habe bis jetzt noch nicht alles gelesen und verteile Punkte erst am Ende, aber bis jetzt bist du ziemlich weit oben in meiner Liste.

Gerne gelesen,
Veith


_________________
Warning: Cthulhu may occasionally jumpscare people …
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
firstoffertio
Geschlecht:weiblichFlachmann-Preisträger


Beiträge: 6133
Wohnort: Irland
Das bronzene Stundenglas Der goldene Spiegel - Lyrik (1)
Podcast-Sonderpreis Silberner Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 18.05.2018 00:20    Titel: Antworten mit Zitat

Die Perspektive hier interessant. Der Widerspruch von wissen und nicht wissen wollen. Eine Parabe, nicht?
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
VwieMargarita
Geschlecht:weiblichSchreiberassi

Alter: 36
Beiträge: 60
Wohnort: Remarque-Stadt


BeitragVerfasst am: 18.05.2018 20:35    Titel: Antworten mit Zitat

Wir wissen nicht, weil wir schlaffen, aber wir vermuten.

_________________
"Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben".
J.W.v.G
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Malaga
Geschlecht:weiblichAutor


Beiträge: 897



BeitragVerfasst am: 19.05.2018 14:40    Titel: Antworten mit Zitat

Mit jedem Lesen gefällt es mir besser.
Toll, das Wortspiel hin von der Un-Gewissheit zum Un-Gewissen. Klasse!
Die Assoziation "Nationalsozialismus" - keiner will es mitgekriegt haben, gewusst haben, jeder hat lieber die Gardinen zugezogen.
Dass es um Menschentransporte geht, ist klar. Aber jede Nacht? Ist nicht ganz realistisch, oder? Gelegentliche Transporte würden es glaubwürdiger machen.
Auf jeden Fall ist die Geschichte einer meiner Favoriten!
Noch: Der Vorzug des Textes ist sein einziges Manko: Sein Moralismus. Keine Geschichte, eher ein -- Essay? Weiß nicht. Trotzdem: 12 Punkte.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Tjana
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 59
Beiträge: 1923
Wohnort: Inne Peerle


BeitragVerfasst am: 20.05.2018 01:19    Titel: Antworten mit Zitat

Geheimnisvoller Lastwagen.
Entsorgt er tatsächlich lebende Tiere im Steinbruch? Gruselig, dennoch schwer glaubhaft.
Mal sehen, ob im Vergleich mit den anderen Texten noch Punkte übrig bleiben ...


_________________
Wir sehnen uns nicht nach bestimmten Plätzen zurück, sondern nach Gefühlen, die sie ins uns auslösen
In der Mitte von Schwierigkeiten liegen die Möglichkeiten (Albert Einstein)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
traumLos
Hobbyautor


Beiträge: 375



BeitragVerfasst am: 20.05.2018 04:30    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo, ich weiß nicht wer.

Ja, die Vorgabe sehr weit durch den Text gezogen. Möglicherweise ein Text der Gefahr lief, disqualifiziert zu werden. Allerdings hat dieser Text in besonderem Maße das Thema Un-Gewiss verarbeitet. Mit ganz wenigen Wörtern, vielleicht sogar der kürzeste Text, das was Un-Gewiss den Bewohnern des Ortes sein will, als Gewissheit entlarvt. Hat mir sehr gut gefallen.

Aber da ist ja die Szene. Hm.

Beide Augen zugedrückt. 1 Punkt


_________________
Meine Beiträge geben nur meine Meinung wieder. Jede Einbeziehung realer oder fiktiver Personen wäre nur ein Angebot. Zwinkersmiley
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen
rieka
Geschlecht:weiblichSucher und Seiteneinsteiger


Beiträge: 982



BeitragVerfasst am: 20.05.2018 13:50    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo, unbekannter Autor.
Heißes Thema, dein Thema. Ein (Un)Gewissen, das im Un-Gewissen bleiben möchte.
 Man schaut besser nicht hin, wenn  Dinge geschehen, gegen die man aufstehen sollte.
Geschrieben hast du den Text mit einfachen, ruhigen, klaren Sätzen ohne Geschnörkel. Daher empfand ich ihn, sobald mir das Licht über ihn aufging, umso eindrucksvoller. Dabei ist es gar nicht wichtig, eindeutig zu wissen, um welche Lebewesen es sich auf dem Lastwagen handelt. Die Fantasie kann wandern, es gibt einige Szenarien, die sich  mir auftun, alle unangenehm bis schrecklich.  Damit ist nicht nur in der Geschichte das „Ungewisse“ vorhanden, auch ich bin im Ungewissen.

Alle Bedingungen sind erfüllt. Nicht nur die ungewissen Protagonisten in der Geschichte stecken nun im Ungewissen, bis zu einem gewissen Grad auch ich, die ich um die Leiber, das Blöken, Schaben und Kratzen herumfantasiere.
Doch, hier geht es nicht nur um das Un-Gewisse, sondern auch um das Un-Gewissen.
Ich finde hier stimmen Inhalt, Vorgaben und Schreibstil.
10 Punkte
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Literättin
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger

Alter: 54
Beiträge: 2085
Wohnort: im Diesseits
Das silberne Stundenglas Der goldene Roboter
Lezepo 2015 Lezepo 2016


BeitragVerfasst am: 21.05.2018 10:32    Titel: Antworten mit Zitat

Spielt das Thema Un-Gewissheit die zentrale Rolle? Es wurde hier kurzerhand umgebaut in eine Geschichte über das wegschauen, über das im Schlaf betäubte gewissen.



Eröffnet oder schließt die vorgegebene Szene den Text und bleibt ihr Charakter erhalten? Die Szene zieht sich durch die gesamte Geschichte: hier ist es ein Lastwagen, der seine Fracht im Steinbruch ablädt und danach zurückkehrt, so entspricht sie nicht ganz den Vorgaben.


Gesamteindruck - Es ist eine sehr bedrückende, nachdenklich stimmende Geschichte, die in Erinnerung bleibt und die so doch nicht ganz funktioniert. Sprachlich solide verfasst und sparsam erzählt gefällt mir die Unaufgeregtheit der Erzählung, doch sie betont mir eine Spur zu vordergründig, dass "wir (ruhig weiter) schlafen (sollen)". Offenbar werden Menschen in den Steinbruch gekarrt, Menschen, die scheinbar blöken und scharren wie Tiere. Es ist ein unmenschlicher Transport und es wird angedeutet, dass den am Ende auch keiner überlebt. Und da bewegt sich der Text  auf einem schmalen Grat, denn einerseits scheint er sich historischer Bilder zu bedienen (das Bild vom Steinbruch als klassisches Bild vom Straflager), was den Text auf eine bestimmte Bedeutung reduziert und andererseits kommt er ohne historischen Bezug daher  und die Mahnung scheint sich aktuell auf heute zu beziehen. Und hier strauchle ich als Leser etwas und weiß in diesem Widerspruch von konkret und vage mich nicht wirklich zurecht zu finden. Und genau an diesem Punkt fühle ich mich dann ein Stück zu viel ironisch ermahnt, im wir doch bitte weiter zu schlafen. Dabei ist die Idee im Kern nicht verkehrt, sie verliert aber in der Umsetzung an Tragfähigkeit. Dennoch: gern gelesen. Und gern damit beschäftigt.


_________________
when I cannot sing my heart
I can only speak my mind
- John Lennon -

Christ wird nicht derjenige, der meint, dass "es Gott gibt", sondern derjenige, der begonnen hat zu glauben, dass Gott die Liebe ist.
- Tomás Halík -

Im günstigsten Fall führt literarisches Schreiben und lesen zu Erkenntnis.
- Marlene Streeruwitz - (Danke Rübenach für diesen Tipp.)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Akiragirl
Geschlecht:weiblichDünnhäuterin

Alter: 30
Beiträge: 5601
Wohnort: Leipzig
Der goldene Spiegel - Prosa DSFo-Sponsor


BeitragVerfasst am: 21.05.2018 18:49    Titel: Antworten mit Zitat

Dieser Text ist für mich Platz 2 im diesjährigen PoKaPro und bekommt somit 10 Punkte.

Warum?
Sprachlich ist er nicht besonders, aber doch sicher und routiniert auserzählt, mit Ausnahme dieses Satzes:
Zitat:
Nur wenn ein Spalt geöffnet ist zwischen den Gardinen erhascht jemand einen Blick auf den Lastwagen – der jetzt fast jede Nacht – auf der Straße durch die Stadt und bis hinaus in den Steinbruch am Meer.

Die Wiederholungen fügen sich gut in die Melodie des Textes ein und verstärken dieses Gefühl, dass es so viele Chancen gegeben hätte, hinzuschauen, aber niemand sie ergriffen hat.

Den Lastwagen kann man sicher sehr verschieden interpretieren, ich würde mich da gar nicht festlegen wollen. Er kann für alles Unrecht stehen, das an Menschen und Tieren schon begangen wurde. Massentiertransporte, Sklaverei, Holocaust, waren Assoziationen, die mir in den Sinn kamen. Aber man will es nicht sehen, nicht hören, man will es im Grunde nicht wissen. Etwas, das auch heute leider wieder an der Tagesordnung ist.
Einer der wenigen aus meiner Interpretation politischen Texte des Wettbewerbs, der das Thema aus meiner Sicht sehr gut verarbeitet, besonders das Spiel mit der Ungewissheit und dem Un-Gewissen.

Bin gespannt, wer hier der Autor war smile
LG
Anne


_________________
"Man bereut nicht, was man getan hat, sondern das, was man nicht getan hat." (Mark Aurel)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
Terhoven
Geschlecht:weiblichHobbyautor


Beiträge: 410



BeitragVerfasst am: 24.05.2018 20:21    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko. Ich kann nicht ohne Stichpunktzettel

Gesamteindruck: Uh, starker Tobak.

Umsetzung der Regeln:
Thema Un-Gewissheit --  Ja, hier sehr schön mit dem Gewissen gekoppelt, das bietet sogar einen Mehrwert.
Autoszene -- sehr gut umgesetzt, erst einmal und dann immer wieder, sehr schön

Bester Satz: Mir gefällt, wie jemand zum Wasserhahn läuft über die kalten Fliesen. Das spricht mich total an, erst der Durst und dann die kalten Fliesen, da müsste die Person ja auch bald aufs Klo und hat praktisch zwei Chancen, das draußen Geschehende wahrzunehmen.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
lebefroh
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 39
Beiträge: 378
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 26.05.2018 11:53    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielen Dank für die vielen Kommentare! Es freut mich, dass Einige meiner Geschichte so viel abgewinnen konnten.

Insbesondere freue ich mich, dass meine eigenen Favoriten auch bei mir viel finden konnten.

Und vielen Dank natürlich für die Punkte von allen, die mir welche gegeben haben!

Eliane hat Folgendes geschrieben:


Einhaltung der Vorgaben:
Szene: ich weiß nicht recht. Eigentlich ja, aber die Szene macht den kompletten Text aus. Das war glaube ich nicht im Sinne der Vorgabe.
Thema: ja


Ich habe mich gefragt, ob mir das angekreidet wird. Aber in den Vorgaben stand doch nur, dass die Szene am Anfang oder am Ende stehen soll. Es stand nicht dort, dass die Szene sich nicht im weiteren Verlauf wiederholen darf. So jedenfalls meine Interpretation...

Michel hat Folgendes geschrieben:
Der Text fängt mich ein, ein „Was wäre“-Spiel mit einem Laster, der wohl Tiere zum schlachten in den alten Steinbruch bringt, aber es sieht ja keiner.


Nein, Tiere sind es eigentlich nicht. Es ging mir darum, dass es zu einer Enthumanisierung kommt, um das Wegschauen zu ermöglichen. Und gleichzeitig lassen die Menschen in dem Dorf sich selbst eben im Ungewissen... vielleicht sind es ja doch Tiere.

hobbes hat Folgendes geschrieben:

edit: Der Titel! Den wollte ich auch noch mal erwähnen. Vielleicht erfreue ich mich so an ihm, weil ich in die Richtung gar nicht gedacht habe. Vielleicht passt er aber auch einfach so gut. Und das, wo er doch "nur" das Thema aufgreift. Sachen gibt's.


Wow, damit habe ich ja gar nicht gerechnet. Ich habe mich im Nachhinein so über den Titel geärgert. Fand in fürchterlich platt. Aber schön, dass er für dich passte - und überhaupt vielen Dank für so viel Lob!

Heidi hat Folgendes geschrieben:


Warum der Titel? Den Zusammenhang zum Text begreife ich noch nicht.
Du warst irgendwie weit oben in meiner Punkte-Liste und dann bist du immer weiter runter gerutscht und nun ... ist keiner mehr übrig.
Tut mir leid.


Der Titel - na, weil die Ungewissheit ermöglicht, dass das Gewissen nicht schmerzt. Ich finde es im Nachhinein selbst blöd...
Übrigens erkenne ich ein Muster: Im letzten Wettbewerb bin bei Dir auch von oben nach unten gerutscht bis nix mehr übrig war... Laughing

d.frank hat Folgendes geschrieben:
Irgendwie fühle ich mich bei diesem Wettbewerb langsam so ein bisschen wie beim Memoryspielen Laughing
Es gibt immer wieder so Geschichtenpaare und ich muss mir daraus den Trumpf raussuchen.
Der Gegenpart hierzu hat mir besser gefallen.
Hier bleibt mir das zu vage.


Oh, jetzt bin ich aber neugierig, welche Geschichte dieser Gegenpart war!

firstoffertio hat Folgendes geschrieben:
Die Perspektive hier interessant. Der Widerspruch von wissen und nicht wissen wollen. Eine Parabe, nicht?


Parabel? Irgendwie schon, aber nicht so richtig. Weil ja leider ganz ähnliche Dinge in der Menschheitsgeschichte schon zu genüge passiert sind.

Malaga hat Folgendes geschrieben:

Dass es um Menschentransporte geht, ist klar. Aber jede Nacht? Ist nicht ganz realistisch, oder? Gelegentliche Transporte würden es glaubwürdiger machen.


Leider habe ich genug beklemmende Texte gelesen, die mich davon überzeugen, dass schreckliche Dinge auch verdrängt werden können, wenn sie jeden Tag passieren. Außerdem habe ich ja "fast jede Nacht" geschrieben. wink

Malaga hat Folgendes geschrieben:

Noch: Der Vorzug des Textes ist sein einziges Manko: Sein Moralismus. Keine Geschichte, eher ein -- Essay? Weiß nicht. Trotzdem: 12 Punkte.


Ja, ich habe auch überlegt, ob das zu moralistisch ist. Freut mich, dass es Dir trotzdem gefallen hat.

traumLos hat Folgendes geschrieben:


Beide Augen zugedrückt. 1 Punkt


Weil sich die Szene wiederholte?

Akiragirl hat Folgendes geschrieben:

Sprachlich ist er nicht besonders, aber doch sicher und routiniert auserzählt, mit Ausnahme dieses Satzes:
Zitat:
Nur wenn ein Spalt geöffnet ist zwischen den Gardinen erhascht jemand einen Blick auf den Lastwagen – der jetzt fast jede Nacht – auf der Straße durch die Stadt und bis hinaus in den Steinbruch am Meer.


Oje, das war eigentlich Absicht. Embarassed  Weil - der Gedanke, von dem, was da passiert, ist so ungeheurlich, dass der Satz nicht mal richtig zu Ende geführt wird.

Danke noch mal an alle, hat mir wirklich Spaß gemacht, Eure Kommentare zu lesen und viel gegeben!
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
holg
Geschlecht:männlichDichter und Denker


Beiträge: 1646
Wohnort: knapp rechts von links
Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 30.05.2018 16:32    Titel: Antworten mit Zitat

Den hab ich jetzt zweimal gelesen und fand ihn beim zweiten Mal noch besser als beim ersten.
So bildhaft-mystisch du diese Ungewissheit über den nächtlichen Transporter, der Wesen (als wären da Tiere) zum Steinbruch am Meer fährt, oder auch nicht, muss da unter dem Nicht-Geschilderten ein tieferer Horror lauern.

Klasse gemacht.


_________________
Froh zu sein bedarf es wenig.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Antiquariat -> Postkartenprosa 05/2018 Alle Zeiten sind GMT - 11 Stunden
Gehe zu Seite 1, 2  Weiter
Seite 1 von 2



 
 Foren-Übersicht Gehe zu:  
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht teilnehmen.
In diesem Forum darfst Du Ereignisse posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht herunterladen

Thema Autor Forum Antworten Verfasst am
Keine neuen Beiträge Das neue Leben / Maxi I Hummelchen48 Selbstveröffentlichung/Eigenverlag 3 07.08.2020 22:19 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Das Musik-Emotions-Spiel Kojote SmallTalk im DSFo-Café 16 28.07.2020 15:39 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Endstation - das zweite Kapitel Schreibfuchs Einstand 6 25.07.2020 02:40 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Bonausa und das Rezept Meinungsfreiheit Trash 0 24.07.2020 21:18 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Das Haus der Mächtigen BerndHH Werkstatt 43 15.07.2020 06:14 Letzten Beitrag anzeigen


Impressum Datenschutz Marketing AGBs Links
Du hast noch keinen Account? Klicke hier um Dich jetzt kostenlos zu registrieren!