13 Jahre Schriftstellerforum!
 
Suchen
Suchabfrage:
erweiterte Suche

Login

Jetzt erhältlich! Eine Anthologie von und mit unseren Usern. Jetzt bestellen! Die erste, offizielle DSFo-Anthologie! Lyrikwerkstatt Das DSFo.de DSFopedia


Kaleidoskop Splitter


 

 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> DSFo Wettbewerbe -> Zehntausend
 Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  
Autor Nachricht
Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 64
Beiträge: 166



BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Kaleidoskop Splitter eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Kaleidoskop Splitter

Das Jetzt rinnt mir durch die Finger. Rutscht weg, ohne sich halten zu lassen. Andere jagen die Zukunft oder lassen sich einspinnen von der Vergangenheit bis nichts mehr von ihnen übrig ist, als ein fettes, eingewickeltes Insekt, das baumeln und zappeln wird, bis es stirbt. Die Momente, die ich fangen will, enden so schnell, dass ich sie kaum wahrnehme. Der Sand zwischen meinen Zehen, die Sonne auf meiner Haut, das Kitzeln eines Grashalms, das Flattern eines Vogelflügels in der Luft, der Geschmack von Sommer und Eis, der schon auf meiner Zunge zerschmolzen ist.
Die Stadt ist gelähmt von der Hitze, die wie eine Glocke über den Häusern und Straßen und Parks hängt, auch jetzt, wo es Abend wird. Durch offene Fenster dringen träge Stimmen. Wir warten.

Roland rückt seine Krawatte zurecht. Das Licht blendet und auf seiner Stirn bilden sich Schweißperlen. Vielleicht hat die Dame von der Technik die Scheinwerfer absichtlich noch greller gestellt, damit sein Gesicht rot anläuft und sein Hemd durchnässt. Dame ist gut! Jeder weiß, was für Mannsweiber das sind, die in der Technik arbeiten. Eine, die nicht mal so tut, als wäre sie ihm freundlich gesinnt, das wurde eben beim Soundcheck mehr als deutlich. „Wird hier heute Geschichte geschrieben?“, hat sie ihrem Kollegen zugeraunt, ohne wirklich die Stimme zu senken, und so gelacht als ginge es nicht um sein ganzes Leben.

Die Tür ist geöffnet, damit es Durchzug gibt. Sie soll das nicht tun, aber hat sie eine Wahl? Die Luft steht in der kleinen Wohnung. „Wer da alles hereinkommen könnte! Du kannst doch die Wohnung nicht einfach offenstehen lassen!“ Martha kann und sie tut es, denn ein Überfall mag kommen oder auch nicht – der Schweiß und die klebende Kleidung sind schon da und es muss Abhilfe geschafft werden. Sie hat ihren Stuhl mühsam vor das Fenster geschoben, gezerrt und geruckt bis er an der richtigen Stelle stand und alle ihre Knochen wehtaten. Jetzt endlich sitzt sie. Die Brise erfasst ihr dünnes Haar. Sie streicht sich die Strähne aus dem Gesicht.

Edwina hat sich im Bad eingeschlossen. Reine Gewohnheit, denn sie ist allein. Niemand, der sie stören könnte, der neugierig fragt, was sie da macht. Jetzt sitzt sie auf dem geschlossenen Klodeckel, weil sie eben schon aufgestanden ist, um die Luke zu öffnen, durch die etwas Luft von draußen hereinzieht. Es ist unerträglich heiß, obwohl der Sommer noch nicht begonnen hat. Sie hört den Fernseher, den die schwerhörige Nachbarin laut gedreht hat. Seit einer Viertelstunde reden zwei hirnlose Kommentatoren, spekulieren und mutmaßen, weil alle darauf warten, dass es beginnt.

Die Autos schieben sich durch den Berufsverkehr. Thomas trommelt aufs Lenkrad. Die Klimaanlage bläst kalt auf seine Finger. Das Arschloch da vorne hat sich mit seiner mickrigen Karre in die Abbiegerspur gedrängelt. Und die blöde Schnepfe im roten Fiat lässt es auch noch mit sich machen. So wie 80% aller Menschen alles mit sich machen lassen. Hopp! Und sie springen. Thomas hat genug von jeglicher Springerei. Dafür hat er auf die richtigen Pferde gesetzt. Nur dass ein Pferd in Begriff ist, sich mächtig in die Scheiße zu reiten.  

Jonas steht am Straßenrand und schaut den Jungen zu. Der gelbe Ball fliegt zwischen den beiden hin und her. Sie zählen. 64 und kein einziges Mal fallen gelassen. Jonas hockt sich hin, um an seinem Knie zu kratzen. Mama sagt „lass das“, aber Jonas liebt das Gefühl, wenn er die oberste Schicht der Kruste abzieht und es einen winzigen, brennenden Stich gibt. Das Fleisch darunter ist rosa und ganz hell – bis ein Tropfen Blut hervorquillt, den er mit seinem Finger verreiben kann.

Ich warte seit ein paar Tagen, warte geduldig auf den einen Moment, jeden Abend. Heute stimmt das Wetter. Der Himmel ist ganz klar. Karina fragt mich, warum ich bei dem Kerl bleibe, ob das etwa was Ernstes sei. Ich muss lachen, als ich durch die Kamera spähe und das Stativ noch einmal verschiebe. Karina denkt sie wäre meine Freundin, aber sie kennt mich überhaupt nicht. Ich weiß ja nicht mal seinen Nachnamen. Er liegt hinter mir auf der Terrasse auf einem omamäßigen Liegestuhl und gibt stöhnende Geräusche von sich. Weil ihm heiß ist oder er zu viel gesoffen hat oder er das Leben hasst oder was weiß ich. Ich bin hier wegen des Lichtes. Wegen des Funkelns, das sich über den Holzboden und die hängenden Lobelien ergießen wird. Wegen des Augenblicks, den ich an unserem ersten Abend, als ich eigentlich schon gehen wollte, beobachtete und der schon vorbei war, als ich Martin oder wie immer er heißt, von mir weggeschoben hatte.

Roland sieht, dass Gregor und Sabine tuscheln. Denken die, er ist blind? Deswegen hat er niemandem etwas gesagt. Wie sie alle mit den Füßen scharren und um Positionen schachern. Wie sie bangen und hoffen. Leute, die geführt werden wollen, und sich dann beschweren, wohin sie geführt wurden. Roland spürt die Galle in seiner Kehle aufsteigen. Er reißt gerne noch ein paar dieser Heuchler mit sich. Wie einen Hund haben sie ihn gejagt in den letzten Tagen. Mit Bildern und Tonbandaufnahmen und dieser Schlampe, die alles verdreht und sich ins Fäustchen lacht. Hat die Partei einen Notfallplan? Was ist mit der Koalition? Aber alle Welt interessiert sich nur für seinen Schwanz und was er damit gemacht hat, als gäbe es nichts wichtigeres.

Der junge Mann hat ihr den Fernseher gestern gebracht. Es ist ein riesiges monströses Ding, das Martha bestimmt nicht braucht und die Fernbedienung ist ganz anderes als die alte. Aber sie hat sich alles aufgeschrieben, was er erklärt hat, und sie hat auf die richtigen Knöpfe gedrückt, so dass sie sich jetzt zurücklehnen kann und das Lüftchen genießt, dass die dünnen Gardinen leicht zum Schwingen bringt. „Er will das sicher nicht“, hat Peter gesagt, aber Martha lässt sich schließlich nicht vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen hat.

Edwina hält die aufgerissene Plastikverpackung in der Hand, obwohl sie die in den Müll schmeißen wollte. In der anderen das Handy. Von oben schallen die Stimmen der Kommentatoren, die immer noch nichts Schlaues gesagt haben. Edwina möchte am liebsten „Ruhe“ brüllen, aber das würde nur damit enden, dass die alte Schrulle mit ihrem Stock auf den Boden hämmert, so wie sie das manchmal macht, wenn Edwina Besuch hat oder laute Musik hört. Sie fährt mit dem Finger über ihre Kontaktliste. Absurderweise stehen die beiden Namen direkt untereinander. Edwina muss sich jetzt einen aussuchen. Glauben würden es ihr beide. Lieber hätte sie Stefan. Aber der ist verheiratet.

Zum Glück gibt es hier eine Nebenstraße, in die Thomas jetzt abbiegt. Er dreht das Radio lauter und flucht, als eine blöde Ziege mit Kinderwagen genau vor ihm auf die Fahrbahn tritt. „Hier ist kein Fußgängerüberweg“, brüllt er. Thomas greift das Lenkrad fester. Jetzt nur nicht durchdrehen. Es weiß ja keiner, was kommt. Erstunken und erlogen muss das alles sein. Er hat auf das richtige Pferd gesetzt!

Jonas kennt die Jungen, aber sie haben seit einigen Jahren kein Wort mehr mit ihm gewechselt. Seit sie alleine draußen sind und es keine Mütter mehr gibt, die sie dazu anhalten können, miteinander zu spielen. 75. Der Ball fliegt hin und her.    

Der Terrassenboden unter meinen nackten Füßen ist warm. Die Sonne verfärbt sich rot. Gleich bricht sie sich an der Hausmauer und taucht die Wand in gleißendes Licht. Ich schaue durch den Sucher. An meiner Kehle läuft ein winziger Schweißtropfen hinab.

Roland räuspert sich. Der Schweinwerfer ist so hell, dass er die Finger der Technikerin nur als Schatten wahrnimmt. „Drei, zwei, eins, wir sind live.“ Roland blinzelt. Er hebt das Kinn. „Liebe Bürger und Bürgerinnen, liebe Parteifreunde. Ich möchte hiermit meinen Rücktritt bekannt geben.“

Rücktritt? Martha hört nicht, was Roland danach sagt. Der riesige Bildschirm verschwimmt. Er hat ihr doch beteuert, er hatte versprochen … Martha richtet sich so schnell auf, dass sie das Gleichgewicht verliert. Ihr Stock rudert durch die Luft und kracht gegen die Vase auf der Fensterbank.

Edwina zuckt zusammen, als es oben poltert und kracht. Vor Schreck drückt sie den Daumen auf das Display ihres Handys. Schnell hält sie es ans Ohr. „Thomas? Ich muss mit dir reden!“

Er hat den Anruf instinktiv angenommen, verdammte Freisprechanlage! „Edwina, jetzt nicht! Ich muss hören, was die im Radio sagen!“
„Es ist wichtig! Können wir uns nachher treffen?“ Aber Thomas hat sie schon weggedrückt.
„…werde meine Unschuld beweisen“, sagt die Stimme dieses erbärmlichen Kriechers gerade. In dieser Sekunde springt ein verdammtes Kind auf die Straße, um nach einem Tennisball zu hechten. Die Vollbremsung wirft Thomas nach vorne. „Hast du keine Augen im Kopf?!“

Der Ball rollt über die Straße. Vor Jonas Füße. Jonas bückt sich danach und schleudert ihn mit aller Kraft.

Die Sonne blinkt auf. Der Ball prallt mit solcher Wucht gegen die Kamera, dass ich zurücktaumele. Mein Moment fällt, dreht sich, kracht auf die Pflastersteine im Hof und zerbirst in tausend Stücke.

Roland. Martha. Edwina. Thomas. Jonas.

Mia.

Die Stadt ist gelähmt von der Hitze, die wie eine Glocke über den Häusern und Straßen und Parks hängt.

Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> DSFo Wettbewerbe -> Zehntausend Alle Zeiten sind GMT - 11 Stunden
Seite 1 von 1



 
 Foren-Übersicht Gehe zu:  
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht teilnehmen.
In diesem Forum darfst Du Ereignisse posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht herunterladen

Thema Autor Forum Antworten Verfasst am
Keine neuen Beiträge kaleidoskop Guy Incognito Zehntausend XD 01.01.2019 19:00 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Kaleidoskop BlauVogel Einstand 1 25.07.2015 20:38 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Neustart "Splitter des Universum... Chris Feltan Agenten, Verlage und Verleger 2 29.04.2014 10:38 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Das Kaleidoskop Rosemary Werkstatt 10 23.03.2014 13:17 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Splitter Kissa Werkstatt 5 22.04.2012 20:26 Letzten Beitrag anzeigen

EmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungBuchEmpfehlungBuchEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlung

von MShadow

von MShadow

von Schmierfink

von WhereIsGoth

von Berti_Baum

von Jocelyn

von Ruth

von Enfant Terrible

von ConfusedSönke

von Beka

Impressum Datenschutz Marketing AGBs Links
Du hast noch keinen Account? Klicke hier um Dich jetzt kostenlos zu registrieren!