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Unsichtbar


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 64
Beiträge: 166



BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Unsichtbar eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Unsichtbar



60 Sekunden
Der Krähenschnabel hackt suchend in die Augenhöhlen, vergeblich.
Verzweifelte Nahrungssuche.
Am Maul. Weniger schmackhaft als die Augen, aber besser als nichts.
Der scharfe Schnabel bearbeitet wie wild die Lefzen des toten Wildschweins. Blut tritt aus.
Die Krähe ist nicht wählerisch.

Ein Rucksack mit Habseligkeiten. Letzte Erinnerungsstücke an das Haus am See.
Mit jedem Tag waren sie in höher gelegene Gebiete geflüchtet. Das Wasser stieg schnell.
Vorräte sind nahezu aufgebraucht. Doch sie leben. Zwei Menschen und ihr Hund.
Zusammenhalt.
Überleben.
Heute ist der Tag des Aufbruchs, die Zusammenkunft mit den anderen auf der entfernten Bergkette. Alleine ist die Existenz unmöglich geworden. Der Wunsch, sich mit Gleichgesinnten zu verbünden, ist mächtig.
Ein Drang, wieder unter Artgenossen zu sein.
Sie werden sich wundern, wie wenig Zusammenhalt sie vorfinden. Jeder kämpft ums eigene Überleben.
Doch die Einsamkeit ist schlimmer.

Ein Wildschwein prescht durch die Büsche und flieht, als es die Menschen sieht. Der Hund ist kaum zu bändigen.
Was gäben sie alle für das warme, saftige Fleisch.
Dem unwiderstehlichen Trieb nachgebend folgen sie der Sau.



50 Sekunden
Unzählige von uns sind bereits im Inneren der Krähe
und beginnen mit der Verbreitung.
Kämpfe sind entbrannt. Aussichtslose Kämpfe, denn wir sind stärker. Niemand kann sich unserem Kollektiv widersetzen.

Schnelle Schritte und ein Grunzen schrecken den Vogel auf.
Mit einem klagenden Krächzen erhebt er sich schwerfällig
und gleichzeitig galant in die Lüfte.
Lange kann er nicht mehr fliegen,
wird aber zu unserer Verbreitung beitragen.



Still hängt sie da, die Glocke. Gefühllos. Und doch scheint sie traurig, dass sie nie wieder erklingen wird. Kein helles Läuten für den Gottesdienst mehr, keine Schläge im Viertelstundentakt.
Krähen haben sich in dem verlassenen Kirchturm versammelt.
Ein einziges Nest mit zwei Küken.
Die Vögel verteidigen es, als wüssten sie, dass es ihr letztes sein wird.


Ein weiterer Wirt schnüffelt an dem Kadaver.
Lautlos greifen wir erneut an.
Mit jedem Atemzug saugt das Wildschwein
unwissend den Tod in sich ein.
Die Tiere ahnen nichts.

Im nächsten Augenblick wird die Sau wieder aufgescheucht und hetzt weiter.
Stimmen. Menschliche Laute.

Intelligent scheinen sie, diese Menschen.



Alles unter Kontrolle, hatten Politiker in die Kameras posaunt. Es gab schon immer Temperaturschwankungen.
Ruhe bewahren.
Naturkatastrophen, die schnell wieder in Vergessenheit gerieten.
Warnungen, die in den Wind geschlagen wurden.

Wir können die Erderwärmung aufhalten.
Medien verbreiteten die Hoffnung
wie schnatternde Gänse.

Jeder soll sich mit Vorräten eindecken, zur eigenen Sicherheit.
Manche bereiteten sich vor und kauften die Läden leer.
Doch sie änderten nichts an ihrer Art, zu leben.
Fuhren die Tanks ihrer Autos leer, die anschließend nutzlos waren.
Wunderten sich und schimpften, als der Strom abgeschaltet wurde. Kein Internet, kein Fernsehen, kein Mobiltelefon mehr.
Keine Ablenkung.
Nahrung in Kühlschränken verdarb.
Heizungen waren nutzlos, warmes Wasser fehlte.
Grundbedürfnisse konnten nicht mehr befriedigt werden.
Doch der Wasserspiegel stieg unaufhörlich.

Innerhalb weniger Jahre waren die meisten Flächen der Erde für die Landbewohner unwirtlich geworden.
Erst als es zu spät war, wollten die Menschen etwas ändern.
Und vergingen sich am Hab und Gut ihrer Nächsten.


So sind sie, unsere Wirte. Betrifft es sie indirekt,
reden sie sich die Situation schön und setzen Scheuklappen auf.
Doch geht es an ihre eigene Existenz,
werden sie zu Bestien und raffen, was sie können,
um ihr niederes Dasein zu schützen.
Uns ist das einerlei.
Ob wir einen Hund, einen Gaul oder einen Menschen befallen -
wir gewinnen mit jeder Sekunde an Stärke.
Millionenfaches Sterben hat unsere Existenz erst möglich gemacht.
Wir sind unzählige. Aufgrund ihrer schwächlichen Augen unsichtbar. Intelligentere Menschen meinen, sie können sich mittels Impfungen immunisieren. Andere bekämpfen uns mit Antibiotika.
Natürlich kostet das einigen von uns die Existenz.
Aber nicht nur uns.
Dass sie durch andere Arten unsererseits überhaupt am Leben gehalten werden, vergessen Menschen in ihrer Überheblichkeit nur zu gern.
Auch diejenigen, die das Leben verteidigen, werden dahingerafft.
Derart geschwächt sind sie leichte Opfer.
Uns interessiert letztendlich nicht, was dem Wirt widerfährt;
wir passen uns stets an.
Das haben wir immer getan.




40 Sekunden
Wasser umspielt die Hufe der toten Sau.
Gebell.
Der Verwesungsgeruch ist stark.
Er erreicht die feine Nase des Hundes und zieht ihn an - wie unter einem Bann hechelt das Tier herbei.
Summen, als der Fliegenschwarm aufgeschreckt wird.
Schnüffeln an den Hauern, am Maul, am frischen Blut an den Lefzen.


Auch hier starten wir sofort den Angriff.
Die Luft ist unser Träger, die Fliegen die Drohnen.
Es gibt kein Entrinnen.




30 Sekunden
Ihren krächzenden kurzen Bericht abgebend gesellt sich die Krähe zu ihren Artgenossen.
Endlich.
Aas.
Nahrung.


Macht euch bereit zum Aufbruch, ihr fliegenden, schwarzen Boten.
Wir werden euch erwarten.



Menschenrufe.
Der Hund schnüffelt noch einmal, bevor er sich traurig abwendet und durch das niedrige Wasser zu seinem Frauchen und Herrchen prescht.
Er ist glücklich, dass er bei ihnen sein darf.
Unbeirrbar ist seine Zuneigung,
blind seine Liebe.
Der treue Begleiter steckt seine kühle Schnauze in die warme Handfläche des Mannes.
Aas macht krank, erklärt er dem Tier.


Wie recht er doch hat.


Die Menschen bleiben stehen,
ein Bild der Idylle inmitten des unwirtlich gewordenen Waldes.
Nehmen sich an der Hand und sehen einander in die Augen.
Ein Krähenschwarm fliegt über sie hinweg.


Wir sind bereits überall.
Unaufhaltbar.




20 Sekunden
Der Ausläufer einer Flutwelle schwappt über ihre Füße. In ein paar Stunden wird diese Ebene komplett unter Wasser stehen.
Aufbruch zum Hügel!
Doch sie bleiben stehen und verharren.
Eine Umarmung.
Hoffnungsvolle Nähe, warme Körper aneinander geschmiegt.
"Hoffentlich geht es ihr gut", flüstert sie an ihre Tochter denkend, die das Elternhaus vor Jahren verlassen hatte.
Ein Kuss.
Sie wissen, dass es wenig Hoffnung gibt.
Ihre Liebe hat dennoch Bestand.
Das Paar will das gemeinsam durchstehen.


Unwissende.
Der Hund wird das erste sein, was sie entbehren müssen,
wenn sie den Hügel erreichen. Sie werden ihn gegen die anderen verteidigen. Zähnefletschend. Schreiend.
Weinend.
Das Tier, was sie geliebt haben, muss als Nahrung herhalten.
Unter Tränen werden sie es töten.
Und anschließend verzehren.
Was wird morgen sein?



10 Sekunden
Die Berge sind ihre letzte Bastion.
Sie retteten sich auf die erhöhten, trockenen Flächen.
Die Menschen sind das Zusammenleben nicht gewohnt, bauen gerne Wände
zwischen sich und ihre Artgenossen.
Tausende sind auf jedem Berg zusammengepfercht.
Zu viele.
Zu wenig Nahrung und Platz.
Viel zu viel Hunger.
Ja dort, dort am Horizont. Zur Bergkette, schnell.
Gesellt euch zueinander, ihr Narren.
Versammelt euch auf den trockenen Flächen, eng aneinander,
so ist es gut.
Die Nähe wird euer Verderben sein.
Keine Arche.
Keine Rettung.
Eure Zeit ist gekommen.

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