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Beitrag zur Unsterblichkeit


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 64
Beiträge: 166



BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Beitrag zur Unsterblichkeit eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

_

[18:59]   Die Schülerin lese den Faust,
oder ist bereits das zu offensichtlich?
Tatsachen sollte man beim Namen nennen.
Pflichtlektüre ist der Faust nicht mehr
an deutschen Schulen, das weiß sie wohl,
etwas anderes stört sie jedoch deutlich
mehr: ihr Lehrer hat eine Liste verteilt
mit Werken, die bis zum Abitur zu lesen
er ihr nahelegt. Johann Wolfgang Goethe
liest sie ihrem Teddybären vor, der noch
auf dem Bett sitzen darf, außer sie hat
Besuch, Thomas Mann. Herrmann Hesse. Das
Muster, selbst wenn sie den Silben keine
übertrieben eintönige Melodie verliehe,
Gott!-fried Kel-ler, wa-rum kei-ne Frau.

___________________________________|<<__



[18:59]  Warum keine Frau, hat auch der
Dekan heute morgen gefragt, als sie ihm
die Favoriten für die Nachwuchsprofessur
präsentierte, wie vermessen: Diejenige,
die sich selbst in Gedanken „Meisterin“
nennt (worauf sie sich bezieht, hat sie
vergessen), während andere sie gerne als
„die Hexe“ bezeichnen, ist ja nicht ohne
Grund selbst die einzige Professorin der
Fakultät. Sich den Arsch abarbeiten, so
ordinär ihre Gedanken, weil sie glaubt,
das sei, wie Männer untereinander reden,
nur damit sie nicht dazugehört freilich,
nicht umsonst ist sie ja die einzige, in
deren Büro um die Zeit noch Licht brennt.

___________________________________|<<__

[18:59]  Im Labor brennt kein Licht. Als
es dunkel wurde, hat Johanna es einfach
vergessen anzuschalten. Sie weiß nicht,
wie lange sie hier sitzt und die Zellen
nicht wieder einfriert. Stunden vergehen
wie Minuten, vielleicht sind sie längst
tot, gut, denn sie hätten nie existieren
dürfen. Sie könnte ins Gefängnis kommen,
welche Bedeutung hätte es, wäre sie doch
unsterblich. Warum sie das getan habe,
würde man fragen: weil sie es konnte.
Weil ich der alten Hexe beweisen wollte,
dass ich es kann. Sie zu zerstören ist
ebenso verboten wie ihre Erzeugung. Es
bleibt nichts, als sitzen zu bleiben.

___________________________________|<<__

[18:59]  Das absolute Gehör haben Wale.
Talent sei ein Segen. Ihre Begabung, da
sollte Adriane, Emanzipation sollte doch
heißen die Wahl zu haben. Zu Großem sei
sie berufen, sie sollte, könnte sie denn
etwas so kleinem die Liebe geben, die es
verdient hat? Hat sie es nicht verdient
geliebt zu werden? Sollte sie dafür ihre
so vielversprechende Karriere aufgeben?
Werde Liebe zur Musik erwidert? Braucht
Glück den Schmerz oder die vollkommene
Melodie Dissonanzen? Sie werde es später
bereuen. Was wird sie denn bereuen? Ihr
Talent vergeudet zu haben oder am Ende
des Lebens allein und ungeliebt zu sein.

___________________________________|<<__



[18:59]  Ließe sie jetzt los, bei einer
geschätzten Fallstrecke von h gleich 10
Meter von ihrem Zimmerfenster bis in den
Garten, wäre sie in t gleich Wurzel aus
zweimal 10 geteilt durch g (9,81 m/s2),
wäre sie in 1,427 Sekunden tot. Ganz so
als hätte sie nie existiert. Ohne eine
Berücksichtigung der Anfangsstrecke und
des Luftwiderstandes natürlich, und das
ist, was geringere Geister als der ihre
nicht verstehen: die Vollkommenheit des
Ungefähren. Welche Rolle spielen schon
Nachkommastellen, wenn man in < 2 Sek
tot sein könnte. Ob zehn Meter Fallhöhe
ausreichen zu sterben? Reichen sie aus,
um ihre Mutter zu Tode zu erschrecken,
käme sie jetzt rein und sähe ihre kleine
Galatea sprungbereit am Fenster stehen,
ausgerechnet die schöne, die begabte,
die wohlgeratene: die perfekte Tochter.

___________________________________|<<__

[18:59]  Ein weißes Blatt, so sagt man,
lasse alle Möglichkeiten offen, nichts
stehe noch fest. Es könne so enden oder
gar nicht. Ein weißes Feld, auf dem ein
rosa Streifen erscheinen kann oder zwei.
Die Farbintensität kann variieren. Zwei
Streifen bedeuten, alles endet. Beginnt
alles von vorn. Eine Minute lang. Eine
Minute kann lang sein, noch nicht bereit
für das Ende. Man sollte der Zeit lieber
nicht dabei zusehen, wie sie schwindet.
Wenn man nur lange genug auf die weißen
Fliesen schaut, erscheinen selbst dort
rosa Streifen. Eine Minute warten und
niemals zurückschauen und dann wird man
ja sehen. Deshalb sind zwei Teststreifen
in einer Packung, man kann sich ja auch
mal irren, und das wäre ein Irrtum, ihre
Eltern würden sie umbringen, das Ende im
doppelten Sinne, ist die Minute schon um.

___________________________________|<<__

[18:59]     Wäre der Abend nur schon um.
Doch wäre alles erträglich, das Lächeln,
die Lügen, das ist eben unausgesprochen
der Pakt. Zu offiziellen Veranstaltungen
treten sie als Paar auf, sie sind schön,
sie sind charmant, sie ziehen die Blicke
der Menschen auf sich, und sie tauschen
verschwörerische Blicke untereinander,
es ist ein Einklang, der nur noch nach
außen funktioniert. Die Oberfläche muss
makellos sein, der Schein gewahrt, dann
ist es ihm egal, mit wem sie ihre Nächte
verbringt. Alles wäre erträglich, mehr
als vertretbar der Preis für gestohlene
Stunden, wenn er sie nur nicht berührte.
Über dem Tisch stets lächelnd und immer
einen klugen Witz auf den Lippen, unter
dessen Schutz er ihr Knie betastet oder
ihr eine Anzüglichkeit einflüstert, das
ist eben unausgesprochen der Pakt.

___________________________________|<<__



[18:59]  Plötzlich ist sie wieder allein,
das Geplapper der Enkelkinder verstummt,
das Bild ist stehengeblieben. Mitten im
Satz ist die Tochter erstarrt, den Mund
halb geöffnet wie ein Fisch mit Atemnot.
Moderne Technik, die Distanz überbrückt,
man könne jederzeit skypen, als wäre sie
niemals weg, aber das ist nicht wie eine
Umarmung oder ein Augenblick. Nele wäre
es lieber, ihre Tochter besuchte sie ab
und an, als jederzeit mit ihr zu skypen.
Schon 40 Sekunden, heißt das neustarten?
Ein Neustart hilft quasi immer, hat sie
gelernt, aber kann sich nicht losreißen
von diesem Bildnis eines jüngeren Selbst.

___________________________________|<<__

[18:59]  Die Person auf dem Bild ist sie
selbst, kurz war Daria überzeugt, in ein
anderes Gesicht als das ihre zu blicken.
Die Frau auf dem Foto sieht zu alt aus,
älter als Daria sich sieht, im Übrigen
missgünstig, gehässig, ganz als spräche
sie Darias Gedanken laut aus: Da bist du,
meine Liebe, glaube es nur, so sieht man
dich von außen. Du hälst dich für jung
und hübsch und über den Verfall erhaben?
Dein einst so unschuldiges Lächeln eine
zynische Fratze, ja, das sind Falten, du
kannst ja versuchen, das Foto zu löschen,
aber das Internet vergisst nichts. Auch
du selbst wirst es nicht mehr vergessen.

___________________________________|<<__

[18:59]  Das kannst du gleich vergessen,
der deutsche Film ist ebenso tot wie die
deutsche Literatur. Sie plappert, Cora
plappert, und das obwohl es doch ein so
schöner Abend zu werden versprach. Eine
schöne Komödie, ein schöner Wein und ein
schöner Mann. Dessen Lieblingsfilm der
große Bagarozy sei, sie schaue sich ja
nur noch russische Filme an, solche mit
Niveau. Schau doch, immer die gleichen
Fratzen, die gleichen Sprüche, gleichen
Themen, die Deutschen wagen nichts. Der
Til Schweiger ist doch witzig, spricht
der Teufel und fasst ihr unter den Rock.

___________________________________|<<__



[18:59]    Habe ich meine Idee abgehängt
oder sie mich. Möglicherweise haben auch
meine Überlegungen zum Thema einfach auf
ganz falschen Annahmen beruht. Hätte ich
mal eine Frage dazu gestellt, wüsste ich
nur, wo ich hätte anfangen sollen. Eine
Gegend? Die Gegend könnte überall sein,
darum geht es gerade, immer und überall,
und ist die Zeit überhaupt gedehnt. Das
kommt mir zu viel und laut vor für eine
Minute, dabei passiert überhaupt nichts,
apropos: Ereignisse - Pflicht oder Kür?
Oder ich habe gar nichts gedehnt. Nehmen
wir für einen Moment an, zehn verlorene
Seelen seien nur eine einzige: das Leben
in nur einer Minute. Das wäre teuflisch
genial, aber sicher nicht erlaubt. Mich
kann nur noch einer retten. Zehntausend
gewinnen gegen meine eigene Seele. Aber
dann gibt es kein

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