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Acheron|Dreistrom, weiß

 
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V.K.B.
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 46
Beiträge: 1931
Wohnort: an der Nordseeküste
Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 27.12.2017 20:00    Titel: Acheron|Dreistrom, weiß eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

.








»Es ist ein Junge.«

Erster Schrei
Die Hebamme wickelt den Jungen in eine Decke

die augen er hat meine augen
zum glück hat er meine augen und nicht seine
»Lasst ihn mich halten, bitte!«

Keine Reaktion
komm, bitte, las mich ihn halten
nein ich tue ihm doch nichts warum sollte ich ihm was tun
lasst mich los
ich will mein kind
ich will ihn halten
er schreit doch ihr müsst doch hören
ich bin seine mutter lasst ihn mich einmal
Die uniformierte kleine Frau mit der Pagenfrisur nickt
Die Hebamme reicht das Kind hinüber

ja
ja
du bist so schön mein kind mein junge oh mein junge
wie warm du bist
wie schön du riechst
nur wir beide
es gibt nur noch uns beide
nur wir beide und in zwei tagen ist
nein
Keinerlei Dekoration im Raum
zwei tage bis weihnachten
wir feiern weihnachten
du in meinen armen
ich lass dich nie mehr los
Nichts hier sieht weihnachtlich aus
weihnachten wie damals
ich und meine eltern
großer tisch ich kann kaum rüberschauen
sieht das lecker aus
die krabben ich will die krabben
nein nicht nur reis krabben ich will ganz
»Ganz viele Krabben, Papa. Gib mir ganz viele.«

Die Puppe in den Armen
Zerfetztes Geschenkpapier auf dem Boden
Brennende Kerzen

ich freu mich so
das ist so
»Weihnachten ist so toll!«

das beste auf
»Warte erstmal ab, bis du selbst ein Kind hast.«
»Was meinst du, Mama?«

Sie lächelt

»Für Eltern ist Weihnachten noch viel schöner.«

niemals
glaub ich nicht
vielleicht doch wenn ich mal groß bin und
nein
jetzt bin ich groß und alles
alles
alles
mein junge oh mein junge
»Sie sehen glücklich aus.«

glücklich natürlich bin ich glücklich
so glücklich
heute könnte der verdammtnochmal schönste tag meines lebens sein wenn es nicht gleichzeitig der

»Geben Sie ihn der Amme zurück.«

nein
nein
ich will ihn noch halten
ich will ihn nie mehr loslassen
nie mehr
nehmt ihn mir nicht weg bitte ihr könnt ihn mir doch nicht wegnehmen

»Geben Sie ihn rüber. Der Arzt muss Sie untersuchen.«

ich
ich
ich will ihn nochmal
»Darf ich ihn dann nochmal halten? Bitte.«

Die Uniformierte nickt
sie lächelt sogar sie lächelt
mein junge auch er lächelt mich an
oh er lächelt mich an
nein nicht schreien nicht schreien
ich bin ja hier ich bin hier deine mutter ist
Hände des Arztes überall
»Sie ist in guter Verfassung.«


gebt ihn mir wieder noch einmal gebt ihn mir noch einmal zurück
noch einmal halten noch einmal an mich drücken
bevor wir da raus in den schnee

»Machen Sie es kurz. Die Frist ist vorüber.«


ja
ja
das ist er du bist so schön komm her
ich bin deine mutter
ich bin doch deine mutter
lächelt er erkennt er mich
»Ich bin deine Mutter!«

er lacht oh er lacht
aber aber
nur heute
nur
du bist so warm
so schön
so
oh ja komm her
oh mein junge
sieben monate hast du mich beschützt und
jetzt müsste ich dich beschützen aber du sollst
du sollst
du sollst aber keine
aber ich will dich
ich will mich um dich kümmern
trotz allem will ich
»Wir müssen es jetzt tun.«

ja ich weiß
ich weiß was wir tun müssen
sag das doch nicht noch
ich warte doch seit sieben monaten auf diesen tag an dem wir
an dem ich
nein warum denn warum
müssen wir
warum müssen wir
warum muss ich
ich bin doch seine mutter er braucht mich
er hat schon keinen vater er braucht doch wenigstens seine mutter
können wir nicht einfach
ihr könnt ihn mir geben ihr könnt ihn mir doch einfach geben und
wir gehen weg wir kommen nie wieder warum können wir nicht einfach
niemand würde es merken ihr könnt doch einfach
»Her mit dem Kind!«

nein nein nein nein nein nein nein
lasst ihn mir lasst ihn mir doch noch
er soll doch seine mutter fühlen
er muss doch
Die Uniformierte reißt das Kind aus den Armen
Die Amme trägt es aus dem Raum

ihr hört doch wie er schreit er will zu
er will zu mir er will seine mutter er
h-h
h-hhh-hh
Die Hand des Arztes auf der Schulter
Er flüstert

»Sie tun mir so leid …«


ja ja der aufschub
der aufschub ist vorbei ich weiß
ihr mit eurem scheiß-aufschub
nur um mir das anzutun
um ihm das
wie könnt ihr das humanitär nennen
er ist doch gerade erst geboren und ihr nehmt ihm seine
Die Uniformierte hebt das Seil wie eine Peitsche
nein nein ja nicht schlagen ich halte still sei still sonst schlagen sie
sei still frag nicht
aua nicht so fest muss das so fest sein
was soll ich denn machen
was denkt ihr denn könnte ich machen
macht mir die hände wieder los und
gebt mir mein kind zurück ich will
ob ich fragen kann
nein du musst still sein sonst stopfen sie dir wieder
»Los jetzt!«

ich habe noch zeit
ich kann noch denken
wir laufen wir laufen ein ganzes stück
noch ein aufschub ein letzter aufschub während wir laufen
zu schnell viel zu schnell die tür
nach draußen schnee es hat geschneit
in zwei tagen ist weihnachten und
es hat geschneit
ich will nach hause
ich will weihnachten feiern
ich will mein kind
ich will mit meinem kind weihnachten
ich will für ihn da sein ihn beschützen ihn
Eisige Kälte
aber wir laufen
ah kalte luft sonnenlicht endlich wieder sonnenlicht
so warm so warm
obwohl winter ist und wir
nein ich will zurück
lasst mich zurück
zurück zu meinem kind
ich will es noch einmal halten
lasst mich zurück ihr schweine warum tut ihr
bitte lasst mich zurück
ich will ihn halten nie loslassen
»Lasst mich zurück, lasst mich zu ihm zurück, bitte lasst mich–«

lasst mich doch wieder
Zwei der eskortierenden Wächter schlagen mit Knüppeln
aaaaah mein rücken ich lauf ja schon nicht mehr schlagen
nicht mehr
macht mir wenigstens die hände los
lasst mich zu meinem kind zurück
hh-hhh-hhh
weiter weiter
schnee dieser baum im schnee
so einen baum hatten wir im garten
da bin ich immer raufgeklettert und mama
mama mama nein ich bin selbst
ich bin seine mama lasst mich zu ihm zurück
er hat nur mich was soll aus ihm werden
lasst mich zurück
ich hab mich nur gewehrt
ich hab mich doch nur gewehrt
links rechts links rechts
wie oft noch
was kommt dann
wie weit noch
kalte luft ich atmete das ist das letzte mal dass ich
so still hier
so still hier draußen
bald sind wir da dort bei dem baum
nein noch nicht lasst mich noch denken
lasst mich noch laufen
gottseidank vorbei
nicht dieser baum
nicht diese fläche
wohin dann
wieso müssen wir hier ewig weit durch den scheiß-wald gehen
wieso
hh-hhh-hhhh-hhh---hhh-hh
»Beruhigen Sie sich. Es ist gleich vorbei.«

mich beruhigen
warum sagt die das
wie soll ich mich beruhigen
ihr bringt mich um so oder so
ihr müsst das nicht tun
ihr könnt mir einfach mein kind geben
und mich
niemand würde es merken
wir rennen
gehen weg
ihr seht uns nie wieder
bitte
die hand warum legt sie mir die hand auf die schulter
was soll das bringen
ja verdammt ich weiß dass es bald vorbei ist
brauchst du mir nicht noch zu sagen
das hilft mir nicht wenn du mir helfen willst lass mich einfach
liegen ich werde da liegen
da im schnee lieg ich und
das blut
das blut
überall das blut
der schnee wie damals
noch nicht rot
das rot fehlt wie
der weiße teppich
sein teppich
der teppich sah aus wie der schnee
das bedeutet was
das muss doch was bedeuten
warum sah der teppich aus wie der schnee
es
kein blut noch kein blut das blut fehlt
Eine Lichtung
Leere weiße Fläche

es
tut so weh
und sein grinsen
hör endlich auf zu grinsen
du schwein du weißt genau dass ich das nicht wollte
nein es hat mir nicht gefallen du verfluchter wichser
ich mach dich alle du musst mir nicht nochmal nahe kommen
ich
die flasche
die flasche
los geh kaputt
ja gut so
so ist es gut
die spitzen scherben
so jetzt bist du dran
du wichser
ich mach dich
»Leg das Ding weg! Bitte, sei vernünftig! Du wolltest doch …«

gar nichts wollte ich
du krankes schwein
was redest du
vernünftig sein
denkst du du kannst mich einfach so ficken
mich festhalten und
denkst du ich lass mir das gefallen
ich mach dich alle du wichser
du mieser kleiner wichser
du verfluchtes schwein
da
wie fühlt sich das an
ha wie fühlt sich das an
frag doch nochmal ob mir das gefällt
die scherben
das tut mehr weh als dein schwanz deine hände
du machst das nie wieder du
Die weiße Fläche färbt sich rot
ja ja
du tust sowas nie wieder
nie wieder wirst du
scheiße
was hab ich getan
er
scheiße ist er tot
ja der wichser ist tot
ich hab ihn
nein
ich hab mich nur gewehrt
er hat das verdient
jede scherbe hat er verdient
jeden schnitt
oh scheiße meine hände alles
alles voll blut
sein scheiß-blut
überall sein

ich will duschen
kann ich jetzt einfach
mörderin
ihr nennt mich mörderin

warum nennt ihr mich
ich hab mich nur gewehrt
ich hab mich doch nur

nein
ganz anders eine andere person
ich war eine andere person
ich hab ganz anders gedacht
viel stärker warum war ich
ich war noch nicht
nein nein nein
warum halten wir
warum
hhhh-hhh-hhhh-hh
nein nein nein
»Hinknien.«

nein
ich will mich nicht hinknien
ich will mein kind
ich will zu meinem kind zurück
ich will meine hände bewegen
bitte macht mich los
ich will meine hände bewegen
»Ruhig und tief durchatmen.«

ja ich bin ruhig ich bin ruhig
ich atme tief durch
mach ich doch schon
bitte helft mir bitte
Die kleine Frau in der Uniform tritt nach hinten
Sie nimmt die Pistole vom Gürtel

ja ja ich atme
ich weiß dass ich noch lebe
ja ich atme
die kalte luft
lasst mir die kalte
da
die weiße fläche da
in den schnee
da werd ich liegen
da vor mir und alles
ist vorbei alles
was merke ich noch
denkt man danach weiter
ich kann doch nicht einfach aufhören
ich muss weiterdenken
es kann doch nicht sein dass ich so schnell
es kann nicht so schnell zu ende sein
der schnee da werd ich liegen
macht mir die hände los
macht mir doch bitte wenigstens die hände
das
das
das
hhh-hh-hh
sie ist hinter mir
sie entsichert
nein
nein
bitte
atme
atme
»Bereit?«

nein nein nein
ich bin nicht bereit ich werde nie
atme
ich will nach hause
in zwei tagen ist
ich will
»Ich will nach Hause! Ich will mit meinem Kind Weihnachten–«

atme atme
»Machen Sie es sich nicht so schwer. Es hat keinen Zweck. Bereit?«

es hat keinen zweck
es hat keinen zweck mehr
ja
»Ja«

h-h-h-h-h
alles still
so still
ich
h-h
atme
ein
aus
ein
aus
ein
jetzt
jetzt drückt sie
ich
Stillezerfetzender Knall
Schnell verklingendes Echo

ich alles alles
Weiße Stille

so
still
nichts
nichts me

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lebefroh
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Alter: 38
Beiträge: 349
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 07.01.2018 23:36    Titel: Antworten mit Zitat

Meine erste Idee war auch die von einer Geburt und einem Kind, was dann irgendwie fehlt. Es wäre bei mir anders weitergegangen als bei Dir, aber irgendwie war mir das ganze dann zu sentimental.

Und vielleicht bin ich deshalb voreingenommen und finde auch Deinen Text zu sentimental. Die Geschichte ist mir zu vorhersehbar und kitschig.

Die Form und der Einsatz von Farben gefallen mir gut.
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V.K.B.
Geschlecht:männlichDichter und Denker

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Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 08.01.2018 00:47    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

So, dann kommentiere ich mal selbst. 11 Disqualifizierungen! Als ich das las, war ich sicher, meinen Text hätte es auch erwischt. Schließlich hab ich mich nicht an die klassische Form des Gedankenstroms gehalten. Aber dieser "Dreistrom" ging wohl anscheinend noch durch. Puh!

Ich hoffe, es wird auch ohne Erklärung verständlich, wie der Dreistrom funktioniert: Der Bewusstseinsstrom verläuft eher von unten nach oben statt von links nach rechts. Linksbündig stehen ungefilterte Gedanken der Protagonistin, mittig gesprochene Dialoge und rechtsbündig die neuen Gedächtnisbilder, die sich in ihr Bewusstsein einbrennen. Eben das, worauf sich die Wahrnehmung fixiert und das in der Erinnerung (wenn ihr denn eine gegönnt wäre) erhalten bleibt. Soviel zum Technischen.

Den Titel erkläre ich auch noch, bin heute im Erklärbärmode (weil ich irgendwie glaube, mich für diesen Text rechtfertigen zu müssen): Das | ist eine Unix-Pipe und wird benutzt, um eine Ausgabe in ein Darstellungsmedium weiterzuleiten. Hier haben wir also den Acheron, schwarzer Fluss der griechischen Unterwelt, in dem die schmerzhaften Erinnerungen der Verstorbenen fließen. Wir schöpfen eine heraus und stellen sie als oben beschriebenen Dreistrom da. Vielleicht auch eine finstere Version einer Taufe im Schwarzen Fluss, bei der man kurz den Kopf unter Wasser gehalten bekommt und eine Dosis des darin fließenden Schmerzes spürt (keine Ahnung, ob das gelungen ist).

Der Zusatz ", weiß" ist absichtlich mehrdeutig. Erstmal ein scheinbares Oxymoron, der Schwarze Fluss wird als "weiß" tituliert und impliziert "wenn weiß die Farbe des Todes ist (wie in einigen asiatischen Kulturen) dann muss Schwarz die Farbe des Lebens sein". Eines Tages landen wir alle dort. Der Tod, oder der Weg dorthin, also letztendlich das Leben, ist (zumindest am Ende) bereits ein diesseitiger Schwarzer Fluss, und das Verschwinden im Acheron (und seinem Nebenfluss Lethe, dem Vergessen, eingedenk) eine Erlösung. Finstere Ansicht, ich weiß.  Oder eine Erkenntnis, mit der man sich abfinden muss. Mono no aware, Endlichkeit aller Dinge.

Außerdem kann man "weiß" als Verb lesen. Was weiß der Acheron? Was inskribiert unsere Spezies in den Schwarzen Fluss, ins kollektive Weltgedächtnis sozusagen? Der Acheron selbst als Gedächtnisbild, das begrenzte Leben als Leere. Mathematisch gesehen strebt jeder endliche Wert gegen Null, wenn die Zeit gegen unendlich strebt.

Was weiß der Acheron über uns? Wir schöpfen hier aus dem Vollem. Ich muss zugeben, dass das Thema "Todesstrafe" mich schon immer stark emotional berührt hat (bin ein radikaler Gegner). Das Ermorden (=absichtliches Töten) eines Menschen im Schatten der "Gerechtigkeit". Meine Protagonistin hat getötet, aus Rache und Affekt, den Mann, der sie vergewaltigt hat. Dafür wird auch sie getötet. Auge um Auge, Leben um Leben. Ist das Gerechtigkeit? Ich weiß, das Thema ist sicherlich nicht neu, Filme wie "Dead Man Walking" und Lars von Triers "Dancer in the Dark" haben das auch schon sehr stark umgesetzt. Wahrscheinlich ist es vermessen, wenn ich mich auch daran versuche. Die Doom&Gloom implizierenden Ankündigungen im Gesprächsfaden haben in mir irgendwie die ungeschriebene Vorgabe erweckt, hier etwas möglichst Krasses schreiben zu müssen.

Nun ist natürlich die Frage, ob und in wie weit mir das gelungen ist. Ich selbst kann es nicht beurteilen. Bei mir funktioniert der Text stimmungsabhängig. Manchmal lässt er mich völlig kalt, ich blocke ab. Lasse ich mich darauf ein und den Gedankenstrom der Protagonistin auf mich wirken, zieht er mich unter Acheron-Wasser. Wie es beim Leser wirkt? Keine Ahnung, ich lasse mich überraschen.

Einige mögen vielleicht monieren, dass das zu straight forward sei. Man bekommt, denke ich, ziemlich schnell mit, worum es in der Geschichte geht und worauf das hinausläuft. Erwartet eine Wendung, aber es kommt keine. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt. Das ist beabsichtigt. Leben gehen eben so zuende.

Ist der Fall der schwangeren Frau, die gleich nach der Geburt hingerichtet wird (nach "humanitärem Aufschub", um das Kind zu retten) zu weit hergeholt, zu künstlich emotionalisierend? Leider nein. Der Text entstand, ganz den Vorgaben gemäß, aus einer Leere, die ein Gedächtnisbild hervorruft. Die Leere hier das weiße Blatt meines Texteditors. Das Gedächtnisbild zeigt ein Foto einer jungen Frau mit gefesselten Händen, die im Schnee kniet, eine andere Frau in Uniform hält ihr eine Pistole ins Genick. Gesehen in einem Magazin (ich glaube, es war der SPIEGEL, bin aber nicht mehr sicher), irgendwann in einem Nachtwächterjob im Studium. Ein Artikel über Hinrichtungen in China. Das Bild hat sich bei mir eingebrannt. So einfach endet ein Leben. Man braucht nicht viel dafür, eine Pistole, einen Strick und ein Schneefeld, sowie eine Gesellschaft, die solche Ansichten von Gerechtigkeit vertritt. Strick und Schneefeld optional, Pistole substituierbar. (Ich bitte darum, meinen Zynismus (der eher Kynismus ist) zu entschuldigen.) Die Frau im Bild, so der Artikeltext, war schwanger und hat kurz vor ihrer Hinrichtung ein Kind zur Welt gebracht. Solange hatte sie Aufschub bekommen. Was ihr Vergehen war, stand nicht dabei. Wahrscheinlich ist es auch unwichtig. (Ich habe für die Geschichte dann ein Tötungsdelikt gewählt, um auf das Lex Talionis Prinzip zurückzukommen, weil sich da die Gerechtigkeitsfrage am ehesten stellt.) Das Bild hat mich zutiefst entsetzt, muss ich zugeben, ich habe damals die ganze Nacht darüber nachgedacht, was diesem Mädchen im Kopf rumgegangen sein muss, als das Foto aufgenommen wurde. Das Wettbewerbsthema hat dieses Bild zurückgebracht, und ich wusste was ich schreiben muss, um es endlich aus dem Kopf zu kriegen.

Auch wenn China die Inspiration war, habe ich die Geschichte absichtlich nicht verortet. Sie könnte überall spielen. Auch bei uns. Nur weil die Todesstrafe zurzeit nicht praktiziert wird, ist sie ja nicht aus der Welt. Rückfensterfüllende Autoaufkleber werben gelegentlich für ihre Wiedereinführung, wie ich neulich in der Stadt sah. Dem hätte ich die Scheiben einschmeißen können!

So, genug Rechtfertigung. Eine sehr persönliche Geschichte, ich weiß nicht, ob sie bei anderen überhaupt funktioniert. Ich weiß nichts. Nur, dass ich gerade genug von Doom&Gloom habe und mich die nächsten Tage lieber daransetze, eins meiner Bücher weiterzuschreiben. Mit happy Gewalt- und Folterverherrlichung. Eskapismus olé!

We are all haunted houses.
(h.d.)


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Warning: Cthulhu may occasionally scare people …
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RememberDecember59
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Wohnort: Franken


BeitragVerfasst am: 08.01.2018 17:13    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe/r Verfasser/in,
oha, der Text hat mich total mitgenommen, mir ist beim Lesen richtig der Puls hochgegangen und ich hing am Bildschirm bis zum letzten Wort. Ich war echt fertig mit den Nerven, als ich durch war. Sehr dramatisch, fast ein bisschen zu dramatisch für meinen Geschmack. Ich mag es doch lieber etwas subtiler oder nüchterner, gerade bei einem so emotionalen Thema.

Die Gedächtnisbilder sehe ich vor mir, dass sie von einer Leere ausgelöst werden, allerdings nicht so wirklich. Das Motto fehlt mir auch irgendwie.
Eigentlich sehr schade, denn den Text fand ich gut zu lesen.

****

Nach dem Lesen und Kommentieren der anderen Texte bin ich zu dem Schluss gekommen, leider keine Punkte zu geben.


_________________
Bartimäus: "...-was ist das?"
Kobold: "Hätte mich das jemand anders gefragt, o Herr, der ihr Schrecklich und Unübertrefflich seid, hätte ich ihn einen Dummkopf genannt, bei Euch jedoch ist diese Frage ein Zeichen jener entwaffnenden Schlichtheit, welche der Born aller Tugend ist. ..."

Bartimäus I (Jonathan Stroud)
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Municat
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Alter: 51
Beiträge: 365
Wohnort: Zwischen München und Ingolstadt


BeitragVerfasst am: 10.01.2018 14:11    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Autor smile

Der Acheron ...  der Weg in die Unterwelt für alle die, die weder wirklich gut, noch richtig schlecht waren ... weder Helden noch Schurken ... weder schwarz noch weiß, sondern grau wie Stellen in Deinem Text, an denen die Gedanken der zum Tode verurteilten Mutter in die Vergangenheit schweifen. Dein Text ist sachlich strukturiert wie ein Drehbuch oder eine Matrix (links die Gedanken, in der Mitte die gesprochenen Worte, rechts die sichtbaren Dinge - schwarz die Gegenwart, grau die Rückblende) und gleichzeitig thematisch so emotional, das ich mitleide, mithoffe und um die junge Mutter trauere.

Natürlich will ich mehr wissen! Ich will wissen, wo eine Frau, die ihren Peiniger im Affekt getötet hat, auf eine solche Weise hingerichtet wird. Es muss ein kalter Ort sein ... und eine kalte Zeit. Natürlich will ich auch wissen, was aus dem Kind wird.

Dein Text bewegt, lässt mich fühlen und nachdenken. Schreibtechnisch finde ich nichts, worüber ich meckern könnte. Definitv einer meiner Favoriten.

Punkte vergebe ich, wenn ich alle Texte kommentiert habe.


ediTier
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Gräme dich nicht, weil der Rosenbusch Dornen hat, sondern freue dich, weil der Dornbusch Rosen trägt smile
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hobbes
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Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
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BeitragVerfasst am: 10.01.2018 20:21    Titel: Antworten mit Zitat

Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich so fremdweltig ist, wie es mir vorkommt. Vielleicht ist es das gar nicht, vielleicht sind zum Beispiel die Wächter nur da, weil sie jemanden umgebracht hat, aber das macht auch keinen Sinn, so eine Exekution, die ist dann doch eher fremdweltig. Ist ja eigentlich auch egal, ich versuche nur noch, den Grund zu fassen, warum mir der Text nicht zusagt, fremde Welten sind da ja gern mal ein Grund.
Hm.
Ich glaub, mir ist es auch zu zerrupft und zu wiederholt. Ich habe den Eindruck, andauernd das gleiche zu lesen und es geht noch nicht mal an mich.
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Literättin
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BeitragVerfasst am: 11.01.2018 17:22    Titel: Antworten mit Zitat

Der Titel scheint noch interessant, was dann folgt, ist ein pseudolyrisches Drama, durch das ich mich weder beim ersten, noch beim mehrmaligen lesen hindurch kämpfen mag, ein solches Unbehagen bereitet mir diese seltsame Mischung aus literarisch fragwürdig herausgekitzeltem Mutterpathos, Foltergedöns und misslungener Mythologie-Anleihe im Acheron. Gut möglich, dass es vor allem die Ich-Erzähperspektive, die Ansprache des Neugeborenen, dieses gleichzeitig mit der Ansprache aufdringlich aus dem Text heraus den Leser ansprechende Du ist, die stammelnden Wortwiederholungen, die simpel-grobe Rollenaufteilung in Gut und Böse, ohne dass eine Situation mit Hintergrund klar wird, was es mir besonders schwer macht. Sprachlich nicht schön, dieses ganze "oh" und "ah", das "nein nein nein nein nein" und "du Wichser". Inhaltlich ein Ding von dem ich mich nur abwenden will. Vergewaltigungs- und Erschießungssachen im Wald, dargeboten als eine Art kommentarloses "Hörspiel" sind schlicht nicht mein Ding.

_________________
when I cannot sing my heart
I can only speak my mind
- John Lennon -

Christ wird nicht derjenige, der meint, dass "es Gott gibt", sondern derjenige, der begonnen hat zu glauben, dass Gott die Liebe ist.
- Tomás Halík -

Im günstigsten Fall führt literarisches Schreiben und lesen zu Erkenntnis.
- Marlene Streeruwitz - (Danke Rübenach für diesen Tipp.)
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jaeani
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Beiträge: 113



BeitragVerfasst am: 11.01.2018 20:29    Titel: Antworten mit Zitat

neutraler Kommentar
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Heidi
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 38
Beiträge: 1234
Wohnort: Hamburg


BeitragVerfasst am: 12.01.2018 13:56    Titel: Antworten mit Zitat

Mir gefällt die Formatierung deines Textes außerordentlich gut, überhaupt finde ich die Dreiteilung und die Durchmischung von "gefühltem Ich", "sprechendem Ich" (bzw. Du) und "neutralem" Setting spannend. Alles fügt sich soweit ein, hinterlässt ein Bild, unterstützt den Text.
Was mir weniger gefällt, ist die Umsetzung der Gefühle dieser Frau. Klar, das ist nicht einfach. Wie lässt man Gefühle durch Worte entstehen? Wie stellt man sie dar, sodass sie zwischen den Zeilen greifbar werden? So in dieser Form finde ich das zu direkt, zu wenig im Raum schwingend. Es liest sich zeitweise sogar nervig. Darüber könnte man jetzt natürlich diskutieren. Wären Gefühle, wenn sie angenommen sichtbar wären, nicht auch nervig? Aber das ist natürlich ein völlig anderes Thema und erst mal geht es ja darum, dass ich Zugang zum Text finde, er mich bewegt, was er durch diese extrem direkte Darstellung nicht gänzlich schafft.
Dann kommt noch dazu, dass mir zeitweise das Setting fehlt (du hast es ja so angelegt, dann sollte es auch unterstützend da sein, wenns gebraucht wird). Etwa bei der Tat - da wird die Sache ja sehr "gefühlslastig", gesprochen wird eh kaum, aber ich sehe dann nicht, ob eventuell ihre Hände zittern, wie ihr Körper reagiert, oder wie das Du sich zeigt und die dargestellten Gefühle alleine schaffen es nicht, das zu transportieren.
Ich bin mir nicht sicher, ob der Mix aus Bewusstseinsstrom/neutraler Erzähler dem Text gut getan hat. Das ist eine große Herausforderung, die ich hier noch nicht ausgereift vorfinde.

Was ich schwer zuordnen konnte, war der Begriff "Amme", der etwas altbacken wirkt. Bei mir war eine Hebamme, die mich bei meinen Geburten unterstützt hat und das Kind auch gemessen, gewogen, geguckt hat, ob alles dran ist, gesäubert, angezogen usw. Natürlich kann dieser Begriff auch unter künstlerische Freiheit fallen, vielleicht spielt der Text in Zeiten, in denen es hierzulande noch Könige gab (oder in der Zukunft, möglicherweise). Ich will auch nicht darauf herumreiten. Es ist mir nur aufgefallen.
Und dann habe ich mich gefragt, wie oft es vorkommt, dass ein Neugeborenes, so frisch nach der Geburt, lächelt. Das kam mir doch sehr verkitscht vor als Bild. Die Babies sind erschöpft nach der harten Arbeit. So ein Geburtskanal ist eng. Aber auch das nur am Rande. Es ging dir ja auch eher darum, etwas zu transportieren; überwältigende mütterliche Gefühle darzustellen, im Kontrast zu der nüchternen Realität auf der anderen Seite, sowie die krasse Tat der Vergewaltigung und den darauffolgenden Mord, dann das gesprochene Wort, das gegenüber der Gefühlswelt doch erst mal Zurückhaltung übt. Das zeigt dein Text gut. Also, wie wir fortwährend versuchen unsere Gefühle zurückzudrängen, sie nicht nach außen dringen lassen, eine Maske aufsetzen, wenn wir mit anderen in Kontakt treten.

Was mir, neben der Formatierung, an deinem Text besonders gut gefällt, ist die Steigerung. Das Wettbewerbsmotto wird deutlich, wenn es meinem Empfinden nach auch nicht unbedingt Stille ist, die sich hier steigert, aber es steigert sich etwas und es stellt sich ohnehin die Frage: Wie kann sich Stille steigern (das zu diskutieren fände ich interessant)? Das Thema der Leere hingegen, finde ich in deinem Text nicht vor, aber das ist ohnehin Auslegungssache. Bestimmt sagen zehn andere, dass du das Thema super umgesetzt hast.

Ich bin unentschlossen, sehr unentschlossen, ob du Punkte abkriegst.

Viele Tage später: Hey, einer ist noch da. Den bekommst du. Smile
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d.frank
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Beiträge: 911
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BeitragVerfasst am: 13.01.2018 15:44    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe nur überflogen. Erstens kann ich den Text nicht richtig verorten, die Sprache schwankt mir zu sehr, Zweitens lässt sich die Hälfte wahrscheinlich rauskürzen, Drittens fehlt mir die Tiefe in der Dramatik.
Einen Punkt gibt es vielleicht, weil der Autor versucht hat, sich an beiden Perspektiven zu versuchen, aber ich denke eher nicht, mir ist es zu wenig gelungen.


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Die Wahrheit ist keine Hure, die sich denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: Vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, daß selbst wer ihr alles opfert noch nicht ihrer Gunst gewiß sein darf.
*Arthur Schopenhauer
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Nihil
{ }

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BeitragVerfasst am: 15.01.2018 02:18    Titel: Antworten mit Zitat

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Die lange Johanne in Bronze


BeitragVerfasst am: 15.01.2018 17:34    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

Ein sehr interessantes ethisches Dilemma, das Du hier in den Blick nimmst. Die Form möchte ich besonders positiv hervorheben, diese Art beide Elemente der Aufgabenstellung gewissermaßen zu verknüpfen hat mir sehr gefallen, nicht zuletzt da mir die Umsetzung sehr gelungen erscheint.
Den Einfluss des Zitates sehe ich allem voran im Titel, Unterwelt, Fluss, Meer, für mich jedenfalls besteht da ein Zusammenhang, und dann die weiße Stille, die ja inhaltlich wieder darin anknüpft und auch die Brutalität aufgreift,  die (zumindest für mich) in dem Zitat mitschwingt - das ist ja keine harmlose Stille, sondern eine gewaltige (wie ein Ozean). Kurzum, das hat mir an Deinem Text sehr gefallen.

Kommen wir zu dem obligatorischen "aber". Ich glaube, ich hätte den Text fast spannender gefunden, wenn Du eine andere Perspektive gewählt hättest. Das Schicksal der Mutter ist tragisch, aber sie ist die Person in dem Szenario, in die man sich vielleicht noch am leichtesten hineinversetzen kann (was Du auf sehr überzeugende Weise getan hast, denke ich!). Dadurch wird man eigentlich als Leser am ethischen Dilemma vorbeigelotst - wobei man Dir andererseits natürlich vorwerfen könnte einem die Lösung dessen vorzukauen, wenn Du eine andere Perspektive gewählt hättest.  Ich bin da selbst - wie Du vielleicht merkst - etwas unentschlossen. Es würde dem Text ohne die Perspektive der Frau doch etwas fehlen, andererseits könnte gerade dieses Fehlen (oder diese Leere^^) eine besondere Spannung ausmachen. Oder vielleicht ist aus genau dem Grund die gewählte Perspektive die richtige. (Ja, ich kann so richtig schön präzise kommentieren. Habe ich schon unentschlossen gesagt?)
Was mich aber eher stört, ist die etwas gewollt wirkende Dramatik zwischendurch. Vor allem, wenn da von Seilen, Knüppeln und Peitsche die Rede ist. Diese Klimax braucht es nicht. Auch die Exekution an sich wirkt etwas seltsam auf mich, die Durchführung mit Schusswaffe, Hinknien und Hinprügeln - da frage ich mich doch, in welchem Land das spielt (habe das aber jetzt nicht mehr recherchiert, das habe ich also nicht in die Bewertung mit einbezogen, das waren nur Fragen, die sich mir bei jedem Lesen wieder gestellt haben).

Insgesamt ein sehr spannender Text und willkommener Denkanstoß. In mehrfacher Hinsicht.

LG
finis


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"Mir fehlt ein Wort." (Kurt Tucholsky)
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Schlomo
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BeitragVerfasst am: 17.01.2018 01:02    Titel: Antworten mit Zitat

Heftig! Wirklich brutal. Erinnert mich an KZ Erzählungen, ist aber (fast) noch intensiver. Was an der sehr direkten Innenansicht liegt.

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#no13
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Schlomo
Geschlecht:männlichSchreiberling

Alter: 62
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Wohnort: Waldperlach


BeitragVerfasst am: 17.01.2018 01:03    Titel: Antworten mit Zitat

Ich weiß nicht, wie ich die Geschichte bewerten soll.

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#no13
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Jenni
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger


Beiträge: 3852

Das goldene Aufbruchstück Die lange Johanne in Gold


BeitragVerfasst am: 17.01.2018 22:36    Titel: Antworten mit Zitat

Eine Frau gebährt ein Kind, aber sie darf es nicht behalten, weil sie noch am gleichen Tag die Todesstrafe durch Erschießen erwartet. Leben, Tod und Mutterliebe, große Themen hast du dir da vorgenommen. Und wäre es noch nicht dramatisch genug, ist auch noch Weihnachten. Nur weihnachtlich ist es nicht, und das erinnert sie an Weihnachten mit ihren Eltern, in den guten alten Zeiten.
Der Text spielt in irgendeinem ungenannten Schreckensregime mit Todesstrafe durch Erschießen im Schnee (das Bild mit dem blutigen Schnee - Fargo?!), oder in einer Zeit, in der solches auch bei uns noch stattfand, oder in einer Fantasiewelt. Da gibst du (mir) keine Hinweise. Einen gegenwartsrelevanten, realistischen Bezug oder Ansatzpunkt für eine entsprechende Interpretation kann ich nicht erkennen. Das enthält mir auch zu viele abgenutzte Bilder, Formulierungen, Zusammenhänge, um mehr dahinter zu vermuten.
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holg
Geschlecht:männlichDichter und Denker


Beiträge: 1426
Wohnort: knapp rechts von links
Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 19.01.2018 18:32    Titel: Antworten mit Zitat

Das ist einer dieser Texte, bei denen ich echt hin- und hergerissen bin.
Ich find ihn gut, keine Frage. Die Art diese Geschichte zu erzählen, von der Frau, die ihren Vergewaltiger getötet hat, zum Tode verurteilt bis zur Geburt Aufschub erhält und nun, da das Kind geboren ist, hingerichtet wird.
Das ist sehr sparsam inszeniert und sehr ergreifend. Der Dreistrom (Gedanken, Sprache, Handlung) optisch fantastisch umgesetzt, auch und gerade die verblassenden Gedanken, viel Formatierungsarbeit.

Ich sehe das beim Lesen wie ein Bühnenstück vor mir. Und genau da haken die Zweifel ein. Dass mit Sprache und Handling der Blick in den Kopf, der Bewusstseinsstrom gebrochen wird, geschenkt. Die Aufgabe hieß überwiegend. Und das betrachte ich als erfüllt. Zumindest, was die Textmenge angeht. Aber wie steht es mit der Tragfähigkeit. Sind nicht das Gesprochene, die Handlung, so kurz und knapp das hier auch gehalten ist, der  mindestens ebenso wichtige Teil des Textes, kann man da noch von überwiegend sprechen?

Sind die Gedanken nicht eher ein innerer Monolog? BaFi und Sleepless scheinen das nicht anzunehmen, sonst wäre der Text nicht im Wettbewerb. Wie gesagt, bei mir formt sich beim Lesen ein Bühnenstück, alles wirkt gesprochen. Auch die Lautmalerei (oh und h-hhh-hh) will weniger zu Gedanken als zu konkreten Worten oder Sprachversuchen passen. Ist das Pfennigfuchserei?

Bin mir unsicher und werde das im Zweifel pro Text werten. Denn den finde ich gut.


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anderswolf
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Beiträge: 423
Wohnort: Bad Nauheim


BeitragVerfasst am: 20.01.2018 00:34    Titel: Antworten mit Zitat

Der Fluss des Leides, des Schmerzes und des Todes; dieser Dreistrom ist titelgebend, und dreiströmig ist auch die Struktur des Textes und formal eine Kombination aus neutralem Erzähler (bis auf die "Eisige Kälte") und Bewusstseinsstrom, verbunden durch die gemeinsame Ebene der direkten Rede. Die drei benannten Ströme bezeichnen auch die Ebenen der Geschichte, erst das Leid der Vergewaltigung, dann der Schmerz der Geburt mit anschließender Misshandlung, zuletzt der Tod (übertragbar auch auf den Vergewaltiger).
Wie auf einem Fluss reist man als Leser auch erst mal ungewissem Ziel entgegen, bis man sich plötzlich in einer Strömung gefangen und ohne Ausweg sieht, bis man erkennt, dass am Ende nichts anderes wartet als das Ende. Die Formatierung durch Farben (sofern Grau eine Farbe ist) bereichert den Leseeindruck, macht das Abschweifen und später Versiegen der Gedanken deutlich, ist hier also unverzichtbar. Bei keinem anderen Beitrag in diesem Wettbewerb ist die Formatierung des Textes so gelungen und so essentiell.
Ziemlich entsetzt bin ich von dem Rechts- und Gerechtigkeitsverständnis, das mit dieser Geschichte porträtiert wird, was dem Text natürlich keinen Malus auflegt, mich aber daran erinnert, wie gerne ich in einer Gesellschaft ohne Todesstrafe lebe. Nicht weil ich vorhätte, jemanden umzubringen und deswegen um mein Leben fürchte, sondern weil die Todesstrafe inhuman und es darum eine der größten Leistungen einer Gesellschaft ist, sie zu ächten. Mir das in Erinnerung zu rufen in einem dafür eigentlich dessen komplett unverdächtigen Wettbewerb, das muss man erst mal können.
Gewünscht hätte ich mir noch einen größeren Bezug der Krabben auf den Rest. Oder eigentlich vielleicht in der Weihnachtskindheitserinnerung einen größeren Bezug auf die späteren Ereignisse, gewissermaßen eine epische Vorausdeutung. Wie das zu machen wäre, weiß ich akut nicht, mir fiele, das erfüllt allerdings meinen Wunsch nicht, gerade nur ein, die Puppe zum Zentrum der Erinnerung zu machen, die dann durch das Kind in den Armen wiedergespiegelt wird. Die Krabben sind für mich eher Fremdkörper, die keinen Anknüpfungspunkt haben. Vielleicht, das geht dann aber auch wieder über alles hinaus, wäre es auch denkbar gewesen, von Weihnachten bis nach Silvester zu springen, das Kind Angst vor dem Feuerwerk haben zu lassen, und dann flammt diese Angst vor dem Schuss wieder auf.
Im Grunde egal, Punkte gibt’s hier auf jeden Fall. Vier nämlich.
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Michel
Geschlecht:männlichDichter und Denker


Beiträge: 1922
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Das goldene Niemandsland Der silberne Spiegel - Prosa
Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 20.01.2018 18:19    Titel: Antworten mit Zitat

Frau entbindet Kind, offenbar in Gefangenschaft, dann wird sie vom Todeskommando im Wald erschossen. Dreispaltig, ein SoC, eine Spalte direkte Rede, eine Spalte neutraler Erzähler/Regieanweisungen. Formal prima; die Idee, beide Anforderungen des Wettbewerbs zu erfüllen, das klappt hier hervorragend. Sperriger Text, der sich trotzdem gut lesen lässt, diesen Spagat bekommt nicht jeder Wettbewerbstext hin. Inhaltlich ist die Geschichte in all ihrer Erbarmungslosigkeit kaum auszuhalten und es bleibt der leise Verdacht, dass die Emotionen des Lesers nicht weniger gezielt gemolken werden als in der für diesen Wettbewerb so geschmähten U-Literatur. Ich fürchte, ich muss für die Form Federn geben – leider.
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Tjana
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BeitragVerfasst am: 20.01.2018 19:15    Titel: Antworten mit Zitat

Wow! Ein extrem berührender Text.
Fast finde ich es schade, dass mit dem Grund ihrer Inhaftierung noch ein weiteres, sehr emotionales Thema eröffnet wird. Das hätte weder der Text noch die Erfüllung der Vorgabe gebraucht.  
Die Bedeutung des Titels erkenne ich nicht. Der Fluss der Unterwelt – Dreistrom (die Hinrichtung geschieht per Schusswaffe) – weiß – vielleicht die Fliesen des Kreißsaales? Hmmm


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Wir sehnen uns nicht nach bestimmten Plätzen zurück, sondern nach Gefühlen, die sie ins uns auslösen
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Angst
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Beiträge: 1679



BeitragVerfasst am: 20.01.2018 21:02    Titel: Antworten mit Zitat

Wow. Die ganze Zeit habe ich mich gefragt, wo der Text ist, der mich heftig durchschüttelt.
Und nun ist es der letzte, den ich hier lesen darf.
Eine gelungene Kombination aus innerem und neutralem Erzählen.
Hier tut sich ein heftiger Widerstreit auf: Zwischen kühler Realität und hitzigem Gedankenrasen.
Das ist sicher der Beitrag, der „theoterisch“ der interessanteste ist.
Und auch emotional eine Wucht.
Eine simple Idee, pointiert, treffend. Mitressend.

Gratulation! Das sind meine 12 Punkte.


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»Das Paradox ist die Leidenschaft des Gedankens.«
— Søren Kierkegaard, Philosophische Brosamen,
München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 48.
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nebenfluss
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 3772
Wohnort: mittendrin, ganz weit draußen
Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 21.01.2018 12:44    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe gerade Angst vor der Macht meiner Kritik und sorge mich um meine Urteilsfähigkeit. Deshalb an dieser Stelle kein inhaltlicher Kommentar.

Danke für deine Teilnahme am Wettbewerb.


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fehlende Quellenangabe: mein Kopf.
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fabian
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 136



BeitragVerfasst am: 21.01.2018 19:04    Titel: Antworten mit Zitat

Anfangs stand der Beitrag mal ganz oben in der Rangfolge, dann ist er ins Mittelfeld abgestürzt. Was ihn noch einigermaßen gehalten hat, ist die formale Strenge im Aufbau und die Verbindung von NE und SoC in einem Text.
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