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kaleidoskop


 
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fabian
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 131



BeitragVerfasst am: 01.01.2019 20:00    Titel: kaleidoskop eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Kaleidoskopisch, bruchstückhaft
(Dokument eines Scheiterns)

Ich will ihnen mal was erzählen.
Keine Angst, es dauert nicht lange, es geht nur um eine einzige Minute. Ich meine, bei dem, über das ich gerne sprechen würde, da soll es nur um eine Minute gehen. Das Erzählen selber, das dauert natürlich schon etwas länger.
Nehmen sie also bitte noch eine Tasse Tee. Schauen sie, erst die Kluntjes! Wie das knistert! Und dann noch einen Schuss Köm, das entspannt und wärmt von innen.
Und Kekse. Bedienen sie sich bei die Kekse. Ich nehm mir schon mal eins.

Jetzt ist es 23:44. Gleich können sie drei Glockenschläge hören. Das ist St. Matthias.
Und wenn wir dann einen Moment warten, hören wir wieder drei Schläge. Die kommen von Drei-Apostel. Der Abstand beträgt genau eine Minute, ich habe das mehrfach überprüft und finde das eigenartig.
Das ist schon seit Jahren so. Niemand hat das je korrigiert und jetzt, wo ich ihnen das erzähle, kommt mir der Gedanke, dass das vielleicht sogar einen Sinn haben könnte. Vielleicht sollen die Uhren zu unterschiedlichen Zeiten schlagen, denn dann sind sie klar und deutlich voneinander zu unterscheiden.
Stellen sie sich vor, sie schlügen im Bemühen, den richtigen Moment genau zu treffen, fast zur gleichen Zeit –  diese Interferenzerscheinungen! Tonhöhen, die kaum voneinander zu unterscheiden sind! Sechs Schläge, wo nur drei hingehören! Was für ein Durcheinander, was für ein Konfliktpotential.
Wer lässt in welchem Moment schlagen? Welcher Schlag wie laut? Wer war zuerst da, wer darf als nächster schlagen, schlägt man sich darüber vielleicht sogar gegenseitig? Unhaltbare Zustände mit der Zeit wären das geworden.
So ist alles viel klarer. Erst die eine, dann die andere. Die eine früher, die andere später. Mag man glauben, welcher man glauben will, auf die Minute kommt es hier schon lange nicht mehr an. Wer die genaue Uhrzeit braucht, schaut aufs Smartphone.
Egal. Sinnvoll oder nicht: dieser Zeitraum zwischen dem ersten und dem zweiten Läuten – das soll unsere Minute sein. Unser Brennglas. Die Glockenschläge werden unser Netz spannen, in das wir Fliegen werfen.

Da ist zum Beispiel Frau Bienkopp.
Sie ist fast blind und genauso stur wie schwerhörig. Die körperlichen Gebrechen hat ihr das Alter beschert, stur war sie immer schon. Sagt die Nachbarin, die schon genau so lange im Haus wohnt, wie Frau Bienkopp.
Frau Bienkopp hat die drei Schläge von St. Matthias nicht gehört, sie würde auch das Klingeln des Krankentransportdienstes nicht hören, den ihr die Notärztin um 20 Uhr irgendwas bestellt hat.
Frau Bienkopp ist nämlich gestürzt, und das nicht zum ersten Mal. Sie hat sich eine Platzwunde zugezogen, aber das ist nicht der Grund, warum sie jetzt bereit ist, ins Krankenhaus zu gehen.
Frau Bienkopp hat einen Betreuer, und sie hat einen Vermieter. Beide haben sich um das Wohl von Frau Bienkopp bemüht während ihrer letzten Reha. Sie haben die kleine Einzimmerwohnung mit Küche restlos ausgeräumt. An die 50 Umzugskartons, ordentlich beschriftet und gestapelt, voll mit einem ganzen vergegenständlichten Leben: Nähkästen Bademäntel, Handtücher, Unterwäsche, Blusen, Kleider, Röcke. Alles ordentlich weggepackt. Frau Bienkopp hat nichts weggeworfen. Sie hat aufgehoben. Ordentlich verstaut. Schmal die Gänge im Zimmer zwischen den Schränken, Kartons und Kommoden.
Vor dem Schatz liegt Frau Bienkopp wie Fafnis, der Drache, in der Küche die Bettstatt, ein Tisch, Waschbecken und Anrichte. Hier vorne hat sie gelebt, dahinter gehortet.
All das wurde entsorgt. Zu ihrem Besten natürlich, während sie im Krankenhaus lag um sich von einem ihrer früheren Stürze zu erholen.
Die Wohnung, in die sie zurückgekehrt ist: wie leer gefegt.
Die ewige Selbstversorgerin (Kohlkochen jeden Freitag auf Vorrat) jetzt in den Händen eines Pflegedienstes.
Fürsorglich kümmert sich jeden Tag wechselndes Personal um die ewige Einzelgängerin, die knurrige.
Abends sitzt sie allein im einzigen Sessel im leeren Zimmer und starrt auf leere Wände. So viel Raum um sie war nie. Edward Hopper ist cool. Hier ist nur Leere. Frau Bienkopp starrt an die Wand und ist woanders.
Drei Mal schlägt eine Krichturmuhr und fast im gleichen Moment klingelt es. Der Nachbar neben ihr, während sie auf den Transportdienst warten.
Frau Bienkopp spricht auch jetzt nicht mit ihm, aber das kennt er schon. So haben sie die letzten zwei Stunden verbracht.
Er hat seinen Hund mitgebracht.
Das macht die alte Frau lächeln.
„Schön”, sagt sie, und streicht dem Tier durch das krause Fell.
Die Pfleger haben alles zusammen, was gebraucht wird, es ist nur eine kleine Tasche und das Pflegeprotokoll.
Frau Bienkopp hebt noch einmal die Hand, als sie im Transportstuhl über den Hof geschoben wird. Umdrehen kann sie sich nicht mehr.
Zum zweiten Mal schlägt eine Kirchturmuhr drei Mal, aber viel leiser.

Oder denken wir uns aus, was Alfred machen könnte. Alfred könnte zum Beispiel sauer sein.
Er spricht in der Kurfürstenstraße eine Frau an.
„Kennst du Laura? Weißt du, wo sie ist? Sie hat eben noch da vorne gestanden. Hast du sie gesehen?” Er ist zornig und verzweifelt und seine Stimme ist laut.
„Ich weiß nicht. Hier nix Laura. Besser weiter gehen.”
Die Frau wendet sich ab. Er hebt den Arm, will sie zurückhalten. Ein paar Autos weiter öffnen sich die Türen eines schwarzen Mercedes, zwei Männer steigen aus, kommen näher, ruhig, lässig, zielstrebig. Er weiß, die Frau hat hier zusammen mit Laura gestanden, aber genau so sicher weiß er jetzt, dass es sinnlos ist, zu fragen, dass er sich abfinden muss.
Sie hatte es ihm leicht gemacht und war ihm in den Weg getreten.
„Na Süßer, hast du Lust?”
Er brauchte gar nichts tun, sie lächelte, ein paar Strähnen fielen unter ihrer lustigen weißen Pudelmütze mit dem riesigen Bommel hervor.
„Na?”, hatte sie ihn noch mal herausgefordert, „Ficki Ficki? Oder Blasen?”
Ihre Augen blitzen unter den Strähnen hervor, sie hatte den Mund gespitzt, die Lippen vorgewölbt.
„Mmmmh”, eher ein Summen als ein Stöhnen und dann hatte er ihre Finger am Reissverschluss seiner Jacke gespürt, wie sie ein wenig am Schieber zupften, ihre Hand hinunter glitt, flach, weich, aber mit Bestimmtheit geführt, dann wieder nach oben, mit einem Finger, druckvoll, dass er ihn spürte bis auf die Haut.
„Komm,” hatte sie gesagt, „ich mach gut. Um die Ecke. Keiner sieht.”
Jetzt ist Laura weg. Sein Geld ist weg. Die anderen Frauen haben Abstand genommen. Er steht ganz allein vor dem Bauzaun, vor dem sie vor kurzem noch mit den anderen gestanden hat. In der Tasche hat er nur noch den dicken Filzer aus der Schule.
Den nimmt er jetzt und er schreibt an den Bauzaun, weinend vor Wut und Scham:
Laura ist eine
Dreck Sau und
Betrügerin !
Sie beklaut ihre
Kunden.
Man hat mehr davon
wenn man Wixen Tut.

Er hört drei Schläge von der Kirchturmuhr, aber die sagen ihm nichts.


Sie fragen sich jetzt sicher, warum ich ihnen das erzählt habe. Ob es Sinn gemacht hat, sich mit einer einzigen kurzen Minute zu beschäftigen. Sich vorzustellen, was geschieht oder besser: geschehen könnte in dieser einen Minute.
Ich muss gestehen, ich weiß es nicht. Es ist eben alles nur Imagination, alles Erzählte ist immer nur Imagination.
Nur die Tasse Tee, die ich ihnen eingeschenkt habe, die ist real. Und dass die Katze schnurrt auf dem Sessel gegenüber.
Hören sie?
St. Matthias schlägt drei mal.
Es kann losgehen.

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lebefroh
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 38
Beiträge: 344
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 12.01.2019 16:15    Titel: Antworten mit Zitat

Oh, der (fast) gleiche Titel wie meiner.

Der Text gefällt mir - ich habe ihn gerne gelesen, die schöne und doch kurzweilige Sprache genossen, das Augenzwinkern, was da mitklingt.

Allerdings - hält das jetzt die Vorgaben ein? Es scheint um verschiedene Minuten zu gehen, nicht um ein und die selbe. Aber gut, vielleicht kann man das auch so interpretieren. Aber eine "ganze Gegend" oder "ganze Stadt"?

Für meinen persönlichen Geschmack waren die Bruchstücke auch zu zusammenhangslos.
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hobbes
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger


Beiträge: 3133

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
Ei 4 Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 12.01.2019 19:17    Titel: Antworten mit Zitat

spontaner Erstleseeindruck:
Herrje, Text. Voll der Kniff, nicht wahr? Mit diesem Erzähler und so. Am Anfang nehme ich dir das nicht übel, am Anfang amüsiert mich das, aber am Ende, am Ende vertust du es dir mit mir, am Ende passiert genau das, wovor die Schreibratgeber warnen, das, was schlimmstenfalls mit so einem "Hallo Leserin, ich bin der Erzähler" passieren kann, dass ich mich nämlich gegängelt, an der Nase herumgeführt und um meine Minute eine Geschichte betrogen fühle. Vor allem wegen des: "Alles erfunden! Alles nur Imagination! Hehe."
Schade eigentlich.

Zweitlesen:
Den Glockenschlag-Absatz mag ich am liebsten. Total bekloppt, dieser Erzähler, denke ich, aber auf eine höchst liebenswerte Art. Und witzig, das auch. Wäre das hier ein Wunschkonzert, würde ich sagen, ich hätte gern mehr von diesem Erzähler gelesen. Vielleicht hätte das auch das Ende für mich geändert, also wenn dort mehr von diesem Glockenschlag-Erzähler zu spüren gewesen wäre. So in Richtung, warum hat er jetzt genau diese Geschichten erzählt und erfunden, was hätte es geändert, hätte er eine andere erzählt, was denkt er, was die erzählte Geschichte mit mir gemacht hat und hat er das mit Absicht gemacht und was sagt das nun wiederum aus.
So aber macht er es sich für mich zu leicht. Da Leser, nun schau, was du daraus machst, reicht ja wohl, wenn ich den Tee bereit stelle.

Die erzählten Geschichten für sich, die mag ich durchaus auch, das ist gekonnt erzählt. Das große Ganze stimmt für mich nicht.

Und trotzdem gibt es drei Punkte.
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Heidi
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 38
Beiträge: 1228
Wohnort: Hamburg


BeitragVerfasst am: 14.01.2019 09:15    Titel: Re: kaleidoskop Antworten mit Zitat

Das ist sicherlich ein Dehnungstext, der im Vergleich zu den anderen, gut und ausgereift ist. Gerade die Umrahmung, die Ansprache des Lesers und die Turmuhrsache finde ich ausgesprochen ansprechend - da wird das Denken schon angeregt. Es sind drei Geschichten, erst mal die Kirchturmschläge, dann die Bienkopp-Geschichte und schließlich die Laura-Geschichte, die sich hier gegenübertreten. Und genau das ist mein Kritikpunkt: es gibt hier mehr ein Gegenüber als ein Ineinander. Mir fehlt ein Zusammenhang. Der Untertitel Dokument eines Scheiterns wird in der Laura-Geschichte deutlich, aber Frau Bienkopp erzählt mir ihr Scheitern nicht knochentief, es bleibt zu sehr an der Oberfläche. Die Kirchenglocken ... weiß nicht, sie fügen sich auch nicht in den Rest-Text ein. Ich finde, das klafft, trotz vielversprechendem Beginn, zu sehr auseinander, sodass am Ende nur das Gefühl übrig bleibt, das der Erzähler ja dann auch indirekt ausspricht: Ich hab da was gelesen, ist alles flüssig, augenzwinkender Stil, aber dann doch viel Luft, kaum Basis.

Das Thema sehe ich nicht als deutlich erkennbar, das Motto erspüre ich überhaupt nicht, die Dehnung ist aber (bis auf die Sache mit dem Zusammenhang) gut gelungen.

Es sind aber trotz allem keine Punkte mehr übrig.


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Mardii
Stiefmütterle

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BeitragVerfasst am: 15.01.2019 15:02    Titel: Antworten mit Zitat

In einer Minute kann man tragische Schicksale unterbringen. Die Geschichte mit den Kirchtürmen, die zeitversetzt läuten, machen sie glaubhaft. Stilistisch sehr humorvoll geschrieben, eine Sprache, die schmunzeln macht. Das Thema wurde gut umgesetzt.

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Ridickully
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firstoffertio
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BeitragVerfasst am: 15.01.2019 23:43    Titel: Antworten mit Zitat

Hier fehlen mir ein paar mehr Fliegen.

Die Idee mit der Zeit zwischen den Glockenschlägen finde ich aber gut.
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d.frank
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 40
Beiträge: 911
Wohnort: berlin


BeitragVerfasst am: 16.01.2019 13:19    Titel: Antworten mit Zitat

Tut mir leid, ich werde hiermit nicht warm. Der betuliche Erzähler, wie so eine Art Märchentante, der mir irgendwas Zusammenhangloses erzählt, jedenfalls sehe ich auch nach dem dritten Lesen noch immer keinen direkten Zusammenhang.
Mag an mir liegen. Geht das vielleicht um Nächstenliebe?
Frau Bienkopp, über deren Kopf entschieden wird. Alfred, der anscheinend noch zur Schule geht, bedrohliche Männer, die aus einem Auto steigen, dann aber doch nicht in Erscheinung treten. Ich habe die Kluntjes und den Köm recherchiert, die namentlich aufgeführten Glockentürme, die anscheinend um Dreiviertel Zwölf noch läuten Shocked und ich weiß jetzt, dass es Weißbronzeglocken, Zinkglocken und Euphonglocken gibt, aber irgendwas muss ich übersehen haben, denn die Geschichte sagt mit trotzdem nicht so wirklich was. Ok, die Glocken, die Kirche, die Märchentante - da ließe sich schon was interpretieren. Mich beschleicht aber auch leider das Gefühl, ich hätte mir jetzt schon mehr Gedanken gemacht, als der Autor eigentlich?
Vielleicht muss ich das hier noch ein bisschen ruhen lassen und vielleicht, am Ende und im Vergleich komme ich ja doch noch und geläutert wieder zurück.


Da bin ich wieder und revidiere alles oben Gesagte. Tja, so ist das manchmal und sollte ein 12 Punkte Text nicht umfassend nachhallen?
Das hat der Text getan. Ich habe lange über ihn gegrübelt und eigentlich hatte ich nicht schon wieder dem betulichen Erzähler, der unmessbaren Größe den Vorzug geben wollen, aber der Text hat mich gezwungen dazu. Evil or Very Mad
Weil er anscheinend sehr, sehr wohl überlegt worden ist, von dem Titel, in Kleinschrift, angefangen bis zum Aufruf an den Leser am Ende, seine eigene Einstellung zur Thematik zu hinterfragen. Ganz geschickt legt der Text seine Gegend unter die Turmuhren einer namenlosen Stadt und beleuchtet damit vielleicht nur zwei Ereignisse, aber redet sich auch geschickt damit heraus, dass es eben nur diese zwei brauche, um die eingangs angeschnittene Frage nach der Daseinsberechtigung alter Werte und Ordnungen zu hinterfragen.
Wie der Erzähler den Lesenden zum Bleiben auffordert, das schafft einen schönen Bogen zur allgemeinen Sprachlosigkeit. Alles, was der Erzähler auftut und hinterfragt findet sich in den Zwischentönen der beiden herangezogenen Darstellungen wieder. Frau Bienkopp in ihrer leeren, aufgeräumten Wohnung, in stiller Übereinkunft oder auch Halbherzigkeit mit dem Nachbarn. Man redet nicht, aber man kann sich mal einen Besuch abstatten. Vermieter und Betreuer haben getan, was das Beste ist. Ein Schuljunge trägt sein Taschengeld zu Prostituierten, von der Nächstenliebe zur Liebe, die nichts weiter ist, als ein leidlicher Betrug. Und der Erzähler selbst ist auch ein Betrüger. Er hat keine Lösung, keine Wahrheit parat, weil er sich die eigene Rolle schon lange eingestanden hat. Tja, was bleibt ist ein schaler Geschmack. Warum lese ich? Warum schreibe ich? Und warum musste ich erst recherchieren, um zu bemerken, dass eine Turmuhr um 23,44 Uhr nicht mehr schlagen wird?
Dokument eines Scheiterns ist da wohl sehr treffend ausgedrückt.

PS: Ich hab das Erste mal stehen lassen. Es passt so schön zu dem, was der Text mit einem macht. Und die Vorgaben? Die sehe ich erfüllt, wenn auch geschickt umgangen, gestundete Zeit und die (Un)haltbare Gegenwart, für mich passt das.


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Die Wahrheit ist keine Hure, die sich denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: Vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, daß selbst wer ihr alles opfert noch nicht ihrer Gunst gewiß sein darf.
*Arthur Schopenhauer
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Literättin
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Das silberne Stundenglas Der goldene Roboter
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BeitragVerfasst am: 16.01.2019 17:28    Titel: Antworten mit Zitat

Ein beinahe klassisch gebauter Text, in dem der Erzähler einen anspricht und einem „vorkaut“, was sich in Lesers Kopf abspielen soll. Liest sich leicht, ist im Großen und Ganzen solide formuliert nur hier und da hakt es, stimmt die Syntax nicht, es wird zu viel geredet (die Sache mit den Kirchturmuhren, den Interferenzen und dem vermeintlichen Konfliktpotential, nur um beim Smartphone anzukommen), das Bild mit Fanis passt stilistisch nicht gut (mich haut es raus) und die beiden Szenen wirken irgendwie willkürlich zusammengestellt, was nahezu „bequem“ vom schwatzhaften Erzähler wegerklärt wird. Wo der Text mich für eine Weile einfängt, ist bei der Erzählung von Frau Bienkopp, die mich anrührt. Die Sache mit „Ficki, Ficki“ erscheint mir völlig belanglos.

Die Kriterien: E – eher nein. Mir zu glatt und vordergründig „sinnlos“ (weil der Erzähler dies auch mehrfach betont). Ich weiß am Ende nicht wozu mir das alles erzählt wird und wozu es in diese Form gefasst ist. Es entsteht in mir nichts über das Geschriebene und darin „behauptete“ hinaus und selbst das „Behauptete“ hat hier kaum einen Bestand, weil der Erzähler dies wie gesagt im selben Atemzug wieder aufhebt. Die Vorgaben – rein formal findet ein paralleles Geschehen innerhalb einer Minute statt. Inhaltlich oder als Inspirationsquelle kann ich die (un)haltbare Gegenwart so wenig ausmachen wie die gestundete Zeit.


_________________
when I cannot sing my heart
I can only speak my mind
- John Lennon -

Christ wird nicht derjenige, der meint, dass "es Gott gibt", sondern derjenige, der begonnen hat zu glauben, dass Gott die Liebe ist.
- Tomás Halík -

Im günstigsten Fall führt literarisches Schreiben und lesen zu Erkenntnis.
- Marlene Streeruwitz - (Danke Rübenach für diesen Tipp.)
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Tape Dispenser
Geschlecht:männlichSchreiberling


Beiträge: 278



BeitragVerfasst am: 16.01.2019 23:14    Titel: Antworten mit Zitat

Noch ein Text, dessen Schluss am Ende den Wettbewerb thematisiert. Leider fällt mir dazu nichts ein.
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Municat
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 51
Beiträge: 365
Wohnort: Zwischen München und Ingolstadt


BeitragVerfasst am: 17.01.2019 11:59    Titel: Antworten mit Zitat

Moin Inko smile

Okay, da sitzt eine Dame vor ihre Tasse Tee mit Kandis (und Rum? Den Ausdruck kenne ich als Südländerin nicht) und überlegt sich, was in der Minute zwischen den beiden unterschiedlich geeichten Kirchturmuhren passieren könnte.

Frau Bienkopp tut mir wirklich leid. Klar ist es schwierig, wenn jemand im Alter nachlässt und sicherlich macht es Sinn, demente und gebrechliche Menschen zu betreuen, aber mir krampft sich regelmäßig der Magen zusammen, wenn Menschen entmündigt werden, so wie hier: Es wird einfach über sie verfügt. Sie wird nicht gefragt. Irgendjemand beschließt, dass es gut für sie ist, ihr Habseligkeiten zu entsorgen und sie in eine leere Wohnung zu setzen. Ich beneide die Menschen nicht, die entscheiden müssen, ab wann jemand keine eigenen Entscheidungen mehr trffen kann oder soll.

Mein Mitgefühl für den beklauten Freier hält sich dagegen in Grenzen. So, wie das Bild beschrieben ist, hat er nichts gegen unverbindlichen Sex einzuwenden (auch, wenn er "überredet" wird) und lässt sich auf eine sehr dubiose Situation ein, die auch mit geregelter käuflicher Liebe nicht wirklich viel zu tun hat. Klar, Du zeigst auch, dass sein IQ vermutlich nicht sonderlich hoch ist.

Deine Bilder sind authentisch, schonungslos und direkt. Sie sorgen dafür, dass ich mich mit den Themen weitergehend befasse. Genau so soll es sein.

Das Thema mit der nicht greifbaren Zeit steckt bei Deinem Text in der Minute zwischen den beiden Kirchenglocken. Aus einem bestimmten Winkel betrachtet, gibt es diese Minute nicht. Trotzdem können Dinge in der Zeit passieren.

Du beschreibst zwei (ne, mit der Teetrinkerin drei) Schauplätze dieser imaginären Minute. Schauplätze, die nichts miteinander zu tun haben, außer, dass sie der Fantasie  ein und derselben Person entspringen. Klar, es war nicht Teil der Aufgabenstellung, dass die unterschiedlichen Schauplätze miteinander verwoben sein müssen, aber irgendwie faszinieren mich die Geschichten mehr, in denen Zusammenhänge geschaffen werden. Ich gebe allerdings zu, dass das sehr subjektiv ist.

Punkte vergebe ich erst, wenn ich alle Beiträge zweimal gelesen und einmal kommentiert habe.


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Gräme dich nicht, weil der Rosenbusch Dornen hat, sondern freue dich, weil der Dornbusch Rosen trägt smile
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V.K.B.
Geschlecht:männlichDichter und Denker

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Beiträge: 1838
Wohnort: an der Nordseeküste
Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 17.01.2019 23:33    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,
mal gleich Leseeindrücke vom ersten Lesen, weil sie mich überkommen.

Zitat:
Bedienen sie sich bei die Kekse. Ich nehm mir schon mal eins.
und dann
Zitat:
diese Interferenzerscheinungen! Tonhöhen, die kaum voneinander zu unterscheiden sind! Sechs Schläge, wo nur drei hingehören! Was für ein Durcheinander, was für ein Konfliktpotential.

Hier wirft es mich irgendwie raus. Ein Erzähler, der erst so falsches Deutsch redet (bei die Kekse – eins), kommt mir dann mit Interferenz und Konfliktpotenzial? Ja, da liegt eine Menge Konfliktpotenzial, oder ist die kognitive Dissonanz gewollt?

Zitat:
Vor dem Schatz liegt Frau Bienkopp wie Fafnis, der Drache
Der hieß aber Fáfnir.

Zitat:
Sie fragen sich jetzt sicher, warum ich ihnen das erzählt habe.
In der Tat, genau das tue ich. Meine Vermutung: um ein paar Wettbewerbsvorgaben zu entsprechen? Aber ich lese gespannt weiter. Überrasch mich.

Zitat:
Nur die Tasse Tee, die ich ihnen eingeschenkt habe, die ist real.
Nee, danke, da bleibe ich lieber bei der guten alten Feuerzangenbowle …

Sorry, das ist nicht E, das ist vollkommen belanglos. Hilft auch nicht, es am Ende zu lampshaden (und am Anfang mit "Dokument eines Scheiterns"?). Was soll ich davon mitnehmen? Komm mir gerade ein bisschen vor wie Alfred, da hätte ich ja besser … okay, lassen wir das. Keine Punkte, nächster!

Oh, was mir gerade noch einfällt: Falls das ein Meta-Text sein soll und es deine Absicht war, diesen Wettbewerb zu parodieren, hätte das bissiger ausfallen müssen. Wobei, wenn ich gerade darüber nachdenke, irgendwie fasst dein Text schon einige der 1-Minuten Texte, die ich bisher gelesen habe, zusammen und bringt das auf den Punkt. Aber war das deine Absicht? So oder so, es ist am Thema vorbei.

beste Grüße,
Veith

PS: Ist es eigentlich Absicht, dass du alle Anreden klein schreibst?


_________________
Warning: Cthulhu may occasionally scare people …
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Catalina
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Alter: 46
Beiträge: 288
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 20.01.2019 12:43    Titel: Antworten mit Zitat

Beim ersten Absatz musste ich grinsen. Da wird uns gleich mal die Vorgabe erklärt. Smile

Dann "Bedienen Sie sich bei die Kekse. Ich nehme mir schon mal eins", keine weiteren Grammatikfehler folgen.
Will mich hier jemand absichtlich verwirren?

Konfliktpotential bei den Kirchenglocken erzeugt wieder ein Grinsen. Sich gegenseitig Schlagen, unhaltbare Zustände. Aber die Gedanken, jede Glocke braucht seinen Raum, gefällt mir.

Der wechselnde Stil irritiert mich. Absicht?

Dann die ausführliche Erklärung, vom Brennglas, vom Netz, dass die Glockenschläge spannt. Fliegen sollen reingeworfen werden. Dafür, dass es letztendlich nur zwei Fliegen sein werden, klingt das sehr pathetisch.

Frau Bienkopp ist Tatsache. Alfred ist eine Hypothese. Boah, ich weiß noch immer nicht, ob der Autor planlos ist, oder gezielt mit mir spielt.

Da ein "nämlich"... gezielt oder übersehen?

Frau Bienkopps Zwangsaufräumung berührt mich sehr. Was für eine Vergewaltigung.

Alfreds naive Wut hat auch etwas sehr Rühriges. Ganz besonders das "wenn man Wixen Tut".

Dein Schluss ist für mich der beste von allen teilnehmenden Texten. Dein Stil gefällt mir  - zu gut, um die Ausbrecher als nicht beabsichtigt ansehen zu können.

Ja, Du hast es geschafft. Ich bin verwirrt. Finde keine Schublade. Mein Gehirn weigert sich, den Text in irgendeiner Form zu bewerten. Er rutscht mir immer wieder durch die Finger. Er macht ich nervös. (Und ich habe eine Vermutung, wer dahinter stecken könnte...)

Kaleidoskopisch ist dieser Text nicht in seiner Vielfalt an Szenen, sondern in seiner Vielfalt an Stilen. Welches Scheitern wird dokumentiert? Deins, beim Wettbewerb? Hat sich Dein Text selbstständig gemacht, so dass er jetzt kaum noch in die Vorgaben passt?  Fast bekomme ich den Eindruck...

Ich glaube, ich bin zu verwirrt, um Punkte geben zu können.
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Eredor
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Traumtagebuch
BeitragVerfasst am: 20.01.2019 22:42    Titel: Antworten mit Zitat

Das finde ich in der Summe schön, wenn ich auch hier Abstriche machen muss:
1.) Das Mittel der Zeitdehnung wird nicht deutlich. Ich habe wirklich gesucht, aber im Grunde sind das nur zwei Situationen, die innerhalb einer Minute stattfinden, zwischen zwei Kirchturmuhrschlägen (diese Markierung der Minute halte ich für wahnsinnig gut. Zwischen ihnen vergeht quasi keine Zeit, das ist großartig gelöst). Du versuchst, die Zeitdehnung auf Erzählebene einzubauen. Heißt: Der Erzähler erzählt über eine Minute und ist sich bewusst, dass seine Erzählung länger dauert als die Minute selbst. Das wäre eine kluge, metafiktional motivierte Lösung gewesen - wenn der Erzähler denn tatsächlich nur über diese Minute geredet hätte. Aber er verliert sich in Frau Bienkopps Leben, in Erzählungen über die Kirchturmuhr, die außerhalb jeder Zeit stehen (was fast mit dem Grundbild deines Textes zusammenfällt, aber leider nur fast).
2.) Das Ende halte ich für mehr als schwach. Sorry, dass ich das so direkt sage. Aber es kann doch nicht die Aussage des Textes sein, dass eine Tasse Tee real ist?! Mal ganz überspitzt formuliert.
Ich geb dir Punkte, weil ich die Idee wirklich sehr stark finde. Man hätte mehr draus machen können, und ich vermute fast, du hattest zu wenig Zeit für den Text.


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- Lütfiye Güzel
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Michel
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Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 22.01.2019 15:59    Titel: Antworten mit Zitat

Noch ein paar Fetzen, ähnlich wie beim anderen Kaleidoskop-Text. Die Minute ist eingehalten, immer genau zwischen zwei Turmuhren, aber die Geschichten sind, soweit ich das erkennen kann, nicht miteinander verbunden, außer durch die Erzählstimme, deren Zusammenfassung, ja, sich sperrig gibt, aber mich im Regen stehen lässt. Die gestundete Zeit? Die Straßenhure ist weg. Die Alte mit dem Sammelzwang muss ins Heim. Soweit drin, aber nicht so meins.
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Jenni
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Beiträge: 3809

Das goldene Aufbruchstück Die lange Johanne in Gold


BeitragVerfasst am: 23.01.2019 01:14    Titel: Antworten mit Zitat

„Bedienen sie sich bei die Kekse. Ich nehm mir schon mal eins.“ Damit wird so eine „nette kleine Anekdote“ eingeleitet, die mich nach dieser Einleitung schon überhaupt nicht mehr interessiert. Und leider geht es auch genauso weiter, im gleichen Ton und genauso uninteressant. Da könnte eine Frau Bienkopp auf den Pflegedienst warten und ein Alfred sucht vielleicht eine Prostituierte, die ihn bestohlen haben könnte. Eine Bedeutung hat das nichts, sagt der Erzähler, und so scheint es mir leider wirklich zu sein.
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anderswolf
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Beiträge: 423
Wohnort: Bad Nauheim


BeitragVerfasst am: 25.01.2019 17:21    Titel: Antworten mit Zitat

Früher habe ich Geschichten geschrieben, in denen ich mir selbst versucht habe, meine Gedanken zu erklären mithilfe einer kleinen grauen Frau, die unentwegt irgendwelche Bilder aquarelliert hat. Keines davon habe ich je gesehen, denn es war ja eine Geschichte oder eigentlich nur ein hohler Text über Dinge, die ich nicht greifen konnte. In diesem Text also besucht mich ein Geist, nicht der von Frau Bienkopp, der Gefallenen, oder der von Laura, der diebischen Hure (ist das pc?), sondern der der alten Dame, die auch nicht so recht weiß, was sie jetzt mit dem Besucher machen soll, der da plötzlich mit offenen Fragen in ihrer Wohnung steht und nach der langen Reise erst mal einen Tee braucht. Als ob es nicht anders wäre, und sie erst durch die Imagination in den Kopf und dann den Tee des Schreibenden beschworen worden wäre.
Ich merke, es hat sich nichts geändert, auch hier weiß ich nicht, was mir das sagen soll. Ist das E, nur weil kryptisch? Die besondere Vielschichtigkeit, das Eigenständige, das Besondere ist hier einfach nicht da, es gibt die Rahmenhandlung, dann zwei hypothetische Besuche in den Köpfen anderer Menschen, die knistern wie Kluntje, bevor man den Köm zugießt und dann behauptet die Alte, es wäre erst eine Minute vergangen, seit sie ihre Geschichten erzählt hat, deren Erzähl- und Erlebensdauer in beiden Fällen eine Minute überschreitet. Frau Kluntje hat ein bisschen über den Durst getrunken, wenn sie glaubt, dass ihr das wer glaubt.
Ist der Untertitel eigentlich ein Kommentar des Autors zum eigenen Erfolg bei diesem Wettbewerb? Wenn ja: bitte mehr Selbstvertrauen.)
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Constantine
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 2686

Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 25.01.2019 18:03    Titel: Antworten mit Zitat

Bonjour

Dein Text besitzt einen vielversprechenden Anfang. Es folgen zwei Szenen, die mich leider langweilen, weil ich den Zusammenhang mit dem Anfang nicht sehe, außer das St. Mathias schlägt.

Am Ende kehrst du wieder zum Ausgangserzähler zurück. Sollte da dann nicht Drei-Apostel 3x schlagen anstelle St. Mathias? Schließlich liegen laut deinem Text 1 Minute Abstand zwischen dem Schlagen dieser beiden Glocken, doch in deinem Text schlägt (nach 1 Minute) wieder St. Mathias. Hm.

Es tut mir leid: zéro points.

Merci beaucoup.
Constantine
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d.frank
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BeitragVerfasst am: 27.01.2019 14:15    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo fabian,

ich hatte das schon so im Gefühl, aber ich habe jetzt noch mal nachgesehen:

Du bist tatsächlich der neutrale Erzähler aus dem 10K 2017!
Und damals hast du nicht ein nachträgliches Wort zu deinem Text verlauten lassen. Sad

Willst du das wieder so halten? Ich möchte dich bitten, das nicht zu tun!
Wenigstens dieses Mal hätte ich gern gehört, was sich der Autor bei seinem Text gedacht hat. Ginge das, bitte?


_________________
Die Wahrheit ist keine Hure, die sich denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: Vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, daß selbst wer ihr alles opfert noch nicht ihrer Gunst gewiß sein darf.
*Arthur Schopenhauer
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fabian
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BeitragVerfasst am: 29.01.2019 13:34    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Tut mir leid, ich bin in Diskussionen und – sozial gesehen – ganz langsam.

Da wo schnell diskutiert wird bin ich auch ganz schnell ganz weit am Rand.

Was soll ich machen (das ist nicht rethorisch gemeint!)?

Versuch ich es in meinem Tempo, liegt das quer zum Zweck eines Forums und wenn ich zum frisch-fröhlichen argumentativen Federballspiel aufs Feld gehen will, sind die anderen meistens schon unter der Dusche (das war jetzt rethorisch!).

Ich hatte mir so viel vorgenommen dieses Jahr. Jeden Tag 2 Stunden 10.000er vorm Frühstück, wenn noch Ruhe ist.
Und hinterher auf jeden Fall schnell antworten!

Stattdessen: grippaler Infekt am 1. Januar. Rotz und Wasser. Da ging nichts mehr. Grad mal so der Alltag. 10.000er? Aufgegeben, abgeschrieben und doch: immer wieder dran gedacht.

Am 7.: warum nicht einfach nur für mich schreiben? Ausprobieren?
In erster Linie über Verschachtelungen nachgedacht, wie Ereignisse verschränken (erzählerisch)? Bloß kein Drama! Kein Schicksal!
Alltag. Mosaik macht Bild.
Alles nur abstrakt (z.B.: Fixpunkt > (die gleiche Minute) verknüpft die Ereignisse > Wetterleuchten, Glocke, Sirene, Blitz, Uhr(zeit) – irgend etwas muss die Szenen als gleichzeitig kennzeichnen / mehrfach-Faktoren: eine Szene enthält mehrere Zeit-Fixatoren und verknüpft über einen davon explizit mit anderen Szenen, die wiederum usw.usf.)

Do., 10.01., 16:00 – alle abstrakten Schnipsel beiseite.
Unvertrauter Textprozessor. Scrivener. Spielzeug. Schipselverarbeiter.
Losgeschrieben. Den "Teetrinker" geschrieben, der als Geschichtenerzähler anfängt, über einiges von dem zu sprechen, worüber ich vorher so verzweifelt theoretisiert hatte. 3200 Zeichen und noch einen ganzen Freitag. Warum nicht doch?

Am Freitag: aus 3200 werden 2500, zwei Szenen skizziert; dann Telefon, Termine außer Haus. Nachmittags dann weitergeschrieben. Wie im Rausch (also fast ohne Nachdenken). Gedankenwirrwar wie Eredors Avatar. Einfach dem Pfad folgen. Mehr als zwei "Momente"? – unmöglich. Fafnir sogar noch bei Wiki besucht – trotzdem falsch geschrieben. Aus Ahmet wird Alfred. Unmöglich, einen halbwegs glaubhaft gezeichneten Ahmed auch nur anzudeuten.

Zwei Szenen fertig. Was nun?
Dem Erzähler die Frage vorgelegt: was nun? Was soll das Ganze?

Outro: der Erzähler antwortet. Es wurde erzählt.

18:55 (nicht gelogen!) – die Schnipsel aus Scrivener rauskopieren, im Forum ins Nachrichtenfenster eingesetzt, 18:59 abgeschickt.

Soviel zum Äußeren.

Mein erster Text seit einem Jahr.
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d.frank
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 40
Beiträge: 911
Wohnort: berlin


BeitragVerfasst am: 29.01.2019 15:44    Titel: Antworten mit Zitat

Ich freue mich, dass du dich aufgerafft hast!
War schon im letzten Jahr einigermaßen enttäuscht, dass da nichts mehr kam.
Einerseits kann ich das verstehen, dass so eine Diskussion ermüdend ist, andererseits sind deine Texte so offen, dass du deinen Lesern einen kurzen Einblick fast schuldig bist. wink
Das ist natürlich Quatsch. Aber wie du bemerkt haben wirst, hat mir der Text hier die Höchstpunktzahl abgeluchst. Ich grüble immer noch über das mitternächtliche Glockengeläut und darüber, was du eigentlich hast aussagen wollen.
Vielen Dank also, dass du es nun vage zusammengefasst hast. Wahrscheinlich, weil du das hast fließen lassen, konnte ich so viel Ungesagtes drin sehen.

Dein erster Text seit einem Jahr? Du meinst seit dem neutralen Erzähler hast du nicht geschrieben?


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fabian
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BeitragVerfasst am: 29.01.2019 19:30    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

d.frank hat Folgendes geschrieben:
Dein erster Text seit einem Jahr? Du meinst seit dem neutralen Erzähler hast du nicht geschrieben?

Ja, so ist es. Damit stelle ich mich natürlich selbst schwer in Frage.

Ermüdend finde ich die Diskussionen hier nicht. Eher im Gegenteil.
Aber es ist eben das eine, mitlesend teilzuhaben und etwas ganz anderes, "ich" zu sagen.

Der Text hat dir also 12 Punkte "abgeluchst"? Es wäre bitter für mich, wenn du dich quasi "betrogen" fühlen würdest.
Ich kommentiere mal mit zwei Zitaten (aus: Jan Philipp Reemtsma – Was heißt: einen literarischen Text interpretieren):

1.
"Wenn ich mich verspreche und Sie sich gleichzeitig verhören, kann es doch sein, daß sie genau das verstehen, was ich eigentlich sagen wollte."
"Ich finde es zumindest Nazivollbart."
"Ich finde es auch nachvollziehbar."
– Rattelschneck
(dem Kapitel Verstehen vorangestellt).

und 2.
"In jeder Kunst ... obliegt (es) der Praxis, die Schwierigkeiten zu zeigen und die Erscheinungen anzugeben, und der Spekulation, die Erscheinungen zu erklären und die Schwierigkeiten zu beseitigen. Daraus folgt, daß es kaum einen vernünftig denkenden Künstler gibt, der über seine Kunst gut sprechen kann." – Denis Diderot
(dem Kapitel Es lassen vorangestellt).

[Edit:]Soviel erstmal hier zu der Frage, was ich eigentlich aussagen wollte.
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fabian
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Beiträge: 131



BeitragVerfasst am: 29.01.2019 20:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

lebefroh hat Folgendes geschrieben:

Für meinen persönlichen Geschmack waren die Bruchstücke auch zu zusammenhangslos.

Ich weiß und du hast recht. Alles der Eile geschuldet.

Mein Beitrag verstößt gegen die meiner Meinung nach grundlegendste und wichtigste Messlatte des 10.000ers: einen Text zu schreiben, zu überarbeiten, noch einmal liegen zu lassen, erneut in Angriff zu nehmen, zu polieren.

Das tut mir leid, aber ich wollte unbedingt etwas fertig stellen, und dass ich das geschafft habe, hat mich für einen Moment richtig glücklich gemacht.

Trotzdem sechs Punkte? Vielen Dank.
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