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kaleidoskop


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 64
Beiträge: 166



BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: kaleidoskop eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Kaleidoskopisch, bruchstückhaft
(Dokument eines Scheiterns)

Ich will ihnen mal was erzählen.
Keine Angst, es dauert nicht lange, es geht nur um eine einzige Minute. Ich meine, bei dem, über das ich gerne sprechen würde, da soll es nur um eine Minute gehen. Das Erzählen selber, das dauert natürlich schon etwas länger.
Nehmen sie also bitte noch eine Tasse Tee. Schauen sie, erst die Kluntjes! Wie das knistert! Und dann noch einen Schuss Köm, das entspannt und wärmt von innen.
Und Kekse. Bedienen sie sich bei die Kekse. Ich nehm mir schon mal eins.

Jetzt ist es 23:44. Gleich können sie drei Glockenschläge hören. Das ist St. Matthias.
Und wenn wir dann einen Moment warten, hören wir wieder drei Schläge. Die kommen von Drei-Apostel. Der Abstand beträgt genau eine Minute, ich habe das mehrfach überprüft und finde das eigenartig.
Das ist schon seit Jahren so. Niemand hat das je korrigiert und jetzt, wo ich ihnen das erzähle, kommt mir der Gedanke, dass das vielleicht sogar einen Sinn haben könnte. Vielleicht sollen die Uhren zu unterschiedlichen Zeiten schlagen, denn dann sind sie klar und deutlich voneinander zu unterscheiden.
Stellen sie sich vor, sie schlügen im Bemühen, den richtigen Moment genau zu treffen, fast zur gleichen Zeit –  diese Interferenzerscheinungen! Tonhöhen, die kaum voneinander zu unterscheiden sind! Sechs Schläge, wo nur drei hingehören! Was für ein Durcheinander, was für ein Konfliktpotential.
Wer lässt in welchem Moment schlagen? Welcher Schlag wie laut? Wer war zuerst da, wer darf als nächster schlagen, schlägt man sich darüber vielleicht sogar gegenseitig? Unhaltbare Zustände mit der Zeit wären das geworden.
So ist alles viel klarer. Erst die eine, dann die andere. Die eine früher, die andere später. Mag man glauben, welcher man glauben will, auf die Minute kommt es hier schon lange nicht mehr an. Wer die genaue Uhrzeit braucht, schaut aufs Smartphone.
Egal. Sinnvoll oder nicht: dieser Zeitraum zwischen dem ersten und dem zweiten Läuten – das soll unsere Minute sein. Unser Brennglas. Die Glockenschläge werden unser Netz spannen, in das wir Fliegen werfen.

Da ist zum Beispiel Frau Bienkopp.
Sie ist fast blind und genauso stur wie schwerhörig. Die körperlichen Gebrechen hat ihr das Alter beschert, stur war sie immer schon. Sagt die Nachbarin, die schon genau so lange im Haus wohnt, wie Frau Bienkopp.
Frau Bienkopp hat die drei Schläge von St. Matthias nicht gehört, sie würde auch das Klingeln des Krankentransportdienstes nicht hören, den ihr die Notärztin um 20 Uhr irgendwas bestellt hat.
Frau Bienkopp ist nämlich gestürzt, und das nicht zum ersten Mal. Sie hat sich eine Platzwunde zugezogen, aber das ist nicht der Grund, warum sie jetzt bereit ist, ins Krankenhaus zu gehen.
Frau Bienkopp hat einen Betreuer, und sie hat einen Vermieter. Beide haben sich um das Wohl von Frau Bienkopp bemüht während ihrer letzten Reha. Sie haben die kleine Einzimmerwohnung mit Küche restlos ausgeräumt. An die 50 Umzugskartons, ordentlich beschriftet und gestapelt, voll mit einem ganzen vergegenständlichten Leben: Nähkästen Bademäntel, Handtücher, Unterwäsche, Blusen, Kleider, Röcke. Alles ordentlich weggepackt. Frau Bienkopp hat nichts weggeworfen. Sie hat aufgehoben. Ordentlich verstaut. Schmal die Gänge im Zimmer zwischen den Schränken, Kartons und Kommoden.
Vor dem Schatz liegt Frau Bienkopp wie Fafnis, der Drache, in der Küche die Bettstatt, ein Tisch, Waschbecken und Anrichte. Hier vorne hat sie gelebt, dahinter gehortet.
All das wurde entsorgt. Zu ihrem Besten natürlich, während sie im Krankenhaus lag um sich von einem ihrer früheren Stürze zu erholen.
Die Wohnung, in die sie zurückgekehrt ist: wie leer gefegt.
Die ewige Selbstversorgerin (Kohlkochen jeden Freitag auf Vorrat) jetzt in den Händen eines Pflegedienstes.
Fürsorglich kümmert sich jeden Tag wechselndes Personal um die ewige Einzelgängerin, die knurrige.
Abends sitzt sie allein im einzigen Sessel im leeren Zimmer und starrt auf leere Wände. So viel Raum um sie war nie. Edward Hopper ist cool. Hier ist nur Leere. Frau Bienkopp starrt an die Wand und ist woanders.
Drei Mal schlägt eine Krichturmuhr und fast im gleichen Moment klingelt es. Der Nachbar neben ihr, während sie auf den Transportdienst warten.
Frau Bienkopp spricht auch jetzt nicht mit ihm, aber das kennt er schon. So haben sie die letzten zwei Stunden verbracht.
Er hat seinen Hund mitgebracht.
Das macht die alte Frau lächeln.
„Schön”, sagt sie, und streicht dem Tier durch das krause Fell.
Die Pfleger haben alles zusammen, was gebraucht wird, es ist nur eine kleine Tasche und das Pflegeprotokoll.
Frau Bienkopp hebt noch einmal die Hand, als sie im Transportstuhl über den Hof geschoben wird. Umdrehen kann sie sich nicht mehr.
Zum zweiten Mal schlägt eine Kirchturmuhr drei Mal, aber viel leiser.

Oder denken wir uns aus, was Alfred machen könnte. Alfred könnte zum Beispiel sauer sein.
Er spricht in der Kurfürstenstraße eine Frau an.
„Kennst du Laura? Weißt du, wo sie ist? Sie hat eben noch da vorne gestanden. Hast du sie gesehen?” Er ist zornig und verzweifelt und seine Stimme ist laut.
„Ich weiß nicht. Hier nix Laura. Besser weiter gehen.”
Die Frau wendet sich ab. Er hebt den Arm, will sie zurückhalten. Ein paar Autos weiter öffnen sich die Türen eines schwarzen Mercedes, zwei Männer steigen aus, kommen näher, ruhig, lässig, zielstrebig. Er weiß, die Frau hat hier zusammen mit Laura gestanden, aber genau so sicher weiß er jetzt, dass es sinnlos ist, zu fragen, dass er sich abfinden muss.
Sie hatte es ihm leicht gemacht und war ihm in den Weg getreten.
„Na Süßer, hast du Lust?”
Er brauchte gar nichts tun, sie lächelte, ein paar Strähnen fielen unter ihrer lustigen weißen Pudelmütze mit dem riesigen Bommel hervor.
„Na?”, hatte sie ihn noch mal herausgefordert, „Ficki Ficki? Oder Blasen?”
Ihre Augen blitzen unter den Strähnen hervor, sie hatte den Mund gespitzt, die Lippen vorgewölbt.
„Mmmmh”, eher ein Summen als ein Stöhnen und dann hatte er ihre Finger am Reissverschluss seiner Jacke gespürt, wie sie ein wenig am Schieber zupften, ihre Hand hinunter glitt, flach, weich, aber mit Bestimmtheit geführt, dann wieder nach oben, mit einem Finger, druckvoll, dass er ihn spürte bis auf die Haut.
„Komm,” hatte sie gesagt, „ich mach gut. Um die Ecke. Keiner sieht.”
Jetzt ist Laura weg. Sein Geld ist weg. Die anderen Frauen haben Abstand genommen. Er steht ganz allein vor dem Bauzaun, vor dem sie vor kurzem noch mit den anderen gestanden hat. In der Tasche hat er nur noch den dicken Filzer aus der Schule.
Den nimmt er jetzt und er schreibt an den Bauzaun, weinend vor Wut und Scham:
Laura ist eine
Dreck Sau und
Betrügerin !
Sie beklaut ihre
Kunden.
Man hat mehr davon
wenn man Wixen Tut.

Er hört drei Schläge von der Kirchturmuhr, aber die sagen ihm nichts.


Sie fragen sich jetzt sicher, warum ich ihnen das erzählt habe. Ob es Sinn gemacht hat, sich mit einer einzigen kurzen Minute zu beschäftigen. Sich vorzustellen, was geschieht oder besser: geschehen könnte in dieser einen Minute.
Ich muss gestehen, ich weiß es nicht. Es ist eben alles nur Imagination, alles Erzählte ist immer nur Imagination.
Nur die Tasse Tee, die ich ihnen eingeschenkt habe, die ist real. Und dass die Katze schnurrt auf dem Sessel gegenüber.
Hören sie?
St. Matthias schlägt drei mal.
Es kann losgehen.

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