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New(hu)man

 

 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Antiquariat -> Zehntausend 11/2015
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Autor Nachricht
Lilly_Winter
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 38
Beiträge: 275
Wohnort: Dortmund


BeitragVerfasst am: 15.11.2015 19:00    Titel: New(hu)man eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

New(hu)man
 
[1]
Lichtstreifen ziehen in regelmäßigen Abständen über sie hinweg. Sie versucht ihre Augen offen zu halten, aber immer wieder werden die Lider von einer Schwere nach unten gezogen.
Stimmen dringen an ihr Ohr, sie klingen fremd, was sie sagen, ergibt keinen Sinn.
Jemand nimmt ihre Hand, ein leichter Druck, weder Wärme noch Kälte. Sie dreht ihren Kopf und sieht in Marks Gesicht, seine Lippen bewegen sich, formen Worte. Sie konzentriert sich auf seinen Mund.
»Du hast es geschafft, Lisa«, er lächelt, um seine Augen liegen Schatten.
Sie will etwas erwidern, aber die Zunge klebt am Gaumen fest, nur ein Grunzen kommt aus ihrer Kehle.
»Ruh‘ dich aus«, wieder der Druck an ihrer Hand, die Lider fallen zu.
 
[2]
Die Kamera zoomt näher heran, zwei Personen sitzen auf einem roten Sofa, das in seiner Form an eine Banane erinnert. Eine Frau in Kostüm, die Beine übereinandergeschlagen, lächelt ihr Gegenüber an, ein Mann mittleren Alters, kurz geschnittene Haare, Maßanzug, wenn er den Mund öffnet, entblößt er gerade, weiße Zähne.
»Die Vorteile liegen doch klar auf der Hand«, bei seinen Worten hebt er beide Handflächen nach oben, »Der Arbeitsmarkt wird immer härter. Lohndumping, Zeitarbeitsfirmen, der Arbeitnehmer von heute muss sich seinen Platz sichern, sich unersetzlich machen. Der Mensch hat die nötige Intelligenz, seine Makel mit dem richtigen Werkzeug auszugleichen, wir bieten dieses an, perfektionieren eine funktionierende Maschine, holen das Optimum raus.«
»Sie meinen, ähnlich wie eine Ameise, die ihr hundertfaches Gewicht tragen kann?«
»Vergrößern Sie eine Ameise, gleichen sie den Maßstab dem eines Menschen an, steigen Gewicht und Länge in einem anderen Verhältnis, als die Kraft«, er unterbricht, die Frau wirkt irritiert, er winkt ab, »Es ist eine normale Leistung, für ein Tier dieser Größe. Die Natur ist gut, wir machen sie besser.«

[3]
Lisa und Mark sitzen sich gegenüber. Sie hält eine Kaffeetasse mit beiden Händen fest und starrt auf den aufsteigenden Dampf. Marks Blick ist auf Lisas Gesicht gerichtet.
»Früher oder später wird sich deine Firma auch umstellen. Überall wird gekürzt. Du musst ihnen zeigen, wozu du bereit bist.«
»Aber ich bin nicht bereit, nicht dazu.«
Mark pustet hörbar die Luft aus.
»Du hast doch gesehen, wie es im Hochleistungssport war, die Natürlichen konnten irgendwann nicht mehr mithalten. Die Anforderungen haben sich geändert. Wir können uns Arbeitslosigkeit nicht leisten.«
»Die Operation können wir uns auch nicht leisten!«
»Wir gehen ins Ausland, dort ist es wesentlich billiger.«
Lisa sieht auf ihre Fingernägel, einer ist eingerissen, sie fährt mit den Daumen über die Stelle, eine Träne läuft ihre Wange herunter.

[4]
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[5]
Die Frau sieht kurz auf die Kärtchen in ihrer Hand.
»Kritiker behaupten, es käme einer Selbstverstümmelung gleich, wie reagieren Sie auf diese Äußerungen?«
»Früher legten sich die Menschen für die Schönheit unters Messer, wir aber bieten Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer. Wir nehmen im eigentlichen Sinn nichts weg, sondern führen ein Upgrade durch, tauschen Mangelware gegen Hochleistungswerkzeug.«
»Die Kosten für so ein Upgrade, wie Sie es nennen, sind hoch, würde dies nicht eine Zweiklassengesellschaft fördern? Effiziente Arbeiterameisen, mit finanzieller Sicherung gegen den weniger gut situierten Bürger?«, sie zieht eine Augenbraue nach oben, das Lächeln scheint eingebrannt.
»Wir bieten Prothesen in verschiedenen Preiskategorien an. Unser Ziel ist es, die Gesellschaft zu verbessern, nicht, sie zu teilen«, seine Zähne leuchten in dem Scheinwerferlicht.

[6]
Ihr Brustkorb hebt und senkt sich, sie hört das Rascheln ihres Atems, begleitet von einem monotonen Piepen. Durch die halb geöffneten Augen nimmt sie schemenhaft den Raum wahr. Das Licht ist gedämpft.
»Alles ist gut,« Mark sitzt auf der Bettkante, er streichelt über Lisas Stirn, »Du hast es überstanden.«
Sie sieht an sich herab, die Bettdecke verhindert einen Blick auf ihren Körper.
»Wie sehe ich aus?«
»Du bist wunderschön«, er sieht nicht auf den Bereich unter ihrem Gesicht.
»Ich will es sehen.«
Mark schüttelt den Kopf.
»Du solltest dich noch ausruhen.«
»Ich will es sehen!«
Lisa lässt sich von Mark stützen. Er zuckt zusammen, als er ihren Arm berührt. Sie beißt die Zähne zusammen. Ein Surren begleitet jeden ihrer Schritte. Der Boden ist hart.
Er sollte kalt sein, denkt sie.

[7]
»Verschiedene Preiskategorien? Mit welchen Einschränkungen muss ich dann rechnen?«, die Frau beugt sich etwas vor.
»Es gibt keine Einschränkung im Eigentlichen, an Kraft stehen sich die Prothesen in Nichts nach, lediglich das Äußere unterscheidet sich. Bedenken Sie, die Anzahl der Knochen in den Händen, machen fast ein Viertel der Knochen unseres gesamten Körpers aus. Drucksensoren, Hitze- und Kälteempfinden. Die naturgetreue Nachbildung ist ein aufwendiger Prozess, die Einzelteile müssen filigraner sein, das heißt mehr Arbeitsaufwand und somit auch ein höherer Endpreis, aber das Resultat ist dasselbe. In dieser Sache unterscheiden wir uns nicht von anderen Produkten. Zusätzlich werden auch individuelle Wünsche umgesetzt. Erst kürzlich haben wir auf Kundenwunsch ein Smartphone in eine Armprothese eingebaut.«
Die Frau lacht.
»Wie praktisch, so eine Prothese würde mir auch gefallen, gestern habe ich mein Handy in einem Taxi vergessen.«
Der Mann stimmt in ihr Lachen ein.
»Das würde dann der Vergangenheit angehören.«

[8]
Lisa sitzt auf dem Bananensofa, die Beine unter sich verschränkt.
»Bin ich dann noch ich?«
Der Mann im Anzug lächelt: »Wer, sollten Sie denn sonst sein?«
Lisa starrt auf ihre Hände, sie hält ein Taschentuch und zupft daran herum.
»Ich weiß nicht … ein Ding?«
»Meine Liebe, Sie werden besser sein«, er beugt sich vor und nimmt ihre Hände, »Unentbehrlich für Ihren Arbeitgeber.«
Totale auf Lisas Gesicht, Tränen benetzen ihre Wangen, sie schluckt schwer. Langsam fährt die Kamera zurück, das Bild flackert, Lisa ist verschwunden, auf dem Sofa sitzen die Frau und der Mann im Anzug, man hört Applaus, während sich die beiden verabschieden.
Es blitzt einmal hell auf und das Bild zieht sich zu einem kleinen Punkt zusammen, dann erlischt es.

[9]
Ich bin nicht ich.
Ich bin nicht ich.
Ich bin nicht ich.

[10]
Ein Spielplatz. Kleine Kinder bauen im Sandkasten Burgen, die Mütter sitzen auf einer Bank am Rand und unterhalten sich. In einem Holzhaus hocken drei Mädchen im Grundschulalter, ein Comic liegt zwischen ihnen.
»Lisa, was wünschst du dir?«
»Ich wünschte, ich könnte höher springen als alle anderen, dann wäre ich auch schneller und unheimlich stark«, sie streicht eine Haarsträhne, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hat, hinter das Ohr.
»Ich würde gerne fliegen können«, das Mädchen zu Lisas Linken breitet die Arme aus.
»Du kannst ja auf die Nase fliegen!«
Sie schubsen sich und kichern, dann stehen sie auf, springen aus dem Häuschen und jagen über den Spielplatz.

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Schreibhand
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 116



BeitragVerfasst am: 16.11.2015 21:56    Titel: Antworten mit Zitat

Eine sehr realistische Utopie...
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Literättin
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 53
Beiträge: 1760
Wohnort: im Diesseits
Das silberne Stundenglas Der goldene Roboter
Lezepo 2015 Lezepo 2016


BeitragVerfasst am: 17.11.2015 12:55    Titel: Antworten mit Zitat

Eine routiniert geschriebene, makabere und zeitkritische SiFi-Story, mir an manchen Stellen sprachlich etwas zu konventionell („Sie will etwas erwidern, aber die Zunge klebt am Gaumen fest ...“, „Lisa sieht auf ihre Fingernägel, einer ist eingerissen, sie fährt mit den Daumen über die Stelle, eine Träne läuft ihre Wange herunter.“ u.ä.), weiß diese Geschichte dennoch zu gefallen. Sie liest sich gut, ohne dass ich irgendwo auf der Strecke bleibe, und sie hat darüber hinaus auch etwas zu sagen.

Es geht um die Ganzkörperprothese von Lisa, die sie sich auf Drängen ihres Partners „anpassen“ lässt, oder besser gesagt: es geht um ihren Kopf, der auf einen maschinellen Körper gepflanzt wird.
Letzteres wird auf gekonnt beiläufig-indirekte Weise deutlich gemacht und wirkt dadurch „schön“ makaber.

Der Zweck dieser Operation liegt in der Optimierung ihrer Arbeitskraft.

Die Welt, die hier geschildert wird, greift gekonnt die Entwicklung eines um sich greifenden, den Menschen sich selbst entfremdenden, Optimierungswahns auf und führt ihn gedanklich in einer näheren Zukunft fort.

Das ist solide gemacht und so schafft es dieser Text, zumal hier alle geforderten Kriterien erfüllt werden,  bei mir in die Punkteränge.
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holg
Geschlecht:männlichDichter und Denker


Beiträge: 1406
Wohnort: knapp rechts von links
Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 17.11.2015 12:57    Titel: Antworten mit Zitat

Erster Eindruck: Oh, hey, da nähert sich jemand dem Thema aus einer ähnlichen Richtung wie ich. Sehr fein gemacht. Schön konstruiert, sprachlich weiblich. Fragment als "aus Fragmenten bestehend" interpretiert. Warm, rührend. Anklang einer Dystopie, mehr oder weniger offenem Zwang zu Körpermodifikationen; Maschinisierung des Menschen.
Gefällt mir sehr.

war eine enge kiste, in den punkten. am ende habe ich nach gesamteindruck und persönlichem geschmack entschieden.


_________________
Froh zu sein bedarf es wenig.
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Vanir7777
Schreiber-Lehrling


Beiträge: 104



BeitragVerfasst am: 20.11.2015 09:33    Titel: Antworten mit Zitat

Bei meinen Bewertungen gehe ich nach folgendem Schema vor:
Inhalt/Hat es zum Denken angeregt?
Sprache/Stil (Ich bin kein Germanist! Ich finde ein guter Schreibstil schlägt sich darin nieder, dass man den Text liest und nicht über Sätze, seltsame Metaphern o.Ä. stolpert.)
Subjektiver Eindruck
Am Ende entscheidet mein Eindruck, da ich der Meinung bin, dass Texte schwer objektiv bewertet werden können. Ich versuche aber bei Inhalt und Stil auf die Gründe einzugehen.

Leistungsdruck und Kapitalismus als wortwörtliche Entmenschlichung. Gefällt mir sehr gut. Für einen Ausruf der Entzückung meinerseits sorgte die trockene Aussage sich im Ausland billiger um Cyborg machen zu lassen – genial.
An manchen Sätzen hab ich mich beim Lesen aufgehängt, im Großen und Ganzen flüssig zu lesen. Die Ausdrucksweise hat den Text unterstützt.
Einer der besten Texte: 10 Punkte
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Ithanea
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 28
Beiträge: 1269

Ei 3


BeitragVerfasst am: 22.11.2015 13:46    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,

eine "Cyborg"-Geschichte (nicht negativ gemeint, nur augenzwinkernd) in Zeiten überlaufener Arbeitsmärkte. Soweit, so interessant das Thema. Mir gefallen die kurzen Teile über Lisas Reflektion darüber bzw. ihrem Umgang damit, die mir allerdings insgesamt zu kurz geraten sind. Leider gibt es einige Dinge, die es mir schwer machen, zu deinem Text zu finden.
Ich lerne weder Lisa noch Mark noch irgendjemand anderen eigentlich richtig kennen, insofern bleibt mir ihre Geschichte eher egal.
Wenn mit der Form, der Aufteilung des Textes etwas bestimmtes bezweckt worden sein soll, ist das bei mir leider nicht angekommen. Wozu dienen die nummerierten Abschnitte, und warum wird mit der Szene begonnen, die scheinbar nach Lisas Operation stattfindet? Gibt es da einen bestimmten Grund, oder ist das zufällig/intuitiv entstanden?
Zum Inhaltlichen frage ich mich, wieso es Lisa ist, die die Operation machen soll, wieso es Mark ist, der sie drängt. Das hat nichts mit Mann vs. Frau zu tun, sondern damit, dass ich nunmal beide nicht kenne, von Mark nichts weiß, ob er z.B. eine Arbeit hat, ob er die OP schon gemacht hat, ob es Gründe gibt, die ihm das verwehren...usw. Wäre Mark an Lisas Stelle, würde ich mich das umgekehrt für sie fragen. Das liegt einfach daran, dass ich mich unweigerlich frage, was Marks Rolle in dieser Geschichte ist, wenn er denn offensichtlich wichtig genug ist, um darin vorzukommen, ich aber nichts darüber erfahre und es beim bloßen Namen bleibt.
Was leider, auch wenn es nur eine Kleinigkeit ist, auch dazu führt, dass ich mich zu Beginn etwas sträube, in den Text einzusteigen, ist, dass im ganzen ersten Absatz nur über "sie" gesprochen wird, mit Ausnahme von Marks wörtlicher Rede, in der er Lisa beim Namen nennt. Weswegen beginnst du so? Auf mich wirkt das häufig "pseudonebelig". Als sollte die unbekannte "sie" besonders und rätselhaft wirken, was sie aber durch ein Wort allein nicht wird. Tut mir Leid, wenn ich sehr daneben liege, es ist nicht meine Absicht, hier etwas reinzuinterpretieren, was gar nicht so gemeint ist. Ich versuche nur, die Wirkung auf mich zu erklären.
Schafft es leider nicht in meine Top Ten.

Grüße,
Itha


_________________
Verschrieben. Verzettelt.
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rieka
Geschlecht:weiblichSucher und Seiteneinsteiger


Beiträge: 972



BeitragVerfasst am: 24.11.2015 12:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inco.
Es ist ziemlich schwierig für mich, den Texten dieses Wettbewerbs gerecht zu werden. Ich versuche es:
Welch ein Horrorszenario: Entfremdung, Verdinglichung des Menschen.
Flüssig verständlich geschrieben, interessant.
Ein wenig fehlt mit in der Szenerie die Interaktion Mensch-Maschine. Hier wird zwar der Mensch maschinell optimiert, Mensch und Maschine sind miteinander verbunden. Aber ganz offensichtlich machen hier andere und die Maschine etwas mit der Arbeitnehmerin, die Arbeitnehmerin macht nichts mehr mit der Maschine.
Vielleicht kommt es mal so weit, wie du es beschreibst. Die Ansätze dazu sind da, aber bisher ist es wohl noch Sciencefiction.
LG rieka
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nebenfluss
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 3550
Wohnort: mittendrin, ganz weit draußen
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BeitragVerfasst am: 25.11.2015 10:46    Titel: Antworten mit Zitat

Dieser Beitrag hat eine ziemliche Odysee durch meine Bepunktungsversuche hinter sich. Nach dem ersten Lesen fand ich den Text ziemlich gut. Lag wahrscheinlich daran, dass seine Aussage überdeutlich ist, während ich mit anderen Beiträgen erstmal gar nichts Konkretes anzufangen wusste. Dann habe ich "leider" angefangen, über Relevanz und Sprache und andere E-Aspekte nachzudenken. Und darüber, wozu eigentlich dieses nicht-lineare Erzählen dienen soll außer dem Zweck, das Ganze willkürlich zu fragmentieren. Oder was mir dieser Absatz eigentlich genau sagt:
Zitat:
[9]
Ich bin nicht ich.
Ich bin nicht ich.
Ich bin nicht ich.

Hm, nicht viel bis gar nichts. Ausgesprochen gelungen fand ich dagegen das hier:
Zitat:
Der Boden ist hart.
Er sollte kalt sein, denkt sie.

Leider für mich zu wenige Highlights dieser Art im Text.
Die Dialoge zwischen Lisa und Mark lesen sich ein wenig, als hätte sie sich ein Hollywood-Regisseur aus einer Notlage heraus bei der Kippenpause ausgedacht. Sorry. Vielleicht ist das ja Absicht, um zu zeigen, dass die völlige Ausrichtung des Lebens auf Erhaltung der Erwerbsfähigkeit den Menschen auch jede sprachliche Tiefe raubt. Allerdings hat die ganze Idee für mich den Haken, dass ich solche physischen Maßnahmen nicht für das Hauptproblem halte, dass eine solcherart strukturierte Gesellschaft versuchen würde zu bekämpfen. Der "Verfall" geistiger Fähigkeiten ist in einer auf KnowHow und Flexibilität ausgerichteten Arbeitswelt viel relevanter, ebenso Burnout-Syndrom & Co., die man etwa durch Zwangseinnahme von Psychopharmaka zu beheben versuchen könnte. Einer der Gründe, warum dieser Beitrag es letzten Endes doch nicht in meine Top 10 geschafft hat.


_________________
fehlende Quellenangabe: mein Kopf.
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Tjana
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Beiträge: 1863
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BeitragVerfasst am: 25.11.2015 21:16    Titel: Antworten mit Zitat

Tolle Idee.
Lisas Entscheidung ist schwer nachzuvollziehen, aber das sind dann wohl die Fragen, die im Leser stecken bleiben sollen.

Die Fragmente hätten der Nummerierung nicht bedurft.


_________________
Wir sehnen uns nicht nach bestimmten Plätzen zurück, sondern nach Gefühlen, die sie ins uns auslösen
In der Mitte von Schwierigkeiten liegen die Möglichkeiten (Albert Einstein)
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Akiragirl
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Beiträge: 5593
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BeitragVerfasst am: 25.11.2015 21:59    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,

dies ist einer der weniger experimentellen und leichter verständlichen Texte des Wettbewerbs. Du führst den Leser in eine Zukunft, in der Verbesserungen des menschlichen Körpers Normalität geworden sind. Das geht soweit, dass „normale“ Menschen nicht mehr mithalten können mit den Optimierten und Firmen regelrecht von ihren Mitarbeitern erwarten, dass sie sich „tunen“ lassen.

Nun ist die Möglichkeit, den eigenen Körper durch Technik zu modifizieren – nicht etwa, um Fehlleistungen auszugleichen, sondern um einem ansich gesunden Organismus neue, verbesserte Fähigkeiten hinzuzufügen – bereits in der Gegenwart keine Spinnerei mehr, Stichwort Biohacking. Menschen, die sich Sensoren unter die Haut transplantieren, um z.B. Magnetfelder wahrnehmen zu können.

Was mir nicht so gut gefällt und weshalb der Text, obwohl er gut gemacht ist, bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterlassen konnte:
Für mich bleibt alles sehr an der Oberfläche. Ich lese im Grunde alle erstbesten Assoziationen, die ich zu der Prämisse (vgl. erster Absatz meines Kommentars) sowieso sofort im Kopf hatte. Ja, es ist wahr, der Kapitalismus versaut alles. Das gilt nicht nur für technischen Fortschritt. Natürlich wird ein nur auf Leistung und Erfolg getrimmtes System die Menschen irgendwann zu „Verbesserungen“ zwingen. Hier scheint mir jedoch eher der Technik selbst der „schwarze Peter“ zugeschoben zu werden, als sei das System dahinter unabänderlich. Sicher, Veränderungen des menschlichen Körpers sind ein zweischneidiges Schwert. Andererseits können Forschung und Fortschritt auf diesem Gebiet eben auch echte Hilfe für Behinderte sein. Soll man aufhören, daran zu forschen, nur weil der Fortschritt missbraucht werden könnte?

Natürlich handelt es sich um einen literarischen Text und nicht um eine Abhandlung, die pro und contra darstellen soll. Das ist mir durchaus klar.
So, wie der Text momentan ist, erscheint er mir allerdings nur wie eine von vielen eher oberflächlichen Zukunfts-Techno-Dystopien, die man so oder so ähnlich schon sehr oft gelesen oder gehört hat und die zumindest mich nicht mit irgendwelchen neuen Gedanken überraschen konnte.

Daher keine Punkte von mir.

LG
Anne


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"Man bereut nicht, was man getan hat, sondern das, was man nicht getan hat." (Mark Aurel)
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tronde
Hobbyautor


Beiträge: 405

Das goldene Aufbruchstück Das silberne Niemandsland


BeitragVerfasst am: 25.11.2015 23:12    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo!

Fragment: Ja, aber irgendwie doch abgeschlossen. Fragmente/Prozess
MenschMaschine: ja
Sprachlich gut.

Wahrscheinlich Punkte

Grüße
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Flotte Schreibefeder
Geschlecht:weiblichSchreiberassi


Beiträge: 32
Wohnort: Bayern


BeitragVerfasst am: 26.11.2015 12:02    Titel: Antworten mit Zitat

Toller Text, besonders das Ende hat mir gefallen. Vor allem schön fand ich, dass er die Widersprüchlichkeit der menschlichen Wünsche zeigt und das Hin- und Hergerissen-Sein zwischen der Verbesserung und der Angst.
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Jenni
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger


Beiträge: 3727

Das goldene Aufbruchstück Die lange Johanne in Gold


BeitragVerfasst am: 26.11.2015 13:50    Titel: Antworten mit Zitat

Lisa unterzieht sich einer medizinisch unnötigen Operation, die allein der Leistungsverbesserung ihres Körpers dient. Offenbar Beinprothesen (da sie als einzigen Hinweis das Kälteempfinden in ihren Füßen verloren hat), näher definiert sind Art und Umfang des Eingriffs nicht.

Das erzählst du in durchnummerierten Episoden (Kapiteln?), die ein Beratungsgespräch im Vorfeld, Zweifel unmittelbar vor dem Eingriff, eine Eheszene nach überstandenem Eingriff, sowie ein Fernsehinterview einschließen - ein solcher Eingriff erweckt offenbar (noch?) das Interesse der Öffentlichkeit. Und zuletzt, Episode 10: Lisa als Kind, die im Spiel davon phantasiert, über ihren Körper hinauswachsen zu können.

Diese letzte Episode ist die, die mir am besten gefällt, und dann doch noch ein erfreulich dissonantes Gefühl bei mir weckte. Was wäre wenn - ja was wäre dann eigentlich. Und das Thema der Selbstoptimierung ist sicherlich ein großes und eines, das Assoziationen weckt - die sich dann allerdings schon eher weit von deinem Text entfernen.
(Z.B.: Angelina Jolies Operationen zur Krebsvorsorge, in ihrem Statement dazu kommt sie auch - ziemlich am Rande - auf das Thema zu sprechen, das du hier aufgreifst: Klassenunterschiede aufgrund der Erschwinglichkeit solcher „Luxus“(?!)-Operationen, wenngleich ihr Fall noch relevanter und wirklichkeitsnäher, deshalb beklemmender ist aufgrund der medizinischen Relevanz und des ohnehin wenig sozialen Gesundheitssystems in den USA.)

Mir leuchtet wenig ein, weshalb du durchwegs derart äußerliche Perspektiven gewählt hast. Natürlich ist Oberflächlichkeit hier ein Thema, aber wozu dann überhaupt mehrere Perspektiven. Ein bisschen tiefergehende Reflexion hätte dem Text m.E. gutgetan, weil er, so wie er ist, auf mich sehr fiktiv (unpersönlich) wirkt, bzw, der (eigentlich irgendwo enthaltene) Gegenwartsbezug nicht ausgespielt wird.

Meine Bewertung habe ich nach mehrmaligem Lesen aller Texte im Vergleich und unter Berücksichtigung von Thema und Vorgaben vorgenommen. Dein Text hat es am Ende leider nicht in meine Top 10 geschafft.
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Eredor
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Traumtagebuch
BeitragVerfasst am: 26.11.2015 15:43    Titel: Antworten mit Zitat

Toll. Sehr, sehr toll. Ganz filigran das Schiff des Theseus eingearbeitet, und durch die verschiedenen Abschnitte eine schöne Geschichte geschaffen, die auch gerade durch die Verbalisierung der Kameraschwenks interessant wird. Viele Punkte.

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"vielleicht ist der mensch das was man in den/ ersten sekunden in ihm sieht/ die umwege könnte man sich sparen/ auch bei sich selbst"
- Lütfiye Güzel
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anderswolf
Geschlecht:männlichHobbyautor


Beiträge: 336



BeitragVerfasst am: 26.11.2015 18:45    Titel: Antworten mit Zitat

Fragment [9] ist seltsamerweise trotz oder gerade wegen der Einfachheit so eindringlich, dass er fast schmerzt, dieser Hilfeschrei des in der Maschine verlorenen Menschen.

Ansonsten spielt der Text eine nicht ganz unwichtige Betrachtung der vielleicht nahen Zukunft durch: wie lange darf man sich einer Entwicklung verweigern, um nicht aus der Gesellschaft zu fallen. Und wie sehr bleibt man sich dabei treu.

Schwierig allerdings ist die Sprache, die in der direkten Rede fast immer unecht und autorig klingt, vielleicht soll es zeigen, wie kommunikationsgestört die Maschinenmenschen (oder noch zu maschinisierenden Menschen) allesamt sind.

Durch die Einzelfragmentierung wird der Text allerdings auch sehr zerbrochen, es muss viel erklärt werden, und das schadet dem Gesamtfragment. Die Szenen auf dem Bananensofa sind so künstlich, dass sie das Lesevergnügen stören, während andere Sätze wie "Er sollte kalt sein, denkt sie." so viel deutlicher zeigen, wie falsch das ist, was man sich da antut.

Insgesamt ein guter Ansatz, sollte sinnvoll gekürzt und geschärft werden. Die Fragilität des Menschen in der Maschine wird angesprochen: bitte deutlicher machen.
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lupus
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Beiträge: 4173
Wohnort: wien



BeitragVerfasst am: 27.11.2015 12:40    Titel: Re: New(hu)man Antworten mit Zitat

Guten Abend,

ja, das ist gut gemacht. gut, routiniert geschrieben, abwechslungsreich in ansätzen, aber schau dir einmal dein Satzkonstruktionen an. Mit Ausnahme eines einzigen Satzes, beginnen all mit dem Subjekt. Das ist mE nicht das Gelbe vom Ei.

Guy Incognito hat Folgendes geschrieben:
New(hu)man
 
[1]
Lichtstreifen ziehen in regelmäßigen Abständen über sie hinweg. Sie versucht ihre Augen offen zu halten, aber immer wieder werden die Lider von einer Schwere nach unten gezogen.
Stimmen dringen an ihr Ohr, sie klingen fremd, was sie sagen, ergibt keinen Sinn.
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[2]
Die Kamera zoomt näher heran, zwei Personen sitzen auf einem roten Sofa, das in seiner Form an eine Banane erinnert. Eine Frau in Kostüm, die Beine übereinandergeschlagen, lächelt ihr Gegenüber an, ein Mann mittleren Alters, kurz geschnittene Haare, Maßanzug, wenn er den Mund öffnet, entblößt er gerade, weiße Zähne.


[3]
Lisa und Mark sitzen sich gegenüber. Sie hält eine Kaffeetasse mit beiden Händen fest und starrt auf den aufsteigenden Dampf. Marks Blick ist auf Lisas Gesicht gerichtet.

Lisa sieht auf ihre Fingernägel, einer ist eingerissen, sie fährt mit den Daumen über die Stelle, eine Träne läuft ihre Wange herunter.

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[5]
Die Frau sieht kurz auf die Kärtchen in ihrer Hand.


[6]
Ihr Brustkorb hebt und senkt sich, sie hört das Rascheln ihres Atems, begleitet von einem monotonen Piepen. Durch die halb geöffneten Augen nimmt sie schemenhaft den Raum wahr. Das Licht ist gedämpft.
»Alles ist gut,« Mark sitzt auf der Bettkante, er streichelt über Lisas Stirn, »Du hast es überstanden.«
Sie sieht an sich herab, die Bettdecke verhindert einen Blick auf ihren Körper.
»Wie sehe ich aus?«
»Du bist wunderschön«, er sieht nicht auf den Bereich unter ihrem Gesicht.
»Ich will es sehen.«
Mark schüttelt den Kopf.
»Du solltest dich noch ausruhen.«
»Ich will es sehen!«
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Er sollte kalt sein, denkt sie.



Die Sprache also scheint mir dann doch ein bisserl sehr einfach gestrickt, die Dialoge an sich sind dir aber sehr gut gelungen.

Die Idee ist gut, v.a. gut umgesetzt. Du vermeidest weitestgehend Gefühlsduselei, Emotionen entstehen aus dem geschriebenen, die Sprache ist nicht überladen, nicht emotionalisierend , romantisierend.

Die Aussage: ja, das hat was - extrapolierte Kapitalismuskritik. Gefällt

lgl


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lg Wolfgang

gott ist nicht tot noch nicht aber auf seinem rückzug vom schlachtfeld des krieges den er begonnen hat spielt er verbrannte erde mit meinem leben

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"Ich bin leicht zu verführen. Da muss nur ein fremder Mann herkommen, mir eine Eiskugel kaufen und schon liebe ich ihn, da bin ich recht naiv. " (c) by Hubi
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Nihil
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Moderator
Alter: 28
Beiträge: 7432



BeitragVerfasst am: 27.11.2015 16:40    Titel: Antworten mit Zitat


    Keine Punkte für New(hu)man

    Das perfekte Arbeitstier
    Wenn nur noch Cyborgs Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, bleibt für Menschlichkeit kein Platz. „New(hu)man“ will mögliche Ausmaße einer Leistungsgesellschaft zeigen, präsentiert aber letztlich nur seine Idee.

    Erstaunlich ist das. Dass in Zeiten, in denen Einfallsreichtum, soziale Kompetenz und Teamfähigkeit immer stärker gefordert werden, eine Firma sich entschließt, mittels Robotik die Schnelligkeit, Stärke und Ausdauer zu erhöhen. So sahen die Überlebensstrategien vor 10.000 Jahren aus. Aber egal, wie das Setting einem gefällt, es lassen sich doch immer interessante Folgen daraus entwickeln.  In „New(hu)man“ manifestieren diese sich in dem enormen Arbeitsdruck, der den Menschen abverlangt, Teile ihres Körpers zu opfern, um überhaupt im Rennen, im Geschäft zu bleiben. Das Drama entwickelt sich hier schon recht gut, wird manchmal ein wenig zu plakativ, etwa in der Wiederholung des Satzes „ich bin nicht ich“ in einem eigenen Abschnitt. Relevanz und Diskussionsbedarf fehlen dem behandelten Thema allerdings.


     
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wwwave
Schreiberassi


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Wohnort: Hinterm Mond


BeitragVerfasst am: 27.11.2015 18:38    Titel: Antworten mit Zitat

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Lilly_Winter
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BeitragVerfasst am: 01.12.2015 00:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das war der erste Wettbewerb an dem ich teilgenommen habe. Es war aufregend, beängstigend, nervenaufreibend und ich glaube, ich habe ein paar graue Haare dazu bekommen.

Platz 10 für New(hu)man, damit habe ich nicht gerechnet, bin aber überglücklich mit dieser Platzierung.

New(hu)man soll keine Kritik an die Technik sein, sondern, in wie weit sie für persönliche oder lukrative Anliegen missbraucht werden könnte.
Lisa lässt sich aus Angst um ihren Arbeitsplatz gesunde Körperteile entfernen, die durch Prothesen ersetzt werden. In einer Welt, in der das Thema zwar umstritten, aber in den Medien nicht unbedingt negativ dargestellt wird (Fernsehinterview und Werbung).

Zum Aufbau und wie ich die Vorgaben des Wettbewerbs interpretiert habe:
Der Text in einzelne Fragmente geteilt, aber auch im ganzem ein Fragment aus einer Geschichte, deswegen beginnt alles unmittelbar nach Lisas Operation. Weil ich alles etwas abstrakt lassen wollte, alles als kurze Momentaufnahmen stehen lassen wollte und in den Teilen mit Lisa und Mark nicht zu viel erklären, habe ich das Fernsehinterview eingebracht, damit sich aus diesen Teilen zusammen die eigentliche Geschichte ergibt, teilweise Fragen beantwortet werden über das eigentliche Geschehen. Das Fernsehinterview und die Werbung mittendrin könnten für mich z.B. im Hintergrund laufen, während Lisa im Krankenhaus liegt, sie könnten aber auch Teil einer Erinnerung sein, die sie in der Aufwachzeit nach der OP wieder erlebt, so wie die Szene in der Küche eine Erinnerung ist. Die Szene, in der Lisa mit auf dem Bananensofa sitzt soll in ihrem Kopf entstehen, denn sie sitzt nie wirklich auf dem Sofa, was ich durch ihr Verschwinden aufzeigen wollte.
Vielleicht etwas gewagt, aber meine Umsetzung oder mein Verständnis der Themenvorgabe, Dinge offen zu lassen, Raum für eigene Interpretationen geben.
Gedankenfetzen, die im Gesamten ein Bild, eine Geschichte ergeben.

Zu euren Kommentaren:

@ Schreibhand: Ich danke dir für deinen kurzen Kommentar und natürlich für die Punkte.

@ Literättin: Es freut mich, dass dir der Text, obwohl an mancher Stelle zu konventionell, gefallen konnte. Die Stelle mit dem eingerissenen Nagel hatte ich gewählt, weil dies etwas so banales ist, was aber nie wieder stattfinden würde, wenn sie eine Armprothese besitzt.
Zitat:
Es geht um die Ganzkörperprothese von Lisa, die sie sich auf Drängen ihres Partners „anpassen“ lässt, oder besser gesagt: es geht um ihren Kopf, der auf einen maschinellen Körper gepflanzt wird.
Letzteres wird auf gekonnt beiläufig-indirekte Weise deutlich gemacht und wirkt dadurch „schön“ makaber.

Ich wollte tatsächlich, dass die Vorstellung über die Ausmaße des Eingriffs jedem selbst überlassen wird, dass bei dir nur noch der Kopf bleibt empfinde ich ebenfalls makaber Very Happy (in meiner Vorstellung waren es lediglich die Arme und Beine^^)

@ holg: Seltsam, diesen ersten Eindruck hatte ich bei deinem Text auch Very Happy. Ich danke dir für die Punkte.

@ Vanir7777: Vielen, vielen Dank.
Zitat:
Für einen Ausruf der Entzückung meinerseits sorgte die trockene Aussage sich im Ausland billiger um Cyborg machen zu lassen – genial.

Einen Ausruf der Entzückung gab es meinerseits beim Lesen deines Kommentars.

@ Ithanea: Ja, die nummerierten Abschnitte, ich gestehe, dass du sie zu Recht bemängelst. Am Anfang waren die Abschnitte nicht nummeriert, aber leider hat sich da meine Unsicherheit eingeschlichen. Als ich den Text sah, dachte ich nur, da blickt doch keiner durch und habe die Nummern eingefügt, irgendwann hatte ich auch überlegt, sie wieder zu entfernen, habe mich dann doch nicht getraut.
Der Grund, warum der Text nach Lisas Operation beginnt, hängt mit meiner Interpretation der Themenvorgabe zusammen. Das Fragment ist aus der eigentlichen Geschichte herausgerissen, beginnt also mittendrin. Ich hatte nicht vor Lisa rätselhaft erscheinen zu lassen, mein Gedanke war, dass wenn die Geschichte mittendrin anfängt, die Charaktere schon vorgestellt wurden und Lisa deswegen nicht direkt benannt wird. Am Anfang nannte Mark sie auch nicht beim Namen, das habe ich nachträglich eingefügt, weil ich befürchtete, dass es sonst im weiteren Verlauf zu Verwirrungen geführt hätte.
Die Fragen, die du dir gestellt hast, sind die Fragen, die ich bewusst offen lassen wollte.
»Ich habe mich erkundigt, im Ausland zahlt man nur die Hälfte von dem, was man hier blechen müsste «, Mark rückt näher an Lisa ran, »Ich würde ja selbst die OP machen lassen, aber wir haben nur das Geld für eine und meine Branche ist sicherer als deine. Wir schaffen das! «
Das ist eine der Stellen, die teilweise gestrichen, bzw. überarbeitet wurde, um diese Fragen in den Raum zu werfen, Möglichkeiten zur eigenen Interpretation zu lassen.
Schade, dass dich der Text nicht erreichen konnte (und auch das mit einem Augenzwinkern^^)

@ rieka: Ein Horrorszenario ist es wirklich, aber ich hoffe, es bleibt bei der Vorstellung Very Happy . Ich danke dir für deinen Kommentar und die Punkte.

@ nebenfluss: Ist es nicht schön, wenn auch negative Kritik einen zum Lachen bringt?
Zitat:
Die Dialoge zwischen Lisa und Mark lesen sich ein wenig, als hätte sie sich ein Hollywood-Regisseur aus einer Notlage heraus bei der Kippenpause ausgedacht.

Diesen Satz habe ich gleich an meine Wand gepinnt, als warnendes Mahnmal, vielleicht die ollen Glimmstängel beim Schreiben zur Seite zu legen Very Happy
Dieses Hin und Her mit den Texten kann ich gut nachvollziehen, ging es mir doch mit vielen Texten im Wettbewerb nicht anders (drei Zettel: Ja, Nein, Vielleicht … und viele der Texte befanden sich mindestens einmal auf jeder Liste)
Zitat:
wozu eigentlich dieses nicht-lineare Erzählen dienen soll außer dem Zweck, das Ganze willkürlich zu fragmentieren

Hmm, Thema war ja Fragment, aber „willkürlich“ würde ich nicht unterschreiben. Die einzelnen Fragmente sollten wie Fetzen erscheinen, ein wenig Lisas Gemütszustand widerspiegeln und durch ihre Einfachheit dieses Grauen unterstützen, indem sie so vieles auslassen. In Abschnitt [9] wollte ich durch die simplen Worte und die Wiederholung dieses Gefangen sein und die Angst die Lisa durchlebt verdeutlichen.
Aber es freut mich, dass du dennoch ein paar Highlights aus dem Text mitnehmen konntest, ich kann jedenfalls viel aus diesem Wettbewerb und den Kommentaren mitnehmen, dafür ein dickes Danke.
 
@ Tjana: Du hast Recht, die Nummerierung ist überflüssig.

@ Akiragirl: Der Technik den „schwarzen Peter“ zuschieben war eigentlich nicht meine Absicht. Geht das für dich aus spezifischen Textstellen vor, oder ist es der allgemeine Eindruck, der aus dem Text entsteht? Als die Idee zu dem Text entstand, hatte ich mir einige Berichte über Prothesen durchgelesen und war beeindruckt, welche Möglichkeiten es bereits schon gibt, oder an welchen geforscht wird. Der Sinn und Zweck dieser Entwicklung, Menschen zu helfen, deren Gliedmaßen auf Grund eines Geburtsfehlers, durch Unfall, Krankheit oder auch Krieg, beeinträchtigt sind oder gar ganz fehlen, liegt für mich klar auf der Hand.
In die Überlegungen zu dem Text haben sich dann aber auch Ängste der Menschen mit eingemischt, die einem überall begegnen, gerade in wackeligen Branchen oder bei Zeitarbeitsfirmen hört man immer wieder, dass die Arbeitnehmer sich nicht trauen einen Krankenschein zu nehmen, obwohl er notwendig ist. Vielleicht ist das etwas zu subjektiv von mir als Autor, aber es hat mich beschäftigt und ich habe es gewagt dies in diesem Text miteinfließen zu lassen.

@tronde: Kommentar gelesen: Ja
                Darüber gefreut: Ja
                Auch für die Punkte: Ja
               Ein dickes Dankeschön: Ganz sicher Very Happy

@ Flotte Schreibfeder: Es freut mich, dass du diese Aussage aus dem Text herausgelesen hast und noch mehr freuen mich natürlich die Punkte ^^

@ Jenni: Vielleicht konnte ich die Wahl der Perspektiven zu Beginn meiner Antwort etwas erklären. Ich stimme dir zu, dass der Text recht unpersönlich erzählt ist, schon alleine durch die Kameraperspektive in dem Interviewteil ist man gezwungen, alles von außen zu betrachten, aber ich hatte gehofft, dass der Text dadurch wirkt. Der von dir angesprochene nicht ausgespielte Gegenwartsbezug ist ein Teil deiner Kritik, über den ich nachdenken werde, ich danke dir.

@Eredor: Danke! Danke! Ich gestehe, ich habe bei Wikipedia erst einmal das Schiff des Theseus eingegeben. Das mit der Kamera ist auch ein Teil des Textes, den ich sehr gerne mag ^^.
Du siehst eine glückliche Lilly, die ihre Punkte umarmt.

@ anderswolf: Es ist interessant, wie unterschiedlich ein Text wirkt, während andere gerade Abschnitt [9] kritisieren, erzielt er bei dir die Wirkung, die ich mir erhofft habe.
Zitat:
Schwierig allerdings ist die Sprache, die in der direkten Rede fast immer unecht und autorig klingt

Kannst du mir das etwas näher erläutern, vielleicht an einem Beispiel?
Zu den Fragmenten und den Bananensofaszenen habe ich am Anfang meiner Antwort etwas geschrieben. Ich wollte sie auch irgendwie surreal wirken lassen. Wenn du mich jetzt fragst „warum“, kann ich dir das aber nicht wirklich beantworten, vielleicht um dieses Gefühl der Unechtheit zu verstärken.

@ lupus: Embarassed Das mit den Satzanfängen ist wirklich etwas, auf das ich bisher nicht geachtet habe, ich danke dir für den Hinweis, das ist etwas womit ich arbeiten kann.
Ich denke, die Sprache ist allgemein etwas, woran ich arbeiten muss, aber ich stehe ja auch noch am Anfang
Zitat:
Du vermeidest weitestgehend Gefühlsduselei, Emotionen entstehen aus dem geschriebenen, die Sprache ist nicht überladen, nicht emotionalisierend , romantisierend.

Das freut mich besonders, weil ich darauf wirklich bewusst bei meiner Überarbeitung geachtet habe.

@ Nihil: Es tut mir richtig leid, du hast dir so viel Mühe gemacht mit deinen ganzen Kommentaren und mir fällt absolut nichts ein, was ich dir dazu schreiben könnte, außer vielleicht …
Zitat:
„New(hu)man“ will mögliche Ausmaße einer Leistungsgesellschaft zeigen, präsentiert aber letztlich nur seine Idee.

Autsch!^^
@ wwwave: Und mir gefällt dein Kommentar Very Happy

Ok, meine Antwort ist nun länger als der eigentliche Text, ich hoffe es ist nicht der Eindruck entstanden, ich würde den Text zu sehr rechtfertigen wollen, jede einzelne Kritik wird mir noch weiterhin durch den Kopf gehen (Lob natürlich auch Razz ). Ich bin stolz auf mich, überhaupt teilgenommen zu haben und auch darauf, dass ich den Mut hatte auf "Absenden" zu drücken.

lg Lilly
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