13 Jahre Schriftstellerforum!
 
Suchen
Suchabfrage:
erweiterte Suche

Login

Jetzt erhältlich! Eine Anthologie von und mit unseren Usern. Jetzt bestellen! Die erste, offizielle DSFo-Anthologie! Lyrikwerkstatt Das DSFo.de DSFopedia


Im energetischen Nirwana


 

 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> DSFo Wettbewerbe -> Zehntausend
 Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  
Autor Nachricht
Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 64
Beiträge: 166



BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Im energetischen Nirwana eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Es knallt nicht, als die Energie aus der Welt entweicht. Vielleicht doch, irgendwo, an der Quelle der Störung, im Elektrizitätswerk? Ein Kurzschluss, was weiß ich. Bei uns Verbrauchern kommt nur das Ergebnis an. Die wichtigste Voraussetzung für unser gewohntes, modernes Leben bricht einfach zusammen, lautlos, klaglos, als sei das Funktionieren bis eben nur eine Laune des Schicksals gewesen ... als hätten wir keinerlei Anspruch darauf.
Es ist der Moment, als meine Schwester Viola auf der Arbeit die Stirn runzelt, das Telefon in der Wohnung meines Vaters verstummt, und mein Sohn Niklas draußen auf der Straße, durch dreißig Meter Luftlinie von Opa getrennt, einen hellen Schreckenslaut ausstößt. Niklas' Hand krampft sich um meine Finger.
Wir sind stehen geblieben, und er umschlingt nun mit seinem freien Arm auch meinen Oberschenkel. Er hat schon einige Stromausfälle erlebt - sie häufen sich in letzter Zeit, sogar in den Abendstunden -, doch noch nie im Freien. Vermutlich bringt er das gar nicht zusammen, einerseits die Dunkelheit, die nun die Straße erobert, andererseits die Situation zu Hause, wenn der Fernseher nicht geht und sich Mama Sorgen um die Haltbarkeit der Lebensmittel in Kühlschrank und Gefrierfach macht. Die Straßenlaternen hinter uns erlöschen, die eine neben uns ebenso, gefolgt von den dreien bis zum Haus, in dem man Vater wohnt, hübsch ordentlich nacheinander, schließlich die dahinter. Parallel dazu ersterben auch die Lichter aus den Fenstern der Gründerzeithäuser.
Die Augen müssen sich jetzt erst an die Dunkelheit gewöhnen, denke ich, und dann: Was für ein Blödsinn. An einem mondlosen Winterabend, in einer Wohngegend, wo kein Auto und kein Fahrrad fährt, nirgends eine Lampe brennt, da siehst du halt nichts, da kannst du noch so lange warten. Die weiß gesprenkelten Dächer der hohen Bauten auf der gegenüberliegenden Straßenseite werden gelegentlich von der diffusen Streuung der Scheinwerfer auf der Sonnenallee illuminiert, etwas konkreter in den seltenen Fällen, wo sich Lücken zwischen den Gebäuden auftun. Zufällig wandernde Lichtinseln, die viel zu viel Schatten hinter sich herziehen als fänden sie nichts, was einer Beleuchtung würdig wäre. Für den Weg, der vor uns liegt, hilft das wenig.
„Alles gut, der Strom ist nur mal wieder weg.“ Ich bemühe mich sehr, meiner Stimme beschwichtigend und zuversichtlich klingen zu lassen, Niklas weint ohnehin leicht, ein schreckhaftes Kind. Es ist doch gut, dass es so geräuschlos passiert, auch wenn es das Geschehen für mich irgendwie gruseliger macht. Niklas wird jedenfalls in der plötzlichen Schwärze keinen Schritt weitergehen, so viel ist klar. Ich muss an meinen Vater denken, hilflos wie er wirkt in letzter Zeit, dort vorne in seiner Wohnung ohne Licht. Dabei weiß ich nicht, wie heikel seine Situation tatsächlich ist: Er steht unter der Dusche, um sich für das gemeinsame Abendessen frisch zu machen. Das winzige, schießschartenartige Milchglasfenster des Badezimmers lässt für seine altersschwachen Augen kein Fünkchen Helligkeit hinein. Die Frage, ob er noch versucht, das klingelnde Festnetztelefon zu erreichen, das er in weiser Voraussicht mit ins Bad nahm, hat sich erledigt. Desorientiert sucht er nach der Armatur, das Wasser wird nun sehr schnell kälter.
Instinktiv bücke ich mich und greife meinem Sohn in seine Anorakachseln, spanne die Armmuskeln an, hebe ihn hoch, eine vertraute Handlung von früher, doch wann habe ich ihn eigentlich das letzte Mal getragen? Nicht seit seinem vierten Geburtstag, so viel steht fest. Siebzehn Kilo setze ich mir auf den rechten Arm und verliere fast die Balance. Den linken brauche ich für das Smartphone mit der Taschenlampen-App. Allein das Herausziehen des Handys aus der Manteltasche ist eine Herausforderung. Souverän will ich sein, Niklas Sicherheit vermitteln. Und ahne doch, dass ich das so keine ganze Minute durchhalte, bei dem Gewicht.
Ich setze mich besser in Bewegung, wobei die Taschenlampen-App im Freien nicht viel taugt, ich muss sie auf den Boden richten, um wenigstens den ersten Schritt zu planen. Nach vorne gerichtet, zeigt sie nur uns entgegentaumelnde Schneeflocken. Ein, zwei Meter erleuchteter Matsch auf dem Bürgersteig, mehr ist nicht drin.
Währenddessen hat mein Vater zwar das mittlerweile eiskalte Wasser abgestellt, traut sich aber nicht aus der altmodischen Duschwanne hinaus. In aufwallender Panik gleiten seine Hände über glatte Kacheln und raue, bröckelige Fugen, vielleicht auf der Suche nach der Stange, die den Duschkopf trägt, wahrscheinlich hat er die aber nicht einmal konkret im Sinn, sondern sucht schlicht nach irgendeinem Halt.
Aus dem dezenten Rauschen des Autoverkehrs von der Sonnenallee erhebt sich vor mir eine erregte Stimme in einer ausländischen Sprache, türkisch, albanisch, rumänisch, keine Ahnung. Ein Licht kommt geradewegs auf mich zu. Ich halte mich an der Bordsteinkante, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Niklas ganz still in meinem Arm. Vermutlich freut er sich über das Schneetreiben, das auf unseren Gesichtern zerplatzt, schmilzt, zu emotionslosen Tränen zerrinnt. Bilderbuchwinter ist selten geworden in Berlin.
Das Licht vor mir ist eine Stirnlampe. Sie erhellt das verzerrte Gesicht einen kleinen Mannes, darunter ist in kuriosem Gegensatz zum Kopfschmuck ein eleganter Anzug zu erahnen. Er ist allein. Er telefoniert. Empfang dürfte er jedoch keinen haben. Bei jedem der vergangenen Stromausfälle waren sämtliche Hotspots und Funkverbindungen im Viertel verreckt. Offenbar ist er so in seine Tirade verstrickt, dass er gar nicht registriert, in eine tote Leitung zu schimpfen.
Viola passiert ähnliches.
Nachdem das Freizeichen bei meinem Vater plötzlich abbrach, versucht sie seit zehn Sekunden, eine SMS an mich zu versenden:
Hi bruderherz. Wir haben leider einen notfall, muss gleich in op. Sorry kann leider nicht zum abendessen da sein
gruess papa
v.

Wer weiß, ob es diesen Noteinsatz überhaupt gibt; jedenfalls checkt Viola nicht, was vor sich geht. Drüben, in der Klinik vier Blöcke weiter, haben sie Notstrom. Der Übergang zur Ersatzversorgung, erzählte sie neulich, funktioniert reibungslos. Manche meinen, ein Flackern in der Flurbeleuchtung wahrzunehmen, nicht länger als ein Wimpernschlag, ein paar Millisekunden Spannungsabfall, die nicht einmal die PCs und digitalen medizinischen Geräte auf der Station zu einem Neustart veranlassen. Viola bemerkt nichts, sie ist immer völlig auf ihre Aufgaben konzentriert, oder auf das Display ihres Smartphones.
Die Idee eines Stromausfalls könnte ihr kommen, sie müsste nur die Schwärze vor dem Fenster zur Kenntnis nehmen, aber sie glaubt an einen Handy-Boykott der Klinikleitung, wäre nicht das erste Mal, und das erregt ihren Zorn.
Während ich den kleinen Choleriker hinter mir lasse, pfeffert sie das Samsung von sich, vor gerade fünf Wochen erworben, gebraucht, aber immerhin das vorletzte Modell. Der Raum ist klein, der Weg kurz, aber reicht für eine Drehung um die Längsachse, ein letztes Mal fällt das Neonlicht ungebrochen auf das Display. Das Gerät prallt vom Heizungsthermostat ab und poltert auf den Linoleumboden, wo es wie beleidigt auf der Bildschirmseite liegen bleibt.
Violas Gesicht changiert von Wut zu Bestürzung zu Scham. Sie wagt es nicht, das Smartphone aufzuheben. Sie denkt an ihren Kontostand und das Liquid-Glas-Kit, das bei ihr zu Hause darauf wartet, das Leben des Handys gegen ihre Wutanfälle zu verteidigen. Violas Jähzorn weiß nichts von der Fragilität der Dinge.
Mein Vater setzt vorsichtig den zweiten Fuß aus der Duschwanne hinaus, atmet durch und tastet nach dem Handtuch, das auf dem Klodeckel bereit liegen sollte. Es ist nicht da. Das fehlende Licht verrückt die Dinge von ihrem angestammten Platz, so wie mir der geringe Lichtkegel vor uns jedes Gefühl für die zurückgelegte Strecke raubt. Ich könnte mit Siebenmeilenstiefeln unterwegs sein oder im Gänsemarsch vor mich hertrippeln, die ungewohnte Situation relativiert jedes Urteilsvermögen. Ich richte das Nokia in Hauseingänge, die Leuchtkraft reicht nicht bis zu den Haustüren.
Zum Glück ist an einem Pfosten am Gehsteig die Hausnummer angebracht. Der nächste Eingang ist es. Von Niklas Gewicht schon deutlich geschwächt, schwanke ich über das glitschige Pflaster und setze meinen Sohn vor der Tür ab. Mit der Klingel halte ich mich nicht auf, sondern fummele mein Schlüsselbund heraus und finde in erstaunlichem Widerspruch zu Murphys Gesetz sofort den richtigen. Die Tür springt auf. Nun nur noch die zwei rabenschwarzen Stockwerke hinauf und in die Wohnung meines Vaters, um ihn zu beruhigen und mir anzuhören, wie er die letzte Minute verbracht hat.

Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> DSFo Wettbewerbe -> Zehntausend Alle Zeiten sind GMT - 11 Stunden
Seite 1 von 1



 
 Foren-Übersicht Gehe zu:  
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht teilnehmen.
In diesem Forum darfst Du Ereignisse posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht herunterladen


EmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungBuchEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungBuch

von Einar Inperson

von MShadow

von Enfant Terrible

von Rodge

von Jana2

von Einar Inperson

von Tiefgang

von Cheetah Baby

von MosesBob

von Schreibmaschine

Impressum Datenschutz Marketing AGBs Links
Du hast noch keinen Account? Klicke hier um Dich jetzt kostenlos zu registrieren!