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Magnolie


 
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Michel
Geschlecht:männlichDichter und Denker


Beiträge: 1443
Wohnort: Südwest
Das goldene Niemandsland Der silberne Spiegel - Prosa
Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 27.12.2017 20:00    Titel: Magnolie eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Frau S. hat ihren Hut abgenommen, den Mantel behält sie an. Kerzengerade sitzt sie da und drückt die Hutkrempe gegen den Verschluss ihrer Handtasche, bis die Fingerspitzen blutleer sind.
„Ich möchte nach all der Zeit endlich wissen, woher ich komme. Und warum man mich dort weggenommen hat.“
„Was lässt Sie gerade jetzt nach der Antwort suchen?“
Zum ersten Mal nimmt sie Blickkontakt auf, ganz kurz nur. „Ich hätte viel früher meine Mutter fragen sollen. Sie ist mir immer ausgewichen. Ich habe mich damit zufrieden gegeben und jetzt ist es zu spät. Morgen kommt ihre Urne aus dem Krematorium.“ Ihre Hände lösen sich vom Taschenverschluss und formen eine Schale, die in zwei Hälften zerbricht. Das Zittern ihrer Lippen ist nur zu erahnen. „Es ist ja nicht so, dass ich nichts wüsste. Auseinanderleben, Streit, Scheidung, die Kinder werden geteilt. Aber warum habe ich meine Geschwister nie wiedergesehen?“
„Wie viele Geschwister haben Sie?“
„Zwei. Florian ist der Älteste. Drei, nein: vier Jahre über mir. Dann Marcus, der ist ein Jahr jünger als Florian. Glaube ich. Drei Kinder in vier Jahren. Vielleicht hat mein Vater ja wieder geheiratet. Das weiß ich alles nicht. Ich weiß gar nichts.“
„Weil Ihre Mutter immer ausgewichen ist.“
Wortlos nickt sie.
„Haben Sie jemals versucht, an anderer Stelle etwas über Ihre Familiengeschichte herauszufinden? Jugendamt, Meldebehörde, solche Möglichkeiten?“
Ihr Kopfschütteln, anfangs zögerlich, wird immer heftiger. „Nein. Nein. Das war ... nein, es war nicht verboten, aber ich hatte immer das Gefühl: Wenn ich das tue, begehe ich ein Verbrechen. Dann passiert etwas ganz Schlimmes.“
„Was hätten denn gefühlt passieren könne?“
Wieder schüttelt sie den Kopf. „Ich weiß nicht. Das war tabu, einfach tabu.“

***

Wieder trägt Frau S. Hut, eine Art Filzschachtel in Schwarz. Ihr grauer Filzmantel zeigt einen schwarzen Trauerrand. Wie immer ist die Handtasche auf ihrem Schoß verdübelt. Die Begrüßung absolviert sie beinahe hastig und strebt auf den Patientensessel zu.
„Mir ist etwas aufgefallen nach unserem letzten Gespräch. Ich hatte Ihnen ja vor einiger Zeit schon erzählt, dass meine Mutter mir immer ausgewichen war. Aber es war mehr als Ausweichen. Sie hat nie etwas gesagt, aber die Miene, die sie dabei zog, die hat mir immer signalisiert: Frag nicht weiter, du tust mir unendlich weh. Und ich hatte sofort ein schlechtes Gewissen. Das kann ich ohnehin gut, das mit dem schlechten Gewissen. Bloß nicht über mich reden. Als wäre ich gar nicht da.“
„Oder als dürften Ihre Bedürfnisse und Fragen nicht da sein. Als hätten Sie dafür keine Erlaubnis.“
Sie schweigt und umklammert den Verschluss der Handtasche. Einen Moment später schüttelt sie den Kopf und blickt auf, als wäre sie gerade erwacht. „Sie sprechen manchmal so leise. Was haben Sie gesagt?“
„Es klingt, als wären einige Ihrer Wünsche verboten.“
„Ich höre manchmal so schlecht“, murmelt sie, ohne auf den Satz einzugehen. „Aber an eine Unterhaltung kann ich mich noch erinnern. Meine Mutter sagte, mein Bruder hätte mich ... angefasst.“ Sie schüttelt sich, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. „Das war das Einzige, was sie erwähnt hat. Und danach nie wieder.“
„Wissen Sie noch, wo Ihre Familie gewohnt hat?“
„Natürlich weiß ich das!“ Sie wirkt beinahe entrüstet.
„Sind Sie schon einmal daran vorbeigegangen?“
Frau S. schweigt.

***

„Ich bin daran vorbeigegangen“, erklärt sie, noch bevor sie Platz genommen hat. „Genau wie Sie mir aufgetragen haben. Das mache ich nie wieder, hören Sie? Es war entsetzlich peinlich!“
„Was ist Ihnen denn passiert?“
„Ich habe das Haus angesehen. Plötzlich sprach mich jemand an. Ich habe ihn nicht verstanden, er sprach so leise. Vielleicht brauche ich doch ein Hörgerät. Seltsam, normalerweise komme ich gut zurecht. Aber er sah so wütend aus. Ich habe nicht nachgefragt, sondern bin schnell weggelaufen. Das ist doch ungezogen, ein Haus so anzustarren!“
„Was hätte nach Ihrer Vorstellung passieren müssen, als Sie vorbeigegangen sind?“
„Ich weiß nicht. Irgend etwas. Ein Wunder, wie in Grimms Märchen. Schneewittchen. Aber das war sicher auch wieder nur so eine Fantasie.“ Sie verzieht den Mund. „In meinem Alter brauche ich keinen Prinzen. Ich weiß nicht einmal, wer da jetzt wohnt.“
„Sie haben nicht auf das Klingelschild gesehen?“
„Nein, wo kämen wir da hin? Ich kann doch nicht einfach -“ Frau S. stockt. „Unsinn. Natürlich kann ich ein Klingelschild ansehen. Aber ich habe es nicht getan, einfach nicht getan. Manche Sachen darf ich einfach nicht.“
„Sonst?“
Sie antwortet nicht. Ihr Blick geht ins Leere, fährt hoch konzentriert hin und her, als würde sie ein Bild im Museum betrachten. Der ganze Körper steht unter Spannung, ihre Finger pressen neue Knickfalten in die Baskenmütze. „Irgend etwas war anders“, murmelt sie. „Das Haus sah nicht so aus wie früher. Aber ich komme einfach nicht darauf, was sich verändert hat.“
Warten. Stille.
Frau S. strafft sich. „Das ist auch unwichtig. Ich werde so etwas auf keinen Fall noch einmal tun.“

***

Ihr winziger Hut ist mit Nadeln an der Frisur festgesteckt, der Mantel ist einer Strickjacke gewichen.
Heute wird die Handtasche geöffnet.
„Ich war wieder dort. Auf der anderen Straßenseite, man möchte ja nicht unhöflich sein. Ich habe ein Foto gemacht, hier, sehen Sie?“
Frau S. reicht die Aufnahme herüber, auf der ein Gründerzeithaus zu sehen ist. Steinerne Vortreppe, Portikus, Bogenfenster. Ein ungepflegter Vorgarten, Gartenmauer und Torbogen von Efeu überwuchert.
„Ich habe es gleich entwickeln lassen.“ Frau S. nimmt das Bild zurück. „Seither grüble ich, was sich verändert hat. Etwas fehlt, da bin ich mir ganz sicher.“ Sie blickt auf. „Aber da ist noch etwas. Es klingt vielleicht ein bisschen komisch. Vielleicht werde ich langsam wunderlich.“
„Was ist komisch?“
„Immer wenn ich das Bild betrachte, höre ich schlecht. Es ist, als ob ich für einen Moment taub wäre.“
„Ist Ihnen noch etwas zu Ihren Brüdern eingefallen?“
„Ich denke nicht über sie nach. Sonst werde ich immer so traurig.“
„Traurig? Nicht ängstlich oder angeekelt oder so etwas?“
„Nein. Traurig.“

***

Strohhut, dünne Bluse, die Strickjacke hat Frau S. wie ein Cape über die Schultern gelegt. Das Bild des Hauses zeigt bereits abgestoßene Ecken und Fingerabdrücke am Rand.
„Immer wenn ich es ansehe, werde ich traurig“, murmelt Frau S. „Und einsam. Aber das ist Unsinn, ich bin nicht einsam. Ich treffe mich beinahe jeden Tag mit einer Freundin. Ich bin nicht einsam.“
„Auch nicht nach dem Tod Ihrer Mutter.“
Sie blickt auf. „Gerade nicht nach dem Tod meiner Mutter! Vorher war ich einsam. Sie hat dafür gesorgt, dass ich alle Verabredungen abgesagt habe. Ich sollte nur für sie da sein. Seit ihrem – seither treffe ich mich oft mit alten Freundinnen. Nein, ich bin nicht einsam“, wiederholt sie nachdrücklich und lässt den Blick auf das Foto sinken. „Nur wenn ich das Haus sehe.“ Und beinahe unhörbar: „Da fehlt etwas.“
„Etwas oder jemand?“
„Etwas. Jemand.“ Sie krümmt sich wie unter einem Krampf. Holt tief Luft. „Ich finde es einfach nicht.“
„Wenn Sie das Bild betrachten, wo ist das Gefühl am stärksten?“
„Hier.“ Sie deutet ohne Zögern auf eine Stelle links vom Eingang.
„Also im Vorgarten.“
Keine Antwort. Ihre Hände zittern, als wollte sie sich mit dem Foto Luft zufächeln. „Da stand er.“
„Wer? Oder was?“
„Baum“, flüstert sie und starrt ins Leere. Das Foto flattert zu Boden. Ihre Lippen formen lautlose Worte. Schließlich entfährt ihr ein einziges Wort: „Marcus!“
Lange später richtet sie sich auf und legt die Hände auf ihre Handtasche, als müsste sie sich mit großer Mühe kontrollieren. „Da stand ein Baum. Kein sehr großer, aber er reichte bis zum ersten Stock. Eine Magnolie, genau. Die blühte so schön. Marcus ist manchmal aus seinem Fenster gestiegen und daran heruntergeklettert.“
Stille.
„An dem Tag, als ich - als meine Mutter gegangen ist ...“ Sie hebt das Bild auf und verstaut das Taschentuch sorgsam in ihrer Handtasche. Der Verschluss klackt.
„An dem Tag war er gerade in den Baum geklettert. In die Magnolie. Es war Sommer, die Blüten waren längst weg. Und als wir zum Taxi gelaufen sind, fiel er herunter. Genau in dem Moment, in dem ich mich umdrehte. Ich sehe noch die groteske Haltung und sein erstauntes Gesicht, bevor er aufkam. Er wollte sich verabschieden. Er war mein – ich mochte ihn am liebsten. Lieber als meine Mutter, glaube ich.“ Und leiser: „Das hat sie nicht ertragen.“
„Was ist dann passiert?“
Keine Antwort. Die Pause dehnt sich. Als Frau S. schließlich weiter spricht, klingt ihre Stimme so neutral, als läse sie die Nachrichten vor. „Ich weiß es nicht. Das Taxi fuhr los.“
„Ihre Mutter ist mit dem Taxi weggefahren und hat nicht nachgesehen, wie es ihrem Sohn ging, der gerade vom Baum gefallen war?“
„So war es wohl.“

***

Die Tasche bleibt dieses Mal zu, der Hut auf dem Kopf, die Strickjacke an. Sie wartet.
„Wie ist es Ihnen nach der letzten Stunde ergangen?“
Frau S. zuckt mit den Schultern. „Jetzt weiß ich jedenfalls, was damals passiert ist.“
„Zumindest Teile davon. Haben Sie jemals erfahren, wie es Ihrem Bruder nach dem Sturz ergangen ist?“
„Nein.“
„Vielleicht hatte er nur ein paar blaue Flecken. Vielleicht lebt er noch in dem Haus. Dann könnten Sie ihn danach fragen.“
„Warum sollte ich das? Keiner meiner Brüder hat jemals nach mir gefragt.“ Sie schiebt den Unterkiefer vor und spitzt die Lippen in einer Geste der Missbilligung.
„Und das Haus?“
„Es ist ein Haus wie jedes andere. Mit oder ohne Baum. Mit oder ohne Sturz.“
„Vermissen Sie Ihre Geschwister eigentlich?“
„Darüber möchte ich nicht sprechen. Ich finde übrigens, dass wir unser Ziel erreicht haben. Jetzt weiß ich, was war, das ist genug. Ich denke nicht, dass es mir gut täte, noch länger hierher zu kommen.“

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RememberDecember59
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BeitragVerfasst am: 08.01.2018 19:49    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo liebe/r Verfasser/in,
Frau S. will wissen, was dazu geführt hat, dass die Familie zerfallen ist und erinnert sich dann an die Geschehnisse, weil auf dem Foto des Hauses der Magnolienbaum fehlt, an dem ihr Bruder immer wieder zu ihr ins Zimmer geklettert ist. Die Geschichte hinterlässt bei mir schon ein mulmiges Gefühl, muss ich sagen, sie wirkt also. Ich hätte es aber besser gefunden, wenn es nicht explizit erwähnt worden wäre, dass Frau S. von ihrem Bruder „angefasst“ wurde, sondern stattdessen stärker angedeutet, so dass man es sich selbst erschließen kann. Dann wäre die Betroffenheit beim Lesen, glaube ich, noch größer.

Das Thema finde ich gut getroffen, das Motto auch. Mal sehen, ob der Text es unter meine Favoriten schafft.

***

Nach dem Lesen und Kommentieren der anderen Texte habe ich mich dazu entschieden, keine Punkte zu geben.


_________________
Bartimäus: "...-was ist das?"
Kobold: "Hätte mich das jemand anders gefragt, o Herr, der ihr Schrecklich und Unübertrefflich seid, hätte ich ihn einen Dummkopf genannt, bei Euch jedoch ist diese Frage ein Zeichen jener entwaffnenden Schlichtheit, welche der Born aller Tugend ist. ..."

Bartimäus I (Jonathan Stroud)
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lebefroh
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BeitragVerfasst am: 08.01.2018 22:49    Titel: Antworten mit Zitat

Die Vorgaben sind erfüllt, der Text ist kurzweilig zu lesen. Die Figuren sehe ich klar vor mir. Vielleicht fehlt ein gewisser Funke, aber mir gefällt's.
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Municat
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BeitragVerfasst am: 09.01.2018 14:08    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Autor smile

Du liebst wohl die ganz besonders kniffligen Herausforderungen! Ausgerechnet Therapie-Sitzungen, bei denen es darum geht, das Innerste eines Menschen an die Oberfläche zu bringen und zu untersuchen, stellst Du in einer Technik dar, die weder werten noch emotional sein soll. Okay ... den Inhalt der Sitzungen transportierst Du über den Dialog, der nach meinem Empfinden (ich habe jetzt weder Zeichen, noch Wörter oder Zeilen gezählt) einen ziemlich großen Raum einnimmt. Die Außen-Perspektive ist also rein mengenmäßig wengier dominant als sie laut Vorgabgen sein sollte, aber das, was Du da schreibst, trifft genau auf den Punkt. Über Kleidung, Hüte, Handtasche, Haltung und Gestik transportierst Du ein sehr großes Spektrum an Gefühlen und Entwicklungen. Ich sehe, wie sich die Patientin im Laufe der Sitzungen öffnet, mutiger wird, sich den Gespenstern der Vergangenheit stellt, um dann ... kurz vor dem Ziel ... die Handbremse zu ziehen und den Rückwärtsgang einzulegen.

Die Leere sehe ich auf jeden Fall. Was fehlt, ist in diesem Fall die Familie, oder zumindest ein Teil davon. Der Tod der Mutter ist vermutlich der Auslöser, sich ärztliche Hilfe zu suchen. Auch diese Schwerhörigkeit aus dem Wunsch der Verdrängung heraus (ich höre die Dinge nicht, also muss ich mich auch nicht damit beschäftigen und werde nicht gehört ... wie das Kleinkind, das sich die Augen zuhält und glaubt, es hat sich versteckt) gefällt mir sehr im Bezug auf das Gedicht.

Was hier im Laufe der Sitzungen an die Oberfläche kommt, ist natürlich heftig. Ich würde gerne mehr von dem Fall erfahren. Möchte wissen, ob der Therapeut sie wieder dazu bringt, hören zu wollen und Strohhüte zu tragen. Ich möchte wissen, wer der Mann war, den sie vor dem Haus getroffen hat und was aus den Brüdern geworden ist.

Klitzekleine Kleinigkeit, die mir aufgefallen ist:
Zitat:
Wie immer ist die Handtasche auf ihrem Schoß verdübelt.
ich weiß, was Du meinst, aber sollte ein neutraler Erzähler nicht auf auf bildliche Vergleiche verzichten?

Punkte vergebe ich erst, wenn ich alle Texte kommentiert habe.

ediTier
5 Punkte von mir smile


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Gräme dich nicht, weil der Rosenbusch Dornen hat, sondern freue dich, weil der Dornbusch Rosen trägt smile
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hobbes
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BeitragVerfasst am: 09.01.2018 20:20    Titel: Antworten mit Zitat

Tut mir leid, du erreichst mich nicht. Ich finde die Perspektive nämlich gar nicht so neutral, sie ist mir viel zu sehr auf der Seite des Beobachters angesiedelt und der ist mir ganz eindeutig zu distanziert, sieht Frau S. (da fängt es ja schon an, Frau S., wie in so einem Krankenbericht) mehr wie ein Insekt, dass es zu studieren gilt. Das mag so sein, dummerweise löst es bei mir aber nichts aus, schon gar nicht beim wiederholten Lesen. Da merke ich, wie ich anfange, zu überfliegen, weil, ich weiß ja schon alles.

Und dann der letzte Abschnitt, was soll das jetzt? Da lässt du mich in der Luft hängen, ich habe überhaupt kein Gefühl dafür, was das jetzt bei ihr ist. Einfach nur Verweigerung? Verbitterung? Angst?
Ein Abschluss ist es für mich jedenfalls nicht, noch nicht mal einer offenen Ausgangs.
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Literättin
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BeitragVerfasst am: 10.01.2018 15:41    Titel: Antworten mit Zitat

Klassisch erzählt möchte ich sagen, wobei hier ausschließlich die reduzierte Dialogform gewählt wurde, was in dieser Form sehr gut funktioniert. Erholsam nach all den Bewusstseinsströmen (was jetzt natürlich nicht dem Text zugerechnet werden kann, aber an dieser Stelle einfach mal raus musste) und fast ein wenig "subtile Hitchkock-Kamera", die Dame mit wechselnden Hüten, Mänteln, Jacken, Blusen - je nach Verfassung und Jahreszeit. Handwerklich sehr schön gemacht. Vorgaben sämtlich erfüllt. Was will man mehr?

Dass es ein anderer Baum wäre, vielleicht, ein wenig weniger stark bezweigt und höher, weil ich so Schwierigkeiten habe, mir einen Sturz von einem Magnolien-"Zierbaumstrauch" vorzustellen. Oder nein, dann wäre der Fall zu klar. So kann es ja wirklich sein, dass der Bruder nur blaue Flecken davon getragen hat und wirklich dort wohnt in diesem subtilen Hitchkock-Haus.

Kurz und gut. Der Text hat Charme. Ich habe nicht einmal gezögert, ihn zu Ende verfolgen zu wollen, wissen zu wollen, was mit dieser leicht verkniffenen Dame geschieht, ob da ein großes Drama kommt oder ein kleines sich versteckt. Und die Nichtlösung gefällt mir dabei sehr gut. ich brauche hier keine andere. Die Verkniffene zeigt sich widerborstig und das mag ich. Ich mag den Text. Und bin selbst ein wenig überrascht, weil er doch sehr konventionell ... aber was soll's: hier passt einfach alles. Eine kleine, feine Geschichte das. Und das ist der erste Text, wo ich das einfach schlicht und ganz entspannt so sagen kann. Mal sehen, was an Punkten bei rausspringt.


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jaeani
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Beiträge: 65



BeitragVerfasst am: 11.01.2018 20:16    Titel: Antworten mit Zitat

neutraler Kommentar
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Angst
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Alter: 28
Beiträge: 1672



BeitragVerfasst am: 14.01.2018 18:18    Titel: Antworten mit Zitat

Ein sentimentaler, aber charmanter Text.
Solide und routiniert geschrieben. Mit feinsinniger Hand.
Die Idee des fehlenden Baumes hat etwas Kitschiges, aber damit kann ich leben, da es gut gemacht ist.
Die Geschichte berührt mich. Sie hat genug Leerstellen und erklärt nicht zu viel.
Die Hauptfigur wird einfühlsam gezeichnet, man scheint direkt in ihr Inneres blicken zu können.
Aber gerade das macht mich stutzig. Zumal die "neutrale" Perspektive durch einen psychoanalytischen Dialog ausgehebelt wird.
Das erscheint mir als zu simple Lösung.
Aber das liegt vielleicht daran, dass ich mit meinem neutralen Text einer ganz anderen Philosophie gefolgt bin.
Ich wollte die Distanz zur Hauptfigur möglichst gross halten.
Hmm. Hier ist die Distanz zwar auch gross, wenn sie auch einen ganz anderen Charakter hat.
(Deine Distanz ist warm, meine kühl.) Spannend.
Dieser Text wird sicher Punkte bekommen. Wird er ganz vorne dabei sein? Könnte sogar sein.

EDIT: Die Konkurrenz hat diesen Text leider doch weiter nach unten gedrängt, als ich dachte.

1 Punkt.


_________________
»Das Paradox ist die Leidenschaft des Gedankens.«
— Søren Kierkegaard, Philosophische Brosamen,
München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 48.
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Heidi
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Alter: 37
Beiträge: 1027
Wohnort: Hamburg


BeitragVerfasst am: 14.01.2018 22:18    Titel: Antworten mit Zitat

Es geht mir eigentlich mit fast allen Texten ähnlich, die mit neutralem Erzähler ausgestattet sind. Beim zweiten Lesen langweilen sie mich. Ich frage mich, woran das liegt. Bei deinem vermutlich, weil er sehr konventionell daherkommt. Es gibt keine Brüche, nichts Ungewöhnliches.
Da ist diese Frau, die geht zum Therapeuten, okay, die Sache mit ihrem Trauma ist gut beschrieben, ich habe ein Bild von dieser Frau vor Augen, aber ich blicke distanziert auf sie. Ihr "Drama" berührt mich nicht. Und ich glaube, das liegt an den fehlenden Bildern. Es gibt fast ausschließlich Dialog, der natürlich viel transportiert, auch über die Person: wie sie ist, wie sie sich verhält, ansonsten gibt es kaum Bilder, außer dem einen von dem Haus und der Magnolie, aber nichts, was mir einen Schauer über den Rücken jagt, nichts, was mich auch nach dem Lesen für längere Zeit beeindruckt.
Der Text ist solide geschrieben, kann man lesen, tut nicht weh, aber für meine Ansprüche ist er zu konkret. Mir fehlen irgendwelche aufblitzende Bilder, die mich irritieren, die mich auf mich selbst zurückwerfen, die mich bis in den Schlaf verfolgen.

Es gibt leider keine Punkte für dich.
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V.K.B.
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 45
Beiträge: 1194
Wohnort: an der Nordseeküste
Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 15.01.2018 00:45    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,

Oh, eine Therapie-Geschichte. Und endlich mal eine, die nicht so anstrengend zu lesen ist. Die Stille hier als psychosomatische Taubheit, bzw des Ausblendens, woran man sich nicht erinnern will. Das Verdrängte.

Wegen dieses Verdrängens kann man nur raten. Der Typ, der sie beim Haus angeschrien hat, was das ihr Bruder oder ihr Vater, der ihr die Schuld gibt, die Familie zerstört zu haben? Da ist von Anfassen die Rede, aber kein Ekel, nur Trauer. Hatte sie eine inzestuöse Beziehung zu ihrem Bruder, oder haben nur mal Doktor gespielt und die Eltern haben komplett überreagiert? Hier kann man nur mutmaßen, wir wissen ja nicht, wie alt sie damals waren.
Die Mutter ist jedenfalls deshalb gegangen und hat sie mitgenommen, ihr dann jeden weiteren Kontakt verboten? Das hat sie so verinnerlicht, dass sie selbst viele Jahre später die Suche abbricht, weil sie sich immer noch vor einer gesellschaftlichen Schande fürchtet, von der sie nichts mehr wissen will? Oder sich die Schuld gibt, dass ihr Bruder, mit dem sie die Beziehung hatte, möglicherweise gestorben ist? Dass die Mutter wegfährt, ohne nach ihm zu sehen, zeigt mir, dass sie ihm die Schuld gibt und er für sie schon vorher so gut wie gestorben ist. Der Vater hat möglicherweise gegenteiliges getan und gibt der Tochter die Schuld. Irgendwie schon verständlich, dass die Frau nicht weitersuchen will. Besonders, falls sie ahnen sollte (oder sich erinnert), dass es gar nichts ernstes war und ultraspießige, vielleicht religiöse Eltern überreagiert haben und ihre Familie deshalb zerbrochen ist, ein Bruder möglicherweise gestorben und sie die anderen jedenfalls nie wiedergesehen hat. Ich denke sofort an den Fall eines Jungen in den USA, der seiner Schwester nachts im Garten beim pinkeln geholfen hat, von Nachbarn für einen sexuellen Übergriff angezeigt wurde und im Gefängnis landete, obwohl da überhaupt nichts Sexuelles war. Könnte hier ähnlich gewesen sein. Oder vielleicht auch ganz anders?

Das wäre jedenfalls meine Interpretation.

Interessante Geschichte auf jeden Fall.

Punkte vergebe ich erst, wenn ich alles gelesen habe.


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Der Möbiusstreifen ist der beste Beweis dafür, dass Komplexität die Projektion menschlicher Kleinheitsängste ist (Nis-Momme Stockmann)

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Nihil
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BeitragVerfasst am: 15.01.2018 02:52    Titel: Antworten mit Zitat

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Schlomo
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BeitragVerfasst am: 17.01.2018 00:23    Titel: Antworten mit Zitat

Eine echte Gänsehautgeschichte. Mit dieser Art von Leere hab ich nicht gerechnet. Irgendwie bedrückend.

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holg
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BeitragVerfasst am: 17.01.2018 14:31    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
„Baum“, flüstert sie und starrt ins Leere. Das Foto flattert zu Boden. Ihre Lippen formen lautlose Worte. Schließlich entfährt ihr ein einziges Wort: „Marcus!“


Was mir an dieser Geschichte wirklich gut gefällt, ist wie mit dem Hut und der Oberbekleidung der Frau S. der Fortgang der Zeit, der Wechsel der Jahreszeiten geschildert wird, wie sich im Gespräch die Geschichte entwickelt, wie der Text sehr konsequent die neutrale Perspektive beibehält, den Blick aber zu richten vermag. Das ist toll gemacht und täuschte beim ersten Lesen ein wenig über die insgesamt dünne Geschichte hinweg.
Das Drama ist übergroß. Eine Verarbeitung gelingt nicht, dennoch strebt die Story nach einem geschlossenen Ende, das mMn weder verdient noch angemessen ist. Denn eigentlich sollte es hier doch erst richtig los gehen.

Andererseits sagt Frau S. schon einmal, dass sie etwas nie wieder tun würde; nur um es dann zu tun.


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finis
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BeitragVerfasst am: 17.01.2018 23:15    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

Du verzeihst: Dadurch, dass das hier einer der zwei Psychologentexte in diesem Wettbewerb ist, drängt sich der Vergleich etwas auf. Ich versuche, das nicht zu tun, ich weiß aber noch nicht, ob das nicht unterschwellig doch meine Wertung beeinflusst (könnte ich ja mal einen Seelenklempner fragen).

Die Textidee ist sehr interessant. Ich denke auch, dass der neutrale Erzähler für die Schilderung der Familienverhältnisse und der gegenseitigen Abhängigkeit von Mutter und Tochter die richtige Wahl ist, zumindest wenn man nur zehntausend Zeichen zur Verfügung hat.

Ich frage mich, ob der letzte Textabschnitt nicht ein Abschnitt zu viel ist. Ich kann verstehen, denke ich, warum Du ihn geschrieben hast. Das Bedürfnis nach einem klassischen Abschluss, vermute ich, das sich nur schwer überwinden lässt. Oder nein: ich glaube schon, dass das wichtig ist, was da steht, aber ich glaube, das gehört im Grunde noch zum vorherigen Absatz.

Der Text ist solide geschrieben und der neutrale Erzähler konsequent durchgesetzt. Was mir etwas fehlt, ist der Zitatzusammenhang. Das Schweigen der Mutter? Aber Schweigen ist ja dann doch nicht das gleiche wie Stille. Im Englischen funktioniert das zwar, aber für mich ist das eigentlich nicht die Bedeutungsart von "silence", die im Zitat gemeint ist. Das an sich ist ja nicht schlimm, es reicht ja, wenn es vom Zitat inspiriert ist, aber dadurch, dass das der einzige Anknüpfungspunkt für das Zitat ist, ist mir das doch ein bisschen zu wenig.

Insgesamt aber habe ich Deinen Text gern gelesen.
LG
finis


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Michel
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Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 19.01.2018 22:49    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hm. Was tun, wenn einem der Berufsalltag hineinspringt? Rückblickend ist das alles etwas zu geradlinig, etwas zu wenig zurückgehalten, etwas zu banal in der Lösung. Aber findet man in der Anamnese halt auch etwas viel Banaleres als ein Riesentrauma.
Ich persönlich mag die Magnolie. Dass ich mal über eine Magnolie schreiben würde. Freiburg-Wiehre, im Frühling. Da gibt's auch viele Therapeuten.
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anderswolf
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Beiträge: 307



BeitragVerfasst am: 19.01.2018 23:11    Titel: Antworten mit Zitat

In der Hälfte der ersten Sitzung denke ich: Das also ist passiert, Marcus heißt aber Peter, Frau S. aber ist Katrin, und die Mutter, na kein Wunder, dass Katrin Erinnerungslücken hat, Mama war ja immer schon, Halt denke ich: nicht meine Geschichte, keine Fortsetzung auf der anderen Seite, mein Flori ist ein anderer als dieser Florian, verwandt aber, das sind sie sicherlich.
Frau S. also sucht nach ihrer Vergangenheit, nach dem, was ihr verloren ging, als sie ihre Familie verlor. Fraglich: war das damals (in den 1970ern/1980ern) so, dass die Kinder so brutal aufgeteilt wurden, wenn die Eltern sich scheiden ließen, ganz verwunderlich wäre es nicht, damals wurden ja viele Sachen seltsam entschieden. Denkt man so. Und: Wo sind wir da eigentlich? Ist das Therapie, Coaching? Oder die Vorstellung davon? (Beim Zehntausender 2013 wurde mir vorgeworfen, wie fachfremd ich den Therapeuten gestaltet habe, seither bin ich aber noch nicht schlauer geworden, was ein Therapeut fragt und wie, oder ob überhaupt.) Was immer es ist, Katrin scheint es zu helfen, ich darf Frau S. doch sicherlich Katrin nennen, jetzt sind wir ja schon so weit gekommen miteinander, wir haben schon gemeinsam das Bild entwickelt. Macht man das noch, Bilder entwickeln? Wer macht das noch? Ist nicht alles schon digital?
Andererseits, ich will sie nicht mehr katrinen, ist Frau S. doch nur eine beschränkt nachvollziehbare Person, kaum erinnert sie sich an die titelgebende Magnolie und den gefallenen Bruder, muss ich an Melania Trump denken, meine Güte, dieser verfluchte Wettbewerb, der mit seinen Gedankenströmen alles Lesen und Kommentieren in geordneten Bahnen so unmöglich macht, überallhin fliehen die Bilder, Melania lässt die alte Magnolie vor dem Weißen Haus abholzen, man könnte sie hassen wollen dafür, wenn es nicht erstens nur ein Baum wäre, der zweitens ohnehin seit Jahrzehnten zugrunde geht wie die amerikanische Demokratie ja offensichtlich auch gerade zu Boden geht. Frau S. jedenfalls wird plötzlich zu ihrer Mutter, der Verhassten, denn kaum erinnert sie sich an ihren angeblich so geliebten Bruder, will sie wie ihre Mutter damals vor so vielen Jahren einfach nur noch fort, vielleicht aus Angst, dass sie wie die Magnolie vor dem Weißen Haus nicht mehr zu retten wäre.
Ich weiß nicht, ob wir am Ende ein Ziel erreicht haben. Denn was war, ist ja immer noch nicht klar. Natürlich: die Vorgaben wurden eingehalten, die Erinnerung, die durch die Leere gerufen wird, der bis auf einige Ausrutscher (wie sieht eine mit den Lippen gemachte Geste der Missbilligung aus, da ist Wertung, da ist Interpretation, da ist ausnahmsweise dann kein) neutrale(r) Beobachter, allein beim Motto muss ich grübeln: ist die plötzliche Stille gemeint, die einsetzt, als Frau nicht-Katrin S. jedes weitere Gespräch abblockt? Irgendwie bleibe ich unbefriedigt zurück, aber TheraCoach sicherlich auch. Mal schauen, was das wird. Mal schauen, ob es mir gut täte, noch länger hierher zu kommen.
Nein.
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crim
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Die lange Johanne in Gold Lezepo 2015
Pokapro und Lezepo 2014 Pokapro VII & Lezepo V



BeitragVerfasst am: 20.01.2018 12:42    Titel: Antworten mit Zitat

Sehr viel Dialog, den ich im Großen und Ganzen schon gelungen finde, aber ich denke mir auch: Je mehr Dialog, desto mehr drückt sich der Text darum, tatsächlich die Vorgaben zu erfüllen, denn ein reines Dialogstück wäre ja nicht wirklich die Erfüllung der Aufgabe, völlig neutral, aber komplett ohne Erzählinstanz. Hmm. Mir fällt gerade ein wenig schwer, auszudrücken, was mich stört. Es gibt zumindest noch ein paar Punkte.

Lg crim
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d.frank
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 39
Beiträge: 683
Wohnort: berlin


BeitragVerfasst am: 20.01.2018 14:18    Titel: Antworten mit Zitat

Der zweite Text, der sich auf eine Therapiesitzung stützt, ich weiß nicht, entweder habe ich ein allgemeines Problem mit Therapeutenlatein, aber ich finde diesen Text nicht sehr viel besser. In der Aussage schon, weil es sich lohnt, darüber nachzudenken und weil sie nicht allzu offensichtlich ist. Und der Dialog fühlte sich auch recht natürlich an, aber es gibt so sprachliche Schnitzer im Text, die ihn mir rückblickend und in der Gesamtheit dann unausgegoren erscheinen lassen:

Zitat:
Wie immer ist die Handtasche auf ihrem Schoß verdübelt. Die Begrüßung absolviert sie beinahe hastig und strebt auf den Patientensessel zu.


zeitliche Abfolge?


Der neutrale Erzähler arbeitet hier an vielen Stellen auch mit Formulierungen, die mir zu phrasenbesetzt, gellend und nah an einer Wertung scheinen:

Zitat:
Einen Moment später schüttelt sie den Kopf und blickt auf, als wäre sie gerade erwacht.


Zitat:
Sie schüttelt sich, als hätte sie in eine Zitrone gebissen

Zitat:
Sie krümmt sich wie unter einem Krampf. Holt tief Luft


Zitat:
Ihre Hände zittern, als wollte sie sich mit dem Foto Luft zufächeln.


Viele Textstellen scheinen mir nicht zu Ende gedacht, sondern eher aufgrund ihres Wortlautes gesetzt:

Zitat:
Ihre Hände lösen sich vom Taschenverschluss und formen eine Schale, die in zwei Hälften zerbricht
,

das klingt zwar schön, aber wenn ich es mir bildlich vorstelle, wirkt es theatralisch

Das mit dem Taubwerden ist ein schönes Detail, um den Prozess des Verdrängens bildlich zu machen und wahrscheinlich ist der Text auch sehr nah an den Vorgaben, auf meiner persönlichen Wertungsliste rangiert er wegen genannter Sprachfallen trotzdem eher auf den letzten Plätzen.


_________________
Die Wahrheit ist keine Hure, die sich denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: Vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, daß selbst wer ihr alles opfert noch nicht ihrer Gunst gewiß sein darf.
*Arthur Schopenhauer
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Tjana
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Beiträge: 1791
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BeitragVerfasst am: 20.01.2018 20:50    Titel: Antworten mit Zitat

Szenerie von Sitzungen bei einem Psychiater.
Gutes Setting für den Prozess des Erinnerns, des Wunsches, sich über eine bestimmte Leere klar werden zu können.
Die (gut geschriebenen) Abschnitte zeigen zunächst eine Entwicklung, dann aber verhindert die Leere, dass es weiter vorangeht. Weil sie sich gefüllt hat, die Leere.
Die Umsetzung gefällt mir.


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Wir sehnen uns nicht nach bestimmten Plätzen zurück, sondern nach Gefühlen, die sie ins uns auslösen
In der Mitte von Schwierigkeiten liegen die Möglichkeiten (Albert Einstein)
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Jenni
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Das goldene Aufbruchstück Die lange Johanne in Gold


BeitragVerfasst am: 21.01.2018 00:22    Titel: Antworten mit Zitat

Einer von zwei Texten, die die Situation einer Therapiesitzung nutzen, um in neutraler Perspektive von Erinnerungsbildern zu sprechen. Wie könnte man da nicht vergleichen. Und zuerst fand ich den anderen Text interessanter, die Idee dessen origineller. Nach wiederholtem Lesen jedoch muss ich sagen, man kann auch aus einer schlichten Idee etwas großes machen. Dein Text nutzt für mich einfach (mit) am meisten die Möglichkeiten des neutralen Erzählers, die Charakterisierung der Patientin ist dir gut gelungen (auch über die Hüte hinaus), und ich finde deine Dialoge sehr gelungen, was natürlich wiederum der Charakterisierung zuspielt.
Andere Texte haben bei mir mehr ausgelöst, dein Text ein bisschen zu Ende erzählt. Aber mir schwant, ein oder zwei Punkte bleiben mir für seine schlichte Eleganz übrig.
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poetnick
Geschlecht:männlichHobbyautor

Alter: 56
Beiträge: 331
Wohnort: Möglichkeiten


BeitragVerfasst am: 21.01.2018 12:19    Titel: Antworten mit Zitat

Ja, ein neutraler ‚Kommentar‘ um werten zu können; die Tiefenfülle des Materials ließ mir
keine andere Wahl.

Beste Grüße - Poetnick


_________________
Wortlos ging er hinein,
schweigend lauschte er der Stille
und kam sprachlos heraus
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nebenfluss
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 3345
Wohnort: mittendrin, ganz weit draußen
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BeitragVerfasst am: 21.01.2018 12:54    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe gerade Angst vor der Macht meiner Kritik und sorge mich um meine Urteilsfähigkeit. Deshalb an dieser Stelle kein inhaltlicher Kommentar.

Danke für deine Teilnahme am Wettbewerb.


_________________
fehlende Quellenangabe: mein Kopf.
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