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Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 63
Beiträge: 156



BeitragVerfasst am: 27/12/2017 19:00    Titel: Zunder eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zunder

„The silence like an ocean rolled,
And broke against my ear.“
~ Emily Dickinson

„A little less conversation,
And a little more touch my body.“
~ Ariana Grande

Nora zieht ein dampfendes Blech aus dem Ofen und rümpft die Nase. Sie legt das Blech auf den Fenstersims. Der Regen tröpfelt auf die verkrustete Oberfläche des Kartoffelauflaufs. Nora zieht einen Stuhl ans Fenster, setzt sich darauf und betrachtet den Auflauf argwöhnisch, als könnte es jederzeit zum Leben erwachen und sich auf sie stürzen. Sie dreht sich eine Zigarette und legt sie auf den Küchentisch, ohne die blauen Augen vom Blech abzuwenden. Es ist der sechste Glimmstengel, der dort liegt – alle ungeraucht in einer Reihe.

Der Auflauf verwandelt sich in ein Kartoffelmoor. Nora zieht ihre baren Füsse auf den Stuhl pult Staubflocken zwischen ihren Zehen hervor. Dann nimmt sie den Nagellack vom Tisch und bemalt ihre zwanzig Nägel schwarz. Sie wartet, bis der Nagellack trocken ist. Irgendwo über ihr weint ein Kind. Irgendwo über ihr schimpft eine Mutter. Nora steht ruckartig auf und stellt das Blech auf den Boden. Das Regenwasser schwappt beinahe über. Sie stellt sich vor das Kartoffelgratin, schliesst die Augen und atmet tief ein, wie vor einem Sprung vom Fünfmeterbrett.

Sie hebt ihren Rock und tunkt ihren grossen Zeh ins Wasser. Es ist noch warm. Sie stöhnt auf. Behutsam lässt sie den Fuss sinken. Mit einem Schmatzen umschmeichelt der Kartoffelmatsch ihre Zehen. Nora legt den Kopf in den Nacken. Sie lächelt. Das Wasser wogt über den Rand des Blechs. Dann stampft sie mit dem linken Fuss in den Auflauf. Das Wasser spritzt auf. Es klatscht an ihre Unterschenkel. Mit der Zunge benetzt sie ihren Mundwinkel.

In Noras Schlafzimmer stehen zwei verdorrte Bonsais, fünf leere Cola-Dosen, einundzwanzig Horrorfilm-DVDs, ein Nintendo 64 mit eingesteckter Mario-Kart-Cartridge, fünf CDs von Paramore, die gesammelten Werke von Charlotte Roche und ein E-Bass. Eine Holzkette liegt herum, zwei Plüschkatzen, ein gestreifter Pullover, ein braunes Sakko, eine Hipsterbrille, ein Smartphone von Samsung, ein pornographischen Comic und sieben Metallringe. In Noras Schlafzimmer befinden sich noch andere, hier nicht genannte Gegenstände.

Nora wäscht das Blech aus, geht duschen, zieht sich danach Pullover und Sakko an. Sie greift nach ihrem Smartphone und flänzt sich aufs Bett. Sie öffnet Tinder und wischt sich durch die Selfies von Männern, meistens wischt sie nach links, links bedeutet: „Nein Danke“. Dann hält sie inne, dreht sich um und legt ihr Handy aufs Kopfkissen. Ein Mann grinst sie verschmitzt an, Dreitagebart, treue Augen, seriös, liebevoll. Auf dem Screen steht, er heisse Martin. Nora kaut an ihren Fingernägeln und blickt schräg nach oben in die Ecke; dorthin, wo die Decke etwas feucht ist.

Eine Katze hüpft über die Strasse und weicht nur knapp einem schwarzen Volvo aus, der im Regen leicht ins Schlittern gerät. Eine alte Dame sitzt vor dem Piano und studiert die Mondscheinsonate Beethovens. Ein Obdachloser fragt eine Passantin, ob sie vielleicht mit ihm reden wolle. Die Passantin ignoriert ihn und hastet weiter. Ein Spengler kauft sich im Lidl eine Packung Batterien. Ein Mann, der Martin heisst, sitzt auf dem Klo und blättert in einer Filmzeitschrift. Ein blondes Mädchen tut so, als würde es Schlagzeug spielen, während es seiner Mutter nach schlendert. Ein Junge versteckt sich in einem Busch und zieht zum ersten Mal an einem Joint.

Nora wischt nach rechts. Das bedeutet: „Ich finde dich irgendwie hübsch, lass uns mal was trinken gehen und dann miteinander schlafen und uns danach nie wieder sehen“. Zehn Minuten später schreiben sich Nora und Martin die nachfolgenden Zeilen.

hey wir kennen uns doch
ja voll von der uni
ist ja ewig her
magst du was machen mir ist langweilig
wann
am besten bald
sofort
wie wär’s mit heute abend
ONS?
ONS

Martin will Nora in seinem Lieblingsrestaurant treffen. Es heisst Chez Leonie. Nora ist einverstanden, schminkt die Lippen schwarz und holt ihre Lederjacke aus dem Schrank. Sie schlüpft in rote Turnschuhe, schnappt sich einen Schirm und macht sich auf den Weg. Das Chez Leonie ist ein nobles Lokal. Die Besitzerin trägt ein elegantes Hemd und beige Stoffhosen.
„Sie müssen Frau Studer sein“, sagt Leonie. „Herr Urech erwartet Sie bereits.“
Martin sitzt in der Mitte des Restaurants, an einem runden Zweiertisch, der überfüllt ist mit Kerzen. Leonie rückt den Stuhl nach hinten, sodass Nora Platz nehmen kann. Die Leute plaudern ausgelassen, die Intelligenzija der Stadt hat sich hier versammelt.

„Ich werde Sie heute persönlich bedienen“, sagt Leonie gönnerhaft. Sie stellt einen Teller in die Mitte des Tisches. „Hier. Ein Gruss aus der Küche“, erklärt sie. Der Teller ist leer.
Nora runzelt die Stirn.
„Ach ja“, meint Leonie. „Martin hat mir verraten, dass Sie Anfängerin sind. Daher habe ich mir erlaubt, Ihnen Besteck aufzutischen.“ Drei Gabeln, drei Messer und ein Löffel liegen vor Nora auf dem Tisch.
Sie sieht sich um. Alle Teller im Restaurant sind leer. Niemand ausser Nora hat Besteck, auch Martin nicht.
„Na los, worauf wartest du?“, fragt Martin. „Greif zu!“
Nora tut so, als greife sie nach einer Bruschetta. Martin nickt zufrieden.

Wäre der Teller nicht leer, gebe es im ersten Gang Kürbissuppe. Wäre der Teller nicht leer, gebe es im zweiten Gang Nüsslisalat mit Speck und Ei. Nora übt Pantomime mit dem Besteck. Sie tut so, als ässe sie. Sie tut so, als trinke sie Wein. Sie lacht über Martins Geschichten. Manchmal schielt sie zu den anderen Tischen. Alle stieren auf ihre eigenen Teller. Mit ihren Blicken tasten sie das Essen ab, das nicht da ist. Die Leute sehen sich nicht in die Augen, selbst wenn sie miteinander sprechen.

„Ich muss auf die Toilette“, sagt Nora, faltet ihre Serviette, legt sie auf den Tisch und verlässt den Raum. Sie stellt sich vor den Spiegel, streckt sich selbst die Zunge raus, beisst sich in den Handrücken und leckt über ihre Haut. Sie krempelt den Pullover hoch und betrachtet ihren Bauch. Kreideweiss zeichnen sich ihre Knöchel ab. Nora trinkt vom Waschbecken, speit das Wasser sofort wieder aus. Sie fährt sich übers feuchte Kinn und betrachtet ihre atemlose, dürre Gestalt im Spiegel. Ihr Magen knurrt. Dann kehrt sie zurück an ihren Platz.
 
Wäre der Teller nicht leer, wäre der erste Hauptgang Risotto mit Steinpilzen. Wäre der Teller nicht leer, wäre der zweite Hauptgang Rehpfeffer mit Spätzli. Wäre der Teller nicht leer, gebe es als Dessert Vermicelles. Leonie räumt den letzten Teller ab. Nora atmet auf und lehnt dankend einen Kaffee ab.

Martin und Nora treten nach draussen. Der Regen ist nur noch eine leise Ahnung, die Stadtlichter spiegeln sich auf dem dunklen Asphalt. „Und?“, fragt Nora. „Wollen wir zu mir oder zu dir?“
Martin kratzt sich an der Nase und blinzelt müde. „Sorry“, sagt er. „Ich spür‘s gerade nicht so.“
„Wieso nicht?“
„Um ehrlich zu sein, deine Tischmanieren machen mich gar nicht an.“
Nora sieht nach unten auf den Strassenrand. Dort ist eine Pfütze, und in dieser Pfütze schwimmt ein zerknittertes Konzertticket.

Noras Mutter machte oft Würstchen im Schlafrock. Wallte den Teig aus. Legte Würstchen darauf. Zerschnitt den Teig mit einem Rollmesser. Wickelte die Würstchen ein. Stach mit der Gabel Löcher in den Teig. Strich mit einem Pinsel Eigelb darauf. Schob das Blech in den Ofen. Wartete. Tischte die eingerollten Würstchen zusammen mit Ketchup auf. Noras Mutter ist jetzt tot.

Leonie verlässt ihr Restaurant, wirft einen dicken Pelzmantel über und tritt zu Martin.
„Ich mach heute mal früher Feierabend“, antwortet sie auf seinen fragenden Blick. Martin wendet sich ab, da zupft Leonie an seinem Ärmel. „Hey du“, haucht sie lasziv. „Wollen wir noch was trinken gehen? Ich kenn da ein nettes kleines Pub.“
Martin bedenkt Nora mit einem entschuldigenden Lächeln, bevor sich Leonie bei ihm einhängt und ihn in die nächste Gasse manövriert.

Bedächtig klopft Nora mit der Spitze ihres Regenschirms auf das Trottoir. Ziemlich genau zehn Minuten vergehen. Dann schlurft Nora zum Bahnhof. Sie betritt einen Coop. Die Verkäuferin steht vor dem Obstregal. Sie stopft Bananen, Äpfel und Birnen in einen grossen Müllsack.
„Weshalb tun Sie das?“, fragt Nora.
Die Verkäuferin spuckt einen Kaugummi auf ihre Handfläche und betrachtet ihn wie ein seltenes Juwel. Dann schmeisst sie ihn ebenfalls in den Müllsack. „Das Zeug verkauft sich halt nicht mehr“, sagt sie.
Nora füllt sechs Tomaten in eine Plastiktüte ab und sucht nach der Waage.
„Die sind gratis“, sagt die Verkäuferin. „Nehmen Sie so viele mit, wie sie wollen.“

Auf dem Nachhauseweg trifft Nora auf einen Bettler. Sie drückt ihm eine Tomate in die Hand. Verdutzt nimmt er sie entgegen. Nora geht fünf Schritte, da schmeisst der Bettler ihr die Tomate an den Kopf. Sie dreht sich um, der Bettler lacht kehlig. Er hat schiefe Zähne. Sie fasst sich ins Haar und kratzt sich die Tomatenstücke vom Kopf.

Nora geht zurück in ihre Wohnung im vierten Stock, greift nach den sechs Zigaretten auf dem Küchentisch, zündet sie alle miteinander an und zieht an ihnen. Sie hustet, rennt ans Waschbecken und übergibt sich. Die Zigaretten fallen in ihre Kotze und in das, was vom Kartoffelauflauf übrig geblieben ist. Sie klaubt eine Tomate aus der Tüte und legt sie an ihr Ohr.
„Wieso seid ihr alle so still?“, flüstert sie. Die Tomate sagt nichts. Nora schmiegt ihre Wange an die kalte, pralle Haut des Gemüses. Dann beisst sie hinein. Roter Saft spritzt über ihr Gesicht. Sie leckt jeden Tropfen auf und verschlingt die ganze Tomate. Ihre Augen füllen sich mit Tränen.

Bevor sie schlafen geht, schreibt Nora „I love tomatoes“ in ihr Tinder-Profil. Seither findet sie keinen einzigen Mann mehr, der mit ihr ausgehen will.

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