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Das Massaker im Snow White Pub


 
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sinuhe
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BeitragVerfasst am: 14.01.2013 15:19    Titel: Das Massaker im Snow White Pub eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Neue Version »

Das Massaker im Snow White Pub

»Es ist eine unumstößliche Tatsache, dass die Epoche der Bürger unweigerlich an ihr Ende gelangt ist«, erklärte Sentenza, betrachtete noch einmal kurz den vor ihm knienden Mann im dunkelgrauen Nadelstreifenanzug und schoss ihm mit dem Colt M1911 ungerührt in die Stelle des Gesichts, an der die Nasenwurzel mit der Stirn zusammentrifft. Während noch Teile des Gehirns an die Wand spritzten und beim Runterlaufen rote Schleimspuren an der gelben Wand hinterließen, drehte sich mein Stiefvater um und schenkte sich einen neuen Tequila ein.

»Sie haben uns jahrzehntelang beherrscht, mit ihren wohlfeilen Wertvorstellungen Sand in die Augen gestreut, ausgeraubt und belogen.« Er fingerte den toten Wurm aus dem Glas, schnippte ihn quer über die Theke, wandte sich um und richtete die Waffe an die Schläfe des nächsten Anwalts. Der wollte um sein Leben betteln, was ihm jedoch nicht gelang, weil zwei Baumwollstrümpfe zwischen seinen Zähnen steckten. Sentenza betrachtete die Krawatte des jungen Kerls. »Feiner Stoff. Bestimmt ein sündhaft teurer französischer Fummel.« Er wischte seine Hand, an der noch Hautfetzen des Wurms klebten, am Jackett des Jünglings ab. »Wie viele Lumpen hast du vor ihrer gerechten Strafe bewahrt; bloß weil sie sich einen abgewichsten Rechtsverdreher wie dich leisten konnten?« Er spuckte einen ausgelutschten Kirschkaugummi in hohem Bogen von sich. »Ihr widert mich an. All ihr Harvard-, Yale- und Princetonabsolventen. Ihr, die ihr für Geld die Organe eurer Eltern verscherbeln würdet, um euch von dem Erlös eine neue Wohnzimmereinrichtung zu kaufen. Morgens die raffgierigsten Banker und korruptesten Politiker verteidigt. Mittags eure Sekretärinnen pimpert und abends zu Hause den braven Familienvater spielt, der gemeinsam mit der kleinen Tochter flennt, wenn er ihr Dornröschen vorliest. Das ist nicht fair. Nein, das ist wirklich nicht fair.« Der Colt zuckte ein weiteres Mal und erneut segelte die Neocortex eines  Einserjuristen in diagonaler Linie durch den Saal, um hinten in der linken Ecke auf dem Billardtisch, direkt neben den Kugeln mit den ungeraden Ziffern,  zu landen. Mittlerweile pflasterte ein Dutzend Leichen in dunkelblauen und grauen Anzügen den abgewetzten Parkettboden des Snow White Pubs; der Lieblingskneipe meines Stiefvaters.

Bevor Sie nun voreilige Rückschlüsse auf die geistige Verfassung Sentenzas ziehen, lassen Sie mich versichern, dass er all das in ruhiger, geradezu aufgeräumter Stimmung tat. Sein Puls, der seit Jahren unter täglicher Zuhilfenahme eines Betablockers stabil mit achtundsechzig Takten pro Minute schlug, erhöhte sich in der dramatischen Happy Hour, in der diese Geschichte spielt, nicht um ein Jota. Er blickte ungerührt auf die kleine Ansammlung toter Körper, stippte den ein oder anderen kurz mit dem Fuß an; murmelte: »Was für ein elender Klugscheißer. Da war die Kugel mehr wert als der ganze glattpolierte Hurensohn«, griff sich den Schnaps, nahm einen tiefen Zug, stieß leicht auf – wofür er sich entschuldigte –  und flüsterte: »Ihr kommt alle noch an die Reihe. Ich werde heute Nacht diese erbärmliche Stadt von sämtlichen gottverdammten Anwälten säubern.« Kaffeetassentellergroße Augen glotzen ihm entgegen, in denen das blanke Entsetzen geschrieben stand. Niemand konnte in Juristenmanier zur Widerrede ansetzen, da alle Geiseln bereits vor Stunden fein säuberlich und fachgerecht geknebelt und verschnürt worden waren.

»Hank, mein Sohn, setz dich zu mir an die Bar. Ich will dir was erzählen.« Er legte zärtlich einen Arm um meine Schultern und führte mich zur Theke. Ein älterer Herr mit graumelierten Haaren kippte seitlich weg, weil er sich nicht mehr auf den Knien halten konnte. Sentenza richtete ihn auf, klopfte ihm geradezu liebevoll den Staub aus dem Anzug, lächelte ihn freundlich an und durchtrennte mit einem sauberen Schnitt seines Jagdmessers die Halsschlagader des Anwalts. »Der war Experte für Steuerrecht. Hat unzähligen Betrügern dabei geholfen, ihr Vermögen auf die Cayman-Inseln zu transferieren und sie nachher vor Gericht alle rausgeboxt. Mehr als ein kleines Bußgeld brauchte keiner seiner Mandanten zu bezahlen. Und die Millionen können selbstverständlich weiter auf den ausländischen Bankkonten schlummern. Während sie unsereinen bereits für einen kleinen Ladendiebstahl in den Bau schicken. So funktioniert der Rechtsstaat. Je mehr Kohle du hast, desto einen teureren Anwalt kannst du dir leisten.« Er hatte sich in Rage geredet, sprang kurz auf, liquidierte eine vierzigjährige Frau in dunklem Minirock und hohen Pumps, spazierte zurück zu seinem Hocker, nahm wieder Platz und zischte: »Dumme Schlampe. Spezialisiert auf Scheidungen und Sorgerecht. Die presste den letzten Tropfen aus den armen Männern raus. Nicht nur im Bett; das kannst du mir glauben.«

Von draußen drangen Sätze an unsere Ohren, die in ein Mikrofon hineingebrüllt wurden: »Gib auf, Sentenza. Du hast keine Chance. Das Haus ist komplett umzingelt. Scharfschützen auf den Dächern. Wir geben dir noch zehn Minuten. Danach stürmen wir den Laden.«

»So machen sie es. Immer dasselbe. Keinerlei Fantasie die Bullen. Anstatt mich auf den elektrischen Stuhl zu schicken, sollten sie mir lieber dabei helfen, die Welt von der bürgerlichen Pest zu befreien.« Er seufzte, trank ein Wasserglas voll Tequila in einem Schluck leer, zupfte sich am Ohr und sprach leise zu den Geiseln gewandt: »Ihr habt gehört, was der Sheriff gesagt hat. Zehn Minuten. Keine Sekunde länger. Ihr könnt selber ausrechnen, in welchem zeitlichen Abstand ich euch töten muss, um rechtzeitig fertig zu werden, bevor sie die Bude mit Rauchbomben vernebeln. Denn ihr werdet allesamt vor mir in die Hölle fahren. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.«

Vor dem – von mir aus gesehen - vierten Anzugträger von rechts bildete sich eine große Pfütze, und es roch plötzlich streng nach Urin. Eine Frau in mittlerem Alter verschluckte vor Schreck das in ihrem Mund befindliche Wollknäuel, lief blau an und sackte in sich zusammen. Ein Mann röchelte, Schaumblasen zerplatzten auf seinen Lippen, bevor er leblos nach hinten fiel. »Nun sterben sie schon von selber. Ist aber okay für mich; denn so ersparen sie mir Arbeit.« Mein Stiefvater zählte den Rest der Geiseln ruhig durch. »Sieben. Also in etwa einen pro Minute.« Er steckte neue Munition in das Magazin seines Colts und wischte die Rußspuren vom Lauf ab. »Hank, während ich diesen Job – wahrscheinlich meinen letzten – zu Ende bringe, lass mich dir erklären, dass ich es dieses Mal nicht für Geld tue. Es sind auch keine niederen Rachegelüste, die mich dazu bewegen; denn keiner dieser Rechtsverdreher war jemals für oder gegen mich tätig. Vielmehr ist mir im Laufe der Jahre, die ich als Kopfgeldjäger hart arbeiten musste, um den Unterhalt meiner kleinen Familie zu sichern, klar geworden, dass ich ausgebeutet wurde.«

Auf der Straße heulte plötzlich ein Martinshorn und unterbrach jäh den Vortrag Sentenzas‘, der auf diese Störung mit einem nervösen Zucken seines linken Augenlids reagierte.


An der Fortsetzung bastele ich noch.



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Beobachter
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BeitragVerfasst am: 14.01.2013 15:32    Titel: Antworten mit Zitat

sinuhe,

ich würde ja gern ordentlich kritisieren, aber tut mir leid. Finde nichts Großartiges zum Korinthensammeln, selbst deine RS/G ist ordentlich. Möglicherweise würde ich darauf verzichten, die genaue Coltbeschreibung einzufügen, denn welcher Colt das ist, interessiert keine Sau - die einen nicht, weil sie sich eh nicht für Waffen interessieren, die anderen, die sich auskennen, na ja. Die haben ein Schulterzucken dafür übrig.

Zitat:
Mittlerweile pflasterte ein Dutzend Leichen in dunkelblauen und grauen Anzügen den abgewetzten Parkettboden des Snow White Pubs; der Lieblingskneipe meines Stiefvaters.


Da würde ich ein Komma statt eines Semikolons setzen.

Zitat:
Auf der Straße heulte plötzlich ein Martinshorn und unterbrach jäh den Vortrag Sentenzas


Und hier musst du dir überlegen, ob der Mann Sentenza oder Sentenzas heißt. Heißt er Sentenza reicht ein Genitiv-s, heißt er Sentenzas gehört dort ein Apostroph hin.

Ansonsten ... Hab ich gern gelesen. Doch, im Ernst. Ich weiß nicht, was genau das über meinen Geisteszustand aussagt, aber ich fühlte mich von Hanks Stiefvater nicht abgestoßen, eher im Gegenteil. Sympathischer Kerl. Er hat ja Recht. *schulterzuck*


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Stil ist die Fähigkeit, komplizierte Dinge einfach zu sagen - nicht umgekehrt.
- Jean Cocteau
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Zinna
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BeitragVerfasst am: 14.01.2013 21:03    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Sinuhe,

dein Sentenza ist schon einer… Gestatte mir ein paar Anmerkungen zu deiner Geschichte. Ich gehe dabei chronologisch vor.

»Es ist eine unumstößliche Tatsache, dass die Epoche der Bürger unweigerlich an ihr Ende gelangt ist«, erklärte Sentenza,…
Das ist doch schon eine sehr gewählte Sprache, der sich dein Prota bedient, da passte statt des erklärte ein dozierte noch besser, findest du nicht auch?

Während noch Teile des Gehirns an die Wand spritzten und beim Runterlaufen rote Schleimspuren an der gelben Wand hinterließen, drehte sich mein Stiefvater um
Das rot markierte kannst du getrost weglassen, erstens  vermeidest du die doppelte Wand und zweitens kann sich der Leser das Spritzen der Denkmasse gut selber vorstellen. Das Runterlaufen reicht vollkommen aus.

schenkte sich einen neuen Tequila ein.

 Er fingerte den toten Wurm aus dem Glas, schnippte ihn quer über die Theke,


Im Tequila ist kein Wurm, auch wenn er meist so bezeichnet wird, es handelt sich um die Raupe eines Dickkopffalters.


Kaffeetassentellergroße Augen glotzen ihm entgegen, in denen das blanke Entsetzen geschrieben stand. Niemand konnte in Juristenmanier zur Widerrede ansetzen, da alle Geiseln bereits vor Stunden fein säuberlich und fachgerecht geknebelt und verschnürt worden waren.
Hierzu zwei Anmerkungen. Das rot Markierte könnte wieder weg, lass das Entsetzen selber aus kaffeetassentellergroßen Augen glotzen. (Ganz schön lang, das Wort…)
Hier noch eine Logiküberlegung. Ist es nachvollziehbar, dass es Sentenza und Hank gemeinsam gelungen sein soll, den Laden voller Winkeladvokaten zu fesseln, ohne dass sie von einigen überwältigt worden sind..?

durchtrennte mit einem sauberen Schnitt seines Jagdmessers die Halsschlagader des Anwalts.

Rot weg. Anwalt haben wir hier öfters und ich weiß, dass es kein Tischler ist. wink

Die presste den letzten Tropfen aus den armen Männern raus. Nicht nur im Bett; das kannst du mir glauben.« Mr. Green

Von draußen drangen Sätze an unsere Ohren, die in ein Mikrofon hineingebrüllt wurden

Zeig es hier lieber. Dass reingebrüllt wird, ist schon klar. Vielleicht so:
Von draußen drangen blecherne Sätze aus einem Megaphon an unsere Ohren. Oder so...

Auf der Straße heulte plötzlich ein Martinshorn

Deine Geschichte spielt in den Staaten, wird die Sirene vom Streifenwagen dort auch Martinshorn genannt?

Genug kluggeschietert…
Deine Geschichte ist routiniert geschrieben, und ich lese mich mühelos durch die lebhafte Handlung. Aber ganz ohne Anmerkungen geht’s nicht. wink, auch wenn es eher Kleinigkeiten sind.
An einigen Stellen könntest du weniger erzählen, dafür mehr zeigen, das meinte ich an den roten Stellen.
Was noch auffiel, dass Hank sich praktisch erklärend an den Leser wendet, dieser Abschnitt kommt für mich unerwartet. Da wäre mir am Anfang ein Hinweis, dass die Story sozusagen von Hank erzählt wird, schon ganz lieb. Vielleicht, dass er sich, wo er den Anfangssatz doziert und  den Herrn in Nadelstreif erledigt, dabei an Hank wendet.
Das war es eigentlich schon mit meinen Anmerkungen.

Hab sie gern gelesen und spanne schon der Fortsetzung entgegen.

Lieber Gruß
Zinna


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sinuhe
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BeitragVerfasst am: 15.01.2013 08:39    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Guten Morgen Beobachter,

du hast dir meine kleine Geschichte mit Hank und Sentenza zu Gemüte geführt.

 
Zitat:
    Möglicherweise würde ich darauf verzichten, die genaue Coltbeschreibung einzufügen,   

Hin und wieder erwähne ich ganz gerne Fabrikate und Marken. Hängt von der Story ab, die ich erzähle.

Zitat:
    Und hier musst du dir überlegen, ob der Mann Sentenza oder Sentenzas heißt. Heißt er Sentenza reicht ein Genitiv-s, heißt er Sentenzas gehört dort ein Apostroph hin.    

Der Apostroph ist überflüssig. Der Kopfgeldjäger heißt von alters her: Sentenza.

Zitat:
    aber ich fühlte mich von Hanks Stiefvater nicht abgestoßen, eher im Gegenteil. Sympathischer Kerl. Er hat ja Recht.   

Dass man Verständnis für Sentenzas Taten aufbringen kann: nun gut.
Aber dass er einem direkt sympathisch ist: das gibt mir zu denken.  Mr. Green Evtl muss ich ihn noch eine Spur böser darstellen.


Beobachter, vielen Dank fürs Drüberlesen!

Vg sinuhe


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sinuhe
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BeitragVerfasst am: 15.01.2013 09:24    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Zinna,

du hast eine ganze Menge zum Text angemerkt. Das  freut mich.

Zitat:
    Das ist doch schon eine sehr gewählte Sprache, der sich dein Prota bedient, da passte statt des erklärte ein dozierte noch besser, findest du nicht auch?    

Bloß, weil Sentenza sein Geld als Kopfgeldjäger (mühsam) verdient, muss das ja nicht bedeuten, dass er ungebildet ist. Vllt hatte er – vor dreißig Jahren – sein Jurastudium ohne Abschluss an den Nagel gehängt. Was seinen Zorn auf Anwälte erklären könnte.

Zitat:
   Das rot markierte kannst du getrost weglassen, erstens vermeidest du die doppelte Wand und zweitens kann sich der Leser das Spritzen der Denkmasse gut selber vorstellen. Das Runterlaufen reicht vollkommen aus.     

Der fiese Doppler. Da stand ursprünglich Tapete; die ich nachträglich in Wand auswechselte. Weil ich spontan der Meinung war, dass es in Pubs keine Tapeten gibt. Ohne allerdings darauf zu achten, dass Wand direkt davorsteht. *peinlich*

Das Verspritzen von Hirnmasse magst du nicht so gerne. Werde ich drüber nachdenken.

Zitat:
    Im Tequila ist kein Wurm, auch wenn er meist so bezeichnet wird, es handelt sich um die Raupe eines Dickkopffalters.    

Werde ich für weitere Texte im Hinterkopf behalten. Tequila gehört nicht zu meinen Lieblingsgetränken.

Zitat:
    Das rot Markierte könnte wieder weg, lass das Entsetzen selber aus kaffeetassentellergroßen Augen glotzen. (Ganz schön lang, das Wort…)    

Den Satz also komplett umformulieren. Ich überlege mir was Neues. Okay.

Zitat:
    Ist es nachvollziehbar, dass es Sentenza und Hank gemeinsam gelungen sein soll, den Laden voller Winkeladvokaten zu fesseln, ohne dass sie von einigen überwältigt worden sind..?    

Nein, ist es eigentlich nicht.
Andererseits befinden wir uns im Bereich Fiktion, in dem einiges möglich ist, was in der Praxis eher nicht klappen würde. Sobald ich den strengen Maßstab der Realität anlege, würden 50% aller Hollywood-Produktionen nicht funktionieren.

In dieser Geschichte hier könnte ich mir vorstellen, dass es einige Anwälte im Zeitpunkt der Überrumplung/ des Tumults geschafft haben, sich durch den Hintereingang zu verdrücken. Dass Sentenza halt anstatt ursprünglich 50 „nur“ 20 überwältigt und als Geiseln genommen hat.

Zitat:
   Anwalt haben wir hier öfters und ich weiß, dass es kein Tischler ist.      

Zu viel Anwalt drin in der Story. D‘ accord. Werde das Wort an einigen Stellen eliminieren.

Zitat:
     Zeig es hier lieber. Dass reingebrüllt wird, ist schon klar. Vielleicht so:
Von draußen drangen blecherne Sätze aus einem Megaphon an unsere Ohren. Oder so...   

Okay

Zitat:
   Deine Geschichte spielt in den Staaten, wird die Sirene vom Streifenwagen dort auch Martinshorn genannt?     

Im Engl. spricht man lapidar von (Police) Siren. Eine 1 zu 1 Entsprechung zu Martinshorn existiert nicht. Ich wandele es in Sirene um. Kein Problem.

Zitat:
    An einigen Stellen könntest du weniger erzählen, dafür mehr zeigen, das meinte ich an den roten Stellen.    

Ja, die Forderung des Show, don’t tell.
Wobei in angelsächsischen Geschichten oft erzählt wird.
mMn kommt es auf den gelungenen Mix der beiden Techniken an.
Einzig Show kann auch ermüdend wirken.

Zitat:
     Was noch auffiel, dass Hank sich praktisch erklärend an den Leser wendet, dieser Abschnitt kommt für mich unerwartet. Da wäre mir am Anfang ein Hinweis, dass die Story sozusagen von Hank erzählt wird, schon ganz lieb. Vielleicht, dass er sich, wo er den Anfangssatz doziert und den Herrn in Nadelstreif erledigt, dabei an Hank wendet.   

Es handelt sich bei dieser Geschichte um eine Episode aus einem größeren Zyklus. In dessen Mittelpunkt steht Hank. Begonnen hatte ich mit seinem Tod und bin dann erneut bei Kindheit und Jugend eingestiegen. Später verdient er sein Geld als Justizbeamter in einem Hochsicherheitsgefängnis und wird Spezialist für Exekutionskommandos.

Sentenza ist Hanks Stiefvater, dem im ersten Drittel der Story viel Platz eingeräumt wird. Erzählt wird die Geschichte allerdings aus den Augen von Hank.

Zitat:
    … und spanne schon der Fortsetzung entgegen.    

Werde mir ein würdiges Ende für den Kopfgeldjäger einfallen lassen. Wenngleich ich mich nur ungern von ihm trenne.


Zinna, herzlichen Dank für deine Textanalyse! Sind wertvolle Hinweise drin. Die helfen mir auf jeden Fall weiter.

Lg sinuhe

PS. ich geb's zu: als ich diese Passage schrieb, hatte ich mich gerade über die Rechnung "meines" Anwalts geärgert. Anstatt den übel am Telefon zu beschimpfen, ließ ich Sentenza den Job für mich erledigen.


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Submissiv
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BeitragVerfasst am: 15.01.2013 11:13    Titel: Re: Das Massaker im Snow White Pub Antworten mit Zitat

Wie du an meiner bescheidenen Anzahl an Postings unschwer erkennen kannst, ist meine Erfahrung im Bereich der Prosakritik - sagen wir überschaubar.


sinuhe hat Folgendes geschrieben:
Das Massaker im Snow White Pub

Während noch Teile des Gehirns an die Wand spritzten und beim Runterlaufen rote Schleimspuren an der gelben Wand hinterließen, drehte sich mein Stiefvater um und schenkte sich einen neuen Tequila ein.

Hier entsteht für mich unweigerlich der Eindruck, dass das Spritzen des Hirns an die Wand ähnlich viel Zeit benötigt, wie die Person um sich zu drehen.

« Er wischte seine Hand, an der noch Hautfetzen des Wurms klebten, am Jackett des Jünglings ab. »

Wird im Zusammenhang mit "Ungeziefer" auch von Haut gesprochen?


Je mehr Kohle du hast, desto einen teureren Anwalt kannst du dir leisten.

"desto einen" find ich nicht rund. Und auch die Verbindung von Kohle und teurer. Ist irgendwie zu offensichtlich. Vielleicht eher so was wie, "umso bessere Anwälte kannst du dir leisten."


Von draußen drangen Sätze an unsere Ohren, die in ein Mikrofon hineingebrüllt wurden: »Gib auf, Sentenza. Du hast keine Chance. Das Haus ist komplett umzingelt. Scharfschützen auf den Dächern. Wir geben dir noch zehn Minuten. Danach stürmen wir den Laden.«

Dieser Ablauf ist für mich nicht schlüssig. Wenn er keine Verhandlungen mit der Polizei aufnimmt und im Minutentakt Anwälte abknallt, wäre doch die einzig plausible Reakton der Polizei, dass sie den Laden stürmen. Oder sehe ich das falsch?

An der Fortsetzung bastele ich noch.


Das wären meine Anmerkungen. Vielleicht kannst du etwas davon gebrauchen. Vielleicht liegt aber auch manches (oder gar alles) in meinem beschränkten Wissen begründet.   Smile
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Zinna
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BeitragVerfasst am: 15.01.2013 16:07    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Sinuhe,

ich nochmal. Freut mich, dass ein paas hilfreiche Hinweise in meinem Kommentar enthalten waren.
Zum Beginn nochmal:
Deinem Sentenza möchte ich keinesfalls Ungebildetheit unterstellen, aber bei seiner Sprechweise würde ein dozierte gut passen. Immerhin unterrichtet er seinen Stiefsohn ja quasi.  Wink  

LG
Zinna


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sinuhe
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BeitragVerfasst am: 15.01.2013 17:06    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Submissiv,

Zitat:
   Wie du an meiner bescheidenen Anzahl an Postings unschwer erkennen kannst, ist meine Erfahrung im Bereich der Prosakritik - sagen wir überschaubar.     

Irgendwann fangen wir alle bei 1 an. Ich bin jetzt gerade mal bei 14 angelangt.

Zitat:
   Hier entsteht für mich unweigerlich der Eindruck, dass das Spritzen des Hirns an die Wand ähnlich viel Zeit benötigt, wie die Person um sich zu drehen.     

Puh: ich habe zugegebenermaßen nicht mit der Stoppuhr daneben gestanden, als das Hirn an die Wand spritzte. Keine Ahnung, wie lange das dauert.

Zitat:
    Wird im Zusammenhang mit "Ungeziefer" auch von Haut gesprochen?    

Jetzt will ich dem Wurm im Schnaps nicht unbedingt aufwerten; aber: der Kategorie „Ungeziefer“ gehört er mMn weder als Wurm noch als Raupe des Dickkopffalters (dieses Wort gefällt mir außerordentlich gut. Kannte die Gattungsbezeichnung gar nicht). an. Bei einem Wurm (der er ja gem. Zinna im Tequila gar nicht ist) kann man von Haut sprechen; oder etwa doch nicht?

Zitat:
    "desto einen" find ich nicht rund. Und auch die Verbindung von Kohle und teurer. Ist irgendwie zu offensichtlich. Vielleicht eher so was wie, "umso bessere Anwälte kannst du dir leisten."    

Mit „desto“ habe ich persönlich jetzt kein Problem. Beim Tausch von „teurer“ in „besser“ überlege ich noch.

Zitat:
     Dieser Ablauf ist für mich nicht schlüssig. Wenn er keine Verhandlungen mit der Polizei aufnimmt und im Minutentakt Anwälte abknallt, wäre doch die einzig plausible Reakton der Polizei, dass sie den Laden stürmen. Oder sehe ich das falsch?   

Die Polizei weiß aber in diesem Moment noch gar nicht, dass Sentenza überhaupt nicht verhandlungsbereit ist. Sie gibt ihm zehn Minuten, um zu reagieren. In dieser (kurzen) Zeitspanne möchte er nun die restlichen sieben Geiseln liquidieren. Ob das funktionieren wird? In der Fortsetzung wird es verraten werden.


Submissiv, vielen Dank für deinen ersten Kommentar!

Vg sinuhe


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sinuhe
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BeitragVerfasst am: 15.01.2013 19:02    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Zinna,

Zitat:
  Deinem Sentenza möchte ich keinesfalls Ungebildetheit unterstellen, aber bei seiner Sprechweise würde ein dozierte gut passen. Immerhin unterrichtet er seinen Stiefsohn ja quasi.

Er hat natürlich NICHT Jura studiert. Sondern in den 50-ern als Corporal am Korea-Krieg teilgenommen. Und sich danach dazu entschlossen, sein Geld als Kopfgeldjäger zu verdienen.

In der hier vorliegenden Sequenz müsste Hank ca. 18 Jahre alt sein. Also spielt die Geschichte ca. 1980.

Ich kann Sentenza gerne dozieren lassen. Weshalb nicht? Kurz vor seinem eigenen Tod neigt er halt ein bisschen zu Geschwätzigkeit. Zudem lockert der Tequila (samt dem darin schwimmenden Doppelkopffalter) seine Zunge. Ansonsten ist Sentenza eher der schweigsame Typ.

lg sinuhe


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Mardii
Stiefmütterle

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BeitragVerfasst am: 15.01.2013 20:53    Titel: Antworten mit Zitat

N´Abend sinuhe,

o Gott, eine Fortsetzung dieses Gemetzels  Laughing , aber interessieren tuts mich schon, welche Motive hinter dem Massaker stecken, wer sich hinter dem Erzähler verbirgt und wie sich das Ganze fort entwickelt. Flüssig geschrieben ist es schon, nur eben fehlt mir eine Motivation, außer es solle sich aus dem konsequenten Juristenmorden schließen lassen. Es scheint ja generell um die Zunft der Anwälte zu gehen.

Irgendwie dachte ich die ganze Zeit, die Täter seien entrechtete Indianer - wahrscheinlich hat mich dein Nick und dein Avatarbildchen darauf gebracht.

Die Stelle mit dem an die Wand spritzenden Neocortex finde ich witzig, nur glaube ich nicht, dass die mittels Revoverschuss desorganisierte Hirnmasse so säuberlich klassifiziert an die Wand spritzt. Laughing

Insgesamt gefällt es mir. Bisschen trostlos ist es schon, dieses getriebene Hingemorde. Mal sehen, wenns meine Zeit erlaubt, beschäftige ich mich später etwas genauer mit deinem Text.

Grüße von Mardii


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`bin ein herzen´s gutes stück blech was halt gerne ein edelmetall wäre´
Ridickully
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sinuhe
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BeitragVerfasst am: 15.01.2013 21:47    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Mardii,

um jetzt nicht mit Indianern durcheinanderzugeraten:
( ) Sinuhe ist der Name eines Arztes, der z.Zt. des Pharao Amenophis IV (= Echnaton) praktizierte. Zum Ende der Karriere hin wurde er zum sog. Königlichen Schädelbohrer ernannt. Und hatte somit das Recht, als einziger in den pharaonischen Kopf hineinschauen zu dürfen. Wozu er ihn allerdings vorher öffnen musste; was in 97% der Fälle zum sofortigen Ableben des Herrschers führte. Man könnte die Tätigkeit - cum grano salis - als antike Form der Sterbehilfe bezeichnen
( ) der Avatar soll vermutlich Pharao Ramses II darstellen.

Alle keine Sioux oder Comanchen, sondern (alte) Ägypter!

Sentenza hingegen ist ein ital. Nachname. Während der kleine Hank mütterlicherseits von deutschen Einwanderern abstammt.

Wollt's vorsichtshalber nur angemerkt haben. Nicht, dass du deinen Kommentar auf falschen Prämissen aufbaust und evtl Parallelen zur Schlacht am Little Big Horn ziehst.

vg sinuhe


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Submissiv
Abc-Schütze


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BeitragVerfasst am: 15.01.2013 22:36    Titel: Antworten mit Zitat

Bin auch schon gespannt auf die Fortsetzung der Geschichte.

Zum Ungeziefer bleibt festzuhalten, dass ich vorher noch die anderen Verbesserungsvorschläge las und deshalb nicht mehr Wurm schreiben wollte. Nachtkopffalter fiel mir nicht mehr ein und so wurde es dann das unpassenderweise zum Ungeziefer  Embarassed

Grüsse
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Cerb
Schreiberassi


Beiträge: 38



BeitragVerfasst am: 16.01.2013 11:13    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

der Text liest sich flüssig.  

Nur eine Logikfrage: Denkst du nicht, die Polizei würde den Befehl zum sofortigen Sturm des Gebäudes erhalten, wenn in einer Geiselsituation wiederholt Schüsse ertönen?

Ein Schalldämpfer würde das Problem eventuell lösen, aber erwähnen müsste man ihn.


Dass die Polizei ihm einen Termin nennt, an dem sie stürmen halte ich für eher unwahrscheinlich.

Gruß

Cerb
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sinuhe
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BeitragVerfasst am: 17.01.2013 09:15    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Guten Morgen Submissiv und Cerb,

Zitat:
    Nachtkopffalter fiel mir nicht mehr ein und so wurde es dann das unpassenderweise zum Ungeziefer   

Ungeziefer ist natürlich ein wenig exakter Begriff. Ich persönlich würde ihn eher auf Insekten (Fliegen, Mücken, Kakerlaken etc.) anwenden. Ein (Dickkopf-) Falter könnte also darunter fallen. Ein Wurm mMn eher nicht. Vermutlich eine individuelle Interpretationssache.

Zitat:
    Nur eine Logikfrage: Denkst du nicht, die Polizei würde den Befehl zum sofortigen Sturm des Gebäudes erhalten, wenn in einer Geiselsituation wiederholt Schüsse ertönen?

Dass die Polizei ihm einen Termin nennt, an dem sie stürmen halte ich für eher unwahrscheinlich.
   

Ich war bisher – klopfe auf Holz – noch bei keiner Geiselnahme anwesend. Kenne diese Geschichten zu 95% aus Hollywood-Filmen. In denen wird ja häufig telefonisch verhandelt. Was aber m.E. nur Sinn ergibt, wenn beide Seiten ein Resultat erzielen möchten. Sentenza hingegen war von vornherein davon ausgegangen, dass er gemeinsam mit dem letzten Anwalt sterben wird. Das wiederum weiß die Polizei aber nicht. Sie gibt ihm einfach zehn Minuten Bedenkzeit, um zu reagieren. Ob sie nach deren fruchtlosem Ablauf dann auch tatsächlich den Laden stürmt, steht wiederum auf einem anderen Blatt. Die Fortsetzung wird es zeigen.

Zitat:
    Ein Schalldämpfer würde das Problem eventuell lösen, aber erwähnen müsste man ihn.    

Wäre als eine Variante in diesem tödlichen Spiel natürlich denkbar.

Mal schau’n, in welche Richtung sich die Story weiterentwickeln wird.

Vg sinuhe


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Beim Schreiben ist es wie mit der Prostitution. Zuerst macht man es aus Liebe, dann für ein paar Freunde und schließlich für Geld. (Molière)
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holg
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Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 17.01.2013 10:15    Titel: Antworten mit Zitat

Nette Geschichte. Gerne gelesen. Plot und Personen in sich bisher stimmig. Eher Rodriguez als Tarantino (bei dem würde mehr gelabert), Sentenza klingt nach Spaghetti-Western (auch das passt), zu Hank fällt mir noch nicht viel ein, aber der ist ja erst einmal nur Beobachter.

"Kaffeetassentellergroße" das mag ich gar nicht. untertassengroße, kaffeetassengroße, tellergroße, untertellergroße ja, aber was sollen Tassenteller sein?

"desto einen teureren Anwalt kannst du dir leisten" - ist das deutsch? Tschuldigung. Das stößt mir ein wenig auf. Der Sinn ist klar und den in einen kurzen Nebensatz zu packen ist nicht ganz einfach, vor allem da mit teurer auch besser und erfolgreicher ind er Verteidigung impliziert sein soll (?). Vielleicht "desto teurer, also besser kann dein Anwalt sein" Oder ganz anders:"Nur wer Kohle hat, kann sich eine ordentliche Verteidigung leisten."
(Es gibt im Netz interessante Diskussionen, ob die USA überhaupt ein Rechtsstaat sind, im Spannungsfeld zwischen formalem und materiellem Rechtsstaat)

Die Bezeichnung des Colts finde ich gut. Wenn das Hanks und Sentenzas Handwerkszeug ist, werden sie sich damit auskennen. Insofern passt es.

"presste den letzten Tropfen aus den armen Männern raus." Lass das mal ein Scheidungsopfer/Frau lesen... Aber mit dem Nachsatz "Nicht nur im Bett; das kannst du mir glauben.« Ist es wirklich gut. Daumen hoch

Überhaupt guter Stil, klare Sprache. Bin gespannt..

holg
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sinuhe
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BeitragVerfasst am: 17.01.2013 18:02    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo holg,

du kennst dich aus mit Tarantino und Rodriguez. Das hilft bei der Lektüre meines Geschreibsels.
Tarantino labert mehr? Mag sein. Trotzdem sind natürlich sowohl Pulp Fiction als auch Kill Bill ganz hervorragende Werke.
From dusk till dawn ist schwer zu toppen. Wenn man für diese Art von Filmen eine Ader besitzt.

Lee van Cleef = Sentenza/ Angel Eye in The good, the bad and the ugly. (Sergio Leone)
Hank C. in Anlehnung an Bukowskis Alter Ego.

Zitat:
    "Kaffeetassentellergroße" das mag ich gar nicht. untertassengroße, kaffeetassengroße, tellergroße, untertellergroße ja, aber was sollen Tassenteller sein?    

Kaffeetassenteller = Unterteller.
Habe dieses Wort im Schreibfluss vermutlich selbst erfunden. Kann ich auswechseln. Kein Thema.

Zitat:
     Oder ganz anders:"Nur wer Kohle hat, kann sich eine ordentliche Verteidigung leisten."   

Die 2-te Möglichkeit gefällt mir besser als dein erster Vorschlag. Baue ich so ein.

Zitat:
     Es gibt im Netz interessante Diskussionen, ob die USA überhaupt ein Rechtsstaat sind, im Spannungsfeld zwischen formalem und materiellem Rechtsstaat  

Der kleine Text soll aber keinesfalls als US-Kritik gemeint sein. Die Story spielt während einer – in stupider Routine wiederkehrenden – Happy Hour in einem x-beliebigen Pub in einer Durchschnittsgroßstadt im Mittleren Westen. Bspw. Saint Louis/ Missouri oder Oklahoma City.

Geärgert hatte ich mich im Vorfeld allerdings über die hohe Rechnung „meines“ (deutschen) Anwalts.

Zitat:
    Lass das mal ein Scheidungsopfer/Frau lesen...    

Als Autor von Trash-Geschichten muss ich gottseidank nicht jederzeit politisch korrekt formulieren.

Zitat:
     Bin gespannt..   

Werde demnächst eine der Vorläufergeschichten hochladen. Wie der kleine Hank den alten Sentenza kennenlernt.

holg, freut mich, dass du am Ball bleiben möchtest.
- Vergangenheit
- Fortsetzung
werden folgen.

vg sinuhe


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holg
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Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 18.01.2013 07:40    Titel: Antworten mit Zitat

sinuhe hat Folgendes geschrieben:

Tarantino labert mehr? Mag sein. Trotzdem sind natürlich sowohl Pulp Fiction als auch Kill Bill ganz hervorragende Werke.

Oh, Missverständnis: das "labern" meine ich in keiner Weise despektierlich. Ich liebe Tarantinos Dialoge!

sinuhe hat Folgendes geschrieben:

From dusk till dawn ist schwer zu toppen. Wenn man für diese Art von Filmen eine Ader besitzt.

ja.

sinuhe hat Folgendes geschrieben:

Hank C. in Anlehnung an Bukowskis Alter Ego.

Da war ich auf ner ganz falschen Fährte.

sinuhe hat Folgendes geschrieben:
Zitat:
     Oder ganz anders:"Nur wer Kohle hat, kann sich eine ordentliche Verteidigung leisten."   

Die 2-te Möglichkeit gefällt mir besser als dein erster Vorschlag. Baue ich so ein.

Das freut mich. War aber nur ein Vorschlag. Vielleicht fällt Dir was noch besseres ein.

Bis bald im Schneewittchenpub

holg
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nebenfluss
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BeitragVerfasst am: 18.01.2013 09:06    Titel: Re: Das Massaker im Snow White Pub Antworten mit Zitat

Hallo sinuhe,

das meiste, was mir an deinem Text auffiel, ist schon gesagt worden. Bleibt mir nur dies:

sinuhe hat Folgendes geschrieben:

Bevor Sie nun voreilige Rückschlüsse auf die geistige Verfassung Sentenzas ziehen, lassen Sie mich versichern, dass er all das in ruhiger, geradezu aufgeräumter Stimmung tat. Sein Puls, der seit Jahren unter täglicher Zuhilfenahme eines Betablockers stabil mit achtundsechzig Takten pro Minute schlug, erhöhte sich in der dramatischen Happy Hour, in der diese Geschichte spielt, nicht um ein Jota.

Diese direkte Leseransprache ist nicht so mein Fall, da hebt sich immer ein wenig der Zeigefinger, finde ich. Als wäre das, was Sentenza hier Hank erklärt, eigentlich als Ansprache an den Leser gerichtet.
Außerdem kriege ich kein richtiges Bild von der Stimmung, in der sich Sentenza befindet. Hier beschreibst du (sehr gelungen übrigens), dass sich Sentenzas Puls bei diesem Massaker nicht erhöht, aber hier ...
Zitat:
Er hatte sich in Rage geredet, sprang kurz auf, liquidierte eine vierzigjährige Frau in dunklem Minirock und hohen Pumps, spazierte zurück zu seinem Hocker

... scheint er doch plötzlich sehr erregt zu sein und "spaziert" erst nach der Liquidierung der Frau wieder zu seinem Hocker zurück, was für mich heißt, dass er doch nicht ganz so cool ist. Und dann wäre da noch dies:
Zitat:
Auf der Straße heulte plötzlich ein Martinshorn und unterbrach jäh den Vortrag Sentenzas‘, der auf diese Störung mit einem nervösen Zucken seines linken Augenlids reagierte.

Dieses nervös zuckende Augenlid kenne ich schon aus anderen Texten, es ist an sich nett wegen der Bildhaftigkeit und soll hier vielleicht andeuten, dass Sentenza auf die Störung nur so reagiert? Vielleicht könnte aber etwas anderes zucken, wie gesagt, dieses Augenlid kommt mir etwas abgedroschen vor.
Zitat:
An der Fortsetzung bastele ich noch.

Na dann viel Bastelglück weiterhin.

LG
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sinuhe
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BeitragVerfasst am: 18.01.2013 14:21    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi nebenfluss,

Zitat:
    Diese direkte Leseransprache ist nicht so mein Fall, da hebt sich immer ein wenig der Zeigefinger, finde ich. Als wäre das, was Sentenza hier Hank erklärt, eigentlich als Ansprache an den Leser gerichtet.    

„Direkte Leseransprache“ = „erhobener Zeigefinger“.
Da werde ich nochmal drüber nachdenken.

Zitat:
    ... scheint er doch plötzlich sehr erregt zu sein und "spaziert" erst nach der Liquidierung der Frau wieder zu seinem Hocker zurück, was für mich heißt, dass er doch nicht ganz so cool ist.    

Man muss beim Schreiben ja immerzu höllisch aufpassen. Den Kritikern entgeht nicht die kleinste Unaufmerksamkeit.
Stimmt. Wenn er sich selber in Rage redet, wird sein Puls ansteigen. Mal schau’n, wie ich das anpassen werde.

Zitat:
    Dieses nervös zuckende Augenlid kenne ich schon aus anderen Texten, es ist an sich nett wegen der Bildhaftigkeit und soll hier vielleicht andeuten, dass Sentenza auf die Störung nur so reagiert? Vielleicht könnte aber etwas anderes zucken, wie gesagt, dieses Augenlid kommt mir etwas abgedroschen vor.    

Das ausgelutschte Augenlid. Da ist schon was dran. Habe ich auch schon 500x im TV gesehen.
Werde mir ein alternatives (leicht) zuckendes Körperteil einfallen lassen.

nebenfluss, vielen Dank für deine Anmerkungen!

Vg sinuhe

@holg: der Schneewittchen Pub wird morgen (SA) Nachmittag fortgeführt. Bis dahin meldet mir das strenge dsfo-System Wir empfehlen Geduld!


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dürüm
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BeitragVerfasst am: 18.01.2013 15:06    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo sinuhe,

wenn Du die Geschichte als Fortsetzung hier unten im Thread anfügst, kannst Du soviele Fortsetzungen und Bearbeitungen posten, wie Du willst.

Die "Geduld" bezieht sich nur auf die Eröffnung von neuen Threads.

Einfach die Fortsetzung als Antwort anschließen und unter dem Textfeld einen Haken bei "Fortsetzung" setzen.

Gruß
Kerem


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Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen.
(Oscar Wilde)
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sinuhe
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BeitragVerfasst am: 18.01.2013 15:20    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Kerem,

gewusst wie. Man muss halt immer die richtigen Tricks und Kniffe kennen, wenn man schnell vorankommen möchte.

Dann werde ich gleich die „Fortsetzung“ hochladen. Es ist – genau genommen – ein Zurückspringen an den Anfang der Geschichte: der kleine Hank lernt den alten Sentenza kennen.

Vielen Dank für den Tipp!!

Lg sinuhe

Ich mag ebenfalls dieses Bonmot von O. Wilde: So etwas wie moralische oder unmoralische Bücher gibt es nicht. Bücher sind gut oder schlecht geschrieben. Weiter nichts.


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sinuhe
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BeitragVerfasst am: 18.01.2013 16:07    Titel: Apfelkuchen in Memphis pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das ist der Auftakt zur Lebensgeschichte von Hank C. Dem ein langer Beitrag im blutroten Buch der Scharfrichter gewidmet ist, weil er das letzte Erschießungskommando auf dem Boden der Vereinigten Staaten im Hochsicherheitsgefängnis von Utah angeführt hatte. Auf ausdrücklich eigenen Wunsch - wie er im Nachgang häufig betonte -, da er sich dieses Schauspiel auf keinen Fall entgehen lassen wollte. Kurz vor seinem Tod, den der Notarzt auf einen plötzlichen Herzstillstand ausgelöst durch einen schlampig gemixten Cocktail bestehend aus Jack Daniels und Mescalin zurückführte, hielt er im Zustand halluzinogener Verklärung Zwiesprache mit den von ihm hingerichteten Delinquenten. Die ihn wegen seiner Grausamkeit teils übel beschimpften, während andere sich bei ihm für die professionelle Art der Exekution bedankten. Feinfühlig, wie er ansonsten war, bemerkte Hank C. allerdings, dass sich die Kritiker in der Überzahl befanden; weshalb er seine letzten Minuten eher verbittert denn mit sich im Reinen erlebte. Die kleine Erzählung soll dazu dienen, dem Menschen Hank C. Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er kam nicht sofort als Henker auf die Welt. Auch Sentenza trug seinen Teil dazu bei, dass aus Hank der wurde, als den die Welt ihn heute kennt: Das Monstrum aus dem Ely State Prison.    

Apfelkuchen in Memphis
Aus der Kindheit von Hank C.

»Kannst du schwimmen, Kleiner?« Der untersetzte Mann, der überraschend neben mir stehengeblieben war, sprach mich sanft an, und ich bemerkte, dass sein Atem nach Bourbon roch.
»Noch nicht so richtig, Mister«, antwortete ich wahrheitsgemäß.
Er blickte sich rasch nach links und rechts um. Daraufhin murmelte er: »Wird Zeit, dass du es lernst«, packte mich am Kragen, hievte mich über die Brüstung und warf mich von der De-Soto-Bridge hinunter in die um diese Jahreszeit braun-schlammigen Fluten des Mississippi. In den Sekunden, in denen ich endlos fiel, hörte ich ihn laut, »Hilfe, da ist gerade ein Junge ins Wasser gestürzt«, rufen, dann tauchte ich ein in schmutzigen Wellen des um diese Jahreszeit trägen Stroms. Während ich langsam nach unten auf den Grund des Flusses trudelte, beobachtete ich mit Interesse die um mich herumflitzenden Silberkarpfen, die mir wie einem alten Freund vertrauensvoll zuzwinkerten. Für einige Sekunden fühlte ich mich pudelwohl in der neuen Umgebung, bis ich erschrocken feststellte, dass ich Wasser anstatt Luft in meine Lungen pumpte. Das Lächeln der Flussbewohner verwandelte sich inzwischen in ein blödes Glotzen. Wie weit ziehen die Alligatoren im Sommer eigentlich nach Norden?, ging es mir panikartig durch den Kopf, derweil sich mein Augenlicht eintrübte. Bereits halb im Dämmerzustand zwischen Leben und Tod erspähte ich einen Schatten ähnlich einem Krokodil, der sich mit kräftigen Stößen schnell auf mich zubewegte, meinen Körper mit festem Griff umklammerte und an die Oberfläche bugsierte. Auf dem Rücken paddelnd, mit mir zwischen den Beinen, schleppte mich mein Retter ans Ufer, wo er sich über mich beugte und den Brustkorb mit rhythmischen Handbewegungen bearbeitete. Ich erbrach literweise dreckige Mississippibrühe und japste nach Luft.
»Du bist ein zäher Bursche. Das gefällt mir«, grinste der Mann mich mit schadhaften Zähnen an. »Wir sind aber noch nicht ganz fertig«, erklärte er und versetzte mir einen gezielten Kinnhaken, sodass mir erneut schwarz vor Augen wurde.

Als ich aufwachte, lag ich auf der Couch im Wohnzimmer meines Elternhauses und hörte, wie sich Ma mit dem Fremden, der mich vorhin in den Fluss geworfen hatte, angeregt unterhielt.
»Das ist ein ganz ausgezeichneter Apfelkuchen, den Sie backen, Mrs. Chinaski. So einen guten habe ich seit Jahren nicht auf der Zunge gehabt.« Der Kerl leckte sich genießerisch die Fingerkuppen seiner rechten Hand ab.


»Ich weiß gar nicht, wie ich mich bei Ihnen für die Rettung von Hank bedanken soll. Das war wirklich heldenhaft von Ihnen, dass Sie ihm sofort hinterhergesprungen sind. Er ist manchmal so verträumt. Mir unbegreiflich, weshalb er auf dem Geländer stand und dort balancierte. Mit Ihnen hat er auf jeden Fall einen mutigen Schutzengel gefunden.«
»Das war doch selbstverständlich. Ich kann so einen sympathischen Jungen schließlich nicht direkt vor meiner Nase absaufen lassen.« Der Mann langte mit gesundem Appetit zu und hatte bereits das halbe Backblech verputzt.
»Ich schaue in der Küche nach, ob ich dort noch eine Kleinigkeit fürs Abendessen finde.« Ma stand vom Tisch auf und verließ auffällig mit den Hüften wackelnd den Raum. Der Fremde saß unterdessen tief über seinen Teller gebeugt und flüsterte, während er mir weiterhin den Rücken zuwandte: »Bist du endlich wieder munter geworden. Befürchtete zwischendurch, dass dich mein harmloser Schlag eventuell zu stark beschädigt hätte. Du neugieriger Bengel hast sicher mitbekommen, wie vertraut deine reizende Mutter und ich miteinander geplaudert haben.«
»Was machen Sie hier? Sie hätten mich beinahe umgebracht. Ich werde das gleich meiner Ma erzählen.«
»Petzen leben gefährlich. Wenn du möchtest, dass du und sie diesen Abend übersteht, würde ich an deiner Stelle den Mund halten. Wäre jammerschade um euch beide. Glaubst du allen Ernstes, ich hechte dir hinterher in den stinkenden Mississippi, um mich im Nachhinein von dir kleinem Bastard verpfeifen zu lassen? Ein Ton von dir und ….« Er drehte sich nun lächelnd zu mir um und fuhr sich langsam mit dem rechten Zeigefinger über den Kehlkopf. Obwohl noch leicht benommen von den Geschehnissen dieses turbulenten Tages begriff ich die tödliche Ernsthaftigkeit, die hinter den leise vorgebrachten Worten des Fremden lag und zog es vor zu schweigen, um die Situation nicht unnötig zu verschlimmern.
»Bist ein kluger Junge. Das ist mir vorhin schon auf der Brücke aufgefallen«. Der Mann schmunzelte vergnügt und pickte beigefarbene Kuchenbrocken aus den Lücken zwischen seinen Zähnen.

Meine Mutter kehrte freudestrahlend mit einer großen Platte Sandwiches und drei Dosen Budweiser zurück, schaltete das Radio ein und tänzelte wie ein Go-go-Girl um den Tisch. Auf GSB spielten sie gerade: Sittin on the dock oft he Bay von Otis Redding. Seitdem Dad vor zwei Jahren mit der nymphomanen Schlampe von nebenan durchgebrannt war, lebten wir sehr zurückgezogen.

Mom‘s Alltag bestand aus Treppen wischen in der Nachbarschaft, dem Bügeln der Arbeitsklamotten einiger Matrosen und der Aushilfe im Trucker-Diner an der großen Kreuzung. Trotzdem reichte das Geld kaum für das Notwendigste. Die Rechnungen für Strom und Wasser konnten wir nicht jeden Monat zahlen, sodass ich manchmal bei den befreundeten Millers gegenüber duschen musste. Der rotgesichtige und im Sommer übel schwitzende Reverent Pelham von der Methodistengemeinde steckte uns hin und wieder ein Almosen zu, das er heimlich der sonntäglichen Kollekte entnahm, wobei er für jeden lumpigen Fünfdollarschein kräftig an Ma‘s Hintern grapschte. Sie erduldete es mit stoischer Fassung. Die Kleidung, die ich am Leib trug, bestand aus gebrauchten Jeans und Hemden, die im nach Mottenpulver stinkenden Laden der Heilsarmee verschenkt wurden. Jeweils am dritten Samstag im Monat traf sich Mom mit vier Freundinnen zum Bingo. Gemeinsam tranken sie eine Flasche billigen italienischen Perlwein, spielten um geringe Centbeträge und kicherten um zwanzig Uhr wie betrunkene Hühner. Obwohl erst Anfang dreißig sah sie bereits alt und verhärmt aus. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass sie früher einmal jung und hübsch gewesen war.

Ma hatte sich die Haare hochgesteckt, schnell das zitronengelbe Festtagskleid angezogen und ein billiges, blumiges Parfum aufgelegt.
»Hank, bist du aus deiner Ohnmacht erwacht. Schön! Das ist Mr. Sentenza, der dir vor zwei Stunden das Leben gerettet hat. Komm her und bedanke dich bei ihm.«
Ich zögerte einen Moment, erinnerte mich aber an die furchteinflößende Warnung und schüttelte widerwillig die schwielige Hand des grobschlächtigen Typen.
»Setz dich zu uns und hör zu, was der charmante Mister Sentenza für aufregende Geschichten aus dem Koreakrieg berichtet.« Mom schien es zu gefallen, endlich einen Mann im Haus zu haben. Bei unserer kläglichen Situation konnte sie nicht besonders wählerisch vorgehen. Dessen war ich mir bewusst. Ob es allerdings mein Beinahe-Mörder sein musste? Hoffentlich bleibt der Gauner nur für eine Nacht, grübelte ich, während ich mir stumm Bratkartoffeln auf den Teller schaufelte.
»Was genau war denn Ihr Job bei der Army?«, Ma betrachtete den Fremden mit einem erschreckend anhimmelnden Blick.
»Nicht so förmlich. Nennen Sie mich einfach Angel.«
»Aber gerne. Ich heiße Jeanett.«

Die beiden hatten ganz offensichtlich Gefallen aneinander gefunden. Mir schwante für die nächsten Wochen nichts Gutes. Meine Zeit als alleiniger Beschützer im Haus neigte sich abrupt dem Ende zu.
Vermutlich bietet sie ihm gleich auch noch den Platz neben sich im Ehebett an, überlegte ich und quetschte den letzten Rest Ketchup auf einen Schinkentoast.

***

»Hör mal Hank: Deine Mutter und ich haben uns heute ein bisschen angefreundet. Es macht dir doch nichts aus, wenn ich in Zukunft häufiger bei euch nach dem Rechten sehe und ab und an hier übernachte? Oder nimmst du mir die Nummer vorhin auf der Brücke noch krumm? Es soll dein Schaden nicht sein. Ich bringe dir dafür Angeln und Schießen bei.«
»Hört sich interessant an. Wo haben Sie gelernt, mit Waffen umzugehen? In Korea? Oder waren Sie bereits in Europa dabei?«
»Weder noch. Vom Krieg fürs Vaterland halte ich nicht allzu viel. Der ist was für patriotische Schwachköpfe. Ich verdiene meine Kohle als Bounty Hunter.«
»Sie sind ein Kopfgeldjäger???«


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