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Das Massaker im Snow White Pub geht weiter


 

 
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sinuhe
Geschlecht:männlichSchreiberassi

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BeitragVerfasst am: 03.02.2013 15:05    Titel: Das Massaker im Snow White Pub geht weiter eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das Massaker im Snow White Pub geht weiter

Während mittlerweile zwei Dutzend Leichen beiderlei Geschlechts und sämtlicher Altersgruppen den wurmstichigen Holzboden des Snow White Pubs pflasterten, seufzte Sentenza geräuschvoll, ließ vier Unzen Jack Daniels die Kehle runterrinnen, betrachtete mich aus wehmütigen Augen und sprach mit schwerer Zungen: »Hank, du fettleibiger und kurzatmiger Bastard meiner dritten Frau, der ich dich trotz deiner geistigen Trägheit liebgewonnen und immer als meinen rechtmäßigen Sohn angesehen habe, lass mich dir erklären, dass mir die Kopfgeldjägerei nicht in die Wiege gelegt wurde. Meine Eltern; Gott hab sie beide selig …«. An dieser Stelle seiner Erzählung bekreuzigte sich mein Stiefvater dreimal, räusperte sich, schritt zu dem nach Pisse riechenden Anwalt, strangulierte ihn mit einem Metalldraht, wandte sich wieder mir zu und fuhr fort: »… als bettelarme Einwanderer von der Westküste Siziliens, die nie eine andere Sprache als ihren palermitanischen Dialekt kennengelernt hatten, taten sie sich anfangs schwer, in East-Brooklyn Fuß zu fassen. Papa schuftete als Träger an Pier 11, wo wir Italiener das Sagen hatten,  und Mama verdiente ein paar Dollar mit Waschen und Bügeln für die Matrosen dazu.«

In einem Anflug impulsiver Rührung quollen zwei glasklare Tränen aus dem linken Auge meines Stiefvaters und liefen die Wange hinunter. Verstohlen wischte er die Spuren vom Kinn – gerade rechtzeitig, bevor sie auf seine Hose tropften –, schnellte plötzlich raubtierartig herum, fixierte eine brünette Notarsgehilfin und nuschelte: »Du geldgeiles Flittchen hast gegrinst.«
»Nein, habe ich nicht.« Die Frau verbarg ihr Gesicht weinend in den Händen.
»Hast du doch.«
»Das konnten Sie doch gar nicht sehen, weil Sie der Dame den Rücken zukehrten«, mischte sich ein grauer Anzugträger in die Unterhaltung ein.
»Wenn ich eines noch mehr hasse als habgierige Weiber, dann sind es dazwischenredende Klugscheißer«, lallte Sentenza, fiel mehr als er lief in Richtung des Mannes und spaltete ihm mit einem klappbaren Handbeil den Schädel in der Mitte entzwei. Nach dieser Sache torkelte er zurück zu seinem Barhocker und zischte: »Hank, hilf mir hinauf, denn ich fühle mich etwas unsicher auf den Beinen.«
An die Adresse der Lady gewandt raunte er: »Bloß ein einziges Wort aus deinem dummen Mund, und ich schlitze dir die Bauchdecke auf.«

Ich widmete der Szene nur meine halbe Aufmerksamkeit, weil ich unterdessen damit beschäftigt war, die Glaubwürdigkeit meines Stiefvaters zu überdenken. Sein vormaliger Kollege Gennaro Fantino, den wir vor einigen Jahren bei einem Scharmützel in Flagstaff verloren hatten, behauptete noch kurz vor seinem Ableben steif und fest, dass Angel Eye – wie Sentenza wegen seines sanften Augenaufschlags ebenfalls gerufen wurde – überhaupt nicht aus der Gegend von Palermo stammte, sondern vielmehr in einem gottverlassenen Winkel am Nordrand Umbriens das Licht der Welt erblickt hätte. Wenn also bereits der Bericht seiner Geburt nicht zutraf, welche der abwechslungsreichen Geschichten konnte ich bei meinem Stiefvater dann noch für bare Münze nehmen? Gehörte er etwa jenem Typus Mensch an, der eine frei erfundene Story so oft auftischte, bis man vom eigenen Lügengespinst selbst überzeugt war? Stellte Sentenza möglicherweise doch nicht den liebevollen Gatten und Vater dar, als den er sich Mutter und mir gegenüber präsentierte? In diesem Moment, in dem sich die Farbe des Parketts im Snow White Pub langsam in ein sattes Rot verwandelte, wurde ich nachdenklich. Was, wenn er uns die Familienidylle jahrelang nur vorgetäuscht hatte? Saß eventuell ein begnadeter Schauspieler neben mir am Tresen? Tötete er in bloßer Erfüllung einer beruflichen Notwendigkeit  – wie er nicht müde wurde, uns beim Abendessen zu versichern –,  oder loderte in Sentenza doch hin und wieder die Mordlust empor? Das wäre ganz und gar nicht in Ordnung gewesen, weil er in diesem Fall unser Vertrauen, das wir ihm nahezu blindlings schenkten, schamlos missbraucht hätte. Sobald die Angelegenheit hier beendet ist, muss ich mit Mom darüber sprechen, ging es mir durch den Kopf. Vielleicht würden ein paar Stunden auf der Couch von Doktor Silberman meinem Stiefvater guttun, und ihm helfen, sich von seinem mitunter übertriebenen Drang nach Perfektion und Pflichterfüllung zu befreien.

»Hank, hör mir zu!«, schnaubte Sentenza und packte mich mit eisernem Griff an den Schultern. »Meine Eltern drehten damals jeden Cent dreimal um, bevor sie ihn ausgaben, damit sie mit den Ersparnissen meine Aufnahmegebühr im Conservatorio San Pietro in Queens bezahlen konnten. Weißt du, was das ist: ein Konservatorium
Ich schaute ihn ahnungslos an, denn dieses Wort war mir unbekannt.
»Das ist eine Schule, in der Gesang unterrichtet wird. Wo sie Kinder zu Tenören ausbilden. Einen, der den Belcanto beherrscht und zwei Oktaven rauf und runter trällern kann.«
»Klingt vielversprechend. Warum hast du diese Laufbahn nicht eingeschlagen?«
»Eines Abends bekam ich mit – weil ich zufälligerweise hinter der Tür stand und das Gespräch belauschte –, wie sich mein Vater mit dem Direktor über Möglichkeiten unterhielt, meine Kunst zu verbessern und den Stimmumfang zu erweitern.«
»Verstehe ich nicht.«
»Ich gelangte nicht über das gestrichene A hinaus.« Sentenza gurgelte mit einem Four Roses und spuckte den Rest, den er nicht runterschluckte, hinter die Bar.
»Na und?«
»Du bist ein dummer Junge, Hank, der außer von  Quarter Poundern und Whoppern von nichts Ahnung hat. Die Verantwortung dafür liegt vor allem bei deiner Mutter, weil sie dich verhätschelt und zur Bequemlichkeit erzieht.  Aber auch ich trage einen Teil der Mitschuld, da ich dich nicht hart genug rangenommen habe.«
Ich kratzte mich verlegen am Ohr, indessen Sentenza mit seiner Rede fortfuhr: »Um das hohe C zu erreichen, musste ein kleiner chirurgischer Eingriff bei mir vorgenommen werden; kapierst du, was das bedeutet?«
Ich drehte fragend meine Handflächen nach oben.
»Sie planten, mich zu entmannen. Wie die Haremseunuchen am Hofe des Sultans in Istanbul.«
»Wozu soll das gut sein?«
»Als Kastrat erreichst du höhere Töne, und ich hätte als verschnittener Knabe unseren Chor nach Europa auf Tournee begleiten dürfen.«
»Das hast du abgelehnt?« Ich verstand nicht, weshalb sich mein Stiefvater in seiner Jugend dieses verlockende Angebot entgehen ließ und erklärte mir den Unwillen mit der italienischen Spontaneität Sentenzas, die ihn manchmal daran hinderte, eine lohnenswerte Angelegenheit gründlich zu überdenken. Ein südländischer Charakterzug, der meine deutschstämmige Mutter mitunter zur Verzweiflung trieb.
»Natürlich! In dieser Nacht verknüpfte ich die Laken im Schlafsaal zu einem Tau, seilte mich in den Garten ab und verschwand auf Nimmerwiedersehen.«
»Was geschah dann?«
»Sie suchten damals händeringend Rekruten für den gerade ausgebrochenen Krieg auf der koreanischen Halbinsel. Ich änderte meinen Namen und meldete mich freiwillig.«
»Korea liegt in Asien; oder?« Geografie war zugegebenermaßen nicht mein stärkstes Fach auf der Highschool gewesen.
»Korrekt.«
Mein Stiefvater blickte mit wässrigen Augen an die blutverschmierte Wand, während er an die Erlebnisse seiner unbeschwerten Militärzeit zurückdachte.
»Dort lernte ich das Morden und Plündern kennen. In der Schlacht von Heartbreak Ridge erwarb ich mir wegen meiner Tapferkeit den Respekt der Vorgesetzten, weil ich Fantino – der als Sergeant eine absolute Fehlbesetzung darstellte – davor bewahrte, von einem Schlitzaugen-Bajonett durchbohrt zu werden, indem ich ihn zu mir in den Matsch riss und  die Wunde statt seiner empfing. Seitdem ziehe ich das Bein ein bisschen nach und trage Spezialeinlagen in den Schuhen.«
»Dafür wurdest du belohnt? Ich erinnere mich dunkel daran, dass du uns die Geschichte vor einigen Jahren beim Wohltätigkeits-Barbecue in der Magdalenenkirche erzählt hast.«
»Sie hefteten mir einen Blechorden ans Revers und beförderten mich zum Corporal.«
»Und was geschah weiter?
»Ein Jahr später ging ich in San Diego von Bord der USS Missouri. Mit siebzig Dollar in der Tasche, zahlreichen guten, jedoch völlig nutzlosen Ratschlägen im Gepäck, aber leider arbeitslos. Der Krieg war vorbei. Eine Weiterverwendung für mich bei der Army gab es nicht.«
»Das muss damals ein Schock für dich gewesen sein. Eventuell erklärt das, weshalb du die Obrigkeit hasst.«
»Ach was. Mein Kumpel Genna wartete bereits am Hafen und fragte mich, ob ich Interesse dafür aufbringen könnte, ihn bei seinem Job als Erlediger zu unterstützen. Geld bei säumigen Schuldnern eintreiben, Kioskbesitzer einschüchtern, illegale Mexikaner zur Arbeit auf den Obstplantagen antreiben. Langweilige Beschäftigung, aber fürs Erste besser als nichts und vor allem pünktlich bezahlt.«
»Die Tätigkeit hast du aber nicht lange ausgeübt; oder?«
»Nach einigen Monaten sattelten wir um auf die Kopfgeldjägerei. Das ist eine Profession für Kerle, die in unserem schönen Land einen guten Ruf hat und eine lange Tradition aufweist.« Sentenza sprang von seinem Stuhl auf und küsste die amerikanische Flagge, die als Bündel zusammengeschnürt vor ihm auf der Theke lag, so wie er sie vor einer Stunde von zu Hause mitgebracht hatte.
»Ich habe im Laufe der Jahre viele schwere Jungs und Strauchdiebe eingefangen und ordnungsgemäß der Staatsanwaltschaft übergeben, damit sie ihrer gerechten Strafe zugeführt wurden. Hin und wieder – aber nur in Fällen äußerster Notwehr – musste ich zur Waffe greifen. Ich habe nie gerne getötet, sondern einzig meinen Job erledigt. Auf meinem Colt kannst du dreiundfünfzig Kerben erkennen. Das ist die stolze Zahl der Gauner, die ich im ehrlichen Duell zur Strecke gebracht habe. Hank, ein Mann muss den Job ergreifen, zu dem er sich berufen fühlt. Chorknabe wäre einfach nichts für mich gewesen. Wobei ich liebend gerne einmal im Leben in der Sixtinischen Kapelle vor dem Heiligen Vater und seinen Kardinälen aufgetreten wäre.«
Angel Eye war dermaßen in seine Vergangenheit vertieft, dass er nicht zu bemerken schien, wie ein pinker Krawattenträger versuchte, langsam auf den Knien zum Hinterausgang zu robben und von dort aus das Weite zu suchen. Während sich mein Stiefvater mit der Linken einen halben Tequila einschüttete, rief er den vorwitzigen Anwalt leise an, der sich auf frischer Tat ertappt erschrocken umdrehte, woraufhin eine Kugel sein rechtes Auge zerfetzte und er mausetot zur Seite wegkippte.
»Ich habe niemals jemandem in den Rücken geschossen. Das gehört sich nicht. Die, die hier auf dem Boden liegen, sind es nicht wert, dass ich für sie Markierungen in meinen Colt schnitze. Die laufen alle außerhalb der Statistik.«
»Sollen wir die fünf, die noch übriggeblieben sind, nicht besser frei lassen und uns Sheriff Pepper ergeben?« Allmählich begann ich, mir Sorgen wegen des Ausgangs von Sentenzas kleinem Rachefeldzug zu machen.
»Das verstehst du nicht, lieber Sohn. Obwohl ich meinen Beruf jederzeit professionell und in ehrbarer Weise erfüllte, haben mich die Herren Anwälte von der ersten Stunde an verachtet und mir das Leben sauer gemacht.  Es verging kaum ein Tag, an dem sie mich nicht vor Gericht zitierten. Mal stand ihr Mandant angeblich gar nicht auf der Fahndungsliste, oder sein Vergehen war bereits verjährt, oder er hatte sich zwischenzeitlich mit meinen Auftraggebern über eine Ratenzahlung geeinigt, weshalb ich ihn nicht mehr hätte jagen dürfen. Ich wäre zu brutal und kaltblütig; ein normaler Mensch würde diesen Job gar nicht ausüben. Sie versuchten, mich als Psychopathen und Serienkiller zu stigmatisieren. Es gab kaum ein Argument, das ihnen zu hirnrissig erschien, als dass sie es nicht gegen mich verwendeten.«
»Vielleicht wird es Zeit, dass du dich zur Ruhe setzt und das Leben als Pensionär genießt. Die fünfzig Kerben hast du mittlerweile auf dem Colt. Welches Ziel willst du noch erreichen?«
»Genau das hatte ich mir ebenfalls überlegt, Hank. Ich wollte gemeinsam mit deiner Mutter und dir aufs Land ziehen. Mir schwebte eine bescheidene Farm in Oregon vor, auf der wir unser Gemüse selber züchten und für dich einen Lehrberuf in der Gemeindeverwaltung besorgen, wie es deiner Mutter vorschwebt.«
»Dann lass uns aufstehen und Pepper die Sache erklären. Da wird sich eine Lösung finden. Der Sheriff ist ein verständnisvoller Mann, der mit sich reden lässt.«
»Es hat alles keinen Sinn mehr. Nächste Woche wird der Prozess wegen der alten Sache in Flagstaff ein weiteres Mal aufgerollt, bei der wir dummerweise den Kalabresen verloren, und die ich mittlerweile längst vergessen hatte. Die Schwester von Big Boobs Betty, die wir damals besser ebenfalls hätten erschießen sollen, anstatt uns von ihrem arglistigen Gejammere einlullen zu lassen, setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um Schadenersatz von mir zu fordern. Das raffsüchtige Luder. Fünf Rechtsverdreher, die hier heute Abend fröhlich ihre Happy Hour feierten, haben bereits die Messer auf mich gewetzt. Sie wollen mich wegen schwerer Körperverletzung, Beihilfe zum Mord und Trunkenheit im Zeitpunkt der Berufsausübung in den Bau schicken, den ich frühestens in zwanzig Jahren als inkontinenter Greis wieder verlassen werde. Zudem haben sie beantragt, mein Vermögen zu konfiszieren. Dann wären Haus und Bankkonten weg. Das konnte ich – schon um dich und deine Mutter vor dem Absturz in den finanziellen Ruin zu schützen – nicht zulassen. Deshalb beschloss ich, diese Stadt von sämtlichen gottverdammten Winkeladvokaten zu befreien und so ein Signal zu setzen, dass das Zeitalter des klassischen Bürgertums unweigerlich an sein Ende gelangt ist. Denn die Advokaten, Staatsanwälte und Richter – die ganze Bande, die sich mit dem Mantel der Objektivität tarnt –, verrichten ihren Job nicht mehr aus Überzeugung, sondern aus reiner Boshaftigkeit und Geldgier. Der Kapitalismus frisst heute seine loyalsten Vertreter auf.«

Während aus der Jukebox Hard to say I’m sorry von Chicago erklang, erloschen schlagartig die Lichter im Snow White Pub und beißender Qualm waberte durch das Lokal. Laute Stimmenfetzen schallten aus allen vier Ecken gleichzeitig.
»Sie kommen, mich zu holen.« Sentenza kippte einen letzten Bourbon, atmete vernehmlich aus und flüsterte: »Du brauchst keine Angst zu haben, Hank, mein Sohn. Es wird Zeit, dass ich mich von dir verabschiede.«
Mein Stiefvater umarmte mich innig, schoss mir hiernach in den linken Oberschenkel und schlug mir ein Stuhlbein auf den Hinterkopf. »Was tust du da?«, murmelte ich, bevor mir schwarz vor den Augen wurde, und ich das Bewusstsein verlor.

***  

Als ich in einem fremden Raum erwachte, schien draußen die Sonne, Mama saß lächelnd neben dem Bett und wiegte vergnügt einen Picknickkorb auf dem Schoß.


Fortsetzung folgt

Die Vorläuferstory Der blutbespritzte Kalabrese stelle ich nachher ebenfalls in diesen Thread ein, damit der Leser den Entwicklungsgang der Geschichte mit Sentenza besser nachvollziehen kann.

12Wie es weitergeht »




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sinuhe
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BeitragVerfasst am: 03.02.2013 16:47    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das hier ist die Vorläufergeschichte, die zeitlich rd. vier Jahre vor dem Massaker handelt. Die wurde bereits von Betalesern korrigiert. Wem trotzdem weitere Fehler auffallen, kann mir die natürlich jederzeit gerne mitteilen. Immer hochwillkommen! Very Happy

Der blutbespritzte Kalabrese

Aus der Jugend von Hank C.

»Wie viele Kerle hast du um die Ecke gebracht, seitdem wir uns kennen, Sentenza?«
»Korea miteingerechnet oder rein beruflich bei uns in den Staaten?« Der Mann, den meine Mutter vor zehn Jahren aus der spontanen Gefühlsaufwallung eines romantischen Augenblicks heraus geheiratet hatte, jonglierte geschickt mit drei taubeneigroßen Eiswürfeln, während er sich mit seinem Kumpel Gennaro Fantino über die glorreichen alten Zeiten im Fernen Osten und ihre Jugendstreiche in der New Yorker Lower Eastside unterhielt.
»Die alten Schlitzaugenstories interessieren mich nicht. Nur die Männer, denen du hier auf den Fersen warst.« Der grauhaarige kalabresische Kopfgeldjäger stieß sein Klappmesser in den Boden einer Zwölf-Unzen-Dose Heinecken und lenkte den ungestüm heraussprudelnden Bierstrahl zielgenau in seinen weit geöffneten Mund.
»Das müsste heute der Siebenunddreißigste gewesen sein. Wenn ich sie alle richtig durchgezählt habe. Im Lauf der Jahre vergisst man den ein oder anderen Galgenvogel schon mal.«
»Da sagst du was. Ich tue mich ebenfalls schwer, mir die Gesichter alle zu merken. Ich glaube, der da hinten war Nummer neunundvierzig. Fehlt mir also noch einer bis zum Fünfziger-Jubiläum. Nunziatina führt zu Hause penibel Buch darüber. Die macht auch das Inkasso, falls ein Auftraggeber nicht pünktlich bezahlt.«
»Du hast es gut. Meine Alte lässt mich zwei Tage nicht ins Schlafzimmer, wenn ich einen Job erledigt habe. Sie meint dann, ich würde nach fremden Blut stinken und ekelt sich vor mir.«
»Aber die Kohle akzeptiert sie.«
»Natürlich.«

Während Ex-Corporal Angel Eye Sentenza und sein Sergeant Gennaro Fantino morgens um sechs am menschenleeren Tresen von Mighty Florence‘ Bar über ihre lange zurückliegende gemeinsame Armeezeit plauderten und in diesem Zusammenhang ebenfalls nostalgische Vergleiche von palermischer Cassata, die meine Mutter an hohen Feiertagen für ihren sizilianischen Gatten buk, mit Torta di Mandorle aus Cosenza anstellten und sich dabei wehmütig ihrer verstorbenen Mütter erinnerten, hing Pink Nose Fred mit violett angelaufener Zunge und seitlich zur Schulter gekipptem Kopf auf einem von Motten zerfressenen Sitzkissen; die Finger der linken Hand noch gierig ausgestreckt nach einem Whiskey Sour, den er jedoch niemals erreichte, weil ihn vorher eine Kugel aus dem Colt M1911 meines Stiefvaters im rechten Auge erwischt hatte. Dort, wo vorher noch eine blaue Iris strahlte, klaffte nun ein grauschwarzes Loch in der Größe einer halbierten Billardkugel.  Fred, der vor kaum dreißig Minuten noch mit Big Boobs Betty gescherzt, gut gelaunt einen Bourbon nach dem anderen in sich hineingekippt und den drallen Hintern der Kellnerin lüstern befummelt hatte, klemmte nun blutverschmiert in einem von Holzwürmern angenagten Eichenstuhl, während ein gutes Dutzend grüner Schmeißfliegen seinen schweißglänzenden kahlen Schädel umkreisten. In der Eile des Gefechts hatte sich sein billiges Kaufhaustoupet aus der Verankerung gelöst und ruhte nun traurig in sich zusammengefallen vor ihm auf dem Tisch, eingerahmt von einer umgestürzten Flasche Jack Daniel‘s und einer Tüte leicht gesalzener Erdnüsse.

Sein Pech bestand von Anfang an darin, dass die Staatsanwaltschaft in Phoenix für seine Ergreifung dieselbe Summe sowohl für Dead als auch Alive ausgesetzt hatte. In diesem Fall machten sich Profis wie Sentenza und Sergeant Fantino nicht die Mühe, den Gejagten erst umständlich von der Sinnhaftigkeit seiner Ergreifung zu überzeugen. Entweder ergab sich der Gesuchte binnen Sekunden seinen Verfolgern, oder ein schneller Schuss erledigte den Rest. Da Fred zudem mit einer geradezu panikartigen Bewegung in der Innenseite seines Jacketts nach einer Beretta 92 gesucht hatte, schossen mein Stiefvater und sein Begleiter in purer Notwehr auf ihn. Die Beweislast lag beim Opfer, das – weil es mausetot war und bereits seit einigen Stunden entweder in der Kühlkammer des Leichenschauhauses oder auf dem Seziertisch eines Gerichtsmediziners lag – praktischerweise keine sachdienliche Aussage mehr treffen konnte.

Ich nuckelte derweil an meiner lauwarmen Cherry Coke und überlegte, ob mir diese Art von Arbeit Spaß bereiten würde. Mom hatte mir mehrmals aufgetragen, mich im heimischen Memphis bei dem nach dem Krieg aus Nürnberg eingewanderten Karl Bachmeier für eine Ausbildung zum Konditor zu bewerben. Sentenza hingegen meinte, dass dies ein Beruf für effeminierte Schwuchteln sei und meine adipösen Tendenzen noch verstärken würde. Bei diesem Thema gerieten die beiden häufig in Streit, der damit endete, dass Mutter weinend in die Küche lief und ihr mein Stiefvater ein böses Deutsche Nazischlampe hinterherschleuderte.

»Wie läuft’s denn bei euch im Bett, Sentenza? Bist du noch der alte sizilianische Stier, oder ist die Luft mittlerweile raus bei dir?« Ex-Sergeant Fantino blickte seinen Jugendfreund verschmitzt von der Seite an und schlug sich vergnügt mit der Innenseite der rechten Hand auf die Knöchel seiner linken Faust.
»Jetzt bloß keine Puffklamotten aus Korea vor dem Kleinen. Der bringt es fertig, mich bei seiner Mutter zu verpetzten. Und schon bin ich in Mezzo la Merda
»Was schleppst du den Trauerkloß auch mit dir rum? Meld ihn bei der Army an. Die machen einen Kerl aus ihm.« Der Kalabrese spuckte einen Rest schalen Bieres auf den Boden.
»Hank, gammel‘ nicht in der Nähe von Pink Nose Fred rum. Der ist schlechte Gesellschaft für dich.  Stell dich lieber zu uns an die Bar.«
»Angel Eye, ich mag’s nicht, wenn du Sexgeschichten von dir und Mom zum Besten gibst.«
»Der Kleine ist ein Sensibelchen. Habe ich dir übrigens schon die Story erzählt, wie ich ihm bei unserem ersten Kennenlernen das Leben rettete, indem ich ihn aus den schmutzigen Fluten des Mississippi rausgezogen habe?«
»Mindestens zweihundert Mal, Sentenza. Du wirst alt und wiederholst dich. Überleg dir, ob der Job noch das richtige für dich ist. Sobald du zu langsam und zittrig wirst, liegst du quer über dem Pokertisch, und ich muss dich einsargen anstatt im Anschluss einen mit dir zu heben.«
»Bin dabei, meinen Stiefsohn anzulernen. Damit aus dem was Vernünftiges wird.«
»Den kleinen Fettsack? Das klappt nie und nimmer. Der ist zu dick und hüftsteif.« Fantino tippte sich mit drei Fingern an die Stirn und betrachtete seinen Kumpel wie einen senilen Idioten, dem er das Einmaleins der Kopfgeldjägerei beibringen musste.

Mighty Florence, die Schankwirtin des T.Rex Dancefloor Inn‘s, die wegen ihrer dichtbehaarten Arme und Beine von den Gästen hinter vorgehaltener Hand liebevoll Tarantula genannt wurde, hatte den beiden Bounty Huntern bisher schweigend zugehört. »Sobald ihr zwei Großwildjäger ausgetrunken habt, schnappt ihr euch den Leichnam von Pink Nose, bevor dessen aufgequollener Körper in meinem Laden in Verwesung übergeht. Eure Drinks spendiere ich. Aber was ist mit den Schulden von Fred? Er hatte einen Deckel in Höhe von rund fünfhundert Dollar bei mir. Wer kommt für den auf?«

»Dein Problem, Schätzchen. Darfst du Typen wie den eben nicht anschreiben lassen. Gehört zu deinem Geschäftsrisiko.« Ex-Sergeant Fantino feixte in der Art eines Polizisten von der Sitte, der von der Bordellwirtin gerade eine Gratisnummer einforderte.
»Du südeuropäischer Pastaclown tickst wohl nicht ganz richtig. Spazierst hier in aller Seelenruhe mit deinem griesgrämigen Kollegen und dem rotznasigen Lümmel, der längst ins Bett gehört, in meinen Club rein, ballerst einen meiner Stammgäste über den Haufen, verursachst dabei einen Höllenspektakel und eine Riesensauerei und willst mir nun ernsthaft erklären, ich müsse für den Schaden, den du angerichtet hast, selber aufkommen? So haben wir nicht gewettet.«
Mit einer Behändigkeit, die ich Mighty Florence nicht zugetraut hatte, griff die Schankwirtin in eine Schublade an der Unterseite des Tresens, zog ein langes Fleischermesser heraus, drückte die feinpolierte Klinge fest an den leicht hervorstehenden Adamsapfel des Kalabresen und zischte: »Fünfhundert in bar auf den Tisch oder ich trenne dir den Kopf mit einem Schnitt vom restlichen Rumpf. Auf eine Blutlache mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an.«
Mein Stiefvater setzte sein allerbreitestes Barrakudagrinsen auf und lachte: »Du solltest ihr den Gefallen tun. Die ist imstande und schächtet dich wie ein syrisches Opferlamm.«

Während sein Kumpel Fantino fluchend fünf grüne Riesen auf die glattpolierte Fläche der Theke zählte, lief im Hintergrund leise: Three times a lady von den Commodores.

Tarantula befeuchtete drei Fingerkuppen ihrer rechten Hand und zählte die Scheine viermal durch. Daraufhin lächelte sie, legte das Metzgermesser zurück in die Schublade, zerriss vor unseren Augen den Schuldschein von Pink Nose und fragte mit sanfter Stimme: »Möchte einer der Herren noch einen Absacker nehmen, bevor ich den Laden schließe? Geht aufs Haus.«
»Für mich einen doppelten Rebel Yell. Müsste für die Kohle, die ich hingeblättert habe, drin sein; oder?«, grummelte Fantino noch etwas angefressen darüber, dass er soeben die Rechnung eines Toten begleichen musste.
»Genna, trink nicht so viel. Du hast vorhin schon danebengezielt, als wir Fred ins Visier nahmen. Das wäre dir früher nicht passiert.« Mein Stiefvater griff seinen Jugendfreund am Handgelenk. Der riss sich ungehalten los von ihm.
»Lass mich in Ruhe, du nachgemachter Sizilianer und spar dir die Weisheiten für deinen rothaarigen Bastard auf, der mir seit Tagen mit seiner mundfaulen Art auf den Nerven rumtrampelt.«
Mit dieser unfreundlichen Bemerkung spielte der Ex-Sergeant auf eine äußerst wunde Stelle im Lebenslauf meines Stiefvaters an: nämlich dessen dubiosen Stammbaum. Angel Eye versäumte keine Gelegenheit, seine Herkunft aus Palermo zu betonen und schreckte mitunter sogar vor gewagten Verwandtschaftsverhältnissen zur sagenumwobene Familie Riina aus Corleone nicht zurück. Dabei blieb er aber vernünftigerweise immer sehr unpräzise, so dass man ihn am folgenden Tag nicht darauf festnageln konnte. Unumstößliches Faktum  blieb es jedoch, dass in Ex-Corporals Sentenzas Sozialversicherungskarte Spello als Geburtsort nachzulesen war. Eine Zwergkommune im nördlichen Umbrien, unmittelbar vor den Toren des benachbarten Assisi gelegen. Fantino, der als ehemaliger Vorgesetzter meines Stiefvaters dessen Akten natürlich kannte, ließ es sich nicht nehmen, seinen Jugendfreund hin und wieder mit dessen zweifelhafter Abstammung zu hänseln. Das gipfelte mitunter in Vergleichen mit dem heiligen Franz, von wo aus er nur noch ein Katzensprung bis zum kränkenden „Du Mädchen“ zu vollführen brauchte, bei dem Sentenza spätestens seine Beherrschung verlor und völlig ausrastete. Ich hatte im vergangenen Jahr auf einem Supermarktparkplatz in Denver erlebt, wie mein Stiefvater zwei an und für sich harmlose Strauchdiebe kommentarlos hinter ihrem silbergrauen Dodge Challenger schnurstracks liquidierte, als die sich kichernd Bemerkungen über die Kirchenväter zuraunten. In der Konsequenz verzichtete er obendrein auf die Kopfprämie, da diese einzig für Alive ausgelobt gewesen war. In dieser Sache verstand er Null Spaß. Einzig bei Fantino verkniff er sich den sofortigen Griff zum Revolver, aber eher aus Respekt vor dessen Heldentaten im Koreakrieg denn aus Einsicht in die Zweifelhaftigkeit seines sizilianischen Stammbaums.   

»Du musst deinen Sohn hart rannehmen. Der wirkt auf mich wie ein Fußball, aus dem die Luft entwichen ist.«
»Würde ich liebend gerne tun, aber seine Mutter hätschelt ihn immer noch wie ein kleines Kind.«
»Dann prügele den beiden Vernunft ein. Du bist der Mann im Haus.«
Ich hasste den Kalabresen, der mich seit Antritt unserer gemeinsamen Dienstreise arrogant von oben herab behandelte, von ganzem Herzen. Hätte ihn in diesem Moment ein Aneurysma niedergestreckt, würde ich jubelnd die Arme zur nikotingelben Decke ausgestreckt haben.

Big Boobs Betty, die wegen ihrer wild wogenden – von keinem BH zu bremsenden – Brüste von den Gästen ebenfalls Triple B gerufen wurde, hatte sich mittlerweile umgezogen und war in den Schankraum zurückgekehrt. Der blutüberströmte Leichnam von Pink Nose Fred schien ihr keinerlei Kopfzerbrechen zu bereiten. Unterhalb des mit kleingeschmolzenen Eiswürfeln bedeckten Tischs lag Freds blaues Auge und strahlte längst nicht mehr so kräftig wie noch vor einer Stunde, als er gutgelaunt und bourbonselig die enormen Möpse der Kellnerin begrapscht hatte. »Wer räumt die Schweinerei dahinten weg?«, erkundigte sie sich bei Mighty Florence und zündete eine goldgefasste Chesterfield an. Die Wirtin nickte mit dem Kopf stumm in Richtung Fantino. Der tat so, als ob er den Hinweis nicht verstanden hätte, schenkte sich selber ein neues Wasserglas voll mit Whiskey ein und kippte es mit einem einzigen Zug in seine gierige Kehle hinein. Big Boobs umkreiste derweil neugierig wie eine das Aas witternde Hyäne den langsam immer mehr in sich zusammensinkenden Körper von Fred, fingerte einen Handschuh aus ihrer Tasche heraus, streifte den über ihre rotlackierten Finger und tastete den blau angelaufenen Mann ab. »Du geiler Mistkerl musst doch ein paar Kröten eingesteckt haben, bevor du das Haus verlassen hast, um dich in unserem Schuppen volllaufen zu lassen.«

»Ey Kleiner, steh hier nicht blöde rum und halte Maulaffen feil! Hilf mir, den eingeklemmten Fettsack zu bewegen.« Ich tat, wie mir geheißen wurde und wuchtete die hundert Kilo von Fred in die Höhe. Triple B griff geschickt in die linke Gesäßtasche des bereits nach Zersetzung riechenden Toten hinein und beförderte mit einem glückserfüllten Lächeln eine prallgefüllte Brieftasche zutage. »Dreihundert Piepen, nicht so schlecht für sechs Uhr morgens«, prustete sie und schaute mich vergnügt an. »Hier sind fünfzig Mäuse für dich. Kauf dir ein paar anständige Klamotten dafür. Du läufst rum wie von Mami angezogen. In dem Outfit bekommst du nie ein Mädchen ab.« Daraufhin inspizierte Betty die rotgesprenkelte Wand hinter Fred, entdeckte das an der Tapete klebende Haarteil und kratze es mit einem Löffel von dort ab. Sie hob es mit spitzen Fingern in die Höhe, schüttelte dabei einige kleinere Teile von Pink Noses Hypophyse, die sich im feinmaschigen Netz auf der Unterseite verfangen hatten, heraus und begutachtete ihren Fang. »Zweimal in die Waschmaschine, dann sieht es wieder aus wie neu. Wird sich Charly zuhause drüber freuen. Der hat sein Toupet letzte Woche irgendwo liegenlassen«, murmelte Big Boobs erfreut.

Fantino, der den Verlust der fünfhundert Bucks noch nicht verdaut hatte, bewegte sich nun bedrohlich schwankend auf Betty zu, packte diese von hinten an der Schulter und schrie: »Her mit der Kohle, du geldgieriges Luder! Das könnte dir so passen, die Ersparnisse meiner mühsam erlegten Beute einzuheimsen.« Triple B, an deren rechtem Unterarm noch die Handtasche baumelte, wirbelte mit gepardenartiger Geschwindigkeit herum und drosch das Utensil mit voller Wucht auf die Nase des Ex-Sergeants. Der wimmerte leise, zückte seine 9mm Luger und richtete die Waffe abwechselnd auf mich und Triple B’s weit in den Raum hineinragenden Busen. Mit einem fiesen Grinsen lallte er: »Den alten Fantino beklaut keiner. Wen von euch beiden soll ich zuerst ins Jenseits befördern?« Im selben Augenblick peitschten in der zeitlichen Abfolge von wenigen Hunderstelsekunden drei Schüsse aus drei verschiedenen Winkeln des Lokals. Der Kalabrese blickte zuerst ungläubig auf ein faustgroßes Loch oberhalb seines Bauchnabels, griff sich dann an die zerfetzte Brust, bevor er unendlich sachte auf den mit Bierpfützen übersäten Boden sank, nahezu in Zeitlupe zentimeterweise nach unten glitt, wobei sich sein rechtes Auge verselbstständigte und wie eine braune Murmel neben die mittlerweile blassblaue Iris von Fred kullerte.

Mit vor Angst rasend schlagendem Herzen bemerkte ich die warme Beretta 92 von Pink Nose in meiner Hand. Wie war die dorthin gelangt? Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben auf einen Menschen geschossen. »Auf welche Weise regeln wir das Ganze, Ladies?«, erreichte mich wie durch eine Nebelwand hindurch aus weiter Ferne die Stimme Sentenzas. »Am vernünftigsten wäre es, wenn entweder der dicke Junge oder Big Boobs die Schuld auf sich nehmen. Sie hätten für mein Verständnis beide in Notwehr gehandelt. Mehr als fünf Jahre würden sie dem Kleinen hier bei uns in Arizona nicht aufbrummen. Die sind schnell abgesessen«, erwiderte Mighty Florence, während sie die rauchende Winchester im Schrank hinter sich verstaute. »Wie soll ich das seiner Mutter in Memphis erklären?«, überlegte mein Stiefvater laut. »Zudem benötige ich nach dem überraschenden und nicht geplanten Weggang des Sergeants einen neuen Partner. Wir müssen uns eine andere Lösung einfallen lassen«, gab er mit sorgenvoller Miene zu bedenken.


Der grauhaarige Kalabrese lag derweil rücklings Bein an Bein mit Pink Nose, unterdessen sich die beiden Blutlachen allmählich miteinander vermischten.

»Ich werde auf keinen Fall irgendeine Form von Komplizenschaft auf mich nehmen«, schnaufte Triple B. »Als einzige hier im Raum halte ich keine Waffe in der Hand. Scheint mir logisch zu sein, dass ich als Täterin ausscheide.«
»Da hat sie recht«, pflichtete Mighty Florence ihrer Angestellten bei. »Bleiben also konsequenterweise nur noch wir drei übrig. Ich als Wirtin, die bald die Pensionsgrenze erreicht, verspüre keine Lust, die nächsten zwanzig Jahre im Knast zu verbringen, dort in einer kleinen Zelle zu verfaulen und auf dem Gefängnisfriedhof als zahnlose Mumie verbuddelt zu werden. Müssen wir uns eben auf einen von euch zwei humorlosen Galgenvögeln einigen. Ich schlage nach wie vor den kleinen Fettklops vor. Zum einen wird er mit ein paar läppischen Jahren davonkommen; zum anderen täten ihm etwas Bewegung und kalorienarme Kost sicherlich gut. Ein kurzer Aufenthalt im Knast hat noch niemandem geschadet.«
»Weshalb solltest du ungeschoren bleiben?«, erkundigte sich mein Stiefvater mit einem raubtierartigen Funkeln in den Augen.
»Weil ich die Cousine vom Sheriff bin und Stein und Bein schwören werde, dass ich mit der Sache nichts am Hut habe, sondern ganz im Gegenteil – allerdings erfolglos – versuchte, euch von dem Gemetzel abzuhalten. Big Boobs wird das sicher gerne bestätigen. Wem glaubst du, wird der Chief eher sein Vertrauen schenken: einer nahen Verwandten oder einem durchreisenden Todesengel?«    

»Das leuchtet mir ein«, erwiderte Angel Eye. »Dann lass mich noch einen letzten Schluck an der Bar trinken und mit meinem Sohn ausknobeln, wer von uns beiden die Reise in die Hölle antreten muss.«
»Gerne, was darf’s sein?«
»Für mich einen Buffalo Trace, falls ihr so guten Stoff in diesem traurigen Schuppen überhaupt vorrätig haltet.«
»Und du, Kleiner?«
»Dasselbe.«
»Nichts da. Du bist noch keine einundzwanzig. Das hier ist ein anständiger Laden. An Kinder schenke ich keinen Alkohol aus.«
»Dann eben eine Vanilla Coke.«

Während Mighty Florence meine Cola aus dem Kühlschrank angelte, und Betty um Fantinos Leichnam herumschwirrte wie ein Moskito auf der Suche nach süßem Blut, kontrollierte Sentenza, ob die Rollläden der Nachtbar akkurat geschlossen waren. Dann wandte er sich mit einer engelsgleichen Stimme an die Wirtin und fragte: »Kannst du den aktuellen Hit von Donna Summer für mich auflegen? Ist einer meiner Lieblingssongs im Moment. Weiß nicht, ob ich den im Zuchthaus so oft zu hören bekomme.«
»Natürlich.«

 Aus den Lautsprechern erschollen die ersten Takte von MacArthur Park: Spring was never waiting for us … Mein Stiefvater lächelte weiterhin, packte sich in aller Seelenruhe an den Bund seiner Hose, beförderte den Colt M1911 nach oben, schaukelte das Mordgerät einige Sekunden lang schweigend hin und her, bevor er über den Tresen kletterte, die Waffe der vor Angst erstarrten Wirtin an deren linke Schläfe hielt, ihr ein freundliches »Es wird nicht wehtun«, ins Ohr hauchte und im selben Augenblick abdrückte. Tarantula sackte mit einem gutturalen Röcheln in die Knie, bevor sie Beine und Arme wie bei einer Kreuzigung ausgestreckt mit der Nase voran auf die wurmstichigen Holzdielen plumpste. In der Art wie sie dalag, erinnerte sie mich an eine plattgedrückte Arachnide und bereitete so bis zum bitteren Ende hin ihrem Kosenamen alle Ehre.

Big Boobs hatte in der Zwischenzeit den Körper von Fantino um hundertachtzig Grad gedreht und klopfte Hose, Hemd und Jackett nach Bargeld und Kreditkarten ab. Vom Schuss hinter der Theke aufgeschreckt, hielt sie mit der Leichenfledderei inne und musterte Sentenza mit schreckgeweiteten Pupillen. Der beachtete die Kellnerin überhaupt nicht, sondern wandte sich freundlich an mich: »Schnapp dir Gennaros Pistole und erledige den Rest. Und trödele nicht herum, sondern schau zu, dass wir zügig von hier wegkommen. Die Bullen werden sicher gleich hier sein.«
»Ich kann das nicht«, stotterte ich.
»Doch, du wirst die Angelegenheit hundertpro durchziehen.«
»Weshalb unbedingt ich?«
»Weil du ansonsten für Jahre in den Bau gehst. Willst du das?«
»Nein.«
»Also handele wie ein Mann und bring es hinter dich!«


Mein Stiefvater stand jetzt vis-à-vis und drückte mir die Luger seines Jugendfreunds in die Hand. »Tue es! Wir haben nicht ewig Zeit.« Dann machte er einen Schritt nach vorne, sodass ich seinen warmen Atem auf meiner Wange spürte.
»Bitte nicht«, flehte Betty. »Ihr könnt alles Geld mitnehmen. Ich brauche nichts davon.«
»Da, wo du nun hinwanderst, benötigst du ohnehin nur eine Münze für den Fährmann«, wisperte Angel Eye und schlug mir unvermittelt mit der linken Faust auf den Bizeps des rechten Oberarms. Die Nervenbahnen meines empfindlichen somatischen Systems leiteten den Impuls unverzüglich weiter an den Zeigefinger der Hand, woraufhin der reflexartig nach hinten zuckte, den gespannten Hahn des Revolvers berührte und den Zündmechanismus auslöste. Die Kugel durchstieß Big Boobs perlmuttweiße Stirn und dort, wo ich eben noch feine Schweißperlen erblickt hatte, konnte ich nun durch ihre geöffnete Schädeldecke hindurch die orangefarbene Tapete auf der gegenüberliegenden Seite des Raums erkennen. Während die dralle Kellnerin schwerfällig mit dem Kinn auf Freds blutbefleckten Schoß fiel, schossen mir Tränen in die Augen. Als Angel Eye meinen Gefühlsausbruch bemerkte, reichte er mir ein Taschentuch: »Putz dir die Nase! Ist heute vollkommen okay, dass du flennst. Ging mir beim ersten Auftrag in Brooklyn genauso. Danach gewöhnst du dich daran. Das Weinen macht dich menschlich, mein kleiner rothaariger Bastard. Erinnerst mich verdammt an deine Mutter … Jetzt lass uns aber fix das überall herumfliegende Geld einsammeln und Fred und Fantino in den Wagen schleppen, bevor ich rührselig werde.«
»Wozu denn das?
»Weil auf Pink Nose eine Belohnung ausgesetzt ist, die wir nur dann einkassieren, wenn wir seinen Leichnam als Beweisstück im Police Department in Phoenix abliefern. Meinen alten Kumpel Genna möchte ich ungerne in diesem Drecksladen liegenlassen. Den transportiere ich zu seiner Familie nach Detroit. Den Gefallen bin ich ihm schuldig.«
»Und was passiert mit den zwei toten Ladies hier?«
»Intelligente Frage, Sohnemann. Hätte ich dir gar nicht zugetraut. Vielleicht wird ja doch noch ein ganzer Kerl aus dir. Ich kümmere mich darum.«

Nachdem wir fünftausend Dollar aus der Kasse von Mighty Florence und dem zum Bersten gefüllten Portemonnaie Triple B‘s an uns genommen und die Körper der zwei übel zugerichteten Männer im Kofferraum unseres Buicks Electra verstaut hatten, kehrten wir ein letztes Mal in den Schankraum zurück. Sentenza verteilte vier Gallonen Benzin, die eigentlich als Notreserve für die Heimfahrt gedacht gewesen waren, über dem morschen Holzboden, zündete sich anschließend eine Lucky Strike an, zog dreimal an ihr und schnippte die glimmende Zigarette treffsicher auf den petroleumgetränkten Tresen. Binnen Sekunden züngelten kleine Flammen über die Theke, kurz darauf stand das gesamte Lokal in Flammen und brannte lichterloh.
»Mit diesem Arbeitsende hatten die beiden geldgeilen Schlampen vermutlich nicht gerechnet. Der Schnitter ist der ständige Begleiter von Huren und Killern«, philosophierte Angel Eye, während er den Wagen rückwärts ausparkte und gemächlich über den vom Morgentau nassglänzenden Asphalt der menschenleeren Stadt lenkte. In der Ferne vernahmen wir das rhythmische Heulen einer Sirene. »Jetzt haben die braven Bürger von Flagstaff registriert, dass der Tod heute früh zu Besuch kam«, schmunzelte mein Stiefvater und beschleunigte den Buick auf der Interstate 10 bis auf siebzig Meilen. »Es ist ein langer Weg nach Michigan. Zeit genug, um dich in die Grundzüge der Menschenjagd einzuweihen.« Wortlos nickte ich, immer noch paralysiert von der Tat, die ich vor einer halben Stunde ausgeführt hatte. »In Amarillo stoppen wir und kaufen wir dir neue Klamotten. Die dicke Hure hatte völlig recht. Du bist angezogen wie ein Kleinkind. So läuft ein Bounty Hunter nicht rum.«

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Beim Schreiben ist es wie mit der Prostitution. Zuerst macht man es aus Liebe, dann für ein paar Freunde und schließlich für Geld. (Molière)
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