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Chefetage

 
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Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Antiquariat -> Zehntausend 05/2021
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nicolailevin
Geschlecht:männlichEselsohr


Beiträge: 241
Wohnort: Süddeutschland


BeitragVerfasst am: 29.04.2021 19:00    Titel: Chefetage eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Chefetage

Die Fahrstuhltür öffnet sich mit leisem Surren auf der obersten Etage. Tom sieht auf das vertraute Blau des Teppichbodens: Die gelben Streifen am Rand sind anders als sonst; sie schlängeln hin und her, was sie normalerweise nicht tun. Die Fensterfront verharrt wie eh und je starr an ihrer Stelle, das Gelb auf dem Teppichblau tanzt langsam schwingend davor, wie Flatterbänder, die jemand in der rhythmischen Sportgymnastik wedeln lässt. Diese vermaledeiten Iren! Nicht genug, dass sie noch vor den Rippchen Bier bestellt haben, dann mussten sie auch noch Jägermeister draufsatteln, Runde um Runde. Und das mittags. Die Typen vom Vertrieb natürlich immer feste mit dabei – bei denen gehört anscheinend das Saufen zum guten Ton, sie haben gesagt, daran wird er sich jetzt gewöhnen müssen. Tom hat noch protestiert, dass er fit bleiben muss, weil er am Nachmittag eine ganze Reihe wichtiger Termine hat, aber das hat niemanden interessiert. Immerhin ist er rechtzeitig wieder im Büro eingetroffen. Aber der Boden schwankt unter ihm, Tom muss sich an der Lifttür festhalten, um nicht wegzukippen. Als er sich nach vorne in Bewegung setzt, spürt er, wie die Übelkeit in ihm hochkommt. Er schafft es gerade noch bis zum Papierkorb.

Auf dem weit geschwungenen Treppenbogen hetzt Christine nach oben. Das Haus ist alt, aus den sechziger Jahren – damals hat man auch bei Bürogebäuden noch nicht auf jeden Quadratmeter geschaut, heute wäre so eine Verschwendung von Grundfläche schwer vorstellbar. Sie ist spät dran; Biggi wollte unbedingt zum Thai, und da hat es heute etwas länger gedauert. Dabei muss sie noch die Unterlagen für die Nachmittagsrunden ausdrucken. Toms erstes Gespräch beginnt schon in ein paar Minuten. Mathias Dufner aus dem Controlling. Drei weitere werden folgen, deren Unterlagen kann sie dann nach und nach fertigmachen, während Tom bereits in seinem ersten Gespräch sitzt. Eigentlich ist es unwürdig, die Leute so fließbandartig im 45-Minuten-Takt abzufrühstücken. Aber was kann sie schon tun, sie hat die Fristen schließlich nicht gemacht.

Christine schnüffelt. Irgendwas riecht komisch. Nach Parmesan, kann das sein? Sie schaut sich um. Die Treppe, der Lift, der Gang mit der Fensterfront und den Türen zu den Büros. Marineblauer Veloursteppich mit goldenen Seitenstreifen. Alles piccobello. Der Papierkorb mit dem Messingrand. Auf der Chefetage achten sie darauf, dass auch solche Kleinigkeiten stimmig aussehen. Kopfschüttelnd öffnet sie zwei Flügel der bodentiefen Fenster und setzt die kleinen Befestigungshäkchen ein, ehe sie in ihr Büro eilt, um die Unterlagen für Tom vorzubereiten.

Mathis steht im Lift auf dem Weg nach oben. Sein Magen hängt durch, er hätte was essen sollen. Aber das ging nicht; er musste die Mittagspause für den Termin beim Anwalt nutzen. Klara macht Druck wegen des Hauses. Er wird das Haus verkaufen müssen, da hat der Anwalt keinen Zweifel gelassen, oder er muss Klara auszahlen, das wäre auch okay, aber wie soll das gehen, woher soll er bitteschön das Geld nehmen? Die Hälfte des derzeitigen Verkaufswertes – Mathis hat keine Ahnung, wie viel das Haus jetzt kosten würde, aber ein paar hunderttausend Euro sind es auf jeden Fall. Wer hat schon die Hälfte von ein paar hunderttausend Euro rumliegen, einfach so? Er beißt sich auf die Lippe. Es ist alles so unnötig: Was muss Klara auch ihr Leben neu ausrichten – ausgerechnet jetzt! Jetzt wo sie endlich den Heimplatz für Arne gefunden haben und alles einfacher wird. Wo sie auch mal Zeit für sich hätten. Arne. Sein tapferer Krieger. Natürlich wird das Pflegegeld nicht reichen, sie werden gezwungen sein, jeden Monat was zuzuschießen – auch so ein Thema, über das er sich mit Klara wird einigen müssen. Um das Haus tut es ihm sehr leid; so viel Mühe haben sie in die Renovierung gesteckt! Über ein Jahr lang hat er sämtliche Wochenenden damit verbracht, Fliesen abzuklopfen und Tapeten runterzureißen, Leitungen zu legen und Dielen abzuschleifen. Ausgerechnet jetzt, wo es endlich schön wohnlich ist, muss er es aufgeben! Er hat sich auf die Zeit gefreut, die er in dem geräumigen Garten verbringen wollte. Sommernachmittage im Liegestuhl im Schatten des ausladenden Kirschbaumes. In seinen Vorstellungen war Klara immer an seiner Seite. Aber das will sie jetzt nicht mehr.

Die Lifttür geht auf und Mathis tritt in den Flur. Hier oben ist alles ein bisschen edler als in den unteren Etagen, wo die Normalsterblichen sitzen. Blauer Teppich und Fenster bis zum Boden. Er fragt sich, was Dr. Böhm von ihm will. Wahrscheinlich soll er was unterschreiben wegen der Umstellung der Altersversorgung. Das müssen sie alles anpassen im Zuge der Fusion. Ihm ist es egal, Fusion hin oder her, selbst wenn alle aufgeregt tun: Ihn treiben andere Sorgen. Mathis weiß, dass er keine große Karriere mehr vor sich, hat, aber das ist ihm auch gar nicht so wichtig: Vor ihm liegen noch 19 Jahre bis zur Rente, wenn sie ihm ein gutes Angebot machen, kann er sich auch vorstellen, früher aufzuhören. Die Zeit bis dahin will er einfach nur ruhig absitzen, möglichst wenig genervt werden, keine Aufreger erleben und jeden Tag früh nach Hause kommen – in den Garten, den er bald nicht mehr haben wird.

Ihn friert. Von den geöffneten Fenstern kommt kalte Luft herein. Mathis überlegt sich kurz, die Fenster zu schließen, aber dann wagt er es doch nicht. Ist schließlich die Chefetage, da wird sich schon jemand was gedacht haben. Sachte klopft er an die Tür von Dr. Böhms Büro.

In Christines Bauch rumort es. Das muss das Thai-Curry gewesen sein. Die Unterlagen für Mathias Dufner hat sie Tom hingelegt, die anderen wird sie nachher ausdrucken. Eilig geht sie auf den Gang Richtung Klo. Es ist kalt, aber immer noch liegt dieser seltsame Parmesangeruch in der Luft. Sie lässt das Fenster lieber noch ein paar Minuten offen. Die Gardinen flattern leicht im Wind, vor den bodentiefen Fenstern blinken die polierten Metallgeländer in der Februarsonne; kniehoch maximal, das sieht zwar sehr edel aus, verletzt aber garantiert sämtliche Sicherheitsvorschriften. Heute wäre sowas völlig undenkbar. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz, da werden solche Sicherheitslücken geduldet.

Mathis schließt die Tür hinter sich. Er steht auf dem Gang und atmet tief durch. Es ist, als hätte man ihm mit der Faust in den Magen geschlagen. Von wegen Altersversorgung! Umstrukturierung. Neuausrichtung. Das Unternehmen erfindet sich völlig neu. Das Zielbild wird gerade gezeichnet. Strategisch, aber auch strukturell. Und von der Besetzung. Er soll das bitte nicht persönlich nehmen. Keine Hast. Er hat alle Zeit der Welt, sich in Ruhe was Neues zu suchen. Er darf sogar die Dienste eines Outplacement-Beraters in Anspruch nehmen. Es ist ihnen wichtig, dass er jetzt nichts überstürzt. Er soll sich so neu orientieren, dass es für ihn passt. Bla bla bla. Lauter schöne Worte. Alles, nur nicht grad heraus. Nur nicht die nackte Wahrheit sagen: Dass sie ihn rauswerfen. Dass sie ihn loswerden wollen. Nichts ist es mit den 19 ruhigen Jahren bis zur Rente. Kein schönes Angebot. Und dabei hatte der ach so wortgewandte Dr. Böhm eine Fahne aus Bier und Kräuterlikör, die man zwei Meter gegen den Wind riechen konnte! Widerlich, so was. Mathis‘ leerer Magen krampft sich zusammen. Das Haus. Klara. Arne. Die Pflegeeinrichtung. Arne muss weiter versorgt werden, und das Haus ist weg. So wie sein Job auch. Kein Liegestuhl. Keine Klara. Kein Garten. Kein Kirschbaum mehr. Alles, alles ist futsch!

Er steht auf dem Flur, vor ihm das offene Fenster. Draußen ragen in einigem Abstand ein paar kahle Bäume in die Höhe, dahinter, sieben Etagen unter ihm, liegt der belebte Platz vor dem alten Stadttor. Er ringt nach Luft. Ein kleiner Schritt nur trennt ihn vom Draußen, der Sonne, der klaren kühlen Luft. Er sieht sich fliegen, er streckt die Arme aus und schwebt, alles wird einfach, alles wird gut. Er muss nur über dieses lächerlich niedrige Geländer steigen und dann wird jede Anstrengung von ihm abfallen. Alles Schwere lässt er dann zurück. Es kostet nichts, nur ein bisschen Überwindung, mehr mental als körperlich. Und dann sind die Mühsal und die Sorgen vorbei. Er sitzt im Garten, es ist sonnig und warm und Klara ist bei ihm, und Arne lebt zufrieden in seinem Heim, und Mathis weiß, dass er dort gut versorgt wird, Arne winkt und strahlt ihn glücklich an, Klara blickt von ihrem Buch auf und lächelt, und die Bienen summen über ihm im blühenden Kirschbaum.

Mathis schließt die Augen; das Sonnenlicht lässt die Innenseite seiner Lider orange leuchten. Nur ein Schritt. Es zieht kalt vom Fenster her. Der Luftzug kann nicht verdecken, dass es aus dem Papierkorb in der Ecke nach Kotze riecht. Mathis schluckt, er wischt sich kurz über die Augen, dann strafft er seine Schultern und geht an den offenen Fenstern vorbei zum Lift.

Hinter ihm kommt Christine aus dem Damenklo. Sie sieht nichts mehr von Mathis, hinter dem sich die Fahrstuhltür schließt. Als sie das Fenster zumacht, ist der Geruch immer noch nicht weg. Sie kann sich beim besten Willen nicht erklären, wo er herkommt.

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Stefanie
Reißwolf


Beiträge: 1724



BeitragVerfasst am: 09.05.2021 21:03    Titel: Antworten mit Zitat

Interessanter Text. Mir gefällt, wie jede beteiligte Person ein Stück Menschlichkeit bekommt und doch stecken sie alle in dem unmenschlichen System dieser Firma.
Den vollgekotzten Mülleimer fand ich nicht so gut, das wirkt als Abschluss eher unfreiwillig komisch.
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hobbes
Geschlecht:weiblichTretbootliteratin

Moderatorin

Beiträge: 4456

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
Der silberne Scheinwerfer Ei 4


BeitragVerfasst am: 10.05.2021 13:36    Titel: Antworten mit Zitat

Tja, schade. Das ist doch eigentlich gut erzählt. Aber leider fürchterlich vorhersehbar. Vielleicht fällt mir das mit den bodentiefen Fenstern ja nur so auf, weil ich in der Hinsicht leicht traumatisiert bin.
Egal. An der Stelle
Zitat:
Kopfschüttelnd öffnet sie zwei Flügel der bodentiefen Fenster und setzt die kleinen Befestigungshäkchen ein, ehe sie in ihr Büro eilt, um die Unterlagen für Tom vorzubereiten.

ist mir jedenfalls klar, was passieren wird. Noch nicht so genau, wie und wer und sowieso, aber klar. Bodentiefe, offene Fenster. Ganz schlecht. Ich denke sogar schon: "oha, niemals lassen die sich öffnen, Sicherheitsvorschriften", aber dann fällt mir ein, dass auch dafür schon alles vorbereitet ist. Altes Haus, großes Treppenhaus undsoweiter. Und später wird es dann sogar noch mal für Dummies erklärt.
Tatsächlich fand ich es noch nicht mal überraschend, dass Mathis sich gegen das Fenster entscheidet. Das heißt vermutlich, dass du alles total richtig gemacht hast. Deine Figuren total konsistent eingeführt hast. Denn ich weiß: Nein. Das wird er nicht tun. Es passt nicht zu ihm.

Und tja, am Ende nützt dann die ganze gute Erzählweise nichts, weil da überhaupt nichts überraschendes für mich drin ist. Wobei, das hört sich jetzt so an, als müsse in jede Geschichte etwas überraschendes passieren, so ist das natürlich nicht.
Tja. Du hast alles richtig gemacht und am Ende nützt es dann doch nichts. Vielleicht ein Beispiel dafür, warum es keine Bausätze für Bestseller gibt.

edit: So, ich muss mich korrigieren. Am Ende nützt es dann doch was, denn du bekommst meinen letzten Punkt. Das war ziemlich knapp, denn zuerst dachte ich: Ok, das ist einfach gut geschrieben, das lässt sich gut lesen. Dann dachte ich: Aber hey, 10k, "gut lesen" ist jetzt nicht gerade das Kriterium der Wahl. Und wo es doch so langweilig in dem Sinn ist, dass ich ja quasi schon alles wusste. Dann aber konnten mich die anderen Geschichten im Rennen um den letzten Punkt auch nicht wirklich überzeugen. Und ich dachte: Aber hey, sie (ich weiß nicht warum, aber ich gehe von einer Autorin aus) lässt ihn wenigstens nicht springen. Das wusste ich zwar auch, aber ich finde es trotzdem gut.


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d.frank
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Alter: 43
Beiträge: 1150
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BeitragVerfasst am: 10.05.2021 15:47    Titel: Antworten mit Zitat

Das ist mir zu pauschal. Der arme Angestellte, die gute Fee, das betrunkene Arschloch und dann natürlich: Die Chefetage.

Vielleicht wäre was gewonnen gewesen, wenn der Typ wenigstens seinen Kummer ertränkt hätte, aber so bleibt es leider bei Abziehbildern.


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*Arthur Schopenhauer
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Selanna
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Beiträge: 1167
Wohnort: Süddeutschland


BeitragVerfasst am: 11.05.2021 00:20    Titel: Antworten mit Zitat

Gefallen hat mir an dem Text der Wechsel zwischen den drei Perspektiven, die alle den Zeitdruck gemeinsam haben: alle müssen rechtzeitig zum Termin zwischen Böhm und Dufner eintreffen. Am unprofessionellsten tritt der Chef auf, die Sekretärin wurstelt sich eilig so durch und der Angestellte ist pünktlich und erwartet nichts Besonderes, ist also relativ ruhig. Außerdem hat die gesamte hier vorgestellte Chefetage „Verdauungsprobleme“ wegen zu viel Essen/Trinken, nur Dufner, der von „unten“ kommt, hat das Gegenteil: einen völlig leeren Magen.
Es gibt zwei Wege nach oben und das „Hochkommen“ von drei Personen wird beschrieben: zweimal Lift, einmal Treppe. Es gibt auch zwei Wege nach unten: Fenster und Lift, zwischen denen sich Dufner entscheiden muss, der neue Weg (Fenster) wird beschrieben.
Neben den vertikalen Wegen, die hier eine größere Rolle spielen, denn es geht auf mehreren Ebenen um das "Oben" und "Unten", dreht sich auch viel um Luft: geruchsgeschwängerte Luft (Parmesan vs. Kotze), kalte Zugluft vom Fenster. Vielleicht das "Klima" in der Firma?
Die private Problematik der beiden Figuren aus der Chefetage ist kurzfristig: Der Chef ist betrunken, ist gerade noch pünktlich und muss sich erbrechen. Die Sekretärin ist spät dran, hat das Curry nicht vertragen und kämpft gegen den momentanen seltsamen Geruch auf der Etage. Die Problematik des Angestellten ist vor allem langfristig und umfassend (bezieht seine gesamte Familie sowie sein Heim mit ein): ein offensichtlich pflegebedürftiges Kind, die Scheidung steht bevor, ebenso der Hausverkauf. Diesen ganzen Problemen stellt der Angestellte das Idyll von Heim und Garten gegenüber, obwohl er jetzt schon weiß, dass er Heim und Garten verlieren und dieses Idyll nie erleben wird. Ihn, der ohnehin schon am schwersten zu kämpfen hat, ereilt in der Geschichte noch ein weiteres existenzgefährdendes Problem: die Kündigung. Die Probleme der Chefetage wirken dagegen lächerlich. Infolge des neuen Schicksalsschlags erwägt er kurz den Suizid als Ausweg. Niemand aus der Chefetage hat sein Elend bemerkt und niemand hätte seinen Tod bemerkt: Der Chef ist betrunken und in seinem Büro, die Sekretärin mit Durchfall auf der Toilette. Der Angestellte entscheidet sich aber gegen den Suizid, was ebenfalls niemand bemerkt. So wie die Sekretärin (im Gegensatz zum Angestellten, der auch die Fahne des Chefs erkennt) auch den Grund für den Geruch nicht bemerkt. Das Sicherheitsmanko am Fenster wird zwar erkannt, aber bleibt unverändert bestehen. Aus all diesen Aspekten heraus könnte man der Chefetage auch eine gewisse Ignoranz unterstellen.
Im übertragenen Sinne lese ich auch heraus: Das Benehmen des Chefs führt dazu, dass etwas an der Spitze des Unternehmens sprichwörtlich „stinkt“, aber sein direktes Umfeld ist nicht mal in der Lage, festzustellen, dass es stinkt (für die Sekretärin riecht es ja nach Parmesan), geschweige denn, warum es stinkt und von wo und wem das stammt. Zugleich ist der Gestank das Element, das den Angestellten wachrüttelt und vom Suizid abbringt.

Das Thema ist schön umgesetzt, mehrere Leute gehen am Fenster vorbei, aber es ist nicht zu plakativ, nicht zu sehr im Vordergrund.
Ich kann mehrere Ebenen erkennen, der Aufbau ist durch die drei Perspektiven nicht alltäglich, sondern eine Art gekonntes Headhopping oder sogar auktorialer Erzähler? Erzählt wird ruhig und distanziert, es kommt keine Action vor, aber etwas Spannung kommt auf, doch selbst hier bleibt der Erzählfluss ruhig und distanziert. Ich erkenne auch keine Pointe, aber unterhaltsam war der Text allemal. Thematisiert wird viel: Die Kluft zwischen sozialem Oben (zu voller Magen) und Unten (leerer Magen), soziale Gerechtigkeit wird gestreift, die Last der Verantwortung (als Chef wird sie nebenher in betrunkenen Zustand auf die leichte Schulter genommen, während der Angestellte mit der Familie um eine Zukunft ringt), gesellschaftliche Ignoranz, Suizid…
Ein guter, stimmiger Text, vielschichtig, rund, perspektivenreich (in mehrfacher Hinsicht). Gefällt mir!

Liebe Grüße
Selanna


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Nur ein mittelmäßiger Mensch ist immer in Hochform. - William Somerset Maugham
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RAc
Klammeraffe


Beiträge: 640



BeitragVerfasst am: 11.05.2021 10:44    Titel: Antworten mit Zitat

Ein Büroangestellter wird nach 19 Jahren Betriebszugehörigkeit entlassen. Da er zusätzlich private Probleme hat, erwägt er Selbstmord durch einen Sprung aus dem Fenster der Chefetage, in die er zitiert wird und wo er sein offenes Dossier findet. Er entschließt sich aber dagegen und hinterlässt stattdessen den Inhalt seines leeren Magens (also Galle und kompatible Körperflüssigkeiten) im Papierkorb.

Vorgabentreue: Erfüllt.

Ausgestaltung: Etwas dünn. Handwerklich soweit ok, aber für einen "E" Anspruch ist es ein zu sehr vorhersehbarer, gefühlt eine halbe Million Mal gelesener plot ohne Tiefe, Mehrfachdeutungen oder überraschenden Wendungen.
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marinaheartsnyc
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BeitragVerfasst am: 11.05.2021 18:12    Titel: Antworten mit Zitat

Ich mag die verschiedenen Perspektiven, den Schreibstil mit dem Wechsel aus kurzen und langen Sätzen, wie das Thema umgesetzt wurde - und der Kotzgeruch aus dem Papierkorb bleibt irgendwie hängen und ist originell Laughing

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Yesterday I was clever, so I wanted to change the world. Today I am wise, so I am changing myself.

- Rumi
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nebenfluss
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BeitragVerfasst am: 12.05.2021 13:24    Titel: Antworten mit Zitat

Dieser Beitrag passt ganz gut zu eine Artikel im Online-Auftritt der FAZ, den ich kürzlich las. Es ging um Drogenmissbrauch in den Vorstandsetagen der Unternehmen, vorrangig dort, wo das Gehalt zu einem hohen Anteil aus leistungsabhängigen Bonuszahlungen besteht: ein Klischee, das offenbar große Überschneidungen mit der Realität aufweist. Dr. Tom Böhm könnte ein typischer Vertreter dieser Gattung sein: Seine Leistung besteht darin, dass Unternehmen umzustrukturieren und Kosten einzusparen. Vormittags werden die erfolgreiche Fusionsverhandlungen mit den irischen Partnern ausufernd begossen, nachmittags mal schnell die Leute rausgeschmissen, die den Schuss nicht gehört haben.
Eine solche Altlast ist Mathis Duffner, den private Sorgen quälen: Wegen der Scheidung von Klara muss er das gerade erst fertig-renovierte Haus gleich wieder verkaufen, außerdem müssen die Pflegeheimkosten für den Sohn Arne bezahlt werden. Von all dem ahnt Tom nichts, es würde ihn wohl auch nicht umstimmen, denn er hat etwas für die Modernisierung viel Wesentlicheres erkannt: Dass Mathis sich einbildet, die 19 Jahre bis zur Rente weiterhin eine ruhige Kugel schieben zu können.
Im Grunde spiegeln sich hier die heutigen Berichte aus der Wirtschaft, braucht der Leser doch nicht zu wissen, in welcher Branche die Firma tätig ist, wie alt sie ist, welche Werte sie mal vertrat, was für Waren oder Dienstleistungen überhaupt angeboten werden; in der anonymen Seelenlosigkeit der CEO-Controlling-Outplacement-Marketing-Boni-Blase sind sie alle gleich.
Die Geschichte verkneift sich eine tiefschürfende Metaphorik bezüglich des "Vorübergehens", es wird eben physisch das Fenster passiert, vorübergehend ist lediglich Mathis' suizidale Anwandlung gegen Ende. Doch ist die Interpretation des offenen Fenster in diesem Wettbewerb ausgesprochen eigenständig; die Öffnung fungiert nämlich als Versuch, das üble, quasi zum Kotzen animierende Klima des Innenraums in die Außenwelt outzusourcen, was passender Weise Christine als aufopferungsvolle Stütze des Systems nicht mitbekommt, Mathis als Opfer desselben aber sehr wohl.
Ob vom Schreibenden beabsichtigt oder nicht, ist die Chefsekretärin (nennt sich mittlerweile bestimmt anders) auch noch so gestresst oder gleichgültig, dass sie sich im Vornamen des sowieso nicht länger Erwünschten um einen Buchstaben irrt, ohne es zu bemerken.
Das gibt Punkte.


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fehlende Quellenangabe: mein Kopf.
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silke-k-weiler
Geschlecht:weiblichKlammeraffe

Alter: 47
Beiträge: 684

Das goldene Schiff


BeitragVerfasst am: 12.05.2021 18:40    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Text,

zunächst einmal recht herzlichen Dank dafür, dass ich Parmesankäse ab heute auf unabsehbare Zeit mit Erbrochenem assoziieren werde. Evil or Very Mad Wink

Es stinkt in der Chefetage, nicht nur im übertragenen Sinne, sondern wortwörtlich aus dem hübschen Messing-Mülleimer, der so gut auf das Ambiente abgestimmt ist. Die Sekretärin ist gestresst, die Termine dicht gedrängt und dazwischen spielen sich persönliche Dramen wie das von Mathis ab, der, ohnehin schon mit privaten Problemen beladen, seine Kündigung bekommt. Stummer Zeuge: das Fenster. Zugleich macht der Text auch Fenster zu den persönlichen Befindlichkeiten der einzelnen Figuren auf.
Das liest sich gut und flüssig. Ich habe nichts wirklich auszusetzen, bin jetzt auch nicht völlig von den Socken, könnte mir Dich aber gut als Punktekandidaten vorstellen.

Herzlichst
Silke

**************

Edit: Leider hat es am Ende nicht für Punkte gereicht. Dennoch Danke, dass ich Dich lesen durfte.
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Nihil
{ }

Moderator
Alter: 32
Beiträge: 7628



BeitragVerfasst am: 13.05.2021 00:10    Titel: Antworten mit Zitat

Drei Schicksale, lose miteinander verknüpft, die sich auf der Chefetage mehr oder weniger direkt begegnen. Ein verantwortungsloser Boss, eine Mitarbeiterin, die einen verzweifelten Kampf gegen den Mief aufnimmt, der sich  länger hält als die Position des unambitionierten Aushaltertypen, der sich plötzlich vor den Ruinen seines Lebens sieht. Die mit Kotzanfällen, Klobesuchen und Suizidgedanken Atmosphäre unterlegt hier letztlich eine Realsatire mit der vom Leser gewünschten Emotion: Ekel gegenüber diesen Zuständen. Der Boss darf sich zusaufen und kotzt in den Papierkorb, eine Mitarbeiterin versucht vergeblich, den falsch identifizierten Geruch zu beseitigen und ein Dritter, der den Job wirklich bräuchte, wird Opfer der Rationalisierung.

Das alles wird sprachlich flüssig und ohne Holpersteine, allerdings auch ohne originellen Witz oder solche erzählerischen Kniffe dargeboten, die einen mit der Zunge schnalzen lassen. Der Stil ist gut lesbar und nicht das Problem. Mich stören vielmehr die klischeehaften Charaktere, wenn nicht gar die gesamte Perspektive auf die Arbeitswelt, die in dicken schwarzen und weißen Pinselstrichen gezeichnet wird und die eigene Urteilsmöglichkeit des Lesers erheblich einschränken. Der Chef ist verantwortungslos, darf sich qua Position aber gefahrlos mit Saufen becheftigen, beim Gefeuerten wird, zeitlich exakt passend, ein Absatz vorher auf dessen gutes Herz und desolate Familiensituation hingewiesen, um zum MItleid anzuregen und die einzige Frau dööfelt vor sich hin, voll aufgehend in ihrem Zuarbeiten, während sie unwissend die nächste Gestankexplosion vorbereitet. Die Fixierung auf Kotze, Pipi, Kacka und co. verweist selbstredend auf den nicht immer gelingenden Um-Wandel von Überlebensmitteln/Systemrelevanten in seine biologischen Abfallprodukte und den manchmal stockenden, manchmal zu heftig strömenden Flux, gegen den sich selbst stabile Großverdauungen und -Konzerne nicht und so weiter. Oder sie verweist einfach nur auf eine Fixierung auf Kotze, Pipi, Kacka und co. Vielleicht dürfen die Lesys das ja einmal selbst entscheiden.

Ich muss Schluss machen. Meine Blähung, meine Darmverschlingung, wie Ror Wolf schreiben würde. Da der Text aber doch deutlich durchgearbeiteter ist als andere Texte im Wettbewerb, hats noch für ä Pünktli greicht, edit: das ich auf den letzten Metern dann leider doch noch einem anderen Text schenken musste, sorry.
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Babella
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Das goldene Aufbruchstück Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 13.05.2021 08:29    Titel: Antworten mit Zitat

Liest sich ganz geschmeidig. Das offene Fenster ist auch drin, ist auch originell umgesetzt mit dem einen, der zu viel getrunken hat, und dem anderen in seiner Verzweiflung. Der Zufall des Zusammentreffens, der kurze Moment der Möglichkeit, das Vorbeigehen.

Trotzdem, hier fehlt mir irgendwie das E. Oder der wow!-Funken. Vielleicht, weil es sprachlich ein bisschen schlicht ist, ich kann es nicht an etwas festmachen. Außerdem ist mir ein bisschen übel von dem nicht bestimmungsgemäß gefüllten Papierkorb.
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Kojote
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BeitragVerfasst am: 13.05.2021 11:30    Titel: Antworten mit Zitat

Guten Morgen,

Dieser Text ist von den bisher gelesenen Beiträgen mit Abstand der beste Wurf. Man merkt gut, dass der/die Autor/-in sein/ihr Handwerk versteht.

Beim Thema „offenes Fenster“ dachte ich mir zuerst, dass in einer Chefetage normalerweise doch die Fenster aus Sicherheitsgründen gar nicht zu öffnen sind. Nur erstens sind meine Kenntnisse über Penthouses sehr beschränkt und als dann zweitens die Präzisierung kam, es handele sich um den achten Stock, sind meine Zweifel gewichen.

Die Bestbewertung von 12 Punkten daher von mir.

Liebe Grüße
Der Kojote


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V.K.B.
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BeitragVerfasst am: 14.05.2021 03:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo unbekanntes Wesen, das das geschrieben hat,

Jemand kotzt in den Papierkorb. Na Mensch. Und das ist auch schon das Spannendste, was in der Geschichte passiert. Ach ja, Mathis fliegt raus, aber warum soll mich das kümmern, ich kenn ihn ja gar nicht (genauso wenig wie die anderen kurz erwähnten Figuren). Dabei ist die Geschichte eigentlich gar nicht schlecht geschrieben. Außer, dass ich keine Geschichte finde. Ein paar Personen werden erwähnt, die einen saufen, die anderen machen irgendwas oder werden depressiv. Nee, sorry, das ist doch nichts. Auch E-Lit (wenn’s denn welche wäre) darf nicht langweilen, und das tut dieser Text leider bei mir. Ganz gewaltig sogar. Ich frag mich echt gerade, warum ich das gelesen habe. Ein Slice of Life ist es wohl, aber dieser wirkt völlig zufällig für mich. Als würde man irgendwo in Bürohaus reinkucken und den Leuten kurz zusehen, ohne sich die Frage zu stellen, warum man das tun sollte und was einen daran interessieren könnte. Frag ich mich bei Sendungen wie Big Brother übrigens auch und kann ich genausowenig nachvollziehen, wie das irgendwer interessant finden und kucken kann. Von Literatur erwarte ich was zum Nachdenken oder Unterhaltsames, dieser Text liefert nichts von beidem.  So, ich will jetzt gar nicht länger verreißen und komm zum Fazit: Routiniert geschriebener Text, nichts an der Schreibe auszusetzen, aber völlig nichtssagend und (zumindest für mich) auch sinn- und inhaltsleer. Kann ich überhaupt nichts mit anfangen, sorry.

Edit: Zur Endwertung: Ich habe die Texte in die Kategorien grün (genau wie ein Zehntausendertext mMn sein sollte, also definitiv E-Lit, aber auch besonders geschrieben und neue Wege beschreitend, oder das zumindest versuchend), gelb (ernsthafte Themen, aber realtiv traditionell geschrieben) und rot (Text, der mMn nicht in diesen Wettbewerb passt, auch nicht teilweise) eingeteilt. Die Rangfolge für die Punkte erfolgt dann nicht größtenteils nach persönlichem Gefallen, sondern erstmal innerhalb der Gruppen.

Diesen Text habe ich in den roten Bereich eingeteilt, er erfüllt die Vorgaben dieses Wettbewerbs mMn nicht und schafft es daher auch nicht in meine Top Ten.


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Constantine
Geschlecht:männlichBücherwurm


Beiträge: 3300

Goldener Sturmschaden Weltrettung in Bronze


BeitragVerfasst am: 14.05.2021 19:23    Titel: Antworten mit Zitat

Wer hat in den Papierkorb gekotzt oder warum ich den Lift nach unten nahm?

Bonjour Inko,

da scheint jemand gut darüber Bescheid zu wissen, dass Vertriebsmitarbeiter einen langen Atem brauchen trinkfest sein müssen, wenn sie es mit Kunden zu tun haben, vor allem Irischen.

Im Text ist einiges an Infodump, den man gerne in den Papierkorb zu Toms Erbrochenem geben könnte
Zitat:
Das Haus ist alt, aus den sechziger Jahren – damals hat man auch bei Bürogebäuden noch nicht auf jeden Quadratmeter geschaut, heute wäre so eine Verschwendung von Grundfläche schwer vorstellbar.


oder kürzer und evtl. verteilter im Text. Gleich zu Beginn so eine Masse an Infos:
Zitat:
er musste die Mittagspause für den Termin beim Anwalt nutzen. Klara macht Druck wegen des Hauses. Er wird das Haus verkaufen müssen, da hat der Anwalt keinen Zweifel gelassen, oder er muss Klara auszahlen, das wäre auch okay, aber wie soll das gehen, woher soll er bitteschön das Geld nehmen? Die Hälfte des derzeitigen Verkaufswertes – Mathis hat keine Ahnung, wie viel das Haus jetzt kosten würde, aber ein paar hunderttausend Euro sind es auf jeden Fall. Wer hat schon die Hälfte von ein paar hunderttausend Euro rumliegen, einfach so? Er beißt sich auf die Lippe. Es ist alles so unnötig: Was muss Klara auch ihr Leben neu ausrichten – ausgerechnet jetzt! Jetzt wo sie endlich den Heimplatz für Arne gefunden haben und alles einfacher wird. Wo sie auch mal Zeit für sich hätten. Arne. Sein tapferer Krieger. Natürlich wird das Pflegegeld nicht reichen, sie werden gezwungen sein, jeden Monat was zuzuschießen – auch so ein Thema, über das er sich mit Klara wird einigen müssen. Um das Haus tut es ihm sehr leid; so viel Mühe haben sie in die Renovierung gesteckt! Über ein Jahr lang hat er sämtliche Wochenenden damit verbracht, Fliesen abzuklopfen und Tapeten runterzureißen, Leitungen zu legen und Dielen abzuschleifen. Ausgerechnet jetzt, wo es endlich schön wohnlich ist, muss er es aufgeben! Er hat sich auf die Zeit gefreut, die er in dem geräumigen Garten verbringen wollte. Sommernachmittage im Liegestuhl im Schatten des ausladenden Kirschbaumes. In seinen Vorstellungen war Klara immer an seiner Seite. Aber das will sie jetzt nicht mehr.

Was es alles über Mathis zu sagen gibt, während er im Lift hochfährt. Das ist mMn zu viel Info am Stück.

Es ist eine Tragödie, was ich als Leser über Mathis alles erfahre:
Ehe futsch, Scheidungskrieg, das geplante Eigenheim futsch, Kind Arne ist ein Pflegefall und braucht mehr finanziellen Unterhalt, und die zunächst erhoffte Beförderung weicht der Entlassung. Puh, armer Mathis, aber es gibt noch reichlich Gründe, um weiterzuleben und anstelle des offenen Fensters den Lift wieder nach unten zu nehmen. Guter Mann. Und nicht nur das.

Hier musste ich schmunzeln und mich ernsthaft fragen, ob Mathis mit dieser Einstellung wirklich denkt, dass er befördert werden könnte:
Zitat:
Vor ihm liegen noch 19 Jahre bis zur Rente, wenn sie ihm ein gutes Angebot machen, kann er sich auch vorstellen, früher aufzuhören. Die Zeit bis dahin will er einfach nur ruhig absitzen, möglichst wenig genervt werden, keine Aufreger erleben und jeden Tag früh nach Hause kommen

Ich kann mir denken, dass Gedanken an Rente und bis dahin eine ruhige Nummer auf Arbeit schieben, dem ein oder anderen Mitarbeiter kurz vor dem Finale und dem Sprung ins Renterdasein kommen, aber 19 Jahre (?) vor der Rente gedanklich schon in die Zielgerade einzubiegen und die Zeit bis dahin ruhig  abzusitzen, das hat was Absurdes und unfreiwillig Komisches in all dem Drama und der Tragik um Mathis. Für mich verlieren er und der Text dadurch an Ernsthaftigkeit, an Glaubwürdigkeit. Mag sein, dass es Leute gibt, die früh über ihre Rente sprechen und sich darüber Gedanken machen, habe ich auch gemacht ,aber ich käme nicht auf den Gedanken zu sagen, hey, es sind noch 19 Jahre arbeiten, die Zeit sitze ich ruhig ab und mache mir keinen Streß. Er hat geheiratet, hat ein Kind, hat einen lukrativen Job und hat das gemeinsame Haus mit Garten, das klingt sehr reif und erwachsen, sehr bodenständig, wenn nicht sogar sehr konservativ, dass mir dieser Bruch in Mathis' Denke selbst zu dneken gibt und mir irgendwie nicht so recht passen will.

Erfrischend finde ich den Geruch im Flur und das Rätseln von Christiane, was und wo die Quelle sein könnte, während sie selbst mit ihrem rumorenden Magen und der Ausscheidung ihres Thai-Currys beschäftigt ist oder Toms Übelkeit und dicker Kopf. In all dem Drama und der Tragik um Mathis gefallen mir diese humorvollen Brüche in der Geschichte.

Ich finde das Setting des Textes großartig, coole Idee und die Themenvorgabe wurde kreativ passend zur Handlung umgesetzt; die kleinen Details gefallen mir, das Wechselspiel der Passagen zwischen Mathis, Christine und Tom sind unterhaltsam. Prima.

Zitat:
Der Luftzug kann nicht verdecken, dass es aus dem Papierkorb in der Ecke nach Kotze riecht.

Diesen Satz und Info fand ich im Mathis Abschnitt gegen Ende unpassend und fragte mich, warum wurde dies geschrieben, während Mathis noch in seiner Fliegen-Fantasie ist. Ich weiß es nicht, außer, dass man auf Nummer sicher gehen wollte, dass man den Anfang mit Tom verstanden hat und hier nochmal erklärt, was und woher der seltsame Geruch kommt. Es ist klar und wenn nicht, wie Christine etwas länger darüber rätseln hätte nicht geschadet. Spätestens beim zweiten Lesen des Textes und Toms Einstieg Passage fällt der Groschen.

Trotz allem Gemeckere und es mag unglaublich sein, doch ist es nicht, es ist, wie es ist, dieser Text hat mich insgesamt im Vergleich zu den anderen Beiträgen im Wettbewerb soweit überzeugt, dass er für mich auf Rang 2 meiner Top Ten gekommen ist: dix points.
Gratulation.

Merci beaucoup
Constantine
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Raven1303
Geschlecht:weiblichKlammeraffe

Alter: 39
Beiträge: 562
Wohnort: NRW


BeitragVerfasst am: 14.05.2021 21:57    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe/r Unbekannte/r,

mir gefällt deine Geschichte sehr.
Du schreibst sehr flüssig und gut ausformuliert. Besonders im ersten Absatz muss ich sehr schmunzeln.
Zitat:
Die gelben Streifen am Rand sind anders als sonst; sie schlängeln hin und her, was sie normalerweise nicht tun.


Sehr schön smile

Wie du das Leben der verschiedenen Akteure darstellst, die durch die Kulisse des offenen Fensters miteinander verbunden sind, erinnert es mich sehr an diesen Film von Quentin Tarantino. Den mir dem Hotel. Ich muss mal nachschauen, wie der heißt. Dann weiß ich auch, wie viele Punkte ich dir geben werde.

By the way: Anforderungen sehe ich alle als erfüllt an (vielleicht etwas zu viel Schmunzelfaktor für "E")

Bis später ...
LG Raven.

Edit: Der Film heißt "Four Rooms" und sieben Punkte smile

LG


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Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den Nächsten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.
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psi
Leseratte


Beiträge: 128



BeitragVerfasst am: 16.05.2021 09:32    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo, Text, schön, dass du da bist! :)

An deinem Textfenster bin ich jetzt schon öfters vorübergegangen, genau wie an deinem Altbau-Tiefsicherheits-Fenster öfters vorübergegangen wird: Ein ganz hohes Tier, betrunken und mit zum Überdruss vollem Bauch, für den das Fenster der einzig starr verharrende Orientierungspunkt ist, eine Zuarbeitende mit schwer verdaulichem Thai-Food, die das Fenster aufreißen muss, um die Hinterlassenschaften der Chefetage erträglich zu machen und ein Pechvogel mit leerem Bauch und stagnierender Karriere, der die Chefkotze sofort als eine solche identifiziert und für den das Fenster ein verführerischer Ausweg ist, zumindest für einen kurzen Moment.

Ich finde es schön, dass du für die verschiedenen Personen verschiedene Bedeutungen des Fensters aufmachst.
Deine mehrfachen Textebenen bleibt mir jedoch verborgen, ich sehe nur die Chefetage und auch sprachlich scheinst du dein Büro eher im Unter- als im Erdgeschoss zu haben (das klingt fieser, als es gemeint ist, du bist flüssig geschrieben, aber irgendwie muss der U- und E-Witz hier ja noch rein).
Die Bilder am Anfang empfinde ich eher als schief. Die Wiederholung des tanzenden gelb-blauen Flurs um das starre Fenster finde ich an sich gut, gerät mir hier aber ein wenig zu repetitiv in der Ausführung und tanzende einzelne Musterelemente habe ich von Alkohol allein auch noch nicht gesehen.

Was also möchtest du mir hier zeigen lieber Text? Ich weiß es nicht, ehrlich gesagt. Wenn ich dich in meinen Unterlagen ablege, bleibt bei mir kein Nachgeschmack zurück.

Liebe Grüße,
Ψ
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MoL
Geschlecht:weiblichQuelle


Beiträge: 1818
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Das bronzene Stundenglas


BeitragVerfasst am: 16.05.2021 20:28    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Inko!

Christine, Mathis und Tom. Drei Menschen, episodisch miteinander verwoben. Ein offenes Fenster. Jede Menge Probleme. Das ist schlicht, um ehrlich zu sein nicht besonders raffiniert - und gefällt mir gerade deshalb ganz gut. Es muss nicht immer gleich das ganz große Drama, der ganz große Kampf, die Schlacht um Mittelerde sein. "Kleinigkeiten" wie Unsicherheiten im Jon oder persönliche Dramen wie Scheidung, Verlust von Arbeitsplatz und/oder Ehepartner sind ebenfalls da. Und können aus einem offen stehenden Fenster eine Verlockung machen.

Mir gefällt der Text sehr. Einziger Kritikpunkt - da bin ich wirklich etwas empfindlich! - sind die viel zu olfaktorisch-detaillierten Beschreibungen. Da kann der Text ansonsten noch so toll sein, bei mir löst sowas immer ein "Igitt, *würg* hervor, was dann doch etwas die Stimmung runterzieht.

Insgesamt also eine schön, runde Sache, lieber Inko, mein persönlicher Platz 6!


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holg
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BeitragVerfasst am: 17.05.2021 19:18    Titel: Antworten mit Zitat

Eigentlich hätt's locker für Punkte reichen sollen, bei diesem Text.

Da marschieren drei Personen, jede mit eigener Geschichte durch den Flur und das Vorzimmer, die sind gut gezeichnet, sprachlich ist das solide, aber bei mir will der Funke nicht überspringen.

Ob das an der penetranten Kotze liegt, die zwar schlimm riecht, aber für Christine nicht aufspürbar ist, am offenen Fenster, das eine gewisse Rolle spielt, ohne dass nur daran vorbei gegangen wird, aber nie ganz klar wird, ob da auch eine Bildebene hinter steckt oder ich die nur unbedingt sehen will (und da echt ne Brille brauche). Mathis Absprungmöglichkeit lass ich mal wegen Offensichtlichkeit aus der metaphorischen Betrachtung raus.

Jedenfalls reicht es knapp nicht für die Top Ten.


Wahrscheinlich liegt es wirklich an der Kotze.


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Jenni
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BeitragVerfasst am: 17.05.2021 22:20    Titel: Antworten mit Zitat

Worum geht es hier. Der Chef, der in den Papierkorb kotzt, die Sekretärin, die alles richtig machen will, und der Mitarbeiter, der es schwer im Leben hat und dem jetzt auch noch gekündigt wird. Aus dem Fenster springt er zum Glück trotzdem nicht. Aber worum geht es? Um „die da oben“, die nichts vom Leben wissen? Oder um Resilienz, Hoffnung? Oder geht es einfach um die Spannung, ob und wer sich aus dem offenen Fenster stürzt bzw. fällt?
Das ist so eine Geschichte, die ist ganz gekonnt erzählt, da ist nichts falsch dran, und trotzdem weiß ich am Ende nicht, was mir das jetzt sagen will. Ich sehe nicht, was ich daraus mitnehmen könnte.
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 18.05.2021 11:23    Titel: Antworten mit Zitat

Aus Zeitgründen muss ich mich auf das Kommentieren meiner zehn Favoriten beschränken, und unter der Vielzahl der Texte hat es dieser nicht in meine (höchst subjektiven) Top Ten geschafft.
Dennoch vielen Dank fürs Lesendürfen!
LG
DLurie
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Kiara
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BeitragVerfasst am: 18.05.2021 11:26    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,
solide geschrieben, verschiedene Perspektiven, interessant, es kommt gut rüber, wie durch viele kleine Entscheidungen ein Leben ruiniert werden kann, die Kotze ist quasi der rote Faden, das gefällt mir besonders gut. Doch das Niveau ist hoch und für Punkte reicht es dieses Mal leider nicht.
Trotzdem liebe Grüße und danke für deine Geschichte.


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Michel
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BeitragVerfasst am: 20.05.2021 10:42    Titel: Antworten mit Zitat

Tom ist betrunken. Christine muss Unterlagen ausdrucken. Mathis muss sich neu erfinden. Drei personale Perspektiven, die gleiche Situation aus drei Blickwinkeln beleuchtet. Das Konzept gefällt mir. Erst mal.
An offenen Fenstern vorübergehen? Ist drin, sogar ohne zu springen.
Die Dramatik der Geschichte speist sich aus den Gegensätzen: An allen Fronten gescheiterter Lebensentwurf (zerbrochene Beziehung, offenbar behindertes Kind, Jobverlust) bis hin zu Suizidphantasien auf der einen Seite, "Termine" und ausgedruckte Unterlagen auf der anderen Seite, auf der ein Parmesangeruch das Schlimmste ist, was auf der Chefetage passieren kann.
Und genau da beginnt mein Unbehagen. Die Geschichte ist mir zu eindeutig aufgestellt, "Gut" und "Böse" von vornherein verteilt. Wir da unten, die da oben. Natürlich ist Tom kein Lord Voldemort und Mathis kein Frodo. Aber das ist mir eine Nummer zu glatt für die geforderten brüchigen Texte, sowohl inhaltlich als auch im Sprachduktus. (Kenn ich gut, meine Geschichten klingen oft auch zu glatt.) Damit erfüllt für mich der Text die formalen Vorgaben, die inhaltlichen aber nicht so gut. Experimentell geht anders.


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Seit Dezember 2020 im Handel: "Ishabel", der zweite Band der Flüchtlings-Chroniken
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