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Andrea

 
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Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Antiquariat -> Zehntausend 05/2021
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Autor Nachricht
Ribanna
Geschlecht:weiblichKlammeraffe

Alter: 59
Beiträge: 763
Wohnort: am schönen Rhein...


BeitragVerfasst am: 29.04.2021 19:00    Titel: Andrea eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Halte dich sauber und hell: Du bist das Fenster, durch das du die Welt sehen mußt!

George Bernard Shaw


»Andrea!« Ich sah sie von weitem kommen, hatte sie nach all den Jahren wieder- erkannt. Gestern Abend noch hatte ich mir alte Bilder angeschaut, ein blau-grau-grüner Wollmantel mit Kapuze, ein zierliches Kind darin, Andrea mit neun Jahren. Heute ein beiger Mantel mit Gürtel, flache Gesundheitsschuhe, eine Bundfaltenhose, ebenfalls sandfarben. Altbacken. Ein Kind, das sich als Oma verkleidet hat.
Ich ging ihr ein paar Schritte entgegen und umarmte sie.
»Andrea!«
»Ute!«
Noch immer das leise Stimmchen, noch immer das schmale, fast hagere Gesicht. Aber die Partie um Mund und Nase zeigte ebenso wie die silbrigen Fäden im dunklen zurückgebundenen Haar, dass gelebte Jahre niemanden verschonten. Um die Nase war ihre Haut gerötet, die Augen waren von einer dunklen Brille verdeckt. Kullertränchen hatten wir sie genannt.

»Komm!« Ich führte sie aus dem Bahnhofsgebäude hinaus. Noch immer stumm schaute sie sich um, ihre Arme hingen schlaff herunter, keinerlei Spannung schien in ihrem Körper zu sein. »Wie ein nasser Sack«, pflegte unser Großvater zu dieser Haltung zu sagen, »du hängst da herum wie ein nasser Sack.« Ich hatte nicht gemerkt, dass ich lächelte.
»Was ist so komisch? Du bist auch älter geworden!«, sie klang verdrossen, »Nur weil du dich jugendlich anziehst, bist du trotzdem keine zwanzig mehr!«
»Ach was, alt! Ich musste nur gerade an Opa denken, der-.« Den Satz zu Ende zu sprechen und den alten Herrn zu zitieren war in dieser Situation sicher nicht geschickt.
»Es hat sich nicht viel verändert hier, nicht?«
»Nein, alles ist, wie es war. Nichts hat sich hier verändert.« Ich lächelte.
»Aber wir hatten soviel Pläne und Möglichkeiten! Was ist bloß aus uns geworden!«, brach es jetzt aus meiner Cousine heraus.
»Hier ist alles beim Alten geblieben, aber ...«
»Komm«, rief sie, schrie sie fast, »zeig mir, was aus dieser Stadt und uns geworden ist!« Sie lief die Straße herunter, so schnell, dass es mir schwerfiel, ihr zu folgen.
Fünf Minuten und ein paar Biegungen später hielt sie vor einem alten, fast maroden Backsteingebäude. Aus dem geöffneten Fenster hörte man deutlich: »Zwei mal sieben gibt vierzehn, drei mal sieben gibt einundzwanzig, vier mal sieben ist...«
Sie grinste schief, als sie mich ansah. Wie auf Kommando sagen wir gleichzeitig: »Sechs mal sieben ist zweiundvierzig und sieben mal sieben gibt ganz feinen Sand!«
Und dann kicherten wir.
Wir waren wieder sechs Jahre alt, saßen zusammen in einer Bank und hatten Spaß. Als wir den Weg fortsetzten, griff sie, wie damals auf dem Schulweg, nach meiner Hand. So schlenderten wir weiter, verbunden über die Jahrzehnte durch Erinnerungen.

Am alten Marktplatz hielt sie an, schaute zu Boden und dann fragend zu mir auf. »Sogar das Kopfsteinpflaster gibt es noch?« Ihr zittriges Stimmchen klang nach unterdrückten Tränen. Ich atmete ein. Und aus.
»Vor circa dreißig Jahren haben sie es ’rausgerissen und alles geteert, aber vor zwei oder drei Jahren fanden sie, dass das ein Fehler war. Also jetzt wieder Kopfsteinpflaster.«

Sie nickte und wies mit dem Kopf auf das alte Fachwerkhaus, das längst ein bisschen krumm und gebeugt wirkte, aus dessen geöffnetem Fenster aber der verführerische Duft frischen Backwaren zu uns herüber wehte.
»Zimtschnecken, wie damals? Oder?«
Andrea schüttelte den Kopf. »Warte«, sagte sie glucksend, »ich hol uns was!«
Sie kicherte, an ihrer Haltung erkannte ich, dass sie auftaute. Wie ein Tag im April.
Sie kam mit zwei Tüten in der Hand, von denen sie mir eine reichte. »Nun mach schon auf!«, sie grinste jetzt breit.
Ein Brötchen, aufgeschnitten, darin ein Schokokuss.
»Es hat sich doch was geändert. Die Dinger heißen nicht mehr...also die heißen heutzutage Schokoküsse!« Nörgelnd, unzufrieden, spöttisch.
Jetzt war es an mir, unwillig und verdrossen den Kopf zu schütteln. »Das ist nicht komisch! Wir haben lange dafür gekämpft, dass Rassismus überall verschwindet.«
»Sag ich doch, es hat sich nichts getan. Du bist noch immer die Gleiche.« Sie formulierte es lachend, selbstgefällig, abwertend. Austeilen ja. Aber einstecken ...

Hinter der alten Bäckerei führte die Straße herunter zur Wiese. Sie hieß nur »die Wiese«, obwohl man mittlerweile mehr als nur eine Kinderseilbahn und einen Spielplatz dort fand. Bänke luden zum Sitzen ein, ein betonierter Platz zum Rollschuhfahren und ein Babyplanschbecken erreichten, dass die Wiese sich schon beinah zum Vergnügungspark entwickelt hatte.

Wir setzten uns auf »den Pilz«, ein winziges Karussell mit einem Teller in der Mitte, an dem man kurbelte, um das Gerät in Schwung zu versetzen. Es gelang uns kaum, auf den schmalen Sitzen Platz zu nehmen, ohne uns die Knie zu stoßen. Aber wir drehten uns, bis ein paar kleine Mädchen angelaufen kamen und »Wir woll’n auch mal!«, schrien. Artig bedankten sie sich, als wir weiter schlenderten.

Andrea blieb am Eingang des Parks verwundert stehen und starrte auf ein leeres Grundstück. Ein paar zerbrochene Steine und Schutt davon zeugten, dass hier vor nicht allzu langer Zeit ein Haus gestanden hatte. Sie hatte die Sonnenbrille abgesetzt, um Tränen aus ihren Augen zu wischen. Ein Auto fuhr langsam, gedrosselt durch das Kopfsteinpflaster und die Schwellen in der Straße, an uns vorbei. Aus dem Autoradio schmetterte »Voooolare, oho...cantare...«
Andrea schluchzte laut auf. Rührselig, melodramatisch.

Ich legte ihr den Arm um die Schulter und zog sie mit in eine andere Richtung.»Das Tanzcafé gibt es noch – in einem Neubau drüben am Kantorplatz.« Umständlich kramte sie nach einem Taschentuch, atmete tief ein, setzte die Sonnenbrille wieder auf.
»Und die Jukebox?«
»Spielt immer noch Gipsy Kings, Celetano, die Powers und Sinatra!«
Und wenn sie nicht gestorben sind ...
Ich sah auf die Uhr, sie bemerkte es gottlob nicht. Wir hatten noch Zeit, also bummelten wir ein Stück weiter. Von weitem schon sah man das Gymnasium, damals, als wir dort eingeschult wurden, ein moderner Bau, der gerade erst errichtet worden war, heute ein hässlicher Kasten mit An- und Umbauten durch all die Jahre.
»Ihr seid die zukünftige Elite Deutschlands, und hier zu lernen ist nicht nur Ehre, sondern auch Pflicht!«, tönte es in meinen Ohren immer, jedes Mal, wenn ich hier vorbei kam, dieselben bescheuerten Worte.

Hier lief sie nun, die Elite Deutschlands, Arm in Arm, in Erinnerungen versunken, melancholisch, sentimental.
»Wir hatten soviel Pläne, so viele Möglichkeiten«, wiederholte meine Cousine, und verzog das Gesicht. Würde sie wieder flennen?
»Wir haben doch viel erreicht!«, ich versuchte, sie zu trösten, zu beschwichtigen, aber am liebsten wollte ich sie nehmen und schütteln.
Kullertränchen, auch heute noch.

Wir streiften jetzt durch die Felder, die hinter der Oberschule begannen. Die alte Eiche stand noch immer da, unter ihr hatten wir einen großen Teil Schulzeit verbracht, manchmal sogar mit unseren Lehrern. In ihrem Schatten war selbst Latein nicht mehr nervtötend. Ich schaute am Gebäude hoch, weil dritten Stock in diesem Augenblick ein Fenster geöffnet wurde.
»Frère Jacques
Frère Jacques
Dormez-vous
Dormez-vous...
Ein paar laute Schläge auf Holz, ein »Nein – von vorne!«
»Frère Jacques...«
»Der Musikraum! Das kann aber der Kunz nicht mehr sein, oder?« Der Gedanke an den schrulligen alten Säufer, der unser Musiklehrer gewesen war, schien sie wieder froher zu stimmen. Auf Regen folgt Sonnenschein.
»Nein, der liegt schon lang draußen auf dem Stadtfriedhof. Weißt du noch, wie er alle zehn Minuten verschwand, um vor der Tür den Flachmann anzusetzen? Aber er war ein Genie.«
»Ja, kein Instrument, dass er nicht spielen konnte, keine Melodie, die er nicht wiedergeben konnte, allein durchs Hören.«
»Spielst du noch Flöte?«
»Ich hab’ aufgehört, als Matthias starb.«
Dunkle Wolken im Gesicht, übertriebenes Pathos.
»Ach, Andrea. Das -«
»Was willst du sagen? Das Leben geht weiter? Verkriech dich nicht? Du musst mehr unter Leute gehen, dann wird das schon?« Sie schrie mich an und weinte hemmungslos. »Das habe ich alles schon gehört, weißt du?«, schimpfte sie weiter. »Wer meinst du, bist du, dass du mir Ratschläge erteilen kannst?«
Ich war stehen geblieben, zwei, drei Meter von der Eiche entfernt, immer noch in ihrem Schatten. Ich erwiderte nichts, das, was sie mir unterstellte, war ja wahr, ich hätte solche Plattitüden bemüht. In guter Absicht, dessen ungeachtet ebenso, weil ihre Larmoyanz mich anwiderte.
Sie stapfte an mir vorbei, ihre Haltung drückte Wut und Ärger aus, aber keine Trauer, wenn ihr die Tränen auch weiter ungehemmt übers Gesicht rannen.

Sie ließ sich hängen, und ich ließ sie stehen.

Die Welt dreht sich. Wir sind jetzt die alte Generation. Die Kinder rechnen und singen Lieder in der Schule, Jugendliche tanzen zur Musik in Cafés, essen mit Begeisterung viel zu süßes Zeug und kichern - nicht das Geringste hat sich geändert. Nicht einmal wir selbst.[/i]

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hobbes
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Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
Der silberne Scheinwerfer Ei 4


BeitragVerfasst am: 09.05.2021 21:46    Titel: Antworten mit Zitat

Ungefähr bei der Hälfte des Texte merke ich, was ich anstregend finde: Ich bekomme überhaupt kein Gespür für diese Figuren. Das ist seltsam, denn eigentlich beschreibst du sie ja ausgiebig. Trotzdem verliere ich vor allem bei den Dialogen den Faden, kann nicht zuordnen, wer gerade spricht.

Dann ist die Geschichte zu Ende und ich denke: Hä? Was soll das jetzt? Was soll dieser Text? Um was geht es denn hier? Eine kommt zurück und nichts hat sich verändert? Das kann doch wohl nicht alles sein?

Und was soll mir das Zitat am Anfang sagen?

Entweder hier geht ganz viel an mir vorbei oder aber - da ist gar nicht so viel.


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d.frank
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BeitragVerfasst am: 10.05.2021 14:52    Titel: Antworten mit Zitat

durchwachsen

..hatte ich nach dem ersten Lesen geschrieben.
Jetzt hat sich auch nicht viel geändert an dieser Einschätzung.
Eigentlich ist das ja nicht schlecht. Eigentlich ist das leise erzählt, aber es berührt mich nicht und sagt mir auch nicht Neues.


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Die Wahrheit ist keine Hure, die sich denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: Vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, daß selbst wer ihr alles opfert noch nicht ihrer Gunst gewiß sein darf.
*Arthur Schopenhauer
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Selanna
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BeitragVerfasst am: 10.05.2021 19:54    Titel: Antworten mit Zitat

Ein schöner Text, er gefiel mir ausnehmend gut.
Die Cousine, mit der man früher viel Kontakt hatte, die man aber gar nicht so sympathisch fand, sondern die ein wenig bespöttelt nebenherlief. Aus Rollenbildern, die einem die Familie zuordnet, löst man sich nur schwer oder, andersherum betrachtet, Menschen ändern sich nicht leicht. Und so erkennt auch Ute in Andrea all die Facetten, die sie an ihrer Cousine schon in der Jugend nicht schätzte, im Alter wieder. Andrea kommt in dem Text auch wirklich nicht gut weg, ohne dass sie überzogen oder unrealistisch geschildert worden wäre. Der Text charakterisiert nuanciert und dort, wo er klar urteilt, wird das auch klar kenntlich gemacht, man kann dem Urteil als Leser folgen oder es in Frage stellen.
Es ist ein runder Text, mMn, denn zwei Cousinen finden sich nach langen Jahren am Bahnhof wieder und die Geschichte folgt den beiden, bis sie sich nach kurzem Miteinander wieder trennen. Es ist, als würde die gemeinsame Entdeckung der Vergangenheit, auf zwei Ebenen, die beiden Frauen wieder trennen: einerseits erkunden sie gemeinsam die Räume ihrer Vergangenheit (Bäcker, Schule, Schulhof, sprich die Stadt ihrer Jugend), andererseits fallen Ute all die Charaktereigenschaften an Andrea wieder auf, die sie früher schon nicht mochte. Darum muss es auch zur Trennung kommen: so wie sie früher getrennte Wege gingen, weil Ute Andreas Larmoyanz nicht ertrug, trennen sich die Wege auch heute wieder, da sie das Gejammere der anderen noch immer nicht erträgt. Nur das Alter, das schon zu Beginn Thema war, wird auch am Ende wieder angeführt: die einzige Veränderung, aber sie bringt nichts Verbindendes mit sich.
Wenn ich das auf die Textanforderungen ummünze, ist der Text für mich weder sperrig, quer oder schief, aber er ist ruhig. Er ist actionlos und – wahrscheinlich – auch pointenlos und ja, er hat etwas zu sagen.
Zur Umsetzung des Themas. Zweimal passiert man Fenster von Schulgebäuden, was kaum Bedeutung für den Text hat. Das vorangestellte Zitat legt aber nahe, dass das geöffnete Fenster die eigene Person ist. Also Ute ist ein Fenster, genauso wie Andrea eines ist. Ute hat sich sauber und hell gehalten und sieht dementsprechend auf die Welt, Andrea ist unzufrieden, spöttisch, voll dunkler Wolken und sieht trist auf die Welt. Eine schöne Idee, auf die ich nie gekommen wäre! Auch ohne das Zitat wäre ich nie darauf gekommen, dass das hinter dem Text steckt. Aber andererseits finde ich die Umsetzung des Themas auch weit hergeholt. Mh.
Ich weiß noch nicht, ob ich es schaffe, genügend Texte zu lesen, um bewerten zu können. Falls ich es schaffe, komme ich noch einmal zurück und vergebe Punkte. Aber die Gedanken wollte ich zum Text dalassen, zum Einen für Señora Incógnita, zum Anderen für mich als Gedächtnisstütze Wink

Liebe Grüße
Selanna


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nebenfluss
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BeitragVerfasst am: 11.05.2021 12:21    Titel: Antworten mit Zitat

Zwei Cousinen treffen sich überraschend am Bahnhof ihrer Heimatstadt und begeben sich auf einen Rundgang durch ihre Kindheitserinnerungen.
Obwohl es nur um diese beiden geht, fallen Charakterisierung und insbesondere Biografie sparsam aus. Wie sich das Leben der jeweils anderen entwickelt hat, die in solcher Situation zu erwartenden Berichte über Familie, Beruf, Gesundheit, Schicksalsschläge und Zukunftspläne - all das interessiert hier niemanden. Warum sie sich offenbar Jahrzehnte aus den Augen verloren haben, sich jetzt aber am Ort ihrer Jugend wiedersehen, verschweigt der Text ebenfalls. Am auffälligsten ist Andreas Sprunghaftigkeit - eben noch ein "nasser Sack", rast sie im nächsten Moment durch die Gegend. Das "Kind, das sich als Oma verkleidet hat", wie Ute wenig schmeichelhaft konstatiert, erweist sich als so hysterisch wie wohl damals schon, als die Familie sie mit dem Kosenamen "Kullertränchen" verhöhnte. Am Ende wird Utes Missgunst die Oberhand gewinnen, und sie wird ihre Cousine einfach stehen lassen. In Anbetracht des Themas wäre zu lesen: Sie geht am offenen Fenster Andrea vorbei - was mir erst gar nicht auffiel, da das hübsche Shaw-Zitat mich in die Irre führte. Da finde ich wenig, was seine Voranstellung rechtfertigt. Um zu verstehen, durch welche hellen (oder dunklen) Fenster ihrer selbst die beiden die Welt sehen, sind ihre Reminiszenzen weder speziell noch kontrovers genug, und beim saufenden Musiklehrer klingelt die Klischeeglocke. Für das einzige Zugeständnis an den gewandelten Zeitgeist gilt ähnliches. Ute hat wohl schon damals gegen Rassismus gekämpft, für ihre Cousine scheint sie dagegen keine aufrichtige Empathie aufbringen zu können. Sie sind sich einig, dass sich ja eigentlich doch nicht das Geringste geändert hat, was allerdings nur in der Fiktion des sich ebenfalls kaum entwickelnden Textes funktioniert, in der ein umbenanntes Mohrenkopfbrötchen als einziges Indiz einer modernen, globalisierten Gesellschaft herhalten muss.
Analog zu den Figuren bleibt der Text an der Oberfläche kleben und banalisiert sich irgendwie durch bis zum resignierten Ende. Ausflüge in die Metaphorik lesen sich etwas unbeholfen: ein Fachwerkhaus wirkt "krumm und gebeugt", an anderer Stelle taut Andrea auf "wie ein Tag im April". Der Klimawandel ist in der Realität der beiden wohl auch noch nicht angekommen.
Die Interpretation des Themas finde ich in Ordnung. Im Sinne von E-Literatur habe ich Tiefe, inhaltliche Eigenständigkeit und sprachliche Inspiration vermisst.


_________________
fehlende Quellenangabe: mein Kopf.
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silke-k-weiler
Geschlecht:weiblichKlammeraffe

Alter: 47
Beiträge: 684

Das goldene Schiff


BeitragVerfasst am: 11.05.2021 19:54    Titel: Re: Andrea Antworten mit Zitat

Señora Incógnita hat Folgendes geschrieben:
Halte dich sauber und hell: Du bist das Fenster, durch das du die Welt sehen mußt!

George Bernard Shaw


Lieber Text,

schönes Zitat zu Beginn.

Was geschieht: zwei Cousinen begegnene einander nach langer Zeit, haben sich offenbar verabredet, die eine holt die andere ab. Die beiden schlendern durch den Ort ihrer Kindheit, geöffnete Fenster rufen mit ihren akustischen oder olfaktorischen Reizen Erinnerungen hervor, die Figuren sind selbst Fenster, analog zu dem Eingangszitat, durch die sie die Welt und einander wahrnehmen. Zugleich habe ich, wie auch bei dem Text "Abschied" ein Bild von Zeitfenstern vor Augen. Zeitfenster, die man möglicherweise verpasst hat, an denen man vorübergegangen ist, was vielleicht auch Verbitterung hervorgerufen hat? Im Grunde eine schöne Thematik. Und stellenweise bist auch schön umgesetzt. Was mich irritiert, ist das ambivalente Verhältnis zwischen den beiden, Andrea und Ute. Für mich kippt es im Minutentakt von einer z.B. positiv nostalgischen Verbindung durch die gemeinsame Erinnerung

Sie grinste schief, als sie mich ansah. Wie auf Kommando sagen wir gleichzeitig: »Sechs mal sieben ist zweiundvierzig und sieben mal sieben gibt ganz feinen Sand!«
Und dann kicherten wir.
Wir waren wieder sechs Jahre alt, saßen zusammen in einer Bank und hatten Spaß. Als wir den Weg fortsetzten, griff sie, wie damals auf dem Schulweg, nach meiner Hand. So schlenderten wir weiter, verbunden über die Jahrzehnte durch Erinnerungen.


rüber zu dem Bruch oder einer Kluft zwischen den beiden, die entweder schon immer existiert hat oder über die Jahre weiter aufgerissen ist

»Es hat sich doch was geändert. Die Dinger heißen nicht mehr...also die heißen heutzutage Schokoküsse!« Nörgelnd, unzufrieden, spöttisch.
Jetzt war es an mir, unwillig und verdrossen den Kopf zu schütteln. »Das ist nicht komisch! Wir haben lange dafür gekämpft, dass Rassismus überall verschwindet.«
»Sag ich doch, es hat sich nichts getan. Du bist noch immer die Gleiche.« Sie formulierte es lachend, selbstgefällig, abwertend. Austeilen ja. Aber einstecken ...


Ute bewertet Andrea gedanklich über Eigenschaften, die sie schon immer an ihr gestört haben oder die sich im Laufe der Zeit stärker ausgeprägt haben, ihr Pathos (Andrea scheint eine Dramaqueen zu sein?), aber irgendwie fehlt mir tatsächlich ein wenig der rote Faden oder ich bin zu doof, ihn zu sehen. Ich nehme nur dieses Kippen wahr, hin und her und wieder hin, das es mir erschwert, mich so richtig auf den Text einzulassen, ihm auf den Grund zu gehen. Ich glaube, da hätte man mehr rausholen können, aus dieser Begegnung.

Dennoch gerne gelesen.

Herzlichst
Silke
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Raven1303
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Beiträge: 562
Wohnort: NRW


BeitragVerfasst am: 11.05.2021 21:37    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber/e Unbekannte/r,

solide geschriebene Geschichte und die Vorgaben sind - meiner Meinung nach - alle erfüllt.

Zwei alte Damen gehen an den Fenstern ihrer Erinnerungen vorbei, melancholisch stellen sie fest was vergangen ist und doch beim Alten geblieben.

Sprachlich gut, reißt mich aber auch nicht mit und am Ende frage ich mich auch hier: was willst du mir mit der Geschichte sagen? Welchen Konflikt gab es hier genau und wurde er gelöst?
Was genau hat es mit dem Zitat vom Anfang auf sich? Das habe ich im Text nur ganz ganz vage wiedergefunden.

Andere Texte haben mich mehr begeistert, daher gebe ich dir keine Punkte.

LG Raven


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Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn.
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Nihil
{ }

Moderator
Alter: 32
Beiträge: 7628



BeitragVerfasst am: 13.05.2021 00:10    Titel: Antworten mit Zitat

Ein etwas überspanntes Wiedersehen zweier Freundinnen, die sich zum ersten Mal seit Jahren begegnen. Sie laufen durch die Stadt, prüfen, was sich mit der Zeit verändert, was gleich geblieben ist. Während Ute den Lauf der Dinge locker akzeptieren kann, ist Andrea hingegen in einem fast bockigen Selbstmitleid stecken geblieben, aus dem sie auch ihre alte Freundin nicht retten kann.

Andrea geht an dem Angebot, das Leben zu genießen, dem offenen Fenster, vorbei und verbringt ihre Zeit lieber in dem Gedanken, dass ihr auch nie etwas Schönes passieren kann. Leider erschließt sich mir der Mehrwert dessen nicht, einer Figur wie Andrea beim Larmoyieren zuzuhören. Eine Entwicklung der Personen, ein Impuls der Veränderung wird nicht einmal angedeutet. Noch dazu sind Dialoge und Beschreibungen sehr gekünstelt. Sie wirken oberflächlich und überarbeitungswürdig. Etwa hier:
Andrea hat Folgendes geschrieben:
»Der Musikraum! Das kann aber der Kunz nicht mehr sein, oder?« Der Gedanke an den schrulligen alten Säufer, der unser Musiklehrer gewesen war, schien sie wieder froher zu stimmen. Auf Regen folgt Sonnenschein.
»Nein, der liegt schon lang draußen auf dem Stadtfriedhof. Weißt du noch, wie er alle zehn Minuten verschwand, um vor der Tür den Flachmann anzusetzen? Aber er war ein Genie.«
»Ja, kein Instrument, dass er nicht spielen konnte, keine Melodie, die er nicht wiedergeben konnte, allein durchs Hören.«

Die Art und Weise, wie hier die Themen fortgeführt und angesprungen werden und die Erinnerung an den alten Musiklehrer vermittelt wird, ist reines Infodumping, ohne dabei wirklich etwas  Nennenswertes über ihn zu erzählen und ihn so für die Geschichte zu rechtfertigen. Und lies dir mal bitte den Dialog laut vor und tu so, als würdest du mit einer Freundin reden. So spricht doch kein Mensch.

Aus den genannten Gründen hat dein Text es also nicht mehr zu Punkten gebracht.
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Babella
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Beiträge: 839

Das goldene Aufbruchstück Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 13.05.2021 08:42    Titel: Antworten mit Zitat

Eine anrührende Geschichte, poetisch, ein bisschen sentimental, ich kann mir alles sehr gut vorstellen und das nachempfinden. Man ist verbunden durch Jahre gemeinsamer Erfahrung, und die Reibepunkte sind auch noch da. Abitreffen-Syndrom. Dass Andrea noch nicht über den Tod ihres Lebensgefährten hinweg ist und deshalb losschimpft, nun ja.

Schöner Satz: Sie ließ sich hängen, und ich ließ sie stehen. Da steckt alles drin: Sie war schon immer so und es muss einmal reichen. Was die Erzählerin daraus macht, bleibt offen, lässt mich in Gedanken bei der Geschichte verweilen, weckt in mir Fragen, lässt mich wünschen, ich könnte mit der Erzählerin ein bisschen am alte-Tanten-Kaffeetisch sitzen und darüber reden, wie weit man geht mit der Psychohygiene, die einen Kontakte reduzieren oder abbrechen lässt und ob man mit der Vergangenheit abschließen kann und solche Dinge.

Nur das offene Fenster, wo ist das? Das ist jetzt sehr versteckt.  Die Sicht auf die Welt, ja. Hm. Man muss sich aber doch etwas verrenken, um das als "erfüllt" zu beurteilen. Das führt leider zu Abzügen Crying or Very sad
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Kojote
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BeitragVerfasst am: 13.05.2021 10:50    Titel: Antworten mit Zitat

Guten Morgen,

Hmm … was haben wir hier? Zwei alte Freundinnen, die die Stadt ihrer Kindheit unsicher machen.

Um ein Haar hätte ich behauptet, dass dies einfach nur eine Beschreibung von „herumstrolchenden“ Leuten ist, die sich einen netten Tag machen. Am Ende kam dann doch die Wendung. Wobei ich:

Zitat:
Sie schrie mich an und weinte hemmungslos.


als sehr unelegante Konstruktion empfinde, wenn die (längere) direkte Rede direkt davor steht. So merkt man das Schreien und Weinen erst, wenn die Worte schon längst gefallen sind.

Die Rechtschreibung hakt an manchen Stellen ebenso.
Die Vorgabe mit dem Vorbeigehen an offenen Fenstern sehe ich nur sehr marginal bzw. ausweichend erfüllt, die offenen Fenster sind jedenfalls nur beiläufig erwähnt und nichts, was für die Handlung des Textes von Bedeutung wäre.

Danke für den Text,
Der Kojote


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"Doobedoobedoo." (Frank Sinatra)
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MauerseglerIn
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Beiträge: 30



BeitragVerfasst am: 13.05.2021 11:07    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Text,

mir gefällt deine Interpretation mit den Fenstern als (verpasste) Möglichkeiten und die Schilderung der Wiederbegegnung von zwei alten Freundinnen (?), die nach gemeinsamen Erinnerungen suchen. Ich konnte allerdings bis zum Ende die gereizte Stimmung nicht ganz nachvollziehen, da sie sich am Anfang anscheinend noch freuen, sie zu sehen. In jedem Fall habe ich dich aber gern gelesen smile

Viele Grüße,
die Mauerseglerin
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RAc
Klammeraffe


Beiträge: 640



BeitragVerfasst am: 13.05.2021 13:21    Titel: Antworten mit Zitat

Zwei Cousinen - Andrea und Ute - treffen sich nach mehreren Jahrzehnten wieder in der Stadt, in der sie zusammen aufgewachsen und zur Schule gegangen waren. Ute ist dort wohnen geblieben, für Andrea ist es das erste Treffen seitdem nicht nur mit Ute, sondern auch mit ihrer Stadt. Beim Spaziergang lassen sie Erinnerungen an ihre Kindheit und die Schulzeit an sich vorbei ziehen.

Vorgabentreue:

Auf der literalen Ebene dadurch, dass während des Spazierganges drei Mal aus geöffneten Fenstern Sinneseindrücke auf sie einströmen - Sprach- und Gesangsfetzen sowie Gerüche -, an denen sie Erinnerungen anknüpfen. Auf der metaphorischen Ebene ließen sich ein paar Interpretationen herbei deuten - so sagt Andrea z.B. »Wir hatten soviel Pläne, so viele Möglichkeiten«, was sich dahin gehend interpretieren ließe, dass sie Möglichkeiten aktiv oder fremdkontrolliert nicht wahrgenommen haben (an den Fensters vorüber gegangen sind). Allerdings werden diese Interpretationsmöglichkeiten niemals ausgelotet.

Das große Fragezeichen ist, ob die drei Inzidenzen dazu ausreichen, die Vorgabe zu erfüllen, dass das Vorübergehen an offenen Fenstern ein zentrales Motiv der Erzählung sein muss. Ich denke, dass der Text in allen drei Fällen die offenen Fenster durch andere erinnerungsweckende Ereignisse hätten ersetzt werden können, ohne dass die Geschichte dadurch signifikant anders geworden wäre. Damit wäre die Vorgabe der Zentralität nicht erfüllt, und die Metaphorik müsste das ausgleichen.

Ausgestaltung:

Ein Text mit viel Potential; allerdings geht AutorIn konsequent an allen Fenstern vorüber, die auf interessante Geschichten hoffen lassen. Hinter einer gemeinsamen Kindheit stecken unendlich viele Geschichten, Geheimnisse, Ängste, Erfahrungen, Annäherungen und Entfremdungen, Scheidewege, Enttäuschungen, Hoffnungen und vieles Andere, von denen aber so gut wie nichts angekratzt wird.

Schade. Vielleicht reicht es irgendwo im unteren Bereich mit Punkten, aber insgesamt ist mir das zu seicht und oberflächlich. Positiv würde ich die evokative beschreibende Sprache hervorheben. Insgesamt liegt die Stärke des Textes mehr darin, Bilder zu zeichnen als eine Geschichte zu erzählen.
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psi
Leseratte


Beiträge: 128



BeitragVerfasst am: 14.05.2021 19:04    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo, Text, schön, dass du da bist! :)

Du hast deine Auslage auffällig mit einem Zitat aus fremder Feder dekoriert – dann bin ich mal gespannt, was ich zu sehen bekomme, wenn ich aus meinem Fenster in deines schaue.

Ich sehe zwei Frauen, schätzungsweise um die Fünfzig, die durch die Kleinstadt laufen, in der sie gemeinsam aufgewachsen sind.
Die titelgebende Andrea kehrt nach längerer Abwesenheit zurück, trägt ihre Emotionen an der Oberfläche und bezieht ihre gesamte Umgebung direkt auf sich ("was aus der Stadt und aus uns geworden ist"). Kullertränchen habe ich gerade gegoogelt und anscheinend gab es tatsächlich eine Puppe, die so hieß … herrje.
Ute, aus deren Perspektive du dich präsentierst, betrachtet es gelassen, dass in ihren Augen weder sie selbst noch ihre Kleinstadt sich verändert hat. Im Gegensatz zu Andrea, der gerade dieser Umstand von erfolgter und nicht erfolgter Veränderung besonders zuzusetzen scheint.

In der Stadt dagegen ist alles kindlich-einfach, es gibt "den Pilz", "die Wiese", "die Bäckerei", "das Tanzcafé", "die Eiche". Dass sie ausgerechnet unter den Fenstern der örtlichen Schulen hindurch laufen, zeigt sehr schön, dass sich am deutschen Bildungsprogramm seit 1919 nichts verändert hat.

Lieber Text, du machst es mir schwer, denn ich weiß nicht, was du mir zeigen möchtest.
Was ich, so von meinem Fenster aus, sehe, sind zwei schwere Fälle von kleinbürgerlichem Narzissmus, die anscheinend ihr ganzes Leben in ihrer eigenen kleinen Perspektive verbracht haben.
Die Welt dreht sich, aber nicht das Geringste hat sich verändert, klar. Aber das ist nicht schlimm, denn Rassismus ist ja schon vor langer Zeit überall verschwunden, weil Ute lange dafür gekämpft hat, dass man nur noch Schokokuss sagen darf. Danke, Ute, für deinen Einsatz.
Könnte man schon als Satire betrachten, saubere, heile Welt durch saubere, heile Fenster.

Wenn ich allerdings die Wahl deiner Perspektive betrachte, habe ich eher das Gefühl, du möchtest mich auffordern, mit Ute zu sympathisieren um mit ihr auf die aufgelöste Andrea herabzusehen, deren Fenster über die Prüfungen und Turbulenzen ihres Lebens so verdreckt und zersprungen ist, dass sie darin nur noch ihre eigene Spiegelung zu sehen vermag.
Und dann endet es beinahe noch in guten Ratschlägen …

Sprachlich passiert hier nicht viel Aufregendes, das mag der Perspektive geschuldet sein. Ob die gewählt wurde, um Utes kleinen Ausschnitt der Außenwelt einzugrenzen oder ob du dich damit unnötig eingeschränkt hast, weiß ich nicht.
Diesen Satz mag ich aber: "Ein Kind, das sich als Oma verkleidet hat."

Tja, lieber Text, was bist du nun? Da muss ich noch drüber nachdenken.
Bei mir hängen bleibt eine tiefe Antipathie für deine Charaktere und die Frage, ob diese Darstellung kleinstädtischen Kleinfenstertums schon ausreicht, um dir eine mehrschichtige Satire zu unterstellen.

Liebe Grüße,
Ψ
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Constantine
Geschlecht:männlichBücherwurm


Beiträge: 3300

Goldener Sturmschaden Weltrettung in Bronze


BeitragVerfasst am: 14.05.2021 19:23    Titel: Antworten mit Zitat

Ich Ute, Du Andrea: Alles bleibt gleich oder 30 Jahre sind ein Tag

Bonjour Inko,

das Familientreffen der beiden Cousinen nach über 30 Jahren hat Höhen und Tiefen, so wie im wahren Leben, und es kann keiner behaupten, dass man sich nur lange genug nicht sehen braucht, um sich zu mögen, alte Wunden, alte Konflikte, alte Spielereien kommen auch nach Jahrzehnten wieder hervor und sorgen für Freude und Leid.
Die beiden Leben ihre Vergangenheit an einem Tag wieder auf mit Grundschule, Gymnasium, Tanzcafé und Spielplatz und es zeigen sich damals wie heute die gleichen Konflikte und Aggressionen. Ute kommt mir teilweise sehr überheblich und klugscheißerisch vor,
Zitat:
[...]Wir haben lange dafür gekämpft, dass Rassismus überall verschwindet.«

Ich muss dich leider enttäuschen, Ute. Der Rassismus ist nicht verschwunden, es gab ihn damals, es gibt ihn heute. Der Kampf geht weiter.

Zitat:
»Ich hab’ aufgehört, als Matthias starb.«
Dunkle Wolken im Gesicht, übertriebenes Pathos.
»Ach, Andrea. Das -«

Zu lyrisch ausgedrückt, Ute, im Vergleich zu deinen sonstigen überheblichen Kommentaren bezüglich Andrea. Passt mMn nicht.

Aber weiter im Text: Andrea ist mir mit ihrer Neugier und ihrer Verspieltheit sympathischer, ehrlicher. Etwas übertrieben, wie sie sich nach über 30 Jahren in ihrem Geburtsort wie der erste Mensch aufführt. Ute hingegen kommt mir sehr falsch vor, da ist einiges schief in ihr und ich frage mich, woher kommt das und warum? Da trägt jemand soviel seelischen und sonstigen Ballast mit sich, hat einige Aggressionen und Mauern um sich gebaut und das Treffen mit der Cousine ist bereits zu Beginn dem Scheitern gewidmet, also dem Zwischenmenschlichen, aber für die Textdynamik funktioniert das ganz gut, dass der Kreis sich am Ende wieder schließt und man wieder am Anfang ist.
Die Sympathien sind klar definiert, beabsichtigt oder nicht.

Der Schluss-Abschnitt
Zitat:
Die Welt dreht sich. Wir sind jetzt die alte Generation. Die Kinder rechnen und singen Lieder in der Schule, Jugendliche tanzen zur Musik in Cafés, essen mit Begeisterung viel zu süßes Zeug und kichern - nicht das Geringste hat sich geändert. Nicht einmal wir selbst.

kann gestrichen werden. Der Text vermittelt das bereits von selbst und es braucht keine Zusammenfassung von Ute, um mir eine tiefschürfende Reflexion zu verkaufen.

Insgesamt mochte ich diesen Spurt durch die Vergangenheit, den die beiden Cousinen während ihres Wiedersehens hinlegen. Der Text hat es in meine Top Ten geschafft: trois points.

Merci beaucoup
Constantine
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V.K.B.
Geschlecht:männlich[Error C7: not in list]

Alter: 49
Beiträge: 4967
Wohnort: Nullraum
Das goldene Rampenlicht Das silberne Boot
Goldenes Licht Weltrettung in Silber


BeitragVerfasst am: 15.05.2021 23:43    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo unbekanntes Wesen, das das geschrieben hat

Kommentar beim Lesen:
Zitat:
»Es hat sich doch was geändert. Die Dinger heißen nicht mehr...also die heißen heutzutage Schokoküsse!« Nörgelnd, unzufrieden, spöttisch.
Jetzt war es an mir, unwillig und verdrossen den Kopf zu schütteln. »Das ist nicht komisch!
Doch, ist es. Bevor ich die Antwort gelesen habe, habe ich nämlich sofort gedacht: Doch, etwas hat sich geändert. Damals haben die bestimmt noch "Negerkussbrötchen" dazu gesagt.

Einschätzung danach:
Ziemlich flach für einen Zehntausendertext, denke ich. Der lässt sich dann mit dem Satz "nicht das Geringste hat sich geändert. Nicht einmal wir selbst" am Ende zusammenfassen. Für E-Literatur ist mir das eindeutig zu wenig. Und für den Zehntausender werden nicht nur E-Themen, sondern ganz explizit besondere Texte erwartet, also nichts alltäglich Geschriebenes. Die Erzählung läuft hier einfach durch, da ist nichts groß zu deuten oder mehrschichtig. Von daher für mich leider kein Text, der wirklich in diesen Wettbewerb gehört, tut mir leid. Die Themenumsetzung ist auch dürftig, finde ich, "an offenen Fenstern vorübergehen" spielt im Text kaum eine Rolle, auch metaphorisch nicht. Da hilft es auch nichts, wenn die beiden immer von irgendwelchen Möglichkeiten sprechen, die sie angeblich gehabt hätten, was aber nicht vertieft oder mit irgendeiner wirklichen Bedeutung ausgekleidet wird.

Ist aber solide geschrieben und lässt sich gut lesen, um auch noch was Positives zu sagen. Schlecht ist der Text keinesfalls, aber für diesen Wettbewerb erwarte ich viel mehr und gut schreiben zu können ist für einen Wettbewerb eh ein sine qua non.

Edit: Zur Endwertung: Ich habe die Texte in die Kategorien grün (genau wie ein Zehntausendertext mMn sein sollte, also definitiv E-Lit, aber auch besonders geschrieben und neue Wege beschreitend, oder das zumindest versuchend), gelb (ernsthafte Themen, aber realtiv traditionell geschrieben) und rot (Text, der mMn nicht in diesen Wettbewerb passt, auch nicht teilweise) eingeteilt. Die Rangfolge für die Punkte erfolgt dann nicht größtenteils nach persönlichem Gefallen, sondern erstmal innerhalb der Gruppen.

Diesen Text habe ich in den gelben Bereich eingeteilt, er erfüllt die Vorgaben dieses Wettbewerbs teilweise, schafft es aber nicht in meine Top Ten und erhält daher leider auch keine Punkte.


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Warning: Cthulhu may occasionally jumpscare people …
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marinaheartsnyc
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Alter: 29
Beiträge: 149



BeitragVerfasst am: 17.05.2021 16:59    Titel: Antworten mit Zitat

Ich finde den Text gut geschrieben, aber inhaltlich ist er mir ein bisschen zu Moralapostel-mäßig irgendwie (sehe vor meinem inneren Auge einen erhobenen Zeigefinger Laughing ), und die letzten drei Sätze bräuchte es mMn nicht, die fassen nur das zusammen, was der Text davor erzählt. Insgesamt gab es deshalb leider Texte, die mich ein bisschen mehr überzeugt haben.

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Yesterday I was clever, so I wanted to change the world. Today I am wise, so I am changing myself.

- Rumi
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Jenni
Geschlecht:weiblichPapiertiger


Beiträge: 4197

Das goldene Aufbruchstück Die lange Johanne in Gold


BeitragVerfasst am: 17.05.2021 22:19    Titel: Antworten mit Zitat

Zwei ältere (?) Frauen, Cousinen, spazieren durch ihren Heimatort, in dem die eine noch lebt und die andere schon lange nicht mehr. Sie mögen sich nicht besonders, urteilen unangenehm übereinander, nerven sich, aber teilen eben ihre Vergangenheit und Erinnerungen. Sie seien jetzt alt, während das Leben so weitergeht und nichts sich geändert hat, das sei die Botschaft, wird mir am Ende erklärt. Und der kann ich nicht folgen, mir kommen deine alten Damen nicht authentisch vor. Und dieses aussprechen, was ich in den Text interpretieren soll, das mag ich eh nicht. Anders hätte ich womöglich was Interessantes reininterpretiert, aber so: weiß ich ja gleich, das der Text hier zu Ende ist und ich damit fertig.
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Kiara
Geschlecht:weiblichReißwolf

Alter: 42
Beiträge: 1641
Wohnort: bayerisch-Schwaben


BeitragVerfasst am: 18.05.2021 11:08    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,
was mir gefällt ist, dass die beiden Frauen sich nicht nachher beide weinend in den Armen liegen, sondern streiten und so auseinander gehen. Das ist eine passende Wendung, finde ich. Allerdings holpert es für mich auf dem Weg dorthin, ich kaufe beiden das Ende so nicht ab.
Die kursiven Einschübe sind anfangs noch ok für mich, später nerven sie, weil man mir beim Lesen Gefühle aufdrücken will, auf die ich aber durch den Text selbst kommen sollte. Es liest sich dann wie ein Theaterstück. Wenn das so gewollt ist, ist es für mich nicht stimmig.
"Andrea schluchzte laut auf. Rührselig, melodramatisch."
Für mich ist das einfach zu viel des Guten.
Hier und da ein Formatierungsfehler, geschenkt.
Bitte nicht falsch verstehen, schlecht ist das nicht! Doch das Niveau ist hoch und für Punkte reicht es dieses Mal leider nicht.
Trotzdem liebe Grüße und danke für deine Geschichte.


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Zum Schweigen fehlen mir die Worte.

- Düstere Lande: Das Mahnmal (2018)
- Düstere Lande: Schatten des Zorns (2020)
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DLurie
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Wohnort: Zwischen den Stühlen
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BeitragVerfasst am: 18.05.2021 11:22    Titel: Antworten mit Zitat

Aus Zeitgründen muss ich mich auf das Kommentieren meiner zehn Favoriten beschränken, und unter der Vielzahl der Texte hat es dieser nicht in meine (höchst subjektiven) Top Ten geschafft.
Dennoch vielen Dank fürs Lesendürfen!
LG
DLurie
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Katinka2.0
Geschlecht:weiblichEselsohr


Beiträge: 362



BeitragVerfasst am: 18.05.2021 21:00    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe/r Autor/in,

der Besuch der ältlichen Cousine:
Zitat:
In guter Absicht, dessen ungeachtet ebenso, weil ihre Larmoyanz mich anwiderte.

Deine Ich-Erzählerin ist mir unsympathisch.

Zwei Cousinen treffen sich nach Jahren wieder in dem Ort, wo sie zusammen aufgewachsen und in die Schule gegangen sind. Sie tauschen bei einem Rundgang Erinnerungen an ihre Kindheit aus und die Ich-Erzählerin, die offensichtlich immer noch dort lebt, erklärt bauliche Veränderungen, die man im Laufe der Zeit vorgenommen hat. Während die eine Cousine erwartungsgemäß emotional auf das Wiedersehen und all die bekannten Plätze reagiert, zeigt sich die andere in ihren Gedanken angenervt und teilweise abfällig, was sie aber nicht ausspricht. Die Quintessenz der Geschichte ist, dass sich alles mit der Zeit verändert hat, nur die Cousinen in ihrem Wesen bzw. in ihrer jeweiligen Haltung gegenüber der anderen nicht.

Das Thema hast du erkennbar im Text umgesetzt, aber ich vermisse das Besondere, Mehrschichtige in der Handlung, das mich über das Lesen hinaus beschäftigt. Leider hat es dein Beitrag nicht in meine Top Ten geschafft.

Liebe Grüße,
Katinka
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holg
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BeitragVerfasst am: 19.05.2021 15:07    Titel: Antworten mit Zitat

der Adriano heißt Celentano

Zwei alte Freundinnen, Cousinen, treffen sich nach Jahren wieder
Zitat:
»Wir hatten soviel Pläne, so viele Möglichkeiten«

Das ist es. Das ist der Text.

Der Spaziergang durch die Stadt, vorbei an offenen Fenstern symbolisiert das Aufwachsen der Frauen in der Stadt, Möglichkeitsfenster werden angestupst. Es wird geredet, getanzt und geweint. Dann verliert sich der Text in, ja was eigentlich?


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Michel
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BeitragVerfasst am: 20.05.2021 08:57    Titel: Antworten mit Zitat

Gut eingefangen finde ich die Atmosphäre dieser Verbindung, die eigentlich keine ist und sich nur noch aus formalen Verwandtschaftsverhältnissen, gemeinsamer Vergangenheit und einem diffusen Gefühl der Verpflichtung nährt.
Dabei erreicht mich die Sprache der Geschichte eher weniger. Ungünstig gelegte Inquits, viel (zu viel) wörtliche Rede, manches erklärt, das keiner Erklärung bedarf ("… erkannte ich, dass sie auftaute") – das fesselt mich weniger.
Auch die Charaktere bleiben (für mich) eher diffus, vor allem Andrea wirkt (auf mich wie ein Abziehbild mit ständig changierenden Farben. Mal ist sie übertrieben empört, dann kullern wieder übertriebene Tränen – das ergibt für mich noch kein schlüssiges Gesamtbild.

Auch die heraufbeschworenen eigenen Kindheitserinnerungen an Pilze und Musikstunden, die in der Realität weniger klischeebeladen waren, haben mich nicht so recht an den Text gebunden.

Leider nicht so meins, sorry.


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