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Der Thread als schöne Kunst


 

 
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toltec-head
Hobbyautor

Alter: 43
Beiträge: 309



BeitragVerfasst am: 17.07.2012 10:49    Titel: Der Thread als schöne Kunst eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der Thread als schöne Kunst


Die Katastrophe der europäischen Künste ist der Rückzug der Straße. Kunst und gerade große Kunst ist nur dort schön, wo auch Jahrmarkt ist. Ohne Bezug zum Karnveval - dem richtigen Karneval, nicht dem Karneval, wie wir ihn als Reservat kennen, sondern dem alltäglichen lebenden, tanzenden Fleisch auf der Straße - ohne Bezug zu diesem Karneval, verkümmert die Kunst.

Natürlich versuchen die organisierten Medien uns immer wieder Kunst mit "street-credibility" zu verkaufen. Typ Indie-Musik. Aber dies sind organisierte Reservate für Lohnempfänger. Das ist schlimmer als der Kölner Karneval als Schwundstufe des echten Karnevals. Das ist die Straße als Tünch. Als vorgegaukeltes Video von Produzenten für Konsumenten. Die Produzenten müssen Drogen nehmen, um diesen Betrug auf Dauer durchzustehen und die Konsumenten versinken langsam aber sicher in Depressionen.

Straße ist nur dort, wo auf einmal Vielstimmigkeit, wo diese Produzenten/Konsumenten-Kacke aufhört.

Der Thread ist für mich die Rückkehr des Jahrmarkts in die Kunst.

Der Thread ist die Straße in eine Welt ohne Produzenten und ohne Konsumenten

Das tiefgefrorene Konsumentenfleisch der Lohnempfänger taut im Thread auf und kehrt in den ewigen Kreislauf des echten, vibrierenden Lebens zurück: Karneval.

Natürlich weiß auch ich, dass sich hinter Klama, Lorraine, Edgar, Harald, Assi und Pencacke in Wirklichkeit arme, kleine, beschissene Lohnempfänger in ihren Wohnklos befinden, die wie ich ihre Impotenz zur Schau stellen. Aber in ihrer elektrifizierten Form als Techno-Avatare sind sie für mich Straße. Ich kann mich in ihnen baden wie in einem mittelalterlichen Jahrmarkt. Und unsere Impotenz ist nur aus der Sicht der Produzenten/Konsumenten-Welt Impotenz. In Wahrheit ist das alles, was wir hier tun, zwar ganz schrecklich unprofessionell und dilletantisch. Aber wahre Potenz ist immer unprofessionell und dilletantisch. Die Stricher kriegen sehr schnell keinen mehr hoch.

Kleist sagt irgendwo in seinen Briefen, die Frau auf der Bühne hätte das Theater zerstört. Die Griechen und die Renaissance kannten keine Frauen auf der Bühne. Die Frauenrollen wurden von Männern gespielt. Trotzdem meint Kleist nicht die Frau schlechthin, sondern einen bestimmten Typus Frau. Die Frau des Hauses, die Hüterin von Mann und Kindern. Die Frau, die die Straße fürchtet. Die Frau, die sich einsperrt. Und die darunter auch leidet. Deswegen hysterisch wird. Und ihre Hysterie auf die Bühne bringt. Die ihren angestammten Ort verlassende, nach überall ausgreifenden Gebärmutter, diese hat das Theater zerstört.

Der Thread ist die Zerstörung der Gebärmutter. Oder ihre Zurechtweisung auf den für sie vorbestimmten Ort. Die Verbannung der Gebärmutter jedenfalls aus den Sphären höherer Vergnügen.

Der Thread ist das wieder auflebende Theater. Wir werden alle wieder zu Griechen werden. Wir leben in großartigen Zeiten! How grand we are this morning!. Es lebe der Thread!

12Wie es weitergeht »


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Gast







BeitragVerfasst am: 17.07.2012 11:17    Titel: Antworten mit Zitat

Jaaaa  Very Happy

Ausführliche Antwort später, muss auf die Straße  Wink

Liebe Grüße
Astride
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toltec-head
Hobbyautor

Alter: 43
Beiträge: 309



BeitragVerfasst am: 17.07.2012 11:21    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Astrid, meine Muse, mein Müschen - ich danke Dir!

Und: halt bitte, bitte durch. Es wird die Revolution von der Straße hier geben...
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Gast







BeitragVerfasst am: 17.07.2012 12:25    Titel: Antworten mit Zitat

Dilettant, du ... ein liebenswürdiger Ansatz aber allemal.

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toltec-head
Hobbyautor

Alter: 43
Beiträge: 309



BeitragVerfasst am: 17.07.2012 12:37    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ma géante!

Dank auch Dir
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Gast







BeitragVerfasst am: 17.07.2012 14:08    Titel: Antworten mit Zitat

xxxx
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Gast







BeitragVerfasst am: 17.07.2012 14:15    Titel: Antworten mit Zitat

1. Person:  He, Sie da, nehmen Sie gefälligst Ihre Finger aus meiner Suppe
2. Person:  Nö, warum? Sie haben die doch mitten auf den Tisch gestellt!
3. Person:   Ich habe es genau gesehen, Sie stellten die Suppe genau vor seine Nase. Ich  kenne Olaf Hansen schon lange, er kommt jeden Dienstag in dieses Lokal.
1. Person: Aber das gibt ihm doch nicht das Recht…
3. Person:  Doch, natürlich, das darf er. Ich weiß ja nicht, wo Sie normalerweise verkehren. Allerdings habe ich schon von Ihnen gehört.
2. Person: Hallo, hört mal her, will jemand noch seine Finger in diese Suppe stecken?
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Stimmgabel
Geschlecht:männlichBestseller-Autor


Beiträge: 4399
Wohnort: vor allem da
Bronzener Sturmschaden Der goldene Spiegel - Lyrik (2)



BeitragVerfasst am: 17.07.2012 16:26    Titel: Antworten mit Zitat

Hi toltec-head,

aber Hallo, dasssssss Daumen hoch  ist ja mal ne echte gewürzte Suppe für mich...

Wieder den Narren entdecken wollen,
die Straße und ihr Gewirre wieder zum Tollen aufmuntern,
mit der genetischen Aufmunterung:
Wo seid ihr zersägten Narren? - werdet wieder wach und zeigt EUCH auf den Straßen dieser Welt,
neues Gewirre wieder beleben,
den echten Karneval mit seiner erzählenden Maske, bissig und wach, fratzen zu lassen - doch
Vorsicht,
da ist auch das knöchern verklebte Eingeweide der Immer-Steifen,
Selbsternannten,
Selbstverliebten mit ihrer so groß gewordenen Anhängerschar (die Marionettenmacher -und Mitmacher, ohne eigenen Spiegel) - würden
diese schon längst Entseelten
und Verleibten
behaupten - behaupten sie doch mahnend jeden Tag,
würden sie
und tun es. / ihre eigene Angst zu beschützen ..., gegen
das Quere, das Lebendige ...

Erwacht wieder aus eurem fettsatten Angstschlaf, aus eurer Null-Amplitude, ihr noch versauten Feiglinge,
noch am Propf und Tropf
der Einheitssuppe saugend.

Ihr echten Narren, wäret ihr es, seid ihr es.
Es ist Zeit, jetzt,
das Jetzt
braucht gerade Euch, uns uns alle ...

die Straßen wieder zu beleben.

Danke für Deinen Beitrag, toll tec / Stimmgabel

-


_________________
Gabel im Mund / nicht so hastig...
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Gast







BeitragVerfasst am: 17.07.2012 17:33    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
...in Wahrheit ist das alles, was wir hier tun, zwar ganz schrecklich unprofessionell und dilletantisch...

Dieses Wort schreibt er nicht um ersten Mal falsch. Es muss mal gesagt werden: Ein Gerold!-Verweigerer hat sich geoutet. Mit den Dilettanten ist es übrigens so: Meist sind die ziemlich ungut. So: Westernhagen ist ein Springsteen-Dilettant, BAP sind Stones-Dilettanten, Heinz Rudolf Kunze ist ein Elvis-Costello-Dilettant. Aber dann wieder erscheint einer und erklärt, das wahre Wesen sei nur in den Dilettanten zu finden, alles andere sei hohle, selbstgefällige, todlangweilige Perfektion. Der Filmer Uwe Boll sei als Dilettant der wahrhaftige Auteur, der leider verstorbene Dilettant Alfred Edel sei der allzeit größte deutsche Mime gewesen, die Band Television Personalities die eigentlchen XTC und also die eigentlichen Beatles.

Aber es heitßt: der Dilettant, die Dilettantin, die Dilettanten, dilettantisch, dilettieren, Dilettantismus.
(Weiterlesen bei: Dildo, Dilatatoren, digital versatile disc, Diminuendo)

Ich mache einfach mal weiter, worin ich mich diese Woche schon woanders umgetan hatte. Dilettantisch abgekupfert das Muster von Ernst Jandls Stück "Aus der Fremde":

Er:
Ihm sei es um High Camp Communication gegangen
und also nicht um ihren wanderlustigen Daumen,
um diletanttischen Loriot-Abklatsch ganz hinterletzt.

Sie:
Sie finde es immer lustg,
den Männern mal einen Stinkefinger zu zeigen,
der bei Frauen gemeinhin wenigstens sauber sei.

Er:
Je verzweifelter sie um sich sähen,
desto mehr enthülle sich das Unheil im Tragen von Gebärmuttern.
Diese schmuddeligen Wechsel von Enthusiasmus und Übellaunigkeit.

Zweiter Er:
Um mit der Sprache einmal herauszurücken,
werde er jetzt doch wieder sagen,
dass dem Mann das Geistige, der Frau das Suppige besser stehe.

Er:
Nein gar nicht, ein gefältetes Radieschen
und einen Hauch von Kerbel, dezentes Spiel im Kulinarischen!
Nicht aber saublödes Oktoberfesteln verstehe er unter Jahrmarkt.

Sie:
Aber wenn das jetzt kein femininer Finger wäre,
sondern eine maskuline Fleischbeilage,
zög' solche Suppe sich er blödhirnig herein!

Zweiter Er:
Unter Dame verstünde der eben
keine aktionskünstlerische Krawallnudel,
sondern eine lothringische Madonna, von ihm "mon idole" genannt.

Sie:
Sei dieser Daumen wieder wem nicht gut genug?
Nach weiter'n habe sie doch längst geschaut.
Schlappschwänze, Pisser, die einzige mit Hosen wieder mal die alte Sie!

Er:
Gespuckt auf diese Brühe und sie könne sie haben.
Der wahre Jahrmarkt setze schon Niveau voraus.
Doch Uterus schlinge Niveau ins Mütterliche - oder Backfischige.

Sie:
Ob sie mal über Liebe sprechen könnten.
Über Liebe spreche es sich so angenehm.
Auch kenne sie sich damit ein wenig aus.

Zweiter Er:
Dessen Liebe umkreise stets sein Ego.
aber Liebe sei ein guter Vorschlag.
Er selbst sähe sich nur liebend oder lesend lebendig.
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toltec-head
Hobbyautor

Alter: 43
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BeitragVerfasst am: 17.07.2012 17:43    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Natürlich hat der Thread als Kunstform seine spezifischen Gefahren. Er ist wie jede Kunst in jedem Zeitpunkt, aber gerade zu seinem Anfang dem Mißlingen ausgesetzt. Mehr als bei jeder anderen Kunstform ist dies jedoch nicht in das Belieben eines einzelnen Autoren gestellt. Und mehr als bei jeder anderen Kunstform spielt der ZUFALL eine große Rolle. Aber das macht den Thread modern. Die Aleatorik ist ein Prinzip der Moderne.

Das Wahrscheinlichste ist immer, dass gar nichts in Gang kommt.

Oder es kommt einfach nur ein versteckter Kuhhandel in Gang. Eine Hand wäscht die andere. Du bist O.K., ich bin O.K. Das ist das sofortige Todesurteil für jeden Thread.

Der Thread kann in Gang kommen und dann aber frühzeitig versteifen (Stimmgabel). Einerseits braucht man die Egoismen für einen Thread, die Egoismen dürfen ruhig auch groß, aber die Poren der Egos dürfen nicht verstopft sein. Der Thread muss eine "Holes all open" Party sein.

Der Narziss darf dabei ruhig die ganze Zeit sich selbst sehen, aber er muß die Fähigkeit entwickeln, sich in den anderen und sich so als wandelbar zu sehen. Das narzistische Aneinanderreihen von Meinungen ergibt keinen Thread.

Das bloße Willkommenheißen des anderen, die bloße Altruität aber auch nicht. Mutter Theresa ist für die Teilnahme an einem Thread ungeeignet. Wie bei jedem guten Sexakt muß jeder aktiv und passiv, Mann und Frau zur gleichen Zeit sein.

Selbst, wenn der Thread in Gang kommt und nicht frühzeitig versteift, ist das Wahrscheinlichste immer noch, dass er bloß zu einer Suppe wird (Assi). Zur Kloake, in die jeder hineinpisst, sich erleichtert und dann wieder verschwindet. Immerhin ist er dann aber schon einmal, sie mag dreckig sein, eine Suppe.

Der große Moment ist, wenn in einem Thread als Suppe gerührt und gerührt wird, und er mit einem Mal Substanz annimmt. Erst ab diesem Kristallisationspunkt ist er Kunst. Und dann kann er alles sein. Er ist dann wie die Welt. Ein Toltec und ein Harald und eine Assi können zu einer monströsen Form verschmelzen, die wie ein schwarzes Loch die disparatesten Dinge in sich aufsaugt. Nietzsche, Oberhessen und die leerlaufenden Perversitäten à la "Shades of Grey".

Der weltgewordene Thread ist wie die Welt autorenlos. Er ist radikal atheistisch. Ein individuelles Überleben ist in ihm nicht vorgesehen. Wer nicht bereit ist, in ihm unterzugehen, wird in ihn gar nicht erst aufgenommen.

Wer nicht bereit ist in den Thread ein- und in ihm unterzugehen, wird wie die meisten Knospen an einem Strauch das Licht des Threads als Welt nie erblicken.
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toltec-head
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BeitragVerfasst am: 17.07.2012 23:07    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Dominik:

Ich bau in meine Texte immer absichtlich ein paar Rechtschreibfehler ein, damit so Deutschlehrertypen dann drauf anspringen und der Thread langsam Fahrt aufnehmen kann. Gott hat sich beim Urknall eines ganz ähnlichen Tricks (winzige Asymetrie von Materie und Anti-Materie) bedient. Ist oft schwer die Dinge zum Laufen zu bringen.

Gerold scheint mir im Übrigen nicht gerade das zu sein, was man ein unartikuliertes Arbeiterkind nenne könnte.

Ich habe da in der Tat gewisse Berührungsängste. Hast Du ihn eigentlich mal gedatet?
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firstoffertio
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BeitragVerfasst am: 17.07.2012 23:13    Titel: Antworten mit Zitat

Ich wünschte, du würdest nicht so oft shades of grey in deinen Fäden einspinnen. Ich lese nun schon häufig genug darüber hier in den Zeitungen, und halte es für ein kurzzeitiges Phänomen, das sich so lange gut verkauft. Lesen wollt ich's nicht.

Abgesehen davon ist deine Idee zum thread natürlich interessant. Der thread als potentielles kooperatives Kunstwerk, in das Fasern, die verschiedene Menschen einbringen, eingedreht werden. Kann im Prinzip eine neue literarische Gattung werden. Ist zumindest eine relativ neue Textgattung.
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toltec-head
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BeitragVerfasst am: 17.07.2012 23:26    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Firstoffertio

Der Spiegel meint, "Shades of Grey" und Varianten hiervon wird´s jetzt solange geben, wie es noch den Finanzmarktkapitalismus geben wird. Weil  beides auf verschlungenen Wegen mit einander verwoben ist.

Selbstredend hab ich noch in keinen der Bände reingeschaut und habe dies auch nicht vor.

Hab mich ehrlich gesagt gefragt, warum Edgar gleich schon alle 3 Bände gelesen hat, wenn er doch den ersten bereits schlecht fand. Außerdem ist es doch eine Frauenlektüre. Oder missbraucht er sie etwas als Anleitungsbücher? Der Spiegel meinte ja auch, "Mann" müsse so was jetzt lesen, damit man besser Frauen verführen könne. Was ein Glück, dass ich da bei meinen alten Provenzalen bleiben kann :)
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EdgarAllanPoe
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Die Tauben
BeitragVerfasst am: 18.07.2012 11:19    Titel: Antworten mit Zitat

Ich fand die Leseprobe schlecht. Die hat mir gereicht, um mich zum Kotzen zu bringen. Die Trilogie ist als "Ein-Hand-Literatur" bezeichnet worden, aber in sprachlicher Hinsicht reicht sie noch nicht mal dafür.
Wie zu deiner Frauenkritik kommst, weiß ich übrigens nicht. Ab da zerfällt das Manifest - und als solches bezeichne ich es - in zwei Teile. Die Überleitung von der Impotenz zum Weiblichen erscheint mir verkrampft. Außerdem wirkt der Text, als hättest du zu viel Rimbaud und Lautréamont gelesen. Und zwar gleichzeitig.


_________________
(...) Das Gedicht will zu einem Andern, es braucht dieses Andere, es braucht ein Gegenüber. Paul Celan

Life is what happens while you are busy making other plans.
- JOHN LENNON, "Beautiful Boy"

Uns gefällt Ihr Sound nicht. Gitarrengruppen sind von gestern. (Aus der Begründung der Plattenfirma Decca, die 1962 die Beatles ablehnte.)
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toltec-head
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BeitragVerfasst am: 18.07.2012 12:07    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Edgar,

als ich "Überleitung von Impotenz zu Frauen" las, musste ich schlucken. Gibt es wirklich eine solche Überleitung in meinem Text? Schnell noch mal gelesen. Sollte ich wirklich reif für eine Psychoanalyse sein?

Zum Glück nein. Der Zusammenhang ist ein anderer. Daher auch kein Bruch wie Du meinst. Oberthema ist Karneval. Die alten Kulturen des Karnevals. Quelle hierfür ist auch nicht Rimbaud oder Lautréamont sondern der Russe Bachtin mit seinem Buch über Rabelais.

Das alte Theater war fest in dieser Karnevalskultur verwurzelt. Die Kritik an den Frauen hätte also auch so formuliert werden können: "Die Frauen haben den alten Karneval zerstört."

Was das Theater angeht, ist es ja aber gar nicht meine Kritik, sondern die von Kleist.

Da ich natürlich nichts erfinde, will ich den Brief, der übrigens an Marie von Kleist gerichtet war, zitieren:  
 
Zitat:
[Dresden, Spätherbst 1807]
Ich habe die Penthesilea geendigt, von der ich Ihnen damals, als ich den Gedanken zuerst faßte, wenn Sie sich dessen noch erinnern, einen so begeisterten Brief schrieb. Sie hat ihn wirklich aufgegessen, den Achill, vor Liebe. Erschrecken Sie nicht, es läßt sich lesen. [Lücke im Text] Es ist hier schon zweimal in Gesellschaft vorgelesen worden, und es sind Tränen geflossen, soviel als das Entsetzen, das unvermeidlich dabei war, zuließ. Ich werde einige Blätter aus der Handschrift vom Schluß zusammenraffen, und diesem Brief einlegen. Für Frauen scheint es im Durchschnitt weniger gemacht als für Männer, und auch unter den Männern kann es nur einer Auswahl gefallen. Pfuels kriegerisches Gemüt ist es eigentlich, auf das es durch und durch berechnet ist. Als ich aus meiner Stube mit der Pfeife in der Hand in seine trat, und ihm sagte: jetzt ist sie tot, traten ihm zwei große Tränen in die Augen. Sie kennen seine antike Miene: wenn er die letzten Szenen liest, so sieht man den Tod auf seinem Antlitz. Er ist mir so lieb dadurch geworden, und so Mensch. Ob es, bei den Forderungen, die das Publikum an die Bühne macht, gegeben werden wird, ist eine Frage, die die Zeit entscheiden muß. Ich glaube es nicht, und wünsche es auch nicht, so lange die Kräfte unsrer Schauspieler auf nichts geübt, als Naturen, wie die Kotzebueschen und Ifflandschen sind, nachzuahmen. Wenn man es recht untersucht, so sind zuletzt die Frauen an dem ganzen Verfall unsrer Bühne schuld, und sie sollten entweder gar nicht ins Schauspiel gehen, oder es müßten eigne Bühnen für sie, abgesondert von den Männern, errichtet werden. Ihre Anforderungen an Sittlichkeit und Moral vernichten das ganze Wesen des Drama, und niemals hätte sich das Wesen des griechischen Theaters entwickelt, wenn sie nicht ganz davon ausgeschlossen gewesen wären.


LG Toltec
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BeitragVerfasst am: 18.07.2012 15:54    Titel: Antworten mit Zitat

(Jetzt muss ich schnell was schreiben, damit ich weiterhin Nachrichten kriege, wenn hier was Neues reinkommt. Hatte beim letzten Mal anscheinend versehentlich den Haken "bitte benachrichtigen" ausgeklickt und jetzt bloß gemerkt, dass hier schon wieder was kam, als ich eigentlich nach ganz was anderem suchen wollte.)

Ja nun. Es ist ja dann auch nur das Theoriegebäude von einer einzelnen Person. Und man kann ja überhaupt alle Theorien aufstellen. ("Das Schwächeln der modernen Literatur liegt am relativen Verschwinden des Bauernstandes, die Seele benötigt eine direkte Verbindung zur gebärenden Kraft der Erde. Wie ja schon Graf Lew Tolstoi sagte. Nachzluesen, brabbel brabbel, Stelle irgendwas.")

Und Kleist war ja wohl nie der, wo die meiste Ahnung von dem Weibe hatte. Wie eigentlich sowieso ja kaum welche von irgendwas. Zeigt aber, dass man prima Texte schreiben kann, ohne irgendwas kapiert zu haben, dieser Kleist.

Aber - und der Einwurf musste kommen und warnend wollte ich mit Obigem auch schon mal nebenbei in diese Richtung deuten:
toltec-head macht mal wieder einen Thread auf, wo er ein literarisches Manifest abliefert. "Großartiges Schreiben wäre aber doch dieses!"

Gut, okay, kann man immer drüber reden. Aber was er dann immer so gern hat, ist, sein eigenes Meinen über die Welt und die Weltliteratur sogleich mit irgendwelchen pauschalisierenden Geschlechteransichten zu verquicken. Wie wenn das ja soooo für jeden auf der Hand läge, dass man über das Eine gar nicht sprechen kann, ohne das Andere zu glauben.

(Früher gab's auch einmal eine Zeit, da meinten welche, man könnte absolut niemals über irgendeinen Text sprechen, wenn man vorher nicht genau aufgedröselt habe, wie die materielle Situation des Autors einerseits, wie andererseits die seiner Leserschaft gewesen sei. Yep: Die einen von uns hocken in Wohnklos, die anderen in etwas prächtigeren Gefilden. Bin ich mir sicher.)

Die toltec-These ist irgendwie: "Es gab mal eine Welt, das war eine männliche. Und die war gut. Ist aber absolut verloren und unwiederbringlich. Wir alle leben heute in der Welt der Frau, ganz egal, ob wir Männer oder Frauen sind. Alle Männer heute sind irgendwo auch Frauen. Die einen bloß ein wenig mehr als die anderen. Die es weniger sind, haben Glück gehabt. Wie wäre es nun aber, wenn wir alle einmal simulieren wollten, dass es die Mann-Welt noch gibt und wir die Frauen und Männer von dieser Mann-Welt wären? Würden somit nicht automatisch unsere Schriften gültiger als dieses Weibergerede, das sich heute Kultur nennt, was ja auch schon Kleist gar nicht mochte?"

(Wir müssten uns dann heute übers Fernsehen, nicht mehr übers Theater unterhalten, wenn wir über etwa das reden wollten, über das Kleist sprach.)

Somit muss ich mich ständig irgendwo über toltec-heads seltsame Frauen- und Männer-Konzeptionen unterhalten, wenn ich mich an seinen Threads beteiligen will. Und will das gar nicht. Ich will nichts zu diesem Dauerbrenner Der Mann - Die Frau sagen. Ich will einfach nicht.

Diese Idee von ihm, Werke als Gespräche von Stimmen im Internet aufzuziehen, die mag ich. Aber diese andere Idee von ihm, die von dem einem großen Wandel der Welt-Kultur per Übergang von Mann-Welt zu Frau-Welt, die mag ich nicht und teile ich auch nicht. Auch stelle ich es mir nicht großartiger vor, ein Maya-Schreiber in der goldenen Zeit der Männer-Literatur zu sein.

Bei toltec-head ist es so: Er wirft den Leuten gern vor, dass sie nicht verstanden hätten, was Sache sei. Dass sie "seine" Threads vom Thema wegsteuern. Aber gleichzeitig bringt er selber meist schon mit dem allerersten Beitrag so eine seltsame Mischung verschiedener Ansätze, dass dergleichen Wegsteuern vom roten Faden einfach kommen muss.
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toltec-head
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BeitragVerfasst am: 05.08.2012 22:18    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Postkoitale Chats können manchmal anstrengend sein. Flüsterte ein junger Freund mir doch kürzlich ins Ohr:

- Du, Deine Thread als Kunstform Idee, von der ich im Internet las, die ist Müll.

- Ca ne te suffit pas, mon petit?

- Non pas du tout.

Der Petit richtete sich auf und tat, als wenn er schon wieder auf mir reiten wollte und sagte in einem triumphierenden Ton:

- Ce n´est pas suffisant!

Ich wußte in diesem Moment nicht, was ich mehr an ihm bewundern sollte, sein Französisch, seinen ungebrochenen jungendlichen Narzissmus oder seinen Backenbart, der ihm das majestätische Antlitz eines jungen Ottonen verlieh.

- Mais pourquoi?

- Weil dummes Rumgewichse dummes Rumgewichse bleibt, auch wenn es als Gruppe betrieben wird.

Sprachs und tat als wenn er mich ohrfeigen würde. Ich zuckte zusammen. Hatte er doch tatsächlich einen wunden Punkt getroffen. Die ganze Threadgeschichte war mir zuletzt doch auch wie eine bloße Wichserei erschienen.

- Lesen ist Erotik, fuhr er fort in diesem belehrenden Ton wie ihn nur sehr gut aussehende junge Männer, die auch noch intelligent sind, und Professoren aus Heidelberg haben. Erotik nämlich zwischen einem Autoren und einem Leser, die es beide ernst miteinander meinen . Dumme Jungen, die sich auf dem Pausenhof in die Eier grapschen - ist das vielleicht Deine Idee von Erotik?

Ich schluckte.

Seines Triumphes nun ganz gewiss beugte er sich über mich, gab mir einen Kuss und flüsterte:

- Mon petit!

- Die Autor/Leser-Differenz ist Deiner Meinung nach also dafür, dass ein Text einen erotischen Mehrwert gewinnt, ganz unabdingbar?

- Bien sûr!

- Aber ist das nicht, als würde man sagen, Sex kann es nur zwischen einem richtigen Mann und einer richtigen Frau geben?

- Nein, warum? Auch ein falscher Mann kann ein richtiger Autor und eine falsche Frau eine richtige Leserin sein.

Er lachte und begann ein wenig ungeduldig auf mir herumzuhoppsen.

Ich überlegte kurz, richtete mich mit einem Mal auf, zwängte ihn unter mich und während ich seine Handgelenke hielt, flüsterte ich in eins seiner Ohren:

- So, so. Und wer war es denn aber, der mir kürzlich erklärte, es gebe nichts langweiligeres als diese schwulen Pärchen, bei denen man schon aus kilometerweiter Entfernung sieht, wer der Mann und wer die Frau ist. Erinnerst Du Dich etwa nicht mehr an Deinen sehr gelehrten Vortrag, wo Du mir wortreich darlegtest, dass es für jeden guten Sex eigentlich zweier Männer und zweier Frauen bedarf, dass die ganze Unterscheidung zwischen aktiv und passiv für den Arsch sei? Autor heißt nunmal aber aktiv sein und Leser passiv sein. Ich glaube Du bist sexuell sehr viel weiter als literarisch entwickelt, mein Lieber.

Er lachte:

- Wenn das so ist, darf ich Dich jetzt bitten, Dich umzudrehen!

- Gerne!

In Wahrheit befolgte ich nur ungern seine Worte.  Während wir redeten hatte ich die ganze Zeit heimlich darüber nachgedacht, wie ich ihn endlich rausschmeißen könnte, denn ich bevorzuge gegenüber dem postkoitalen Chat  ja in Wahrheit meinen postkoitalen Stockhausen oder Ligeti und wartete nur auf den Moment, die noch verbleibende erotische Energie mittels Musik in meine Zirbeldrüse leiten zu können.

Er lies sich schwer auf mich plumpsen und flüsterte mir ins Ohr:

- Und jetzt schauen wir uns noch auf Youtube das Video von mir an, das ich gestern reingestellt habe, wo ich so schön singe!

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Kätzchen
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BeitragVerfasst am: 06.08.2012 12:50    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Ich wünschte, du würdest nicht so oft shades of grey in deinen Fäden einspinnen. Ich lese nun schon häufig genug darüber hier in den Zeitungen, und halte es für ein kurzzeitiges Phänomen, das sich so lange gut verkauft. Lesen wollt ich's nicht.


Ich lese es gerade und finde es so skandalös und abartig anders, wie Schnürsenkel zu binden. Menschen, die noch nie solche Gedanken hatten wie sie in dem Buch aufgeführt werden, sind für mich reine Saubermänner. Was daran dreckig und unschicklich sein soll, ist mir, und das als Frau, allerdings unklar.

Vielleicht etwas OT, aber so böse darf das arme "Shades of Grey" nicht stehen bleiben. Hab mit 12 schon "schlimmeres" gelesen. Wobei es nicht einmal schlimm ist. Tschuldige Toltec - wirklich schöner Thread übrigens. Zusammengenommen eine Suppe aus Blümchen, Galle und Klugschiss!

LG

Katzilein


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Wir sind, wer wir sind.
Ich tippe und rede schneller, als mein Hirn denken kann.
Erwachsener und unvernünftiger als je zuvor.
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BeitragVerfasst am: 06.08.2012 16:26    Titel: Antworten mit Zitat

Vom Autor gelöscht. Bye bye!
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