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Wie ich meinen Bücherfetisch los wurde


 

 
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toltec-head
Hobbyautor

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Beiträge: 309



BeitragVerfasst am: 01.08.2012 08:53    Titel: Wie ich meinen Bücherfetisch los wurde eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Wie ich meinen Bücherfetisch los wurde


Durch das als Autor von mehreren Büchern im Bücherregal Stehen. Durch Rezensiertwerden. Durch Rezensierenmüssen. Durch das unaufgeforderte Zugeschicktbekommen der Bücher anderer Autoren. Durch mehrere Umzügen und das Einpacken von Kisten. Durch den jahrelangen Besuch von Buchhandlungen und Antiquariaten sowie der Beiwohnung sogenannter Auorenlesungen. Durch das Lesen unzähliger Bücher. Durch das jahrelange Lesen der großen Feueilletons. Durch Kontakte mit der Spezies Mensch "Leseratte". Durch Nietzsche. Durch Yoga.

Ich habe in meinem Leben nur noch eine einzige Sorge: Dass ich meinen Sex-Fetisch auf ähnliche Weise verlieren werde.

Aber der Reihe nach.

Meine lange Jugend - ich hatte meinen ersten Sex sehr spät erst mit 21 - war, was die Franzosen mit einem sehr schönen Ausdruck als liseuse bezeichnen. Lesebesessen. Und zwar auf ambitionierte Weise, soll heißen mit Willen zu Großem. Literatur als Religionsersatz oder Ersatz schlechthin. Hierzu hatte im Rückblick die Verkettung mehrerer unglücklicher Umstände geführt: Homosexualität, hessische Kleinstadt, konservatives Elternhaus, AIDS-Hysterie. Ich bin wahrscheinlich einer der letzten Menschen , die für meine Zeitgenossen auf kaum noch nachzuvollziehende Weise Homosexualität mit Literatur gleichsetzt. Die Bezeichnung "schwuler Ästhet" ist für mich, so wie sie das auch für Thomas Mann, André Gide und Hubert Fichte gewesen wäre, doppelt gemoppelt. Zwar muss auch ich nur auf die Straße und ins Internet gehen, um zu sehen, dass meine Gleichung so nicht stimmt. Und auch ich weiß, dass heute beispielsweise das Fettsein oder eine schlimme Akne den effektiveren Außenseiterstatus begründen. Und schließlich liegt auf der Hand, dass meine grandiose Gleichsetzung heute einfach zu einem der vielen Subgenres "schwule Literatur" zusammen geschmolzen ist, die kaum einen, und auch mich nicht, interessiert.

Aber für mich ist es eben so, dass Literatur nicht als Subgenre nur auch, sondern dass sie ihrem Wesen nach, also immer dann, wenn es sich um richtige, große Literatur handelt, um die Literatur eines anderen Lebens, um die Literatur der Durchlöcherung des Raum/Zeit-Gefüges, um die Literatur als Ausgang, Exit, aus der Welt, dass diese richtige, große Literatur ihrem Wesen nach - schwul ist.

Meinetwegen eine verzerrte Realitätswahrnehmung.

Aber verzerrte Reatlitätswahrnehmungen haben ja, wenn sie sich zu einem Fetisch verdichten, etwas sehr glückliches. Auch wenn hier letztlich von der Überwindung eines Fetischs berichtet werden soll: die glückliche Herausbildung eines Fetischs ist doch auch schon eine tolle Sache, die einen über das Los der Normalsterblichen hinaushebt und Leben auf eine nicht triviale Art und Weise ermöglicht. Ein Fetisch ist wie eine Welle. Nur halten Wellen eben nicht ewig. Der gute Surfer passt den richtigen Moment der nächsten Welle ab, und hält sich so au vif, auf dem Leben.

Ich werde jetzt einige Yoga-Übungen machen. Fortsetzung folgt. Zwischenrufe sind aber jederzeit willkommen. Wer bio-mäßig andocken will, kann dies auch gern tun. Da ich mich selbst an keinerlei Ordnung halten werde und einfach dann und wann, dies und das schreiben werde, kann jeder einfach einfädeln, was er will. Kollektiv-Bio als neuer neuer Fetisch. Wer hat Lust?

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Kätzchen
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BeitragVerfasst am: 01.08.2012 09:21    Titel: Antworten mit Zitat

Auch wenn man es mir als Fantasy Autorin nicht ansehen würde, ich lese solche Texte die du schreibst wirklich gerne. Bisher gefällt mir diese "Ansicht" über Fetisch, Außenseiter und Literatur sehr gut. Es sind flüssige Übergänge die von einem Gedanken liebevoll zum anderen leiten. Dabei eckt die Sichtweise schön an, gefällt mir.

Aber eine Sache:

Zitat:
Aber für mich ist es eben so, dass Literatur nicht als Subgenre nur auch, sondern dass sie ihrem Wesen nach, also immer dann, wenn es sich um richtige, große Literatur handelt, um die Literatur eines anderen Lebens, um die Literatur der Durchlöcherung des Raum/Zeit-Gefüges, um die Literatur als Ausgang, Exit, aus der Welt, dass diese richtige, große Literatur ihrem Wesen nach - schwul ist.


Der Aufbau an sich, 'langer Satz - Pointe' ist genau nach meinem Geschmack, eine gelungene Auflösung. Aber der lange Satz ist leicht zu lang und zu verschachtelt. Ich kann wirklich gut lange Sätze lesen und behalten, aber wenn ich einen Satz 5 Mal lesen muss, und sich ohne gründliche Analyse weder die Grammatik noch der Sinn ergibt, weil er einfach zu übertrieben ist - dann vergeht mir die Lust.

Danach habe ihr eher verhalten weiter gelesen, da der Satz mir ständig im Kopf herum schwirrte und versuchte einen Sinn zu ergeben.

LG

Kätzchen


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toltec-head
Hobbyautor

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BeitragVerfasst am: 01.08.2012 13:17    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke Kätzchen.

Der Wurmsatz war als musikalisches Pendant zu dem Staccatoeinsatz am Anfang gedacht. Jetzt beim Wiederlesen kommt er mir auch etwas zu wurmig vor :)

Fantasy? Dann hälst Du sicherlich wie mein guter Freund Neopunk Tolkien für einen der bedeutenden Autoren des 20. Jahrhunderts? :) :)

So ist das, der Fetisch des einen sieht für den anderen immer etwas komisch aus. Sinnlos anderen Leuten dabei ihren Fetisch ausreden zu wollen. Der glückliche Fetischist ist immer im Recht. Das macht sein Glück. Aber ich glaube nicht, dass es das gibt, einen lebenslang glücklichen monothematischen Fetischisten. Jeder Fetisch bröckelt irgendwann.

Mal sehen was bei Dir nach Fantasy kommt :)

LG Toltec
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adelbo
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Beiträge: 1890
Wohnort: Im heiligen Hafen


BeitragVerfasst am: 01.08.2012 14:14    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo toltec-head,

so ganz habe ich nicht verstanden was du mit diesem Text machen, erreichen willst. Ich nehme doch nicht an, dass wir deine Satzstellung, deine Wortwahl überprüfen, begutachten sollen.
Was soll der Text uns sagen?  Oder soll er neugierig machen?

Zitat:
Aber verzerrte Reatlitätswahrnehmungen haben ja, wenn sie sich zu einem Fetisch verdichten, etwas sehr glückliches. Auch wenn hier letztlich von der Überwindung eines Fetischs berichtet werden soll: die glückliche Herausbildung eines Fetischs ist doch auch schon eine tolle Sache, die einen über das Los der Normalsterblichen hinaushebt und Leben auf eine nicht triviale Art und Weise ermöglicht. Ein Fetisch ist wie eine Welle. Nur halten Wellen eben nicht ewig. Der gute Surfer passt den richtigen Moment der nächsten Welle ab, und hält sich so au vif, auf dem Leben.


Hier steht, es soll letztlich von der Überwindung eines Fetischs berichtet werden, wann fängst du damit an?
Du siehst mich ein wenig ratlos.  Embarassed  Dein Text klingt für mich ein wenig nach nicht unangenehmen Geplauder.

LG
adelbo


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Kätzchen
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BeitragVerfasst am: 01.08.2012 14:57    Titel: Antworten mit Zitat

Da bin ich wieder!

Zitat:
Der Wurmsatz war als musikalisches Pendant zu dem Staccatoeinsatz am Anfang gedacht. Jetzt beim Wiederlesen kommt er mir auch etwas zu wurmig vor smile


Idee erkannt und für gut befunden. Aber zu gut gemeint geschrieben. Trotzdem, bitte beibehalten in der Art und Weise.

Zitat:
Fantasy? Dann hälst Du sicherlich wie mein guter Freund Neopunk Tolkien für einen der bedeutenden Autoren des 20. Jahrhunderts?


Bedeutend für die Unterhaltungsbranche vielleicht. Aber ein Genie ohne Zweifel. Sowohl im Marketing, als auch an Ideenreichtum. Man braucht schon viel von allem ein Universum zu erschaffen UND es so gut zu vermarkten. Aber Bedeutung würde ich es nicht nennen.

Zitat:
Mal sehen was bei Dir nach Fantasy kommt smile

Naja nach ist unpassend, eher mit. Gedichte, melodramatische Selbtmitleidstexte und vieles mehr. Eher mal sehen was qualitativ daraus wird smile

Freue mich schon auf deine Fortsetzung!

LG
Mietze


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Bakura
Schreiberassi

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BeitragVerfasst am: 01.08.2012 16:01    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo toltec-head,

Sehr interessantes Thema und ehrlich gesagt eines, über das ich noch nie so genau nachgedacht habe. Als ich den Titel las, dachte ich zunächst entsetzt: "Wieso muss/möchte man denn einen Bücherfetisch loswerden?" Spricht das vielleicht dafür, dass ich ebenfalls einen habe und damit glücklich bin? Jedenfalls stimmt es, dass es sinnlos ist, jemandem einen Fetisch ausreden zu wollen, aber ich würde mal sagen, hier greift der  berühmte Spruch: Die Freiheit eines jeden hört da auf, wo sie die Freiheit eines anderen einschränkt. Wenn es z. B. der Fetisch eines Menschen ist, Häuser oder andere Gegenstände anzuzünden oder kleine Kinder zu quälen, ist es des einen Freud und des anderen Leid. Ist natürlich jetzt auch ein Extrem-Beispiel, aber man muss immer vorsichtig sein, etwas zu einseitig zu sehen. Klar, wenn man einen Bücherfetisch hat, juckt das keinen.

Du sagst, jeder Fetisch bröckelt irgendwann. Das bedeutet also, man muss einen Fetisch gar nicht aktiv loswerden wollen, er geht so oder so irgendwann von alleine weg? Ist das auch das, was mit deinem Bücherfetisch passiert ist, durch all die Dinge, die du oben aufgezählt hast?

Wieso hängt für dich Homosexualität und Literatur so eng zusammen? Nur eine Frage aus Interesse, keine Kritik. Ich selbst bin bi und unterstütze daher diese Annahme womöglich zumindest teilweise, würde mich aber trotzdem interessieren, wie du darauf kommst.

Was mir auch noch nicht ganz klar ist, ist, wie es in diesem Thread weitergeht. Gibt es irgendwann eine Fortsetzung dieser Geschichte oder steht es jedem frei, von seinem eigenen Fetisch oder, wie er ihn loswurde, zu erzählen?

Sorry, falls ich dumm frage. Aber wie es auch immer ist, das Ganze lässt viel Raum für Diskussionen.

lg Ramon


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Erich Kästner
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toltec-head
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BeitragVerfasst am: 02.08.2012 21:54    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der Verlobungskünstler Kafka schreibt in einem Brief an seinen Freund Max Brod : "Wenn es wahr wäre, dass man Mädchen mit der Schrift binden kann!"

Ja, wenn...

In den Tagebüchern dann, sehr viel später, er hat bereits beinahe ein halbes Dutzend Verlobungen hinter sich: "Literatur ist Käse." Gemeint ist die Literatur an und für sich. U und E. Low an High. Th. Mann und die Lasker-Schüler. Käse. Alles.

Seine eigenen Schriften schloss er in dieses Urteil mit ein. Wollte sie nach seinem Tod verbrannt sehen. Eine Abmachung, an die sich Brod aber dann, wie man weiß, nicht hielt.

Wen er auch nicht schätzte, war die ärztliche Heilkunst. Berühmte letzte Worte, kurz vor seinem Tod: "Die Lilien auf dem Felde brauchen auch keine Infusionen."

Nein, die Lilien auf dem Felde kommen ohne Literatur und ohne ärztliche Heilkunst aus.

Wenn es aber wahr wäre, dass man Mädchen mit der Schrift binden kann. Ja, wenn...

Es ist aber seit langem bekannt, das dies nicht geht.

Im 3 Jahrhundert  v. Chr. hören wir von Theokrit, dem Erfinder der Hirtendichtung, folgende Klage: Früher hätte der Dichter mit dem schönsten Lied auch den schönsten Jungen abbekommen. Heute entscheide der Geldbeutel.

Der Wunsch mit Gesang Mädchen oder Jungen zu binden ist wahrscheinlich so alt wie die Dichtung selbst. Das römische Wort für Gesang "carmen", das im französischen "charmes" fortlebt (eine Gedichtssammlung von Paul Valéry heißt "Charmes"), meint einfach Zauber.

Der Wunsch nach einem effektiven Liebeszauber ist aber wohl nicht nur der Urwunsch der Dichtung, sondern geht dieser und auch sogar der Menschheit selbst voraus. Denn der Gesang der Vögel hat auch keinen anderen Zweck. Er ist nur sehr viel effektiver.

Der Mensch mag weiterentwickelt als die Vögel sein.

Ist es aber auch sein Gesang?

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Bakura
Schreiberassi

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BeitragVerfasst am: 02.08.2012 22:36    Titel: Antworten mit Zitat

Hm, ich grübele weiterhin über deinen Texten. Sehr interessante und gute Ansätze. Heißt das, du denkst über Sinn und Unsinn der Literatur nach? Wenn man mit Dichtung und Gesang, dessen Wortstamm zum heutigen Wort Charme geführt hat, keine Balz betreiben kann, wofür ist sie dann gut? Tja, die Frage kann man sich stellen. Kafka ist tatsächlich auch immer wieder faszinierend, ich liebe seine Persönlichkeit und seine Werke und bin froh, dass Max Brodt sich über seinen Wunsch hinweggesetzt hat. Aber es passt zu Kafka, dass er am Ende die Literatur, auch seine eigene, derart verurteilt hat. Wusstest du übrigens, dass er Max Brodt die Parabel "Das Urteil" vorlesen wollte, nachdem er sie geschrieben hatte, das aber nicht ging, weil er ständig über seinen eigenen Text lachen musste?
Ich glaube, es gibt kaum so widersprüchliche und dadurch so liebenswerte Persönlichkeiten auf der Welt, wie Kafka. Wenn es darum geht, einen Bücherfetisch loszuwerden, ist er also durchaus erwähnenswert.


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Erich Kästner
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Aranka
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BeitragVerfasst am: 03.08.2012 00:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Toltec,

Zitat:
Der Mensch mag weiterentwickelt als die Vögel sein.

Ist es aber auch sein Gesang?


Eine interessante Frage. Auch die anderen Fragen, die der Text zum Teil aufwirft, lassen mich gespannt auf den Fortgang dieses Textes warten.

Zitat:
:die glückliche Herausbildung eines Fetischs ist doch auch schon eine tolle Sache, die einen über das Los der Normalsterblichen hinaushebt und Leben auf eine nicht triviale Art und Weise ermöglicht. Ein Fetisch ist wie eine Welle. Nur halten Wellen eben nicht ewig. Der gute Surfer passt den richtigen Moment der nächsten Welle ab, und hält sich so au vif, auf dem Leben.


Muss ich drüber nachdenken. Auch über diesen Wellenvergleich, der bildlich sehr schön ist, bin noch nicht sicher, ob er so greift. Jedenfalls habe ich den Beitrag mal in meine Merkliste aufgenommen und werde immer mal wieder reinschauen.

Liebe grüße Aranka


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Kätzchen
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BeitragVerfasst am: 03.08.2012 07:10    Titel: Antworten mit Zitat

Wieder sehr schön. Also mich kannst du mit Literatur binden, denn du beschreibst Dinge über die ich mir Gedanken mache, seit ich denken kann. Nur waren die Worte im meinem Kopf früher nicht genauso wundervoll gewählt. Jetzt sind sie es, umso mehr freue ich mich, dass jemand schafft das so aufzuschreiben. Meine Gedanken auf Papier! Von einem anderen! Ich bin wirklich entzückt.

Eine Sache:

Zitat:
Der Mensch mag weiterentwickelt als die Vögel sein.


---> Der Mensch mag weiter entwickelt sein, als die Vögel.

Vielleicht war es Absicht, aber ich finde so klingt es besser. Und müsste es nicht "weiter entwickelt" heißen, als Feststellung? Denn weiternetwickeln bedeutet doch einen stetigen Prozess, aber in dem Moment des Beschreibens IST der Mensch weiter entwickelt. Oder sehe ich das was falsch?

LG, bitte mehr,

Kätzchen


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Aranka
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BeitragVerfasst am: 03.08.2012 14:48    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Toltec,

habe deinen Beitrag gestern Abend erst spät entdeckt und bin mit meinen Gedanken „eigentlich“ (dieses Wort sagt schon, dass es dann doch darüber hinaus ging) an den letzen Zeilen hängengeblieben:

Zitat:
Der Mensch mag weiterentwickelt als die Vögel sein.
Ist es aber auch sein Gesang?



Der Mensch und seine Lieder: Was sind seine Lieder? Wo und wozu werden und wurden sie gesungen? Wollen und können sie etwas bewirken? (wenn ja , was?) Seit wann schon und wie lange noch werden sie gesungen? Und was sind vielleicht die Lieder, die man selber singt? (Das waren so die Fragen, die mir, als ich bei der Zeile hängen blieb, durch den Kopf gingen und ich fühlte mich durchaus bei sinnvollen Überlegungen angelangt.)

Und unmerklich landeten meine Gedanken gestern Abend gleich beim  Gedicht „Fadensonnen“  aus dem Zyklus Atemwende von Celan ein.

Aber dazu nachher mehr. Zuerst zu deinem Text, den ich mir dann heute Morgen noch mal unter folgendem Fokus angeschaut habe:

Wie landet dieser Text/Autor, ausgehend von dem Titel:
„Wie ich meinen Bücherfetisch los wurde“
bei dem oben zitierten Schlussgedanken und was lässt er auf dem Weg dahin nicht alles für bemerkenswerte Schlussfolgerungen und Behauptungen in den Textkörper fallen. Man muss bei deinen Texten schon ganz genau lesen: sie winden sich durch „verzerrte Realitätswahrnehmungen“ über großzügige „meinetwegen“ und binden die Gedanken große Geister ein, mit einem konjunktivischem „wäre gewesen“, und zwar auf nicht ungefährliche Weise für den Leser, für den Autor jedoch unverfänglich.

Es geht mir hier wie so oft bei deinen Texten, sie packen so vieles rein. Sie beginnen an einer Stelle und kommen dann, wie man hier sagen würde, von et Höcksken op et Stöcksken, allerdings eniger zufällig sondern sehr wohl kalkuliert.
Du nimmst den Leser auf eine Gedankenreise mit (nein, das wäre ungenau, du schiebst ihn auf deinen Wegen), in deren Verlauf du eine Reihe Schlüsse ziehst und Behauptungen aufstellst, die zwar in einer wenn/dann Relation durchaus logisch erscheinen, jedoch nicht reflexiv sind. Also: Aus A kann man zwar B folgern, aus B auch C, aber es lässt sich nicht umkehren und aus B ist weder auf A und von C schon gar nicht auf A zu schließen. Aber wer liest schon so genau und zum Schluss steht da alles im Raum fast gleichwertig nebeneinander, die von dir sehr wohl sein fein gesetzten Relationen (nur in eine Richtung) sind zwar vorhanden, aber nicht sehr offensichtlich. Hier im Text finde ich folgendes, was mich sehr hellhörig macht.

Zitat:
Wie ich meinen Bücherfetisch los wurde


Das ist der Titel, die Frage glaubt der Leser nun im Text beantwortet zu bekommen. Dann folgen eine Reihe von Aufzählungen:

Zitat:
Durch das als Autor von mehreren Büchern im Bücherregal Stehen. Durch Rezensiertwerden. Durch Rezensierenmüssen. Durch das unaufgeforderte Zugeschicktbekommen der Bücher anderer Autoren. …....Durch Kontakte mit der Spezies Mensch "Leseratte". Durch Nietzsche. Durch Yoga.


Eigentlich (da ist wieder das so vielfältig brauchbare Wort) wäre die Frage hier schon beantwortet. Bei jedem Glied der Aufzählung kann ich mir einen Zusammenhang erklären und sage bei mir: ah ja, alles klar.
Aber nun ein „genialer „ Schwenk des Autors: weg von der Frage, hin zu seiner Sorge.

Zitat:
Ich habe in meinem Leben nur noch eine einzige Sorge: Dass ich meinen Sex-Fetisch auf ähnliche Weise verlieren werde.


Der Zusammenhang scheint dem Leser sich zwangsläufig ergebend. Ist er das? Oder war von vorneherein vorgesehen beim Sexfetisch zu landen und der Bücherfetisch nur ein Einstieg? Die Frage sei mir erlaubt. Es hätte tausende andere Zusammenhänge und Fragestellungen gegeben, nach dieser Aufzählung und dem Titel. Aber der Autor ist Herr des Textes, also Folge ich ihm, aber spätestens hier hellwach und auch ein wenig misstrauisch.

Und der intelligente Autor, weiß ja, was er da mit dem Leser gemacht hat, also beruhigt er:

Zitat:
Aber der Reihe nach.


Und der Reihe nach heißt ab jetzt nicht mehr nur dem Buchfetisch auf der Spur, sondern auch dem Sexfetisch. Und siehe da, der Leser hat diese Zusammengehörigkeit geschluckt.

Zitat:
Meine lange Jugend - ich hatte meinen ersten Sex sehr spät erst mit 21 - war, was die Franzosen mit einem sehr schönen Ausdruck als liseuse bezeichnen. Lesebesessen.
Und zwar auf ambitionierte Weise, soll heißen mit Willen zu Großem. Literatur als Religionsersatz oder Ersatz schlechthin. Hierzu hatte im Rückblick die Verkettung mehrerer unglücklicher Umstände geführt: Homosexualität, hessische Kleinstadt, konservatives Elternhaus, AIDS-Hysterie.


Der Autor pendelt ab jetzt zwischen Buch/Literatur und Sex, zwischen Autobiographischem und Allgemeinem hin und her und zieht seine Schlüsse:

Zitat:
Ich bin wahrscheinlich einer der letzten Menschen , die für meine Zeitgenossen auf kaum noch nachzuvollziehende Weise Homosexualität mit Literatur gleichsetzt. Die Bezeichnung "schwuler Ästhet" ist für mich, so wie sie das auch für Thomas Mann, André Gide und Hubert Fichte gewesen wäre, doppelt gemoppelt.


Hier ist so eine Textstelle, die bei mir ein paar rote Lämpchen anzündet: Homosexualität = Literatur! Eine Behauptung, die der Autor im ersten Teil ganz klar als seine Aussage kennzeichnet und dann der Folgesatz: „Schwuler Ästhet“ = „doppelt gemoppelt“ auch ganz klar eine Aussage des Autors und dann kommt es: sowie sie das auch für .. (dann kommen als Beistand der Behauptung eine Reihe großer Namen) und dann diese feine nicht zu überlesende Verbform am Ende des Satzes, „gewesen wäre“. Man merke auf: nicht „war“, sondetn „wäre“!!!! Nein, der Autor ist schon korrekt. Also auch der „so wie -Satz“ ist eine Behauptung des Autors, die er aus seinen Literaturkenntnissen bezieht, und damit kein Beleg. Aber mal ehrlich, wer liest das denn so gemein pingelig, wie ich das jetzt mache. Und eine Frage an den Autor, warum führst du den Leser auf dieses dünne Argumentationseis? Um nun dort den nächsten eleganten Sprung zu machen, vielleicht einen Lutz: vom linken Fuß, um die eigene Achse, auf den rechten Fuß.

Zitat:
Zwar muss auch ich nur auf die Straße und ins Internet gehen, um zu sehen, dass meine Gleichung so nicht stimmt. Und auch ich weiß, dass heute beispielsweise das Fettsein oder eine schlimme Akne den effektiveren Außenseiterstatus begründen. Und schließlich liegt auf der Hand, dass meine grandiose Gleichsetzung heute einfach zu einem der vielen Subgenres "schwule Literatur" zusammen geschmolzen ist, die kaum einen, und auch mich nicht, interessiert.


Auch hier deckt der Autor ganz fair seine zweifelhafte Gleichung auf, um gleich von: es liegt auf der Hand – und schon ist die in Zweifel gezogene Gleichung zur „grandiosen Gleichung“ befördert worden und schmilzt im nächsten Atemzug zusammen zur „schwulen Literatur“. Und natürlich interessiert sie niemanden und den Autor auch nicht. Aber sie ist dennoch Thema geworden, wenn auch nur im Vorbeistreifen. Es bleibt immer was hängen!
Das ist eine Kür auf dem Eis vom Feinsten. Nur ist sich der Leser im Klaren, dass er gefordert ist und schon mal seine Punktetäfelchen bereit halten sollte.

Denn nun kommt mit einem „aber“ als Absprung über ein „nicht als ...nur auch“ (genial!) ein gewagter Schlusssprung:
Zitat:
„diese richtige, große Literatur ihrem Wesen nach - schwul ist.“

Wow! Eine solche Behauptung kann man dem Leser nur in einem absolut verschwurberlten Satz nahe bringen.Hier ist er:

Zitat:
Aber für mich ist es eben so, dass Literatur nicht als Subgenre nur auch, sondern dass sie ihrem Wesen nach, also immer dann, wenn es sich um richtige, große Literatur handelt, um die Literatur eines anderen Lebens, um die Literatur der Durchlöcherung des Raum/Zeit-Gefüges, um die Literatur als Ausgang, Exit, aus der Welt, dass diese richtige, große Literatur ihrem Wesen nach - schwul ist.


Mir kräuselt sich hier so einiges, von Nackenhaar bis Hirnwindung. Nicht wegen der Behauptung, die ist ja noch einigermaßen interessant und wenn der Autor jetzt seinen Titel ändern möchte, und es jetzt darum geht, aufzuzeigen, warum Literatur im Wesen nach schwul ist, ist es mir auch recht, wenn er es interessant und redlich macht, gehe ich auch gerne mit auf diese Gedankenreise. Es ist die Art und Weise, wie es mir hier übers Eis geschoben wird, die ...ich weiß nicht was, mir mir macht.
Ich kann mir nicht helfen, es hat etwas Sophistisches: ich als Leser werde gewonnen als ein interessierter Beteiligter, was dem Autor mühelos gelingt, und dann beginnt eine fein gesponnene Beeinflussung. Aber der Autor kennt Nietzsche und sicher auch seine Schriften über Rhetorik und „Wahrheit und Lüge“. Auch da hat er uns im ersten Passus vorgewarnt.

Nach einer Yogaübung, die der Leser ratsamer Weise auch einlegen sollte, geht es dann weiter und man ist bei Kafka, dem Verlobungskünstler (man beachte den Fokus) und landet bei folgendem Zitat:

Zitat:
"Wenn es wahr wäre, dass man Mädchen mit der Schrift binden kann!"
Ja, wenn...


Die Reise geht weiter über „Literatur ist Käse.“ / Th. Mann und Lasker-Schüler. / Lilien auf dem Felde brauchen auch keine Infusionen. / Erst als Zitat, dann gleich nachgeschoben und erweitert als Autorenmeinung.
Das ich als Leser nun „eigentlich“ einmal erst die Zusammenhänge des Zitats und auch die Zusammenhänge zur Bibelentlehnung klären müsste, um die Tragweite der Aussage ermessen zu können, bevor ich eine eigenen Stellung einnehmen kann, weiß der Autor sehr wohl, er weiß auch, dass er jetzt schnell nachschieben muss, und möglichst überzeugend, erst dann ist diese schwierige Passage in der Kür genommen. Am besten ein großer Satz und eine Hinwendung zum Leser, ihn bei seinem Interesse, dass ja schon mal geweckt wurde, abholen. Der Autor beherrscht sein Metier!

Zitat:
Wenn es aber wahr wäre, dass man Mädchen mit der Schrift binden kann. Ja, wenn...

Es ist aber seit langem bekannt, das dies nicht geht.


Jetzt haben wir wieder festen Boden unter den Füßen. Wie gut tut es, wenn etwas seit langen bekannt ist. Und der Autor hat auch eine wirklich alte Quelle ausgegraben und sie passt, auch zu seinem Anliegen: Literatur/Homosexualität
Man findet immer etwas Passendes.

Zitat:
Im 3 Jahrhundert v. Chr. hören wir von Theokrit, dem Erfinder der Hirtendichtung, folgende Klage: Früher hätte der Dichter mit dem schönsten Lied auch den schönsten Jungen abbekommen. Heute entscheide der Geldbeutel.


Und von einer gesicherten Quelle hin zu einem „Wahrscheinlich“ braucht es bei unserem Autor nur einen Satz. Und dann noch ein wenig Wortherkunftswissenschaft, das klingt solide:

Zitat:
Der Wunsch mit Gesang Mädchen oder Jungen zu binden ist wahrscheinlich so alt wie die Dichtung selbst. Das römische Wort für Gesang "carmen", das im französischen "charmes" fortlebt (eine Gedichtssammlung von Paul Valéry heißt "Charmes"), meint einfach Zauber.


Am Ende steht ganz einfach das Wort: Zauber! Einfach Zauber! Wie schön ehrlich das klingt und ohne Hirnakrobatik wäre ich auch hingekommen!
Damit fühle ich mich wohl.

Auch der Autor hat gezaubert, im wahrsten Sinne des Wortes, aber ein recht anstrengender Zauber, mit manchmal zu hinterfragenden Zaubersprüchen.

Warum lässt er es nicht jetzt gut sein? Nein er treibt mich weiter mit einem „ist aber wohl nicht nur“. Wenn ich so was lese, dann bin ich als Liebhaber klarer logisch nachvollziehbarer Aussagen schon wieder in Hab-acht-Stellung:

Zitat:
Der Wunsch nach einem effektiven Liebeszauber ist aber wohl nicht nur der Urwunsch der Dichtung, sondern geht dieser und auch sogar der Menschheit selbst voraus. Denn der Gesang der Vögel hat auch keinen anderen Zweck. Er ist nur sehr viel effektiver.


Und siehe da, aus dem einfachen Zauber wird mir nichts dir nichts ein Liebeszauber. Und in einem zweiten Satz bin ich von der Dichtung bei der ganzen Menschheit, nein noch weit davor muss ich mich denken: Ich bin beim Gesang der Vögel und dessen Zweck – welcher könnte es wohl sein? ... Ja genau!

Und dann steht da ein wirklich offener weitgreifender bemerkenswerter Satz, an dem ich mich gestern festgebissen habe.

Zitat:
Der Mensch mag weiterentwickelt als die Vögel sein.
Ist es aber auch sein Gesang?


Ich hätte den ganzen Marathon dahin nicht gebraucht. Ich war schon gestern Abend bei den wirklich guten Celan Zeilen zum Thema Lieder der Menschen.

FADENSONNEN
über der grauschwarzen Ödnis.
Ein baum-
hoher Gedanke
greift sich den Lichtton: es sind
noch Lieder zu singen
jenseits der Menschen.

Und die möchte ich jetzt erst mal kommentarlos dalassen. Schreibe heute Abend noch was dazu.


Toltec, ich finde es mal wieder interessant, was du da ins Forum gestellt hast. Ich bin gespannt, über welche Stationen du mich wohin führen wirst. Da ich nun bei deinem letzten Satz eingestiegen bin, und deine Argumentationskette nur selten auch rückwärts zu lesen ist, komme ich eh nicht mehr an den Beginn, also ganz gleich wie der Titel lautet, man muss halt irgendwo beginnen. Viel interessanter ist es, wo es hinführt.
Du lädst den Leser ein mitzudenken. Das finde ich nett und ich werde es auf meine Weise tun. Wenn ich dann auch schon mal neben deiner Spur lande, ist doch wahrscheinlich kein Problem für dich, nehme ich mal an.

Du spielst ein feines Spiel mit dem Leser, ich könnte ja sagen, manipulierst ihn, könnte auch sagen, verführst ihn. Und das klingt dann doch richtig gut: Literatur sollte immer verführen. Fragt sich am Ende nur: Wozu und wohin wird der Leser verführt. Das muss sich hier noch zeigen.

Dir eine gutes Wochenende. Gruß Aranka


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"Wie dahingelangen, Alltägliches zu schreiben, so unauffällig, dass es gereiht aussieht und doch als Ganzes leuchtet?" (Peter Handke)

„Erst als ihm die Welt geheimnisvoll wurde, öffnete sie sich und konnte zurückerobert werden.“ (Peter Handke)
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toltec-head
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Beiträge: 309



BeitragVerfasst am: 03.08.2012 16:17    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Liebe Aranka,

in einer Welt voller (kleiner) Schriftsteller, ist die (große) Leserin die eigentliche Ausnahmeerscheinung. Lesen ist auch viel schwieriger als Schreiben, da es Geduld und ein stückweit Ego-Verzicht voraussetzt. Ich bin froh, dass es Dich gibt. Und wieviele auch der wirklich großen Schriftsteller, wie etwa Kleist, hatten zeitlebens vergebens auf eine auch nur kleine Leserin gehofft?

An sich ist dies ein offener Thread, also ein work in progress. Jeder darf, wenn er mag, in seiner Weise andocken. Wohin das führt, Adelbo? Mal sehen.

Die Frage nach den Büchern und die Sexualität sind über den Fetischbegriff verbunden. Lesen und Sexualität sind beide deshalb Fetischwaren, weil sie auf hoch artifiziellen Abstraktionsleistung beruhen. Wir müssen ganz viel ausblenden, um eine Person sexuell attraktiv oder einen Text in Ruhe lesen zu können. Es sind Stilisierungen. In der Natur kommt so etwas eigentlich nicht vor. Die Entropiegesetze spielen daher auch immer gegen die sexuelle Anziehungskraft und gegen die Leseruhe. Und früher oder später ist die Entzauberung immer da.

Und wenn Osho "Drop all!" sagt, denk ich immer an zweierlei: an die Sexualität und an die Bücher.

Mit Katzen, Kätzchen, wär ich so gern verbunden! Es ist aufgrund ihres Eigenwillens aber sehr schwierig. Sie driften immer so schnell in ihre eigene Welt aber, die wir nicht verstehen. Hunde dagegen ganz anders. Aber schnell lästig. Wie Frau und Mann. Ich glaub, in einem meiner nächsten Texte, werde ich einmal diese Katze/Hund-Frage aufgreifen müssen.
  
Dass Kafka ein großartiger Vortragender seiner eigenen Texte war und dabei zu Lachanfälle neigte, wusste ich, Ramon. Ich habe nämlich gerade ein Buch gelesen "Kafkas Komische Seiten" von Astrid Dehe.

Kafka litt wie Nietzsche und viele andere unter intellektuellem Selbsthass, d.h. er war ein Intellektueller, wäre aber gerne doch etwas anderes gewesen. Während Hesse, Hermann mit Nacktklettern gegen die Verkopfung ankämpfte, versuchte Franz es unter anderem ganz ähnlich mit Nacktbaden in der Kolonie Jungborn im Harz (herrliches Kapitel hierzu in dem zitierten Buch).

Noch einmal die Tagebücher:

Zitat:
"Hie und da bekomme ich leichte oberflächliche Übelkeiten, wenn ich, meistens allerdings in einiger Entfernung, diese gänzlich Nackten langsam zwischen den Bäumen sich vorbeibewegen sehe. Ihr Laufen macht es nicht besser. Sie kommen auch so unhörbar heran. Plötzlich steht einer da, man weiß nicht, woher er gekommen ist. - Auch alte Herren, die nackt über Heuhaufen springen, gefallen mir nicht."
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BeitragVerfasst am: 03.08.2012 20:01    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. Durch dies Quidproquo werden die Arbeitsprodukte Waren, sinnlich übersinnliche oder gesellschaftliche Dinge. So stellt sich der Lichteindruck eines Dings auf den Sehnerv nicht als subjektiver Reiz des Sehnervs selbst, sondern als gegenständliche Form eines Dings außerhalb des Auges dar. Aber beim Sehen wird wirklich Licht von einem Ding, dem äußeren Gegenstand, auf ein andres Ding, das Auge, geworfen. Es ist ein physisches Verhältnis zwischen physischen Dingen. Dagegen hat die Warenform und das Wertverhältnis der Arbeitsprodukte, worin sie sich darstellt, mit ihrer physischen Natur und den daraus entspringenden dinglichen Beziehungen absolut nichts zu schaffen. Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt. Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten. Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand. Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist.


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BeitragVerfasst am: 03.08.2012 23:00    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
... die glückliche Herausbildung eines Fetischs ist doch auch schon eine tolle Sache, die einen über das Los der Normalsterblichen hinaushebt und Leben auf eine nicht triviale Art und Weise ermöglicht.

ja. und ich hätte so gern einen (fetisch) und habs bis heute nicht geschafft, einen zu kriegen. konnte noch nicht herausfinden, woran es liegt, dass ich so kühl bin, so leidenschaftslos, so un-ver-bind-lich. keine sucht, kein fetisch, nix. ist das normal? sollte ich mich therapieren lassen? aber welche psychoschwester, welcher psychoonkel traut sich an so was wie mich überhaupt ran?

naja. bevor ich mir hier jez noch mehr graue gedanken mache, geh ich lieber meine mitternachtsmenthol rauchen.

mm


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BeitragVerfasst am: 04.08.2012 08:39    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Der Zeugungsversager -

Mitmachtext
Manfred Dechert - 7.12.2009 15:58 | Kategorie: Texte

"Liebe Zuschauer, hier ist ein Familiengedicht - unterstützen Sie mich, in dem Sie, wenn ich die linke Hand hebe, folgendes rufen:
"Du kannst doch keine Familie ernähren, keine Familie ernähren, keine Familie ernähren".
Hebe ich die rechte Hand, dann ruft:
"Ein Kind, ein Kind, ein Kind, sie schenken dem Deutschen Staat ein Kind".

Ich fange mit meinem Text an, und per Handzeichen rufen Sie - linke Hand - wie war das noch mal:
"Du kannst doch keine Familie ernähren, keine Familie ernähren, keine Familie ernähren"
Rechte Hand:
"Ein Kind, ein Kind, ein Kind, sie schenken dem Deutschen Staat ein Kind".

Ich beginne mit meinem Text DER ZEUGUNGSVERSAGER: (...)


http://www.myslam.net/de/post/789


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BeitragVerfasst am: 04.08.2012 23:53    Titel: Antworten mit Zitat

Ah Molly, keine Grübchenkinnigen, Grünäugigen, nach Mentholtabak Duftenden, keine immer noch rot werden Könnenden, keine jeden Tag eine andere und immer die richtige Krawatte Tragenden, keine Apfelärschigen, BMW-Kabrios Fahrenden, jungenhaft Lächelnden, keine Poeten, Gitarristen oder Maler und auch keine Pferdeschwänzigen, keine mit ganz symmetrischem und ganz hellem Gebiss, keine mit eigenem Bibliothekszimmer, keine mit eigener Zeitschrift, keine Breitschultrigen mit Schwimmerhüften und -Armen, keine untenrum ratzekahl Rasierten, keine Sommersprossigen und keine Bärtigen, keine grau Melierten mit Denkerfalten auf der Stirn, keine mit heiserer Christian-Brückner-Stimme oder stählernem Curd-Jürgens-Blick, wie auch keine mit pelzschwanzgeschweiften Schlüsselbünden hinten an der Jeans und keine mit Anglerhüten und The North Face Rucksäcken, aber auch keine Gemütlichen mit roten Bäckchen, schnuckeligem Schmerbäuchlein (bepelzt) und Neigung zum Einschlafen, wenn es länger geht, keine Tätowierten, Gepiercten, Mensurierten und Beringten, keine Liegefahrradfahrer und keine lachenden Kleinkindväter, keine Soldatischen mit eisernem Durchhalte- und Durchsetzungswillen, allerdings auch keine Loser, Tagträumer und Weltverbesserer, keine Sonengebräunten und keine papierhäutigen Leptosomen, sondern einfach nur die inneren Werte, der wahre, ungeschminkte, schlichte Mensch - und du erkennst ihn und findest ihn gut?

Na ja. Ob man dich dann bedauern muss? Was ein Fetisch halt immer auch ist: eine Fessel, ein Zwang, ein Automatismus, den man längst durchschaut hat und der doch ständig weiter wirkt und sein Spiel mit einem treibt.

Aber, toltec-head, wie ich meinen Bücherfetisch los wurde, ein Gutteil davon zumindest?

Als ich jung war, kamen mir Bücher relativ teuer vor (obwohl sie billiger waren als heute, die Taschenbücher vor allem), denn ich hatte wenig Geld, das ich ausgeben konnte. Als ich jung war, hatte ich Zeit und las viel. Alles, was ich gelesen hatte, konnte ich auf keinen Fall wegschmeißen, es stand in den Regalen um mich herum und war wie die Trophäensammlung von meinem Sport: Die habe ich alle schon selber erlegt. Auch stellte ich mir vor, wenn ich mal alt wäre, hätte ich sogar noch mehr Zeit, dann aber auch ein Haus oder zumindest eine sehr geräumige Wohnung, wo ein Raum nur fürs Lesen wäre, eine eigene Bibliothek, dort wären Bücher an jeder Wand von unten bis zur Decke und das wäre urgemütlich, man würde sich in dem Raum sehr wohl und geborgen fühlen, wenn draußen der Winter an die Scheiben klirrte, und dann erst hätte einen die Lektüre von Jahrzehnten so gebildet, dass man wüsste, welche Bücher gut sind und welche nicht so. Da würde man sich umschauen und, aha, ist das nicht ein prächtiger Abend für Stendhal mal wieder - oder Karl May, würde man sich eines dieser Bücher herausgreifen, irgendwo aufschlagen und vor dem Schlafengehen wieder zurückstellen, denn ganz lesen bräuchte man es nicht mehr, man würde es schon kennen, man wollte ihm nur mal wieder begegnen. Und am folgenden Tag würde man ein anderes Buch herausziehen. Denn man hätte alles da, alles, was wichtig wäre. Man würde nicht erst in eine öffentliche Bücherei gehen und sich dort vormerken lassen müssen, weil genau das, was einen gerade interessierte, entliehen wäre.

Was ich mir sowieso immer selber kaufen musste, waren Schwulenbücher, denn die schienen für sämtliche öffentlichen Bibliotheken in meiner Nähe gar nicht zu existieren. Ich fuhr gelegentlich in eine weiter weg gelegene Großstadt, da gab es eine schwule Buchhandlung, die hatten einfach alles. Bücher, wo du nie auf die Idee gekommen wärest, dass es sie geben konnte, die musstest du dort nicht bestellen, die waren alle schon dort. Ich verbrachte ganze Nachmittage in dem Laden und gab jedes Mal Hunderte von Mark aus, es war ganz schrecklich schön.

Aber eigentlich rutschte ich nebenbei auf der sozialen Leiter ab und verarmte immer mehr. Sodass ich irgendwann weniger Geld für Bücher übrig hatte als in meinen Jugendtagen. Darum ging ich in die Kaufhäuser und wühlte mich sehr zeitaufwändig durch die Taschenbuchberge mit den hässlichen Entwertungsstempeln "Mängelexemplar" oder diesen schwarzen Edding-Strichen auf dem Seitenblock. Zu der Zeit bekam man ein Taschenbuch, so verschandelt, noch für 3 Mark, während sie ansonsten etwa 12 kosteten. Ich musste immer weiter mein Bibliothekszimmer fürs Alter füllen. Flaubert, Leo Perutz, Tausendundeine Nacht, Simenon, Hesse, Raymond Carver, John Irving, was halt so anlag. Ich las das allerdings kaum noch, denn inzwischen war ich ruheloser geworden, den Nerv für stundenlanges Herumhocken und überlange, verschachtelte Sätze, den ich als Junger gehabt hatte, der war mir unmerklich abhanden gekommen. Aber im Alter dann...

Weil ich ein armer Mann geworden war, hatte ich nur ein einziges, ganz kleines Zimmer, in dem ich wohnte. Da war längst kein Platz mehr für viele Bücher. Bzw, die steckten jetzt meist in Pappkartons unter meinem Bett, von denen ich natürlich nie einen hervorholte, allenfalls mal aus der vordersten Reihe. Ebenso begann ich zu vergessen, welche Bücher in den doppelt und dreifach gestapelten Reihen an (Teilen) der Zimmerwand verschollen waren. Immer wieder kaufte ich dieselben Titel zum zweiten oder dritten Mal, merkte das aber Jahre später erst, als gründliches Reinemachen dann doch mal erforderte, erst mal abzutragen, sauber zu machen und wieder neu aufzuschichten. Es stapelten sich weitere Bücherkartons in meinem Kellerverschlag, der leider sehr klein ist. Dass sich durch denselben ein Abflussrohr für die Toiletten des Hauses zieht, kam mir erst zu Bewusstsein, als es undicht geworden war und den Keller verschmutzt hatte. Ist übrigens eine interessante Erfahrung, was relativ geringe Mengen Wassers mit Papierstapeln anrichten. Gründliche, unumkehrbare Verwandlungen. Von den weiteren Beimischungen dieses Abflusswassers zu schweigen. Aber gut, ich konnte nicht schlecht absahnen bei der Versicherung (angesichts der Tatsache, dass es Ramschkäufe gewesen waren), hatte also auch sein Gutes. Aber mit einem Mal so Gedanken wie: "Ach, Flaubert, November! Perutz, Nachts unter der steinernen Brücke! Mal ehrlich! Du hast in zehn Jahren keine Lust gehabt, den Scheiß zu lesen. Warum solltest du diese Lust haben, wenn du siebzig bist? Was bringt dich auf den Gedanken?"

Dennoch kriegte ich diese Idee von der von mir gemachten Bibliothek nicht wirklich aus dem Hirn. In dieser Zeit merkte ich, dass es in einer der großen Städte unseres Landes ein "Schwulenzentrum" gab. In diesem Schwulenzentrum leisteten ehrenamtliche Schwule ehrenamtliche unbezahlte Arbeit in ihrer Freizeit. Und in dem Zentrum gab es auch eine Schwulenbibliothek, wo ich in der Folge Bücher gefunden habe, die es längst nicht mehr in Buchhandlungen zu kaufen gab, von denen aber einige mittlerweile in meiner DSFo-Bibliothek stehen, weil sie mich beeindruckt haben. Ohne die schwulen Bibliothek hätte ich die nie gefunden.

Ich kam darum auf die Idee, von meinen eigenen zu besseren Zeiten so teuer eingekauften Schwulenbüchern könnte ich manches dieser Bibliothek spenden, dann hätte ich endlich mein eigenes Bibliothekszimmer, wo die Bücher offen um einen herumstehen und nicht in Schachteln unterm Bett vergessen wären, gleichzeitig hätte ich zu Hause wieder mehr Platz für neue Bücher und gleichzeitig würde ich mich im Glanze meines Mäzenatentums sonnen. Viele interessierte Menschen würden in Folge meiner Spenden zu wundervollen Büchern gelangen.

Da ich kein Auto besitze, dauerte das dann lange, bis ich nach und nach und unter einigem Ächzen Kubikmeter von Schwulenbuch von Stadt A nach Stadt B geschafft hatte - alle in öffentlichen Verkehrsmitteln und mit Umsteigen und längerem Zufußgehen. In dieser Zeitspanne, es zog sich über einige, wenige Jahre, kam ein Bewusstseinswandel in Gang. Ach was, dachte ich, Genet ist zwar Klassiker und ich habe ihn als Bub mit roten Ohren und Latte in der Hose gelesen, aber muss ich ihn darum 30 Jahre bei mir stehen haben, wenn ich ihn nie wieder lese? Wenn ich ihn doch mal lesen will, kann ich ihn in der Schwulenbibliothek leihen. Und wenn mir die Fahrt zu weit ist, bestelle ich das Taschenbuch, so teuer ist das auch nicht. Aber, mal ehrlich, wahrscheinlich lese ich ihn sowieso nie mehr, weil ich Werbung für ein Buch von Peter Nathschläger oder so einem gesehen habe und meine, das seien die viel interessanteren Bücher, weil ich ja noch nicht weiß, wie die gestrickt sind. Ich konnte es manchmal kaum selber glauben, doch mit der Zeit gab ich fast alle meine in zwanzig Jahren gesammelten Schwulenbücher weg, obwohl mich nie einer danach gefragt hatte.

In der Schwulenzentrumsbücherei fragte eigentlich auch nie einer danach. Denn es zeigt sich ja öfter, die jungen Menschen, für die man das doch alles immer tut, sie lesen nicht mehr so viel. Die nehmen ihre Rapsongs im Wohnzimmer auf und twittern überall - das nimmt schon auch Zeit weg.

Jetzt war das so. Für die Bücherei verfügte das Schwulenzentrum über einen studierten Bibliothekar. Ich, der ich eine ganze Menge, wenn auch längst nicht jedes meiner Spendenbücher gelesen hatte, wofür ich Jahre gebraucht hatte, merkte, dass der Bibliothekar, der aber auch nur halb so alt war wie ich, kaum eines meiner Bücher je von innen gesehen hatte. Ich dachte, daher sei meine Kompetenz zur Einschätzung dieser Bücher größer als seine. Er dachte es andersherum - und zwar aus dem Grund, den man im "Mann ohne Eigenschaften" nachlesen kann: Ein wirklich guter Bibliothekar hat kein einziges der von ihm archivierten Bücher gelesen, weiß aber von allen, was drin steht. Ein Leser kennt immer nur die, die er gelesen hat. Sie meist nicht mehr wirklich, weil er sie wieder vergessen hat.

Hinzu kam, dass sich in vielen meiner Bücher einige spezielle Vorlieben von mir spiegelten, erotischer Natur, sagen wir: meine Fetische. Was alles andere als die Fetische des Jung-Bibliotheksmenschen waren, der selber auch welche hatte, andere halt. Sagen wir, damit sich der Leser was denken kann: Ich lese am liebsten Bücher, in denen Leute entführt, gefoltert und vergewaltigt werden, ich finde das supergeil. (Also, ist nur ein Beispiel, muss nicht so sein in Wirklichkeit.) Er las immer am liebsten ganz romantische Sachen vom Schlage "Twilght", "Love Story", "Der Pferdeflüsterer". Gibt's in schwul alles auch. Längst. Also hatte er keines von den Büchern gelesen, die ich brachte, aber er wusste genau, was drinsteht.

Irgendwann kriegte er den Einfall, dass ganz viele von den Sachen, die ich gespendet hatte, eigentlich jugendgefährdend wären, pornografisch, gewaltverherrlichend und so. Die Sache war die: Zu der Zeit hatte das Schwulenzentrum erstmals erreicht, dass die Großstadtkommune es finanziell unterstütze und zwar - im Rahmen der Jugendarbeit. Die Stadt wies den Schwulen Steuergelder an als Anerkennung dafür, dass dieses Zentrum schwule Jugendliche mit Coming-out-Problemen vom Selbstmord abhielt. Oder so. Jedenfalls Jugendliche. Also unter 18. Der Bibliothekar, weil er dachte, es könnte Probleme geben, wenn die Stadtväter mitkriegten, was da zum Teil für Literatur rumstand, machte sich einen Sport daraus, jugendgefährdende Schriften und Bilder aus dem Bestand auszusondern. Das teilte er mir allerdings nie mit. Denn andererseits spekulierte er weiter auf andere, nicht jugendgefährdende Titel, die ich vielleicht noch hätte und ihm bringen würde.

Das Ausmerzen ging so: Was er über ebay versteigern konnte, versilberte er, das Geld allerdings nie für sich, sondern immer für den Neuanschaffungsetat der Bibliothek verwendend. Was er auf diesem Weg nicht losbrachte, flog in den Altpapiercontainer. Also, ich hätte es auch wieder zurückgetragen, wenn man mich vorher gefragt hätte...

Wie das bei so Kollegenkreisen ist: Eines Tages flüsterte es mir einer von den weiteren ehrenamtlichen Bibliothekaren, der es selber nicht optimal fand, aber nie etwas gesagt hatte, denn der Junge war der Studierte und der Chef. Ich schrieb einen Brief an den Vorstand vom Schwulenzentrum, sie sollten einen Riegel vorschieben, andernfalls würde ich kein einziges Buch mehr spenden. Der Vorstand wusste (natürlich) von gar nichts, beauftragte eines seiner Mitglieder, sich kundig zu machen, und dieses schrieb mir, da es sich bei dem fraglichen Büchervernichter um einen studierten Bibliothekar handele, müsse alles seine Richtigkeit haben. Nach diesem Brief habe ich besagtes Schwulenzentrum nie wieder betreten.

Doch je mehr ich über alles nachdachte, desto mehr kam ich zum Schluss: Ob diese Bücher bei mir stehen und ich lese sie nicht, aber sie werden mir zur Plage, wenn ich umziehe, oder ob sie in der Bibliothek stehen, wo sie auch keiner liest, oder ob sie einer, irgendwer da draußen per ebay ersteigert und liest und mag oder ob sie überhaupt nicht mehr existieren, weil sie im Müll versumpft sind, das ist doch alles egal!

Von da an konnte ich nicht mehr aufhören, weitere Bücher auszumustern und wegzugeben. Die schwulen Sachen waren fast alle weg. Ich machte bei Krimis weiter. Dafür musste ich nicht mehr weit fahren. In meiner Stadt gibt es ein Bücherlager, das eine Wohlfahrtseinrichtung betreibt. Dort wird jedes Buch genommen, für keines bekommt man irgendetwas außer "Danke", dann laufen die Bücher durch einen Sortier- und Auspreisungsvorgang und am Ende kann jeder Normalsterbliche (also nicht nur irgendwie der Wohlfahrt Zugehörige) mehr oder weniger jedes gebundene Buch in einem guten Erhaltungszustand für etwa 4 € kaufen.

Na gut, Genet-Bücher kommen dort nicht oft und Cooper-Bücher schon gar nicht, aber sollte ich morgen finden, dass ich "Nachts unter der steinernen Brücke" jetzt doch endlich lesen sollte, stehen die Chancen gut, dass ich es gebunden für 4 € dort finde. Es gibt nämlich sehr viele alte Leute auf der Welt, die haben Bücher angesammelt, und ich weiß nicht, ob sie die im Alter lesen, aber die Bücher sehen oft aus, als wären sie nie gelesen worden... Dann sterben die Leute und es gibt undankbare, kostverachtende Kinder und Enkel; das Erste, was sie machen, sie rufen die Wohlfahrt: "Wenn ihr sie kostenlos holt, kriegt ihr 2000 Bücher von mir."

Gelesen wird zeitstimmungsabhängig in Wellen. Für Harry Potter und Feuchtgebiete ist es noch ein wenig früh, aber sie kommen alle auch noch dorthin, jetzt schon kann ich mich mit Ingo Schulze und Houellebecq versorgen. Ich kann sie lesen und gleich wieder zurückspenden, dann haben andere noch was davon. Und ich habe einen Stapel Papier weniger daheim.



Aber das war alles zum Buch-Fetisch. Damit hatte toltec-head angefangen, aber inzwischen scheint er einen Literatur-Fetisch zu meinen. Der ist ein etwas anderer - und der Nächste kann was darüber sagen.
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BeitragVerfasst am: 05.08.2012 11:46    Titel: Antworten mit Zitat

Erwartungen sind dazu da nicht erfüllt zu werden. Ein Sommertag in einer Kleinstadt in einer westdeutschen Provinz. Deutschland, das war Westdeutschland, das waren WIR, das waren die Guten. Es gab die Guten und die Anderen. Drüben hieß es oder die Zone. Es war Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Der kalte Krieg war wieder mal in einer heißen Phase und der Kapitalismus in einer Krise.

Wahrscheinlich war ich mal wieder unglücklich in Beate verliebt. Oder gerade mit Lotte zusammen.  Oder beides gleichzeitig.

Es war ein grauer, trüber Tag. Der Himmel wolkenverhangen, die Temperaturen zu niedrig. Juli. Oder August.

Natürlich ist dies alles gelogen.

Es war heiß, schon jetzt am Morgen. Mein Kopf schmerzte. Der Geschmack in meinem Mund war pelzig, als hätte ich mir drei Tage keine Zähne geputzt. Gestern Nacht hatte ich entschieden zu viel getrunken. Die gestrige Nacht hatte ich mit Lotte verbracht. Gestern Nacht hatte ich alleine in meinem Bett gelegen und im Privatfernsehen Russ Meyers Faster, Pussycat! Kill! Kill! angesehen.

Es war so ein Tag, wie er immer auf solche Nächte folgte. Zudem war ich pleite und die einzige Kneipe, wo ich noch einen Deckel machen konnte, hatte Ruhetag. Lustlos stöberte ich in einer Bücherkiste, welche vor der kleineren der beiden Buchhandlungen, die es in dieser gottgläubigen Kleinstadt gab, Remittenten zum Kauf darbot.

Das Taschenbuch begann mit einer

gebrauchsanweisung

sie sollen diesen buch sofort eigenmächtig verändern. sie sollen die untertitel auswechseln. sie sollen hergehen & sich ausserhalb der legalität hinreissen lassen.

und war gewidmet dem österreichischen bundesheer

Mangels einer Manteltasche (es war heiß in jenem Sommer) in die ich es hätte stecken können, behielt ich das Buch einfach in der Hand und entfernte mich in zur Hitze passendem Tempo.
Dies war zugleich meine erste Begegnung mit Elfriede Jelinek und das letzte Buch, welches ich geklaut hatte.


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BeitragVerfasst am: 05.08.2012 13:42    Titel: Antworten mit Zitat

Der Zugang zu Russ Meyers Filmen blieb mir naturgemäß immer verwehrt. Und auch Elfriede Jelinik empfand ich stets vornehmlich als Nervensäge.

Aber als Randnotiz möchte ich diesen Musikclip einbringen, weil die Band nämlich "Faster Pussycat" heißt. Der Song ist aber eigentlich aus den Siebzigern und von Carly Simon. Die wenig glamouröse Wahrheit ist, dass ich von etwas wie Carly Simon immer deutlich mehr angtan war als von Russ Meyer, Faster Pussycat und Elfriede Jelinek. Und zwar in jeglicher Beziehung: ihr Aussehen, ihr Stimmklang, ihre Art Lied, ihre Texte. Na gut, mittlerweile hat sie sich in eine alte Gurke verwandelt, aber auf jeden Fall mögen ihr noch vielle ruhige sonnige Tage beschieden sein in ihrer prachtvollen Cape-Cod-Villa. Wo es bestimmt auch ne Menge Bücher gibt, die sie nie liest.

http://www.youtube.com/watch?v=GIbwpDgwgZE
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Molly Mahagonny
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BeitragVerfasst am: 25.10.2012 23:23    Titel: Dominik K. schreibt: Antworten mit Zitat

Zitat:
... keine Grübchenkinnigen, Grünäugigen, nach Mentholtabak Duftenden, keine immer noch rot werden Könnenden, keine jeden Tag eine andere und immer die richtige Krawatte Tragenden, keine Apfelärschigen, BMW-Kabrios Fahrenden, jungenhaft Lächelnden, keine Poeten, Gitarristen oder Maler und auch keine Pferdeschwänzigen, keine mit ganz symmetrischem und ganz hellem Gebiss, keine mit eigenem Bibliothekszimmer, keine mit eigener Zeitschrift, keine Breitschultrigen mit Schwimmerhüften und -Armen, keine untenrum ratzekahl Rasierten, keine Sommersprossigen und keine Bärtigen, keine grau Melierten mit Denkerfalten auf der Stirn, keine mit heiserer Christian-Brückner-Stimme oder stählernem Curd-Jürgens-Blick, wie auch keine mit pelzschwanzgeschweiften Schlüsselbünden hinten an der Jeans und keine mit Anglerhüten und The North Face Rucksäcken, aber auch keine Gemütlichen mit roten Bäckchen, schnuckeligem Schmerbäuchlein (bepelzt) und Neigung zum Einschlafen, wenn es länger geht, keine Tätowierten, Gepiercten, Mensurierten und Beringten, keine Liegefahrradfahrer und keine lachenden Kleinkindväter, keine Soldatischen mit eisernem Durchhalte- und Durchsetzungswillen, allerdings auch keine Loser, Tagträumer und Weltverbesserer, keine Sonengebräunten und keine papierhäutigen Leptosomen ...

Ah, diese Stelle hier wollte ich längst schon noch mal wieder ehrfürchtig aufgesucht haben; wurde leider von den Schicksalhaftigkeiten, denen man eben so ausgesetzt ist im Laufe eines längeren oder auch kürzeren Lebens, bis heute daran gehindert. - Wollte Dir, Master Klama, mitteilen, dass ich so was sehrsehr mag: so Aufzählungen. Kann sogar sein, dass ich den Keim oder Ansatz eines Reihungs- und Aufzählungs-Fetisches in mir trage, ja; darüber denke ich nach, seit ich diesen Deinen Beitrag hier las, Dominik Klama. Ist also möglicherweise doch noch Hoffnung für mich ...

Molly grüßt!


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BeitragVerfasst am: 26.10.2012 13:38    Titel: Antworten mit Zitat

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