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Zwei Gesichter - Kurzgeschichte


 

 
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Christof Lais Sperl
Geschlecht:männlichHobbyautor

Alter: 57
Beiträge: 392
Wohnort: Hangover
Der silberne Roboter


BeitragVerfasst am: 25.04.2019 13:28    Titel: Zwei Gesichter - Kurzgeschichte eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zwei Gesichter

Nicht so wie der Vater sein. Klebt mir zeit meines Lebens an der Stirn. Nicht so sein und sitzen und tagein tagaus mit den Händen nichts anzufangen wissen. Linkes Bein übers rechte, rechtes übers linke, Ellbogen auf den Sessellehnen, Kniescheibe kneten, Fingerspitzen auf Fingerspitzen, dann wie zum Beten die Handflächen aufeinander, später die Hände verschränkt, geräuschvolles Einatmen durch die Nase, Kratzen an der Stirn, Räuspern. Brummen: Bruder Jakob. Eine Abfolge alberner Bewegungen, Töne und Posen. Kreislauf der Zuckungen. Körperkäse.

„Sitz still“, schnalzt die Mutter. Und: „Der will sich nur wichtig machen mit der Räusperei.“

Der Vater sitzt ein. Im Knast akustischer Gitterstäbe. Mutters genickte Zurechtweisungen peitschen als schneidende Fegefäden mal lotrecht zu ihm hin, nähen ihn und seinen Sessel von oben nach unten an die Wand. Mal wendet sie sich ans Publikum. Dann feuern die Salven waagerecht durchs Zimmer. Fesseln ihn von links nach rechts. Wie in den Polizeivideos über moderne Festnahmemethoden: Schusswaffen, die Netze und Schaumfäden ausspucken, in die sich Flüchtende verstricken.

Vater hat den Raum zum Atmen nicht, muss sich auf seinem Kubikmeter so bewegen, die es gerade eben passt, die Gymnastik macht ihn zum Zerrbild seiner selbst. Bis ins Gesicht hinein. Mal Mundwinkel nach unten ins Kinn gedrückt wie respektvolles Erstaunen. Mal die Lippen gespreizt und die Augenbraunen überrascht hochgezogen. Der Wechsel zweier Gesichter.

Was bleibt ist Essen und Glotze. Da ist dann Ruhe. Bis auf ein Lustlachen der Mutter, wenn Köpcke erscheint. Aber nur abends. TV am Tag ist gleich asozial. Muttergesetz. Was sonst noch bleibt: Klo. Kann Vater aber auch nicht zwanzigmal am Tag machen. Wäre ja noch blöder als so schon. Oder Kur. Geht aber auch nur alle paar Jahre, und wenn die Kasse zahlt.

„Der hockt schon wieder auf dem Pott“, sagt Mutter. Sie nennt ihn immer nur „Der“.
„Gleich kommt der wieder und brummt im Sessel rum. Der macht mich noch reif für die Klapse.“

Nicht so sein wie der. Versager. Sondern was Richtiges lernen. Studieren. Kein Nasepopeln, Kratzen und Schnaufen, kein Handwerker, Arbeiter oder sonstiger Ungebildeter werden. Sondern einer, der die fette Mersertür zuknallt und dann den Blick schweifen lässt, ob’s auch alle gesehen und gehört haben. Einer wie Köpcke. Ein Frauenknaller. Muss ich mit der Drei in Mathe gar nicht erst ankommen. Gibt’s sofort Kochlöffel oder Zimmer.

„Ich und der haben uns nicht krumm gemacht, dass aus dir mal ein doofer Prolet wird. Drei in Mathe heißt Hilfsschule. Und Prolet, abends in der Kneipe sitzen, Bier saufen, Geld in Daddelautomaten stecken, sein ordinäres Weib schlagen und höchstens mal die BILD lesen.“  

Wenn Mutter um zwanzig Uhr dem Köpcke spitz entgegenkreischt, muss das für den Vater sein, als würde sie fremdgehen. Denn seine Leibeslagen wechseln danach noch schneller.
Ich glaube, die eine oder andere von den Kolleginnen fände er ziemlich toll. Aber so was würde er wohl auch nicht mehr hinkriegen.

Um zwölf ist Mutter ist schon oben. Sendeschluss. Vater hört sich das Piepen an und guckt noch eine Stunde Testbild. Weißer Kreis auf weißen Kacheln. Von links nach rechts dunkler werdende Graubalken.

Darunter ein Barcode mit einem schwarzen Pfeil.

12Wie es weitergeht »




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Lais
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Filmfan
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber


Beiträge: 19
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 27.04.2019 18:52    Titel: Antworten mit Zitat

Ich liebe Kurzgeschichten. Und bei Deiner Kurzgeschichte frage ich mich, was die Botschaft ist? Welche Motivation, welches Bedürfnis hat der Protagonist? Und wo ist das "auf und ab" einer Geschichte?
Ich konnte sie nicht sehen. Aber vielleicht ist mir auch was entgangen?
Hier ein paar kleine Tipps:

1. Fange mit dem gewohnten Leben Deines Prota an. Erzähl von seinen oder ihren Träumen und Zielen, den Konflikten.
2. Lass etwas eintreten, was das Leben Deines Prota verändert (positiv oder negativ).
3. In der Mitte lass wieder etwas eintreten, was das Leben des Prota in die entgegengesetzte Richtung führt.
4. Schließe am Ende mit einer überraschenden Wendung ab.

Hier ein Beispiel von dem, was ich meine:

Ein Arbeitsloser träumt von einem eigenem Geschäft (Leben des Prota). Ein reicher Verwandter stirbt, vermacht ihm viel Geld (positiver Anstoß für den Prota) Seine Exfrau (Antagonist) will ihm das Geld wegnehmen (negative Wendung in der Mitte), was ihr auch gelingt. Mit Hilfe eines Freundes kann er das Geld zurückbekommen (positiver Schluss am Ende).
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rieka
Geschlecht:weiblichSucher und Seiteneinsteiger


Beiträge: 979



BeitragVerfasst am: 28.04.2019 10:09    Titel: Antworten mit Zitat

Ob dieser Text nur ein Ausschnitt einer größeren Geschichte sein soll oder ein Einzelstück als intraspezifische Momentaufnahme eines Innenlebens, egal. Für mich ist es spannend. Ein Text, den ich mag und in der Art nicht oft finde.
Die verdichtete giftige Atmosphäre eines Familienlebens, einer Kindheit, einer internalisierten Wertigkeit und Abhängigkeit. Vater und Mutter, vom Prota zwar kritisch betrachtet, trotzdem in ihm wirksam. Vermutlich, weil er es zwar wahrnimmt, aber nicht reflektiert.
Ein Text zum häufiger lesen, weil sich die Atmosphäre erst nach und nach erschließt und aufquillt. Für mich.
Ich sehe es förmlich vor mir, das Wohnzimmer, in dem die Mutter leise penetrant giftet, der Vater sich taub stellend subtil agiert und Gegenschläge verteilt und der Prota gequält orientierungslos seine Basis zu finden versucht. Selbst jetzt als Erwachsener noch, wo er doch schon längst frei sein könnte, sollte.

Kurz reingeschaut.
Korrekturen? Verbesserungen? Vermutlich. Zu mehr als einem kurzen Leseeindruck bin ich auf Dauer erst mal nicht im Stande.
Gern gelesen.
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Christof Lais Sperl
Geschlecht:männlichHobbyautor

Alter: 57
Beiträge: 392
Wohnort: Hangover
Der silberne Roboter


BeitragVerfasst am: 28.04.2019 12:43    Titel: @Filmfan / Rika pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke für eure Anmerkungen. Ich wollte das wirklich kurz und knackig als Momentaufnahme halten. Es wird ein Leid beschrieben, und das sollte so für sich sprechen. VLG, CLS

« Was vorher geschah12



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Lais
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Filmfan
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber


Beiträge: 19
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 04.05.2019 05:39    Titel: Antworten mit Zitat

Als Momentaufnahme ist es okay, wenn Du es in eine Kurzgeschichte einbetten würdest. Diese sollte allerdings ein auf und ab der Figur haben, wo sich die Richtung der Handlung ändert.
Hab mal vor Jahren eine Kurzgeschichte geschrieben, wo meine Figur auf 1,5 Seiten vier auf und ab's hatte. Andererseits ging die Figur nicht in die Tiefe, wollte nur locker flockig eine Geschichte erzählen.
Andere Kurzgeschichten, so 18 bis 20 Seiten lang, hatten hingegen bei mir eine Figurentiefe und die auf und ab's der Figur.
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