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nilswundertsich
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 27
Beiträge: 102

Ei 7


BeitragVerfasst am: 14.04.2014 23:58    Titel: puppenköpfchen eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Nach langer Abwesenheit habe ich wieder begeistert einige eurer Gedichte gelesen und frage mich, warum ich euch so oft fernbleibe, wenn ihr mir doch solche Freude bereitet. Also mag ich hier auch mal wieder etwas teilen:
Ein Gedicht, an das ich mit einem konkret erzählerischen Ansatz herangegangen bin, inspiriert von einem Bild aus den 1940ern. Auch wenn manchen hier die Kombination aus Lyrik und Bild verhasst ist, werde ich es dem Beitrag ergänzend hinzufügen.


puppenköpfchen

ziegel auf ziegel auf tonnen von staub
und weltenboden, wo großmäuler sich um
die erde stritten, wo heulende sirenen
warnten statt zu buhlen, blickt ein kleiner
mensch hervor, ein mädchen, ihre augen leuchten
rot wie das blut, das an den resten ihres hauses klebt,
ihre augen, aus sanfter verzweiflung
gehoben in eine linse,

                                     mein lieber herr,

womit soll ich jetzt die puppe füttern?
das mehl kann ich vom staub nicht unter-
scheiden, ach, das wasser fehlt mir auch,
nur die hitze in mir ist da.
die hat mein bruder mir geschenkt, auf
den ich hier auf ewig warten möchte,
am traurigen grubengrab von mama und papa,
sehen sie ihre zerschmetterten köpfe?
ich muss dann wohl vom dreck zehren, aber
puppen mögen keinen dreck, was also dann,
mein lieber herr?

der schweigt, setzt seinen von kanonenknall
gebeugten hut in die ruine, seine kamera hat
ausgeknipst, seine augen fliegen
in die ferne,
zwischen häuserstapel,
geschürzte kraterlippen,
ziegel auf ziegel
auf tonnen von staub,
im hintergrund
ein falke auf der jagd,
neben ihm ein mädchen, das aus stahl
gemacht zu sein scheint.
ein moment, die ruhe ist wie eine wattewand,
wie eingepackt, eingewickelt, verbunden
fühlt sich der zerrissene herr, zerbrechlich,
wie sein puppenköpfchen,
das alsbald, von einem schuss und einem kinderschrei,
i n t a u s e n d t e i l e f ä l l t .




_________________
Du, Hase?, sagte der Bär. Bist du auch so müde?
Ja, sagte der Hase. Lass uns schlafen gehen.
Und Hase und Bär schliefen bis an ihr Lebensende.
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Aranka
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger


Beiträge: 3371
Wohnort: Umkreis Mönchengladbach
Pokapro und Lezepo 2014



BeitragVerfasst am: 15.04.2014 13:36    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo nilswundertsich,

deine Zeilen haben mich mitgenommen in eine verwundete Stadt zu verwundeten Menschen. Eine ruhige fließende Sprache, nur erzählend, nicht spektakulär und dennoch genau hinschauend: Bilder malend.

Diese Zeilen schlagen in mir Bilder an, nicht selbst erlebte, aber erzählte Bilder, mit deren Nachwirkungen (Staub) ich jedoch groß geworden bin.

Ich konnte das Bild, das du angehängt hast nicht öffnen, was ich jedoch nicht bedaure. Der Text ist Bild und Geschichte genug und steht für sich selbst gut und stabil da. Ich finde das Gedicht mehr als gelungen.

Ich würde vielleicht über ein paar Winzigkeiten nachdenken. Ich setze sie einmal farbig zum Vergleich jeweils unter deinen Text. (Meist nur aus rhythmischen Überlegungen bei mir entstanden. Zwei Punkte mehr, als kleinen Stopp! Zwei andere Zeilenumbrüche! ) Du kannst ja mal schauen, ob du was damit anfangen kannst.


Zitat:
puppenköpfchen

ziegel auf ziegel auf tonnen von staub
und weltenboden, wo großmäuler sich um
die erde stritten, wo heulende sirenen
warnten statt zu buhlen, blickt ein kleiner
mensch hervor, ein mädchen, ihre augen leuchten
rot wie das blut, das an den resten ihres hauses klebt,


ziegel auf ziegel auf tonnen von staub
und weltenboden, wo großmäuler
um die erde stritten, wo heulende sirenen
warnten statt zu buhlen, blickt ein kleiner
mensch hervor, ein mädchen. ihre augen leuchten
rot wie das blut, das an den resten ihres hauses klebt,


Zitat:
die hat mein bruder mir geschenkt, auf
den ich hier auf ewig warten möchte,
am traurigen grubengrab von mama und papa,
sehen sie ihre zerschmetterten köpfe?
ich muss dann wohl vom dreck zehren, aber   
puppen mögen keinen dreck, was also dann,
mein lieber herr?


die hat mein bruder mir geschenkt,
auf den ich hier auf ewig warten möchte,
am traurigen grubengrab von mama und papa,
sehen sie ihre zerschmetterten köpfe?
ich muss dann wohl vom dreck zehren. doch   
puppen mögen keinen dreck, was also dann,
mein lieber herr?


Zitat:
neben ihm ein mädchen, das aus stahl
gemacht zu sein scheint.                                (ungelenk! Selbst als Prosa!)                       
ein moment, die ruhe ist wie eine wattewand,      
wie eingepackt, eingewickelt, verbunden
fühlt sich der zerrissene herr, zerbrechlich,
wie sein puppenköpfchen,
das alsbald, von einem schuss und einem kinderschrei,
i n t a u s e n d t e i l e f ä l l t .


neben ihm ein mädchen, das aus stahl
gemacht, wie's scheint.                                     
ruhe steht wie eine wattewand, wie eingepackt,
gewickelt und verbunden
fühlt sich der zerrissne herr, zerbrechlich,
wie sein puppenköpfchen,
das alsbald, von einem schuss und einem kinderschrei,
i n t a u s e n d t e i l e f ä l l t .

Nils, ich denke, du hast hier eine sehr feine Form und Sprache gefunden, um diesen sensiblen Inhalt zu transportieren. Viele Augen schauen mich aus dem Text heraus an.

Sehr gerne gelesen. Liebe Grüße Aranka


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"Wie dahingelangen, Alltägliches zu schreiben, so unauffällig, dass es gereiht aussieht und doch als Ganzes leuchtet?" (Peter Handke)

„Erst als ihm die Welt geheimnisvoll wurde, öffnete sie sich und konnte zurückerobert werden.“ (Peter Handke)
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nilswundertsich
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 27
Beiträge: 102

Ei 7


BeitragVerfasst am: 16.04.2014 02:02    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Liebe Aranka,

vielen Dank, dein Lob und Feedback sind mir unglaublich viel wert.
Du legst auch genau die Stelle im Gedicht offen, die mir am meisten im Magen lag:

Zitat:
neben ihm ein mädchen, das aus stahl
gemacht zu sein scheint. (ungelenk! Selbst als Prosa!)


Dein Vorschlag:

Zitat:
neben ihm ein mädchen, das aus stahl
gemacht, wie's scheint.


löst das ganze rhythmisch sehr gut, ist mir aber vom Syntax her ein wenig zu antiquiert, klingt mir doch ein wenig nach Romantik (oder so). Ich brauch irgendwo immer dieses "sein", sonst ist mir der Satz nicht komplett. Darum habe ich auf die ungelenke Notlösung zurückgegriffen, die du mir (zurecht) angekreidet hast. Darüber werde ich noch etwas brüten. Deine anderen Ideen werde ich aber denke ich so übernehmen, weil sie auf jeden Fall aus dem Text einen nötigen Feinschliff herausholen.

Vielen Dank dafür smile Und für dein positives Feedback. Wie war das nochmal bei Wickie: Ich bin entzückt!


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firstoffertio
Geschlecht:weiblichFlachmann-Preisträger


Beiträge: 5743
Wohnort: Irland
Das bronzene Stundenglas Der goldene Spiegel - Lyrik (1)
Podcast-Sonderpreis Silberner Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 16.04.2014 22:54    Titel: Antworten mit Zitat

Dein Gedicht hat eine eigenartige Wirkung auf mich.
Es kommt sprachlich irgendwie 'elegant' daher, was dem Inhalt widerspricht, aber dennoch diese Begegnung zwischen dem Mädchen und dem Soldaten so eindringlich macht.

Die mittlere Strophe dagegen hat etwas Kindlich-Märchenhaftes. Aber auch so etwas 'Höfliches'.

Selbst die letzten vier Verse... In denen das 'sein' zweideutig ist. Selbst hier wird die Brutalität so sanft beschrieben.

Ich finde das unheimlich gut gemacht.
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lilli.vostry
Wortschmiedin


Beiträge: 1157
Wohnort: Dresden


BeitragVerfasst am: 16.04.2014 23:02    Titel: aw:puppenköpfchen Antworten mit Zitat

Hallo Nilswundertsich,

mich hat der Titel neugierig gemacht - er klingt verspielt, naiv und dann diese ernste Geschichte dazu, von diesem Mädchen auf Trümmern sitzend mit einer Puppe im Arm als letztem Halt...

Du hast die Szene auf dem Bild atmosphärisch sehr genau und für mein Empfinden etwas zu ausführlich beschreibend im Gedicht festgehalten. Der Blick aus der Sicht des Mädchens ist behutsam, berührt, ist mit aber etwas zu viel Pathos insgesamt und wirkt stellenweise zu gekünstelt in der Sprache: "Ich muss dann wohl vom Dreck zehren..." - Redet so ein kleines Mädchen?!
Würde es etwas einfacher, schlichter formulieren.
 
Das Eingangsbild ist stilistisch nicht ganz stimmig: auf Ziegeln .... blickt ein kleiner Mensch hervor. "aus" müsste es doch heißen.
Oder auf ... sitzt, hockt ein kleiner Mensch.

 Es sind mir auch zu viele Füllworte wie "sanfte Verzweiflung", "am traurigen (Gruben)Grab von Mama und Papa" und unklare Übergänge:
"sehen sie (wer? Mama und Papa?) ihre zerschmetterten Köpfe?" - fragt sich dies das Mädchen, weil es nicht begreift, das sie tot sind, nichts mehr sehen können oder wendet sie sich mit der Frage hilflos an ihr Gegenüber, den "lieben Herrn" (ist damit der Fotograf oder Gott gemeint?)
Missverständlich auch: "nur die Hitze in mir ist da. Die hat mir mein Bruder geschenkt." (gemeint ist aber sicher die Puppe, doch der Bezug wird nicht deutlich, da sie weiter oben nur einmal genannt wird...)

Zu der Zeile mit dem Mädchen aus Stahl, würde ich ganz einfach wie folgt ändern: ein Mädchen, das aus Stahl zu sein scheint.

Folgende Zeile scheint mir auch noch nicht stimmig sprachlich: der setzt seinen vo(n)m Kanonen(knall - klingt mehr nach Silvesterknaller statt Kanonendonner) gebeugten (besser: verbeulten) Hut in die Ruine...

Verstehe diese Formulierung nicht: Wieso fühlt sich der "zerrissene Herr (innerlich oder tatsächlich von einer Bombe getroffen?) zerbrechlich wie sein (?) Puppenköpfchen..." - wo es doch dem Mädchen gehört. Oder steckt der liebe Herr, Gott selbst in der Puppe, das dem Mädchen Trost und Halt für einen Moment gibt, bis auch diese letzte Rettung zerstört wird...
Warum ist die Schlusszeile besonders gestochen hervorgehoben? Bräuchte es m.M. nicht, es wirkt schlicht gesetzt in seiner starken Aussage ergreifend genug.

Auf jeden Fall ein Gedicht, das einen so schnell nicht wieder loslässt.

Viele Grüße,
Lilli


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nilswundertsich
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 27
Beiträge: 102

Ei 7


BeitragVerfasst am: 18.04.2014 10:40    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Lieber firstoffertio,

vielen Dank für dein Lob. Ich bin froh, wenn das Gedicht diese Wirkung auf dich hat, da das genau das ist, was ich erreichen wollte. smile

Liebe lilli,

danke für deine gut begründete Kritik. Ich gehe jetzt einfach mal auf jeden Punkt gesondert ein:

Zitat:
Der Blick aus der Sicht des Mädchens ist behutsam, berührt, ist mit aber etwas zu viel Pathos insgesamt und wirkt stellenweise zu gekünstelt in der Sprache: "Ich muss dann wohl vom Dreck zehren..." - Redet so ein kleines Mädchen?!
Würde es etwas einfacher, schlichter formulieren.


Habe ich bewusst aber nicht gemacht, ein kleines Mädchen soll beschrieben werden, das eigentlich schon mehr erlebt hat, als ein kleines Mädchen erleben sollte. Darum ist es auch nicht mehr so kindlich in seiner Ausdrucksweise. Ich fand das eigenartige auf dem Bild, dass dieses Kind mit seiner Puppe einen sehr sicheren, leicht feindseligen Blick hat. Irgendwie sollte es meiner Meinung nach auch stilisierter sprechen, damit in der Begegnung zwischen Fotografen und Kind klar wird, was für eine Wirkung das Mädchen auf ihn hat. Wäre das jetzt ein authentischer Prosatext und kein stilisiertes Gedicht, würde ich mich dem Kritikpunkt annehmen. So macht es für mich aber Sinn.

Zitat:

Das Eingangsbild ist stilistisch nicht ganz stimmig: auf Ziegeln .... blickt ein kleiner Mensch hervor. "aus" müsste es doch heißen.
Oder auf ... sitzt, hockt ein kleiner Mensch.


Jup, das stimmt. Eigentlich aber habe ich diesen Satzteil garnicht beachtet. In meinem Kopf begann der Satz erst ab "wo großmäuler" etc. Habe jetzt einfach einen Punkt gesetzt:

ziegel auf ziegel auf tonnen von staub
und weltenboden. wo großmäuler
um die erde stritten, wo heulende sirenen
warnten statt zu buhlen, blickt ein kleiner
mensch hervor, ein mädchen, ihre augen leuchten und so weiter

Zitat:
Es sind mir auch zu viele Füllworte wie "sanfte Verzweiflung", "am traurigen (Gruben)Grab von Mama und Papa" und unklare Übergänge:
"sehen sie (wer? Mama und Papa?) ihre zerschmetterten Köpfe?" - fragt sich dies das Mädchen, weil es nicht begreift, das sie tot sind, nichts mehr sehen können oder wendet sie sich mit der Frage hilflos an ihr Gegenüber, den "lieben Herrn" (ist damit der Fotograf oder Gott gemeint?)


Eigentlich eine interessante Interpretationsweise, dass sie garnicht (wie von mir beabsichtigt) mit dem Fotografen spricht sondern mit Gott, den Fotografen vielleicht für einen Gott hält. Auch dass sie sich das mit "mama und papa" vielleicht selber fragt, habe ich noch nicht bedacht. Kann man doch offen lassen. Meiner Meinung nach leben Gedichte unter anderem von genau solchen Mehrdeutigkeiten. Über die Fülladjektive werde ich noch grübeln, viele der Wörter benutze ich aber auch mehr wegen des Klanges. (grubengrab z.B., klingt irgendwie verspielter als nur ein schlichtes "grab")

Zitat:

Missverständlich auch: "nur die Hitze in mir ist da. Die hat mir mein Bruder geschenkt." (gemeint ist aber sicher die Puppe, doch der Bezug wird nicht deutlich, da sie weiter oben nur einmal genannt wird...)


Auch das ist mir durchaus bewusst. Aber Kinder springen doch auch gerne mal zwischen Themen hin und her. Mir fiel es zuerst auch auf, aber ich fand es doch ein zu schönes Missverständnis. "Die Wut habe ich von meinem Bruder, der in den Krieg zog" vs. "Die Puppe hat mir mein Bruder zu Weihnachten geschenkt"... Nein, auch das ist etwas, was ich garnicht eindeutig machen möchte. Auch hier: In einer logisch geknüpften Erzählung oder einer Romanszene wäre das was anderes, da es eben mehr auf erzählerische Aspekte ankäme, auch auf Glaubwürdigkeit, ein Gedicht kann sich aber Vielschichtigkeit erlauben. Und ich möchte, dass ein Leser darüber stolpert.

Zitat:
Zu der Zeile mit dem Mädchen aus Stahl, würde ich ganz einfach wie folgt ändern: ein Mädchen, das aus Stahl zu sein scheint.


Jup, hab ich jetzt einfach mal so gemacht smile

Zitat:
Folgende Zeile scheint mir auch noch nicht stimmig sprachlich: der setzt seinen vo(n)m Kanonen(knall - klingt mehr nach Silvesterknaller statt Kanonendonner) gebeugten (besser: verbeulten) Hut in die Ruine...


Jo, auch das habe ich übernommen. Auch wenn ich an der Stelle die Vorstellung lustig fand, dass nicht nur er vom Krieg gebeugt ist, sondern auch sein Hut. Aber da muss das nicht unbedingt sein.

Zitat:

Verstehe diese Formulierung nicht: Wieso fühlt sich der "zerrissene Herr (innerlich oder tatsächlich von einer Bombe getroffen?) zerbrechlich wie sein (?) Puppenköpfchen..." - wo es doch dem Mädchen gehört. Oder steckt der liebe Herr, Gott selbst in der Puppe, das dem Mädchen Trost und Halt für einen Moment gibt, bis auch diese letzte Rettung zerstört wird...


Du verstehst sie doch auf deine Weise wink Finde das eigentlich auch eine schöne Interpretation. Meine Intention war aber eigentlich folgende:
Der Fotograf, ein erwachsener Mensch, der lange durchgehalten hat, um einfach nur zu fotografieren, bald aber zu "zerrissen" ist, um noch länger durchzuhalten, sieht sich einem Mädchen gegenüber gestellt, das irgendwie anders ist, das viel von dem hat, was er nicht hat. Das sozusagen aus der Willkür der Gewalt eher das Durchhaltevermögen mitnimmt, vielleicht auch genug Wahnsinn mitbringt, um alles auszuhalten. Er selbst fühlt sich daneben schwach, auch psychisch, willensschwach, wie eine Puppe. Das Puppenköpfchen ist also sein eigener Kopf. Aber wie gesagt, deine Interpretation, in der Gott der liebe herr ist, gefällt mir auch sehr gut. smile

Zitat:

Warum ist die Schlusszeile besonders gestochen hervorgehoben? Bräuchte es m.M. nicht, es wirkt schlicht gesetzt in seiner starken Aussage ergreifend genug.


Wollte da quasi die Lesegeschwindigkeit schlagartig für die letzte Zeile entschleunigen, war eigentlich mehr ein Experiment. Ist aber tatsächlich nicht zwingend, da hast du recht.

Wie gesagt, vielen Dank für dein wertvolles Feedback. Und danke für:
Zitat:

Auf jeden Fall ein Gedicht, das einen so schnell nicht wieder loslässt.

das lese ich sehr gerne smile

Liebe Grüße
Nils


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nilswundertsich
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Ei 7


BeitragVerfasst am: 19.04.2014 22:15    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Den Schluss habe ich jetzt doch so gelassen, auch wenn die Hervorhebung nur ein ästhetisches Spielchen ist, dass ich gerne mag. Auch der kanonenknall blieb gleich, da "kanonendonner" mir rhythmisch nicht passte. Ansonsten sieht es jetzt aber so aus:

puppenköpfchen

ziegel auf ziegel auf tonnen von staub
und weltenboden. wo großmäuler
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warnten statt zu buhlen, blickt ein kleiner
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ihre augen, aus sanfter verzweiflung
gehoben in eine linse,

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womit soll ich jetzt die puppe füttern?
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auf tonnen von staub,
im hintergrund
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das aus stahl zu sein scheint.
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ruhe steht wie eine wattewand, wie eingepackt,
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lilli.vostry
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BeitragVerfasst am: 19.04.2014 22:26    Titel: aw:puppenköpfchen Antworten mit Zitat

Hallo Nilswundertsich,

ich mag auch Deine neue leicht veränderte Gedichtfassung, auch  das Vieldeutige darin.
Zwei Kleinigkeiten sind mir noch aufgefallen: grauesGrubengrab - da fehlt ein Leerzeichen.
Und ein Moment - warum steht der jetzt einzeln in der Zeile?
In Bezug auf den zerrissenen Herren müsste es dann aber heißen:
Einen Moment (lang) steht ... der zerissene Herr.

Meine anderen Anmerkungen zum Gedicht hatte ich Dir ja bereits geschrieben.

Schöne Ostergrüße,
Lilli


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lilli.vostry
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BeitragVerfasst am: 19.04.2014 22:29    Titel: aw:puppenköpfchen Antworten mit Zitat

.. noch etwas: fühlt sich der zerrissene Herr, - das Komma ist überflüssig m.E. - zerbrechlich,
man stolpert nur unnötig drüber.

LG,
Lilli


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nilswundertsich
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Ei 7


BeitragVerfasst am: 19.04.2014 22:49    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Liebe lilli,
"grauengrubengrab" soll eher eine kindliche Wortschöpfung sein, wegen "dem Grauen".
Den "Moment" habe ich mir nochmal durch den Kopf gehen lassen. Hier nochmal eine neue Version.

puppenköpfchen


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lilli.vostry
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BeitragVerfasst am: 19.04.2014 23:02    Titel: aw:Puppenköpfchen Antworten mit Zitat

Hallo Nilswundertsich,

hab grau als Farbe gesehen, mit ist das an der Stelle zu viel - ein dreifaches Substantiv...

Mit dem Moment finde ich gut so die Zeile jetzt.

Das Komma ist wie gesagt zu viel hinter dem zerrissenen Herren:
Der zerrissene Herr fühlt sich zerbrechlich - wäre korrekt.

Gute Nacht Grüße,
Lilli


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nilswundertsich
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BeitragVerfasst am: 19.04.2014 23:54    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ach DAS Komma meinst du. Okay, habe ich falsch verstanden.
Aber wenn ich den Satz so aufschreibe:

Wie eingepackt, eingewickelt, verbunden fühlt sich der zerrissene Herr, zerbrechlich wie sein Puppenköpfchen, das alsbald, durch einen Schuss und einen Kinderschrei, in  tausend  Teile  fällt.

ist für mich das Komma nicht zu viel. Ist ja schließlich ein neuer Satzteil. Ich finde das auch sprachrhythmisch in Ordnung... Wie sehen das denn andere?


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