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madrilena
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BeitragVerfasst am: 02.09.2012 16:16    Titel: worauf noch warten eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Neue Version »

Liebe Werkstattleute - ich weiß nicht, ob das erlaubt ist - Ihr werdet mir das wohl irgendwann schreiben. Ich habe meinen neuen Roman mit dem Titel "Lisa" (nichtssagender Arbeitstitel) hier reingestellt, bekam sehr gute Verbesserungen und Vorschläge von Euch, habe aber weder die verbesserte Version noch die Reihenfolge der Kapitel eingehalten und hatte in der alten Version auch noch den unmöglichen Prolog, der so manchen vom Lesen abgehalten hat. Nun möchte ich das alles wieder gut machen - aber wie gesagt, ich weiß nicht, ob so ein zweites Mal nicht verärgert oder eventuell gar nicht möglich ist. Mein neuer Arbeitstitel ist "worauf noch warten" aus dem Gedicht von Anne Heitmann, das ich meinem Text mit ihrer Erlaubnis voran stellen werde.

Aufbruch
nicht länger mehr
an diesem Ufer harren.
Kein Schiff in Sicht.
Auch morgen wird
der Fluss noch trübe sein.
Worauf noch warten?
Du musst schwimmen,
da drüben wird es Wege geben.

Anne Heitmann
„… auch wenn ich leise bin“


1
Langsam, wie in Zeitlupe, entglitt mir der Meißel. Mit einem leisen Aufprall schlug er auf den Boden. Genervt bückte ich mich, suchte im Staub und zwischen kleinen Steinbrocken nach meinem Werkzeug. Nachdem ich es gefunden hatte, wandte ich mich dem breiten drehbaren Bock zu, auf dem meine letzte, mit einem Tuch bedeckte Arbeit stand. Zärtlich ertastete ich durch den rauen Stoff den Stein, spürte unter meinen Händen die Rundungen und Linien der Frauengestalt, die seit Monaten nicht nur meine Träume und Fantasien gefangen hielt, sondern auch all meine freien Stunden. Nirgendwo verbrachte ich so viel Zeit wie hier und nirgendwo fühlte ich mich so frei und ungebunden wie in diesem Raum im Obergeschoss meiner Wohnung.
Manchmal dachte ich amüsiert, wer mich hier sehen könnte! Ich stellte mir das Erstaunen der Menschen vor, die mich nur elegant und nach der letzten Mode gekleidet kennen. Mich – die Reiseleiterin, die Gruppen in viele europäische und afrikanische Länder begleitete. Aber diese Lisa war ich nur während meiner Arbeit. In meinem Atelier war ich ungeschminkt, hatte die kupferroten, mit grauen Strähnen durchzogenen Haare hochgebunden. Trug am liebsten lange, bunte Gewänder aus grobem Leinen und offene Sandalen an den nackten Füßen.
Hier  war ich nur die Lisa, die kaum jemand kannte, diszipliniert beim Arbeiten und chaotisch zugleich: Werkzeuge, Fotos, Skizzen und erste Entwürfe in Ton stapelten sich auf Tischen. An einer der Wände stand mein alter großer Wandschrank, in dem ich meine allerersten Versuche aufbewahrte. Nichts konnte ich wegwerfen. Jede zerbrochene Vase, jeden misslungenen Beginn eines neuen in Ton geformten Gedankens hob ich auf, unfähig die Vorfreude und Aufregung, die in diesen Anfängen steckten, einfach zu entsorgen. Aber auch kleine gelungene Werke aus meiner Anfangszeit hatten dort einen Ehrenplatz.
Diffuses Licht drang durch die bis zum Boden reichenden Fenster, füllte den Raum mit fremdartiger Unwirklichkeit und gab einer Frauenbüste, einem Kinderkopf, einem Vogel mit weit ausgebreiteten Flügeln durch Licht und Schatten eine scheinbare Lebendigkeit. Der Vogel war eine meiner Lieblingsfiguren. Sich in die Luft erheben. Davonfliegen. Dem Strahlen der Sonne entgegen. Weit hinaus in einen niemals endenden blauen Sommerhimmel.
Vorsichtig entfernte ich das Tuch, drehte den großen, auf Rädern stehenden Sockel von einer Seite zur anderen, um wieder einmal die tief gebeugte Gestalt aus jedem Blickwinkel betrachten zu können. Sanft strich ich über die Figur aus schwarzem Obsidian, dem spröden Lavagestein mit seinem leicht metallischen, gläsernen Glanz. Die Frau hatte die Beine angezogen, den Körper lang gestreckt, der leicht angehobene Kopf ruhte auf den Armen.
Entschlossen setzte ich auf dem ebenmäßigen, schmalen Rücken den Meißel an. Hielt wieder inne, zweifelte: ‚Soll ich wirklich? Vielleicht war es ja ein Zeichen, dass er heruntergefallen war, als Aufforderung, nichts mehr zu ändern’.
Immer wieder fiel mir das Gespräch ein, das ich vor Tagen mit Caroline führte und das heute der Grund war, dass ich meine Kniende verletzen wollte.
Caroline war überraschend im Atelier aufgetaucht. Erstaunt auf  die im Morgenlicht dunkel schimmernde Figur deutend,  gefragt: „Hast du absichtlich eine Yogaübung geschaffen?", und beinahe ehrfürchtig den schwarzen Stein berührt.
„Nein, warum? Ich habe keine Ahnung vom Yoga“. Verlegen strich ich mir mit meinen staubigen Händen die Haare aus dem Gesicht. Ich war immer so aufgeregt, wenn meine Tochter ihre Meinung zu meinen Arbeiten, zwar zögerlich, aber doch sehr deutlich äußerte. Neugierig fragte ich: „Sag schon, was bedeutet diese Übung?“
„Wir nehmen im Yogakurs diese Stellung eines Embryos im Mutterleib ein, um Demut, Urvertrauen und völliges Loslassen zu üben“.
Ich wusste, dass sich Caroline seit langer Zeit mit Yoga beschäftigte, daher fragte ich leise:
„Und, hast du es geschafft, kannst du loslassen, hast du dieses Urvertrauen?“
„Noch nicht wirklich“. Mehr sagte Caroline nicht. Fragend schaute ich sie an: „Völliges Loslassen! Gibt es das wirklich? Kann man das üben?“ Behutsam legte sie den Arm um mich.
„Ich weiß, dass dir das unvorstellbar ist. Bei deiner Lust zu leben wirst du loslassen sofort mit Tod verbinden, stimmt’s?“
Ich gab mich einen Augenblick der Wärme von Carolines Umarmung hin, bevor ich antwortete: „Möglich. Aber ist es nicht seltsam, dass dann gerade ich eine solche Skulptur geschaffen habe?“
„Warum seltsam? Vielleicht hast du damit unbewusst deine Sehnsucht ausgedrückt. Sehnsucht nach innerer Ruhe, nach Furchtlosigkeit, nach mehr Leichtigkeit und weniger Hinterfragen.“
Als Caroline gegangen war, hatte ich noch lange nachdenklich meine Skulptur betrachtet. Demut? Nein, ich konnte keine demütige Haltung in dir sehen. Embryo im Mutterleib – die Vorstellung von völligem Behütetsein und gleichzeitigem unwiderruflichem Loslassen war zwar schön, aber was war mit der jahrelangen gegenseitigen Abhängigkeit?’
Ich trat einen Schritt zurück, um einen Abstand zwischen mir und der steinernen Frau zu schaffen.
Unsicher überlegte ich: ’Wenn mein Unterbewusstsein schon diese Sehnsucht ausgedrückt haben muss, könnte ich doch auch mal versuchen, die Stellung von dir einzunehmen.’
Mit bloßen Händen fegte ich Steinreste und Staub ein wenig zur Seite, dann ließ ich mich langsam auf dem Boden nieder – zuerst auf die Knie, machte danach den Körper ganz lang, legte den Kopf auf die Arme, spürte den harten Fußboden mit jeder Faser meines Körpers und wunderte mich überhaupt nicht darüber, dass ich nicht das empfinden konnte, von dem Caroline gesprochen hatte.
Mühsam erhob ich mich wieder, griff nach dem Meißel: ‚Ich muss es tun. Du siehst zu unverletzt, zu heil aus. Ich kann doch nicht etwas schaffen, das ich selbst nicht nachvollziehen kann’.
Und mit vorsichtigen, leichten Schlägen brachte ich dem schwarzen Rücken dieser Frauengestalt eine tiefe Wunde bei. Vorsichtig, damit der Stein nicht splitterte. Während ich die Raspel ansetzte, führte ich mein imaginäres Gespräch fort. ‚Solange ich nicht fähig bin, Unabänderliches zu akzeptieren, solange ich selbst wegen meiner Angst so verwundbar bin, solange muss diese Verletzung ein Teil von dir sein’.
Später strich ich wie tröstend über den Frauenkörper. Als Entschuldigung?  Ich wusste es nicht.
Das feuchte Sandpapier blieb auf dem Tisch liegen. Noch war die Zeit nicht gekommen, um ungewollte Einkerbungen oder Unebenheiten dieses Eingriffs  zu glätten und zu polieren.
Als ich meine beiden kleinen Werkzeuge säuberte, überlegte ich angestrengt: Caroline hatte doch noch etwas gesagt?
Aber es fiel mir nicht mehr ein, obgleich ich ahnte, dass es etwas sehr Wichtiges gewesen sein musste.



_________________
Bücher im Alkyon Irmgard Keil Verlag/Marbach "Schatten umarmen" Kranichsteiner Literaturverlag.
1. "den Himmel mit Händen fassen" ISBN
10:3934136303
2. "Schatten umarmen ISBN 10:3929265133
3. "...und die Zeit stand still" ISBN 10: 3934136311
4."leben" ISBN 10:3934136656
Erhältlich bei Amazon über buchimport Peter Reimer + in Buchhandlungen
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madrilena
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BeitragVerfasst am: 02.09.2012 16:19    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Fortsetzung
Ich bin für jede Kritik offen und kann zum Guten meines Textes viel aushalten!

2
Es war einige Tage später. Ich fuhr erschrocken im Bett hoch. Doch als ich den vertrauten Klang der Glocken mit seiner unbarmherzigen Pünktlichkeit hörte, sank ich beruhigt in die Kissen zurück. Ich brauchte gar nicht auf die Uhr zu schauen – 6Uhr 16 setzte jeden Morgen das Geläut des Mainzer Doms ein. Als Lukas und ich uns vor vielen Jahren für diese Wohnung entschieden, warnten uns damals Freunde vor dem Lärm. Aber wir hatten nur gelacht. Lärm? Gab es ein schöneres Erwachen als mit Glockenklang?
Aber manchmal war 6 Uhr 16 wirklich sehr früh.
Lukas! Es tat immer noch so weh. Vor allem morgens. Die Erinnerungen. Ich konnte mich nicht gegen sie wehren. Ich möchte in sein Bett kriechen, seinen Geruch atmen, in seiner Wärme Schutz suchen. Aber das Bett stand in Carolines Wohnung und alle berührbaren Spuren von Lukas waren schon so lange ausgelöscht.
Ich drehte mich zu meinem Nachttisch um, griff nach der kleinen Fotografie. Acht Jahre war es her, aber wie nah war manchmal noch der Schmerz.
Damals, nach Lukas’ Tod wollten Freunde und Fremde trösten, versicherten immer wieder: ‚Lisa, das Leben geht weiter’. Am liebsten hätte ich  geschrien, nein, nein, es geht nicht weiter. Es gab keine Zeitrechnung mehr und dass ich ohne ihn leben könnte, erschien mir so unvorstellbar.
Und doch hatte sich das Lebenwollen noch einmal durchgesetzt, anders, aber trotzdem lebenswert. Erst war da Caroline, sie brauchte mich und ich sie. Nachdem Caroline nach dem Abitur und den ersten Studienjahren zu ihrer Freundin gezogen war, selbständig sein wollte, hatte ich mich in diesem Alleinsein eingerichtet. Und obendrein noch etwas wunderbar Neues für mich entdeckt – den Stein.
Und Philipp.
Ob Caroline das mit Philipp verstehen würde? Sie war 13, als Lukas starb. Trauerte heute noch um ihn. Lukas war einer der seltenen Väter, der versuchte, Zeit für seine Familie zu haben.
Bis diese schreckliche Krankheit alles veränderte, bis der Krebs ihn von innen her auffraß, bis Hoffnungslosigkeit in unser Dasein zog.
Als wäre das alles erst gestern geschehen, hatte sich der Verlust in mein Bewusstsein gegraben. Es war ein langsamer, ein qualvoller Abschied gewesen. Zuletzt die Nächte im Krankenhaus. Ich saß an seinem Bett, hilflos, verzweifelt. Hielt seine Hand. Vor dem Fenster wie jede Nacht der Lärm der Müllabfuhr, der sich an den hohen Wänden der Häuser hocharbeitete, sich wie ein Echo von einer Mauer zur andern warf und in den Nachthimmel verklang.
Ich flüsterte: „Lukas“, wollte zu ihm durchdringen, bei ihm sein. Das matte Licht der abgedunkelten Lampe beleuchtete sein weißes Gesicht, die tief in die Höhlen gesunkenen Augen, den bleichen Mund. Sie operierten ihn noch einmal. Danach hatte der Arzt mit mir gesprochen – schonungslos, für die Wahrheit gab es keine Schonung. Ich müsse Kraft haben, sagte der Arzt, ob ich noch beten könne, fragte er, dann möge ich um eine schnelle Erlösung bitten, riet er.
‚Warum haben sie dann noch einmal operiert’, ich hatte es in dieses glatt rasierte Gesicht gebrüllt. Meine Frage beantwortete er nicht.
Ich war ins Bad gelaufen, hatte mich eingeschlossen, schrie, weinte und fluchte. Dann wusch ich mir das Gesicht eiskalt ab und kehrte in Lukas Krankenzimmer zurück. Es waren meine letzten Tränen gewesen. Alles war zu unfassbar, als dass Weinen groß genug wäre, zu helfen.
Nach ein paar Monaten versuchte ich sogar noch, seinen Tod als etwas Tröstliches zu akzeptieren. Er hatte Lukas von seinen entsetzlichen Schmerzen befreit – denn als Freiheit für Lukas empfand ich seinen Tod.
Und heute? Warum heute diese unkontrollierbare Angst davor? Gedanken wie: ‚Vielleicht blieb mir gar nicht mehr so viel Zeit. Wann würde ich spüren, auf der Endgeraden zu sein. Nein, nicht Zielgeraden. Ziel war etwas Positives, hing von mir ab und meinem Einsatz. Endgerade verkörperte Ausgeliefertsein und Hilflosigkeit. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass das Bewusstsein irgendwann anhielt wie eine abgelaufene Uhr. Aber noch viel schlimmer, nein, unerträglicher war die Angst vor dem Nachher, vor dem Nichts.’
‚Lisa, steh auf, nicht wieder diese Überlegungen’. Manchmal musste ich so mit mir reden, um in die Gegenwart zurückzukehren. Ich stellte die Fotografie wieder auf den Nachttisch, warf mit Schwung die Bettdecke zurück Angelte nach meinen Schuhen. Fuhr mir mit beiden Händen durch das Haar. Starrte in den dem Bett gegenüber angebrachten Spiegel.
Jeden Morgen dasselbe. Jeden Morgen konfrontierte mich dieser Spiegel unbarmherzig damit, dass ich älter wurde. Noch viel schlimmer war es, wenn mir mein Spiegelbild in den Scheiben einer Boutique, eines Schuhgeschäfts oder eines Cafés begegnete. Einen kurzen Augenblick lang war es mir unmöglich, die Erscheinung, die dort wie von einer Fremden auftauchte, mit der Vorstellung zusammenzubringen, die ich von mir selbst im Kopf hatte. Ich fühlte mich oft so jung und immer noch bereit für die Welt mit all  ihren Abenteuern, Wagnissen und Leidenschaften.
Auch bereit für Philipp?
Entschlossen wandte ich mich von meinem Spiegelbild ab. Lief leichten Schrittes die Wendeltreppe hinunter. Ging in die Küche. Kochte mir einen Tee. Tat einige Stücke Ingwer dazu und ein wenig Kaffeesahne. Bestrich mir zwei Scheiben Knäckebrot mit Frischkäse und Marmelade. Trug Teller und Tasse vorsichtig ins Wohnzimmer. Lächelte vor mich hin, wieder etwas völlig Neues, seit Caroline ausgezogen war. Zuvor hatte ich nie gefrühstückt, ohne perfekt angezogen und geschminkt zu sein. Doch wen störte es heute noch? Ich genoss einfach diese Ungezwungenheit, die ich mir heute erlauben konnte und die ich Lukas’ Fürsorglichkeit verdankte.
Deshalb konnte ich auch vor drei Jahren entscheiden, nur noch die Reisen zu machen, die mir wichtig schienen und mit Gruppen, die nicht nur als Touristen unterwegs waren
Ich setzte sich mit angezogenen Beinen auf meine gemütliche Ottomane und dachte ein wenig spöttisch: ‚Die hab ich auch nur gekauft, weil mir der altmodische Name so gut gefiel.’
Auf dem Kupfertisch viele Pflanzen - eine lila blühende Calla, die üppig sich ausbreitende Anturie, die beiden fremdartigen Orchideen. Daneben, vom Boden bis zur Decke meine zwanzigjährige Diefenbachia, die schon die Zimmerdecke berührte.
Ich sprach täglich mit meinen Pflanzen. Eines Tages kam Caroline hinzu und schaute mich halb skeptisch und halb belustigt an:
„Sag mal, ist das die Folge vom Alleinleben?“
„Nein. Aber für mich haben Pflanzen eine Seele genau wie die Tiere, und ich bin überzeugt, dass sie es fühlen können, wenn ich mit ihnen spreche“, was mir von meiner Tochter nur ein Achselzucken eintrug.
Ich stand auf, trat an eines der großen Fenster und spürte warm die Morgensonne, die mein Gesicht streifte. Warum konnte nicht immer die Sonne scheinen? Licht war so wichtig. Einmal hatte ich im Spaß zu Caroline gemeint: "Wenn ich tot bin, gib mir eine Taschenlampe mit in den Sarg, die ewig brennt".
Und gewusst, dass das kein Scherz war. Erst die erschrockene Reaktion Carolines: „Du bist doch der Meinung, nach dem Tod kommt nichts mehr? Wozu dann Licht?“, machte mir deutlich, was ich da gesagt hatte und lachend abgewinkt: ‚Nimm's nicht so wichtig. Manchmal rede ich schon ziemlichen Blödsinn’, und Caroline hatte erleichtert aufgeatmet.
Mein umherschweifender Blick streifte den Dom. Ich liebte die freie Sicht auf diese Bischofskirche .mit ihrem roten Sandstein. Das Bild – immer wechselnd – je nach Tages- oder Jahreszeiten von Sonnenlicht überglänzt, in Regenwolken gehüllt.
Ich hatte nie in diese Stadt ziehen wollen und als Lukas den Umzug nach Mainz vorschlug, hatte ich aufbegehrt: ‚Die Stadt ist doch so was von kleinbürgerlich, sogar spießig.’ Und auch die beruhigenden Worte von Lukas: ‚Lern sie doch erst mal kennen, schließlich ist es hier auch nicht weltstädtisch’ konnten meine Vorbehalte nicht ausräumen. Ich erinnerte mich daran, wie ich beinahe trotzig geantwortet hatte:
‚Aber ich lieb dieses kleine Dorf, unser Haus und unseren Garten'.
‚Ich auch, aber jetzt, wo Caroline ins Gymnasium gehen wird, ist es wichtig, dass wir in einer Stadt wohnen. Und außerdem ist dein Reisebüro ja auch in Mainz, also alles Erleichterungen'.
Resignierend musste ich ihm damals Recht geben. Und heute? Heute war ich glücklich über seine damalige Hartnäckigkeit. Der Traum vom gemeinsamen langen Leben im eigenen Haus, in einer Umgebung, wo wir jeden Weg kannten, wo mein Lieblingsbaum stand, war auf grausame Weise durch den Tod von Lukas zerstört worden. Mir vorzustellen, in dieser Umgebung allein zu wohnen, erfüllte mich nur noch mit Schaudern.
Und bald schon entdeckte ich auch Mainz. Die besondere Atmosphäre der Altstadt. Die belebten Gassen. Läden, die zum stundenlangen Stöbern einluden. Der Capuccino im kleinen Garten vom Café dell’Arte. Der Italiener an der Ecke mit seiner unvergleichlichen pasta aglio-olio. Bei dem Gedanken daran lief mir sogar am frühen Morgen das Wasser im Mund zusammen.
Und noch etwas hatte mich an Mainz begeistert. Unter den modernen Straßen dieser Stadt schlummerten vielfältige Zeugnisse vergangenen Lebens – eingebettet in Stein. Mainz war unterirdisch römisch. Eine versunkene Welt, zu der wir heute wieder Zugang hatten.
Das schrille Läuten des Telefons riss mich aus meinen Gedanken. Rasch ging ich auf den kleinen Flur und hob den Hörer ab:
„Lisa, denkst du noch an unser Treffen?“
Es war Carolines Stimme. Seit neuestem sagte sie nicht mehr Mutter, sondern nannte mich beim Vornamen. Eigentlich hat sie mich nie gefragt, ob mir das gefällt.
„Natürlich denk ich daran. Um 12 Uhr im Augustinerkeller. So war’s doch ausgemacht."
„Ja“, Carolines Stimme klang gehetzt: „Kann sein, dass ich nicht ganz pünktlich bin. Das erklär ich dir dann später.“
Bevor ich noch sagen konnte: „Macht nichts, ich warte auf jeden Fall“, hatte das Klicken in der Leitung das kurze Gespräch schon beendet.


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Bücher im Alkyon Irmgard Keil Verlag/Marbach "Schatten umarmen" Kranichsteiner Literaturverlag.
1. "den Himmel mit Händen fassen" ISBN
10:3934136303
2. "Schatten umarmen ISBN 10:3929265133
3. "...und die Zeit stand still" ISBN 10: 3934136311
4."leben" ISBN 10:3934136656
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madrilena
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BeitragVerfasst am: 02.09.2012 16:23    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Leute Ich hoffe so sehr, dass ich es mit dem nochmals Reinstellen richtig mache.
madrilena

Fortsetzung
3
Während ich mich in Richtung Augustinerkeller aufmachte, fragte ich mich wieder, wie Caroline auf Philipp reagieren würde?
Die Erinnerung an den Morgen, an dem wir uns zum ersten Mal begegneten noch immer so lebendig. In die Parklücke neben meinem kleinen Sportcoupé, das ich mir letztes Jahr aus zweiter Hand gekauft hatte, zwängte sich ein Motorradfahrer mit seiner Maschine. Der Fahrer hatte seinen Helm abgenommen und mein erster Eindruck war gewesen: ‚Aha, ein übrig gebliebener Hippie’, und ich hatte sofort wieder meine Sympathie für diese Aufbruchgeneration gespürt. Der Mann war auf mich zugekommen, er trug sein langes von vielen weißen Strähnen durchzogenes, braunes Haar in einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Seine durchtrainierte hagere Figur gekleidet in  schwarze Jeans und eine schwarze Lederjacke, die er langsam aufknöpfte. Zwei strahlend blaue Augen lächelten mich an. Das Gesicht braun gebrannt, ein ordentlich gestutzter Bart umgab einen sehr sinnlichen Mund.
Der Fremde streckte mir die Hand entgegen. „Ich bin Philipp Mertens. Kommen Sie auch zu der Vorbesprechung der Reise nach Spanien?“ Er wartete meine Antwort gar nicht ab, sondern meinte: „Hoffentlich ist der Reiseleiter keiner von diesen allwissenden Lehrertypen.“
Ich klärte ihn nicht über seinen Irrtum auf. Mir gefiel seine Spontanität .
Wir gingen gemeinsam zum Veranstaltungsraum im Kulturzentrum, wo sich schon eine Gruppe Menschen – alle im mittleren Alter – versammelt hatte. Der Mann schaute sich nach zwei leeren Plätzen um, forderte mich mit einer fragenden Handbewegung auf, sich neben ihn zu setzen. Aber ich schüttelte nur den Kopf. Ging nach vorne zum Diavorführgerät. Holte aus meiner Aktentasche einen Stapel Formulare und Notizen hervor und begrüßte die Anwesenden. Den verlegenen Ausdruck auf Philipps Gesicht würde ich nie vergessen, als ich ihm ein klein wenig ironisch zulächelte. Später entschuldigte er sich bei mir, aber lachend bemerkte ich: „Hoffentlich bin ich nicht der von Ihnen gefürchtete allwissende Lehrertyp“.
Er schüttelte den Kopf. „War sowieso lächerlich – meine Bemerkung, ich bin ja selbst Lehrer gewesen.“
„Gewesen“, fragte ich neugierig.
„Na ja, irgendwann wird man aussortiert oder sortiert sich selbst aus.“
Gemeinsam gingen wir zu Auto und Motorrad, und ich erinnerte mich daran, wie ich dachte: ‚Welch ein heiterer Beginn für unsere Spanienreise’.
Er war scheinbar zufällig immer an meiner Seite, wenn die Reisegruppe gemeinsam durch die engen Gässchen von Granada schlenderte, staunend in der Alhambra stand, oder in Sevilla dem Gitarre spielenden Zigeuner lauschte.
Spanien war die erste Reise gewesen, zu der sich Philipp angemeldet hatte. Danach fiel mir auf, wie oft ich ihm unter den Mitreisenden begegnete. Das konnte doch kein Zufall mehr sein. Schließlich unternahm ich im Jahr für die Reiseagentur, mit der ich arbeitete, ungefähr vier Reisen. Und bei jeder war er dabei.
Die Griechenlandreise buchte er ebenso wie die nach Italien in die Landschaft der Toskana. Saß dort neben mir in einem der vielen Gartenrestaurants, genoss wie ich die Stimmung: den hohen Sommerhimmel, der sich über rotbrauner, fruchtbarer Erde spannte, den Anblick einer Gruppe grüner Zypressen, ein Dorf auf einem Hügel.
Später hörte ich einmal seinen Kommentar zu einem der vielen Mitreisenden: „Tja, wir Deutschen haben wirklich seit jeher eine unüberwindliche Sehnsucht nach Italien. Vor allem natürlich nach dem Licht und der Wärme dieses Landes – mir jedenfalls geht es so.“
Und unsicher lachend, hatte er noch hinzugefügt: „Nicht zu vergessen natürlich die verschiedenen Epochen einer annähernd dreitausendjährigen Geschichte.“
‚Warum hatte er die ersten Sätze entkräftet mit der Anspielung auf die geschichtliche Bedeutung Italiens? Fiel es ihm so schwer, über Gefühle zu sprechen? Oder war es der Geschichtslehrer in ihm?’, überlegte ich.
Auf der unvergesslichen Norwegenfahrt änderte ich allerdings diese Meinung, als wir über das flirrende Licht, das sich auf den Gletschern zu tausend kleinen glitzernden Sternen vervielfachte, staunten und wo Philipp leise, als spräche er nur für mich, sagte: „Dieses Licht verwandelt die Landschaft in ein Geheimnis, da komm ich mir als Mensch so unbedeutend vor.“
Kurz darauf meinte er halb lachend, halb ernst: „Übrigens – Sie treffen zu können, ruiniert mich allmählich.“
Erstaunt über den von ihm gewählten Augenblick, mir das zu sagen, fragte ich, bemüht ernst zu bleiben: „Ich dachte, Sie fahren der Länder wegen mit“.
Und gleichzeitig die Erregung wieder wahrgenommen zu werden Nach all Jahren, in denen ich mich mit meinen Sehnsüchten, dem oft atemlosen Verlangen und meist vor mir selbst verheimlichten Gefühlen innerlich zurückgezogen hatte.
Erschrocken hatte ich gedacht, ‚darf ich so überhaupt noch nach Lukas’ Tod empfinden?’ Und wusste keine Antwort. Wollte mich aber auch nicht gegen diese neuen Empfindungen wehren. Seit acht Jahren hatte ich mich nur noch als Mutter wahrgenommen.
Und nun?
Es war eine Sehnsucht nach Zärtlichkeit, nach Nähe in mir, die mir manchmal die Tränen in die Augen trieb. Ich wollte fühlen, ich wollte die Lebendigkeit und Wünsche meines Körpers leben, auch das war doch noch ich.
Ich spürte Philipps Hand auf meinem Arm, schaute auf, und es war mir klar, mit der kleinsten Geste eines Einverständnisses würde sich mein Leben von diesem Augenblick an völlig ändern. Vorsichtig hatte ich nach seiner Hand gegriffen, sie von meinem Arm gelöst, leise gesagt: „Noch nicht, Philipp.“ Und mich bemüht, das Begehren in seinen Augen zu übersehen.
Er schien nicht so schnell aufgeben zu wollen. Schaute mich herausfordernd an. „Warum noch nicht?“
„Wir kennen uns doch gar nicht?“
Er schmunzelte: „Du meinst also, das ginge alles viel zu rasch? Moralische Bedenken?“, neckte er mich und etwas in mir freute sich, dass er so zwanglos auf „Du“ umgeschaltet hatte.
Energisch hatte ich den Kopf geschüttelt: „Blödsinn, aber was weiß ich schon von dir. Dass du Lehrer warst, dass deine Frau gestorben ist und du keine Kinder hast. Dass du viel reist. Ein Buch schreibst und gern isst. Und mich kennst du doch nur in meinem Beruf einer Reiseleiterin.“
Warum ließ ich ihn andererseits so im Unwissen über mich selbst, erzählte ihm nichts von meinem Atelier, meiner Bildhauerei und auch nichts Entscheidendes von Caroline? Fehlendes Vertrauen? Nein, das war es nicht. ‚Ich wage es nicht’, dachte ich in nüchterner Einschätzung meiner eigenen Situation. ‚Irgendwie glaube ich, dass es zwischen mir und Philipp mehr, viel mehr werden könnte als nur ein Flirt oder eine Liebelei. Vor diesen Konsequenzen habe ich Angst.’
Es war, als habe er meine Gedanken erraten. „Warum änderst du das denn nicht? Warum versteckst du dich? Hast du Angst vor Gefühlen? Ich möchte dich, ganz allein dich kennen lernen und nicht deine Fähigkeiten als Reiseleiterin. Und dass wir nichts voneinander wissen – ich glaube, von mir weißt du schon einiges oder?“
Ohne auf seine Frage einzugehen, hatte ich mich umgewandt und wie nebenbei bemerkt: ‚Wir müssen weiter, die Gruppe ist schon längst im Bus’, und war froh gewesen über diese Ausrede, während ich mich gleichzeitig ärgerte, dass ich vor mir selbst und meinen Wünschen davon lief


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1. "den Himmel mit Händen fassen" ISBN
10:3934136303
2. "Schatten umarmen ISBN 10:3929265133
3. "...und die Zeit stand still" ISBN 10: 3934136311
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BeitragVerfasst am: 02.09.2012 16:30    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Fortsetzung

4
Wir trafen doch zur gleichen Zeit vor dem Augustinerkeller ein. Ich hakte mich bei Caroline unter. „Was war denn los? Warum hast du gedacht, zu spät zu kommen?“
Caroline lachte so unbeschwert, wie ich sie schon lange nicht mehr hatte lachen hören. Stolz und gleichzeitig gerührt betrachtete ich meine Tochter, meine so erwachsene Tochter. Wo war das kleine Mädchen geblieben mit den wippenden dunkelblonden Zöpfen, dem Ungestüm ihrer Zärtlichkeit. Die Kleine, die sich vertrauensvoll in die Arme der Mutter schmiegte?
Caroline war größer als ich. Sehr schlank. Ihr Haar trug sie in einem Bürstenhaarschnitt mit blond gefärbten Spitzen. Manchmal stellte ich mir beinahe neiderfüllt vor, wie Caroline ihr Haar morgens nur trocken rubbeln musste, während ich selbst Zeit mit Fön und Bürste vergeudete. Vom Schminken hielt meine Tochter ebenfalls nicht viel, die Augen mit Kajalstift schwarz betont, dazu einen sehr hellen Lippenstift. Einmal habe ich auf der nackten Schulter Carolines die Tätowierung einer kleinen schwarzen Rose entdeckt. Mit einer gewissen Wehmut hatte ich gedacht, ‚so eine kleine schwarze Rose wollte ich immer auf meine Schulter tätowiert haben, und nie habe ich mich getraut.’
An diesem Morgen hatte Caroline jedenfalls erstaunlich viel Wert auf ihr Äußeres gelegt. Normalerweise trug sie nur Jeans und irgendein schmales Oberteil. Doch dieses Outfit hatte einem dunklen Hosenanzug mit weißer Bluse weichen müssen, was sie noch schmaler und gleichzeitig sehr elegant erscheinen ließ.
„Nun sag schon, was ist das für eine Neuigkeit? He, kann es sein, dass du…?“
Zu meiner Überraschung fasste mich Caroline plötzlich um die Taille und drehte sich mit mir ausgelassen im Kreis. „He Caroline, mir wird schwindlig, lass mich runter.’ Die Fußgänger, die neugierig stehen geblieben waren, störten mich nicht. „Ja. Ich hab’s“, rief meine Tochter lachend.
„Sie haben dir…“ prustete ich atemlos, nachdem Caroline mich wieder losgelassen hatte.
„Ja, ich hab die Stelle. In spätestens acht Wochen ist mein Weg nach Berlin frei.“.
‚In acht Wochen schon.’ Plötzlich schien es mir, als verdunkelte sich die Sonne, als hätte eine riesige Hand das Strahlen dieses Tages ausgelöscht. Gleichzeitig versuchte ich hektisch, mein Erschrecken zu verbergen. Es war doch nur Berlin, eine Entfernung, die jederzeit überwunden werden konnte. Und trotzdem…
„Freude sieht aber anders aus“, Caroline sah mich forschend an.
„Nein, nein, ich freu mich mit dir. Es ist nur – es kommt so unerwartet.“
„Na, du bist gut. Unerwartet? Seit Monaten habe ich auf diesen Tag gewartet. Was ist unerwartet?“
„Nichts. Du hast ja Recht. Aber solange es nur Pläne waren, hab ich mir halt nicht vorgestellt, dass du gehst.“
„Heißt das, du hast die ganze Zeit sogar gehofft, dass es nicht klappen würde?“
Ich spürte, wie enttäuscht Caroline war. Entschlossen griff ich nach ihrer Hand: „Bitte, versteh das nicht falsch. Ich freue mich wirklich für dich. Darüber, dass du erreichst, was du dir vorgenommen hast. Und dass es mit einem Job dort klappt. Trotzdem muss ich mich erst an den Gedanken gewöhnen, dass du dann weg bist. Dass es Treffen wie heute lange nicht mehr geben wird.“
War ich zu egoistisch oder würde Caroline mich verstehen? In diesem Augenblick legte meine Tochter schweigend den Arm um meine Schulter – sie hatte mich verstanden und trotzdem war mir zum Heulen zumute.
Wir betraten das Restaurant. Ich hatte vorsorglich einen Tisch reserviert. Nachdem wir die Getränke und das Essen bestellt hatten, sah Caroline mich erwartungsvoll an, in der Stimme schon wieder diese Vorfreude:
„Willst du gar nicht wissen, bei wem und was ich arbeiten werde?“
„Natürlich. Wo, bei wem, als was.“ Wie gut erinnerte ich mich noch an die vielen Bewerbungen, die Caroline vor allem nach Berlin, der Stadt ihrer Träume, gesandt hatte und an die Enttäuschung, wenn wieder eine Absage gekommen war.
Caroline lachte: „Du wirst es kaum glauben, ich habe eine Superstelle in der Sparte Medien beim Singer Verlag bekommen. Obgleich sie jemanden mit Berufserfahrung suchten, haben sie mich genommen. Wahrscheinlich wegen des Studiums und meiner Sprachkenntnissen“.
„Und was musst du da machen?“
„Ach Mama, mein Arbeitsgebiet ist so weit reichend, da langt ein Mittagessen nicht, um dir alles zu erklären. Ich bin als Multimedia-Redakteurin eingestellt worden, falls dir das etwas sagt.“
Richtig was darunter vorstellen konnte ich mir nicht, aber Carolines Freude war so ansteckend, dass ich im Augenblick gar keine weiteren Erklärungen brauchte.
Sie griff nach meiner Hand, fragte leise: „Du kommst mich doch besuchen in Berlin oder?“
„Worauf du dich verlassen kannst“.
Ich schaute Caroline voll freudigen Stolzes an. Ihr standen alle Türen zu einem Leben voller Abenteuer und Herausforderungen offen.
Aufgeregt sprach Caroline weiter. „Stell dir vor, eine Wohnung bekomme ich auch besorgt. Und jetzt kommt noch eine riesige Überraschung.“ Sie schaute mich lachend an.
„Was denn noch?“
„Amelie kommt mit nach Berlin, und wir werden weiter zusammen wohnen.“
„Amelie kommt mit. Wie habt ihr denn das geschafft?“ Ich mochte Carolines Freundin. Amelie hieß ja eigentlich Emma. „Mit so einem Namen kann man heute doch nicht mehr rumlaufen“, hatte die Freundin einmal empört zu Caroline gesagt. Und kurzerhand den Namen der Hauptdarstellerin ihres Lieblingsfilmes Die fabelhafte Welt der Amelie angenommen. Amelie war eine junge Frau, die genau wusste, was sie wollte und wie sie sich ihr künftiges Leben vorstellte.
„Und was arbeitet Amelie in Berlin“.
„Als Steuerfachangestellte wie hier auch, und ebenfalls wie ich in der Medienbranche.“
Sie schwieg einen Augenblick, fragte dann leise: „Ob Papa stolz auf mich wäre?“
„Ach Caroline – das weißt du doch“. , versicherte ich ihr und mich überschwemmte eine so zärtliche Verbundenheit mit meiner Tochter, dass mir beinahe der Atem wegblieb. Trotz der vielen Jahre, die seit Lukas’ Tod vergangen waren, schwang noch immer so viel Trauer in der Stimme meiner Tochter, als sie flüsternd hinzufügte: „Ich vermiss ihn so sehr; Mama.“
Plötzlich war meine große, meine erfolgreiche und selbstbewusste Tochter wieder die Dreizehnjährige, die fassungslos am Grab des Vaters gestanden hatte. Dieser Schmerz würde wohl nie vergehen.


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1. "den Himmel mit Händen fassen" ISBN
10:3934136303
2. "Schatten umarmen ISBN 10:3929265133
3. "...und die Zeit stand still" ISBN 10: 3934136311
4."leben" ISBN 10:3934136656
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gold
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BeitragVerfasst am: 02.09.2012 17:49    Titel: Antworten mit Zitat

hallo Madrilena,

deinen Roman hab´ich bisher immer umschifft. Zunächst las ich den Prolog und merkte, dass mich die Beschreibung der Protagonistin darin eher davon abhielt, weiter zu lesen.

Mit deinem jetzt geschriebenen Anfang geht es mir wesentlich besser (kann mir die Szene und die Liebe zum Modellieren so richtig vorstellen, das kam bei mir gut an!).

Jedoch merke ich, dass ich gerne eine Art Expose´lesen würde, bevor ich weiter lese.

Vielleicht gibt es das schon und du hast Lust, dies zu posten?

Liebe Grüße
Gold


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madrilena
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BeitragVerfasst am: 03.09.2012 09:25    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Guten Morgen gold
danke für die Rückmeldung und dass ich mit meinem Text jetzt Dein Interesse geweckt habe.
Du fragst nach einem Exposé. Natürlich habe ich eines - zumindest in groben Zügen. Aber das stelle ich doch nicht hier rein. Ich möchte ja nicht den gesamten Inhalt und ob es Wert ist, dass dieses Buch geschrieben wird, beurteilt haben.
Selbstverständlich interessiert es mich, ob der Text fesselt, ob man weiterlesen will etc. aber wichtig ist doch auch der Stil und die Widergabe und ähnliches. Wenn ich das Exposé reinstellen würde, bekäme ich höchstens Meldungen wie "schreib weiter" oder "lass es". Und das ist für mich nicht der Sinn der Werkstatt.
Übrigens werde ich sowieso nicht den ganzen Roman reinstellen - die hier schon gehörten Meinungen (als ich noch unter Lisa schrieb), haben mir schon viel geholfen und meinen Text natürlicher gemacht und Fehler ausgemerzt.
LG madrilena


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Isa
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BeitragVerfasst am: 03.09.2012 10:38    Titel: Antworten mit Zitat

Hi madrilena

Ich hab mir die neue Version ausgedruckt, weil ich dann besser lesen kann, und habe nichts zu meckern.
Er ist der „leise“ Text, von dem du gesprochen hast.

Ich interpretiere die Kernaussage so: Loslassen, mit all seinen Qualen, raus aus der Abhängigkeit und die (ungewisse) Frage: geht das überhaupt (bei jedem)? Das Kind loslassen, die Vergangenheit loslassen, im Tausch dazu eine neue Liebe und gleichzeitig rein in die nächste Abhängigkeit....?

Wenns jetzt mein Roman wäre – er ist es nicht  und ich will dir keinesfalls zu nahetreten – dann würde ich die Person von Philipp interessanter machen, so dass es nicht auf sture Liebegeschichte hinaus läuft..., was es ja wahrscheinlich auch gar nicht tut. Ich würde ihm wahrscheinlich eine psychische Note verpassen,.... also dass er ein Problem mit zu viel Nähe hat....)

LG, Isa
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madrilena
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BeitragVerfasst am: 03.09.2012 12:49    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Isa - ich mache es auch immer so, dass ich mir lange Texte ausdrucke. Danke für Deine Rückmeldung. Nicht Philipp ist derjenige, der sich nicht binden will oder kann, Lisa ist es eher. Aber davon dann in weiteren Kapiteln. Vielleicht gelingt es mir ja noch, Philipp lebendiger rüberzubringen.
LG. madrilena


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madrilena
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BeitragVerfasst am: 03.09.2012 13:40    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Und so geht es weiter.
madrilena


Fortsetzung

5
Ob ich Caroline einfach erzählen sollte, wie es mit Philipp und mir weiterging? Wird sie das überhaupt wissen wollen? Ich kenn aber keinen anderen Weg, ihr meine Freundschaft mit Philipp nahe zu bringen. Denn mehr als eine Freundschaft  war es gar nicht. Noch nicht.
Natürlich kamen er und ich uns bei den vielen gemeinsamen Reisen näher, vor allem nach dem Aufenthalt in Finnland. Wir entdeckten nicht nur gemeinsam dieses Land, zu meiner großen Überraschung war Philipp genauso begeistert von der Musik von Sibelius wie ich. Ob das ausschlaggebend war? Ich weiß es nicht. Doch nach dieser Fahrt trafen wir uns auch privat. Er kam nach Mainz, oder ich fuhr mit meinem kleinen Flitzer an seinen Wohnort, dem malerischen Konstanz. Ich fand im Gasthaus Gretel ein gemütliches, mit hellen Holzmöbeln eingerichtetes Zimmer. Verliebte mich nicht nur in die Stadt. Wagte ich nicht zu meinen Gefühlen für Philipp zu stehen.
Ich würde Caroline natürlich nichts davon erzählen, wie sehr ich das Gefühl genoss, ihm nicht gleichgültig zu sein. Wünsche in seinen Augen zu lesen, die nichts mehr mit einer simplen Reisebekanntschaft zu tun hatten. Es war dieses warme Begehren, das ich so lange vermisst hatte und das in unserem Zusammensein bisher so wunderbar konsequenzlos geblieben war. Ich liebte unsere gemeinsamen Unternehmungen, und war doch froh, abends allein in meine Wohnung oder ins Gasthaus zurückzukehren.
In Mainz gingen wir manchmal ins Theater, besuchten aber auch die römische Vergangenheit der Stadt, vor allem den Isistempel, in dem ich in den letzten Jahren manchmal mit Caroline und oft allein gewesen war. Diesen Tempel wollte ich Philipp unbedingt zeigen. Und wie glücklich machte es mich, dass er offensichtlich das Gleiche empfand wie ich. Staunend war er die vielen Treppen hinunter gestiegen in die Dunkelheit mit dem verschwebenden Licht indirekter Leuchten. Er verstand mich, als ich sagte: „Diese Stille hier – für mich ist es nicht die Stille der Vergänglichkeit, eher das unhörbare Atmen einer Vergangenheit.“
Als er bestätigend nickte, erklärte ich flüsternd, um keinen der anderen Anwesenden zu stören: „Ein Tempel für die altägyptische Gottheit Isis. Als Mater Magna verehrt und angebetet seit dem 3. Jahrhundert vor Chr. in Rom. Und zwar als Muttergottheit, also als Frau.“ Ich hielt einen Augenblick inne und meinte dann  verwundert über meinen Mut, zu eigenen Empfindungen zu stehen und sie auch noch auszusprechen: „Ich glaube, zu ihr könnte ich beten. Nicht zu einem Mann. Nicht zu einem Vater.“
Philipp sah mich erstaunt an: „Warum nicht? War das schon immer so?“
Ich überlegte einen Augenblick, bevor ich antwortete: „Bewusst – nein, dafür war ich zu traditionell erzogen. Aber schon bald habe ich mich über eine ausschließlich männliche Gottesgestalt aufgeregt. Stell dir doch mal vor, hier ist der Tempel einer Muttergottheit aus dem 3. Jahrhundert vor Chr., und heute dürfen Frauen in vielen Religionen noch nicht mal einfache Priesterinnen werden.“
Ich merkte, dass mir das Gespräch entglitt und auch nicht so recht in diese Umgebung passte, also fügte ich nur noch hinzu: „Übrigens war es schon dreihundert Jahre nach Chr. mit diesem Kult hier in Mainz vorbei. Das bedeutet doch, dass 1700 Jahre die Menschen achtlos über diese Stätte gelaufen sind, dass sie nicht gewusst, nicht einmal geahnt haben, über welch verborgene Schätze ihre Füße trampelten.“
Ich hatte mich bei Philipp untergehakt: „Ist das nicht schrecklich? Vor 1700 Jahren wurde hier gebetet, wurden Opfergaben auf Altären verbrannt, und dann versinkt alles im Abgrund des Vergessens, um eines Tages, bei dem banalen Bau einer Einkaufspassage, zufällig gefunden zu werden.“
„Und was ist daran so erschreckend?“
„Verstehst du denn nicht? So viel intensives Leben, gelebter Glaube, so viel Liebe und plötzlich nichts mehr – einfach unter- oder in anderen Kulturen aufgegangen und dann…irgendwann  zufällig wieder entdeckt. Das ist es, was mich erschreckt. Ich habe Angst vor dem Nicht-sein. Hier haben wenigstens Zeugnisse von Kulturen überlebt. Was aber bleibt von uns, von mir?“
Philipp hatte zärtlich meinen Arm gedrückt – für einen Augenblick das Gefühl von Nähe und Verstandenwerden.
Schweigend gingen wir noch eine Weile von beschriebenen Tafeln zu ausgestellten Funden, bevor wir Lust hatten, wieder ans Tageslicht zu steigen, um in die Gegenwart zurückzukehren. Einer Gegenwart, die mit ihrer Hetze, den einkaufenden Menschen, dem Stimmengewirr, den geduldig Wartenden in der langen Schlange vor dem Eisverkaufsstand und der Überfülle der Angebote in einem so krassen Gegensatz stand zu der Welt, aus der wir gerade aufgetaucht waren.


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madrilena
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BeitragVerfasst am: 03.09.2012 13:54    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Es wäre schön, wenn ich hierzu Kritik bekäme - mit dem Kapitel habe ich so meine Schwierigkeiten.
madrilena


Fortsetzung
6.
Über all das möchte ich mit Caroline sprechen. Das Vertrauen zwischen uns ist mir das Wichtigste und wenn sie merkt, was für ein Mensch Philipp ist, wird sie ihn bestimmt akzeptieren. Vielleicht ahnt sie ja auch schon etwas’.  Dachte ich und konnte doch eine gewisse Unruhe nicht loswerden, als wir Arm in Arm den Augustinerkeller verließen. Wir wollten im kleinen Innenhof  meines Lieblingscafés im Schatten der großen Krone eines Feigenbaumes noch einen Capuccino trinken. Wollte ich hinausschieben, was sich nicht mehr länger vermeiden ließ?  
Wir  schlenderten im Blau dieses Spätsommertages durch die Augustinergasse zu meiner Wohnung. Als erstes öffnete ich weit die Fenster im runden Erker. Von draußen drangen Stimmengewirr und Vogelgezwitscher, Hundegebell und Sprachfetzen zu mir hinauf. Strömte die Lebendigkeit eines warmen Nachmittags. Und ich selbst fühlte mich mitten drin.
Unerwartet fiel mir die kleine Szene ein von vor Wochen. Damals war Caroline bei mir gewesen, als vom Blumenhaus Loos ein wilder Sommerstrauß abgegeben wurde.
„Von einem Verehrer?“, hatte sie zögernd gefragt.
Und ich hatte nicht den Mut gehabt, zu antworten.
‚Meinst du nicht, du solltest mit mir darüber sprechen?“ Carolines Stimme hatte gleichzeitig fordernd und auch… ängstlich geklungen.
„Er heißt Philipp, kennen gelernt haben wir uns auf einer Spanienreise, mehr ist da nicht.“
„Das merk ich“, war Carolines etwas spitze Antwort, dabei auf die Blumen deutend.
Danach hatte ich es vermieden, Philipp zu erwähnen, und Caroline hatte nicht mehr gefragt.
‚Das geht so nicht weiter’, entschied ich. . ‚Warum steh ich nicht zu meinen Gefühlen? Philipp bedeutet mir immer mehr, seine Zuneigung und auch, dass er mich begehrt. Warum verheimlich ich das vor Caroline?’
Ich blickte zu meiner Tochter hin, die es sich mit einer weiteren Tasse Kaffee, die ich noch schnell zubereitet hatte, auf der Ottomane gemütlich gemacht hatte.  
Ein heftiges Erschrecken durchzuckte mich, als ich dachte: ‚Wie lange wird es wohl dauern, bis sie wieder hier sitzt? Was hat sie dann alles erlebt? Wird sie noch so sein wie heute? Wer wird sie verletzt, wer geliebt haben’?
Rasch überspielte ich dieses Erschrecken, indem ich – forscher als mir zumute war - sagte: „Weißt du, dass ich dich am liebsten Carmen genannt hätte?“
„Carmen?“, Caroline sah mich ziemlich verständnislos an. „Und warum hast du es nicht getan?“
„Warum? Stell dir mal vor, du wärst so ein braves, blondhaariges, zart besaitetes Mädchen, da hätte der Name doch wirklich nicht gepasst“. Nachdenklich unterbrach ich mich, doch dann fuhr ich fort: „Carmen war für mich immer die Frau, die all das lebte, was ich bewundere. Ihre unbedingte Freiheitsliebe. Ihre Daseinslust und gleichzeitige Todesverachtung. Diese Gier nach Leben. Regeln erkannte sie nicht an, sie galten für sie einfach nicht.“
Wieder stockte ich. ‚Das ist auch nicht gerade der direkte Weg, über Philipp zu sprechen“, dachte ich halb spöttisch, halb ängstlich. Aber nun hatte ich keine Wahl, ich musste diesen Gedanken weiterspinnen.  
„Sie ist nur sie selbst, tanzt, wenn sie Lust dazu hat. Ist wütend, wenn sie einen Grund dafür sieht, und sie ist von niemandem und nichts abhängig. Allerdings kennt sie auch keine Ideale, die sind ihr schlichtweg gleichgültig.“
„Hallo“‚ Caroline unterbrach meine leidenschaftliche Schilderung: „Ich wusste gar nicht, dass ich eine so rebellische Mutter habe! Und wie vereinbarst du das mit deiner Liebe zu Papa“?
„Vereinbaren? Das eine hat doch mit dem anderen gar nichts zu tun.“
Caroline sah mich skeptisch an, aber bevor sie etwas sagen konnte, griff ich ihren Satz auf: „Du sprichst von rebellisch? Vielleicht. Aber was ist wirklich dabei, so frei zu sein, weder böse noch gut? Sie lebt halt den Augenblick mit all seinen Konsequenzen.“
Caroline stellte ihre Kaffeetasse auf dem Couchtisch ab und sah mich herausfordernd an: „Du weißt hoffentlich, dass all das, was du an dieser Frauengestalt bewunderst, gar nicht du bist und auch nicht sein willst. Sonst hättest du doch nie geheiratet und schon überhaupt kein Kind bekommen. Allerdings“, sie zögerte, sprach dann mit unverhohlenem Erstaunen weiter: „Nach deiner Begeisterung eben hättest du wohl anscheinend selbst gern so gelebt“?
‚Vorsicht’, ermahnte ich mich, ‚du darfst nicht zu viel Abwehr in Caroline aufbauen, sonst wird sie dich mit Philipp überhaupt nicht verstehen’. Aber bevor ich noch irgendetwas sagen konnte, war Caroline aufgestanden und hinter mich getreten. Sie legte in einer zärtlichen Geste die Hände auf meine Schultern.
„Ich nehme an, dass du denkst, ich könnte das mit meinem Mutterbild nicht vereinbaren, stimmt’s. Aber mal ganz ehrlich, ist diese Lebenseinstellung einer Carmen - entschuldige – nicht doch ein bisschen primitiv?“
 „Was verstehst du unter primitiv“, fragte  ich irritiert.
„Für mich sind Menschen, die nur an ihre eigene Freiheit denken, die nur sich selbst wichtig nehmen, die weder gut noch böse kennen, auf einer ziemlich niedrigen Stufe ihrer Entwicklung stehen geblieben. Ich nehme an, Carmen sollte die prüde und  verlogene Bürgerlichkeit von damals schockieren, was ihr ja auch gelungen ist. Doch du bist anders, und das sage ich nicht als deine Tochter“.
Ich wollte erwidern: ‚Steht diese Figur dann nicht gleichzeitig für Auflehnung – Auflehnung gegen eingefahrene Rollenspiele, gegen die Gleichgültigkeit, gegen die Bequemlichkeit der gesellschaftlichen Anpassung?’
Doch bevor ich antworten konnte, sprach Caroline schon weiter:
 „Ja, du bist anders. Du setzt dich nicht über alle gesellschaftlichen Regeln hinweg, du gehst nicht mit jedem Mann, der dir gefallen könnte, ins Bett“, sie hielt einen Augenblick inne, fuhr dann leise fort: „Du hast Papa geliebt.“ Wieder unterbrach sie sich, bevor sie noch hinzufügte: „Und du hast Ideale, nach denen du leben willst, aber vor allem - du hast keine Todesverachtung! Eins mag ja stimmen. Nämlich deine enorme Lebenslust. Aber  ist sie bei dir nicht eher aus deiner Angst vor dem Tod erwachsen?“
Zögernd fragte ich: „Woher – woher willst du das so genau wissen?’
„Das mit deiner Angst? Ach Mutter, erstens hast du oft genug davon gesprochen. Und außerdem – du sehnst dich vor allem immer nach Licht, nach Lebendigkeit, einfach nach dem DA-Sein. Du kämpfst ständig  gegen das Alter und willst dich nicht mit dem Gedanken an die Vergänglichkeit auseinandersetzen. Das versteh ich sogar, aber ich verstehe nicht das falsche Bild, das du hier von dir aufbaust.“
„Möglich, dass du Recht hast, aber kann ich nicht auch Sehnsucht nach etwas haben, das ich dennoch nicht lebe?“
„Natürlich kannst du das, nur – die Eigenschaften einer Carmen  sind nicht deine Sehnsucht!“
„Und woher willst du das wissen?“
„Weil ich dich kenne“, hier musste ich lächeln, dachte: ‚Du glaubst, mich zu kennen’. Aber als Caroline weiter sprach, staunte ich über das Einfühlungsvermögen meines Kindes.
„Du hättest sie doch in den letzten acht Jahren längst leben können! Wer hinderte dich daran – du bist völlig ungebunden? Und obendrein kann es dir total gleichgültig sein, was die Leute sagen.“ Sie schwieg, schaute mich fragend an: „Was wolltest du mir eigentlich sagen?“


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madrilena
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BeitragVerfasst am: 03.09.2012 19:03    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hoffentlich denkt Ihr nicht, dass ich zu viel Text hier einstelle.
madrilena



Fortsetzung

7.
Obgleich ich diese Frage erwartet hatte, erschrak ich. Doch dann ärgerte ich mich über dieses Erschrecken, schließlich kannte ich meine Tochter und wusste, dass sie bestimmt Verständnis dafür haben würde, dass ich – vor allem, nachdem sie selbst vorhatte, nach Berlin zu gehen, einem Menschen begegnet war, der mir etwas bedeutete.
Noch etwas unsicher sagte ich: „Ich wollte dir von Philipp erzählen!“
„Ach, dem Blumenmann!“, antwortete Caroline trocken und scheinbar unberührt, und dennoch bemerkte ich sofort eine gewisse Alarmbereitschaft, die in Carolines Stimme mitschwang, auch wenn sie noch spöttisch lachend hinzufügte: „Deshalb brauchtest du doch nicht den Umweg über die Carmen zu machen“!
Ich holte tief Luft, ermahnte mich zur Geduld: „Stimmt! Also ich habe ihn bei einer Spanienreise kennen gelernt. Und seit damals war er immer bei den Reisen dabei, die ich führte. Das hat mich nach einer Weile stutzig gemacht. Und dann… “, ein wenig atemlos hielt ich inne. Ich hatte nicht gedacht, dass es mir so schwer fallen würde, Caroline gegenüber von Gefühlen, und obendrein von Gefühlen für einen anderen Mann als Lukas zu sprechen.
Ich erinnerte mich an mein letztes Gespräch mit Philipp, deshalb meinte ich: „Weißt du, er ist so ganz anders als die Menschen, die mir in den letzten Jahren begegnet sind. Ich glaube, er kennt keine Angst, er liebt das Leben und das wahrscheinlich viel mehr als ich, denn meine Lebenslust, wie du es vorhin genannt hast, ist ja immer mit der Angst verbunden, dieses Leben zu verlieren.“
Caroline sagte nichts, sie war nur aufgestanden und ans Fenster getreten. Brauchte sie den räumlichen Abstand zwischen uns? Ruhig fuhr ich fort: „Das Leben, die Reisen mit ihm sind so viel spannender und farbiger geworden. Es ist, als sauge er geradezu all das Schöne, all das Neue der verschiedenen Länder, ihrer Kultur und ihrer Lebensart in sich auf. Und gleichzeitig fühle ich mich so herrlich jung mit ihm. Er war übrigens Lehrer“.
Caroline drehte sich um, griff nach ihrem kleinen Rucksack und wandte sich zum Gehen. „Ich dachte, nach Papa gäbe es keinen Mann mehr in deinem Leben.“
Energisch stand auch ich auf und stellte mich meiner Tochter in den Weg:
„Caroline, ich war 47 als Papa starb. Er war mit dir zusammen das Ein und Alles in meinem Leben. Aber er ist tot! Er ist tot und ich lebe! Du gehst in deine Zukunft und ich bin stolz darauf, wie du das bewältigst. Und ich- ich muss in meine Zukunft gehen. Und die kann nicht aus Erinnern und Alleinsein bestehen. Ich glaube auch nicht, dass du mir das wünschst. Einsame Tage, leben in der Vergangenheit. Das ist es doch nicht, was du von mir verlangen kannst.“
Caroline schob mich ungeduldig zur Seite. „Lass mich durch. An meiner Meinung bist du eh nicht interessiert, weil du wie immer das machst, was du für richtig hältst.“
Ich sah sie entgeistert an: „Das ist nicht dein Ernst. Über mich und damit auch über dich hat das Schicksal entschieden. Ich hatte einen wunderbaren Mann und du einen Vater, wie ein Kind ihn nur selten findet. Aber er ist nicht mehr da! Danach gehörte mein Leben nur noch uns beiden, und ich war und bin glücklich, dass es dich gibt. Aber es gibt auch noch anderes, es gibt mich noch als Frau, nicht nur als Mutter“.
„Du bist 55“, fauchte Caroline.
„Ja und? Habe ich mit 55 kein Recht mehr auf Liebe?“
„Du meinst auf Sex oder?“
Ich musste mich sehr zusammen nehmen, dass ich in diesem Augenblick nicht die Beherrschung verlor. Ich ballte die Hände zu Fäusten und antwortete sehr ruhig, obgleich ich diese Ruhe bei Gott nicht empfand:
„Du gehst zu weit und du weißt das. Ich habe dir eine Beziehung geschildert, die bisher seit Monaten nur eine wunderbare Freundschaft ist. Obgleich ich dir wahrlich keine Rechenschaft schuldig bin. Wenn mir – wie du es ausdrückst – lediglich Sex wichtig wäre, dann wäre erstens Philipp nicht der geeignete Mann dafür, und zweitens hätte ich dir nicht von ihm gesprochen.“
Caroline stürmte an mir vorbei zur Tür, riss sie auf und stieß wütend hervor: „Ich verstehe dich nicht, aber das wird dich wahrscheinlich nicht davon abhalten, weiter mit deinem Philipp zusammen zu bleiben. Gott sei Dank, bin ich in einigen Wochen eh nicht mehr da.“
Die Tür fiel mit einem lauten Knall ins Schloss.
Ich blieb wie betäubt zurück. Suchte Halt, hatte das Empfinden, als wäre in diesem Moment wie nach einem Erdbeben meine ganze Welt auseinander gebrochen. Hastig trat ich an Fenster, riss es auf, wollte rufen, als Caroline aus dem Haus stürzte, mit einer Passantin zusammen stieß, sich aber offensichtlich nicht mit einer Entschuldigung aufhielt, davon rannte. Ich brachte keinen Ton heraus.
Zitternd wandte ich mich ins Zimmer zurück. ‚Was habe ich nur falsch gemacht? Meine Tochter…und so viel Egoismus!’ Egoismus? Nein, das war es doch gar nicht – es war kindliches Aufbegehren gegen die Wirklichkeit.
Plötzlich erfüllte mich nur noch unbändiger Zorn, den ich laut herausschrie: ‚Soll ich etwa auf Abruf bereit stehen? Kein eigenes Leben mehr führen dürfen? In trauernden Erinnerungen verharren? Leb ich nicht genauso wie du, hab ich kein Recht darauf zu fühlen, zu lieben und noch etwas anderes aus meinem Dasein zu machen als nur Arbeit und darauf warten, dass mich meine Tochter braucht’?
Meine Wut brach so rasch in sich zusammen, wie sie gekommen war. Verzweifelt suchte ich einen Weg in das Nicht-Verstehen-Wollen meiner Tochter, fand keinen.
Wie sollte es weitergehen?
Wird Caroline noch vor ihrem Umzug nach Berlin einsehen, dass sie nicht mehr das kleine Mädchen war, das in mir nur die Mutter sehen wollte?
Rastlos ging ich im Zimmer auf und ab. ‚Soll ich mit Amelie reden? Nein, hinter dem Rücken von Caroline unternehme ich gar nichts, auch wenn ich mir sicher bin, Amelie würde mich verstehen, vielleicht sogar mit Caro sprechen. Aber ich will und brauche keine Vermittlerin. Wenn es mir in all den langen Jahren nicht gelungen ist, so viel Vertrauen zwischen mir und Caroline zu schaffen, dass sie wenigstens versuchen würde, mich zu verstehen, dann richtet auch Amelies Fürsprache nichts aus.’
Das Telefon läutete! Ich rannte zum Apparat – das war sicher Caroline. Vielleicht hat sie ja eingesehen, dass ihre Reaktion völlig überzogen gewesen war. Aber… so schnell?
Ungeduldig hob ich den Hörer hoch, erkannte Philipps Stimme und plötzlich war es mit meiner Beherrschung vorbei. Vor Schluchzen konnte ich überhaupt nichts sagen. Hörte Philipps entsetzte Frage: “Lisa, was ist mit dir? Ist etwas passiert. Soll ich kommen“?
Ach Philipp, wie kann ich dir die Situation erklären? Du kennst Caroline noch nicht mal persönlich’. Ich wollte sagen¨ ’Ich hätte viel früher mit dir, mit ihr sprechen sollen’, aber ich brachte kein Wort heraus.
„Sag doch, soll ich kommen? Kann ich dir helfen?“
Stockend stotterte ich: „Nein, komm nicht. Es ist alles mein Fehler“. Wieder versagte mir die Stimme.
„Ist was mit Caroline?“
„Ja und nein! Ich kann es dir nicht erklären. Ich muss mich erst selbst zurechtfinden – bitte!“
Doch er gab noch nicht auf: „Du hast Caroline von mir erzählt, stimmt’s“?
Ich antwortete nicht.
„Komm nach Konstanz. Lisa, wir können doch über alles sprechen.“
„Ich kann nicht. Bitte versteh mich – ich melde mich später.“
„OK, aber ruf mich an, wenn du mich brauchst“.
‚Dich brauchen! Ich brauch dich- ich brauch deine Wärme, deinen Schutz, deine tröstende Stimme’, wollte ich sagen, aber ich schwieg, legte nur nach einem kurzen „Adieu“ das Telefon auf die Station zurück.
Caroline meldete sich nicht, weder an diesem Abend, noch in den folgenden Tagen.


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madrilena
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BeitragVerfasst am: 07.09.2012 07:15    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Guten Mogen an alle - anscheinend habe ich doch zu viel Text eingestellt und langes Lesen"müssen" stößt nicht auf viel Sympathie. Schade - gerade beim letzten hier eingestellten Kapitel wären mir eine Kritik oder ein Kommentar wichtig gewesen.
Oder - wenn man alles bisher Eingestellte meines neuen Projektes einfach nur langweilig findet, weil wir nur noch an Spannung und ununterbrochenem Geschehen in den Büchern gewohnt sind, wäre mir das auch wichtig, zu wissen.  
Bis bald
madrilena


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Kätzchen
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BeitragVerfasst am: 07.09.2012 10:15    Titel: Antworten mit Zitat

Ich schaus mir heute mittag an smile

Das mit dem neuen Thread ist übrigens eine tolle idee finde ich!


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Wir sind, wer wir sind.
Ich tippe und rede schneller, als mein Hirn denken kann.
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Kätzchen
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BeitragVerfasst am: 07.09.2012 12:25    Titel: Antworten mit Zitat

Auf gehts!

Zitat:
dass ich – vor allem, nachdem sie selbst vorhatte, nach Berlin zu gehen, einem Menschen begegnet war, der mir etwas bedeutete.


Hier passt der Zusammenhang nicht. Sie zieht nach Berlin wegen ihrer Arbeit und soll durch diese Tatsache einen neuen Mann an der Seite ihrer Mutter akzeptieren? Erschließt sich mir leider nicht, das sind zwei paar Schuhe!

Zitat:
viel mehr als ich, denn meine Lebenslust, wie du es vorhin genannt hast, ist ja immer mit der Angst verbunden, dieses Leben zu verlieren.“


Ich finde sie sagt es ein bisschen zu sachlich ihrer Tochter gegenüber und zu direkt. Es ist ein ernstes Thema und sie fluppt es so daher. Ist mir nicht authentisch genug!

Zitat:
Energisch stand auch ich auf und stellte mich meiner Tochter in den Weg:


Energisch gefällt mir hier nicht. Sie erzählt mit Unsicherheit was sie fühlt und plötzlich hat sie einen festen Standpunkt? Etwas weniger festigendes wie "schnell" oder "eilig" würde hier besser passen.

Zitat:
hätte ich dir nicht von ihm gesprochen.“


"erzählt" ist hier wohl gemeint!

Zitat:
an Fenster


"das" Fenster, oder "ans"

Zitat:
aufhielt, davon rannte


Hier anstelle des kommas ein "und" täte dem Satz wirklich gut!

Zitat:
‚Was habe ich nur falsch gemacht? Meine Tochter…und so viel Egoismus!’ Egoismus? Nein, das war es doch gar nicht – es war kindliches Aufbegehren gegen die Wirklichkeit.


Hier verstehe ich nicht ganz, was davon noch Gedanken sind und was nicht. Eigentlich sind es ja alles Gedanken, warum dann die strichelchen?


Ansonsten find ich es mal wieder sehr schön beschrieben und es lässt sich superflüssig lesen. Auch kann ich mit lisa gut mitfühlen! Gern gelesen.

LG

Mietze


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madrilena
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BeitragVerfasst am: 07.09.2012 14:03    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ach Kätzchen - fein, dass Du wieder meinen Text gelesen hast und auch für die Entdeckung der Fehler bin ich Dir sehr dankbar. Ich bleibe bei meinem Prinzip, den verbesserten Text nicht mehr reinzustellen, weil es dann einfach zu viel wird - aber ich versichere Dir, dass ich jede Anregung und jede Verbesserung berücksichtige und - wenn ich der gleichen Meinung bin - natürlich übernehme.
Danke für die Rückmeldung.
LG. madrilena


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Bücher im Alkyon Irmgard Keil Verlag/Marbach "Schatten umarmen" Kranichsteiner Literaturverlag.
1. "den Himmel mit Händen fassen" ISBN
10:3934136303
2. "Schatten umarmen ISBN 10:3929265133
3. "...und die Zeit stand still" ISBN 10: 3934136311
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madrilena
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BeitragVerfasst am: 07.09.2012 15:52    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Wenn Ihr Zeit habt, würde ich bitte gern wissen, wie dieses Kapitel ankommt.
madrilena


Fortsetzung

8
Nach zwei Wochen entschloss ich mich, doch nach Konstanz zu fahren. Es war ein milder, sonniger Tag in der herbstlichen Stadt. Wir schlenderten über die Uferpromenade. Beobachteten die Menschen, die auch zu dieser Jahreszeit noch das Seeufer bevölkerten. Ließen uns treiben. Genossen die Sonne. Schauten über die gleißende, flimmernde Oberfläche des Wassers. Philipp unterbrach unsere beschauliche Stille: „Übrigens, was ich dir schon lange sagen wollte: ich schreibe an einem Buch.“
„Du schreibst ein Buch? Was denn für eines?  Ein Roman? Oder vielleicht einen Krimi? Oder etwas ganz anderes?“
Er lachte: „Ein Krimi ist es nicht. Aber – wenn ich es mir recht  überlege – dem  Thema  „was ist Zeit“ nachzugehen,  kann schon mit einem Krimi verglichen werden!“
Ich war verblüfft. „Über die Zeit? Ein ganz schön weit gefasstes Thema.  Welche Zeit meinst du denn? Die menschliche Lebensdauer? Die Zeit nach dem Sterben und Tod? Die Zeit seit Bestehen der Erde? Oder – die Zeit des Universums?“
Philipp strich über seinen Bart, merkte, dass es gar nicht so leicht war, sein Vorhaben in klare Worte zu fassen. Dachte: ‚Ich probier es. Ich möchte so sehr, dass sie mich versteht’: „Zeit, es gibt keine Zeit des Universums, es gibt auch keine Zeit nach der Zeit. Die Zeit nur als Vorgang – das Nacheinander. Das Unumkehrbare. Vor allem das nicht Wiederholbare. Ich geb’s zu, das Thema ist eine Herausforderung.“
Seine Stimme klang drängend, als er fortfuhr: „Das Geheimnis ‚Zeit’. Es hat mich seit jeher gefesselt. Schon meine Diplomarbeit schrieb ich über die Bedeutung der Zeit, wie ich sie sehe, – also nicht unbedingt etwas Neues für mich. Und doch – es ist was völlig anderes, ob ich mit 30 darüber schreibe oder mit 58. Ich hab vorhin von Herausforderung gesprochen. Doch ist nicht das einzig Wichtige für unser geistiges Dasein die Suche danach, unlösbare Gedankengänge zu ergründen?“ Er merkte, dass gerade der innere Lehrer mit ihm durchgegangen war und freute sich, dass ich mich nicht belehrt fühlte, sondern fragte:
„Ohne materialistische Sachvorstellungen? Aber – wie hältst du das Nichts oder das Alles fest?“
Wir hatten uns mittlerweile auf eine der vielen Bänke gesetzt mit Blick auf die glitzernde Fläche des Sees. Philipp hatte wie selbstverständlich seinen Arm um meine Schultern gelegt:
„Das Nichts? Was meinst du damit? Wenn ich über Zeit nachdenke, gehört sie für mich ausschließlich zum menschlichen Dasein. Ansonsten bin ich überzeugt davon, dass es nach unserer Zeit, also nach unserem Leben auch noch etwas gibt. Das Nichts, nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Es gibt viel mehr, wofür wir keine Begriffe haben, weil sie außerhalb unseres Denkens liegen.“  
„Ich beneide dich um diesen Glauben“, wie unsicher und doch irgendwie sehnsüchtig meine Stimme klang.
„Warum beneiden! Wenn ich nicht von einem Nachher überzeugt wäre, hätte ich ganz schreckliche Angst vor dem Tod.“
„Hab ich ja“, flüsterte ich, war mir nicht sicher, ob er meine Worte gehört hatte. Doch, hatte er – denn der Druck seines Arms wurde zärtlicher, tröstender.
„Lisa, unser Leben hier kann doch nicht alles gewesen sein. Es muss noch etwas anderes geben. Erinnerst du dich an die Rede, die Sokrates kurz vor seinem Tod durch den Schirlingstrunk gehalten hat. Ich war jedenfalls schon als Oberprimaner sehr beeindruckt von seinen Gedanken, die er so wunderbar in Worte gefasst hatte.“
Als ich schwieg, fuhr er fort: „Sokrates meinte in dieser Rede, zu allem gibt es immer auch das Gegenteil. Zum Ungeraden das Gerade, zur Unsicherheit die Sicherheit und zum Leben…?“
“Den Tod“, ergänzte ich leise.
„Ja, aber zum Tod auch wieder das Leben. Das hat mich irgendwie in meinen eigenen Gedanken bestätigt.“
Nein, das Thema Tod wollte ich jetzt nicht vertiefen. Daher lenkte ich ab: „Und du glaubst, dass Zeit wirklich zu messen ist? Für mich ist sie nicht zu begreifen. Fünf Minuten Freude vergehen wie ein Hauch, fünf Minuten Schmerzen können eine Ewigkeit bedeuten?“
Während ich auf seinen Ausführungen mit wirklichem Interesse lauschte, fühlte ich mich gleichzeitig erbärmlich. Hier saßen wir, sprachen über seine Ideen, über alles, was ihn beschäftigte. Und was machte ich? Er wusste kaum etwas von Caroline, seine Fragen hatte ich abgeblockt. Mit ihm über meine Tochter zu sprechen, wäre mir wie ein Verrat an Caroline vorgekommen. Und dabei verriet ich doch gleichzeitig Philipp. Nichts wusste er von mir – nichts von meinem Atelier, nichts von meinem Schaffen, nichts von meinem wirklichen Alltag, An Nebensächlichkeiten ließ ich ihn teilnehmen, sonst nichts. Entschuldigungen für mein Verhalten? Keine! Oder? Ich konnte doch nicht mitten in ein Gespräch, bei dem ich spürte, wie intensiv er sich mit seinem Projekt befasste, plötzlich sagen: ‚He, Philipp, ich hab dir noch gar nicht gesagt, dass ich mich mit Bildhauerei beschäftige.’ Ausreden, alles Ausreden.
Ich hatte nicht hingehört, als Philipp wieder zu sprechen begonnen hatte. Verstand nur noch den Schluss seines Satzes: „… andere als ich haben sich die Frage „was ist Zeit“ gestellt und konnten sie ebenso wenig beantworten.“ Jetzt sah er mich fragend an: „Langweil ich dich?“
„Nein, nein, ich überlege nur, wer oder was dich überhaupt auf die Frage nach der Zeit gebracht hat?“
„Auslöser für mich war ein simples italienisches Sprichwort: „Der Mensch misst die Zeit, und die Zeit misst den Menschen.“
Er schwieg. Und ich erfasste intuitiv, dass er etwas viel Persönlicheres, viel Einschneideneres als Grund für seine Idee nennen wollte, als ein simples italienisches Sprichwort.
Wir standen auf, gingen schweigend am Ufer entlang. Beobachteten einen Ausflugdampfer, der gerade von einer Rundfahrt zurückgekommen war. Lachend und schwatzend gingen die Menschen von Bord.
Nach einer Weile fing Philipp wieder an zu sprechen: „Es war nicht nur das Sprichwort. Ich habe dir zwar vom Tod meiner Frau gesprochen, aber eher in Form einer Information. Es war furchtbar für mich. Wir meinten, noch so viel Leben vor uns zu haben, wir wollten gemeinsam alt werden, reisen, die Welt auf unsere Art entdecken. Und dann schlug diese schreckliche Krankheit zu. Du hast es auch erleben müssen, dieses entsetzliche Sterben. Bei deinem Mann war es Krebs, bei Josephine war es ein Hirntumor. Diese Verzweiflung, die Hilflosigkeit, die vielen Fragen und vor allem, die vielen Zweifel am Sinn des Leidens. Oder sollte ich sagen, am Sinn des Sterbens? Monate nach dem Tod meiner Frau schwor ich mir, das Thema Zeit und den Umgang mit ihr, das Verständnis von ihr zu meinem Lebensthema zu machen. Bis dahin hatte ich Biographien geschrieben, sehr nahe liegend für einen Geschichts- und Deutschlehrer, der sich gleichzeitig zur Schriftstellerei berufen fühlt. Aber nun gab es nur noch ein Thema: Was misst die Zeit? Naturvorgänge? Geologische Veränderungen? Die Menschheitsgeschichte oder kulturelle Entwicklungen? Was zeigen unsere Uhren an, wenn wir der Meinung sind, sie zeigen uns die Zeit? Wir wissen es nicht.“ Atemlos legte er eine Pause ein, wandte mir sein aufgewühltes Gesicht zu: „Ich rede und rede, aber ich finde das Thema so packend, so immens wichtig und weiß doch so wenig.  Augustinus hat einmal gesagt, ‚bei allem Wissen über die Zeit kann ich nicht sagen, was sie ist’. Und dabei ist es bis heute geblieben. Der Aussage konnte nichts Wesentliches hinzugefügt werden. Bei Thomas Mann heißt es: ‚die Zeit ist ein Geheimnis’. Aber genau diesem Geheimnis auf die Spur kommen zu wollen, wurde mir lebenswichtig. Du fragst, ob es ein Sachbuch werden soll? Nein – vielleicht eher eine Art Glaubensauseinandersetzung“.
Ich merkte, dass es Philipp sehr schwer fiel, über das Persönliche seines Themas zu sprechen. Spontan griff ich nach seiner Hand, er sollte spüren, dass ich ihn nur allzu gut verstand. Wollte es ihm aber gleichzeitig ermöglichen, wieder zur Sachlichkeit zurück zu kehren, daher fragte ich: „Du sagst, wir wissen nicht, was die Zeit misst. Auf unserem Planeten wissen wir es schon. oder?“
„Das bilden wir uns ein. Wirklich verstehen können wir doch nur das, was wir uns auch vorstellen, also all das, was wir sinnlich wahrnehmen können. Zeit können wir weder riechen, fühlen, noch sehen. Aber sie ist existent. Möglicherweise machen wir uns einfach ein falsches Bild von der Zeit. Du hast es ja schon gesagt, fünf Minuten Freude vergehen scheinbar schneller als fünf Minuten Schmerz. Obendrein hat die Wissenschaft noch herausgefunden, dass wir den Augenblick offensichtlich mit einer kurzen Verzögerung wahrnehmen. Eine der Fragen, der ich nachgehen möchte, ist: Gibt es überhaupt eine Gegenwart? Kaum haben wir sie erlebt, ist sie schon wieder Vergangenheit. Oder noch deutlicher ausgedrückt: Während wir sie erleben, ist sie doch schon Vergangenheit, wenn wir sie erst mit Verzögerung wahrnehmen.“ Philipp hatte immer eindringlicher gesprochen. Mit lebhaften Gesten begleitete er das, was er deutlich machen wollte.
„Soll das heißen, unser Zusammensein eben jetzt ist schon Vergangenheit?“, es sollte lustig klingen, war es aber nicht.
„Vielleicht!“
Wir waren während des Gesprächs langsam in die Innenstadt zurückgekehrt. „Lass uns morgen oder in den nächsten Tagen weiter sprechen. Ich möchte dir noch so viele meiner Überlegungen erklären, dafür langt ein Nachmittag einfach nicht.“
Ich merkte, dass es ein Ablenkungsmanöver war, ging aber doch darauf ein, und Arm in Arm schlenderten wir im Strom der Touristen zu unserem Lieblingscafé, dem Aran. Wir brauchten wohl beide unbedingt einen Kaffee.


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madrilena
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BeitragVerfasst am: 10.09.2012 15:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Wenn ich ein ängstlicher Typ wäre, würde ich meinem Projekt das Aus erklären, denn offensichtlich stößt dieses neue Romanvorhaben von mir auf recht wenig Interesse. Vielleicht ist es auch einfach ein zu langer Text für eine Werkstatt. Noch dazu wo die Spannung eines Krimis, einer Fantasy-Geschichte oder ähnlichem bisher vielleicht fehlt. Wer setzt sich schon freiwillig mit der Angst vor dem Tod oder dem Sterben auseinander? Und der Suche nach einem Weg, mit dieser Angst fertig werden zu wollen.  Trotzdem, ich gebe mein Thema nicht auf, bin jetzt selbst gespannt, was aus diesem Projekt wird.  
Jedenfalls danke all denen, die geantwortet hatten.
madrilena


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madrilena
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BeitragVerfasst am: 13.09.2012 14:31    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielleicht kann dieses Kapitel richtungsweisend sein für alles, was bisher war und noch sein wird. Einen Weg zu finden, wo man absolut keinen sieht, ist sehr spannend.
Für Kritik wäre ich sehr dankbar.
madrilena


9
Die Nacht wollte kein Ende nehmen. War es unser gestriges Gespräch über das Begrenzende der Zeit, über die Unausweichlichkeit des Todes? Waren es meine Selbstvorwürfe, weil ich Philipp nicht wirklich in mein Leben ließ? War es vor allem die bohrende Frage: ‚Wie kann ich Caroline innerlich wieder erreichen’?
Endlich fiel ich in einen unruhigen Schlaf, aus dem ich schon nach einer halben Stunde erwachte. Geweckt von meinem eigenen Schrei.
Wo war ich?
Was war geschehen?
Der Traum! Diese zusammengekauerte, verstörte Frau auf dem ungemachten Bett! Die undurchdingliche Dunkelheit des fremden Zimmers. Das Bedrohliche, das in der Finsternis lauerte und immer näher kam?
War ich die Frau?
Nein! Nein, ich will damit nichts zu tun haben.
Doch etwas in mir wusste, dass ich es war, die dort zitternd auf dem Bett hockte. Und das nur, weil wir gestern über das Begrenzende der Zeit gesprochen haben? Über den Tod?
Ich schlug mit beiden Fäusten auf die Bettdecke ein. ‚Du bist ja krank – krank – krank! Man kann doch nicht vor einer Gewissheit davon laufen. Du bist ein Feigling. Stell dich doch endlich, hinterfrag, woher diese Panik kommt.’
Ich ließ mich ins Kissen zurückfallen. Da war sie wieder – die lärmende Stille. Der dröhnende Herzschlag, der gegen die engen Wände meines Körpers hämmerte, sich verselbständigte und zum dumpfen Geräusch wurde, das den Raum ausfüllte. Die Atemnot – das Gefühl zu ersticken. Wenn dieses Dröhnen plötzlich aufhören würde? War das dann das Ende? Und danach das Nichts, ein großes, alles auslöschende Nichts?
Wie damals – Erinnerungen, die sich einprägten, die immer wieder auftauchten – manchmal schrill und alarmierend, dann wieder resignierend, traurig, ausweglos. Das kleine Mädchen. es steht am Bett der toten Mutter. Starrt erschreckt auf die skelettartigen Hände. Die leeren Augen. Den leicht geöffneten Mund. Berührt vorsichtig das geliebte Gesicht. Zuckt zurück vor der Eiseskälte. Lautlos der Schrei: Mama, wo bist du?
Ich will nicht! Ich machte Licht, warf die Decke zurück, stand auf. Wusch mir das Gesicht eiskalt ab. Griff nach einem Buch. Aber es nutzte nichts. Ich konnte nicht lesen. Immer wieder kehrten die Bilder zurück, die ich doch so vehement verdrängen wollte. .
Ich will mich nicht mit dem Sterben, mit dem Tod auseinandersetzen. Philipp, kannst du das nicht verstehen? Ich habe Angst. Manchmal denke ich, diese Angst ist ein riesiger dunkler Schlund, der mich verschlingen wird. Und dann, Philipp, dann quälen mich Gedanken wie: ‚Nie mehr Mozart. Nie mehr im Gras liegen und in die Sonne blinzeln. Nie mehr barfuß durch warmen Sand laufen und dem aufgeregten Spiel der Wellen zuschauen. Nie mehr erste Regentropfen auf dem nach oben gewandten Gesicht. Nie mehr streichelnde Hände und stöhnende Lust. Dieses Niemehr – es ist so schrecklich, so Besitz ergreifend.
Obgleich es noch dunkel war, zog ich mich an. Setzte mich in den einzig bequemen Sessel meines Zimmers. Stellte leise das Radio an. Lauschte den eindringlichen Klängen einer Geige. Erkannte das Violinkonzert von Beethoven. Ich kuschelte mich – Trost suchend – tief in den Sessel, schloss die Augen, flüchtete in die Musik.


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madrilena
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BeitragVerfasst am: 17.09.2012 18:43    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Schrecklich, wie schnell man "weg vom Fenster" ist.
Das war's dann wohl. Aber ich schreibe trotzdem weiter...
madrilena


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princess of night
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BeitragVerfasst am: 17.09.2012 19:48    Titel: Antworten mit Zitat

Aloha Madrilena,

du hast diesen Text am 13.9. eingestellt, sei nicht so ungeduldig, zumal es ein sehr langes Stück ( wieder) ist.

Es gibt ja hier noch viele andere Schreiber, die auch Beachtung haben möchten.

Ich für meinen Teil habe mich reingelesen (von Anfang an) und kann überhaupt keinen Zugang finden, daher wäre eine Rezension für mich nicht möglich. Die Situationen, die Geschichte ist mir zu langatmig, nicht fesselnd genug, das mag aber Geschmacksache sein- ich habe länger darüber nach gedacht warum dies so ist. Es ist einfach nicht mein Genre.

Sorry dir nicht helfen zu können, aber warte noch ein wenig, da meldet sich bestimmt noch jemand.

Dunkelbunte Grüße
PoN


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Ansonsten wären Organspenden ja völlig überflüssig.

Der Zynismus ist meine Rüstung, der Sarkasmus mein Schwert und die
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madrilena
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BeitragVerfasst am: 17.09.2012 21:38    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke princess für Deine ehrliche Meinung. So was schätze ich am meisten. Gott sei Dank sind die Interessen verteilt, doch Deine Meinung war genau meine Befürchtung - der Text ist zu wenig spannend. Mir erging es wochenlang genauso, als ich noch in der 3. Person schrieb. Seit ich auf die erste umsprang, bin ich in meinem Text drin. Ob dieser Roman je fertig wird, ist die Frage. Aber ohne Schreiben? Und das Thema ist halt das, was mich nach meinen anderen Romanen am meisten interessiert, um nicht zu sagen, heimsucht.
Herzlichst
madrilena


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BeitragVerfasst am: 17.09.2012 22:02    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe nur mal den ersten Teil gelesen, und finde ihn sehr ermüdend. Ich fand irgendetwas sehr seltsam daran. Und ich glaube, ich hab herausgefunden, was es ist: Niemand wird so genau aus der Erinnerung an die Vergangenheit seine Eindrücke und Gedanken und Handlungen, die du beschreibst, erzählen können. Das wirkt aufgesetzt, künstlich.

Nun habe ich mir vorgestellt, das Ganze stünde im Praesens, und auf einmal kam da für mich viel mehr Leben rein, war das  insgesamt viel glaubwürdiger und authentischer.
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