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Rendezvous am Attersee


 

 
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nicolailevin
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber


Beiträge: 28
Wohnort: Süddeutschland


BeitragVerfasst am: 24.01.2019 18:31    Titel: Rendezvous am Attersee eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Liebes Forum, hier mein Einstand für euch: eine Kurzgeschichte. Sie ist komplett, falls man das nicht merken sollte. Was ist euer Eindruck? Wie wirkt sie auf euch? Was stört? Wo hängt es noch? Was würdet ihr anders machen? Ich bin gespannt ...

***

Die Seitentür ging auf und ein Mann trat ins Freie. Er blinzelte in die Sonne, sein Gesicht sah nicht viel älter aus als Ende zwanzig, aber das dunkle Haar an seiner Stirn begann sich schon zu lichten. Es war noch früh am Samstagabend, und um diese Zeit war nur knapp die Hälfte der Plätze auf dem Parkplatz vor dem McDonald’s belegt. Der Mann trug ein weißes T-Shirt und Jeans, in der Hand hielt er eine Lederjacke und eine blaue Sporttasche. Mit federnden Schritten überquerte er den Parkplatz bis zu einem dunkelgrünen Mercedes-Roadster. Ein altes Modell mit Rostflecken an den Kotflügeln. Er öffnete den Kofferraum, in den er Jacke und Tasche gleiten ließ. Ohne Hast blickte er sich in alle Richtungen um, dann stieg er ein; das Leuchtzeichen mit den goldenen Bögen markierte die Einfahrt zur Straße, vorsichtig reihte er sich in den fließenden Verkehr ein.

Er nahm den Weg zur A8 und ordnete sich Richtung Salzburg ein. Auf dem ersten Autobahnabschnitt hinter München war die Geschwindigkeit begrenzt und der Mann fuhr sorgsam im erlaubten Rahmen. Aus dem Radio tönte Bayern 3. Die Verkehrsnachrichten sagten, auf den Fernstraßen in Bayern lägen keine Behinderungen vor. Bei Brunnthal erhöhte sich die Anzahl der Autos um ihn herum durch die einmündende Umgehungsautobahn, aber immer noch kam er zügig voran.

Sein Handy ruhte auf dem beigen Leder des Beifahrersitzes. Der Abend war schön, die Sonne stand in seinem Rücken, und es würde noch eine ganze Zeit dauern, bis sie unterging. Der Hofoldinger Forst lag hinter ihm, und bei Holzkirchen öffnete sich der Blick auf die Berge der Voralpen. Die Wiesen rechts und links der Autobahn leuchteten in saftigem Grün, aus den Lautsprechern klang fröhliche Popmusik und der Verkehr floss glatt dahin.

Er hatte gerade Weyarn hinter sich gelassen, als das Handy klingelte. Auf dem Display erschien „unbekannter Anrufer“. Der Mann ließ das Handy liegen und drückte erst auf Lautsprecher und dann auf Annehmen. „Laszlo?“, fragte eine Männerstimme. „Ja“, antwortete der Mann. „Wo stecken Sie?“ – „Vor dem Irschenberg“, sagte der Mann. Der Anrufer zögerte ein paar Sekunden, dann fuhr er fort: „Gut. Passen Sie auf, Laszlo. Jetzt ist es kurz vor sieben. Sie brauchen noch etwa anderthalb Stunden. Also treffen wir uns um halb neun.“ – „Und wo?“ – „Am Attersee. Unterach. Der Parkplatz vorm Strandbad. Sie fahren Richtung Wien und nehmen am besten die Ausfahrt Mondsee.“ – „Okay“, sagte der Mann gedehnt. „Ihr Auto hat kein Navi.“ Das war eine Feststellung und keine Frage. „Nein, hat es nicht“, bestätigte der Mann. „Dann orientieren Sie sich mit dem Handy … und Sie werden ein Pickerl brauchen … ich meld mich dann wieder, behalten Sie also Ihr Handy bei sich.“ – „Gut.“ – „Okay, gute Fahrt!“ Der Anrufer hatte das Gespräch beendet.

Laszlo fuhr weiter auf der Autobahn in Richtung Salzburg. Am Irschenberg musste er sich konzentrieren, weil die überholenden Laster die mittlere Spur blockierten. Auf der Anhöhe über dem Chiemgau bot der Blick nach vorne das ganze prachtvolle Panorama der Berge, links hinten war das Blau des Chiemsees im Abenddunst zu erahnen. Bei Rosenheim teilte sich die Autobahn; nach Süden bog die Trasse durchs Inntal in Richtung Innsbruck und Italien ab, er aber folgte der Strecke geradeaus.

Es dämmerte, als er am Attersee ankam. Er fand den Parkplatz beim Strandbad, um diese Zeit war er fast leer. Laszlo schaltete den Motor ab und wartete. Er blickte auf sein Handy, doch es blieb dunkel und stumm. Er stieg aus, ging zum Kofferraum, öffnete ihn, warf einen prüfenden Blick hinein, dann schloss er ihn wieder und setzte sich erneut hinters Steuer. Endlich klingelte es, wieder „unbekannter Anrufer“. „Laszlo?“ – „Ja.“ – „Gehen Sie den Fußweg zum Strandbad. Die Tasche legen Sie unter die Bank an der Wiese.“ – „Gut. Und dann?“ – „Gehen Sie einfach weiter.“ Der Anrufer legte auf.

Seit die Sonne weg war, war es deutlich kühler geworden. Laszlo nahm die Lederjacke und zog sie an, dann hob er seine blaue Sporttasche aus dem Kofferraum und ging ohne abzusperren los. Der Fußweg Richtung Strandbad war menschenleer. Nach kaum zweihundert Metern fand er die Wiese, an der eine einsame Parkbank stand. Er setzte sich auf die Bank und wartete einige Augenblicke. Nichts passierte. Er schob die Tasche unter die grünen Holzlatten der Sitzfläche. Dann blickte er einmal umher, stand auf und ging weiter.

Auf der schmalen Straße, die neben ihm fast parallel zum Fußweg verlief, nur durch eine Rasenfläche und ein paar Büsche getrennt, kam ihm plötzlich ein Auto entgegen. Die Scheinwerfer waren aufgeblendet, dem Klang des Motors nach war es ein größerer Diesel. Dem Umriss nach ein Kastenwagen oder ein Kleinbus, das ließ sich nicht sagen. Der Wagen hielt an. Lautlos schwang die hintere Tür auf und eine Silhouette sprang aus dem Wageninneren. Ehe man mehr erkennen konnte, fuhr das Auto wieder los, die Tür fiel im Anfahren wieder zu. Laszlo blickte geradeaus auf den Schattenriss der Person, die jetzt begann, auf ihn zuzulaufen.

Als das Auto mit seinen blendenden Scheinwerfern weg war, konnte man die Gestalt einer jungen Frau erkennen. Ihr helles Sommerkleid flatterte um ihren Körper und ihr braunes halblanges Haar flog um ihren Kopf, als sie auf ihn zustürzte. Kurz bevor sie bei ihm war, öffnete sie die Arme, sie bremste kaum ab, er musste sie auffangen, sie prallte auf ihn. Als er sie in seinen Armen hielt, verlor ihr Körper an Spannung. „Laszlo“, hauchte sie und sah ihn mit ihren hellbraunen Augen an, „endlich … oh Gott.“ „Laura“, antwortete er ruhig, dann fuhr ein Lächeln über sein Gesicht, er spitzte die Lippen und küsste sie sanft auf den Mund. Sie erwiderte den Kuss zart und innig. Ein leichtes Beben ging durch ihren Körper, und als er den Kopf leicht zurücknahm, standen Tränen in ihren Augen, während sie gleichzeitig lächelte. „Nicht weinen. Alles wird gut“, sagte er. Sie sprach nicht und nickte nur. „Nur beeilen müssen wir uns“, meinte er und warf einen Blick hinüber zur Straße. Der Lieferwagen war verschwunden.

Er nahm sie bei der Hand, und sie eilten den Weg zurück zum Parkplatz. Als sie an der Parkbank vorbeikamen, stand die Tasche nicht mehr dort. Sie erreichten rasch das Auto. „Steig ein“, sagte er, und dann fuhren sie los. Sie hatten die Hauptstraße Richtung Mondsee und Autobahn noch nicht erreicht, als er schon zum Telefon griff und eine gespeicherte Nummer wählte. Es tutete. „Landeskriminalamt Salzburg. Burgstaller?“, fragte eine Frauenstimme – „Guten Abend“, sagte Laszlo, „hören Sie, ich hab ein dringendes Anliegen. Ich weiß nicht, ob Ihre Kollegen aus München sich schon bei Ihnen gemeldet haben. Es geht um die Entführung einer Frau aus Deutschland, Laura Wagner.“ – „Jaaaa“, die Stimme ließ nicht erkennen, wie weit sie im Bilde war. „Sie brauchen also Hilfe?“ – „Nein. Frau Wagner ist wieder frei und in Sicherheit. Aber was Sie interessieren dürfte: Der Täter heißt Marco Lechner, und Sie finden ihn und das Lösegeld vermutlich bei ihm daheim.“ Keine Reaktion am anderen Ende der Leitung. „Er wohnt derzeit bei seinen Eltern. In Anif, Kapellenweg 6.“ Wieder keine Reaktion. „Haben Sie das?“ – „Kapellenweg 6. Anif. Lechner“ wiederholte die Frauenstimme. „Sehr gut“, sagte Laszlo „und beeilen Sie sich, sonst ist der Vogel ausgeflogen.“

Laura starrte ihn an: „Du … du hast gewusst, wer mich entführt hat?“ Laszlo nickte: „Ich kenne nicht so viele Österreicher. Und nur einen, der weiß, dass ich an eine Menge Geld rankomme, wenn es sein muss … und dass du am Attersee im Urlaub bist.“ Laura sagte nichts. Laszlo fuhr fort: „Praktisch allein. Nur mit einer Freundin.“ Er gab jetzt mehr Gas als auf dem Hinweg. „Lechner ist gottlob nicht der Hellste. Und kein Profi.“ Er sah hinüber zu Laura: „Wir müssen trotzdem einen Vorsprung haben, bis er spannt, was in der Tasche ist.“

Kaum hatte er das gesagt, läutete das Telefon. Wieder „unbekannter Anrufer“. Diesmal war er weniger freundlich: „Laszlo, du Arschloch! Du wolltest mich linken! Wir hatten 500.000 vereinbart!“, die Männerstimme machte eine kurze Pause. „Was denkst du? Glaubst du, du kannst mir einfach so eine Tasche mit ein paar Hundertern unterjubeln? Und sonst nur Zeitungspapier?! Warte nur! Ich krieg dich und deine Schlampe! Und dann …“ – „Hör zu, Lechner“, unterbrach ihn Laszlo ruhig. „Wie? Du … du weißt …?“ - „Ja, was glaubst denn du? Natürlich hab ich dich erkannt, du Idiot. Die Polizei ist auf dem Weg zu dir, du hast keine Chance. Also versuch es gar nicht erst.“ Laszlo legte auf.

Laura zitterte. „Bist du okay?“, fragte er, „hat er dich wenigstens anständig behandelt?“ Laura nickte: „Ging schon. Ich hab nur so Angst gehabt. Und dunkel war’s.“ – „Weißt du, wo er dich versteckt hat?“, wollte Laszlo wissen. „Ein Bootshaus, glaub ich. Es hat nach Holz gerochen. Keine Fenster … und da war Wasser. Es hat immer so geplätschert.“ Er nickte: „Das kann sein. Seine Eltern haben ein Boot, das hat er mal erzählt.“ Inzwischen war es ganz dunkel draußen, auf der Autobahn Richtung München herrschte kaum Verkehr. Laszlo fuhr konzentriert und blickte regelmäßig prüfend in den Rückspiegel. Laura rutschte auf ihrem Sitz hin und her und gab keine Ruhe: „Woher wusstest du … also, wie kennst du diesen Lechner?“ – „Der hat eine Zeit lang bei uns gearbeitet. Bis ihn Hasan rausgeschmissen hat.“ – „Warum?“ – „Er hat in die Kasse gelangt.“ – „Dann scheint er wohl Geld zu brauchen.“ – „Sieht ganz so aus“, sagte Laszlo. Er überholte einen Sattelzug, und sie überquerten die Grenze nach Deutschland. „Dabei ein netter Kerl eigentlich, bisschen verpeilt vielleicht“, nahm Laszlo das Gespräch wieder auf. „Ich hab mit dem öfter zusammen Pause gemacht und gequatscht.“ Laura sah ihn fragend an. „Na ja, so hat er wohl rausbekommen, dass ich als Restaurantmanager Zugang zu den Tageseinnahmen von allen Filialen hab, die Hasan gehören. Von deinem Urlaub am Attersee hab ich ihm auch erzählt. Und als er seinen Job los war – und du so praktisch vor der Haustür seiner Eltern … quasi am Silbertablett … da ist er offenbar auf dumme Gedanken gekommen.“ Laura schüttelte den Kopf und biss auf ihre Fingerknöchel, während sie nach draußen ins Dunkle sah: „So ein Schwein!“

Kurz vor Rosenheim klingelte das Handy erneut. „Hasan“ leuchtete auf dem Display. „Laszlo, wo ist mein Geld?“, dröhnte eine Bassstimme aus dem Lautsprecher, „die gesamte Kohle von heute ist weder im Safe noch beim Werttransporter!“ Laszlo blieb ruhig: „Grüß dich, Hasan.“ Die Ausfahrt Rosenheim sauste an ihnen vorbei, die Wegweiser leiteten sie jetzt zum Inntaldreieck. „Ich weiß. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Es war ein Notfall.“ Er wechselte auf die rechte Spur und ordnete sich hinter einen Passat ein. „Meine Freundin ist entführt worden.“ – „Was?“ – „Ja. Ich musste Lösegeld zahlen. Aber keine Angst: Sie ist frei, die Polizei hat den Entführer bald, und dann bekommst du dein Geld zurück.“ – „Das darf doch nicht wahr sein!“ Laszlo erwiderte: „Doch. Du kennst den Kerl sogar. Marco Lechner.“ Es dauerte eine Weile, bis Hasan reagierte: „Den ich gefeuert hab vor vier Wochen?“ – „Genau der. Ich hab ihn erkannt. Und seine Heimatadresse stand in der Personalakte, also konnte ich der Polizei sogar sagen, wo sie hin müssen.“ – „Aber … wieso hast du das Geld genommen und bezahlt? Du hättest mir Bescheid sagen können und die Polizei vorher holen!“, rief Hasan. „Wer weiß, was er dann in seinem Bootshaus mit Laura gemacht hätte“, antwortete Laszlo. Er sagte Hasan noch zu, die Frühschicht am Montag zu übernehmen, dann legte er auf.

Es war noch ein Kilometer bis zum Inntaldreieck. Laura drehte sich auf ihrem Sitz um zu ihm: „Aber wenn Lechner kein Lösegeld bekommen hat … und Hasan sagt, dass ihm die ganzen Tageseinnahmen fehlen … wo ist denn dann die Kohle?“ Geradeaus ging es zurück nach München, rechts führte die Abzweigung nach Innsbruck, Brenner, Verona. Laszlo deutete nach hinten: „Im Kofferraum. In einer zweiten blauen Sporttasche.“ Laura schlug die Hand vor den Mund: „Um Gottes willen! Und was machen wir jetzt?“ „Urlaub“, lachte Laszlo, „ganz lang Urlaub. Genug Geld haben wir ja.“ Er setzte den rechten Blinker und bog ab.

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hobbes
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Beiträge: 3106

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
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BeitragVerfasst am: 24.01.2019 22:46    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo nicolailevin,

was am Anfang anscheinend (fast) alle falsch machen (ich eingeschlossen): die wörtliche Rede nicht in neue Absätze zu packen.
Anstatt so:
Zitat:
Es dämmerte, als er am Attersee ankam. Er fand den Parkplatz beim Strandbad, um diese Zeit war er fast leer. Laszlo schaltete den Motor ab und wartete. Er blickte auf sein Handy, doch es blieb dunkel und stumm. Er stieg aus, ging zum Kofferraum, öffnete ihn, warf einen prüfenden Blick hinein, dann schloss er ihn wieder und setzte sich erneut hinters Steuer. Endlich klingelte es, wieder „unbekannter Anrufer“. „Laszlo?“ – „Ja.“ – „Gehen Sie den Fußweg zum Strandbad. Die Tasche legen Sie unter die Bank an der Wiese.“ – „Gut. Und dann?“ – „Gehen Sie einfach weiter.“ Der Anrufer legte auf.

Lieber so:
Zitat:
Es dämmerte, als er am Attersee ankam. Er fand den Parkplatz beim Strandbad, um diese Zeit war er fast leer. Laszlo schaltete den Motor ab und wartete. Er blickte auf sein Handy, doch es blieb dunkel und stumm. Er stieg aus, ging zum Kofferraum, öffnete ihn, warf einen prüfenden Blick hinein, dann schloss er ihn wieder und setzte sich erneut hinters Steuer. Endlich klingelte es, wieder „unbekannter Anrufer“.
„Laszlo?“
– „Ja.“
– „Gehen Sie den Fußweg zum Strandbad. Die Tasche legen Sie unter die Bank an der Wiese.“
– „Gut. Und dann?“
– „Gehen Sie einfach weiter.“ Der Anrufer legte auf.


Merkst du vielleicht selber - das ist einfach besser/leichter lesbar.

Ansonsten: viel zu überladen, viel zu viel (unnötige?) Infos. Eventuell ist das nur am Anfang so, ich habe dann nicht weitergelesen. Aber die ersten drei Absätze - die würde ich probehalber einfach mal auf die Hälfte kürzen und schauen, was und wie sich das ändert. Was davon ist wirklich wichtig für die Geschichte? Wie er aussieht? Was für ein Auto er fährt? Dass er bei McDonald’s war? Dass er Bayern 3 hört? Überhaupt die ganze Fahrt- und Verkehrsbeschreibung?

Außerdem kommt überhaupt nichts vom Innenleben des Mannes bei mir an. Oder anders gesagt, ein Innenleben kommt überhaupt nicht vor. Wären die Telefonate nicht, könnte er genauso gut zu einem beruflichen Meeting oder zum 90.sten Geburtstag seiner Oma fahren.
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nicolailevin
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber


Beiträge: 28
Wohnort: Süddeutschland


BeitragVerfasst am: 28.01.2019 17:27    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Erstmal danke fürs Feedback, liebe hobbes!

Mit der Formatierung hast du natürlich Recht!

Ich hab den Beginn etwas entschlackt, der fehlende Einblick ist Methode bzw. geht nicht anders.

Also, hier ein neuer Anlauf:

*****

Die Seitentür ging auf und ein Mann trat ins Freie. Er blinzelte in die Sonne, sein Gesicht sah nicht viel älter aus als Ende zwanzig, aber das dunkle Haar an seiner Stirn begann sich schon zu lichten.

Es war noch früh am Samstagabend, und um diese Zeit war nur knapp die Hälfte der Plätze auf dem Parkplatz vor dem McDonald’s belegt. Der Mann trug ein weißes T-Shirt und Jeans, in der Hand hielt er eine Lederjacke und eine blaue Sporttasche. Mit federnden Schritten überquerte er den Parkplatz bis zu einem dunkelgrünen Mercedes-Roadster. Ein altes Modell mit Rostflecken an den Kotflügeln. Er öffnete den Kofferraum, in den er Jacke und Tasche gleiten ließ. Ohne Hast blickte er sich in alle Richtungen um, dann stieg er ein; das Leuchtzeichen mit den goldenen Bögen markierte die Einfahrt zur Straße, vorsichtig reihte er sich in den fließenden Verkehr ein.

Er nahm den Weg zur A8 und ordnete sich Richtung Salzburg ein. Aus dem Radio tönte Bayern 3. Die Verkehrsnachrichten sagten, auf den Fernstraßen in Bayern lägen keine Behinderungen vor, und in der Tat kam er zügig voran.

Sein Handy hatte er auf dem beigen Leder des Beifahrersitzes abgelegt. Der Sperrbildschirm zeigt das Porträt einer jungen Frau mit braunem Haar; als das Gerät in den Ruhemodus ging, verschwand das Bild und das Display wechselte auf schwarz.

Der Abend war schön, die Sonne stand in seinem Rücken, und es würde noch eine ganze Zeit dauern, bis sie unterging. Der Hofoldinger Forst lag hinter ihm, und bei Holzkirchen öffnete sich der Blick auf die Berge der Voralpen. Die Wiesen rechts und links der Autobahn leuchteten in saftigem Grün, aus den Lautsprechern klang fröhliche Popmusik und der Verkehr floss glatt dahin.

Er hatte gerade Weyarn hinter sich gelassen, als das Handy klingelte. Auf dem Display erschien „unbekannter Anrufer“. Der Mann ließ das Handy liegen und drückte erst auf Lautsprecher und dann auf Annehmen.

„Laszlo?“, fragte eine Männerstimme.

„Ja“, antwortete der Mann.

„Wo stecken Sie?“

„Vor dem Irschenberg“, sagte der Mann.

Der Anrufer zögerte ein paar Sekunden, dann fuhr er fort: „Gut. Passen Sie auf, Laszlo. Jetzt ist es kurz vor sieben. Sie brauchen noch etwa anderthalb Stunden. Also treffen wir uns um halb neun.“

„Und wo?“

„Am Attersee. Unterach. Der Parkplatz vorm Strandbad. Sie fahren Richtung Wien und nehmen am besten die Ausfahrt Mondsee.“

„Okay“, sagte der Mann gedehnt.

„Ihr Auto hat kein Navi.“ Das war eine Feststellung und keine Frage.

„Nein, hat es nicht“, bestätigte der Mann.

„Dann orientieren Sie sich mit dem Handy … und Sie werden ein Pickerl brauchen … ich meld mich dann wieder, behalten Sie also Ihr Handy bei sich.“

 „Gut.“

„Okay, gute Fahrt!“ Der Anrufer hatte das Gespräch beendet.

Laszlo fuhr weiter auf der Autobahn in Richtung Salzburg. Am Irschenberg musste er sich konzentrieren, weil die überholenden Laster die mittlere Spur blockierten. Auf der Anhöhe über dem Chiemgau bot der Blick nach vorne das ganze prachtvolle Panorama der Berge. Bei Rosenheim teilte sich die Autobahn; nach Süden bog die Trasse durchs Inntal in Richtung Innsbruck und Italien ab, er aber folgte der Strecke geradeaus.

Es dämmerte, als er am Attersee ankam. Er fand den Parkplatz beim Strandbad, um diese Zeit war er fast leer. Laszlo schaltete den Motor ab und wartete. Er blickte auf sein Handy, doch es blieb dunkel und stumm. Er stieg aus, ging zum Kofferraum, öffnete ihn, warf einen prüfenden Blick hinein, dann schloss er ihn wieder und setzte sich erneut hinters Steuer.

Endlich klingelte es, wieder „unbekannter Anrufer“.

„Laszlo?“

„Ja.“

„Gehen Sie den Fußweg zum Strandbad. Die Tasche legen Sie unter die Bank an der Wiese.“

„Gut. Und dann?“

„Gehen Sie einfach weiter.“ Der Anrufer legte auf.

Seit die Sonne weg war, war es deutlich kühler geworden. Laszlo nahm die Lederjacke und zog sie an, dann hob er seine blaue Sporttasche aus dem Kofferraum und ging ohne abzusperren los. Der Fußweg Richtung Strandbad war menschenleer. Nach kaum zweihundert Metern fand er die Wiese, an der eine einsame Parkbank stand. Er setzte sich auf die Bank und wartete einige Augenblicke. Nichts passierte. Er schob die Tasche unter die grünen Holzlatten der Sitzfläche. Dann blickte er einmal umher, stand auf und ging weiter.

Auf der schmalen Straße, die neben ihm fast parallel zum Fußweg verlief, nur durch eine Rasenfläche und ein paar Büsche getrennt, kam ihm plötzlich ein Auto entgegen. Die Scheinwerfer waren aufgeblendet, dem Klang des Motors nach war es ein größerer Diesel. Dem Umriss nach ein Kastenwagen oder ein Kleinbus, das ließ sich nicht sagen. Der Wagen hielt an. Lautlos schwang die hintere Tür auf und eine Silhouette sprang aus dem Wageninneren. Ehe man mehr erkennen konnte, fuhr das Auto wieder los, die Tür fiel im Anfahren wieder zu. Laszlo blickte geradeaus auf den Schattenriss der Person, die jetzt begann, auf ihn zuzulaufen.

Als das Auto mit seinen blendenden Scheinwerfern weg war, konnte man die Gestalt einer jungen Frau erkennen. Ihr helles Sommerkleid flatterte um ihren Körper und ihr braunes halblanges Haar flog um ihren Kopf, als sie auf ihn zustürzte. Kurz bevor sie bei ihm war, öffnete sie die Arme, sie bremste kaum ab, er musste sie auffangen, sie prallte auf ihn. Als er sie in seinen Armen hielt, verlor ihr Körper an Spannung.

„Laszlo“, hauchte sie und sah ihn mit ihren hellbraunen Augen an, „endlich … oh Gott.“

„Laura“, antwortete er ruhig, dann fuhr ein Lächeln über sein Gesicht, er spitzte die Lippen und küsste sie sanft auf den Mund.

Sie erwiderte den Kuss zart und innig. Ein leichtes Beben ging durch ihren Körper, und als er den Kopf leicht zurücknahm, standen Tränen in ihren Augen, während sie gleichzeitig lächelte.

„Nicht weinen. Alles wird gut“, sagte er.

Sie sprach nicht und nickte nur.

„Nur beeilen müssen wir uns“, meinte er und warf einen Blick hinüber zur Straße. Der Lieferwagen war verschwunden.

Er nahm sie bei der Hand, und sie eilten den Weg zurück zum Parkplatz. Als sie an der Parkbank vorbeikamen, stand die Tasche nicht mehr dort. Sie erreichten rasch das Auto.

„Steig ein“, sagte er, und dann fuhren sie los.

Sie hatten die Hauptstraße Richtung Mondsee und Autobahn noch nicht erreicht, als er schon zum Telefon griff und eine gespeicherte Nummer wählte. Es tutete.

„Landeskriminalamt Salzburg. Burgstaller?“, fragte eine Frauenstimme.

„Guten Abend“, sagte Laszlo, „hören Sie, ich hab ein dringendes Anliegen. Ich weiß nicht, ob Ihre Kollegen aus München sich schon bei Ihnen gemeldet haben. Es geht um die Entführung einer Frau aus Deutschland, Laura Wagner.“

„Jaaaa“, die Stimme ließ nicht erkennen, wie weit sie im Bilde war. „Sie brauchen also Hilfe?“

„Nein. Frau Wagner ist wieder frei und in Sicherheit. Aber was Sie interessieren dürfte: Der Täter heißt Marco Lechner, und Sie finden ihn und das Lösegeld vermutlich bei ihm daheim.“

Keine Reaktion am anderen Ende der Leitung.

„Er wohnt derzeit bei seinen Eltern. In Anif, Kapellenweg 6.“

Wieder keine Reaktion.

„Haben Sie das?“

„Kapellenweg 6. Anif. Lechner“ wiederholte die Frauenstimme.

„Sehr gut“, sagte Laszlo „und beeilen Sie sich, sonst ist der Vogel ausgeflogen.“

Laura starrte ihn an: „Du … du hast gewusst, wer mich entführt hat?“

Laszlo nickte: „Ich kenne nicht so viele Österreicher. Und nur einen, der weiß, dass ich an eine Menge Geld rankomme, wenn es sein muss … und dass du am Attersee im Urlaub bist.“

Laura sagte nichts.

Laszlo fuhr fort: „Praktisch allein. Nur mit einer Freundin.“ Er gab jetzt mehr Gas als auf dem Hinweg. „Lechner ist gottlob nicht der Hellste. Und kein Profi.“ Er sah hinüber zu Laura: „Wir müssen trotzdem einen Vorsprung haben, bis er spannt, was in der Tasche ist.“

Kaum hatte er das gesagt, läutete das Telefon. Wieder „unbekannter Anrufer“.

Diesmal war er weniger freundlich: „Laszlo, du Arschloch! Du wolltest mich linken! Wir hatten 500.000 vereinbart!“, die Männerstimme machte eine kurze Pause. „Was denkst du? Glaubst du, du kannst mir einfach so eine Tasche mit ein paar Hundertern unterjubeln? Und sonst nur Zeitungspapier?! Warte nur! Ich krieg dich und deine Schlampe! Und dann …“

„Hör zu, Lechner“, unterbrach ihn Laszlo ruhig.

„Wie? Du … du weißt …?“

„Ja, was glaubst denn du? Natürlich hab ich dich erkannt, du Idiot. Die Polizei ist auf dem Weg zu dir, du hast keine Chance. Also versuch es gar nicht erst.“ Laszlo legte auf.

Laura zitterte. „Bist du okay?“, fragte er, „hat er dich wenigstens anständig behandelt?“

Laura nickte: „Ging schon. Ich hab nur so Angst gehabt. Und dunkel war’s.“

„Weißt du, wo er dich versteckt hat?“, wollte Laszlo wissen.

„Ein Bootshaus, glaub ich. Es hat nach Holz gerochen. Keine Fenster … und da war Wasser. Es hat immer so geplätschert.“

Er nickte: „Das kann sein. Seine Eltern haben ein Boot, das hat er mal erzählt.“

Inzwischen war es ganz dunkel draußen, auf der Autobahn Richtung München herrschte kaum Verkehr. Laszlo fuhr konzentriert und blickte regelmäßig prüfend in den Rückspiegel.

Laura rutschte auf ihrem Sitz hin und her und gab keine Ruhe: „Woher wusstest du … also, wie kennst du diesen Lechner?“

„Der hat eine Zeit lang bei uns gearbeitet. Bis ihn Hasan rausgeschmissen hat.“

„Warum?“

„Er hat in die Kasse gelangt.“

„Dann scheint er wohl Geld zu brauchen.“

„Sieht ganz so aus“, sagte Laszlo.

Er überholte einen Sattelzug, und sie überquerten die Grenze nach Deutschland.

„Dabei ein netter Kerl eigentlich, bisschen verpeilt vielleicht“, nahm Laszlo das Gespräch wieder auf. „Ich hab mit dem öfter zusammen Pause gemacht und gequatscht.“

Laura sah ihn fragend an.

„Na ja, so hat er wohl rausbekommen, dass ich als Restaurantmanager Zugang zu den Tageseinnahmen von allen Filialen hab, die Hasan gehören. Von deinem Urlaub am Attersee hab ich ihm auch erzählt. Und als er seinen Job los war – und du so praktisch vor der Haustür seiner Eltern … quasi am Silbertablett … da ist er offenbar auf dumme Gedanken gekommen.“

Laura schüttelte den Kopf und biss auf ihre Fingerknöchel, während sie nach draußen ins Dunkle sah: „So ein Schwein!“

Kurz vor Rosenheim klingelte das Handy erneut. „Hasan“ leuchtete auf dem Display.

„Laszlo, wo ist mein Geld?“, dröhnte eine Bassstimme aus dem Lautsprecher, „die gesamte Kohle von heute ist weder im Safe noch beim Werttransporter!“

Laszlo blieb ruhig: „Grüß dich, Hasan.“

Die Ausfahrt Rosenheim sauste an ihnen vorbei, die Wegweiser leiteten sie jetzt zum Inntaldreieck.

„Ich weiß. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Es war ein Notfall.“ Er wechselte auf die rechte Spur und ordnete sich hinter einen Passat ein.
„Meine Freundin ist entführt worden.“

„Was?“

„Ja. Ich musste Lösegeld zahlen. Aber keine Angst: Sie ist frei, die Polizei hat den Entführer bald, und dann bekommst du dein Geld zurück.“

„Das darf doch nicht wahr sein!“

Laszlo erwiderte: „Doch. Du kennst den Kerl sogar. Marco Lechner.“

Es dauerte eine Weile, bis Hasan reagierte: „Den ich gefeuert hab vor vier Wochen?“

„Genau der. Ich hab ihn erkannt. Und seine Heimatadresse stand in der Personalakte, also konnte ich der Polizei sogar sagen, wo sie hin müssen.“

„Aber … wieso hast du das Geld genommen und bezahlt? Du hättest mir Bescheid sagen können und die Polizei vorher holen!“, rief Hasan.

„Wer weiß, was er dann in seinem Bootshaus mit Laura gemacht hätte“, antwortete Laszlo. Er sagte Hasan noch zu, die Frühschicht am Montag zu übernehmen, dann legte er auf.

Es war noch ein Kilometer bis zum Inntaldreieck. Laura drehte sich auf ihrem Sitz um zu ihm: „Aber wenn Lechner kein Lösegeld bekommen hat … und Hasan sagt, dass ihm die ganzen Tageseinnahmen fehlen … wo ist denn dann die Kohle?“

Geradeaus ging es zurück nach München, rechts führte die Abzweigung nach Innsbruck, Brenner, Verona.

Laszlo deutete nach hinten: „Im Kofferraum. In einer zweiten blauen Sporttasche.“

Laura schlug die Hand vor den Mund: „Um Gottes willen! Und was machen wir jetzt?“

„Urlaub“, lachte Laszlo, „ganz lang Urlaub. Genug Geld haben wir ja.“

Er setzte den rechten Blinker und bog ab.
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Herdis
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Beiträge: 75



BeitragVerfasst am: 03.02.2019 19:13    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Nicolailevin,


so, jetzt habe ich auch Deinen ersten Einstandstext gelesen. Den Hinweis von hobbes betreffend der wörtlichen Rede hast Du ja schon umgesetzt. Das macht schon (sichtbar) etwas aus.

Ich finde nicht, dass Dein Text schlecht ist. Darauf solltest Du nicht von den wenigen Reaktionen heraus schließen. Die Idee ist in jedem Fall interessant, wenn auch etwas gewagt von Deinem Protagonisten.

Etwas mehr show don´t tell vielleicht und achte auf Deine Kommata. Die ein oder andere Stelle könntest Du ggf. noch etwas überarbeiten, damit der Text a) noch etwas erschlankt und b) dadurch noch etwas flüssiger lesbar ist.

Hier ein, zwei Beispiele dafür, wie ich das meine (da meine Funktionen nicht funktionieren, bereits umgestellt):

"Es war noch früh am Samstagabend, weshalb der Parkplatz vor dem McDonald´s nur knapp zur Hälfte belegt war. Der Mann trug ein weißes T-Shirt und Jeans. Eine Lederjacke und eine blaue Sporttasche in der Hand, überquerte er mit federnden Schritten den Parkplatz bis zu einem älteren, dunkelgrünen Mercedes-Roadster mit rostfleckigen Kotflügeln. Er öffnete den Kofferraum, ließ Jacke und Tasche hineingleiten und blickte sich ohne Hast in alle Richtungen um. Dann stieg er ein, startete den Motor und reihte sich vorsichtig in den fließenden Verkehr unter der mit den goldenen Bögen markierten Einfahrt zur Straße sein."

"Auf der fast parallel zum Fußweg verlaufenden (und oder ,) nur durch eine Rasenfläche und ein paar Büsche getrennten schmalen Straßen kam ihm ein Fahrzeug mit aufgeblendeten Schweinwerfern entgegen." (Frage dazu, ist es wichtig, dass sie aufgeblendet sind? Wenn sie jetzt abgeblendet wären, dann fände ich es wichtig, aber so? Geschmackssache, denke ich. Es ist letztlich dunkel, oder? Du könnest die Tatsache auch anders "verwursten", z.B., dass er geblendet ist und dadurch nicht erkennt, was für ein Wagen es ist bzw. die aussteigende Person nicht erkennt)

Ein paar Erbsen:


 "...ihr braunes halblanges Haar flog um ihren Kopf..." flog ist etwas heftig. Hier findest Du sicher ein treffenderes Wort.

"Schattenriss" ...auch hier findest Du sicher ein anderes Wort. Den Satz würde ich auch noch etwas umbauen.

"...dem Umriss nach ein Kastenwagen oder ein Kleinbus, das ließ sich nicht sagen." Den Anhang finde ich ehrlich gesagt überflüssig.

"Ehe man mehr erkennen konnte, fuhr das Auto wieder los, die Tür fiel im Anfahren wieder zu." Wer ist man? Ehe ER mehr... Diesen Satz würde ich an sich auch noch mal überarbeiten, damit er flüssiger wird. Das Komma an Komma stört.

Vorsicht, wenn jemand etwas haucht, oder lacht, oder nickt, etc.  Selbst fragt ist oft unnötig. Es ist im Grunde ganz unnötig, wenn eindeutig ist, wer spricht (z.B. "wollte Laszlo wissen"). Da hier zwei Personen im Wechsel sprechen und eine Frage gestellt wurde, brauchst Du das im Grunde nicht zufügen (sprich, immer wenn eindeutig ist, wer gerade spricht und da reicht sogar sagt, denn da ließt man drüber weg).

So, da der thread jetzt wieder nach oben rückt hoffe ich, dass vielleicht ja jetzt noch ein paar, hoffentlich hilfreiche, Kommentare für Dich folgen.

LG,
Herdis


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"Wenn ich nicht schreibe, fühle ich, wie meine Welt schrumpft. Ich empfinde, wie ich mein Feuer und meine Farben verliere." Anais Nin
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BeitragVerfasst am: 04.02.2019 11:55    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo nicolailevin,

was mir auffällt, ist, dass für mich der Spannungsbogen fehlt. Ich erfahre, wie ein Mann über einen Parkplatz geht, sich ruhig umsieht, eine Autofahrt antritt, zwischendurch hat man noch die Muse für eine Landschaftsbeschreibung ... Klingelt während der Fahrt dann das Handy, kann ich mir natürlich schon denken, in welche Richtung es geht (nämlich Lösegeldübergabe), doch der weitere Text liest sich einfach so runter, ohne dass ich mitfiebere. Der Typ wirkt ziemlich abgezockt, ich meine: Hey! Die Freundin wurde entführt und er ist im Begriff, den Entführer zu linken und seinen Arbeitgeber noch dazu. Ich würde mir Gefühlsregungen von ihm wünschen. Warum ist er nicht nervös? Warum schwitzt er nicht? Ich habe nicht den Eindruck, dass solche Situationen alltäglich für ihn sind. Also warum ist er so verdammt ruhig?
Ich persönlich finde eine Erzählperspektive, die mir jeden Einblick in das Innenleben der Figur, mit der ich mich identifizieren soll, verwehrt, schwierig. Du musst mir in dem Fall die Personen über die Dialoge plausibel machen, aber das klappt hier nicht, und wirkt auch etwas konstruiert.

Meine Empfehlung wäre, die Geschichte aus einer anderen Perspektive anzugehen. Warum nicht z.B. aus Lauras Sicht? Wenn Laszlos Betrug ans Licht kommt, ist sie eh dabei. Oder eben aus Laszlos Sicht. Aber dann mit mehr Gefühlen. Und Schweißflecken! Wink

Viele Grüße
Silke
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Rodge
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BeitragVerfasst am: 06.02.2019 07:59    Titel: Antworten mit Zitat

Hmmm, liest sich für mich so ein bisschen wie das Buch zum Film, du schreibst szenisch, gleichzeitig bleibt mir die Gefühlswelt der Hauptfigur vollkommen unklar, er fährt hierhin, dann dahin, im Grunde wie ein Auslieferungsfahrer.

Auch scheinen mir manche Dinge nicht durchdacht, z. B. warum gibt er dem Erpresser überhaupt Geld, obwohl die Frau doch wieder frei ist?

Vorschlag: Lass den Leser an der Gefühlswelt des Protas teilnehmen, dadurch erhält der Text Spannung!
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nicolailevin
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BeitragVerfasst am: 06.02.2019 23:09    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Liebe Gemeinde!

habt erstmal herzlichen Dank für euer Feedback!

Eure Hinweise sind Schliff auf einem weit feineren Level, als ich zu hoffen gewagt hatte. Was mir eure Rückmeldungen sagen: Das Grundkonstrukt der Geschichte scheint zu tragen, keiner hat dramatische Logiklöcher gefunden oder (was ich am meisten gefürchtet hatte) ein: 'Das kann doch so gar nicht funktionieren, weil ...' Nachdem ich einiges hin und her schieben musste, bis ich den Plot halbwegs wasserdicht gefunden habe, bin ich darüber richtig froh!

zu Idee und Genre
Als mir die Idee gekommen ist, fiel mir auf, dass mit der Pointe (die vermeintlichen Opfer haben das Lösegeld selbst unterschlagen) auch ein Genrewechsel daherkommt: vom Krimi zur Gaunerkomödie. Und da wollte ich einmal den Leser nicht ärgern, indem ich ihm die ganze Zeit einen Krimi vorgaukle, andererseits aber den Versuch wagen, für den Leser eine Minireise durch die Genres zu machen.

Deshalb beginnt die Story ohne düstere Vorzeichen, sondern eher neutral, entspannt und positiv (die Entspannung ist so gelungen, dass @hobbes gar nicht erst weiterlesen wollte). Deshalb ist auch das erste Gespräch mit dem Entführer so freundlich-geschäftsmäßig; ich will da noch gar nicht auf die Krimispur. Erst am See soll es kurz spannend werden und dann romantisch mit dem Wiedersehen der beiden (recht viel dicker kann ich den Schmalz nicht auftragen, das ist mir hier bewusst geworden ...). Wenn das Paar vereint ist, soll sich die Story zum Krimi wenden: Das Verbrechen wird erläutert (und aufgelöst), die Polizei soll den Täter festnehmen, wir müssen fürchten, dass sich der Bösewicht rächt. Und dann eben am Ende der Dreh, die Abfahrt und die Pointe.

zum Spannungsbogen
Dass der Spannungsbogen nicht rund ist, sehe ich auch. Rein vom Plot her hatte ich in einer früheren Fassung das Gespräch mit Hasan (dem Restaurantbesitzer) vor dem mit Marco (dem Bösewicht) platziert. Erst erfuhren wir, woher das Geld kommt (Hasan), dann, dass es nicht beim Empfänger (Marco) angekommen ist. Schöne Steigerung, zumal der wütende Marco das liebende Pärchen potenziell bedroht. Blöderweise kommt mir da die Logik dazwischen: Das erste, was ein Erpresser tun wird, ist zu schauen, dass er wirklich das ersehnte Geld in Händen hält. Deshalb kann ich den Anruf von Marco nicht gut ans Ende schieben (warum sollte der so lange warten, bis er sich meldet?), und ich muss ja auch noch das Gespräch mit der Polizei und den Dialog mit Laura unterbringen, damit wir wissen, was überhaupt passiert ist ...

zu Perspektive und Emotionen

Mir ist bewusst, dass am Ende eine ziemlich technische und wenig berührende Fingerübung rausgekommen ist. Ich möchte Laszlo gern neutral lassen, undurchschaubar und geheimnisvoll - als Leser würde ich mich sonst am Ende verarscht fühlen. Laszlo zieht aus dieser hochbrisanten Situation (Freundin entführt) schnell und skrupellos seinen eigenen Vorteil, das spricht m.E. für hohe Kaltblütigkeit und Risikobereitschaft. Der ist cool im eigentlichen Wortsinn.

Perspektivisch muss ich bei Laszlo bleiben, nur bei ihm laufen die Fäden zusammen und wird die Geschichte weitergetragen. Jede andere Sicht müsste mühsam über Bande spielen, um die erforderlichen Informationen zusammenzubekommen. Andererseits darf ich nicht in seinen Kopf, denn dann würde er die Pointe verraten. Das frisst natürlich Nähe und Emotion.

Ich hatte mir überlegt, auf Lauras Sicht zu wechseln, etwa ab dem Zeitpunkt, wo sie zusammen im Auto sind. Das gäbe einen Emotionsschub und würde trotzdem nichts an Informationsweitergabe gefährden (sie hört die Telefonate ja mit). Ich habs gescheut (hey, das ist mein erstes fertiges Stück Fiktion!), und ich war mir auch nicht sicher, ob so eine kurze Geschichte das hergibt.

Dass das ganze filmartig szenisch wirkt, ist mir auch aufgefallen, ich find's aber eigentlich nicht störend. Und wenn jemand an den Filmrechten interessiert sein sollte, bite PN an mich! Wink

So, jetzt wisst ihr alles. Die Erläuterung zum Werk dürfte fast länger sein als die Story. Was sagt uns das?
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Rodge
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BeitragVerfasst am: 07.02.2019 07:05    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo nicolailevin,

eine Sache an deiner Darstellung ist - glaube ich - nicht richtig. Wenn du absichtlich spannungslos schreibst (weil der Leser nicht denken soll, das sei ein Krimi) verlierst du Leser. Ich hatte Mühe zu Ende zu lesen, und da bin ich - wie man lesen kann - nicht der Einzige. Was aus meiner Sicht wichtiger ist als die Geschichte selbst, sind die Figuren. Du kannst alles Denkbare mit ihnen anstellen, sie dürfen aber nicht blass bleiben, sonst bange ich nicht um ihr Schicksal und damit sind sie mir egal und damit ist mir die Geschichte egal (unabhängig davon, worum es geht).

Grüße
Rodge
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nicolailevin
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BeitragVerfasst am: 10.02.2019 10:10    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich bin nochmal drüber gegangen und hab eure Hinweise verwurstet.

***

Die Seitentür ging auf und ein Mann trat ins Freie. Er blinzelte in die Sonne, sein Gesicht sah nicht viel älter aus als Ende zwanzig, aber das dunkle Haar an seiner Stirn begann sich schon zu lichten.

Vor der Tür stand rauchend eine junge Frau in der Arbeitsuniform von McDonald’s: „Hi! Na? Schon Feierabend?“

Der Mann brummte etwas Zustimmendes und nickte mit dem Kopf. Er trug ein weißes T-Shirt und Jeans, in der einen Hand hielt er sein Mobiltelefon, in der anderen eine blaue Sporttasche und eine Lederjacke.

„Na dann: Schönes Wochenende! Und grüß Laura! Wo steckt sie eigentlich?“

„Sie … sie macht Urlaub … in Österreich. Am Attersee.“ Er blickte kurz in sein Telefon, dann deutete er unbestimmt mit dem Handy in der Hand in Richtung des Parkplatzes. „Du, ich muss! Ciao!“

Mit federnden Schritten überquerte er den Parkplatz bis zu einem dunkelgrünen Mercedes-Roadster. Ein altes Modell mit Rostflecken an den Kotflügeln. Er öffnete den Kofferraum, in den er Jacke und Tasche gleiten ließ. Er stieg ins Auto. Das Leuchtzeichen mit den goldenen Bögen markierte die Einfahrt zur Straße, vorsichtig reihte er sich in den fließenden Verkehr.

Sein Handy hatte er auf dem beigen Leder des Beifahrersitzes abgelegt. Der Sperrbildschirm zeigt das Porträt einer jungen Frau mit braunem Haar; als das Gerät in den Ruhemodus ging, verschwand das Bild und das Display wechselte auf schwarz.

Er nahm den Weg zur A8 und ordnete sich Richtung Salzburg ein. Die Verkehrsnachrichten von Antenne Bayern sagten, auf den Fernstraßen in Bayern lägen keine Behinderungen vor, und in der Tat kam er zügig voran. Danach lief Pop. Er wechselte den Radiosender.

Der Abend war schön, die Sonne stand in seinem Rücken; es würde noch eine ganze Zeit dauern, bis sie unterging. Immer wieder langte der Mann zum Beifahrersitz, blickte kurz auf das Handy und legte es anschließend wieder hin. Der Hofoldinger Forst zog sich; alle paar Lieder suchte er im Radio nach einem neuen Sender.

Er hatte gerade Weyarn hinter sich gelassen, als das Handy klingelte. Auf dem Display erschien „unbekannter Anrufer“. Der Mann ließ das Handy liegen und drückte erst auf Lautsprecher und dann auf Annehmen.

„Laszlo?“, fragte eine Männerstimme.

„Ja.“

„Wo stecken Sie?“

„Vor dem Irschenberg.“

Der Anrufer zögerte ein paar Sekunden, dann fuhr er fort: „Gut. Passen Sie auf, Laszlo. Jetzt ist es kurz vor sieben. Sie brauchen noch etwa anderthalb Stunden. Also treffen wir uns um halb neun.“

„Und wo?“

„Am Attersee. Unterach. Der Parkplatz vorm Strandbad. Sie fahren Richtung Wien und nehmen am besten die Ausfahrt Mondsee.“

„Okay“, sagte der Mann gedehnt.

„Ihr Auto hat kein Navi.“ Das war eine Feststellung und keine Frage.

„Nein, hat es nicht“, bestätigte der Mann.

„Dann orientieren Sie sich mit dem Handy … und Sie werden ein Pickerl brauchen … ich meld mich dann wieder, behalten Sie also Ihr Handy bei sich.“

 „Gut.“

„Okay, gute Fahrt!“ Der Anrufer hatte das Gespräch beendet.

Laszlo fuhr weiter auf der Autobahn in Richtung Salzburg. Am Irschenberg musste er sich konzentrieren, weil die überholenden Laster die mittlere Spur blockierten. Auf der Anhöhe über dem Chiemgau bot der Blick nach vorne das ganze prachtvolle Panorama der Berge.

Bei Rosenheim teilte sich die Autobahn; nach Süden bog die Trasse durchs Inntal in Richtung Innsbruck und Italien ab, er aber folgte der Strecke geradeaus.

Es dämmerte, als er am Attersee ankam. Er fand den Parkplatz beim Strandbad, um diese Zeit war er fast leer. Laszlo schaltete den Motor ab und wartete. Er blickte auf sein Handy, doch es blieb dunkel und stumm. Er stieg aus, ging zum Kofferraum, öffnete ihn, warf einen prüfenden Blick hinein, dann schloss er ihn wieder und setzte sich erneut hinters Steuer.

Endlich klingelte es, wieder „unbekannter Anrufer“.

„Laszlo?“

„Ja.“

„Gehen Sie den Fußweg zum Strandbad. Die Tasche legen Sie unter die Bank an der Wiese.“

„Gut. Und dann?“

„Gehen Sie einfach weiter.“ Der Anrufer legte auf.

Seit die Sonne weg war, war es deutlich kühler geworden. Laszlo nahm die Lederjacke und zog sie an, dann hob er seine blaue Sporttasche aus dem Kofferraum und ging ohne abzusperren los. Der Fußweg Richtung Strandbad war menschenleer. Nach kaum zweihundert Metern fand er die Wiese, an der eine einsame Parkbank stand. Er setzte sich auf die Bank und wartete einige Augenblicke.

Nichts passierte.

Er schob die Tasche unter die grünen Holzlatten der Sitzfläche. Dann blickte er einmal umher, stand auf und ging weiter.

Auf der schmalen Straße, die neben ihm fast parallel zum Fußweg verlief, nur durch eine Rasenfläche und ein paar Büsche getrennt, kam ihm plötzlich ein Auto entgegen. Die aufgeblendeten Scheinwerfer tauchten den Weg in gleißendes Licht, so dass er schützend eine Hand vor die geblendeten Augen hob.

Der Motor klang nach einem größeren Diesel. Der Wagen hielt an. Lautlos schwang die hintere Tür auf und eine Silhouette sprang aus dem Wageninneren. Augenblicklich fuhr das Auto wieder los, die Tür fiel im Anfahren mit einem dumpfen Schlag zu. Laszlo senkte die Hand wieder und blickte geradeaus auf die Gestalt, die jetzt begann, auf ihn zuzulaufen.

Es war eine junge Frau. Ihr leichtes Sommerkleid flatterte um ihren Körper und ihr halblanges Haar tanzte um ihren Kopf, als sie auf ihn zustürzte. Kurz bevor sie bei ihm war, öffnete sie die Arme, sie bremste kaum ab, er musste sie auffangen, sie prallte auf ihn. Als er sie in seinen Armen hielt, verlor ihr Körper an Spannung.

„Laszlo.“ Sie sah ihn mit ihren hellbraunen Augen an. „Endlich … oh Gott.“

„Laura“, antwortete er ruhig, dann fuhr ein Lächeln über sein Gesicht, er spitzte die Lippen und küsste sie sanft auf den Mund. Sie erwiderte den Kuss zart und innig. Ein leichtes Beben ging durch ihren Körper, und als er den Kopf leicht zurücknahm, standen Tränen in ihren Augen, während sie gleichzeitig lächelte.

„Nicht weinen. Alles wird gut“, sagte er. Sie sprach nicht und nickte.

„Nur beeilen müssen wir uns!“ Er warf einen Blick hinüber zur Straße. Der Lieferwagen war verschwunden.

Er nahm sie bei der Hand, und sie eilten den Weg zurück zum Parkplatz. Als sie an der Parkbank vorbeikamen, stand die Tasche nicht mehr dort.

Sie erreichten rasch das Auto.

„Steig ein“, sagte er, und dann fuhren sie los. Sie hatten die Hauptstraße Richtung Autobahn noch nicht erreicht, als er schon zum Telefon griff und eine gespeicherte Nummer wählte. Es tutete.

„Landeskriminalamt Salzburg. Burgstaller?“, fragte eine Frauenstimme.

„Guten Abend“, sagte Laszlo, „hören Sie, ich hab ein dringendes Anliegen. Ich weiß nicht, ob Ihre Kollegen aus München sich schon bei Ihnen gemeldet haben. Es geht um die Entführung einer Frau aus Deutschland, Laura Wagner.“

„Jaaaa“, die Stimme ließ nicht erkennen, wie weit sie im Bilde war. „Sie brauchen also Hilfe?“

„Nein. Frau Wagner ist wieder frei und in Sicherheit. Aber was Sie interessieren dürfte: Der Täter heißt Marco Lechner, und Sie finden ihn und das Lösegeld vermutlich bei ihm daheim.“

Keine Reaktion am anderen Ende der Leitung.

„Er wohnt derzeit bei seinen Eltern. In Anif, Kapellenweg 6.“

Wieder keine Reaktion.

„Haben Sie das?“

„Kapellenweg 6. Anif. Lechner“, wiederholte die Frauenstimme.

„Sehr gut“, sagte Laszlo „und beeilen Sie sich, sonst ist der Vogel ausgeflogen.“

Laura starrte ihn an: „Du … du hast gewusst, wer mich entführt hat?“

Laszlo nickte: „Ich kenne nicht so viele Österreicher. Und nur einen, der weiß, dass ich an eine Menge Geld rankomme, wenn es sein muss … und dass du am Attersee im Urlaub bist.“

Laura sagte nichts.

Laszlo fuhr fort: „Praktisch allein. Nur mit einer Freundin.“ Er gab jetzt mehr Gas als auf dem Hinweg. „Lechner ist gottlob nicht der Hellste. Und kein Profi.“ Er sah hinüber zu Laura: „Wir müssen trotzdem einen Vorsprung haben, bis er spannt, was in der Tasche ist.“

Kaum hatte er das gesagt, läutete das Telefon. Wieder „unbekannter Anrufer“.

Diesmal war er weniger freundlich: „Laszlo, du Arschloch! Du wolltest mich linken! Wir hatten 500.000 vereinbart!“, die Männerstimme machte eine kurze Pause. „Was denkst du? Glaubst du, du kannst mir einfach so eine Tasche mit ein paar Hundertern unterjubeln? Und sonst nur Zeitungspapier?! Warte nur! Ich krieg dich und deine Schlampe! Und dann …“

„Hör zu, Lechner“, unterbrach ihn Laszlo ruhig.

„Wie? Du … du weißt …?“

„Ja, was glaubst denn du? Natürlich hab ich dich erkannt, du Idiot. Die Polizei ist auf dem Weg zu dir, du hast keine Chance. Also versuch es gar nicht erst.“ Laszlo legte auf.

Laura zitterte.

„Bist du okay?“, fragte er, „hat er dich wenigstens anständig behandelt?“

Laura nickte: „Ging schon. Ich hab nur so Angst gehabt. Und dunkel war’s.“

„Weißt du, wo er dich versteckt hat?“

„Ein Bootshaus, glaub ich. Es hat nach Holz gerochen. Keine Fenster … und da war Wasser. Es hat immer so geplätschert.“

Er nickte: „Das kann sein. Seine Eltern haben ein Boot, das hat er mal erzählt.“

Inzwischen war es ganz dunkel draußen. Laszlo hielt das Lenkrad fest umklammert. Immer wieder blickte er in den Rückspiegel. Aus dem Radio verkündete Hitradio Ö3, dass außerhalb Wiens im ganzen Sendegebiet die Straßen frei wären.

Er atmetete tief aus: „Das ist gut.“

Sie sah zu ihm: „Wieso? Weil die Polizei ihn dann schneller erwischt?“

„Weil er uns dann nicht so schnell kriegen kann.“

Sie riss die Augen weit auf: „Und … wenn doch … oh Gott! Hast du eine Waffe?“

„Nein. Zu riskant. Wir müssen es so schaffen.“   

Laura rutschte auf ihrem Sitz hin und her und gab keine Ruhe: „Sag mal … woher wusstest du … also, wie kennst du diesen Lechner?“

„Der hat eine Zeit lang bei uns gearbeitet. Bis ihn Hasan rausgeschmissen hat.“

„Warum?“

„Er hat in die Kasse gelangt.“

Er überholte einen Sattelzug, und sie überquerten die Grenze nach Deutschland.

„Dabei ein netter Kerl eigentlich, bisschen verpeilt vielleicht“, nahm Laszlo das Gespräch wieder auf. „Ich hab mit dem öfter zusammen Pause gemacht und gequatscht.“

Laura sah ihn fragend an.

„Na ja, so hat er wohl rausbekommen, dass ich als Restaurantmanager Zugang zu den Tageseinnahmen von allen Filialen hab, die Hasan gehören. Von deinem Urlaub am Attersee hab ich ihm auch erzählt. Und als er seinen Job los war – und du so praktisch vor der Haustür seiner Eltern … quasi am Silbertablett … da ist er offenbar auf dumme Gedanken gekommen.“

Laura schüttelte den Kopf und biss auf ihre Fingerknöchel, während sie nach draußen ins Dunkle sah: „So ein Schwein!“

Kurz vor Rosenheim klingelte das Handy erneut. „Hasan“ leuchtete auf dem Display.

„Laszlo, wo ist mein Geld?“, dröhnte eine Bassstimme aus dem Lautsprecher, „die gesamte Kohle von heute ist weder im Safe noch beim Werttransporter!“

Laszlo blieb ruhig: „Grüß dich, Hasan.“

Die Ausfahrt Rosenheim sauste an ihnen vorbei, die Wegweiser leiteten sie jetzt zum Inntaldreieck.

„Ich weiß. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Es war ein Notfall.“ Er wechselte auf die rechte Spur und ordnete sich hinter einen Passat ein. „Meine Freundin ist entführt worden.“

„Was?“

„Ja. Ich musste Lösegeld zahlen. Aber keine Angst: Sie ist frei, die Polizei hat den Entführer bald, und dann bekommst du dein Geld zurück.“

„Das darf doch nicht wahr sein!“

„Doch. Du kennst den Kerl sogar. Marco Lechner.“

Es dauerte eine Weile, bis Hasan reagierte: „Den ich gefeuert hab vor vier Wochen?“

„Genau der. Ich hab ihn erkannt. Und seine Heimatadresse stand in der Personalakte, also konnte ich der Polizei sogar sagen, wo sie hin müssen.“

„Aber … wieso hast du das Geld genommen und bezahlt? Du hättest mir Bescheid sagen können und die Polizei vorher holen!“, rief Hasan.

„Wer weiß, was er dann in seinem Bootshaus mit Laura gemacht hätte“, antwortete Laszlo. Er sagte Hasan noch zu, die Frühschicht am Montag zu übernehmen, dann legte er auf.

Es war noch ein Kilometer bis zum Inntaldreieck. Laura drehte sich auf ihrem Sitz um zu ihm: „Aber wenn Lechner kein Lösegeld bekommen hat … und Hasan sagt, dass ihm die ganzen Tageseinnahmen fehlen … wo ist denn dann die Kohle?“

Geradeaus ging es zurück nach München, rechts führte die Abzweigung nach Innsbruck, Brenner, Verona.

Laszlo deutete nach hinten: „Im Kofferraum. In einer zweiten blauen Sporttasche.“

Laura schlug die Hand vor den Mund: „Um Gottes willen! Und was machen wir jetzt?“

„Urlaub“, lachte Laszlo, „ganz lang Urlaub. Genug Geld haben wir ja.“

Er setzte den rechten Blinker und bog ab.
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silke-k-weiler
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BeitragVerfasst am: 12.02.2019 15:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

finde ich viel besser! Was mir jetzt auffällt:
nicolailevin hat Folgendes geschrieben:

Die Seitentür ging auf und ein Mann trat ins Freie. Er blinzelte in die Sonne, sein Gesicht sah nicht viel älter aus als Ende zwanzig, aber das dunkle Haar an seiner Stirn begann sich schon zu lichten.

Vor der Tür stand rauchend eine junge Frau in der Arbeitsuniform von McDonald’s: „Hi! Na? Schon Feierabend?“...

Der Beginn ist zu abrupt. Ich würde schon noch Bezug auf den Wagen nehmen. Und vor welcher Tür steht die Frau? Vor der Seitentür? Vor einer anderen Tür?
nicolailevin hat Folgendes geschrieben:
„Sie … sie macht Urlaub … in Österreich. Am Attersee.“ Er blickte kurz in sein Telefon, dann deutete er unbestimmt mit dem Handy in der Hand in Richtung des Parkplatzes. „Du, ich muss! Ciao!“

Ich finde es viel praktischer auf mein Handy zu schauen Wink  (nicht böse gemeint). Den Hinweis auf Laura an dieser Stelle finde ich gut.
nicolailevin hat Folgendes geschrieben:
Der Sperrbildschirm zeigt das Porträt einer jungen Frau mit braunem Haar; als das Gerät in den Ruhemodus ging, verschwand das Bild und das Display wechselte auf schwarz.

Dieses Bild kommt jetzt erst richtig zur Geltung. Ist ein schönes Omen.
nicolailevin hat Folgendes geschrieben:
und Sie werden ein Pickerl brauchen

Tante Google sagt, das sei eine Plakette.Ich bekomme aber nicht mit, wie er sie einsetzt. Guckt da wer drauf und wenn ja, wie und wo? Oder verrät er sich mit dem Ausdruck als Österreicher? Könnte natürlich auch sein.
nicolailevin hat Folgendes geschrieben:
Kurz bevor sie bei ihm war, öffnete sie die Arme, sie bremste kaum ab, er musste sie auffangen, sie prallte auf ihn.
Der Satz gefällt mir noch nicht. Ich würde zwei daraus machen.

Was mir nach diesem Lesen unlogisch vorkommt, ist, dass der Protagonist den Entführer warnt, indem er ihm a. verrät, dass seine Identität aufgeflogen ist und b. ankündigt, die Polizei sei bereits unterwegs. Selbst als Anfänger wartet man nach solch einer Information nicht daheim ab, sondern gibt Fersengeld. Eine Lösung könnte ich mir z.B. so vorstellen, dass Laszlo den Anrufer eben nicht warnt, sondern dass es während des Telefonats beim Entführer an die Tür klopft. Laszlo könnte dann so etwas sagen wie: "Oh, lass mich raten. Kann es sein, dass die Polizei vor deiner Tür steht ... Lechner?" (Jetzt mal in platt und ungeschliffen).

Ich würde auch darauf verzichten:
nicolailevin hat Folgendes geschrieben:
Er sagte Hasan noch zu, die Frühschicht am Montag zu übernehmen, dann legte er auf.

Hasan ist mir zu entspannt. Seine Tageseinnahmen sind weg - bei aller Liebe, aber das ist schon ein starkes Stück, Entführung hin oder her. Warum bricht Laszlo das Gespräch nicht ab? Verbindung wird plötzlich schlecht ... Hasan, ich hör dich nicht mehr? Hasan? Hasan??

Auf jeden Fall hat der Text meiner Ansicht nach gewonnen und die von dir beabsichtige Gaunerkomödie kommt deutlicher zum Vorschein.

Liebe Grüße
Silke
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silke-k-weiler
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BeitragVerfasst am: 12.02.2019 18:04    Titel: Antworten mit Zitat

silke-k-weiler hat Folgendes geschrieben:

Was mir nach diesem Lesen unlogisch vorkommt, ist, dass der Protagonist den Entführer warnt, indem er ihm a. verrät, dass seine Identität aufgeflogen ist und b. ankündigt, die Polizei sei bereits unterwegs. Selbst als Anfänger wartet man nach solch einer Information nicht daheim ab, sondern gibt Fersengeld. Eine Lösung könnte ich mir z.B. so vorstellen, dass Laszlo den Anrufer eben nicht warnt, sondern dass es während des Telefonats beim Entführer an die Tür klopft. Laszlo könnte dann so etwas sagen wie: "Oh, lass mich raten. Kann es sein, dass die Polizei vor deiner Tür steht ... Lechner?" (Jetzt mal in platt und ungeschliffen).


Muss mir gerade selbst widersprechen. Vergiss den zitierten Teil oben, da habe ich nicht gründlich genug nachgedacht bzw  zu unkonzentriert gelesen. Rückblickend passt es doch. Aber bei meinem Kommentar zu Hasan bleibe ich. Der Satz: Er sagte Hasan noch zu, die Frühschicht am Montag zu übernehmen, dann legte er auf. ist mir noch etwas zu lapidar als Abschluss dieses Telefonats. Ein Vorgaukeln von Verbindungsproblemen natürlich auch. Vllt könnte sich Hasan langsam beruhigen und ich bin als Leser dabei, wenn sie für den kommenden Tag eine Verabredung treffen, während Laszlo an die Abzweigung nach Verona kommt.

Viele Grüße
Silke
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