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Bremer Regen


 

 
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Lexi77
Schreiberassi


Beiträge: 39



BeitragVerfasst am: 17.11.2017 01:00    Titel: Bremer Regen eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi @ all,
ich würde mich sehr über Feedback freuen, die Geschichte spielt im (Fußball)Jahr 2003/2004 in Bremen, hat etwas Lokalkolorit.
Feuer frei Smile


In Bremen hatte es schon seit Tagen gegossen wie aus Eimern. Ich war über eine Stunde durchs Viertel gelaufen und völlig durchnässt, als ich an einem Juliabend das Eulenstein betrat, meine Jacke an die übervolle Garderobe hängte und Ausschau nach meinen Freunden hielt.
Sie saßen am Tresen und nach ihrem Lärmpegel zu urteilen bereits mindestens beim fünften Bier.
 
Ich setzte mich auf den Barhocker neben Gaby und orderte mit einem Kopfnicken ein Becks vom Fass und einen Grappa bei Ilonka, der Wirtin.
„Das ist doch die Höhe“, ereiferte sich Ratte gerade, „diese ganzen Politikerschweine erhöhen sich mal eben die Diäten auf 7000 Euro, und die Arbeitslosen können in Zukunft ihre Zahnfüllungen im Pfandhaus verscherbeln um über die Runden zu kommen.“
„Bitte nicht, Ratte, “ sagte ich, „bitte verschon uns wenigstens heute Abend mit deinen düsteren Szenarien.“
Der glasige Blick von Ulf und Gaby verriet mir, dass Ratte schon seit geraumer Zeit vor sich hin räsonierte während er immer wieder argwöhnische Blicke auf die Garderobe warf um sicherzugehen, dass seine Replay-Lederjacke noch da war.
 „Ist ja mal wieder typisch! Du sitzt warm und trocken im öffentlichen Dienst, und der Rest kann sehen wo er bleibt!“ schnauzte Ratte mich an. „Im Gegenteil, du freust dich wahrscheinlich noch darüber, dass du deinen Leuten in Zukunft die Daumenschrauben noch enger ziehen kannst.“
Ich verdrehte innerlich die Augen. Rattes Idealismus erstreckte sich auf alles: Globalisierung, Gen-Food, soziale Gerechtigkeit, Tierversuche und die geplante Erhebung von Studiengebühren. Seit er die 25 überschritten hatte war er allerdings weniger damit beschäftigt bei Demonstrationen Polizisten anzupöbeln sondern Politikstudentinnen im ersten Semester in sein Bett zu quatschen.
„Möllemann ist auch tot“, sagte Ulf in die plötzliche Stille. Ratte sah ihn fassungslos an und Ulf wechselte schnell das Thema.
„Findet ihr nicht auch, dass unsere Elke etwas müde aussieht.“ „Erstens, “ versetzte ich“, bin ich nicht eure Elke, zweitens ist es äußerst unhöflich einer Frau zu sagen sie sehe müde aus, was nur ein Synonym für scheiße ist und drittens, “
Glücklicherweise fiel mir Gaby in diesem Moment ins Wort, bevor ich Ulf restlos zur Schnecke machen konnte
„Also, ich finde“, sagte sie, “ Elke sieht müde sondern nur etwas blass aus, was sich mit ein wenig Unterstützung von Tante Gabys Erste-Hilfe-Box schnell beheben lässt.“
„Können wir eventuell über etwas anderes reden als über den Zustand meiner Epidermis?“ fragte ich, während Ilonka mir das Bier hinstellte. Als der Grappa kam stürzte ich ihn in einem Zug hinunter.
„Du siehst, Täubchen,“ sagte Ratte zu Gaby, „dass Elke ihre Erste Hilfe schon bekommen hat. Macht deine Malversuche überflüssig.“
Ratte nannte Gaby immer Schätzchen oder Täubchen, manchmal auch Liebelein; er hatte 2 Semester in Köln studiert. Diese Spitznamen hatten ihm schon öfter die Androhung „was aufs Maul zu kriegen“ von Gabys (meist testosteronvernebelten) Freunden eingebracht, die er dann mit Hilfe seiner Fähigkeit Leute in Grund und Boden zu Labern bisher immer im Keim erstickt hatte.

Der Grappa schmeckte. Ich trank einen Schluck Bier und dachte darüber nach, was mich vor einer Stunde dazu gebracht hatte fluchtartig meine Wohnung zu verlassen und mein Heil in der Flucht, oder präziser gesagt in meiner Stammkneipe zu suchen.
Das „Eulenstein“, wo wir uns im Schnitt drei- bis viermal pro Woche einfanden hatte seinen ganz eigenen Charme.
Zu schäbig um bei der selbsternannten High Society en vogue zu sein, zu alternativ für die bürgerliche Mitte (Ulf was der einzige BWL-Student den wir kannten der das Eulenstein regelmäßig frequentierte) und zu intellektuell für die durchschnittlichen Hansa-Pils und Jägermeister-Trinker, die das Fehlen eines Daddelautomaten schmerzlich vermissten und ihr Glück woanders suchten.
Wir liebten das Eulenstein; wir liebten das durchgesessene Ostfriesensofa in der Ecke und die lange hölzerne Theke, die Generationen von Eulensteinbesuchern mit ihren Ellenbogen blank gescheuert hatten.
Und nicht zuletzt liebten wir Ilonka, die Wirtin, die zwar ab und zu statt dem bestellten Grappa Wodka oder Ouzo brachte, sich aber dann auch konsequent zu unseren Gunsten verrechnete, wenn es ans Bezahlen ging.

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MoL
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Das bronzene Stundenglas


BeitragVerfasst am: 18.11.2017 14:19    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Lexi77!

Dein Schreibstil gefällt mir, hier ein paar Anmerkungen:

- Manchmal schreibst Du
„Möllemann ist auch tot“,
manchmal
„Du siehst, Täubchen,“ sagte Ratte zu Gaby
und dann wieder
„Können wir eventuell über etwas anderes reden als über den Zustand meiner Epidermis?“ fragte ich
Die ERSTE und NUR die erste Variante ist richtig - gewöhne Dir da bitte entsprechende Sorgfalt an!

- Die ersten beiden Absätze sind gut, der dritte ist mir dann aber etwas langatmig; eine Kneipe, mit deren Klientel man sich selbst identifiziert als "intellektuell" zu bezeichnen, empfinde ich als gewagt; zumindest bei mir erzeugt so etwas Unsympathien für die Protagonistin.

- Bemerkungen in Klammern würde ich weglassen oder zwischen Spiegelstriche fassen.

- Allgemein viele Kommafehler bzw. fehlende Kommas.

Ich mag Deinen Schreibstil und die Lebendigkeit Deiner Dialoge. Leider weiß ich überhaupt nicht, wo der Text hingehen soll? "ChickLit", Krimi, Selbstfindung? Was immer Du vor hast, es sollte schnell passieren, sonst läuft der Text Gefahr, belanglos vor sich hinzuplätschern. Hast Du mehr?

Liebe Grüße,
MoL


_________________
"Hexenherz - Eisiger Zorn", acabus Verlag, Februar 2017.
"Die große acabus-Jubiläumsanthologie", acabus Verlag, Oktober 2018.
"Hexenherz - Glühender Hass", acabus Verlag, Januar 2019.
NEU - NEU - NEU:
"Die Tote in der Tränenburg", Alea Libris, Oktober 2019.
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Lexi77
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BeitragVerfasst am: 18.11.2017 16:19    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielen Dank für dein Feedback. Die Kommaproblematik gibt es bei mir schon länger. Ich bemühe mich daran zu arbeiten.
Danke auch für den Hinweis mit der wörtlichen Rede. Ich mir gestern die Probeversion von Patchwork heruntergeladen und das Programm hat besonders an diesen beiden Punkten auch mit mir geschimpft Embarassed
Die Beschreibung sollte ich vielleicht nochmal überarbeiten. Eigentlich ist der Text viel länger,  ich hatte mich jetzt an die gewünschte Länge gehalten, die in den Regeln zum Einstellen von Texten angegeben war. Aber bevor ich den Rest einstelle, muss ich da wohl nochmal ran.....
Schönes Wochenende!
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Canyon
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BeitragVerfasst am: 18.11.2017 16:46    Titel: Antworten mit Zitat

Hey Lexi77 smile

Mir hat dein Textauszug sehr gefallen. Ich mag deinen Schreibstil. Übrigens war mir am Anfang gar nicht klar, dass der Protagonist eigentlich eine Protagonistin ist. Die Art und Weise wie sie die Kneipe betritt und ihre Getränke ordert ist so wunderbar untypisch für eine Frau (zumindest, wenn man von den gängigen Klischees ausgeht) - ich liebe das! Und das macht sie für mich auch direkt sympathisch.
Auch die anderen Charaktere sind für meinen Geschmack gut gezeichnet.
Eine meiner Liebingstellen:

Zitat:
„Möllemann ist auch tot“, sagte Ulf in die plötzliche Stille. Ratte sah ihn fassungslos an und Ulf wechselte schnell das Thema.

Ich hab so gelacht! smile extra

Was ich auch immer toll finde, ist wenn so ganz "banale" Sachen in einer Geschichte erwähnt werden, wie zum Beispiel:

Zitat:
Der Grappa schmeckte. Ich trank einen Schluck Bier und dachte darüber nach, was mich vor einer Stunde dazu gebracht hatte fluchtartig meine Wohnung zu verlassen und mein Heil in der Flucht, oder präziser gesagt in meiner Stammkneipe zu suchen.


Oder auch:

Zitat:
Und nicht zuletzt liebten wir Ilonka, die Wirtin, die zwar ab und zu statt dem bestellten Grappa Wodka oder Ouzo brachte, sich aber dann auch konsequent zu unseren Gunsten verrechnete, wenn es ans Bezahlen ging.


Insgesamt hat mich dein Text also sehr gut unterhalten und auch wenn ich ihn eigentlich schon gut finde so wie er ist, würde mich dennoch die längere Version interessieren. Bei der vorgegeben Wortzahl für Forenbeiträge ist ja noch Luft nach oben.
smile


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Lexi77
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BeitragVerfasst am: 18.11.2017 19:14    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielen Dank!
Der Text ist nicht eigentlich länger, sondern der nächste Teil fehlt. Ich werde die Tage mal ran gehen und schauen ob ich ihn -zumindest- fehlerfrei hier eingestellt bekomme.
Lieben Gruß,
Lexi
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Canyon
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BeitragVerfasst am: 18.11.2017 23:37    Titel: Antworten mit Zitat

Lexi77 hat Folgendes geschrieben:

Der Text ist nicht eigentlich länger, sondern der nächste Teil fehlt.


Ups, dann habe ich das missverstanden, Tschuldigung! Embarassed Aber - ich freue mich auf die Fortsetzung!


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Lexi77
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BeitragVerfasst am: 22.11.2017 00:22    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielen Dank nochmal für Euer Feedback, hier kommt Teil zwei von drei. Ich hatte kurz überlegt den ganzen Rest einzustellen, der mir dann aber doch zu lang erschien. Wird aber gern nachgereicht, falls Interesse besteht.
Ich habe mich sehr bemüht, etwas sorgfältiger mit der Zeichensetzung umzugehen. Kommata sind leider nicht meine Stärke. Ich hoff, ich habe nicht zu viel übersehen.

-----------------

Ulf und Ratte waren mittlerweile dazu übergegangen mithilfe von Erdnüssen, die Ilonka uns in Kaffeetassen servierte die Aufstellung von Werder Bremen für die nächste Saison zu planen, die Corrs sangen »Runaway« und plötzlich war ich furchtbar traurig.
»Wie kommt es«, fragte ich Gaby, die gerade damit beschäftigt war einen ihrer zahllosen Verehrer per sms bei der Stange zu halten, »dass jedes Mal wenn eigentlich alles rund läuft, etwas kommt, wo man das Gefühl hat, das einem das komplette Universum ans Bein pinkeln will?« »Wie kommt es«, fragte sie zurück, »dass du jedes Mal deinen Weltschmerz pflegst, wenn etwas passiert, was dir nicht passt?«
Ich schwieg, weil ich wusste, dass Gaby recht hatte. Wie konnte ich von ihr erwarten meine übliche schlechte Laune, an der ich meine Umwelt nur zu gern teilhaben ließ, von der schlechten Laune zu unterscheiden, die von Hiobsbotschaften herrührte.
»Hast ja recht«, sagte ich, und angelte mir mit der Linken eine Zigarette aus Ulfs halbvoller Prince-Denmark-Schachtel, in der er aus kosmetischen Gründen seine Malboro Lights versteckte.
»Typisch!« Über Gabys hübschem Stupsnäschen bildeten sich zwei steile Zornesfalten, die sie für Sekunden vom niedlichen Twen in eine ernst zu nehmende Erwachsene verwandelten. »Du tust mal wieder so, als könnte dich niemand in deinem Elend verstehen. Entweder du sagst, was los ist oder du lässt es bleiben. Aber tu nicht so als könnte man mit mir nicht diskutieren, so nach dem Motto: mit Gaby spricht man nicht über die Auswirkungen des Euros auf den amerikanischen Markt oder die nordkoreanische Rüstungspolitik; Gaby fragt man wenn man nicht weiß wie man sich einen Pickel ausdrückt.«
»Ich habe dich gefragt«, erinnerte ich sie und warf mir eine Handvoll Erdnüsse in den Mund, »und der Eurokurs, beziehungsweise die nordkoreanische Rüstungspolitik sind mir im Moment scheißegal.«
Einigermaßen besänftigt strich sich Gaby eine Strähne aus dem Gesicht. Diese Geste schien den Mann am Nebentisch so zu verwirren, dass er seine Kippe statt in den Aschenbecher in sein halb volles Weinglas warf.
Ratte, der gerade einen herzhaften Schluck von seinem Bier genommen hatte, entging diese nonverbale Kneipenkommunikation natürlich nicht. Zum Entsetzen von Ilonka und einiger jüngerer Kneipengäste brach er röhrend zusammen, während ihm das Bier aus der Nase lief.
Der Gast am Nebentisch, der plötzlich alle Blicke auf sich gerichtet fühlte, zahlte hastig und ging- immer noch begleitet von Rattess Grölen und Schnauben, dass sogar eine brünstige Elchkuh in die Flucht geschlagen hätte.
Gaby zog missbilligend die gezupften Augenbrauen hoch und sagte: »Mit dem kann man auch nirgendwo hingehen, also was wolltest du fragen?«
Ulf, der gerade noch mit verklärtem Blick die kleine, dicke Erdnuss betrachtet hatte, die Bremens Stürmer Ailton darstellte, unterbrach sie, legte mir die Hand auf den Arm und sah mich treuherzig an. »Du, Elke« er seufzte, »wann kann ich denn mit der nächsten Lieferung rechnen?«
In unregelmäßigen Abständen überließ ich Ulf alte Hausarbeiten und Referate, die er seinen Eltern präsentierte, wenn diese sporadisches Interesse an seinem Studium bekundeten. Im Gegenzug kümmerte er sich um alle Reparaturen bei meinem kleinen Auto, seit der Mechaniker in hilfloses Lachen ausgebrochen war als ich auf seine Frage: »Was für ein Auto haben Sie denn?« »Ein blaues.« geantwortet hatte.
Ich schüttelte unwillig den Kopf. »Eines Tages wirst du ihnen sagen müssen, dass du nicht der neue Steiner sonder eher der kommende Peter Hartz bist. Außerdem hasse ich es, wenn du immer von Lieferung sprichst, als wär ich ein Dealer« »Also,« ich wandte mich wieder an Gaby, »was ich dich fragen wollte, war,« Ich brach ab als ich Ulf waidwunden Blick sah, bei dem ich nie hart bleiben konnte.
»Schon gut, schon gut«, resignierend hob ich die Hände. »Ich bring dir morgen ne alte Hausarbeit über die Bedeutung von ehrenamtlicher Arbeit vorbei.« Ulf strahlte. »Darauf fahren meine Alten bestimmt total ab.« Er klopfte Maik, dem immer noch die Tränen über das Gesicht liefen sacht auf den Rücken.
»Hör auf an mir rumzutätscheln«, stieß dieser zwischen zwei Schnaubern hervor und wischte Ulfs Hand von seiner Schulter.
»Sagst du mir jetzt endlich, was los ist?« schaltete sich Gaby wieder ein. »Wenn du ein Problem hast, dann sprich mit mir!« »
Probleme«, röchelte Ratte, »wer hat Probleme?«
»Elke, » erwiderte Gaby, »aber sie will mir nicht sagen was los ist.«
»Elke hat Probleme, Elke hat Probleme«, singsangte Ulf und schwenkte dabei sein Glas in meine Richtung.
Jetzt hatte ich die Faxen dicke.

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Canyon
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BeitragVerfasst am: 22.11.2017 01:07    Titel: Antworten mit Zitat

Huhu! smile
Schön, dass es weiter geht! Habe wieder mit großer Freude gelesen. Ein bisschen muss ich aber trotzdem drin rumschmieren. Aber wirklich nur ein bisschen ...


Lexi77 hat Folgendes geschrieben:

Ulf und Ratte waren mittlerweile dazu übergegangen mithilfe von Erdnüssen, die Ilonka uns in Kaffeetassen servierte die Aufstellung von Werder Bremen für die nächste Saison zu planen, die Corrs sangen »Runaway« und plötzlich war ich furchtbar traurig. (Großartiger Satz, mit dieser Wende am Ende!)
»Wie kommt es«, fragte ich Gaby, die gerade damit beschäftigt war einen ihrer zahllosen Verehrer per sms (SMS nicht eher groß?) bei der Stange zu halten, »dass jedes Mal, wenn eigentlich alles rund läuft, etwas kommt, wo man das Gefühl hat, dass einem das komplette Universum ans Bein pinkeln will?« (Absatz)
»Wie kommt es«, fragte sie zurück, »dass du jedes Mal deinen Weltschmerz pflegst, wenn etwas passiert, was dir nicht passt?«
Ich schwieg, weil ich wusste, dass Gaby recht hatte. Wie konnte ich von ihr erwarten meine übliche schlechte Laune, an der ich meine Umwelt nur zu gern teilhaben ließ, von der schlechten Laune zu unterscheiden, die von Hiobsbotschaften herrührte?
»Hast ja recht«, sagte ich, und angelte mir mit der Linken eine Zigarette aus Ulfs halbvoller Prince-Denmark-Schachtel, in der er aus kosmetischen Gründen seine Malboro (Marlboro) Lights versteckte.
»Typisch!« Über Gabys hübschem Stupsnäschen bildeten sich zwei steile Zornesfalten, die sie für Sekunden vom niedlichen Twen in eine ernst zu nehmende Erwachsene verwandelten. »Du tust mal wieder so, als könnte dich niemand in deinem Elend verstehen. Entweder du sagst, was los ist oder du lässt es bleiben. Aber tu nicht so als könnte man mit mir nicht diskutieren, so nach dem Motto: mit Gaby spricht man nicht über die Auswirkungen des Euros (Euro) auf den amerikanischen Markt oder die nordkoreanische Rüstungspolitik; Gaby fragt man, wenn man nicht weiß wie man sich einen Pickel ausdrückt.«
»Ich habe dich gefragt«, erinnerte ich sie und warf mir eine Handvoll Erdnüsse in den Mund, »und der Eurokurs, beziehungsweise die nordkoreanische Rüstungspolitik sind mir im Moment scheißegal.«
Einigermaßen besänftigt strich sich Gaby eine Strähne aus dem Gesicht. Diese Geste schien den Mann am Nebentisch so zu verwirren, dass er seine Kippe statt in den Aschenbecher in sein halb volles Weinglas warf. ( Laughing )
Ratte, der gerade einen herzhaften Schluck von seinem Bier genommen hatte, entging diese nonverbale Kneipenkommunikation natürlich nicht. Zum Entsetzen von Ilonka und einiger jüngerer Kneipengäste brach er röhrend zusammen, während ihm das Bier aus der Nase lief. (statt zusammen, würde ich "brach ... in Gelächter aus" nehmen, unter Zusammenbrechen versteht man erstmal etwas anderes - trotzdem aber ein sehr lustiges Bild)
Der Gast am Nebentisch, der plötzlich alle Blicke auf sich gerichtet fühlte, zahlte hastig und ging- (vor und hinter dem Bindestrich immer ein Leerzeichen setzen) immer noch begleitet von Rattess Grölen und Schnauben, dass sogar eine brünstige Elchkuh in die Flucht geschlagen hätte.
Gaby zog missbilligend die gezupften Augenbrauen hoch und sagte: »Mit dem kann man auch nirgendwo hingehen, (würde hier einen Punkt setzen und die Frage in einem neuen Satz beginnen) also was wolltest du fragen?«
Ulf, der gerade noch mit verklärtem Blick die kleine, dicke Erdnuss betrachtet hatte, die Bremens Stürmer Ailton darstellte, unterbrach sie, legte mir die Hand auf den Arm und sah mich treuherzig an. »Du, Elke« er seufzte, »wann kann ich denn mit der nächsten Lieferung rechnen?«
In unregelmäßigen Abständen überließ ich Ulf alte Hausarbeiten und Referate, die er seinen Eltern präsentierte, wenn diese sporadisches Interesse an seinem Studium bekundeten. Im Gegenzug kümmerte er sich um alle Reparaturen bei (an) meinem kleinen Auto, seit der Mechaniker in hilfloses Lachen ausgebrochen war als ich auf seine Frage: »Was für ein Auto haben Sie denn?« »Ein Blaues.« geantwortet hatte.
Ich schüttelte unwillig den Kopf. »Eines Tages wirst du ihnen sagen müssen, dass du nicht der neue Steiner sonder eher der kommende Peter Hartz bist. Außerdem hasse ich es, wenn du immer von Lieferung sprichst, als wär ich ein Dealer« »Also,« ich wandte mich wieder an Gaby, »was ich dich fragen wollte, war ... « Ich brach ab als ich Ulfs waidwunden Blick sah, bei dem ich nie hart bleiben konnte.
»Schon gut, schon gut«, resignierend hob ich die Hände. »Ich bring dir morgen ne alte Hausarbeit über die Bedeutung von ehrenamtlicher Arbeit vorbei.« Ulf strahlte. »Darauf fahren meine Alten bestimmt total ab.« Er klopfte Maik (wer ist Maik?) , dem immer noch die Tränen über das Gesicht liefen, sacht auf den Rücken.
»Hör auf an mir rumzutätscheln«, stieß dieser zwischen zwei Schnaubern hervor und wischte Ulfs Hand von seiner Schulter (sie ist doch auf dem Rücken ... ).
»Sagst du mir jetzt endlich, was los ist?« schaltete sich Gaby wieder ein. »Wenn du ein Problem hast, dann sprich mit mir!« »
Probleme«, röchelte Ratte, »wer hat Probleme?«
»Elke, » erwiderte Gaby, »aber sie will mir nicht sagen was los ist.«
»Elke hat Probleme, Elke hat Probleme«, singsangte Ulf und schwenkte dabei sein Glas in meine Richtung.
Jetzt hatte ich die Faxen dicke.


Die paar Kleinigkeiten, die mir aufgefallen sind, haben das Lesevergnügen nicht wirklich trüben können. Du hast eine sehr angenehme und spontane Art humorvolle Szenen zu zeichnen, die deine Figuren in einem sympathischen und natürlichen Licht erscheinen lassen. Man hat das Gefühl mit ihnen zusammen am Tisch zu sitzen und einfach dazu zu gehören. Das gefällt mir ausgesprochen gut. Außerdem heißt mein bester Freund mit Spitznamen "Ulf", das macht es irgendwie doppelt witzig. Cool


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Lexi77
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BeitragVerfasst am: 22.11.2017 19:15    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Lieber Canyon,
nochmal danke für dein Feedback. Jetzt hatte ich den Text schon mehrfach gelesen und es waren immer noch Fehler drin Rolling Eyes . Klarer Fall von Betriebsblindheit. Deine Anmerkungen finde ich sehr hilfreich und das dir meine Figuren sympathisch sind freut mich.
An dem "brach zusammen" werde ich vermutlich festhalten, für mich ist die Formulierung stimmig. Aber da gibt es vielleicht auch regionale Unterschiede. Wo kommst du denn her?
Jetzt ist mein Ehrgeiz geweckt, Teil 3 möglichst fehlerfrei einzustellen.
Lieben Gruß,
Lexi
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Canyon
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BeitragVerfasst am: 22.11.2017 19:53    Titel: Antworten mit Zitat

Hey!
Ich glaube die berühmte Betriebsblindheit für eigene Texte kennt jeder Autor. Aber dafür hat man ja die Testleser, damit die die letzten Reste aufspüren können. smile

Lexi77 hat Folgendes geschrieben:

An dem "brach zusammen" werde ich vermutlich festhalten, für mich ist die Formulierung stimmig. Aber da gibt es vielleicht auch regionale Unterschiede. Wo kommst du denn her?

Ja, lass es auf jeden Fall so, wenn es dir besser gefällt. Im Endeffekt hätte ich auch gar kein Problem damit, wenn ich das so in einem Text lesen würde, am Ende des Satzes war ja ohnehin klar wie es gemeint ist. Nur am Anfang verwirrte es (mich) etwas. Natürlich kenne ich die Formulierung "Ich brech' zusammen!" - im Umgangssprachlichen, wenn jemand vor Lachen nicht mehr kann. Innerhalb des Erzähltextes schien es mir nur auf den ersten Blick unpassend, aber das ist definitiv Meckern auf hohem Niveau. Laughing
Ich komme übrigens aus Nord-Hessen.


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Lexi77
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BeitragVerfasst am: 24.11.2017 00:29    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Lieber Canyon ( und natürlich alle anderen)
Blaustift raus, hier kommt Teil drei.

@Canyon: Maik ist Rattes richtiger Name; es ist immer wieder verrückt, wie man als Schreiber davon ausgeht, dass die Leser alles wissen, was man selbst weiss..., gell Very Happy

@all: leider weiß ich nicht ob es hier im Forum Usus ist auch die korregierte Fassung einzustellen. Wenn ich gegen ungeschriebene Gesetzte vertoßen habe... sorry

Und jetzt geht´s weiter


Ich sprang auf und stürzte in Richtung der Toiletten, ohne mich darum zu kümmern, dass mein Hocker mit lauten Krachen hinter mir auf dem Boden aufschlug.
Im Damen-WC drückte ich meine Stirn gegen die kalten Fliesen und versuchte die Fassung wiederzugewinnen.
Die Toilettentür öffnete sich. Gaby kam herein, in der einen Hand meinen verschrammten Lederbeutel und in der anderen einen doppelten Grappa, den sie mir in die Hand drückte.
»Also«, sagte sie und schwang sich auf die Heizung, »was ist los?«
»Musst du nicht noch irgendwo ein paar Herzen brechen?«, schnauzte ich sie an. Ich hatte endgültig die Lust verloren mir jemandem zu sprechen.
»Das kann warten«, konterte sie und stellte sich vor dem Spiegel in Pose. Nach einer Minute eisigem Schweigen knickte ich ein.
»Stefan hat mich heute angerufen«, sagte ich und drehte das Grappaglas zwischen den Fingern hin und her.
»Die Lusche, die dir immer Bügelfalten in die Jeans gemacht hat?«, fragte sie, während sie vor dem Spiegel den Sitz ihres Stretchtops überprüfte, »Wollte er dir mal wieder irgendwelche Bücher empfehlen, die für dein berufliches Weiterkommen unverzichtbar sind?«
»Nein«, ich trank einen Schluck Grappa, »er heiratet.«
»Ist nicht wahr«, sagte Gaby und drehte sich zu mir um, »du willst mir doch nicht ernsthaft erzählen, dass diese gegelte Pappnase tatsächlich ne Dumme gefunden hat, die ihn heiratet.«
»Doch«, versetzte ich. »und die ist nicht nur dumm, sondern auch schwanger.«
 Achselzuckend wandte sich Gaby wieder dem Spiegel zu. »Schön für ihn, da kann er ja endlich seine Vorstellungen von einem biederen Familienleben verwirklichen. Sei froh, dass dieser Kelch an dir vorbeigegangen ist.« »Jaja«, ich lachte zitterig, »gut für ihn, gut für mich, gut für alle.« Ich nahm meinen Lederbeutel, den Gaby an der Wand abgestellt hatte und legte die Hand auf die Klinke.
»Wir telefonieren.«
»Warte mal«, Gaby hielt mich am Ärmel fest. »Bist deshalb so mies drauf?« »Na ja«, ich schluckte, »ich weiß es ist saublöd, aber ich muss die ganze Zeit daran denken, dass ich das hätte sein können, dass ich jetzt schwanger und gut versorgt zu Hause sitzen und irgendwas häkeln könnte, Socken oder so.«
Gaby lachte laut und herzlich und nahm mich in den Arm. »Ach, Elke«, sie drückte mich an sich und ich spürte, wie ihr Oberkörper bebte. »Du hast wirklich Talent dazu dir selbst Haare in die Suppe zu bürsten. Würdest du jetzt lieber mit einem diplomierten Langweiler vor der Zentralheizung sitzen und deinen nächsten Urlaub an die Mosel planen? Außerdem hasst du Handarbeiten!«
»Vielleicht ist es genau das«, brach es aus mir heraus, »vielleicht war er meine letzte Chance auf eine einigermaßen normale Beziehung. Ich meine », fahrig wischte ich mir mit dem Ärmel meines Sweatshirts über die Augen«, schau dir doch mal mein Leben an:
Ich arbeite mit Jugendlichen, denen man beibringt, dass man seinem Meister nichts auf die Mappe haut, wenn der einem blöd kommt, und sie tun es dann doch. Ich lebe in einer eingestaubten Wohnung voller vertrockneter Pflanzen und einer Katze, die dreimal die Woche hinter den Fernseher kotzt. Meine Abende verbringe ich damit, mit meinem Arsch die Barhocker im Eulenstein zu polieren und mit euch auszudiskutieren ob, die neuen Star Trek-Folgen besser sind als die alten. Und samstags, wenn jeder normale Mensch seine Wohnung entmüllt und einkaufen geht, brülle ich mir mit vierzigtausend anderen Idioten im Stadion die Lunge aus dem Leib!«
Gaby sah mich an, zog ihre Hand zurück und nahm mir mein Grappaglas aus der Hand. »Wenn du so über dein Leben denkst, kann ich dir wirklich nur raten Stefan anzurufen und ihn anzuflehen nicht sie sondern dich zu heiraten.«
Ich verließ das Eulenstein durch den Hinterausgang. Um meinen Deckel und meine Jacke machte ich mir keine Gedanken. Ilonka würde beides an sich nehmen und gut verwahren.
Das Viertel war menschenleer, meine Schritte hallten auf dem Kopfsteinpflaster. Es hatte aufgehört zu regnen und sie dichte Wolkendecke war an einigen Stellen aufgerissen.
Ich passierte die Kreuzstraße und überquerte den Osterdeich. Als ich die Weser entlanglief, die silbern im Mondlicht schimmerte, drangen vom Bürgerhaus Weserterrassen Musik und Gelächter zu mir herüber.
Seufzend ließ ich mich auf eine Bank fallen und zündete mir eine Zigarette an. Ich legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen.
Plötzlich sah ich Stefan vor mir. Stefan, der immer versucht hatte, dass Bild, dass er von mir hatte in seinen Rahmen zu pressen, der nie verstanden hatte, warum ich nicht zu ihm ziehen wollte.
 Ich sah Stefan, wie er in meiner Küche saß und las, ausschließlich die Bücher, die auf der Spiegelbestellerliste standen und sich die wichtigsten Stellen mit einem Textmarker anstrich, ich sah ihn wie er meine Katze aus hygienischen Gründen, wie er es nannte, vom Sofa scheuchte und mit spitzen Fingern welke Petersilie aus meinem Kühlschrank fischte. Und mit einem Mal erinnerte mich wieder daran, wie erleichtert ich gewesen war als er mir den Schlüssel zu meiner Wohnung zurückgegeben hatte, wie er aus meinem Leben verschwunden war und nichts zurückgelassen hatte außer dem Geruch von Aronal und Elmex und einen Zeitungsstapel der Süddeutschen in meinem Flur.
Langsam stand ich auf und machte mich auf den Heimweg. Morgen würde ich Gaby anrufen, Ulf die Hausarbeit vorbeibringen und die Karten für das nächste Heimspiel abholen.
Aber vorher würde ich Stefan anrufen und ihm gratulieren.

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Canyon
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BeitragVerfasst am: 24.11.2017 02:20    Titel: Antworten mit Zitat

Lexi77 hat Folgendes geschrieben:

@Canyon: Maik ist Rattes richtiger Name; es ist immer wieder verrückt, wie man als Schreiber davon ausgeht, dass die Leser alles wissen, was man selbst weiss..., gell Very Happy


Ja, das hab ich mir schon gedacht, mein Kommentar sollte nur genau auf das hinweisen, was du schon selbst erkannt hast. Cool

Dann hau ich mal rein. Ist ja ohnehin ein Kinderspiel bei dir, so wenig wie es da zu beanstanden gibt.

Lexi77 hat Folgendes geschrieben:

Ich sprang auf und stürzte in Richtung der Toiletten, ohne mich darum zu kümmern, dass mein Hocker mit lautem Krachen hinter mir auf dem Boden aufschlug.
Im Damen-WC drückte ich meine Stirn gegen die kalten Fliesen und versuchte die Fassung wiederzugewinnen.
Die Toilettentür öffnete sich. Gaby kam herein, in der einen Hand meinen verschrammten Lederbeutel und in der anderen einen doppelten Grappa, den sie mir in die Hand drückte.
»Also«, sagte sie und schwang sich auf die Heizung, »was ist los?«
»Musst du nicht noch irgendwo ein paar Herzen brechen?«, schnauzte ich sie an. Ich hatte endgültig die Lust verloren mit jemandem zu sprechen.
»Das kann warten«, konterte sie und stellte sich vor dem Spiegel in Pose. Nach einer Minute eisigem Schweigen knickte ich ein.
»Stefan hat mich heute angerufen«, sagte ich und drehte das Grappaglas zwischen den Fingern hin und her.
»Die Lusche, die dir immer Bügelfalten in die Jeans gemacht hat?«, fragte sie, während sie vor dem Spiegel den Sitz ihres Stretchtops überprüfte. »Wollte er dir mal wieder irgendwelche Bücher empfehlen, die für dein berufliches Weiterkommen unverzichtbar sind?«
»Nein«, ich trank einen Schluck Grappa, »er heiratet.«
»Ist nicht wahr«, sagte Gaby und drehte sich zu mir um, »du willst mir doch nicht ernsthaft erzählen, dass diese gegelte Pappnase tatsächlich ne Dumme gefunden hat, die ihn heiratet.«
»Doch«, versetzte ich. »Und die ist nicht nur dumm, sondern auch schwanger.«
 Achselzuckend wandte sich Gaby wieder dem Spiegel zu. »Schön für ihn, da kann er ja endlich seine Vorstellungen von einem biederen Familienleben verwirklichen. Sei froh, dass dieser Kelch an dir vorbeigegangen ist.« »Jaja«, ich lachte zitterig, »gut für ihn, gut für mich, gut für alle.« Ich nahm meinen Lederbeutel, den Gaby an der Wand abgestellt hatte, und legte die Hand auf die Klinke.
»Wir telefonieren.«
»Warte mal«, Gaby hielt mich am Ärmel fest. »Bist deshalb so mies drauf?« »Na ja«, ich schluckte, »ich weiß es ist saublöd, aber ich muss die ganze Zeit daran denken, dass ich das hätte sein können, dass ich jetzt schwanger und gut versorgt zu Hause sitzen und irgendwas häkeln könnte, Socken oder so.« (  lol  )
Gaby lachte laut und herzlich und nahm mich in den Arm. »Ach, Elke«, sie drückte mich an sich und ich spürte, wie ihr Oberkörper bebte. »Du hast wirklich Talent dazu dir selbst Haare in die Suppe zu bürsten. Würdest du jetzt lieber mit einem diplomierten Langweiler vor der Zentralheizung sitzen und deinen nächsten Urlaub an die Mosel planen? Außerdem hasst du Handarbeiten!«
»Vielleicht ist es genau das«, brach es aus mir heraus. »Vielleicht war er meine letzte Chance auf eine einigermaßen normale Beziehung. Ich meine ... », fahrig wischte ich mir mit dem Ärmel meines Sweatshirts über die Augen. "Schau dir doch mal mein Leben an:
Ich arbeite mit Jugendlichen, denen man beibringt, dass man seinem Meister nichts auf die Mappe haut, wenn der einem blöd kommt, und sie tun es dann doch. Ich lebe in einer eingestaubten Wohnung voller vertrockneter Pflanzen und einer Katze, die dreimal die Woche hinter den Fernseher kotzt. Meine Abende verbringe ich damit, mit meinem Arsch die Barhocker im Eulenstein zu polieren und mit euch auszudiskutieren ob, die neuen Star Trek-Folgen besser sind als die alten. Und samstags, wenn jeder normale Mensch seine Wohnung entmüllt und einkaufen geht, brülle ich mir mit vierzigtausend anderen Idioten im Stadion die Lunge aus dem Leib!«
Gaby sah mich an, zog ihre Hand zurück und nahm mir mein Grappaglas aus der Hand. »Wenn du so über dein Leben denkst, kann ich dir wirklich nur raten Stefan anzurufen und ihn anzuflehen nicht sie sondern dich zu heiraten.«
Ich verließ das Eulenstein durch den Hinterausgang. Um meinen Deckel und meine Jacke machte ich mir keine Gedanken. Ilonka würde beides an sich nehmen und gut verwahren.
Das Viertel war menschenleer, meine Schritte hallten auf dem Kopfsteinpflaster. Es hatte aufgehört zu regnen und die dichte Wolkendecke war an einigen Stellen aufgerissen.
Ich passierte die Kreuzstraße und überquerte den Osterdeich. Als ich die Weser entlang lief, die silbern im Mondlicht schimmerte, drangen vom Bürgerhaus Weserterrassen Musik und Gelächter zu mir herüber.
Seufzend ließ ich mich auf eine Bank fallen und zündete mir eine Zigarette an. Ich legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen.
Plötzlich sah ich Stefan vor mir. Stefan, der immer versucht hatte, dass Bild, dass er von mir hatte, in seinen Rahmen zu pressen, der nie verstanden hatte, warum ich nicht zu ihm ziehen wollte.
 Ich sah Stefan, wie er in meiner Küche saß und las, ausschließlich die Bücher las, die auf der Spiegelbestellerliste standen und sich die wichtigsten Stellen mit einem Textmarker anstrich. Ich sah ihn wie er meine Katze aus hygienischen Gründen, wie er es nannte, vom Sofa scheuchte und mit spitzen Fingern welke Petersilie aus meinem Kühlschrank fischte. Und mit einem Mal erinnerte mich wieder daran, wie erleichtert ich gewesen war als er mir den Schlüssel zu meiner Wohnung zurückgegeben hatte, wie er aus meinem Leben verschwunden war und nichts zurückgelassen hatte, außer dem Geruch von Aronal und Elmex und einen Zeitungsstapel der Süddeutschen in meinem Flur.
Langsam stand ich auf und machte mich auf den Heimweg. Morgen würde ich Gaby anrufen, Ulf die Hausarbeit vorbeibringen und die Karten für das nächste Heimspiel abholen.
Aber vorher würde ich Stefan anrufen und ihm gratulieren.


Hihi, auch diesmal wieder fündig geworden! Laughing Aber hey, das war ja so wenig, dass es sich kaum gelohnt hat die Kappe vom Blaustift zu nehmen. Ich fühle mich total unterfordert! Nein ernsthaft, es war wieder absolut lesenswert. Und obwohl das irgendwie so gar nicht mein bevorzugtes Lesegenre zu sein scheint, schaffst du es trotzdem, dass ich dran bleibe und neugierig weiter schmökere. Wenn das mal keine Leistung ist! Wohow


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"Du bist, was du warst; und du wirst sein, was du tust."
(Buddha)
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Christof Lais Sperl
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Alter: 58
Beiträge: 423
Wohnort: Hangover
Der silberne Roboter


BeitragVerfasst am: 24.11.2017 07:37    Titel: @Lexi Antworten mit Zitat

Gerade eben zwischen Tür und Angel gelesen. Was soll man da noch sagen: Daumen hoch²

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Lais
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Lexi77
Schreiberassi


Beiträge: 39



BeitragVerfasst am: 24.11.2017 12:19    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielen lieben Dank für euer Feedback.
Ich wünsch euch ein schönes Wochenende.

Lexi
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