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Wie ein Spatz in der Hand


 
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MT
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 48
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Wohnort: Im Süden (Niedersachsens)


BeitragVerfasst am: 03.08.2012 15:13    Titel: Wie ein Spatz in der Hand eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Wie ein Spatz in der Hand


Wenn ich an meinen Vater denke, denke ich an sein Lachen. Wie er da saß, auf seinem Wohnzimmersofa, zufrieden nur durch die Anwesenheit seiner Familie. Etwas zurückliegend im Mund, an der linken Seite, tat sich die Lücke auf, die ein fehlender Zahn hinterlassen hatte. Wenn Vater lachte, also richtig herzhaft lachte, ging sein Lachen häufig in Husten über. Der kam von den Zigaretten, Reval ohne Filter. Manchmal bekam er keine Luft mehr. Ich schlug ihm mit der Hand auf den Rücken. Kleine Kinderhand auf breitem Kreuz. Dann nahm er mich in den Arm und ich roch seine Bierfahne.

In meiner Kindheit hieß das Wohnzimmer Stube. Wohnzimmer war für Städter. Am Sonntag gab es pünktlich um zwölf Uhr Mittagessen. Vater liebte Kartoffeln, Kartoffeln, die er in Bratensoße ertränkte und mit der Gabel zu einem Brei zermatschte. Dazu Spargel und Schweineschnitzel. Der Fernseher lief im Hintergrund, wir sahen viel fern damals, von früh bis spät war der Apparat angeschaltet. Presseschau oder Fernsehgarten. Später, als die ersten Privatsender dazukamen, gab es mittags oft Western mit Bud Spencer und Terence Hill. Meine sechs Jahre jüngere Schwester und ich konnten nicht genug davon bekommen.
Nachmittags gingen wir mit Vater zum Fußball. Unsere Dorfmannschaft spielte gut, zeitweise sogar in der Bezirksliga. Der Platz war eingefasst von rostigen Eisengeländern. Ein paar Männer gingen herum und kassierten von jedem Erwachsenen ein paar Mark Eintritt.
Wir Kinder sammelten Bierflaschen und lösten die Pfandgroschen ein. Von dem Geld kauften wir Süßigkeiten. Einmal, das war bei einem Aufstiegsspiel, hatte ich über zwanzig Mark zusammen. Ich zeigte es meinem Vater, und der war Stolz auf mich.
Am Rande des Fußballplatzes stand eine Holzbude, unter der ein paar Freiwillige von der Feuerwehr Bratwürste und Steaks grillten. Steak war teuer, ich glaube, eines kostete 3,50 Mark. Mein Vater liebte gegrilltes Fleisch, aber er gönnte sich keines. Wenn ich eines wollte, streichelte er mir über den Kopf und drückte mir ein Fünfmarkstück in die Hand. Anfangs, als ich vielleicht neun oder zehn Jahre alt war, aß ich mein Stück Fleisch allein auf. Als ich irgendwann begriff, wie wertvoll es war, gab ich Vater die Hälfte ab. Denke ich heute an diese Sonntagsnachmittagssteaks, Schweinenacken vom Holzkohlegrill, serviert auf einem Pappstreifen mit Ketchup und dreieckiger Toastbrotscheibe, geteilt mit meinem Vater, dann spüre ich, dass mit ihm ein Teil von mir ging.

Zur Einschulung schenkten mir meine Eltern einen Fischertechnikkasten. Graue Kunststoffsteine, die man ineinander schieben und zu Baggern oder Lastkränen aufbauen konnte. Ein Motor mit allerlei Zahnrädern war dabei, der Laster, den ich baute, konnte mit einer Batteriefernbedienung, die durch ein Kabel mit dem Fahrzeug verbunden war, gesteuert werden. Die Batterien waren schnell leer. Außerdem gaben sie nur wenig Strom, der Laster fuhr langsam. Also isolierte ich die Kabel an einem Ende ab und steckte die offenen Kupferdrähte in die Steckdose. Die Sicherung flog heraus, von einer Sekunde zur anderen war unsere gesamte Wohnung dunkel und kein elektrisches Gerät lief mehr. Mein Vater sprang zu mir ins Zimmer, eine Taschenlampe in der Hand. Er erkannte sofort, was los war. Da nahm ein die Kabel zur Hand, riss sie aus dem Kunststofflaster und zog sie mir mit einem heftigen Schlag über den Hintern. Er schrie, ob ich verrückt geworden sei. Dann verließ er mein Zimmer. Meine Mutter heulte. Es war das einzige Mal, dass er mich schlug.
Jahre später, wir saßen in der Stube und tranken zusammen Bier, erzählte er mir diese Geschichte, die ich längst vergessen hatte. Er begann zu weinen und bat mich um Entschuldigung. Er sagte, damals habe er mich tot gesehen, als plötzlich alles Licht ausgegangen war. Solche Angst habe er nie zuvor in seinem Leben gehabt.
 
Unsere Familie fuhr nicht in den Urlaub, bis auf ein einziges Mal. Meine Mutter hatte für uns alle ein Holzhaus an der Nordsee gemietet, im Etagenbett im Kinderzimmer schlief ich oben. Vater und ich gingen regelmäßig an der Eider angeln. Es waren warme Sommertage, an denen Vögel trällerten, Hunde bellten und Fahrradfahrer sich auf dem Deich, den wir zu überqueren hatten, mit dem Nordost und einem Dauerlächeln dahinrollern ließen.
Unsere Fangquote war miserabel. Eine kleine Schleie in zwei Tagen. Bis wir auf das Tau stießen, das neben uns ins Wasser führte. Vater zog daran, nervös, nach allen Seiten sichernd. Er schien zu wissen, was uns erwartete und als er weiter zog, wurde mit jedem Zentimeter sein Grinsen im Gesicht breiter. Wir hatten eine Aalreuse entdeckt. Die grauen, schlangenartigen Fische rekelten sich zuhauf in dem Taugeflecht. Ich holte unseren großen Eimer. Vater war außer Atem und auch ich spürte, wie sehr mein Herz schlug. Das sei verboten, sagte er, ich dürfe mit niemandem darüber sprechen. Hastig nickte ich.
Zurück im Ferienhaus öffneten wir unseren Eimer in der Badewanne. Die Aale glitten auf die weiße Emaille, versuchten emporzusteigen und fielen zurück. Schleim sonderten sie ab, die Bewegungen schmatzten wie Gummistiefel im Matsch. Mich überfiel eine Gänsehaut, die mich schütteln ließ.
Vater holte Salz. Das Salz streute er auf die sich bewegende graue Masse. Bald wurden die Bewegungen langsamer, die Schmatztöne ruhiger, bis nur noch ein einziger Schleimhaufen in der Badewanne lag und nach Meerwasser stank.
Am Abend saßen meine Schwester, meine Mutter, Vater und ich vor dem Haus auf der Veranda und grillten Aalstücke. Die vor Fett triefenden Finger und die glänzenden, zufriedenen Münder werde ich nie vergessen.

(wird fortgesetzt)



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Siegfried Lenz
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Dylan
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BeitragVerfasst am: 04.08.2012 17:49    Titel: - Antworten mit Zitat

Hi, ich bin nicht gut darin Feedback zu geben, aber ich möchte es dennoch versuchen. Der Text "Mein Vater" hat mir unterm Strich sehr gefallen. Am meisten wegen der poetischen Sprache und das Bild der zurückliegenden DM-Zeiten in Deutschland. Dieses Sittenbild von früher wird lückenlos geschildert und sorgt für eine immense Dichte des Texttes. Er ist sehr stimmig.

Was ich leider vermisse sind Dialoge. Liegt vielleicht an mir, dass ich sehr gerne Dialoge in Texte lese. Ich finde ein Dialog, egal ob lang oder kurz hätte der Geschichte nicht geschadet. Im Gegenteil, in Dialoge kann man sehr viel packen.
Dennoch leidet der Text nicht darunter und bleibt interessant. Meiner Meinung nach ein gelungenes Werk.


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MT
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BeitragVerfasst am: 06.08.2012 07:36    Titel: Re: - pdf-Datei Antworten mit Zitat

Moin Dylan,

Danke für Dein Feedback!

Dylan hat Folgendes geschrieben:
Der Text "Mein Vater" hat mir unterm Strich sehr gefallen. Am meisten wegen der poetischen Sprache und das Bild der zurückliegenden DM-Zeiten in Deutschland. Dieses Sittenbild von früher wird lückenlos geschildert und sorgt für eine immense Dichte des Texttes. Er ist sehr stimmig.

Schön, wenn das angekommen ist.

Zitat:
Was ich leider vermisse sind Dialoge. Liegt vielleicht an mir, dass ich sehr gerne Dialoge in Texte lese. Ich finde ein Dialog, egal ob lang oder kurz hätte der Geschichte nicht geschadet. Im Gegenteil, in Dialoge kann man sehr viel packen.
Dennoch leidet der Text nicht darunter und bleibt interessant. Meiner Meinung nach ein gelungenes Werk.

Der Text stellt eine Art Nachruf dar. Dialoge passen daher nicht, wenngleich auch ich Dialog-Texte sehr mag.

Besten Dank nochmals.

LGMT


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Siegfried Lenz
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crim
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BeitragVerfasst am: 06.08.2012 10:37    Titel: Antworten mit Zitat

Du schreibst immer sehr gekonnt. Ich lese es gern. Habe einen Rechtschreibfehler gefunden: Stolz.

Ich sehe alles vor mir ablaufen. Dieser Vater ist sehr differenziert beschrieben und immer spielt ein größerer Zusammenhang eine Rolle, ich meine, es ist Schichtenzugehörigkeit. Interessant, werde mal die Fortsetzung abwarten, weil ich meine, die Vater-Sohn-Beziehung könnte sich über die Jahre verändert haben. Irgendetwas schwingt im Subtext mit, das mich unterdrücktes Unbehagen spüren lässt. Dass der Erzähler diese eine Geschichte mit dem Schlag vergessen hatte, nehme ich ihm nicht ab, wenn er es im Konjunktiv erzählen würde eher. So stelle ich mir unweigerlich die Frage, was hat er sonst noch alles vergessen, bzw. verdrängt.
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MT
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BeitragVerfasst am: 06.08.2012 11:36    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der Tod, weißt du, hat einen harten linken Haken. Die Zeit rinnt davon wie Sand in der Uhr. Wir bewegen uns und werden bewegt. Wo ist der Anfang, wo das Ende? Das Leben kommt und es geht wieder. Alles in Bewegung, alles unberechenbar und doch ist eines gewiss: es ist immer zu kurz; er kommt immer zu früh, der Sensemann.
Wenn wir beim Angeln saßen, Vater und Sohn, wurde kaum gesprochen. Du rauchtest Pfeife, ich genoss den Duft. Vanille, Mango und die gemähten Weizenfelder um uns herum. Die Tage schwebten dahin wie die Segelflieger am Horizont, die Stunden sollten nicht vergehen. Ich erinnere mich an den heißen Julitag, als sich ein kleiner Vogel in meiner Angelschnur verfangen hatte. Ich hatte geschlafen in meinem Stuhl und wusste nicht, wie der Spatz dort hineingeraten war. Du legtest deine Pfeife beiseite und nahmst ihn in deine riesigen Hände. Behutsam wickeltest du die Schnüre von ihm ab, öffnetest die Schlinge, die sich um seinen Hals gelegt hatte. Dann war er frei, und du setztest ihn ins Gras. Aber er hatte zuviel abbekommen, ein Flügel hing auf den Boden herab. Ein Bein schien auch gebrochen zu sein, er konnte sich nicht fortbewegen. Du sahst mich an.
„Wir müssen ihn erlösen“, sagtest du.
Ich schüttelte den Kopf, bat dich, es nicht zu tun.
„Er leidet nur“, sagtest du.
Da drehte ich mich zur Seite. Ich hörte, wie du ihn aufnahmst und zur Brücke gingst. Dann vernahm ich nur noch den schwachen, dumpfen Aufprall, den der kleine Körper auf dem Holz hinterließ. An diesem sonnigen Tag im Juli wollte ich weglaufen vor dir. Ich hatte Angst.


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crim
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BeitragVerfasst am: 06.08.2012 11:55    Titel: Antworten mit Zitat

Der erste Absatz gefällt mir nicht, das plattitüdenhafte daran. Aber diesen Bruch in der Erzählweise, er deutete sich ein wenig an, trifft doch wie ein harter linker Haken. Das Du wird zur Anklage, nicht zum Gespräch, dein Erzähler bricht zusammen.
Bin gespannt, was da noch so kommt und ob er sich fängt.
Die Unterschwelligkeit des ersten Teils wird vielleicht zu plötzlich zu dieser brutalen Offenheit und ich bin mir noch unsicher, ob dein Erzähler im Vogel ein Sinnbild für sich selbst sieht.
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MT
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BeitragVerfasst am: 06.08.2012 11:58    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Wie oft haben wir darüber gesprochen, dass er eines Tages Enkelkinder haben würde. Ein Mädchen wäre schön, aber besser natürlich ein Enkelsohn, dem er das Angeln beibringen konnte. Wir malten uns aus, wie es wäre, wenn wir zu dritt losführen, ein Zelt und das orange-blaue Schlauchboot im Gepäck. Über diesen Wusch konnte mein Vater nicht oft genug mit mir träumen.
Es hat nicht sollen sein, du und Laurenz, ihr habt euch nicht mehr kennen gelernt. Meinem Sohn erzähle ich viel von dir, für ihn bist du der Opa, der in den Wolken wohnt. Du bist ohne Fehl und Tadel für ihn. Wenn der wüsste…
Ich bin oft gefragt worden, ob ich es als ungerecht empfinde, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Ich kann nur sagen, meinen Sohn neben dir auf dem Sofa in der Stube zu sehen, du legst einen Arm auf seine Schultern und lachst dein warmherziges Lachen, schnürt mir die Kehle zu. Ich könnte schreien und weinen und lachen zugleich bei diesem Bild. Ganz tief in mir habe ich es aufgehängt. Manchmal sehe ich es mir an. Dann wünsche ich, ich könnte die Zeit zurückdrehen.


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BeitragVerfasst am: 06.08.2012 11:59    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

crim, danke! Ich melde mich ausführlich, wenn der Text komplett ist.

LGMT


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MT
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BeitragVerfasst am: 06.08.2012 16:07    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Mein Vater arbeitete bei einem Autohersteller in Salzgitter. Er war Maschinenführer. Seine Maschine musste gefüttert werden mit Antriebswellen, die vor der Endmontage geschliffen und gehärtet wurden. Eine Knüppelarbeit. Schwüle, Staub und eine Lautstärke, bei der man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Dazu kam das Gewicht der Wellen, eine wog mehr als dreißig Kilo. An guten Tagen schaffte mein Vater fast hundert davon. Als er fünfundfünfzig Jahre alt wurde, war sein Rücken kaputt. Sein Arbeitgeber danke ihm für die Treue und überreichte ihm eine Urkunde. Die kam per Post, sie war nicht unterschrieben, trug nur einen Namensstempel seines Chefs. Ich sehe Vater noch den Umschlag öffnen, es war mitten in der Woche, kurz bevor er in die Mittagschicht aufbrechen wollte. Über den Dank seines Arbeitgebers freute er sich so sehr, dass er vor Wut kochte. Er zerriss das Papier und warf es in Mülleimer. Dann rief er unseren Hausarzt an, und ließ sich das erste Mal in seinem Leben ohne Grund krankschreiben. Später saß er mit meiner Mutter in der Küche, sie rauchten. das Radio dudelte im Hintergrund, irgendwelche Schlager waberten durch die Luft. Als ich mich an den Tisch setzte, sagte er:
„Sowas tut man nicht, Junge.“
Ich verstand nicht und er darauf:
„Man lässt sich nicht krankschreiben, wenn man nicht krank ist. Nimm dir kein Beispiel an mir.“
Er drückte die Kippe im Ascher aus und verließ den Raum. Mutter schwieg. Am anderen Tag fuhr er wieder zur Arbeit.

Ja, Vater, das war dir wichtig: aufrichtig zu sein. So hast du versucht mich zu erziehen. Ich weiß nicht, ob es dir gelungen ist, ob du heute noch Freude an mir hättest. Ich weiß nur, dass ich mich an den Weichen, die das Leben einem stellt, frage, wie du entschieden hättest. Welchen Weg du gegangen wärst an meiner Stelle. Deine Meinung ist mir bis heute die wichtigste. Ich setze sie mir aus meinen Gedanken an dich zusammen. Dann stelle ich mir vor, wie du dort oben auf deiner Wolkenbank sitzt, einen Schoppen in der Hand, und mich mit der Hand delegierst, deinen Kopf wiegst und nickst oder den Kopf schüttelst. Inzwischen kann ich das, auf diese fast kindliche Art an dich denken. Man lernt mit Verlust zu leben. Oder ist es am Ende so, dass ich es noch immer nicht gelernt habe?


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adelbo
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BeitragVerfasst am: 06.08.2012 17:01    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo MT

eine schöne Hommage für einen Vater. Einen Vater, vor dem der Sohn Respekt hatte, aber keine Angst.  Unbehagen kann ich nirgendwo herauslesen. Abwechselnd Bewunderung und kritikloses Feststellen von mehr oder weniger notwendiger Härte, Konsequenz.
Mir gefällt dein Text  gut, weil ich das Vater - Sohn Verhältnis fühlen kann und den Verlust fühle, den der Tod des Vaters bedeutet.

Es gibt eine Kleinigkeit, über die ich falle. Du gehst mit keinem Wort auf das Verhältnis der Eltern ein, die Mutter ist mir zu statistisch. Vielleicht ist das gewollt, um darzustellen, dass sie keinen Einfluss auf das Vater - Sohn Verhältnis hatte.  Rolling Eyes  

Zitat:
Du bist ohne Fehl und Tadel für ihn. Wenn der wüsste…

Hier war ich ein wenig irritiert, weil ich eigentlich in dem Text nichts finde, was der Enkel über den Großvater nicht erfahren sollte. Ich finde auch nichts angedeutet.  Embarassed

Zitat:
Am Abend saßen meine Schwester, meine Mutter, Vater und ich vor dem Haus auf der Veranda und grillten Aalstücke. Die Unsere vor Fett triefenden Finger und die glänzenden, zufriedenen Münder werde ich nie vergessen.
  Die klingt für mich im ersten Moment ein wenig distanziert, unsere bezieht den Erzähler mehr ein.

Mir gefällt natürlich auch besonders gut die Zeit, die du schilderst. Ich habe zwei Brüder, die genauso mit meinem Vater unterwegs waren, auf dem Fußballplatz usw.

Gerne gelesen.

LG
adelbo


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„Das ist der ganze Jammer: Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel.“

Bertrand Russell
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MT
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BeitragVerfasst am: 06.08.2012 17:27    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Einen einzigen, ausgeprägten Streit hatten wir zwei miteinander. Damals war ich Realschüler der neunten oder zehnten Klasse. Neben ungefähr tausend anderen, hatte auch ich mich auf eine der begehrten Stellen als Industrieelektroniker beworben. Schon die Bewerbung hatte ich nur meinem Vater zuliebe geschrieben, obwohl für mich feststand, dass ich weiter zur Schulen gehen, Abitur machen und Medizin studieren wollte. Ich spielte nicht Fußball, wie viele andere aus unserem Dorf, ich spielte Tennis. Das war 1985, als Boris Becker das erste Mal Wimbledon gewann. Mein Vater hielt es für eine Spinnerei, sein Sohn in weißen Shorts und Polohemd mochte er sich nicht vorstellen. Und so bekam ich meinen ersten gebrauchten Schläger von erwachsenen Vereinsmitgliedern geschenkt. Sie nahmen mich in ihren Kreis auf, ich verbrachte unzählige Stunden auf der Anlage. Der Präsident war Chefarzt in einem Krankenhaus. Ich durfte bei ihm ein Praktikum machen und seitdem war es um meinen Berufswunsch geschehen.
Eines Abends fuhr ich vom Tennisplatz mit dem Rad heim. Als ich unsere Straße rauf kam, sah ich meine Eltern auf dem Balkon sitzen, mein Vater wedelte mit einem Stück Papier und rief, ich solle mich beeilen.
Kaum trat ich auf den Balkon hinaus, fielen mir meine Eltern um den Hals. Sie hatten vorsorglich meine Post geöffnet, wegen des Absenders mein Einverständnis voraussetzend, und offenbarten mir nun, dass ich zu den ganz wenigen Bewerbern gehörte, die zum Vorstellungsgespräch geladen wurden. Ich setzte mich.
„Freust du dich gar nicht, Junge?“ Mein Vater goss mir und meiner Mutter ein Glas Sekt ein.
„Ich werde nicht hingehen“, sagte ich.
Mein Vater zwang sich, sein Lächeln nicht zu verlieren.
„Unsinn! Natürlich wirst du.“
„Ich will weiter zur Schule gehen, Abitur machen.“
Er setzte sich, nahm einen Schluck aus seiner Bierflasche.
„Du spinnst doch“, sagte er, und der Ton, in dem er das sagte, verriet mir, dass er den Ernst meiner Worte verstanden hatte.
An weitere Details dieses Abends kann ich mich nicht mehr erinnern, ich weiß nur noch, dass mein Vater aufstand, das Haus verließ und erst spät in der Nacht betrunken zurückkehrte. Er ging ganz ruhig zu Bett. Und sprach eine geschlagene Woche nicht mehr mit mir.
Dann platzte er in mein Zimmer, wie immer ohne anzuklopfen. Er setzte sich neben mich aufs Bett.
„Gut“, sagte er. „Aber eines muss klar sein: Baust du Scheiße und lässt die Schule sausen, sind wir zwei die längste Zeit Freunde gewesen.“

Ich machte – als einziger meiner Familie weit und breit – Abitur und studierte und Rekordzeit. Meinen Doktortitel erwarb ich vor dem dritten Examen. Heute bin ich niedergelassener Orthopäde und beschäftige fünf Angestellte. Meinen Vater habe ich manchmal gefragt, ob er mir noch böse sei, weil ich damals seine Erwartungen enttäuscht hätte. Dann hat er mir, wie er es tat, als ich noch ein Kind war, durch die Haare gewuschelt, gegrinst und mich einen alten Spinner genannt.

„So, wie ich dich liebe, das kann sich keiner vorstellen.“ Das waren oft seine Worte an mich. Er wuchs ohne Vater auf, blieb ungeliebt von der Mutter, er musste sich nehmen, was er haben wollte. Mit fünfzehn in die Klempnerlehre, mit achtzehn im Beruf, ein Mann, der stets Dreck unter den Nägeln trug, der sich nicht traute, vor Menschen zu reden, der Angst hatte vor allzu großer Gesellschaft. Er brauchte seine Stube, sein Sofa, seine Frau und seine beiden Kinder um sich. Dann war er glücklich. Einen erwachsenen Sohn, der mit ihm zechte, eine Tochter, an deren Dickkopf er sich aufreiben konnte, und eine Frau, die er in mehr als dreißig Jahren nicht ein einziges Mal betrog.

Jetzt sitze ich an einem kleinen Waldteich, der von Bäumen gerahmt wird. Die Sonne strahlt von einem wolkenlosen Himmel, das Blätterdach einer Kirsche spendet mir Schatten. Neben mir haben wir unser Zelt aufgebaut, davor einen Grill. Laurenz sitzt vorn auf einem verwitterten Holzsteg und starrt gebannt auf seine Angelpose. Er weiß, dass du Angler warst, jetzt möchte er auch einer werden.
Ich denke an dich, denke an die letzten Stunden, die wir zusammen verbrachten. Du liegst in dem Zimmer am Ende des Gangs. Der Arzt rief an, ich solle kommen, es sei bald soweit.
Es ist kurz vor vier Uhr früh. Deine Atmung ist flach. Alle Energie ist aus deinem Körper gewichen, du schläfst hinter zitternden Augenlidern. So, wie ich dich liebe, das kann sich keiner vorstellen. Vor ein paar Stunden noch haben wir ein paar Worte gesprochen. Du hast gelächelt dabei. Mit der letzten Kraft, die dir geblieben ist, hast du deinen Oberkörper aufgerichtet und mir deinen Autoschlüssel gegeben. Ich solle deine Sachen in den Kofferraum bringen, wir könnten gleich heim. Nur fahren könntest du noch nicht, das sei dir noch zu unsicher. Keine Sorge, habe ich dir geantwortet, ich würde fahren. Du hast gelächelt, hast mir zugenickt und dich zurück in dein Kissen gelegt.
Jetzt sitze ich hier an deinem Bett und halte deine Hand. Alle Tränen sind ausgeweint. Mutter lehnt in einem Stuhl in der Ecke und hat ein wenig Schlaf gefunden.
Draußen prasselt Sommerregen an die Scheiben, es regnet seit mehr als einer Woche.
„Du musst dich erlösen“, flüstere ich dir zu. Ich stelle mir vor, wie du den Kopf schüttelst und dich innerlich zur Seite drehst, um meine Worte nicht zu hören.
„Du leidest nur“, flüstere ich weiter, und meine Tränen fallen wie von selbst. Ich spüre deinen Kampf, du willst nicht gehen. Du hast noch nicht alles erlebt, was du dir zu erleben fest vorgenommen hast. Deine Hand liegt in meiner, sie ist klein geworden mit den Jahren. Die blauen Adern treten hervor, die kräftigen Fingernägel schimmern gelb. Ich halte dich fest, so lang du willst. Ich bleibe bei dir, hab keine Angst, auch wenn ich dir zuflüstere:
„Lass los, Vater. Lass los.“
Ich sehe den kleinen Spatz in deiner Hand, wünsche, dass er sich nicht in der Schnur meines Sohnes verfangen wird.
Und vernehme den schwachen, dumpfen Aufprall, den der kleine Körper auf dem Holz hinterlässt.


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BeitragVerfasst am: 08.08.2012 09:42    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der Text ist weder auto- noch sonstwie biografisch. Er ist reine Fiktion.

Es darf also ruhig drauf los gefeuert werden...

LGMT


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Siegfried Lenz
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crim
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BeitragVerfasst am: 08.08.2012 10:08    Titel: Antworten mit Zitat

Ha, danke. Peng.
Ich möchte als erstes meinen vorherigen Kommentar korrigieren: Dein Erzähler bricht nicht zusammen, aber etwas bricht in ihm auf. So lese ich den Wechsel zwischen direkter Ansprache und Erzählung über den Vater.
Er entwickelt sich nicht so schlimm, wie ich anfangs vermutete, dieser Vater, du zeigst nur beide Seiten der Medaille und das lässt ihn sehr echt wirken. Ein gutes Ende, dachte schon, dass du nochmal Bezug auf den Vogel nimmst. Ein dichtes Bild in einer dicht bepackten Geschichte, die trotzdem eingängig bleibt. Aber das “Wenn der wüsste...“ gefällt mir nicht so, wirkt unnötig plakativ.

Gern gelesen.
LG
Crim
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kskreativ
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BeitragVerfasst am: 08.08.2012 10:13    Titel: Antworten mit Zitat

Am Anfang war es mir fast ein wenig zu betulich, schwerfällig. Insgesamt aber finde ich deine Geschichte wundervoll geschrieben. Zum Erbsen zählen viel zu schade.

LG, Karin


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C'est la vie. oder: Du würdest dich wundern, was man so alles überleben kann.
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MT
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BeitragVerfasst am: 08.08.2012 11:10    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

crim hat Folgendes geschrieben:
Ha, danke. Peng.
Ich möchte als erstes meinen vorherigen Kommentar korrigieren: Dein Erzähler bricht nicht zusammen, aber etwas bricht in ihm auf. So lese ich den Wechsel zwischen direkter Ansprache und Erzählung über den Vater.
Er entwickelt sich nicht so schlimm, wie ich anfangs vermutete, dieser Vater, du zeigst nur beide Seiten der Medaille und das lässt ihn sehr echt wirken. Ein gutes Ende, dachte schon, dass du nochmal Bezug auf den Vogel nimmst. Ein dichtes Bild in einer dicht bepackten Geschichte, die trotzdem eingängig bleibt. Aber das “Wenn der wüsste...“ gefällt mir nicht so, wirkt unnötig plakativ.

Gern gelesen.
LG
Crim

Hi crim,

herzlichen Dank, dass Du dran geblieben bist. Schön, wenn der Text gefällt.

Die Sache mit dem "Wenn der wüsste..." ... hm, ich weiß nicht recht. Irgendwie hänge ich dran. Der Vater soll auch etwas schelmenhaft rüberkommen. Nach dem Motto "der hatte es fastdick hinter den Ohren..." Scheint so aber noch nicht auf zugehen. Ok, ich probiere mal zu modellieren.

Merci.

LGMT


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Siegfried Lenz
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BeitragVerfasst am: 08.08.2012 11:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

kskreativ hat Folgendes geschrieben:
Am Anfang war es mir fast ein wenig zu betulich, schwerfällig. Insgesamt aber finde ich deine Geschichte wundervoll geschrieben. Zum Erbsen zählen viel zu schade.

LG, Karin

Hi Karin,

dickes Dankeschön auch an Dich! Vor allem für Dein Lob.  Laughing

LGMT


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Siegfried Lenz
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BeitragVerfasst am: 08.08.2012 11:20    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich möchte übrigens den Titel umstellen:

Wie ein Spatz in der Hand

Könnte das wohl ein Mod. machen? Besten Dank.


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Siegfried Lenz
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BeitragVerfasst am: 08.08.2012 11:23    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier nochmals im Zusammenhang (und an Details modelliert)

Wie ein Spatz in der Hand

Wenn ich an meinen Vater denke, denke ich an Lachen. Wie er da saß, auf seinem Wohnzimmersofa, zufrieden nur durch die Anwesenheit seiner Familie. Etwas zurückliegend im Mund, an der linken Seite, tat sich die Lücke auf, die ein fehlender Zahn hinterlassen hatte. Wenn du lachtest, Vater, ging dein Lachen häufig in Husten über. Der kam von den Zigaretten, Reval ohne Filter. Manchmal bekamst du keine Luft mehr. Ich schlug dir mit der Hand auf den Rücken. Kleine Kinderhand auf breitem Kreuz. Dann nahmst du mich in den Arm und streicheltest meinen Kopf. Ich roch deine Bierfahne.

In meiner Kindheit hieß das Wohnzimmer Stube. Wohnzimmer war für Städter. Am Sonntag gab es pünktlich um zwölf Uhr Mittagessen. Vater liebte Kartoffeln, Kartoffeln, die er in Bratensoße ertränkte und mit der Gabel zu einem Brei zermatschte. Dazu Spargel und Schweineschnitzel. Der Fernseher lief im Hintergrund, wir sahen viel fern damals, von früh bis spät war der Apparat angeschaltet. Presseschau oder Fernsehgarten. Später, als die ersten Privatsender dazukamen, gab es mittags oft Western mit Bud Spencer und Terence Hill. Meine sechs Jahre jüngere Schwester und ich konnten nicht genug davon bekommen.
Nachmittags gingen wir mit Vater zum Fußball. Unsere Dorfmannschaft spielte gut, zeitweise sogar in der Bezirksliga. Der Platz war eingefasst von rostigen Eisengeländern. Ein paar Männer gingen herum und kassierten von jedem Erwachsenen ein paar Mark Eintritt.
Wir Kinder sammelten Bierflaschen und lösten die Pfandgroschen ein. Von dem Geld kauften wir Süßigkeiten. Einmal, das war bei einem Aufstiegsspiel, hatte ich über zwanzig Mark zusammen. Ich zeigte es meinem Vater. Er sagte, das sei viel Geld, ich solle es sparen. Also tat ich es in meine Spardose. Doch die Versuchung kitzelte zu sehr in mir, nach und nach gab ich das Geld für Wasserpistolen und Weingummi aus. Als du mitbekamst, dass ich pleite war, sahst du mich lange an, starrtest tief in mein Inneres, als ob du eine Antwort suchtest, und ich kam mir schäbig vor. Für meine Sorglosigkeit habe mich nie bei dir entschuldigt. Wie gern täte ich es heute.

Am Rande des Fußballplatzes stand eine Holzbude, unter der ein paar Freiwillige von der Feuerwehr Bratwürste und Steaks grillten. Steak war teuer, ich glaube, eines kostete 3,50 Mark. Mein Vater liebte gegrilltes Fleisch, aber er gönnte sich keines. Wenn ich eines wollte, streichelte er mir über den Kopf und drückte mir ein Fünfmarkstück in die Hand. Anfangs, als ich vielleicht neun oder zehn Jahre alt war, aß ich mein Stück Fleisch allein auf. Als ich irgendwann begriff, wie wertvoll es war, gab ich Vater die Hälfte ab. Denke ich heute an diese Sonntagsnachmittagssteaks, Schweinenacken vom Holzkohlegrill, serviert auf einem Pappstreifen mit Ketchup und dreieckiger Toastbrotscheibe und geteilt mit meinem Vater, dann spüre ich, dass mit dir ein Teil von mir ging.

Zur Einschulung schenkten mir meine Eltern einen Fischertechnikkasten. Graue Kunststoffsteine, die man ineinander schieben und zu Baggern oder Lastkränen aufbauen konnte. Ein Motor mit allerlei Zahnrädern war dabei, der Lkw, den ich baute, konnte mit einer Batteriefernbedienung, die durch ein Kabel mit dem Fahrzeug verbunden war, gesteuert werden. Die Batterien waren schnell leer. Außerdem gaben sie nur wenig Strom, der Laster fuhr langsam. Also isolierte ich die Kabel an einem Ende ab und steckte die offenen Kupferdrähte in die Steckdose. Die Sicherung flog heraus, von einer Sekunde zur anderen war unsere gesamte Wohnung dunkel und kein elektrisches Gerät lief mehr. Mein Vater sprang zu mir ins Zimmer, eine Taschenlampe in der Hand. Er erkannte sofort, was los war. Da nahm die Kabel zur Hand, riss sie aus dem Kunststofffahrzeug und zog sie mir mit einem heftigen Schlag über den Hintern. Er schrie, ob ich verrückt geworden sei. Dann verließ er mein Zimmer. Meine Mutter heulte. Es war das einzige Mal, dass er mich schlug.
Jahre später, wir saßen in der Stube und tranken zusammen Bier, erzählte er mir diese Geschichte, die ich nicht vergessen hatte. Er begann zu weinen und bat mich um Verzeihung. Er sagte, damals, als plötzlich alles Licht ausgegangen war, habe er mich tot gesehen. Solche Angst habe er nie zuvor in seinem Leben gehabt.
 
Unsere Familie fuhr nicht in den Urlaub, bis auf ein einziges Mal. Meine Mutter hatte für uns alle ein Holzhaus an der Nordsee gemietet, im Etagenbett im Kinderzimmer schlief ich oben. Vater und ich gingen regelmäßig an der Eider angeln. Es waren warme Sommertage, an denen Vögel trällerten, Hunde bellten und Fahrradfahrer sich auf dem Deich, den wir zu überqueren hatten, mit dem Nordost und einem Dauerlächeln dahinrollern ließen.
Unsere Fangquote war miserabel. Eine kleine Schleie in zwei Tagen. Bis wir auf das Tau stießen, das neben uns ins Wasser führte. Vater zog daran, nervös, nach allen Seiten sichernd. Er schien zu wissen, was uns erwartete und als er weiter zog, wurde mit jedem Zentimeter sein Grinsen im Gesicht breiter. Wir hatten eine Aalreuse entdeckt. Die grauen, schlangenartigen Fische rekelten sich zuhauf in dem Taugeflecht. Ich holte unseren großen Eimer. Vater war außer Atem und auch ich spürte, wie sehr mein Herz schlug. Das sei verboten, sagte er, ich dürfe mit niemandem darüber sprechen. Hastig nickte ich.
Zurück im Ferienhaus öffneten wir unseren Eimer in der Badewanne. Die Aale glitten auf die weiße Emaille, versuchten emporzusteigen und fielen zurück. Schleim sonderten sie ab, die Bewegungen schmatzten wie Gummistiefel im Matsch. Mich überfiel eine Gänsehaut, die mich schütteln ließ.
Vater holte Salz. Das Salz streute er auf die sich bewegende graue Masse. Bald wurden die Bewegungen langsamer, die Schmatztöne ruhiger. Bis nur noch ein einziger Schleimhaufen in der Badewanne lag und nach Meerwasser stank.
Am Abend saßen meine Schwester, meine Mutter, Vater und ich vor dem Haus auf der Veranda und grillten Aalstücke. Unsere vor Fett triefenden Finger und die glänzenden, zufriedenen Münder haben es sich gemütlich gemacht in meinen Erinnerungen; Bilder, die verblasssicher sind.

Der Tod, weißt du, hat einen harten linken Haken. Die Zeit rinnt davon wie Sand in der Uhr. Wir bewegen uns und werden bewegt. Wo ist der Anfang, wo das Ende? Das Leben kommt und es geht wieder. Alles in Bewegung, alles unberechenbar und doch ist eines gewiss: es ist immer zu kurz; er kommt immer zu früh, der Sensemann.
Wenn wir beim Angeln saßen, Vater und Sohn, wurde kaum gesprochen. Du rauchtest Pfeife, ich genoss den Duft. Vanille, Mango und die gemähten Weizenfelder um uns herum. Die Tage schwebten dahin wie die Segelflieger am Horizont, die Stunden sollten nicht vergehen. Ich erinnere mich an den heißen Julitag, als sich ein kleiner Vogel in meiner Angelschnur verfangen hatte. Ich hatte geschlafen in meinem Stuhl und wusste nicht, wie der Spatz dort hineingeraten war. Du legtest deine Pfeife beiseite und nahmst ihn in deine riesigen Hände. Behutsam wickeltest du die Schnüre von ihm ab, öffnetest die Schlinge, die sich um seinen Hals gelegt hatte. Dann war er frei, und du setztest ihn ins Gras. Aber er hatte zuviel abbekommen, ein Flügel hing auf den Boden herab. Ein Bein schien auch gebrochen zu sein, er konnte sich nicht fortbewegen. Du sahst mich an.
„Wir müssen ihn erlösen“, sagtest du.
Ich schüttelte den Kopf, bat dich, es nicht zu tun.
„Er leidet nur“, sagtest du.
Da drehte ich mich zur Seite. Ich hörte, wie du ihn aufnahmst und zur Brücke gingst. Dann vernahm ich nur noch den schwachen, dumpfen Aufprall, den der kleine Körper auf dem Holz hinterließ. An diesem sonnigen Tag im Juli wollte ich weglaufen vor dir. Ich hatte Angst.

Wie oft haben wir darüber gesprochen, dass er eines Tages Enkelkinder haben würde. Ein Mädchen wäre schön, aber besser natürlich ein Enkelsohn, dem er das Angeln beibringen konnte. Wir malten uns aus, wie es wäre, wenn wir zu dritt losführen, ein Zelt und das orange-blaue Schlauchboot im Gepäck. Über diesen Wusch konnte mein Vater nicht oft genug mit mir träumen.
Es hat nicht sollen sein, du und Laurenz, ihr habt euch nicht mehr kennen gelernt. Meinem Sohn erzähle ich viel von dir, für ihn bist du der Opa, der in den Wolken wohnt. Du bist ohne Fehl und Tadel für ihn. Wenn der wüsste…
Ich bin oft gefragt worden, ob ich es als ungerecht empfinde, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Ich kann nur sagen, meinen Sohn neben dir auf dem Sofa in der Stube zu sehen, du legst einen Arm auf seine Schultern und lachst dein warmherziges Lachen, schnürt mir die Kehle zu. Ich könnte schreien und weinen und lachen zugleich bei diesem Bild. Ganz tief in mir habe ich es aufgehängt. Manchmal sehe ich es mir an. Dann wünsche ich, ich könnte die Zeit zurückdrehen.

Mein Vater arbeitete bei einem Autohersteller in Salzgitter. Er war Maschinenführer. Seine Maschine musste gefüttert werden mit Antriebswellen, die vor der Endmontage geschliffen und gehärtet wurden. Eine Knüppelarbeit. Schwüle, Staub und eine Lautstärke, bei der man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Dazu kam das Gewicht der Wellen, eine wog mehr als dreißig Kilo. An guten Tagen schaffte mein Vater fast hundert davon. Als er fünfundfünfzig Jahre alt wurde, war sein Rücken kaputt. Sein Arbeitgeber danke ihm für die Treue und überreichte ihm eine Urkunde. Die kam per Post, sie war nicht unterschrieben, trug nur einen Namensstempel seines Chefs. Ich sehe Vater noch den Umschlag öffnen, es war mitten in der Woche, kurz bevor er in die Mittagschicht aufbrechen wollte. Über den Dank seines Arbeitgebers freute er sich so sehr, dass er vor Wut kochte. Er zerriss das Papier und warf es in Mülleimer. Dann rief er unseren Hausarzt an, und ließ sich das erste Mal in seinem Leben ohne Grund krankschreiben. Später saß er mit meiner Mutter in der Küche, sie rauchten. das Radio dudelte im Hintergrund, irgendwelche Schlager waberten durch die Luft. Als ich mich an den Tisch setzte, sagte er:
„Sowas tut man nicht, Junge.“
Ich verstand nicht und er darauf:
„Man lässt sich nicht krankschreiben, wenn man nicht krank ist. Nimm dir kein Beispiel an mir.“
Er drückte die Kippe im Ascher aus und verließ den Raum. Mutter schwieg. Am anderen Tag fuhr er wieder zur Arbeit.

Ja, Vater, das war dir wichtig: aufrichtig zu sein. So hast du versucht mich zu erziehen. Ich weiß nicht, ob es dir gelungen ist, ob du heute noch Freude an mir hättest. Ich weiß nur, dass ich mich an den Weichen, die das Leben einem stellt, frage, wie du entschieden hättest. Welchen Weg du gegangen wärst an meiner Stelle. Deine Meinung ist mir bis heute die wichtigste. Ich setze sie mir aus meinen Gedanken an dich zusammen. Dann stelle ich mir vor, wie du dort oben auf deiner Wolkenbank sitzt, einen Schoppen in der Hand, und mich mit der Hand delegierst, deinen Kopf wiegst und nickst oder den Kopf schüttelst. Inzwischen kann ich das, auf diese fast kindliche Art an dich denken. Man lernt mit Verlust zu leben. Oder ist es am Ende so, dass ich es noch immer nicht gelernt habe?

Einen einzigen, saftigen Streit hatten wir zwei miteinander. Damals war ich Realschüler der neunten oder zehnten Klasse. Neben ungefähr tausend anderen, hatte auch ich mich auf eine der begehrten Stellen als Industrieelektroniker beworben. Schon die Bewerbung hatte ich nur meinem Vater zuliebe geschrieben, obwohl für mich feststand, dass ich weiter zur Schulen gehen, Abitur machen und Medizin studieren wollte. Ich spielte nicht Fußball, wie viele andere aus unserem Dorf, ich spielte Tennis. Das war 1985, als Boris Becker das erste Mal Wimbledon gewann. Mein Vater hielt es für eine Spinnerei, sein Sohn in weißen Shorts und Polohemd mochte er sich nicht vorstellen. Und so bekam ich meinen ersten gebrauchten Schläger von erwachsenen Vereinsmitgliedern geschenkt. Sie nahmen mich in ihren Kreis auf, ich verbrachte unzählige Stunden auf der Anlage. Der Präsident war Chefarzt in einem Krankenhaus. Ich durfte bei ihm ein Praktikum machen und seitdem war es um meinen Berufswunsch geschehen.
Eines Abends fuhr ich vom Tennisplatz mit dem Rad heim. Als ich unsere Straße rauf kam, sah ich meine Eltern auf dem Balkon sitzen, mein Vater wedelte mit einem Stück Papier und rief, ich solle mich beeilen.
Kaum trat ich auf den Balkon hinaus, fielen mir meine Eltern um den Hals. Sie hatten vorsorglich meine Post geöffnet, wegen des Absenders mein Einverständnis voraussetzend, und offenbarten mir nun, dass ich zu den ganz wenigen Bewerbern gehörte, die zum Vorstellungsgespräch geladen wurden. Ich setzte mich.
„Freust du dich gar nicht, Junge?“ Mein Vater goss mir und meiner Mutter ein Glas Sekt ein.
„Ich werde nicht hingehen“, sagte ich.
Mein Vater zwang sich, sein Lächeln nicht zu verlieren.
„Unsinn! Natürlich wirst du.“
„Ich will weiter zur Schule gehen, Abitur machen.“
Er setzte sich, nahm einen Schluck aus seiner Bierflasche.
„Du spinnst doch“, sagte er, und der Ton, in dem er das sagte, verriet mir, dass er den Ernst meiner Worte verstanden hatte.
An weitere Details dieses Abends kann ich mich nicht mehr erinnern, ich weiß nur noch, dass mein Vater aufstand, das Haus verließ und erst spät in der Nacht betrunken zurückkehrte. Er ging ganz ruhig zu Bett. Und sprach eine geschlagene Woche nicht mehr mit mir.
Dann platzte er in mein Zimmer, wie immer ohne anzuklopfen. Er setzte sich neben mich aufs Bett.
„Gut“, sagte er. „Aber eines muss klar sein: Baust du Scheiße und lässt die Schule sausen, sind wir zwei die längste Zeit Freunde gewesen.“

Ich machte – als einziger meiner Familie weit und breit – Abitur und studierte und Rekordzeit. Meinen Doktortitel erwarb ich vor dem dritten Examen. Heute bin ich niedergelassener Orthopäde und beschäftige fünf Angestellte. Meinen Vater habe ich manchmal gefragt, ob er mir noch böse sei, weil ich damals seine Erwartungen enttäuscht hätte. Dann hat er mir, wie er es tat, als ich noch ein Kind war, durch die Haare gewuschelt, gegrinst und mich einen alten Spinner genannt.

„So, wie ich dich liebe, das kann sich keiner vorstellen.“ Das waren oft seine Worte an mich. Er wuchs ohne Vater auf, blieb ungeliebt von der Mutter, er musste sich nehmen, was er haben wollte. Mit fünfzehn in die Klempnerlehre, mit achtzehn im Beruf, ein Mann, der stets Dreck unter den Nägeln trug, der sich nicht traute, vor Menschen zu reden, der Angst hatte vor allzu großer Gesellschaft. Er brauchte seine Stube, sein Sofa, seine Frau und seine beiden Kinder um sich. Dann war er glücklich. Einen erwachsenen Sohn, der mit ihm zechte, eine Tochter, an deren Dickkopf er sich aufreiben konnte, und eine Frau, die er in mehr als dreißig Jahren nicht ein einziges Mal betrog.

Jetzt sitze ich an einem kleinen Waldteich, der von Bäumen gerahmt wird. Die Sonne strahlt von einem wolkenlosen Himmel, das Blätterdach einer Kirsche spendet mir Schatten. Neben mir haben wir unser Zelt aufgebaut, davor einen Grill. Laurenz sitzt vorn auf einem verwitterten Holzsteg und starrt gebannt auf seine Angelpose. Er weiß, dass du Angler warst, jetzt möchte er auch einer werden.
Ich denke an dich, denke an die letzten Stunden, die wir zusammen verbrachten. Du liegst in dem Zimmer am Ende des Gangs. Der Arzt rief an, ich solle kommen, es sei bald soweit.
Es ist kurz vor vier Uhr früh. Deine Atmung ist flach. Alle Energie ist aus deinem Körper gewichen, du schläfst hinter zitternden Augenlidern. So, wie ich dich liebe, das kann sich keiner vorstellen. Vor ein paar Stunden noch haben wir ein paar Worte gesprochen. Du hast gelächelt dabei. Mit der letzten Kraft, die dir geblieben ist, hast du deinen Oberkörper aufgerichtet und mir deinen Autoschlüssel gegeben. Ich solle deine Sachen in den Kofferraum bringen, wir könnten gleich heim. Nur fahren könntest du noch nicht, das sei dir noch zu unsicher. Keine Sorge, habe ich dir geantwortet, ich würde fahren. Du hast gelächelt, hast mir zugenickt und dich zurück in dein Kissen gelegt.
Ich sitze an deinem Bett, halte deine Hand. Alle Tränen sind ausgeweint. Mutter lehnt in einem Stuhl in der Ecke und hat ein wenig Schlaf gefunden. Draußen prasselt Sommerregen an die Scheiben, es regnet seit mehr als einer Woche.
„Wir müssen ihn erlösen“, flüstere ich dir zu. Ich stelle mir vor, wie du den Kopf schüttelst und dich innerlich zur Seite drehst, um meine Worte nicht zu hören.
„Er leidet nur“, flüstere ich weiter und hasse mich für meine Worte. Ich spüre deinen Kampf, du willst nicht gehen. Du hast noch nicht alles erlebt, was du dir zu erleben fest vorgenommen hast. Deine Hand liegt in meiner, sie ist klein geworden mit den Jahren. Die blauen Adern treten hervor, die kräftigen Fingernägel schimmern gelb. Ich halte dich fest, so lang du willst. Ich bleibe bei dir, hab keine Angst, und doch sage ich mit trockener Stimme:
„Lass los, Vater. Lass los.“
Ich sehe den kleinen Spatz in deiner Hand, wünsche, dass er sich nicht in der Schnur meines Sohnes verfangen wird.
Und vernehme den schwachen, dumpfen Aufprall, den der kleine Körper auf dem Holz hinterlässt.


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Das Schicksal verzichtet oft auf Kommentare, es begnügt sich damit, zuzuschlagen.

Siegfried Lenz
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adelbo
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BeitragVerfasst am: 08.08.2012 19:21    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo MT

mit meinem ersten Kommentar war ich wohl etwas voreilig. Ich bin davon ausgegangen, dass die Geschichte zu Ende ist.  Embarassed
Für mich hätte sie an dieser Stelle auch zu Ende sein können, weil sie schon sehr schön, viel über dieses Vater-Sohn-Verhältnis aussagte.
Den Teil mit der Unstimmigkeiten über den Berufswunsch finde ich persönlich etwas zu langatmig, vor allem, weil es davor ja schon sehr viel Text in der gleichen Tonlage, gleichwertigen Inhaltes gab.
Den letzten Absatz finde ich wieder sehr gelungen, sehr ans Herz gehend, ohne kitschig zu werden.

Wieder einmal eine schöne Geschichte von Dir MT und gerne gelesen.

LG
adelbo


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Gast







BeitragVerfasst am: 08.08.2012 19:40    Titel: Antworten mit Zitat

Guten Abend Markus,

schöne Geschichte und sehr sauber geschrieben. Mir gefällt der Wechsel zwischen narrativer Zusammenfassung, direkter Anrede und Rückblende sehr gut. Ich habe nix zu meckern.
Bei den Kabeln fehlt ein Wort, hast du verschluckt. Wink
Der neue Titel gefällt mir viel besser als der alte.

Sehr gerne gelesen.

Liebe Grüße
Monika
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Beka
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger

Alter: 60
Beiträge: 3171



BeitragVerfasst am: 08.08.2012 20:33    Titel: Antworten mit Zitat

Eine schöne Geschichte und ein wunderbarer Nachruf. Viel zu schön zum Erbsenzählen.

Liebe Grüße

Beka
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MT
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Alter: 48
Beiträge: 1172
Wohnort: Im Süden (Niedersachsens)


BeitragVerfasst am: 10.08.2012 11:31    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

adelbo hat Folgendes geschrieben:
Hallo MT

mit meinem ersten Kommentar war ich wohl etwas voreilig. Ich bin davon ausgegangen, dass die Geschichte zu Ende ist.  Embarassed
Für mich hätte sie an dieser Stelle auch zu Ende sein können, weil sie schon sehr schön, viel über dieses Vater-Sohn-Verhältnis aussagte.
Den Teil mit der Unstimmigkeiten über den Berufswunsch finde ich persönlich etwas zu langatmig, vor allem, weil es davor ja schon sehr viel Text in der gleichen Tonlage, gleichwertigen Inhaltes gab.
Den letzten Absatz finde ich wieder sehr gelungen, sehr ans Herz gehend, ohne kitschig zu werden.

Wieder einmal eine schöne Geschichte von Dir MT und gerne gelesen.

LG
adelbo

Hi adelbo,

die Szene mit dem Berufswunsch ist m. E. wichtig. Sie zeigt auch etwas über das Erwachsenwerden des Sohnes, über seine Emanzipation dem Vater gegenüber. Das ist insoweit die einzige Szene mit diesem Inhalt. Daher m. E. nicht überflüssig.

Schön aber, wenn Dir der Text insgesamt gefallen hat. Vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren.

LGMT


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Siegfried Lenz
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