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Alltagsinfanterie


 

 
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Jocelyn
Bernsteinzimmer

Alter: 55
Beiträge: 2653
Wohnort: Königstein im Taunus
Das Silberne Fahrrad Ei 1



BeitragVerfasst am: 25.01.2010 08:54    Titel: Alltagsinfanterie eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Du hast die Verantwortung.
Lass ab von deinen Händen,
die auf abgeernteten Beeten suchen,
die unter vergessenen Müllhalden wühlen,
die Abgehangenes auf Genießbarkeit überprüfen,
und aus vergrabenen Handarbeitskörben
stumpf leuchende Wunderwaldträume stricken.
Es gibt Träumende in deiner Nähe.
Du hast die Verantwortung.

Du hast die Verantwortung.
Gib nicht auf,
lass dich nicht vertreiben von ihnen,
die mit ihrem warmen, süßen Saft
an betäubenden Gewohnheiten kleben
und sich in ihre Zimmer und Betten verkriechen.
Es gibt auch für dich noch unentdeckte Worte,
die du unerschrocken sagen musst,
auch wenn sie klirrend zurückschwirren
und dir die Luft zur Erwiderung rauben.
Ihre Spitzen schmerzhaft in deine Wunden schneiden,
aus denen du kein Blut mehr sehen willst.
Hab keine Angst,
für sie sind diese kalten Narben ohne Gesicht.
Sei glücklich, es ist nicht das erstickte Geschrei,
das du hörst, wenn sie ihrer Wut freien Lauf schenken,
bis sie im Schwung ihre Türen zuknallen.
Du hast die Verantwortung.

Du hast die Verantwortung
und du weißt so wenig.

Einmal, da warst du auch wie sie.
Und wenn du dir offen gegenüber trittst,
dann fühlst du auch heute noch
den Zauber der Flucht in farbigere Welten.
Dann kuschelst du dich heimlich ein
in dein wolkenweites Federnkleid.
kaum fähig, dich damit morgens zu erheben,
dein Fliegen ein unendlicher Traum.
Die irdischen Himmel da draußen
waren auch dir nicht hartnäckige Mahnung genug,
deine Zeit für das Festigen von Fundamenten zu nutzen,
damit du, wenn du einmal erwachsen bist,
mitziehen kannst mit all denen,
die aus gutem Hause kommen.
Dass so ein Haus keine freie Wahl lässt,
deine Woche voller Pflichten war,
das verstehen deine Kinder nicht.
Denn davon wollen sie nichts hören,
wenn du ihnen erzählst.
So war das früher, Mama.
Du hast die Verantwortung.

Du hast die Verantwortung,
und du spürst heute noch
die Tränen, die dir über das Gesicht liefen,
wenn du weitermachen musstest,
auch wenn es lange genug war.
Du kennst Verletzungen.
Nicht nur die von deinem Puppenhaus,
als es den fliegenden Stuhl wie ein Magnet
zwischen seine beiden Wohnräume lenkte,
der Riss in der Mitte für immer sichtbar.
Du musst vergessen können.
Du hast die Verantwortung.

Du hast die Verantwortung,
kennst dein Leben, aber das nicht,
weißt auch nicht, was bleibt,
was aus seinem Angebot mitzunehmen ist.
Wer neben dem friedlich sterbenden Winnetou,
selbst noch ein Greenhorn (wielange das anhält,
das weißt du auch nicht)
seine Ohnmacht fühlen muss,
um sich das erste Mal als Christ zu sehen.
Du weißt, Dostojewski wird sich in seinem Grab
keinen winzigen Millimeter drehen,
wenn Schuld und Sühne zwischen Schülern
ein bitteres Ende finden.
Weißt, Antal Dorati hätte nie auf dich gewartet,
dass du endlich Beethovens Siebente spielst,
mit ihm zusammen in der Apotheose des Tanzes
erlebst, wie leer ein Leben ohne Musik ist.
Du weißt, irgendetwas werden auch sie machen.
Aber du fragst dich manchmal,
wieviel Zeit dir bleibt,
dass sie dich anhören,
wenn du nicht aufgibst.
Du hast die Verantwortung.

Du hast die Verantwortung.
Auch für die Zeit der ersten, bleibenden Wunden?
Gibt es eine solche Zeit im Leben?
Gleich zu Beginn,
in der Mitte,
oder spät?
Gar nie?
Immer?
Dann, wenn nichts mehr zu ändern geht?
Wenn das Leben vorbeizieht und ungeahnte Fragen
auf der isometrischen Lebensautobahn aufschlagen,
plötzliche Arrhythmien im eingefahrenen Tempo?
Du hast die Verantwortung.

Du hast die Verantwortung
und bist damit ein Glück nicht allein,
denn du bist verheiratet.
Aber trotzdem hoffst du,
dass es noch mehr gibt als Menschen,
als die, die sie heute mit dir tragen
und die, die sie morgen übernehmen.
Keiner kann dir das beantworten,
wo die Verantwortung aufhört.



_________________
If you dig it, do it. If you really dig it, do it twice.
(Jim Croce)

Die beständigen Dinge vergeuden sich nicht, sie brauchen nichts als eine einzige, ewig gleiche Beziehung zur Welt.
(Aus: Atemschaukel von Herta Müller, Carl Hanser Verlag, München 2009, Seite 198)

"Si Dieu n'existait pas, il faudrait l'inventer."
(Voltaire)
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