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GROSSSCHREIBEN kleinschreiben (im Gedicht)

 

 
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keinort.nirgends
Schreiberassi


Beiträge: 69

Die lange Johanne in Silber


BeitragVerfasst am: 14.05.2015 15:03    Titel: GROSSSCHREIBEN kleinschreiben (im Gedicht) eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Keine Angst, ich will keine Grundsatzdiskussion anzetteln, Groß- oder Kleinschreibung, ja oder nein - das ist mittlerweile wirklich für den Kulturkreis gesprochen und durchgearbeitet, wie Benn sagen würde.

Vielmehr beschäftigt mich letzthin die Frage, warum im Zuge dieser "orthographischen Revolution" die durchgängige Kleinschreibung als Mittel der Wahl ergriffen wurde. Aus anderen Sprachen, beispielsweise dem Spanischen oder dem Englischen, kenne ich die konsequente Großschreibung als sehr geläufig. Weniger noch in Gedichten als im alltäglichen Schreibwerk wie Notizzetteln oder Formblättern. Klar, diese (keine?) Sprachen besitzen von Haus aus nicht Groß- und Kleinbuchstaben, von dem her marginalisiert sich der Effekt einer einzigen durchgängigen Schreibart.

Allerdings bleibt die Frage bestehen: Wieso wurde im Deutschen (hauptsächlich) die Kleinschreibung gewählt? Aus zeitgenössischen Gedichten kenne ich Großschreibung lediglich bei Parenthesen, leitmotivisch wiederkehrenden Sätzen, unbetitelten Gedichten, bei denen sich eine heimliche Überschrift in den Textkörper schleicht oder Hervorhebungen, wo früher kursive Schrift oder noch früher der  S p e r r s a t z  hergehalten hätten. Wohlgemerkt sind diese Ausflüge aber meist partiell.

Prinzipiell hätten bei konsequenter Großschreibung einzelne Worte innerhalb eines einzigen Textes ja auch keine dominierende Stellung. Mir kommen so abschnittsweise durchgänig großgeschriebene Textstellen dann oftmals buchstäblich entgegengestürmt, entgegengeschleudert vor - und das macht natürlich viel mit der Textwirkung. Im Umkehrschluss bin ich momentan am Überlegen, was in einem ganz großgeschriebenen Text einzelne kleingeschriebene Stellen bewirken würden. Außerdem frage ich mich, ob es lohnend wäre, in dieser Richtung mal einen experimentellen Ausflug zu wagen oder ob ich gedanklich gerade irgendwelche Sperrgebiete außer Acht lasse. Was meint ihr?

Grüße!
keinort.nirgends

PS: Ich lese gerade nochmal meinen Text durch und merke, dass meine Verwendung der Begriffe "Groß- und Kleinschreibung" für Verwirrung sorgen könnte. Weil sie uneinheitlich benutzt werden. In meiner Frage nach dem Ergreifen einer bestimmten Form im Deutschen meine ich: ALLES GROSS (JEDER BUCHSTABE) vs. alles klein (jeder buchstabe). In der Groß- und Kleinschreibung, die nur das Deutsche besitzt, meine ich Groß- und Kleinbuchstaben. Das haben ja die meisten (alle?) anderen Sprachen nicht.
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firstoffertio
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BeitragVerfasst am: 14.05.2015 21:37    Titel: Antworten mit Zitat

Kannst du vielleicht einige Beispiele einstellen fuer das, was du meinst?

Mich hat das etwas verwirrt, trotz deiner Erläuterung.

Hatte mit überlegt, ob deutsche Dichter vielleicht gern alles kleinschreiben, um der Gross- und Kleinschreibung zu entkommen, wahrend solche aus anderen Ländern gerne alles groß schreiben, um der Kleinschreibung zu entkommen...

Re Deutsch wäre das:

ich liebe die kleinschreibung

Re English, for example:

I LOVE CAPITAL LETTERS

Meinst du es so?
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keinort.nirgends
Schreiberassi


Beiträge: 69

Die lange Johanne in Silber


BeitragVerfasst am: 15.05.2015 01:55    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ja, prinzipiell schon so wie du es am Schluss aufgeführt hast. Ich habe momentan gerade leider nicht meinen Gedicht-Fundus zur Hand, sonst könnte ich auch ein Gedicht zitieren, in dem einzelne Abschnitte ganz in groß geschrieben sind, der Rest aber in klein.

Die durchgängige Kleinschreibung ist ja bekannt, hier ein wahlloses Beispiel. Meine Überlegung geht in die Richtung der Frage, was mit der Textwirkung geschehen würde, wäre z. B. dieser Text in konsequenter Großschrift geschrieben. Anstatt, wie geschehen, konsequent in Kleinschrift.

Ein Mitgrund dafür, warum sich durchgängige Kleinschreibung in großen Teilen durchgesetzt hat, ist ja: Dass so das Ungleichgewicht zwischen den Worten ausgeglichen wird, das a priori ja erst einmal rein orthographisch besteht (Substantive groß, Verben, Adjektive klein), aber inhaltlich nicht unbedingt seine Berechtigung haben muss. Sorry, mir will das gerade nicht prägnanter aufs Papier kommen.

Diese Auflösung des Ungleichgewichts wäre ja mit konsequenter Großschreibung aber genauso gegeben. Wir nehmen also mal an, Jan Wagner hätte sein Gedicht ausschließlich groß geschrieben, so:

Jan Wagner hat Folgendes geschrieben:
DER ZUG HIELT MITTEN AUF DER STRECKE. DRAUßEN HÖRTE
MAN AUF AN DER KURBEL ZU DREHEN: DAS LAND LAG STILL
WIE EIN BILD VORM DRITTEN SCHLAG DES AUKTIONATORS.


anstatt

Jan Wagner hat Folgendes geschrieben:
der zug hielt mitten auf der strecke. draußen hörte
 man auf an der kurbel zu drehen: das land lag still
 wie ein bild vorm dritten schlag des auktionators.


Was würde das an Textwirkung verändern? Würde es überhaupt etwas ändern? Würde Ersteres aggressiver daherkommen oder plumper? Und schließlich: Was würde sich in den Texten ändern, in denen beide Schreibungen verwendet werden, Großschreibung z. B. als Hervorhebung im Text verwendet wird, wenn hier die beiden Schreibungen die Plätze tauschen. Die Hervorhebungen also gerade dadurch hervorgehoben werden, dass sie kleingeschrieben werden, während alles andere groß geschrieben ist.

Vielleicht ist das auch ein ganz plattes, belangloses und wenig ertragreiches Thema - mir ist es nur seit einiger Zeit im Hinterkopf mitgeschwebt. Und ich dachte mir, vielleicht hat sich da ja auch schon mal jemand Gedanken dazu gemacht.

Schönen Gruß,
keinort.nirgends
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Nihil
{ }

Moderator
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Beiträge: 7467



BeitragVerfasst am: 15.05.2015 12:17    Titel: Antworten mit Zitat

keinort.nirgends hat Folgendes geschrieben:
Vielleicht ist das auch ein ganz plattes, belangloses und wenig ertragreiches Thema - mir ist es nur seit einiger Zeit im Hinterkopf mitgeschwebt. Und ich dachte mir, vielleicht hat sich da ja auch schon mal jemand Gedanken dazu gemacht.


Finde ich nicht, zumindest habe ich mich das Gleiche auch schon gefragt. Nicht so sehr im Für und Wider von konsequenter Groß- oder Kleinschreibung, sondern eher, weil mir die Kleinschreibung und die vielen Versumbrüche und Apokoinu-Strukturen manchmal eher wie eine Modeerscheinung vorkamen, weil man so jetzt eben Gedichte macht.

Zitat:
Ein Mitgrund dafür, warum sich durchgängige Kleinschreibung in großen Teilen durchgesetzt hat, ist ja: Dass so das Ungleichgewicht zwischen den Worten ausgeglichen wird, das a priori ja erst einmal rein orthographisch besteht (Substantive groß, Verben, Adjektive klein), aber inhaltlich nicht unbedingt seine Berechtigung haben muss.


Das finde ich nachvollziehbar auf der einen Seite, auf der anderen Seite würde ein Maler auch keine vierfüßige Wespe zeichnen, um die Ungerechtigkeit gegenüber Wirbeltieren aufzuheben. Der Vergleich mag schief aussehen, aber ich finde, dass Nomen im Deutschen nun einmal groß geschrieben werden, so aussehen, so sind. Tatsächlich bin ich seit Kurzm dazu übergegangen, Satzanfänge klein zu schreiben, weil ich die Notwendigkeit in Gedichten dafür nicht sehe und der Punkt genug Einschnitt und Abgrenzung ist. Ja, ich bin so altbacken, dass ich sogar Satzzeichen korrekt benutze. Laughing

Zu manchen Gedichten passt es aber einfach, wenn eins ins andre übergeht, einfach gesagt. Und da find ich die Kleinschreibung sehr viel besser und sinnvoller als Großschreibung. Letztere finde ich an sich schon sehr anstrengend zu lesen und durch die Gewohnheiten, die das Internet mit sich bringt, LIEST SICH DAS, ALS OB JEMAND SCHREIT, VERDAMMT! Obwohl vielleicht gar kein Ausrufezeichen dahinter steht. Das würde meiner Meinung nach nur zu Gedichten mit Abrisskugelcharakter passen, Revolution, Aufschrei, wie Graffiti an einem Regierungsgebäude. (Fast) jedes andere Gedicht würde durch die Großschreibung verlieren, denke ich. Ob es dem Erlkönig schaden würde, ihn komplett klein zu schreiben? Ich würde sagen, weniger, aber doch auch.

wer reitet so spät durch nacht und wind
es ist der vater mit seinem kind
er hat den knaben wohl in dem arm
er fasst ihn sicher er hält ihn warm

MEIN SOHN WAS BIRGST DU SO BANG DEIN GESICHT
SIEHST VATER DU DEN ERLKÖNIG NICHT
DEN ERLENKÖNIG MIT KRON UND SCHWEIF
MEIN SOHN ES IST EIN NEBELSTREIF

Gerade wenn man noch die Interpunktion noch weglässt, klingt das schrecklich uninteressiert. In Verbindung mit der Großschreibung hat das sogar was Komisches; (ich muss da gleich an eine avantgardistische Theaterinszenierung denken, die das Gedicht dekonstruieren will, die Schauspieler schauen stumpf und ausdruckslos nach vorne und brüllen ihren Text). Aber vielleicht ist das auch nur mein Eindruck, weil mich Chatnachrichten und SMS, die Fragen beinhalten, ABER KEINE FRAGEZEICHEN, unglaublich nerven. wink
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firstoffertio
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BeitragVerfasst am: 15.05.2015 21:47    Titel: Antworten mit Zitat

Ich finde, das das kleingeschriebene sich besser lesen laesst, und weniger aufdringlich ist.

Beim Grossgeschriebenen sehe ich sozusagen den Inhalt vor lauter Grossbuchstaben nur schwerlich.

Es ist schon ein wenig so, als wuerde man angeschrien, und da hat man dann auch nicht den Nerv, auf Einzelheiten des Inhalts, oder auf die einzelnen Woerter, zu achten.
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finis
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Die lange Johanne in Bronze


BeitragVerfasst am: 15.05.2015 23:15    Titel: Antworten mit Zitat

Hi.

Ich fände Experimente auf jeden Fall spannend. Ich bevorzuge auch Kleinschreibung, weil es schlanker und dezenter ist; das ist aber eigentlich - wie bei jedem formalen Kriterium - von Gedicht zu Gedicht abhängig, denke ich. Deswegen könnte ich mir schon vorstellen, dass Großschreibung manchen Gedichten "gut steht".

Konsequente Kleinschreibung eröffnet auch mehr Möglichkeiten (klar - die gäbe es bei Großschreibung theoretisch auch). Nicht nur, dass keine Unterschiede zwischen Worten bestehen, bzw. keine zusätzlichen Akzente gesetzt werden, sondern dass auch beliebige Trennungen sind, man kann die Worte "zerrupfen", Apokoinukonstruktionen sind noch ganz anders möglich,  ohne dass sie ihren Zusammenhang komplett verlieren.

LG. finis


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Mettbrötchen
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BeitragVerfasst am: 16.05.2015 00:36    Titel: Antworten mit Zitat

Ich finde einfach, Lyrik sollte eher flüstern, anstatt zu schreien.

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I read somewhere how important it is in life not necessarily to be strong... but to feel strong.
(Christopher McCandless
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keinort.nirgends
Schreiberassi


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Die lange Johanne in Silber


BeitragVerfasst am: 16.05.2015 01:03    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Nihil, du hast recht, nicht für jedes Gedicht ist die durchgängige Kleinschreibung geeignet. Der Erlkönig liest sich so tatsächlich uninteressiert. Und gängige Groß- und Kleinschreibung kommt ja auch in zeitgenössischen Gedichten nach wie vor vor - deshalb würde es mir da fern liegen, jemandem Altbackenheit zu attestieren. Im Grunde geht es da meiner Meinung nach weniger darum, einem "Modetrend" nachzueifern, als vielmehr für sich selbst auszuloten, welcher Stil einem selbst mehr Möglichkeiten offen hält. Lediglich folgendes deiner Argumente

Nihil hat Folgendes geschrieben:
... aber ich finde, dass Nomen im Deutschen nun einmal groß geschrieben werden, so aussehen, so sind


lasse ich nicht gelten. Weil das (dass Sachen nun mal so sind) ja eigentlich keinerlei Kunstform zu keiner Zeit jemals davon abgehalten hat, sich außerhalb ebendieser Konventionen zu bewegen. Sonst müsste man z. B. Herrn Dalí mal erklären, dass Uhren eigentlich ganz anders ausschauen oder Herrn Richter, dass (Pinsel)Haare zwar zum Malen verwendet werden, man diese aber normalerweise nicht mit aufs Bild klebt. Na ja, dieses Fass sollte ja eigentlich gar nicht aufgemacht werden wink

Zum Weiteren:

Nihil hat Folgendes geschrieben:
Letztere finde ich an sich schon sehr anstrengend zu lesen und durch die Gewohnheiten, die das Internet mit sich bringt, LIEST SICH DAS, ALS OB JEMAND SCHREIT, VERDAMMT! Obwohl vielleicht gar kein Ausrufezeichen dahinter steht.


firstoffertio hat Folgendes geschrieben:
ich finde, das das kleingeschriebene sich besser lesen laesst, und weniger aufdringlich ist.


finis hat Folgendes geschrieben:
Ich bevorzuge auch Kleinschreibung, weil es schlanker und dezenter ist


Ja, so geht es mir eigentlich auch. Gerade zu Zeiten als ich bspsw. im spanischsprachigen Ausland gelebt habe. Da habe ich auch in der alltäglichen Schreibe diese Großschreibung als plump empfunden. Jetzt frage ich mich, ob meine Wahrnehmung wie Zitat #1 von Nihil zeigt, lerntechnisch durch Internet und Multimedia erworben ist. Oder ob ich, könnte ich mich freimachen von all den Whatsapp-SMS-Assoziationen, genauso wahrnehmen würde. In einem genau so gearteten inhaltlichen Spannungsfeld eines Gedichts (Moderne Kommunikation, Technik, SMS usw.) wäre unser Großschreibe-Experiment wohl naheliegend.
Ich frage mich darüber hinaus aber auch, ob es in ganz anderen Themenfeldern eine textdienliche Wirkung haben könnte.

Experimentiert mal, ich tu's auch.

Abendgrüße!
keinort.nirgends
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keinort.nirgends
Schreiberassi


Beiträge: 69

Die lange Johanne in Silber


BeitragVerfasst am: 16.05.2015 01:18    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Mettbrötchen hat Folgendes geschrieben:
Ich finde einfach, Lyrik sollte eher flüstern, anstatt zu schreien.


Den Kommentar habe ich jetzt überschrieben bzw. überlesen. Diese Aussage kann man ja grundsätzlich erst einmal annehmen oder verwerfen. Ich nehme mal an, dass du aus diesem Satz für dich die Kleinschreibung als das Mittel der Wahl folgerst. Die Schlussfolgerung in Verknüpfung mit dem Vorsatz würde meinen, dass Großschreibung schreien bedeutet und Kleinschreibung flüstern. Und genau darüber bin ich gerade am Sinnieren - ob das eine legitime Überführung ist oder nicht. Zumindest naheliegend scheint sie ja zu sein, sonst würden wir da nicht intersubjektiv übereinstimmen, dass Großschreibung anstrengend, plump herüberkommt (kommen kann).
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Rübenach
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Beiträge: 2403



BeitragVerfasst am: 16.05.2015 07:38    Titel: Antworten mit Zitat

Das Normale, also das, was wir gelernt und mit dem wir aufgewachsen sind, ist die Großschreibung von Substantiven und am Satz- bzw. Versanfang.

die radikale kleinschreibung weicht, wenn ich nur die optische wahrnehmung betrachte, nur unwesentlich davon ab. (in diesem beispielsatz nur an drei stellen)

EINE DURCHGÄNGIGE GROßSCHREIBUNG ALLER ZEICHEN, ALSO EINE MAJUSKELSCHRIFT, IST FÜR DAS AUGE SCHON BEDEUTEND FREMDER. SIE WIRKT GEDRÄNGTER, BRÄUCHTE EIGENTLICH ETWAS MEHR ABSTAND ZWISCHEN DEN EINZELNEN ZEICHEN ALS MIT HERKÖMMLICHEN MITTELN ZU ERREICHEN IST. ZUDEM HAT SIE DAS LEIDIGE PROBLEM MIT DEM SZ, FÜR DAS ES KEIN ZEICHEN GIBT. INTERESSANTERWEISE HAT DAS SCHREIBEN NUR MIT GROßBUCHSTABEN AN EINEM PUNKT DIE GLEICHE FUNKTION, WIE DIE RADIKALE KLEINSCHREIBUNG: ES GIBT KEINE OPTISCHE HERVORHEBUNG VON SUBSTANTIVEN UND SATZ/VERSANFÄNGEN.

ALTERNATIV KÖNNTE MAN ÜBER KAPITÄLCHEN NACHDENKEN.

in einem durchgängig mit minuskeln geschriebenen text kann ich mir HERVORHEBUNGEN mittels majuskeln durchaus vorstellen, gebe sogar zu, dies früher mal gemacht zu haben. wobei früher die zeit meint, in der keine elektronischen schreibmaschinen, geschweige denn computer zur verfügung standen. damals gab es (wenn man von professionellem buch- oder zeitungsdruck absieht) nur wenige möglichkeiten einer optischen hervorhebung. MAJUSKELN, S p e r r s c h r i f t, einfache oder doppelte Unterstreichung oder K O M B I N A T I O N E N dieser, meist als unzureichend empfundenen, typografischen möglichkeiten.

heute geht doch bedeutend mehr, wir verfügen über fettdruck, können kursiv schreiben oder durch veränderung der schriftgröße dynamik erzeugen. selbst wenn wir auf farbigkeit verzichten, haben wir möglichkeiten, die über die majuskelschrift hinausgehen.

aber wahrscheinlich musst du einfach ausprobieren.


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Willebroer
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BeitragVerfasst am: 16.05.2015 23:37    Titel: Antworten mit Zitat

Grundsätzlich kann man natürlich alles versuchen. Und ist früher oder später im Bereich Grafik/Design angelangt. Man kann sich auch bewußt entscheiden, die Grenzen des Mediums zu überschreiten.

Am Ende steht aber immer das Resultat und die Frage, ob der Autor die Möglichkeiten, die er zur Verfügung hat oder sich geschaffen hat, sinnvoll nutzt. Oder ob die Gestaltungsmittel vielleicht nur dazu dienen, von inhaltlichen oder stilistischen Schwächen abzulenken.

Mit etwas Pech bleibt es bei der Anmutung einer Dosenbeschriftung. Und mit etwas weniger Pech wird genau hierdurch die erwünschte Wirkung erzielt.

Wird nicht bei Ingeborg Bachmanns "Reklame" auch schon mit Kursivschrift gearbeitet, um die zwei Ebenen darzustellen? Und das ist inzwischen lange her ... Pfiffig Blinzeln
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firstoffertio
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BeitragVerfasst am: 17.05.2015 00:01    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
die radikale kleinschreibung weicht, wenn ich nur die optische wahrnehmung betrachte, nur unwesentlich davon ab. (in diesem beispielsatz nur an drei stellen)

 EINE DURCHGÄNGIGE GROßSCHREIBUNG ALLER ZEICHEN, ALSO EINE MAJUSKELSCHRIFT, IST FÜR DAS AUGE SCHON BEDEUTEND FREMDER. SIE WIRKT GEDRÄNGTER, BRÄUCHTE EIGENTLICH ETWAS MEHR ABSTAND ZWISCHEN DEN EINZELNEN ZEICHEN ALS MIT HERKÖMMLICHEN MITTELN ZU ERREICHEN IST. ZUDEM HAT SIE DAS LEIDIGE PROBLEM MIT DEM SZ, FÜR DAS ES KEIN ZEICHEN GIBT. INTERESSANTERWEISE HAT DAS SCHREIBEN NUR MIT GROßBUCHSTABEN AN EINEM PUNKT DIE GLEICHE FUNKTION, WIE DIE RADIKALE KLEINSCHREIBUNG: ES GIBT KEINE OPTISCHE HERVORHEBUNG VON SUBSTANTIVEN UND SATZ/VERSANFÄNGEN


Damit hast du wesentliches zusammengefasst und verdeutlicht.

Zumindest, was Druckschrift anbelangt. Ich frage mich aber, ob jemand handschriftlich alles groß schreiben würde?Großbuchstaben scheinen dazu dazu sein, gewisse Zeichen zu setzen. Im Deutschen charakterisieren sie Nomen. Im Englischen Satzanfänge und Eigennamen. Sie sind nicht fü ein ganzes Textbild geeignet.
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keinort.nirgends
Schreiberassi


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Die lange Johanne in Silber


BeitragVerfasst am: 18.05.2015 00:27    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

firstoffertio hat Folgendes geschrieben:
Zumindest, was Druckschrift anbelangt. Ich frage mich aber, ob jemand handschriftlich alles groß schreiben würde?Großbuchstaben scheinen dazu dazu sein, gewisse Zeichen zu setzen. Im Deutschen charakterisieren sie Nomen. Im Englischen Satzanfänge und Eigennamen. Sie sind nicht fü ein ganzes Textbild geeignet.


Ich glaube, ich wiederhole mich und schreib's auch schon zum dritten Mal: Aus einigen hauptsächlich spanischsprachigen Ländern kenne ich das eben durchaus. In Chile z. B. oder Argentinien ist mir das in alltäglichen Schreibsachen oft aufgefallen: Da haben Leute mir Notizzettel geschrieben und nur Großbuchstaben verwendet. Ich war mal in einer Textwerkstatt dort und sogar ein paar der literarischen Texte haben einige in konsequenter Großschreibung verfasst. Allerdings nur die handschriftlichen, die maschinellen nicht. Leider habe ich es damals verpasst zu fragen, ob das auf irgendjemanden aufdringlich wirkte. Ich nehme es aber nicht an; zumindest kam das Thema nicht zur Sprache und niemand hat darauf hingewiesen. Von dem her frage ich mich eben, ob das, worüber wir uns hier einig sind - eben das Aufdringliche der Großschreibung - eine Sache ist, die abhängig von bestimmten Kulturkreisen ist.

Willebroer hat Folgendes geschrieben:
Grundsätzlich kann man natürlich alles versuchen. Und ist früher oder später im Bereich Grafik/Design angelangt. Man kann sich auch bewußt entscheiden, die Grenzen des Mediums zu überschreiten.

Am Ende steht aber immer das Resultat und die Frage, ob der Autor die Möglichkeiten, die er zur Verfügung hat oder sich geschaffen hat, sinnvoll nutzt.


Das finde ich einen interessanten Beitrag. Und es lässt mich an den diesjährigen Beitrag von Walter Fabian Schmid beim L&L-Preis denken. Ich will ihm nichts unterstellen, gar nichts, dafür habe ich mich viel zu wenig mit seinen Texten auseinandergesetzt. Allerdings gingen zumindest mehrere Jurymeinungen genau in diese Richtung, die du ansprichst. Siehe hier. Prinzipiell finde ich, dass jetzt z. B. genau der inhaltlichen Rahmen, in dem sich Walter Fabian Schmid bewegt, ein Themenkomplex wäre, in dem solche Experimente naheliegend wären und funktionieren könnten.
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menetekel
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 99
Beiträge: 1905
Wohnort: Planet der Frühvergreisten


BeitragVerfasst am: 24.05.2015 08:08    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Außerdem frage ich mich, ob es lohnend wäre, in dieser Richtung mal einen experimentellen Ausflug zu wagen oder ob ich gedanklich gerade irgendwelche Sperrgebiete außer Acht lasse. Was meint ihr?

Diese Experimente sind ja bereits um 1870 herum gemacht worden (Rimbaud / Artaud).
Sieht man Lyrik als eine Möglichkeit an, Sprache aktiv zu zerlegen oder durch Hervorhebungen zu betonen, kann man etwas kundtun und gleichzeitig etwas Magisches in den Text bringen (Sprache als Beschwörung / Artaud).
Demnach sollte/müsste/könnte es sich gar nicht um ein Entweder oder Oder handeln - mal abgesehen davon, dass durchgängige Kleinschreibung eine Fülle neuer Enjambements eröffnet - sondern um die Nutzung beider Möglichkeiten in einem Text.

Jeder von euch kennt mit Sicherheit den berühmten Satz Rimbauds: "Je est un autre" (ich ist ein anderer).
Zu diesem Thema hat er einige Gedichte verfasst:

Zitat:
...
wir wollen schauen: - doch der ZWEIfel pEINigt uns!
             der zweifel, trüber vogel,
                schlägt uns mit seinem fittICH ...
- und der horizont entflieht in fortwährender flucht" ..


Hier können wir erkennen, wie wunderbar sich der Wechsel zwischen Groß- und Kleinschreibung einsetzen lässt und wie sinnstiftend das wirken kann.
Und natürlich reicht dies auch in den Bereich der grafischen Darstellung hinein. Rimbaud ersetzte zuweilen Textteile durch schwarze Balken etc.

Zitat:
Das Original streifen, durch=streifen; sein Drehmoment, seine Stimme in der anderen Sprache, der unseren, zur Resonanz zu bringen.
Das ist der Versuch.
Editionsnotiz 1979 Matthes & Seitz zu ihrer Rimbaudausgabe.


Ach, wie bieder mutet dagegen manch Zeitgenössisches an! Rolling Eyes

SCHöne GrÜSSe
menetekel
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keinort.nirgends
Schreiberassi


Beiträge: 69

Die lange Johanne in Silber


BeitragVerfasst am: 26.05.2015 22:21    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Interessanter Beitrag, menetekel! Ich muss zugeben, dass ich die meiste Lyrik, die ich nicht in der Originalsprache lesen kann, bisher mehr als stiefmütterlich behandelt habe. Von Rimbaud kenne ich also kaum etwas. Dass er damals schon sehr "seiner Zeit voraus" und überaus "modern" war, hatte mir mal ein Prof gesagt und das ist immer noch hängen geblieben - ohne allerdings konkrete Beispiele davon präsent zu haben.

Klar, die neuen Enjambements sind ein wichtiger Mitgrund, warum ich für mich persönlich irgendwann mal die Kleinschreibung als Mittel der Wahl ergriffen habe. Und wie du sagst ermöglicht die Verwendung von beiden Schreibungen auch ganz neue Möglichkeiten, die sinnstiftend sein können - gerade wenn innerhalb eines Wortes einzelne Teile groß geschrieben werden. Hier auf Seite 11 der neuen Ausgabe der Mosaik z. B. ein Text von Marko Dinic, der sich auch dieser Technik bedient. Ich persönlich habe das Gefühl, dass diese Technik trotzdem sehr subtil eingesetzt werden sollte - auf mich wirkt das sonst oft sehr schnell zu plakativ.

Eine Eingangsfrage von mir war jetzt eher, wie es wirken würde, benutzte man beispielsweise die von dir angesprochene Technik genau umgekehrt: Also dass textliche Hervorhebungen genau dadurch überhaupt erst welche sind, dass ebendiese klein geschrieben werden, während alles andere groß geschrieben wird. Wenn also in unseren Beispielen Groß- und Kleinschreibung die Plätze tauschen würden. Allerdings ist die Frage jetzt von einigen schon beantwortet worden: Auf viele würde das "wie entgegengeschrien", plump usw. wirken. Es hätte also wahrscheinlich wenig Sinn, die Frage nochmal aufzuwerfen, weil sich sonst die Diskussion irgendwann im Kreis dreht.

Grüße,
Kein Ort. Nirgends
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