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Die Rettung – ein modernes Märchen


 

 
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wunderkerze
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BeitragVerfasst am: 12.11.2021 14:30    Titel: Die Rettung – ein modernes Märchen eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Polnisch-weißrussisches Grenzgebiet, Wald von Bialowieza

  Der Pfad war jetzt so schmal, dass sie auf beiden Seiten von Gebüsch zerkratzt wurden. Schließlich verlief er sich zwischen modernden Baumstümpfen und ölig schimmernden Pfützen. Immer mehr offene Wasserstellen tauchten auf, die sie mühsam umgehen mussten. Hinzu kamen die unzähligen unter Moos verborgenen Baumwurzeln, die diesen Wald allmählich zur Stolper-Hölle werden ließen.
   Abdelkarim blieb stehen. Vor ihm, in etwa zweihundert Meter Entfernung, glitzerte eine größere Wasserfläche, die sich nach rechts offensichtlich in einem Kanal fortsetzte; die Sicht nach links war von Gestrüpp verstellt.
   Hinter ihm standen zehn Personen, fünf Männer, drei Frauen, zwei Kinder. Die Flüchtlinge quälten sich seit fast einer Woche durch den unwegsamen Urwald. Sie waren durch eine Lücke in dem scharfkantigen Natodrahtzaun geschlüpft, mit dem die polnische Regierung seit einiger Zeit versuchte, die Grenze nach Belaruss abzuriegeln. Irgendein weißrussischer Grenzposten hatte ihnen gesagt: „Geht einfach immer nach Westen, dann seid ihr bald in Deutschland.“
   Der Zustand der Leute war bedauernswert. Die Gesichter waren vor Erschöpfung hohl und von Dornen zerstochen, einige bluteten unter zerfetzter Kleidung. Beim Versuch, den Stacheldraht zu überwinden, hatten sie sich die Haut aufgerissen. Viele konnten sich kaum mehr auf den Beinen halten; mindestens seit einer Woche ernährten sie sich von Beeren und Nüssen. Die Kinder waren schon längst über den Zustand hinaus, in dem man vor Hunger jammert.
   Abdelkarim drehte sich um. „Ich schlage vor, wir gehen zu den Birken zurück und übernachten dort“, sagte er. „Dort ist der  Boden vermutlich trockener.“
   Die Leute machten sich stöhnend und fluchend auf den Rückweg.

   Abdelkarim lehnte mit schmerzendem Rücken an einen Baumstamm und blickte nach oben. Hier, in Abwesenheit jeder künstlichen Lichtquelle, erstrahlte der Nachthimmel in geradezu wüstenhafter Klarheit, ähnlich klar wie damals über seinem Heimatdorf.Und sein Hunger bewirkte, dass diese Klarheit auch seinen Geist ergriff und ihn in eine Art traumhafte Schwerelosigkeit versetzte.
   Über dem Horizont, hinter dem der zarte Schimmer des aufgehenden Mondes lag, stieg ein Lichtpunkt hoch, der sich langsam näherte. Irgendeiner dieser Satelliten, dachte er, die immer öfter die erhabene Ruhe des Nachthimmels stören. Es schien, als käme der Lichtpunkt genau auf ihn zu. Doch jetzt – Abdelkarim hielt den Atem an – veränderte der Punkt seine Flugbahn, beschrieb einen großen Bogen und wanderte in die Richtung, aus der er gekommen war, zurück.
   „Sie suchen den Wald mit Drohnen ab“, sagte die Frauenstimme, „nach illegalen Flüchtlingen.“ Die Frau fragte: „Darf ich mich zu dir setzen?“
   Abdelkarim nickte. Es war nicht das erste Mal, dass sie diesen Wunsch äußerte. Sie war eine Jesidin, die in letzter Minute den Fängen des IS entkommen konnte.
   Sie lehnte sich an ihn, und er spürte, wie sie vor Kälte zitterte.
   „Wo kommst du her?“, fragte er.
    „Aus Güven in der Nähe von Sindschar.“
   „Und du bist also Nayla.“
   „Ja.“
   „Und weiter?“
   „Nichts weiter. Und du bist Wahel.“
   Normalerweise spricht ein Muslim nicht mit einer fremden Frau, und eine Berührung ist erst recht gegen das Sittengesetz. Und dann war diese Frau auch noch eine Jesidin . . . Aber hier war nichts normal. Sie alle waren Flüchtlinge und in Allahs Hand. Und Allah macht keinen Unterschied zwischen Mann und Frau, Muslima und Jesidin.
   „Meine Familie hat teuer bezahlt“, begann sie, „fast fünftausend Dollar! Und was hab ich jetzt davon? Nasse Füße!“
   Abdelkarim merkte, das sie schwankte. „Setzen wir uns doch“, schlug er vor. Er breitete seinen Anorak aus; sie kauerten sich nieder.
    „Meine Familie hat einen hohen Preis bezahlt“, fing sie wieder an, „und wo ist jetzt der Gewinn?“
   Er wusste, dass sie mit Preis nicht nur Geld meinte. Sie hatte ihm ihre Geschichte erzählt, und die war grauenhaft.
    Eines Tages  war der IS in ihr Dorf gekommen und hatte einen Massaker unter den Männern, Alten und Kindern angerichtet. Auch ihr Mann und ihre Brüder, die gerade vor dem Dorf auf dem Feld arbeiteten, waren dabei umgekommen. Die jungen Frauen wurden gefangen, vergewaltigt und als Sklavinnen verkauft. Sie, ihre kleine Tochter und ihre Eltern hörten die Schüsse und die Schreie und konnten noch rechtzeitig fliehen und sich in den Irak absetzen. Dort lebten sie vierzig Tage in Zelten auf einem Berg, auf dem sich bereits mehrere hundert Menschen versammelt hatten, verfolgt, nur weil sie Jesiden waren. Die arabischen Familien, die in der Nähe lebten, dachten nicht daran, sie mit Wasser und Nahrung zu versorgen, so dass viele Menschen, besonders Kinder, verhungerten oder verdursteten. Um Ihr und ihrem Kind das Weiterleben zu ermöglichen, hörten ihre Eltern auf, zu essen und zu trinken. Dann war die Kleine doch an einer Infektion gestorben.
   Kurz vor dem Ramadan nahm der IS zwanzig Frauen gefangen und verbrannte sie bei lebendigem Leibe, nur weil sie Jesidinnen waren.
   Eines Tages kam ein arabischer Fuhrunternehmer auf den Berg und verkündete, er könne zwanzig Personen hinter doppelten Wänden seiner Lastwagen durch den Sicherheitskorridor nach Latakia zur syrischen Mittelmeerküste schleusen, von wo die Schiffe nach Griechenland abgingen. Er verlangte tausend Dollar pro Person
   Doch wer von den Leuten besaß schon tausend Dollar?
   Ihr Vater, eingenäht in ein Stoffkissen, das er wie einen Buckel unter seinem Kaftan trug. Wer traut einem buckligen Alten schon ein Vermögen zu . . . Und es war ein Vermögen . . . 5000 Dollar in kleinen Scheinen. Woher das Geld stammte – dieses Geheimnis nahm er mit ins Grab. Sie hatte sich nur gewundert, dass der Buckel mit den Jahren immer größer wurde und es auf das Altern geschoben.
   Doch noch bevor sie sich ein Schiffsticket besorgen konnte schloss die griechische Regierung die Grenzen und schickte Flüchtlingsboote wieder zurück. Offizielle Begründung: Die Gefahr, dass Flüchtlinge das Coronavirus eingeschleppten, sei zu groß. Also gab es nur noch die Landroute. Zunächst nach Edirne und von da aus auf verschlungenen Wegen in diesen endlosen Wald.
   „Du fragst nach dem Gewinn“, sagte er, „gerade du? Ist die Freiheit nicht Gewinn genug? Ich will nicht daran denken, wie es denen jetzt geht, die unter den entsetzlichsten Bedingungen zurückbleiben mussten. Ich hoffe nur, dass Allah ihnen gnädig ist.“
   „Du hast recht, wie dumm von mir!“ Sie sprach so leise, dass er sie kaum verstehen konnte. „Entschuldige! Aber ich glaube nicht an deinen Gott, und unserer scheint machtlos zu sein.“
   Plötzlich presste sie die Hand gegen ihre Seite und fing an zu husten. Als der Anfall vorüber war, sagte sie: „Ich habe kein Geld mehr, und alle wollen Geld. Die Schleuser, die Grenzer, die –“
   Wieder begann sie zu husten. Erschöpft lehnte sie ihren Kopf gegen seine Schulter.
   „Geh zurück zum Feuer“, sagte er, „du holst dir noch den Tod!“
   Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Wahel, lass mich bei dir bleiben“, bat sie, „ich kann jetzt nicht zu diesen Menschen zurück. Ich weiß, dass mich viele von ihnen verachten. Und sicher werde ich mich erst in Deutschland fühlen. Und in deiner Nähe.“
   „Woher weißt du, dass ich nicht einer von denen bin?“
   Sie antwortete nicht, aber sie lehnte sich enger an ihn. Schließlich sagte sie: „Ich weiß es eben. Frag nicht weiter.“

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wunderkerze
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Katinka2.0
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BeitragVerfasst am: 12.11.2021 21:40    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo wunderkerze,

dieser erste Teil deiner Geschichte hat mich gepackt und ich möchte dir gerne meine Gedanken dazu dalassen.
Du hast hier, wie ich finde, einen sehr feinen, berührenden Text eingestellt, das Thema ist brisant und von aktueller Relevanz.
Die Sprache wirkt, du erzeugst eine bedrückende Stimmung, das anstrengende Herumirren durch den unwirtlichen Wald, die geistige und körperliche Erschöpfung und Hilflosigkeit deiner Figuren, ihr Antrieb, weiterzumachen, weil es kein Zurück mehr gibt, das alles beschreibst du eindringlich, in beklemmenden Bildern. Abdelkarim/Wahel, aus dessen Perspektive du die Geschichte erzählst, und Nayla, die Jesidin, kommen für mich authentisch rüber, sofern man sich überhaupt irgendwie in ihre Situation hineinversetzen kann. Nyalas Geschichte, ihr familiärer Hintergrund, klingt wie Horror vom Feinsten. Leider gibt es genügend Berichte, die Ähnliches dokumentieren. Die Namen, Wahel und Nyala, hast du wegen ihrer Bedeutung gewählt? Ein schönes Detail.

Zitat:
Abdelkarim lehnte mit schmerzendem Rücken an einen Baumstamm und blickte nach oben. Hier, in Abwesenheit jeder künstlichen Lichtquelle, erstrahlte der Nachthimmel in geradezu wüstenhafter Klarheit, ähnlich klar wie damals über seinem Heimatdorf.Und sein Hunger bewirkte, dass diese Klarheit auch seinen Geist ergriff und ihn in eine Art traumhafte Schwerelosigkeit versetzte.

Wie groß muss die Not sein, wenn man sich dazu entschließt, seine Heimat zu verlassen und diesen Schritt zu wagen? Unvorstellbar für uns. Es muss eine schier ausweglose Situation sein, wenn Eltern keine andere Möglichkeit mehr sehen, als mit ihren Babys und Kleinkindern ins Ungewisse zu gehen, mit nichts als Hoffnung auf ein besseres Leben im Gepäck. Um dann zu erkennen, falls sie irgendwo einen Durchschlupf gefunden haben, dass hinter dem Stacheldrahtzaun polnische Polizisten warten, die sie wieder zurückschicken. Dort wartet wiederum belarussisches Militär, das sie erneut und wohl auch unter Androhung von Gewalt auf den Zaun zutreibt. Und das bei mittlerweile nächtlichen Minusgraden. Ich frage mich, was in den Köpfen der Polizisten vorgeht, wenn sie Familien mit kleinen Kindern wieder in den Wald schicken. Das muss sicher auch für diese Menschen sehr belastend sein.

Kurz zur Überschrift: Ohne den weiteren Verlauf der Geschichte zu kennen, verrät sie schon ziemlich viel, oder? Der Begriff "Rettung" impliziert einen positiven Augang, "Märchen" bedeutet ebenfalls, am Ende wird alles gut. Das heißt, ich kann mich entspannt zurücklehnen und darauf vertrauen, dass es zumindest in dieser Geschichte deine Figuren bis ins gelobte Land schaffen? Smile

Insgesamt ein gelungener Text, der mich bewegt und der ganzen Sankt-Martin-Umzugs-Tradition eine gewisse Ironie verleiht. Jedenfalls habe ich diesen ersten Teil gern gelesen und bin gespannt auf die Fortsetzung.

LG Katinka
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wunderkerze
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BeitragVerfasst am: 13.11.2021 12:56    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Katinka2.0,
vielen Dank für dein feinsinniges Feedback.
Ja, die Namen habe ich wegen ihrer Bedeutung gewählt. Für alle, die sich nicht so gut auskennen wie du, hier im Klartext: Wahel = der Beschützer, der Retter, aber auch: der Zuflucht Suchende. Nayla = Gott ist gnädig.
Zur Überschrift: Ja, das Wort "Rettung" deutet einen glücklichen Ausgang an, jedoch nur im Märchen! Was im Märchen geschieht geschieht nicht wirklich. Also wird die Realität anders aussehen . . . Wie, weiß ich nicht, denn diese Geschichte ist mitten aus dem Leben gegriffen und die Problematik noch keineswegs gelöst. Noch immer irren dort Flüchtlinge herum. Deshalb habe ich eine gute Fee eingeladen, diesen Leuten und dir und mir in unserer Bedrückung einen Hoffnungsschimmer zu gewähren. Um nicht zuviel zu verraten setze ich jetzt einen Punkt und wünsche dir noch einen guten Tag.

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wunderkerze
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wunderkerze
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BeitragVerfasst am: 20.11.2021 12:30    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Berlin. Kanzleramt
   Gerade fragt die Integrationsstaatsministerin, eine hagere Dame mittleren Alters: „Wie viele waren es heute?“
   „Etwa fünfhundert“, sagt der Innenminister mit tiefer, etwas kratziger Stimme. Er ist ein breiter Mann, Mitte sechzig, weißes Haar, gerötete Haut. „Tendenz stark steigend.“
   „Ich habe vorhin mit dem Büro des weißrussischen Präsidenten telefoniert“, unterbricht die Bundeskanzlerin. „Sie wissen angeblich von nichts und wirkten äußerst überrascht. Ihr Geheimdienst geht der Sache nach.“
   „Glaubst du diesen Leuten?“, fragt der Innenminister. Das „Du“ ist eine reine Farce. Es soll die Welt darüber hinwegtäuschen, dass er ihr intimster Feind ist. Immer noch nimmt er es ihr übel, dass sie und nicht er auf dem Thron im Kanzleramt sitzt.
   „Der belarussische Präsident hat Gespräche mit mir bisher abgelehnt, deshalb kann ich ihn nicht einschätzen“, fährt die Kanzlerin in ihrer gewohnt ruhigen Art fort. „Außerdem geht es hier nicht um Glauben, sondern um eine neuartige Bedrohung der Außengrenze der EU. Und um Menschen in großer  Not.“
   Sie blickt den Chef des Auswärtigen Amtes an. „Sagen Sie mal, Herr Meinhardt, gibt es vom polnischen Innenministerium neue Nachrichten, was Maßnahmen zur Verhinderung illegaler Grenzübertritte im polnisch-weißrussischen Grenzgebiet betrifft?“
   „Nichts, was uns nicht schon bekannt wäre, Frau Bundeskanzlerin“, sagt Meinhardt mit leiser Stimme. „Herr Kamiuzki verweist auf die Beratungen der Außenminister in Brüssel.“
   „Und das kann dauern“, unkt die Integrationsstaatsministerin.
   „Ähem!“
   Der Innenminister räuspert sich bedeutsam. „Ich habe deshalb . . .äh . . .  angeordnet, acht Hundertschaften der Bundespolizei zur Grenze nach Polen zu verlegen und überdies meinem polnischen Kollegen, Herrn . . .äh . . . vorgeschlagen, gemeinsame Streifen deutscher und polnischer Grenzschützer vorwiegend auf polnischer Seite patrouillieren zu lassen, um die . . . äh . . . illegale Einreise nach Deutschland zu verhindern. Ich gehe davon aus, dass dieser Vorschlag in Warschau positiv . . . äh . . .aufgenommen wird.“ Obwohl ihm das Sprechen zunehmend schwer fällt – er leidet an einer Herzmuskelschwäche –, erspart er sich verbal nicht die geringste Kleinigkeit. „Ich bin sogar bereit, noch mehr zu tun. Allerdings – einfach wird es . . . äh . . . nicht . . . Sie wissen ja, wie sensibel die polnische Seite auf unsere. . . ähem. . . Hilfsangebote reagiert.“
   „Wollen Sie die Grenzen schließen?“, entfährt es der Integrationsstaatsministerin.
   „Nein.“ In die erratische Sitzfigur des Innenministers kommt Bewegung. „Eine Schließung der Grenze ist von niemandem beabsichtigt.“ Er unterbricht sich kurz und fährt fort. „Allerdings – Eine Situation wie . . . äh . . . 2015 darf es nicht mehr geben“, wobei er der Kanzlerin einen giftigen Blick zuwirft.
   „Stimmen Berichte der polnischen Presse“, fragt die Integrationsstaatsministerin, wobei sie den Innenminister durch ihre große Brille eulenäugig fixiert, „nach denen die weißrussische Seite Flüchtlinge wieder zurückschickt und sogar verprügeln lässt?“
   Der Innenminister zuckt mit seinen gewaltigen Schultern. „Davon ist mir nichts bekannt“, lügt er.
    „Ich fasse also zusammen“, sagt die Kanzlerin unbeeindruckt und formte ihre Finger zur Raute. „Eine Lösung ist so schnell nicht in Sicht, obwohl die Lage für die Flüchtlinge immer dramatischer wird. Ich habe mir sagen lassen, dass es im Wald von Bialowieza bereits strenge Nachtfröste gibt.“
   Gerade geht die Schaubeleuchtung des Bundesratsgebäudes schräg gegenüber aus. Die Kanzlerin blickt zur Uhr. Halb eins.
   „Ich danke Ihnen“, sagte sie und erhebt sich mit bewegtem Doppelkinn.
   Als sie allein ist, greift sie zum Haustelefon. „Herr Müller, machen Sie mir bitte eine Videoschalte zum Leiter des KSK in Bonn sowie zum Büro des polnischen Innenministers zu morgen früh, sechs Uhr dreißig . . . Wie?“ Ihre weiche Hand knallt überraschend hart auf die Tischplatte. „NATÜRLICH WEISS ICH WIE SPÄT ES IST, HERR!“ Das ist jetzt ein Tonfall, den ihr geduldiges Wahlvolk nicht kennt. „Zu morgen früh sechs Uhr dreißig, keine Minute später. Haben Sie mich verstanden?“
   Der Hörer knallt auf die Gabel.
                                                                                        *
   Schon seit den frühen Morgenstunden schleppen sich die Migranten an dem endlosen Kanal entlang. Abdelkarim gibt die Hoffnung nicht auf, endlich eine Brücke zu finden, die ihnen ein Weiterkommen nach Westen ermöglicht; soweit er am Sonnenstand erkennen kann, führt der Kanal nämlich nach Norden. Er seufzt. Wenn nicht bald eine Brücke kommt, werden wir wohl hinüberschwimmen müssen . . .  
    Er steckt die letzten Haselnusskerne in den Mund und dankt Allah für seine Güte. Immer wieder kommen sie an runden Hügeln vorbei, die dicht mit Brombeer- und Haselnussgebüsch bewachsen sind, Urwälder im Urwald, seit Jahrhunderten von keiner Axt berührt, und dementsprechend üppig. Wenn auch die Nüsse noch nicht vollständig reif sind und die Beeren halb vertrocknet, vorm Verhungerten retten sie trotzdem.
   Ein Lied weht heran, unhörbar für die anderen, aber nicht für ihn. Es ist das Gedicht eines Mitgefangenen aus dem Straflager, das er ihm, Abdelkarim, hinter versteinerten Lippen zugeraunt hat, damals auf dem glühend heißen Gefängnishof, die Vision eines Mannes, der auch ein Dichter war, aber leider in einem Land, in dem schon ein Gedicht Gefängnis bedeuten kann . . .

 . . . Ich trinke die kühle Milch des Abends
wenn die Sonne hinter dem Stacheldraht versinkt . . .

*
   Ein großes Haus mit grauen, efeuüberwucherten Wänden taucht aus dem Abenddunst auf. Eine Unzahl schwarzer Vögel, die auf den schlanken Kaminen des braunroten Ziegeldaches hockten, flattert mit aufgeregtem „Krah-Krah“ und „Jak-Jak“ davon.
   Ein altes, verlassenes Forsthaus.
   Seufzer der Erleichterung steigen auf. Endlich ein Dach über dem Kopf, wenn auch ein kaltes . . .
   „Ich gehe ins Haus“, sagt Abdelkarim, „und sehe nach, ob wir darin übernachten können.“
    Im Haus: Überall Spinnweben, Staub, Dreck, Verfall: Heruntergerissene Tapeten, beschmierte Wände, kaputte Dielenböden. Es riecht muffig nach faulendem Holz und Ratten. Im Kamin der Halle ein Haufen halb abgebrannter Holzscheite, ein Zeichen, dass sich hier vor noch nicht allzu langer Zeit jemand aufgewärmt hat.
   Über Staub und Schutt stolpert er in ein Zimmer, nach der Verkachelung und der Abflussöffnungen in der Wand offenbar die Küche. Auch hier: Kahle Wände, kaputte Fenster, abgetretener Bodenbelag. Nichts, aber auch gar nichts deutet darauf hin, dass hier einmal Menschen gegessen und getrunken haben.
   Das nächste Zimmer. In einer Ecke eine Art Berliner Kachelofen – weinrot schimmernd, glatt und blank wie eben erst geputzt, doch mit herausgerissenen Eingeweiden: Diebe haben ihm seine eisernen Innereien geraubt.
   Wie seltsam, ein Kachelofen in dieser Wildnis!
   Auf einmal wird Abdelkarim warm ums Herz. Alte Bilder werden wieder lebendig, vergessene Gerüche steigen  auf . . .
  Die festlich herausgeputzte Kaffeetafel neben dem knisternd-wärmenden Kachelofen, der allerdings, was die Größe betrifft, mit diesem keinen Vergleich aushält. Es ist ein gekachelter Ölofen, den der Großvater auf irgendeinem Basar ergattert hat, und den er wie eine Kostbarkeit hütet, denn im Winter kann es bitterkalt werden. Die Großmutter, in der einen Hand die dallat al-qahwa, die große Kaffeekanne, in der anderen die Schale mit den Gewürzen, tritt ein, mit Safran, Muskat, Kardamon, Nelken, Rosenwasser. . . Auf dem Tisch steht schon herrlich duftend die heiße Pfanne mit den gerösteten und zerstoßenen Kaffeebohnen. Die Pfeife des Großvaters, Qualster brutzelnd, raunt dazu eine uralte Geschichte. Überhaupt, diese Gerüche. Auf einmal und für einen kurzen Moment ist er wieder Kind . . .  
   Ein Geräusch lässt ihn herumfahren. Nayla, die Jesidin. „Wie sieht´s aus?“, fragt sie. „Können wie hier übernachten?“ Doch eine Antwort erübrigte sich.
   Gemeinsam steigen sie die breite Treppe hoch, die weder Stäbe noch Holme besitzt. Oben, im ersten Stock, ein ähnliches Bild wie schon unten. Nayla stößt eine verquollene Tür auf und fährt mit einem Aufschrei zurück. In einer Ecke des hohen Zimmers liegt ein Kleiderbündel, aus dem ein vertrockneter menschlicher Arm herausragt, über und über mit Fraßspuren bedeckt. Zwei graue Schatten huschen eilig davon.
   Erschaudernd rennt sie die Treppen hinunter und aus dem Haus.
   „In dieses Totenhaus kriegt mich niemand mehr hinein!“, sagt sie, als Abdelkarim neben ihr steht, „lieber schlafe ich unter freiem Himmel! Ich will leben, nicht schon wieder sterben!“
    Plötzlich schlägt sie die Hände vors Gesicht und beginnt zu schluchzen.

Forts. folgt

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wunderkerze
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lia88
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BeitragVerfasst am: 20.11.2021 17:34    Titel: Antworten mit Zitat

Ich les hier mit, weil du wirklich gut darin bist, die Atmosphäre zu beschreiben und ich die Idee interessant finde.

Den ersten Abschnitt vom zweiten Teil fand ich ein klein wenig zäh zu lesen wegen den vielen 'Äh's, aber ist so gewollt, das ist mir klar.
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Katinka2.0
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BeitragVerfasst am: 23.11.2021 13:25    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo wunderkerze,

nachdem ich deine Fortsetzung gelesen habe, kann ich meiner Vorrednerin lia88 nur beipflichten. Es gelingt dir ausgesprochen gut, Stimmung zu transportieren, sei es nun das sterile, nüchterne Arbeitsumfeld im Kanzleramt während eines professionellen Meetings oder im krassen Gegensatz dazu die unwirtliche Atmosphäre im Wald an der belarussisch-polnischen Grenze. Die Stimmung, die diese Schauplätze ausstrahlen, wirkt sich auf deine Figuren und damit auch auf mich aus.
Zitat:
„Ich habe deshalb . . .äh . . .  angeordnet, acht Hundertschaften der Bundespolizei zur Grenze nach Polen zu verlegen und überdies meinem polnischen Kollegen, Herrn . . .äh . . . vorgeschlagen, gemeinsame Streifen deutscher und polnischer Grenzschützer vorwiegend auf polnischer Seite patrouillieren zu lassen, um die . . . äh . . . illegale Einreise nach Deutschland zu verhindern. Ich gehe davon aus, dass dieser Vorschlag in Warschau positiv . . . äh . . .aufgenommen wird.“ Obwohl ihm das Sprechen zunehmend schwer fällt – er leidet an einer Herzmuskelschwäche –, erspart er sich verbal nicht die geringste Kleinigkeit. „Ich bin sogar bereit, noch mehr zu tun. Allerdings – einfach wird es . . . äh . . . nicht . . . Sie wissen ja, wie sensibel die polnische Seite auf unsere. . . ähem. . . Hilfsangebote reagiert.“

Die "Ähs" stören mich ebenfalls und würde ich streichen. Es sollte genügen, es bei den Auslassungszeichen zu belassen, die ein gegebenenfalls kurzes Luftholen bei Kurzatmigkeit ausreichend kennzeichnen.

Zitat:
. . . Ich trinke die kühle Milch des Abends
wenn die Sonne hinter dem Stacheldraht versinkt . . .

Soll dieses Gedicht auf Paul Celans "Todesfuge" anspielen?

Zitat:
Nayla stößt eine verquollene Tür auf und fährt mit einem Aufschrei zurück. In einer Ecke des hohen Zimmers liegt ein Kleiderbündel, aus dem ein vertrockneter menschlicher Arm herausragt, über und über mit Fraßspuren bedeckt. Zwei graue Schatten huschen eilig davon.

Ein Migrant, der es vor ein paar Monaten im Alleingang versucht hat? Oder zurückgelassen wurde, weil die Umstände nichts Menschenwürdiges zuließen?

Es bleibt zu hoffen, dass Dieter Romanns Video-Appell etwas bewirkt und sich die Menschen entscheiden, in ihrem Land zu bleiben und nicht das Risiko eingehen, in einem Lastwagen, durch die Kälte oder andere Begleitumstände ihr Leben zu verlieren.

Sehr gern gelesen, ich bin gespannt auf die Fortsetzung und natürlich auf die gute Fee.

LG Katinka
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wunderkerze
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BeitragVerfasst am: 23.11.2021 17:32    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

High Katinka2.0
high lia88,
vielen Dank für eure Anmerkungen!
Zu den "Ähs" . . .
Ich nehme die Einschübe heraus und empfinde so etwas wie Nachdenklichkeit. Aber dieser Mann ist nicht nachdenklich und auch nicht nur kurzatmig sondern schlichtweg überfordert. Außerdem plagt ihn das schlechte Gewissen, denn er sagt nicht die ganze Wahrheit, obwohl er es besser weiß. Ich dachte, die daraus resultierende Unsicherheit kommt ohne weitergehende Tiefendarstellungen am Knappsten durch diese nervtötenden Einschübe zum Ausdruck. Es ist sicherlich nur eine Möglichkeit von mehreren.
    
Zitat: Soll dieses Gedicht auf Paul Celans "Todesfuge" anspielen?
Antwort: Ja.

LG

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wunderkerze
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BeitragVerfasst am: 27.11.2021 13:02    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Fliegerhorst Holzdorf nordöstlich von Leipzig
    Oberst Weber, der Chef des Hubschraubergeschwaders 64, kann es nicht fassen. „ßagen ße das nochmal!“, nuschelt er in die Muschel.
   Die Stimme am anderen Ende der Leitung klingt nicht weniger überrascht. Weber hört eine Weile geduldig zu, dann unterbricht er. „Weiß der Kommodore davon?“
   Die Antwort scheint ihn zu befriedigen, denn er fährt ruhiger fort: „ßoßo, auf Erßuchen der Bundeskanzlerin. Schläft die Frau eigentlich nie?“ Mit einem Knopfdruck klickte er die andere Seite weg, drückt einen anderen Knopf und zischt: „Hauptmann Schneiderhahn ßofort ßu mir!“
   Der Hauptmann erscheint nach fünf Minuten, steht stramm, salutiert. Obwohl er gerade aus dem Bett gestiegen ist, wirkt er, als habe er die erste Nachthälfte, die er im Kasino verbracht hat, bereits spurlos überstanden.
   Weber dankt lässig. „Stäh´n ße bequäm“, leiert er, „nee, ßätzen ße ßäch.“
   Schneiderhahn setzt sich, den blauen Blick erwartungsvoll auf den Vorgesetzten gerichtet.
   „Ich kann nichts dafür“, fährt Weber, fast schuldbewusst fort, „und ich weiß auch, wie früh am morgen es ist. ßigarette?“
    Schneiderhahn lehnt höflich ab.
    „Sagen Sie“, fährt der Oberst fort, „ist der 565 okay?“
   „Ja natürlich! Ist doch erst vor drei Tagen aus Diepholz zurück! Worum geht es denn?“
   „Ich meine nicht einsatzbereit. Ich meine abflugbereit, und zwar ad hoc. Vollgetankt, mit Abseilvorrichtung, Rettungskorb, Nachtsichtgeräten und dem ganzen Pipapo.“
   „Natürlich! Aber wozu? Brennt´s irgendwo?“
   Das Fax tickert, Weber zieht das Blatt heraus, wirft einen kurzen Blick drauf.
   „Hmm, nun ja, Schneiderhahn, Sie kommen nicht darauf. Wir, beziehungsweise Sie und Ihre Leute, sollen aus dem Wald von Biolozewa oder so ähnlich eine Häuflein herumirrender illegaler Migranten einsammeln und über die deutsche Grenze bringen. Und das möglichst sofort.“
   Der Helikopterpilot starrt seinen Chef verdutzt an. „Wer kommt den auf so etwas?“
   „Die Bundeskanzlerin. Mehr weiß ich auch nicht.“
   Der Oberst steht auf und geht mit dem Zettel in der Hand zur großen Wandkarte, gefolgt vom Hauptmann. Eine Weile irrt sein Zeigefinger über der Karte herum, dann nimmt er eine rotkopfige Stecknadel und steckt sie hinein.
    „Sehen Sie hier“, sagt er, „hier etwa ist es. In diesem Gebiet halten sie sich auf. Eine Drohne unserer polnischen Freunde hat sie gestern hier in diesem Bereich geortet. Auf diesem Zettel hier stehen die genauen Koordinaten. Können Sie nicht verfehlen!“ Er lacht scheppernd. „Sind nur round about hundert Quadratkilometer, die Sie absuchen müssen.“
    „Wann?“
   „Sowie ich grünes Licht aus Berlin bekomme. Und, Herr Hauptmann, fliegen Sie möglichst tief. Muss ja nicht die halbe Welt mitbekommen.“
   
                                                                                     *
  Die Migranten haben sich inzwischen in der Halle niedergelassen, trotz der Ratten und der Leiche. Nayla und Abdelkarim suchen unter dem Dach eines hinfälligen Schuppens Schutz vor der Nässe.  Der Nieselregen hat zwar aufgehört, doch immer noch tropft es von den riesigen Bäumen. Ein faulender Strohballen dient ihnen als Rückenlehne.
   „Was ist mit deiner Stirn“, fragt Abdelkarim in die Stille hinein, „du blutest ja!“
   „Ach es ist nichts . . . Ich bin vorhin in einen Ast hineingerannt . . . Eine Schramme, nicht der Rede wert!“ Auf einmal bäumt sie sich auf. „Wahel, ich kann nicht mehr! Hört das denn nie auf? Dieser Wald ist ja entsetzlich! Und wir sind den ganzen Tag in die falsche Richtung gelaufen.“
   „Irgendwann wird eine Brücke kommen . . .“
   „Manchmal denke ich, nicht nur die Welt, sondern auch Gott hat uns vergessen.“
   „Welchen Gott meinst du? Meinen oder deinen?“
   „Ist das jetzt nicht völlig egal?“
   Abdelkarim schüttelt heftig den Kopf. „O nein! Ich glaube fest, dass Allah mich nicht vergisst!“
    „Es ist dunkel, und im Dunkeln kann man alles glauben.“
   „Nein. Ich weiß es! Er wird seinen Engel schicken, der mich ins gelobte Land führt.“
   „Was macht dich da so sicher?“
   „Weil er es schon einmal getan hat, bei meiner Flucht aus dem Straflager. Er schickte mir Azra-il, den Dunklen, in Gestalt eines Hundes.“
   Wieder herrscht Schweigen, nur unterbrochen vom Ruf irgendeines Nachtvogels. Der Nebel ist dichter geworden. Man kann keine zehn Meter weit sehen. Schließlich fragt Abdelkarim: „Nayla, hasst du die Menschen? Nach alldem, was sie deinem Volk angetan haben und noch antun?“
   „Es sind ja nicht die Menschen, es sind nur einige. Die in religiösem Wahn Verblendeten.“
   „Allah wird sie richten.“
   „Wir Jesiden glauben nicht, dass der liebe Gott wie ein Richter oben steht, und er hat nichts anderes zu tun, als die Menschen auszusortieren: du gehst ins Paradies du fährst in die Hölle . . . Das gibt's bei uns nicht. Bei uns ist das Leben kreisförmig. Und deshalb bedeutet Tod nicht Ende, sondern Anfang . . . Den Beginn eines neuen Lebens. Man hat nur sein Kleid gewechselt, denn man kehrt ja ins Leben zurück – mit einer völlig anderen Seele.“
   „Das beantwortet meine Frage nicht.“
   „Es ist schwer . . . Die Muslime mögen keine Jesiden und bezeichnen uns als Ungläubige und als Feinde von Gott. Wir dürfen in ihren Augen nicht leben."
   „Ich bin ein Muslim und mag dich trotzdem.“
   „Ja du!“ Nayla schweigt bedrückt. Dann: „Wie könnte ich einen Menschen hassen, der mir neues Leben schenkt?“
   Abdelkarim sieht sie von der Seite an. Ihr Gesicht scheint von innen her zu leuchten. „Seltsame Leute seid ihr Jesiden“, sagt er, „geduldiger als Schafe, die zur Schächtung geführt werden.“
   „Anderen Völkern gab Gott die Kraft, die Welt zu verändern. Uns gab er die Kraft, Dinge zu ertragen, die nicht zu ändern sind.“
    „Vielleicht ist das ja der Grund, warum man euch seit fünftausend Jahren verfolgt.“
   „Das ist gut möglich.“
   „Nayla, Glaubst du an den Teufel?“
   „Ich glaube an Ezda, der mich, sich und die Zeit erschaffen hat und an seinen Engel des Lichts Taus-i-Melek. Den Namen des Bösen dürfen wir nicht aussprechen." Sie gähnt herzhaft. „Oh, was bin ich müde . . . Darf ich mich wieder bei dir anlehnen? Deine Wärme beruhigt mich.“
   Im Dunkeln kann man alles glauben und muss nichts sehen . . .
    Abdelkarim küsst sie auf das feuchte, kleinwellige Haar, und dann finden seine Lippen die ihren, die salzig schmeckten von den Tränen, die ihre Wangen hinabgelaufen sind. „Gott schütze dich“, flüstert er, „wie er auch immer heißen mag.“
   „Und auch dich, mein Freund!“, kommt es leise zurück.

   Abdelkarim sitzt im Garten seiner Eltern und blickt auf die blendend weißen Schneegipfel des Alewitengebirges. Es ist Frühling, zwischen den Steinen wächst allerlei Wildkraut wie Thymian, Malve und Minze, deren herb-würzige Düfte seiner Nase schmeicheln. Doch obwohl die Sonne schon Kraft hat, wird er das Gefühl nicht los, jämmerlich zu frieren. Seine Mutter, durchsichtig wie Glas, kommt auf ihn zu und stellte ein Tablett mit Manakih, ein mit Käse und Hackfleisch belegtes Fladenbrot, neben ihn auf den Tisch.
    Ein eigenartiges Flattern liegt jetzt in der Luft, als würden tausend Frauen Wäsche ausschlagen, und auf einmal umgibt ihn eine rasende Helligkeit. Das Flattern wird lauter, obwohl es anscheinend aus großer Höhe kommt, dann ertönt eine gewaltige Stimme: „Wir haben den Himmel mit Sternen geschmückt als Schutz vor jedem rebellischen Satan. So können sie der höchsten führenden Schar der Engel nicht zuhören, und sie werden von allen Seiten beworfen, damit sie weggetrieben werden – und für sie wird es immerwährende Strafe geben – außer für jemandem, den dann ein durchbohrend heller Leuchtkörper verfolgt.“
   Abdelkarim erwacht mit einem Aufschrei. Das Licht steht jetzt genau über ihm, allerdings nicht als durchbohrend heller Leuchtkörper, sonder als diffuser Lichtfleck in der Nebelmilch. „Der Engel ist gekommen“, ruft er, „Israfil, der Brennende, der Leuchtende, der aus reinstem Licht Geschaffene . . . Ich wusste es doch!“
   Jetzt erst merkt er, dass er nicht im Himmel, sondern mit nassen Füßen auf der Erde steht. Nayla ist ebenfalls aufgesprungen und rennt auf den Platz vor den Bäumen. „Hierher!“, schreit sie „hierher!“
   Und wieder erklingt die Stimme, doch jetzt ist sie nicht mehr so gewaltig wie vorhin, und sie verkündet auch nicht göttliche Weisheit, sondern durchaus Weltliches, nämlich die Aufforderung, sich ruhig zu verhalten und abzuwarten. Dann fliegen morsche Zweige und Blätter durch die Luft, ein dunkler, viereckiger Schatten wird sichtbar, schließlich landet ein Rettungskorb auf dem Platz, hell erleuchtet von den Strahlen des stählernen Engels. Eine Gestalt steigt aus, heller noch als der Engel Melek Taus. Doch noch ehe der Engel seine Weisheit verkünden kann, ruft Nayla ihm zu: „Kommt ihr aus Deutschland, uns zu holen?“, und als der Engel mit „Ja“ antwortet, bricht unbeschreiblicher Jubel aus.

(Aus: Karina. Die Geschichte einer Terroristin. Demnächst in diesem Forum.)

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