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Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig Der Besuch des Direktors


 
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Alogius
Geschlecht:männlichKinnbeber

Alter: 41
Beiträge: 3643

Die Goldene Bushaltestelle Goldene Feder Prosa (Anzahl: 2)


Vom Verschwinden der Muse
BeitragVerfasst am: 28.01.2010 15:51    Titel: Der Besuch des Direktors eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

(in zwei Teilen)
---------------

Der Besuch des Direktors

1

Weil mein Vater seit fünfundzwanzig Jahren im Betrieb arbeitet, hat man dort ein Fest ausgerichtet. Er hat nie einen Auftrag verweigert, nicht widersprochen und stets alles zur Zufriedenheit des Direktors erledigt. Hat es eine Urlaubssperre gegeben oder ist er an einem Sonntag in den Betrieb bestellt worden, um die Arbeiten anderer zu erledigen, nie hat er ein Wort dagegen gesagt. Sein Pflichtgefühl steht auch heute über allen anderen Bedürfnissen. Zwar lastet es schwer auf seinen alten Schultern, die nur mit Mühe das Joch der Arbeit an freien Tagen abstreifen können, doch er gibt sich immer als zufriedener Mann.
An manchen seiner freien Tage sehe ich, wie er leise das Ehebett verlässt, durch den Flur schleicht, da er sich unbeobachtet glaubt, und das Joch anlegt. Erst wenn sein Leib darunter beinah zerbricht, scheint er sich zu beruhigen. Denn sonntags weiß er nichts mit sich anzufangen, läuft meiner Mutter im Weg herum, versucht zu helfen und ist nicht in der Lage, einen Augenblick still in den Sessel zu sinken und die Ruhe zu genießen. Meine Mutter betrachtet diese Unruhe mit einem Lächeln, doch ich sehe in ihren Augen die Sorge über ihn, dass er eines Tages, wenn er in den Ruhestand ginge, den Verstand verlieren könnte.

Das ist nur allzu verständlich, denn mit mir haben meine Eltern eine große Plage zu ertragen. Die Ärzte haben gesagt, dass die Ursache für den Fehler in der Arbeit meines Vaters liegen könnte. Weil er sich von der Früh bis in den Abend in gebeugter Haltung befindet, sind die müden Verwachsungen seiner Knochen auf den Sohn übergegangen und bestimmen sein Äußeres seit der Geburt. Ich gebe meinem Vater natürlich nicht die Schuld.
Es mag wohl eher so gewesen sein, dass ich das Angebot seines Körpers angenommen habe, um ganz der Vater zu sein. In der Annahme, meinen lieben Eltern damit zu gefallen, kam ich zur Welt, indem ich wie ein Wurm den Schoß der schreienden Mutter verlassen habe. Freilich müssen sie sehr verschreckt gewesen sein, dass ihr Kind alle Plagen des Vaters bereitwillig angenommen hat.
An düsteren Tagen frage ich mich, ob es wirklich so war. Vielleicht ist die Fehlstellung meines Vaters Rücken durch mich verursacht worden? Ich bin im Mutterleib zu ungeduldig gewesen, wollte schnell auf die Welt kommen und habe ihm keine Wahl gelassen. Weil ich einen liebenden Vater wollte, hat er mein Aussehen und meine Last auf sich genommen. Wir teilen brüderlich jede Qual.
Meine liebe Mutter schweigt darüber. Sie erträgt es, wenn ich am frühen Morgen den Korb verlasse, obwohl sie mich gebeten hat, auf ihre Hilfe zu warten. Ohne ein böses Wort zu sagen, fasst sie vorsichtig meinen kleinen Rumpf und legt ihre Hände anschließend sanft an meinen schmalen Schädel.
Ich glaube, sie hält den Anblick nicht aus, wie ich mich ohne ihr Zutun bewege. Dürre Arme kratzen über den kalten Fußboden; die verkümmerten Beinchen hängen schlaff an den Hüften und rühren sich nicht. Vor einigen Jahren hat unser Hund nach mir geschnappt, weil er mich für ein Tier hielt. Vater hat ihn einschläfern lassen, damit ich nicht länger in Gefahr bin. Der Hund war meinen Eltern sehr lieb, und dieses Opfer für mich zu bringen, ist ihnen nur äußerlich leicht gefallen.

Heute haben sie den Korb in die Kammer gestellt, dass die Gäste nicht beunruhigt sind. Man hat Vater daran erinnert, dass ein Jubiläum auch in den eigenen vier Wänden, wenigstens im kleinen Rahmen, gebührlich gefeiert werden sollte. Er hat den Direktor und den ältesten Sohn, der als Direktorstellvertreter anstellig ist, eingeladen. Beide, Vater und Sohn, sind nie in den Schächten gewesen. Ihre Gestalt, die ich durch das Schlüsselloch erkennen kann, ist von Anmut und Würde. Wie edle Doggen sitzen sie aufrecht am Tisch und lassen sich von meiner Mutter bedienen. Der Direktor lobt die Suppe, während sein Sohn nur Augen für meine Schwester hat.
Sie ist ein sehr schönes Mädchen. Sie redet kein Wort mehr mit mir. Ich kann es mir nicht genau erklären, und auf keine meiner Fragen antwortet sie. Sieht sie mich, wendet sie sich ab und verlässt das Zimmer. Vor einigen Monaten, als sie mich fütterte, habe ich den Kopf nach vorn geneigt. Wie Magie hat mich ihre warme Brust angezogen, denn ich war so durstig. Sie hat nach mir geschlagen, den gefüllten Napf an meinen Kopf geworfen und ist nie mehr zu mir gekommen. Aber sie ist doch meine Schwester. Warum liebt sie mich denn nicht?
 
Der Sohn des Direktors reicht ihr eine Schale Obst. Seine Hände berühren kurz die meiner Schwester. Ich atme leise aus, um nicht den Verstand zu verlieren. Sie schenkt ihm eine Nähe, die ich als ihr Bruder verdient hätte. Gerade mein schlechter Zustand muss doch als Anlass, mich zu berühren, ausreichen. Versteht sie denn nicht, wie ich leide?
Meine Eltern sind gut zu mir. Dass sie ihren kaum entwickelten Sohn dem Direktor nicht zeigen wollen, begreife ich. Es würde die Position meines Vaters schwächen. Da die Kosten für die Ärzte kaum tragbar sind, könnte er sich einen solchen Verlust niemals erlauben. Vater hat das Joch angelegt, um dem Direktor zu gefallen. Ein zufriedenes Lächeln klettert in das Gesicht des stattlichen Mannes, als er den gebückten Arbeiter um etwas Brot bittet.
Ich verweile hier und schweige.



_________________
Aus einem Traum:
Entsetzter Gartenzwerg: Es gibt immer noch ein nullteres Fußballfeld. Wir werden viele Evolutionen verpassen.
Busfahrer: Tröste dich. Mit etwas Glück sehen wir den Tentakel des Yankeespielers, wie er den Ereignishorizont des Schwarzen Loches verlässt.
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lupus
Geschlecht:männlichBestseller-Autor

Alter: 51
Beiträge: 4173
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BeitragVerfasst am: 28.01.2010 17:35    Titel: Re: Der Besuch des Direktors Antworten mit Zitat

Hi Tom,

bis jetzt kommt die Geschichte recht untypisch normal daher. als Sittenbild einer längst vergangenen Zeit, als Direktoren noch zu ihren Angestellten nach HAuse kamen, um zu feiern.

in der Darstellung des Vaters schwingt mir etwas zu viel Larmoyanz mit, aber das kann sich ja im zweiten Teil noch auflösen/ändern. Wie auch immer, wenn da diese sozialkritik wieder mitschwingt .... weiß noch nicht, da wart ich wohl noch ab.

Die Charaktere sind super dargestellt, obwohl ich - keine Ahnung warum - in diesem Fall ein bisserl Schwierigkeiten habe, mir ein Bild dazu zu zeichnen, die gesamte Szenerie bleibt mir fremd.

Auch die Sprache is ein bisserl 'veraltet', was ja mit der Umgebung, die du zeichnest sehr gut harmoniert. Außerdem find ich die Art un Weise, wie du diese Sprache einsetzt sehr gelungen.

Stilistisch hab ich - wie üblich - nix zu meckern.

Also: bis jetzt  wunderbar geschrieben


Alogius hat Folgendes geschrieben:
(in zwei Teilen)
---------------

Der Besuch des Direktors

1

Zitat:
Weil mein Vater seit fünfundzwanzig Jahren im Betrieb arbeitet, hat man dort ein Fest ausgerichtet. Er hat nie einen Auftrag verweigert, nicht widersprochen und stets alles zur Zufriedenheit des Direktors erledigt. Hat es eine Urlaubssperre gegeben oder ist er an einem Sonntag in den Betrieb bestellt worden, um die Arbeiten anderer zu erledigen, nie hat er ein Wort dagegen gesagt. Sein Pflichtgefühl steht auch heute über allen anderen Bedürfnissen. Zwar lastet es schwer auf seinen alten Schultern, die nur mit Mühe das Joch der Arbeit an freien Tagen abstreifen können, doch er gibt sich immer als zufriedener Mann.


ein wunderschöner Absatz, ausnehmend harmonisch, flüssig
Frage: sich geben als + Akk? --> zufriedenen oder doch +Nom.? keine Ahnung

Zitat:
Meine Mutter betrachtet diese Unruhe mit einem Lächeln, doch ich sehe in ihren Augen die Sorge über ihn, dass er eines Tages, wenn er in den Ruhestand ginge, den Verstand verlieren könnte.


um?



Zitat:
An düsteren Tagen frage ich mich, ob es wirklich so war. Vielleicht ist die Fehlstellung meines Vaters Rücken durch mich verursacht worden? Ich bin im Mutterleib zu ungeduldig gewesen, wollte schnell auf die Welt kommen und habe ihm keine Wahl gelassen. Weil ich einen liebenden Vater wollte, hat er mein Aussehen und meine Last auf sich genommen. Wir teilen brüderlich jede Qual.


Zitat:
Ich glaube, sie hält den Anblick nicht aus, wie ich mich ohne ihr Zutun bewege. Dürre Arme kratzen über den kalten Fußboden; die verkümmerten Beinchen hängen schlaff an den Hüften und rühren sich nicht. Vor einigen Jahren hat unser Hund nach mir geschnappt, weil er mich für ein Tier hielt. Vater hat ihn einschläfern lassen, damit ich nicht länger in Gefahr bin. Der Hund war meinen Eltern sehr lieb, und dieses Opfer für mich zu bringen, ist ihnen nur äußerlich leicht gefallen.

warum Imp.?


Zitat:
Sie ist ein sehr schönes Mädchen. Sie redet kein Wort mehr mit mir.... vorallem die Kürze der Sätze paßt perfekt Ich kann es mir nicht genau erklären, und auf keine meiner Fragen antwortet sie.


Zitat:
Der Sohn des Direktors reicht ihr eine Schale Obst. Seine Hände berühren kurz die meiner Schwester. Ich atme leise aus, um nicht den Verstand zu verlieren. Sie schenkt ihm eine Nähe, die ich als ihr Bruder verdient hätte. Gerade mein schlechter Zustand muss doch als Anlass, mich zu berühren, ausreichen.


dieser Satz hat mich ein bisserl verwirrt. Er ist so weinerlich und paßt nicht zum Charakter wie er bis jetzt beschrieben ist. Ich weiß ja nicht, aber gefühlsmäßig würd ich den Text irgendwo in die 2. Hälfte des 19.Jhds einreihen und damals wäre glaub ich niemand auf diese 'politisch korrekte' Idee gekommen, Liebe zu verdienen, weil er in schlechtem Zustand war. Egal.

Versteht sie denn nicht, wie ich leide?
Meine Eltern sind gut zu mir. Dass sie ihren kaum entwickelten Sohn dem Direktor nicht zeigen wollen, begreife ich. Es würde die Position meines Vaters schwächen. Da die Kosten für die Ärzte kaum tragbar sind, könnte er sich einen solchen Verlust niemals erlauben.


Den Satz versteh ich überhaupt nicht.

bin gespannt, bis jetzt hab ich's sehr gerne gelesen. Ich mag deine perfekt verdrehten Sätze. Die sitzen wie ein Maßanzug.

lgl


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lg Wolfgang

gott ist nicht tot noch nicht aber auf seinem rückzug vom schlachtfeld des krieges den er begonnen hat spielt er verbrannte erde mit meinem leben

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Ruthi
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Alter: 31
Beiträge: 274



BeitragVerfasst am: 28.01.2010 18:15    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Alogius!
Tolle Geschichte, ich persönlich würde einen Horrorfilm oder Thriller daraus drehen wollen, in dem der ungeliebte Sohn Rache nimmt smile

Dieses Bild hat mir besonders gut gefallen:
Zitat:
Wie edle Doggen sitzen sie aufrecht am Tisch


Habe ich das eigentlich richtig verstanden, dass der Sohn in einem Korb schläft, wie ein Haustier?

Normalerweise finde ich Geschichten schnell langweilig, die sich nur in der Gedanken- und Gefühlswelt einer Person abspielen, ohne Dialoge. Aber in deinem Fall betont es nur umso besser die Isolierung des Protagonisten.
Ich dachte anfangs, es gehe hauptsächlich um die stoische Art des Vaters, sein Schicksal zu ertragen. Da es meiner Meinung nach mehr darum geht, wie genau dieses Merkmal auf den Sohn übergegangen ist, könnte der Anfang eventuell etwas knapper ausfallen. Muss er aber nicht smile

Ich habe gerade ein Vorbild gefunden smile

LG Ruthi


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Dunkelblaue Kunst
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Alter: 35
Beiträge: 46



BeitragVerfasst am: 28.01.2010 19:26    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

also, ich muss sagen, ich tu mich so ein bisschen schwer mit dem Text.

Auf der einen Seite sind als Plus anzurechnen,
dass der Protagonist etwas außergewöhnlicher ist (wenngleich mir unsymphatisch, aber dazu mehr).

dass du den Zeitgeist sehr gut einfängst, mit dem Joch des Vaters und dem Besuch des Direktors und die Sprache schon sehr gut dazu passt.

dass ich nach dem Lesen der Geschichte wissen will, wie das jetzt eigentlich zu Ende geht.

dass du einige schöne Bilder und Formulierungen verwendest, wie z.B.

Zitat:
An manchen seiner freien Tage sehe ich, wie er leise das Ehebett verlässt, durch den Flur schleicht, da er sich unbeobachtet glaubt, und das Joch anlegt.


Zitat:
Vor einigen Jahren hat unser Hund nach mir geschnappt, weil er mich für ein Tier hielt.


Zitat:
Wie edle Doggen sitzen sie aufrecht am Tisch und lassen sich von meiner Mutter bedienen.


Auf der anderen Seite habe ich allerdings meine Schwierigkeiten damit,
dass die Beschreibungen für den Vater sehr opulent ausfallen (vor allem der Teil, wo sich der Erzähler nicht entscheiden kann, wer wessen Last nun aufgenommen hat). Das geht auch kürzer.

dass du relativ viel "Tell" und nur einen kleinen Teil "Show" hast, was aber vermutlich am Protagonisten liegt (der relativ distanziert wahrnimmt und nicht viel selbst machen kann).

dass der Protagonist ziemlich unsympathisch ist. Dies ist weniger der Tatsache geschuldet, dass er offensichtlich gehandicapt ist, sondern viel mehr so Aussagen von ihm, z.B.

Zitat:

Wie Magie hat mich ihre warme Brust angezogen, denn ich war so durstig.


Zitat:
Aber sie ist doch meine Schwester. Warum liebt sie mich denn nicht?


Zitat:
Sie schenkt ihm eine Nähe, die ich als ihr Bruder verdient hätte. Gerade mein schlechter Zustand muss doch als Anlass, mich zu berühren, ausreichen. Versteht sie denn nicht, wie ich leide?


Kombiniert mit der ansonsten emotionalen Distanz des Ichs zum Rest (jedenfalls redet er ziemlich gefühlskalt) ergibt das für mich den Eindruck eines gierigen und schwestergeilen Ekels.
Da es scheinbar "nur" eine Kurzgeschichte wird, würde das bei mir noch in Ordnung gehen. Würde es aber ein längerer Text werden, so würde ich glaube ich nicht mehr weiterlesen wollen, einfach weil mir der Erzähler unsympathisch wäre.

Meine Meinung dazu.

Auf bald.


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Was soll all dies?
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Felix
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Beiträge: 350



BeitragVerfasst am: 28.01.2010 21:41    Titel: Antworten mit Zitat

Moin Tom,

gerade der Erzähler hat mich an deine Geschichte gefesselt. In der Tat ist er nicht in dem Sinne ein sympathischer Prota - trotz seiner offensichtlichen Behinderung empfinde ich nicht wirklich Mitleid mit ihm. Eher ein starkes Gefühl der Bedrückung (wirklich gut rüber gebracht!) und tatsächlich gewisse Abneigung ihm gegenüber.
Trotzdem oder gerade deswegen finde ich ihn als Figur wirklich gelungen. Natürlich wäre es überaus anstrengend ihm über eine längere Geschichte hinweg zu folgen, aber es spräche nichts dagegen.
Ein gelungenes grotesk-gruseliges Szenario, gefällt.


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F.S. Fitzgerald
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Alogius
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Die Goldene Bushaltestelle Goldene Feder Prosa (Anzahl: 2)


Vom Verschwinden der Muse
BeitragVerfasst am: 28.01.2010 22:09    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Besten Dank für die bisherigen Einschätzungen. Stimmt, weit weniger bizarr als gewisse andere Texte von mir... mal sehen.

Ich antworte genauer, wenn Teil 2 steht!

Thx

Tom


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MT
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BeitragVerfasst am: 29.01.2010 08:42    Titel: Antworten mit Zitat

Moin Tom,

feines Prosastück! Allerdings: Ich erkenne Dich nicht wieder, der Stil ist ganz anders als ich ihn von Dir gewohnt bin; offengestanden: erfrischend leicht (nicht so vielschichtig bzw. tiefgründig wie sonst, sehe ich jedenfalls bislang so). Warte auf Teil 2.

Tiefverschneite Grüße an Göttingen.

MT
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Alogius
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Vom Verschwinden der Muse
BeitragVerfasst am: 29.01.2010 13:31    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Nun, es ist, wie bemerkt, ein wenig ausgedünnt, was die abstrakten Elemente angeht, ja.
Es könnte sein, dass sich das in Teil 2 etwas relativiert, vllt auch nicht.^^

Später mehr!

Zitat:
Tiefverschneite Grüße an Göttingen.

Ich grüße Göttingen auch. wink


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MT
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BeitragVerfasst am: 29.01.2010 13:38    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Zitat:
Tiefverschneite Grüße an Göttingen.

Ich grüße Göttingen auch. wink


 lol  lol  lol

Schön bescheuert, der MT
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Hardy-Kern
Kopfloser

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BeitragVerfasst am: 29.01.2010 14:15    Titel: Antworten mit Zitat

Äußerst kraftvoll. Erinnert mich an starke Werke von E. Zola, welcher oft die Mittel- und Unterschicht von Arbeitern, Bauern und Beamten beschrieb.
Natürlich ist diese Geschichte absolut sozialkritisch und ich denke, dass die Tochter das Fabrikantensöhnchen noch heiratet, oder umgekehrt.
Das widerum hat natürlich auch mit der Arbeitswut des Alten zu tun, um Aufmerksamkeit zu erheischen. (schreibe schon so wie... Smile

Also, meinem buckeligen Freund Quasi geht es gut, mal sehen wie es deinem ergeht.

Die Schwächlinge, die Kranken, bleiben wie immer auf der Strecke.
Aber man muss dir wohl nicht deine eigene Geschichte erklären. Smile
Gut!

Hardy
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Alogius
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Vom Verschwinden der Muse
BeitragVerfasst am: 29.01.2010 14:31    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Dankeschön wink

Ich poste gleich den zweiten und damit letzten Teil.

Dann sehen wir weiter und ich äußere mich. wink


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Alogius
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Vom Verschwinden der Muse
BeitragVerfasst am: 29.01.2010 14:52    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

2

Hier in der Kammer ist mein eigenes Nest. Die Enge macht mir keine Angst, denn sie erinnert mich an die Wärme meiner Mutter. Wenn Vater am Abend einnickt, öffnet sie die eisernen Ketten seines Geschirrs und lässt ihn eine Weile schlafen. Sie kommt dann zu mir und wiegt mich in ihren Armen. Ich denke an meine Kindertage, als ich noch nicht über meinen unseligen Zustand jammerte. Leise singt sie ein Schlaflied, bis meine Augen sich schließen.
Oft träume ich davon, den Kokon meiner angeborenen Niederlage zu verlassen. Wünsche ich mir denn mehr, als sich erfüllen ließe? Ich will doch keine Flügel, will nicht durch den Himmel segeln, will nur laufen können, den Eltern die Lasten nehmen, die Familie ernähren und nicht wie ein Mistkäfer von ihren Tellern speisen. Mein Vater schuftet seinen Rücken krumm, und Mutter weint heimlich, wenn sie glaubt, dass ich schlafe. Sie geht dann in das Zimmer meiner Schwester. Lange sprechen sie. Ob sie über mich reden, weiß ich nicht. Aber weil ich die Ursache allen Leidens bin, wird es so sein. Ich kann nichts dagegen tun. Wohl versuche ich, ein guter Sohn zu sein, bedanke mich für jede Hilfe und gebe Vater und Mutter einen Kuss, wenn sie ihn benötigen oder ich in ihren Augen die unendliche Qual sehe, die ich allen beschere.
Es ist nicht leicht, mit mir zu leben, doch jeden Tag plagen sie sich durch die endlosen Stunden, bis es Nacht wird. Dann schläft und denkt jeder mit sich allein. Was meine Schwester von mir denkt, kann ich kaum erahnen. Hat sie kein Mitleid mit mir? Sieht sie nicht, dass ich versuche, ein guter Sohn, ein guter Bruder zu sein?

Sie steht auf, um die Hauptspeise zu holen. Ob sie die gierigen Blicke des Direktorstellvertreters spürt? Ich kann seine Gedanken sehen, wie er ihre Bluse aufknöpfen will, um die ersehnte Nahrung zu stehlen. Und da, ermutigt ihn nicht sein Vater, indem er mit dem Kopf nickt, als er Mutter Komplimente ob der liebreizenden Tochter macht? Mutter lächelt verlegen und antwortet nicht. Das ist eine schweigende Zustimmung, und man wird gewiss schon in der kommenden Woche das Aufgebot bestellen. Mich darf man nicht zeigen, weshalb ich der Feier nicht beiwohnen werde.
Eine Heirat könnte die Lage unserer Familie erheblich bessern. Vater würde den Minenschacht verlassen können oder Vorarbeiter werden. So bliebe der Familie mehr übrig, wenn die Arztrechnungen beglichen wären.
„Sie haben eine wirklich reizende Tochter“, sagt der Direktor.
„Vielen Dank, mein Herr“, antwortet Vater.
„Haben Sie noch mehr Kinder?“, fragt er nun.
Mutter senkt den Kopf und starrt auf ihren Teller. Vater schaut sie hilfesuchend an. Warum antworten sie nicht? Sie könnten ihm erklären, dass ihr Sohn krank wäre oder vielleicht auf Reisen. Ich begreife, dass es schwierig ist, mich vor anderen Menschen zu zeigen, doch sie werden mich nicht leugnen, oder?
Als Mutter leise schluchzt, hält Vater ihre Hand und schaut zum Direktor, der betreten seine Serviette umklammert und sich vermutlich wünscht, die peinliche Frage nie gestellt zu haben. Sein Sohn lauscht dem Gespräch nicht und scheint auf meine Schwester zu warten. Wie gern würde ich mich mit den Armen abstützen, Schwung nehmen und die Tür aufstoßen. Ich fiele in den Suppentopf oder gar auf den Teller des Sohnes. Alles, nur nicht diese Ungewissheit! Bei der Gelegenheit würgte ich seinen Sohn oder schlich mich in seinen Mund, um mit dem
Hauptgang verspeist zu werden. Durch seine Speiseröhre ließe ich mich gleiten, und im Magen könnte ich beginnen, diesen hochnäsigen Esel, der mir meine Schwester wegnehmen will, aufzufressen. Wie ein Bandwurm schlängelte ich mich am Ende hinten heraus, und niemand hätte die Tat bemerkt, wäre er vor den Augen aller einfach geplatzt!
Hat Vater eben geantwortet? Er hat doch etwas gesagt! Was hat er gesagt? In meiner tosenden Unruhe habe ich die Worte gehört, doch nicht verstanden. Meine Eifersucht hat mich zum Narren gehalten und mir wirre Gedanken eingeflüstert, dass ich die Antwort nicht wahrgenommen habe. Ich sehe, wie meine Mutter nickt, Vater ihr kaum hörbar zuredet und der Direktor etwas Wein trinkt. Was wurde gesprochen? Bitte, fragen Sie nach mir, ich muss es hören! Sprechen Sie doch!
Er sagt kein Wort.

Meine Schwester kehrt zurück an den Tisch, und sie nehmen die Mahlzeit ein. Sie gibt dem Sohn etwas von den Kartoffeln, er schenkt ihr ein Lächeln. Nein, für sie ist es ein Lächeln, aber ich erkenne dahinter die lasterhaften Gedanken. Er würde sie am liebsten an Ort und Stelle entkleiden und sie vor den Augen des ihn anfeuernden Direktors bedrängen. Mutter wischt die Tränen fort und lächelt ebenfalls. Vater nickt seiner Tochter zu. Das schweigende Einverständnis ist bestätigt worden und genügt den Anwesenden. Wie selbstverliebt er grinst, als er die Hand meiner Schwester hält! Mich liebt sie nicht, diesen Fremden hat sie schon in ihr Herz geschlossen. Wo ist die Gerechtigkeit? Ich muss etwas unternehmen.
„Sie verstehen natürlich, dass es auch positive Auswirkungen auf Ihre Anstellung haben wird“, erklärt der Direktor meinem Vater und betrachtet zufrieden das junge Paar.
Mir wird allmählich klar, dass sie sich schon länger kennen, heimlich im Café getroffen und sicher bereits über Heirat gesprochen haben.
„Das ist sehr großzügig von Ihnen“, antwortet Vater.
„Auf die Verlobten“, sagt der Direktor und hebt sein Glas. Alle stimmen ein.

Verlobung. Meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten sich. Sie hat mich vergessen und sich einem anderen zugewandt. Vater kann nur zufrieden sein mit einer Beförderung, und meine Mutter muss nicht mehr besorgt sein ob seiner Gesundheit. Ich darf nichts tun. Ich muss es ertragen, wie sie mich ertragen.
Es würde auch mir helfen. Die Schmerzen in den Beinen, dünn wie Zahnstocher, würden mit den richtigen Mitteln aufhören. Vielleicht könnte Vater mir ein eigenes Zimmer einrichten. Ich würde die Besenkammer verlassen, die ich mir mit Ratten und Spinnen teile. Die Wohnungen, die sie in meiner schlecht heilenden Kopfwunde eingerichtet haben, könnte ich auflösen, das Ungeziefer vertreiben, und ich würde nicht mehr im eigenen Eiter baden, sondern könnte sauber und frisch in ein neues Leben treten.
Man könnte sich mit mir zeigen, wären die verdrehten Finger in ordentlichen Wickeln verborgen, mein spitzer Kopf durch eine passende Mütze versteckt. Meine dunkelbraune Haut, bedeckt von Krusten und Verwachsungen, würde sich mit einer wirksamen Salbe in ein gesundes Rosa verwandeln, und ich müsste nicht mehr wie eine Raupe durch die Zimmer unserer Wohnung kriechen, verborgen vor den spottenden Kindern der Nachbarn. Niemand müsste noch von einer Krankheit sprechen oder sich schämen, wohnte ich den Gästen bei, um eine gepflegte Unterhaltung zu führen. Der Preis, die Liebe meiner Schwester, ist etwas, das ich zu zahlen bereit bin.
„Ist es nicht ein Glück?“, ruft der Stellvertreter und neigt seinen Kopf zur Verlobten.
„Das ist es“, antwortet sie strahlend.

Ich schließe die Augen. Auch wenn ich die Vorteile der Verbindung sehe, fällt es mir nicht leicht, sie zu ertragen. Die Beinchen zappeln, scharren leise am Boden; meine Arme verknoten sich, um nicht die Tür zu öffnen. Doch als die beiden sich küssen, öffnen sich meine weit nach vorn austretenden Augen, entwirren sich die Arme, greifen die Klinke, um dem Treiben ein Ende zu bereiten. Alle Bedenken verschwinden, mein Herz rast, und die Wut kriecht wie eine Schlange durch meinen Kopf. Ich werde auf den Tisch hüpfen und mich zeigen. Soll er sehen, dass auch ich Teil der Familie bin, mit der er sich verbinden will!
Ich brauche meine Schwester. Er will ihre Liebe, aber ich bin darauf angewiesen, wenn ich nicht weiter verwelken will. Seit sie mich nicht mehr beachtet, werde ich schwächer. In der nächtlichen Einsamkeit spreche ich sogar mit den Läusen, die ihre Kolonien tief in meine Haut gegraben haben.
Die Tür ist einen Spalt breit geöffnet. Ich atme die gesellige Luft des Abends, nehme allen Mut zusammen. Nur noch eine Bewegung.
„Sehr bedauerlich, dass Ihr Sohn diesen Freudentag nicht erleben kann“, sagt der Direktor.
Sie sprechen tatsächlich von mir! Ich halte inne und warte. Vater hält wieder Mutters Hand.
„Eltern sollten ihre Kinder nicht überleben. Seine Krankheit hat ihn besiegt“, antwortet er.
Vater? Was sagst du da? Hier bin ich, hier! Will mich denn niemand sehen? Hört mich doch!
Niemand mag mich hören. In den Gesichtern meiner Familie sehe ich, wie sie einer guten Zukunft entgegen schauen. Die Ehe meiner Schwester wird ihnen helfen. Mein Vater wird gesund werden, seine alte Kraft finden, und alle werden glücklicher sein.
Ich schließe die Tür, krieche tief in meine Kammer und warte, bis die Gäste gegangen sind. Vater und Mutter schauen erleichtert. Wenn ich ganz leise bin und mich nicht rühre, werden sie mich vergessen.


Ende


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lupus
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BeitragVerfasst am: 29.01.2010 15:40    Titel: Antworten mit Zitat

hi Tom,

geb jetzt nur meinen ersten Eindruck wider:

der Prota wird mir peu à peu unsympathsicher, insbesondere wegen seiner Weinerlichkeit. Ja, jetzt könnte man sagen: wen wundert's? Dennoch präsentierst du ihn als egomaniac. Das ist nun entweder passiert oder es war geplant oder es geht nur mir so.

spannend fand ich die Entwicklung der 'Schuldfrage' oder beser der von dir im Leser ausgelösten 'Schuldzuweisung', dass am Ende die Eltern den Jungen verleugnen, womit du - für mich zumindest - das 'Böse-Direktor'-Klischee verläßt.

Überrascht hatmich, dass der Junge zwar Schwierigkeiten hat, die Tür zu öffnen, sie aber anscheinend spielend schließen kann.

Ob mir sonst noch was auffällt? Na, wea ma seh'n. Meld mich wieder

lgl


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BeitragVerfasst am: 29.01.2010 16:27    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Tom,

ausgedruckt, gelesen, geschluckt! Ich war froh, als ich mit dem Text durch war. Das ist ein Kompliment!

Sprache, Stil, Logik: Keine Aussetzer.

Mein Ansatz: Der Prota ist längst tot, als das Essen stattfindet. Surreal, fast grotesk. Zu Lebzeiten hat er gelitten an seiner Krankheit, die aus seiner Sicht nur Leid über die Familie gebracht hat. Er fühlt sich schuldig, und jetzt, da er nicht mehr lebt, will er sich nicht mehr rühren, will ganz leise sein. Vater und Mutter schauen erleichtert. Jetzt kann er ihnen zurückgeben, was er ihnen immer zu nehmen geglaubt hat.

Ein Umhauer.

Und: Doch typisch für Dich!

Also wieder keine seichte Wochenendunterhaltung. Schade und gut so.

MT
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BeitragVerfasst am: 29.01.2010 16:35    Titel: Antworten mit Zitat

hm, also wenn das stimmt:
1) is heut nicht mein bester TAg
2) bin ich aber auch nicht sehr begeister. Das is mir dann zu kompliziert und außerdem will ich mich nicht einen ganzen Text lang so extrem frozeln lassen Wink

wenn's nicht stimmt is es eine geniale, feinfühlige, kleine, literarische Milieu-studie


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lg Wolfgang

gott ist nicht tot noch nicht aber auf seinem rückzug vom schlachtfeld des krieges den er begonnen hat spielt er verbrannte erde mit meinem leben

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"Ich bin leicht zu verführen. Da muss nur ein fremder Mann herkommen, mir eine Eiskugel kaufen und schon liebe ich ihn, da bin ich recht naiv. " (c) by Hubi
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Alogius
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Die Goldene Bushaltestelle Goldene Feder Prosa (Anzahl: 2)


Vom Verschwinden der Muse
BeitragVerfasst am: 29.01.2010 18:09    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Würde gern weitere Meinungen abwarten, bevor ich mich detaillierter äußere.
Eines scheint mir aber wichtig:

Nein, er ist NICHT tot. Viel bitterer ist doch, dass seine Egomanie (@lupus: er ist absolut nicht sympathisch, richtig, auch wenn man in Ansätzen aus meiner Sicht verstehen kann, was ihn so unsympathisch werden lässt) ihn verlassen hat und er sich wünscht, tot zu sein bzw. nicht zu existieren in den Augen der Eltern.

Weiteres: später.


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Dunkelblaue Kunst
Geschlecht:männlichSchreiberassi

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BeitragVerfasst am: 29.01.2010 18:21    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

dies muss ich dir sagen. Das was ich in meinem Text laienhaft versucht habe, hast du (fast) perfekt gemeistert.

Der Ekel vor dem Protagonisten ist nicht gewischen. Aber es passt zum Ende. Ich habe nicht bereut, die Gesichte zu ende gelesen zu haben.

Auf bald.


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Was soll all dies?
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Hardy-Kern
Kopfloser

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Wohnort: Deutschland


BeitragVerfasst am: 29.01.2010 18:58    Titel: Antworten mit Zitat

MT hat Folgendes geschrieben:
Der Prota ist längst tot, als das Essen stattfindet. Surreal, fast grotesk. Zu Lebzeiten hat er gelitten an seiner Krankheit, die aus seiner Sicht nur Leid über die Familie gebracht hat. Er fühlt sich schuldig, und jetzt, da er nicht mehr lebt, will er sich nicht mehr rühren, will ganz leise sein. Vater und Mutter schauen erleichtert. Jetzt kann er ihnen zurückgeben, was er ihnen immer zu nehmen geglaubt hat.

MT:
Ich habe mich noch nie im Leben einem Vorredner angeschlossen, aber besser könnte ich das auch nicht interpretieren. Kommt schon hin. Daumen hoch

Hardy
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Mardii
Stiefmütterle

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Beiträge: 1841



BeitragVerfasst am: 29.01.2010 21:39    Titel: Antworten mit Zitat

In dieser Geschichte scheint eine zwingende Logik zu stecken, die sich einfachen Erklärungen entzieht. Sucht der Sohn die Anerkennung durch seinen Vater? Aber der ist zu Hause ein sinnloses Möbelstück, das sich nur durch seine Arbeit definiert.
Was will nur der Direktor mit seinem Junior in dieser Umgebung? Will er ihm nur die Schwester wegnehmen? Es scheint so. Er verspricht sich davon eine weitere treue Seele, die ihm gesunde Nachkommen schenkt. Den kranken Sohn darf er folglich nicht zu Gesicht bekommen.
Der sieht sich zu Recht um seinen Lohn betrogen, vom Vater anerkannt zu werden. Der Direktor dringt in seine Welt ein, ohne zu Wissen, dass er dem Vater wie dem Sohn das Leben genommen hat.
Ich glaube ich verzettele mich in Interpretationen.
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Felix
Geschlecht:männlichHobbyautor

Alter: 31
Beiträge: 350



BeitragVerfasst am: 29.01.2010 21:57    Titel: Antworten mit Zitat

Auf den Gedanken, dass er schon längst tot sein könnte bin ich nun wieder überhaupt nicht gekommen. Dennoch interessante Interpretation, auch wenns jetzt ja schon ausgeschlossen wurde.
Was allerdings wirklich auffällt ist die Egomanie, in die sich der Prota immer weiter reinsteigert und die zur Besessenheit wird. Irgendwann ergeht er sich nur noch in Selbstmitleid und denkt keine Sekunde daran, dass seine Schwester ihn so sehr lieben könnte, dass sie seinen Anblick einfach nicht ertragen kann.
Eigentlich nimmt seine Liebe zu ihr auch schon Formen an, die sexueller sind als es zwischen Bruder und Schwester der Fall sein sollte.

In jedem Fall vollzieht der Prota im zweiten Teil endgültig die Wandlung zum selbstverliebten Mistkerl, den ich auch trotz seiner Behinderung einfach nicht bemitleiden kann.
Das Ende wirkt zwar bedrückend, doch mitfühlen kann ich mit ihm nicht.

Wirklich stark geschrieben.


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F.S. Fitzgerald
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gepuzzelt
Schreiberling


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Wohnort: Australien


BeitragVerfasst am: 29.01.2010 23:06    Titel: Antworten mit Zitat

Für mich spricht aus dem Stück die größtmögliche Verzweiflung eines Kindes, nicht als entmenschlichtes Stück faulenden Fleischs wahrgenommen werden zu wollen.
Die Gedankengänge des Kindes finde ich überaus nachvollziehbar. Sein Bedürfnis nach Zuwendung zeigt sich in seiner abgöttischen Liebe zur Schwester.
Mir scheint, nur die Mutter, die ihn verzärtelt, bringt ein wenig Menschlichkeit in das Verhalten, das der Rest der Familie ihm gegenüber zeigt.
Dass Vater und Schwester am Ende die Existenz des Kindes verleugnen, um ihres persönlichen Vorteils und ihrer materiellen Besserstellung willen, ist erschütternd.

Stilistisch ist (fast) nichts zu meckern. Das Wort "einschläfern" empfinde ich jedoch als einen Stilbruch. Man hätte den Vater den Hund im Fluss ertränken lassen können, oder ähnliches.

Die anfängliche Beschreibung, dass der Vater aus dem "Ehebett schleiche" (oder so ähnlich, hab's gerade nicht mehr vor mir liegen und nicht kopiert, sorry) hatte bei mir den Eindruck erweckt, dass das Kind seinen Korb im Schlafzimmer der Eltern habe. Es verwunderte mich dann später herauszufinden, er lebe in einer Besenkammer. Vielleicht sollte man das in der Darstellung noch mal überdenken.

Sehr gern gelesen, obwohl es ein bedrückendes Stück ist.
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Alogius
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Die Goldene Bushaltestelle Goldene Feder Prosa (Anzahl: 2)


Vom Verschwinden der Muse
BeitragVerfasst am: 29.01.2010 23:15    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Viele interessante Stimmen, danke!

Ich werde mich in Kürze dazu äußern, weil hoch interessant. Freue mich sehr, dass eine spontane Idee so gut aufgenommen wird, vor allem vielschichtig.

smile

Tom


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