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Der Zahlenerotiker


 

 
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wunderkerze
Eselsohr


Beiträge: 230



BeitragVerfasst am: 13.02.2022 13:24    Titel: Der Zahlenerotiker eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vor ein paar Tagen traf ich Wunderkerze wieder, einen alten Zechbruder noch aus Studententagen her. Manches Mal hatten wir die Geduld von Bardamen und Kellnerinnen bis an die Schmerzgrenze strapaziert und uns dabei die eine oder andere saftige Ohrfeige eingehandelt. Gut, studiert hatten wir natürlich auch – manchmal, denn dergleichen gehört nun mal zum Studium. Schon die Notwendigkeit, für´s Bafög gewisse Scheine vorzulegen zwang uns dazu. Schließlich legten wir mit Ach und Krach hervorragende Examina hin und verloren uns dann aus den Augen, wie man so sagt.
   Ich erkannte ihn sofort am Gang: Mit flatternden Hosen, schwankend wie ein überladenes Kamel, das rechte Bein vorwerfend, als wollte er es abschütteln, den Blick gesenkt, als liege auf dem Pflaster der Weisheit letzter Grund.
   Wer ihn so sieht kann natürlich nicht ahnen, dass dieser Mann ein Mathe-Ass ist, nicht unbedingt ein Genie, aber immerhin einer, der schon als Achtklässler der Mathelehrerin eine falsche Wurzel zog  und inzwischen einen legendären Ruf als Jongleur im Bereich irrationaler Zahlen genießt.
    Legendär ist auch sein fantastisches Gedächtnis, mit dem er seine Umwelt immer wieder in Erstaunen versetzt. So konnte er als Kitarocker schon das kleine Einmaleins von Hundert fehlerfrei herunterleiern – und zwar rückwärts – sodass den anderen Kleinis buchstäblich die Spucke wegblieb. Jetzt, mit 42, ist er in der Lage, siebzigtausend Nachkommastellen der Kreiszahl Pi zu memorieren, wozu er gut zehn Stunden benötigt, und nicht nur das: Er ist auch ein Meister im Kopfrechnen. Plötzlich, am Kaffeetisch oder auf dem Klo, springt er hoch, schreibt irgendeine Zahl auf – manchmal auch zwei, drei, vier hintereinander. Bei näherem Hinsehen stellt sich heraus, dass ihm gerade mehrere achtstellige Primzahlen eingefallen sind aus was weiß ich welcher Ecke des Zahlenuniversums, und nicht nur das, er erkennt sogar Primzahlzwillinge, -drillinge und -vierlinge.
   Als ich ihn einmal fragte, wie er das mache, blickte er verschämt zur Seite und meinte, das sei sein Geheimnis und nicht ganz im Sinne des mathematischen Ehrenkodex´ . . . Ich sagte nichts und wartete. Und tatsächlich, er druckste noch ein paarmal herum, dann fing er an: Er sei ein Zahlenerotiker und könne sich in Zahlen verlieben wie andere Leute in Menschen. Des öfteren erscheine vor seinem inneren Auge eine unüberschaubare Menschenmenge, aus der an den verschiedensten Stellen die heiteren Köpfe hochgewachsener junger Frauen herausragen, mit blonden Locken, blauen Augen und allen Attributen weiblicher Schönheit. Er gehe auf die Frauen zu und frage höflich nach ihren Maßen, zum Beispiel nach Körpergröße, Schuhgröße. Durch Zufall habe er entdeckt, dass diese Werte in der Regel fünfstelligen Primzahlen gleichkämen, er sei selbst maßlos erstaunt gewesen, eine Erklärung habe er nicht, aber es sei so. Er irre sich selten, und dann läge es auch in der Regel nicht an ihm, sondern an den Frauen; manche kennen ihre eigenen Maße nicht. Mittlerweile sei er im achtstelligen Primzahl-Bereich angekommen, da reichten Körperlänge und Schuhgröße natürlich nicht, hier müssten weitere Parameter her, etwa Hüft- und Brustumfang. Mehr wolle er nicht verraten, schließlich hätten auch Primzahlen Anspruch auf ein gewisses Maß an Privatsphäre . . .
   Tja, das ist er, unsere Wunderkerze. Immer für eine Überraschung gut.
   Ach so, Wunderkerze . . .
   Wie soll ein Scherzname bei einem, dessen Fantasie Funken sprüht, schon lauten. Mich nennt er Rakete. Nicht weil ich besonders schnell in die Luft gehe. Nein, wegen meiner 1,92 Scheitelhöhe. Damals machten wir uns einen Spaß daraus, unter diesen Namen Bekanntschaften zu schließen. Bald waren wir bekannt wie bunte Hunde . . .

   Na schön, weiter im Text.
  Ich erkannte ihn auf der anderen Straßenseite und er erkannte mich. Für ein Ausweichen war es zu spät. „Hei, Rakete!“, rief er auch schon, „warte doch mal! Hab eine interessante Entdeckung gemacht!“
   „Wunderkerze!“, rief ich zurück, „wo kommst du denn so unverhofft her?“
   Er ließ ein paar Autos vorbei, dann kam er zu mir herüber.
   „Wie geht’s denn, alter Recke?“, röhrte er und hielt mir die Hand hin, „lange nicht gesehen! Wie doch die Zeit vergeht!“
   Der Heuchler! Wunderkerze interessiert doch nicht, wie es einem geht. Im Grunde interessiert er sich nur für sich und seine Zahlenfräuleins. So fuhr er auch ohne Abwarten fort: „Hast du mal ´ne Minute Zeit?“
   Ich blickte auf meine Armbanduhr. „Mensch Wunderkerze“, sagte ich ausweichend, „sosehr ich mich freue, dich wiederzusehen . . . können wir nicht ein andermal . . . ähem . . . hab gerade einen wichtigen –“
   „Ach was!“, unterbrach er mich, „sei kein Spielverderber! Dauert nur zwei Minuten! Ich spendier dir auch einen Cappuccino und´n Stück Torte!“
   Da hatte er mich. Cappuccino und Torte. Mir lief das Wasser im Mund zusammen, wie man so schön sagt. Wo ich doch sowieso gerade Kaffee trinken wollte. Und jetzt auch noch mit Freitorte . . .
   „Aber mit Sahnehäubchen und Schokoschnipseln und zwei Stück Schwarzwälderkirsch!“
   Er zog mich in das nächste Café, wir setzten uns. Dann legte er los.
   „Ich habe schon lange geahnt, dass die Theorie des Raum-Zeit-Kontinuums fehlerhaft ist. Jetzt weiß ich es.“
   Ich tat verblüfft. Mich interessiert alles Mögliche und Unmögliche, nur nicht die Theorie des Raum-Zeit-Kontinuums. Dann ist sie eben fehlerhaft, was soll´s. Es gibt bestimmt wichtigere Fehler auf der Welt als den.
   „Es fing damit an“, fuhr er fort, „dass ich mit drei Jahren mein erstes Buch las, den Tom Sawyer von Mark Twain. Da ist die berühmte Stelle, wo Tante Polly Tom auf ihre Art einen Milchzahn zieht: Am Zahn ist eine Schnur befestigt, ihr anderes Ende an der Türklinke. Gerade lese ich, wie Tante Polly der Tür einen kräftigen Stoß gibt; in diesem Moment gibt es einen scharfen Knall, ich falle erschrocken vom Töpfchen, denke, meine Mutter ist gerade ins Haus gekommen, offenbar hat ihr ein Windstoß die Tür aus der Hand gerissen –“
    „Wie?“, unterbrach ich ihn, „du hast mit drei Jahren noch auf dem Topf gesessen? Ein Neffe von mir ist in dem Alter schon Moped gefahren!“
   Er sah mich irritiert an. „Ja warum denn nicht? Ist es nicht egal, auf welchem Thron man sitzt? Wichtig ist doch, dass man thront.“
   Es war hoffnungslos. Dieser Mensch ist völlig unempfindlich gegen Witz, Ironie und tiefere Bedeutung.
   Ärgerlich fuhr er fort: „Jetzt hast du mich unterbrochen! Wo war ich . . . Ach ja. Ich denke, meine Mutter ist ins Haus gekommen – war sie aber nicht. Ein andermal sah ich in einer dieser Werbepostillen herrlich gelbe Bananen im Kingsformat, da rief meine Mutter von der Küche her: „Hey, Sebastian, möchtest du eine Banane? Erstaunlich, was? Woher konnte sie wissen, dass ich gerade Heißhunger auf eine schöne gelbe dicke makello – se Ba – na – Was guckst du so?“
   „Hast du gerade Heißhunger gesagt?“
   „Ja. Gerade eben. Wieso?“
   „Weil mir eine Sekunde zuvor das Wort Heißhunger in den Sinn kam. Die Torte lässt nämlich ziemlich auf sich warten.“
   Wunderkerze sprang auf. Nur dem beherzten Zugriff eines gerade vorbeikommenden Gastes war es zu verdanken, dass der Stuhl nicht umfiel.
   „Ha!“, rief er, „genau das ist es! Ich lese von einem Knall – unmittelbar darauf knallt es wirklich. Ich denke Banane, meine Mutter sagt Banane. Ich höre den Wecker schon, bevor er klingelt. Du denkst Heißhunger – ich sage Heißhunger. Ich höre die Glocken läuten, obwohl –  –“
   Der Cappuccino und die Torte kamen, was mich daran hinderte, seinem Sermon zu folgen. Ich wurde erst wieder hellhörig, als er sagte: „Doch das Schärfste geschah letzte Woche Freitag gegen achtzehn Uhr dreißig.“
   Inzwischen war ich mit der Torte fertig, schob den Teller beiseite und sagte: „Soso.“
   Sebastian ließ sich nicht beirren. „Es hatte gerade ein Gewitter gegeben, jetzt brach die Sonne durch. Am Himmel erschien ein kreisrunder Regenbogen, in dessen Mitte ein voller gelber Mond stand. Es sah aus, als betrachte mich ein kosmisches Auge durch eine riesige Lupe. Sofort hatte ich das Gefühl, dass mich das Auge beobachte; dass es mich prüfe, ob ich für irgendeine geheimnisvolle Sendung geeignet sei. Auch Marlene, mein Hund, verhielt sich eigenartig; normalerweise trottet sie ergeben neben mir her, doch jetzt zog sie den Schwanz ein, knurrte und schnüffelte wie besessen, als habe sie etwas ganz Besonderes gerochen. Du weißt ja, dass sich Hunde über ihren Urin Nachrichten übermitteln. Das Auge folgte mir noch eine Weile, bis es sich, verblassend, auflöste.“
   „Hmm . . . nun ja . . . Der Hund . . .“ Ich unterdrückte ein Grinsen. „Wer soll dem denn eine Nachricht von besonderer Bedeutung hinterlassen haben?“
    Es war als Witz gemeint, doch Wunderkerze darauf mit todernster Mine: „Die Erscheinung stand im Sternbild Großer Hund.“
   Für ein paar Sekunden war ich baff.
    „Wunderkerze!“, rief ich unbeherrscht, „du willst doch nicht etwa behaupten, deine Töle könne kosmische –“
   Er unterbrach mich sofort. „Rakete“, rief er nicht weniger laut, „warum grinst du so blöd? Mein Hund ist keine Töle, sondern ein hochsensibles Tier. Überhaupt Hunde! Dir ist anscheinend noch nie aufgefallen, dass sich Hunde über große Entfernungen wahrnehmen können, über alle akustischen und optischen Barrieren hinweg. Natürlich, wie könnte dir auch! Nur ein Beispiel. Ich gehe mit Marlene an einem großen parkähnlichen Garten von vorbei, es ist mucksmäuschenstill, nichts rührt sich und doch – plötzlich grüßt ein Hund aus dem Haus in fünfzig Meter Entfernung. Er kann nichts gesehen und gehört haben! Trotzdem hat er Marlene über geheimnisvolle Sensoren wahrgenommen. Warum also sollte Marlene nicht eine Nachricht des Großen Hundes empfangen haben? Gut, er ist sehr weit weg. Aber das ist nur ein praktisches Problem, kein prinzipielles.“
   Allmählich dämmerte mir, dass er mich nicht so schnell aus den Fängen seiner sinistren Rhetorik entlassen würde. Um ihn nicht noch weiter anzustacheln gab ich mich einsichtig.
   „Ein Bekannter schwört, der Sirius stehe mit dem Wetterhahn der Marktkirche in Verbindung und diktiere diesem die Predigten, die der Pastor am Sonntag –“
   „Glaub ich sofort! Es geschehen mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich eure Schuhgröße erträumen lässt.“
   „Schön. Und, welche Nachricht hat Marlene nun empfangen?“
    Er trank einen Schluck, stellte die Tasse ab und schüttelte seinen Lockenkopf.
   „Noch schweigt sie“, sagte er mit einem leichten Schaumpfad über der Oberlippe. „Aber ich schaue ihr in die Augen, und da sehe ich, dass etwas geschehen ist, was mein Leben auf andere Bahnen werfen wird. Bisher sah ich Zuneigung und Treue, jetzt lese ich dazu noch Respekt. Sie hält mich für einen Auserwählten, einen, der dazu berufen ist das Weltbild der Physik ein zweites Mal zu revolutionieren. Und ich täusche mich nicht. Hunde haben ein kosmisches Wissen, das uns Menschen abgeht. Sie wissen Dinge, die wir Menschen uns noch nicht einmal vorstellen können.“
   „Du meinst, wie Einstein?“
   „Nein. Mehr noch.“
   „Geht´s nicht zwei Nummern kleiner?“
   „Wieder nein.“ Er sah mich beschwörend an. „Sieh doch, alle diese seltsamen Vorkommnisse . . . Das kann doch kein Zufall sein. Jeder für sich allein vielleicht, aber nicht in dieser Fülle. Dann: Es sind ja alles Mitteilungen, geradezu Voraussagen, die sich über kurz oder lang bewahrheiten: Ich hörte die Glocken schon, obwohl die Reparatur des Läutwerks erst Tage später abgeschlossen war; die Veranstaltung geschah pünktlich zu besagtem Datum; ich hörte den Wecker schon am Sonntagmorgen, obwohl er erst am Montag wirklich piepte . . .“
   „Vielleicht Hellseherei?“, fragte ich vorsichtig.
   „Wohl kaum, dafür sind die Vorkommnisse zu trivial. Es fehlt ihnen das Orakelhaft-Unbestimmte sowie der zeitliche Abstand. Außerdem wird eine solche Fähigkeit geerbt; und wenn ich mich in der Tiefe meiner Ahnschaft umsehe, da ist niemand, der mir dieses Erbe hätte aufbürden können.“
    „Aber das mit dem Knall der Tür“, wand ich zaghaft ein, „und das mit der Banane . . . Das kann doch nur Zufall gewesen sein. Eine andere vernünftige Erklärung sehe ich nicht.“
   Er lachte grob. „Vernünftig! Halten zu Gnaden: Hältst du die Vernunft für ein probates Mittel, auch nur das kleinste Problem zu lösen? Da kann ich nur lachen! Schau dich doch um in der Welt! Überall ungelöste Probleme, dabei ist der Mensch doch angeblich das vernünftigste Tier! Nein, mit Vernunft kommst du hier nicht weiter.“
  „Ja zum Teufel!“, rief ich genervt, „wovon redest du denn?“
   Inzwischen war es im Lokal bis auf ein leises Geschirrklappern in der Küche fast still geworden. Alle, einschließlich der Bedienung, hörten gebannt zu, und Wunderkerze genoss es sichtlich.
   „Für meinen mathematisch-naturwissenschaftlich geschulten Verstand“, rief er so laut, dass es sogar die Spatzen auf dem Dach hören mussten, „kommt nur eine Möglichkeit infrage: Die Theorie des Raumzeit-Kontinuums ist fehlerhaft. Raum und Zeit sind weder untrennbar verknüpft noch in stetigem Fluss; es gibt Bereiche, in denen sie sich voneinander lösen und in unterschiedlichen Geschwindigkeiten weiterfließen. Der Raum mit allen ihm innewohnenden Möglichkeiten bewegt sich weiter, während die Zeit kurz auf der Stelle tritt, oder der Raum steht still und die Zeit fließt weiter.“
    „Aha!“  
   „Ja. Als ich die Glocken hörte war ein solcher Moment. Der Raum stand still – also der Glockenturm – doch die Zeit floss weiter zum Ende der Reparaturarbeiten. Und da hörte ich sie.“
   „Die Reparaturarbeiten.“
   „Nein. Die Glocken.“
   Nun war es wirklich mucksmäuschenstill. Sogar das Tellerklappern hatte auf gehört.
  „Ich kann dir das mathematisch belegen. Der Abstand zweier Ereignisse hängt von den drei Ortskoordinaten x , y , z und der Zeitkoordinate t ab. Wegen der Forderung nach der Erhaltung der Kausalität zweier Ereignisse oder allgemeiner nach der Lorentz-Invarianz müssen physikalische Modelle –“
   Ich unterbrach ihn. „Mein Lieber, glaub ich dir aufs Wort. Aber mir erschließt sich nicht, wie du damit den Knall erklären willst. Der Glockenturm war immerhin real, aber Tante Pollys Tür existierte nur in deiner Einbildung. Wer weiß, welche Tür da geknallt hat.“
   Er sah mich mitleidig an.
   „Du begreifst es einfach nicht!“, rief er noch lauter. „Es muss doch nicht Tante Pollys Tür gewesen sein, die damals knallte, sondern irgendeine Tür, mit der zur damaligen Zeit Zähne gezogen wurden! Und nach Einstein ist die Fantasie grenzenlos! Will sagen: Durch meine enorme Vorstellungskraft kam es zu einem Riss im Raum-Zeit-Gefüge, deshalb knallte diese unbekannte Tür gerade in dem Moment, als ich die entsprechende Stelle las.“
   Einige Gäste waren aufgesprungen und verglichen ihre Uhren. Andere zahlten und verließen eilig das Café.
   Wunderkerze fuhr unbeeindruckt fort: „Es kommt immer wieder zu Raum-Zeit-Verzerrungen aufgrund hyperenergetischer Störstrahlungen mit  EMP-ähnlichen Wirkungen. Die terranische Interpretation der Hyperenergie basiert einerseits auf der normal-physikalisch . . . äh . . . superfunktionalen Marmeladen-Achse –“
   Plötzlich klatschte etwas gegen die Fensterscheibe – eine Taube, die offenbar eine der Ortskoordinaten x , y , z verwechselt hatte.
   Ich zog mein Handy und rief den Notarzt an. Während Wunderkerze hinausgetragen wurde, dozierte er weiter: „. . . verursacht immer wieder Anomalien und lässt ha!, das Geschehen im imaginären Zahlenraum einfrieren. Allgemein ist . . . puh . . . allerdings unter konventionellen Bedingungen im Standarduniversum der . . .äh . . . wirksam werden – de Hyper –hihi – en – erge – haha –“
   Durchs Fenster des Krankenwagens beobachtete ich, wie sie ihn festschnallten, wobei sich seine Lippen ununterbrochen bewegten. Die Sanitäter stiegen ein, einer knallte die Tür zu.
Sebastian drehte den Kopf und sah mich an.
   In seinen Augen lag ungetrübte Begeisterung.
   Der Himmel begann aufzuklaren. Für den Nachmittag waren gemischte Chöre angesagt, für Morgen reiner Männergesang. Am Wochenende allerdings war mit feucht-fröhlichen Opernarien zu rechnen.

12Wie es weitergeht »




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wunderkerze
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HansGlogger
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BeitragVerfasst am: 13.02.2022 16:17    Titel: Antworten mit Zitat

Was soll man dazu sagen? Einfach nur perfekt. Ein Feuerwerk. Ein paar kleinere Raketen könntest Du Dir für andere Texte aufsparen. Zum Beispiel:

Zitat:
„Wie?“, unterbrach ich ihn, „du hast mit drei Jahren noch auf dem Topf gesessen? Ein Neffe von mir ist in dem Alter schon Moped gefahren!“
   Er sah mich irritiert an. „Ja warum denn nicht? Ist es nicht egal, auf welchem Thron man sitzt? Wichtig ist doch, dass man thront.“

 
Aber das Gute ist ja, dass man diese Raketen öfters zünden kann.
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Selanna
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BeitragVerfasst am: 13.02.2022 16:25    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo wunderkerze,

ein langer Text!
Ein paar Formulierungen sind ungelenk / falsch, etwa gleich zu Anfang
Zitat:
Zechbruder noch aus Studententagen her

Entweder: aus Studententagen. Oder: von Studententagen her. Später immer wieder mal ein paar Kommafehler, Grammatikfehler („des öfteren“). Und dann unnötige Wiederholungen wie gleich 2mal hintereinander „legendär“ oder „nicht nur das“.
Zitat:
mit Ach und Krach hervorragende Examina

Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Entweder besteht man mit Ach und Krach oder man hat ein hervorragendes Examen. Was ist ein hervorragendes Examen mit Ach und Krach: mit 1,5? Das ist dann aber nicht mehr hervorragend Wink Oder soll das ironisch sein? Der ganze Absatz übers halbherzige Studium ist für mich (natürlich imho) zu viel Gerede.
Der Text eiert ein wenig vor sich hin. zB bei dem Absatz: man kann es nicht ahnen (als Relativierung), aber er ist ein Mathe-Ass (als Aussage), kein Genie (als Relativierung), aber ein frühes Talent (als Aussage). Ein Auf und Ab beim Lesen, ein Hin und Her, statt einer klaren Aussage.
Danach kommen zahlreiche Beispiele, die das Genie von Wunderkerze belegen. Teilweise sind sie amüsant, teilweise nicht ganz so. Das Ganze ist nach dem Erspähen von Wunderkerze eine große Rückblende, Hintergrundinformation und erzählte Charakterbeschreibung. Mh. Warum nicht, kann man machen, denke ich, aber der Aufbau ist nicht modern (was er mE auch nicht zwingend sein muss, um eine gute Geschichte zu schreiben).
Die Unterbrechung mit dem Dialog traf nicht meinen Lesegeschmack.
Zitat:
   Tja, das ist er, unsere Wunderkerze. Immer für eine Überraschung gut.
   Ach so, Wunderkerze . . .

Das ist hier völlig aussagelos, ein reines Stilmittel. Vllt um den Leser mehr zu involvieren? Ich weiß es nicht, mich hat’s leider gestört.
Zitat:
   Wie soll ein Scherzname bei einem, dessen Fantasie Funken sprüht, schon lauten. Mich nennt er Rakete. Nicht weil ich besonders schnell in die Luft gehe. Nein, wegen meiner 1,92 Scheitelhöhe. Damals machten wir uns einen Spaß daraus, unter diesen Namen Bekanntschaften zu schließen. Bald waren wir bekannt wie bunte Hunde . . .

Wem wird das erklärt? Das ist reiner Leserservice, oder?
Zitat:
   Na schön, weiter im Text.

Mh, auch da, tut mir leid, aber das finde ich persönlich ganz schlimm. Als Leser sehe ich doch, dass es jetzt weitergeht. Aber wie schon gesagt: Das ist eine Geschmacksfrage und mein Kommentar nur eine Einzelstimme.
Zitat:
Dieser Mensch ist völlig unempfindlich gegen Witz, Ironie und tiefere Bedeutung.

Sowas musst Du für den Leser nicht erklären. Das muss aus dem Text hervorgehen Wink

Tja, habe den Text irgendwann nur noch überflogen, er ist wirklich voller Informationen, Beispiele, Füllwörter, Floskeln, Details … er konnte mich nicht recht fesseln. Wenn Du ihn ein bisschen eindampfst? Auf das Wesentliche konzentrierst?
Und was ist der rote Faden? Dass Genies den Verstand verlieren? Der Verfall eines genialen Geistes im Zeitraffer? Wo ist die Person, der der Ich-Erzähler am Anfang von der Begegnung zu erzählen scheint, am Ende? Ist sie Sebastian? Oder ist Wunderkerze Sebastian? Ist das mit den Chören ein Indiz für Wahnsinn, der auch auf den Ich-Erzähler übergriff?
Ich hab’s nicht kapiert. Ich erkenne den roten Faden nicht. Ob das an mir als Leser liegt oder an Deinem Text, das überlasse ich Dir Wink Aber ein wenig Straffung täte dem Text so oder so gut, überleg’s Dir mal. Smile
Liebe Grüße
Selanna


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BeitragVerfasst am: 13.02.2022 16:43    Titel: Antworten mit Zitat

@Selanna
ich nehme an, "Per Anhalt durch die Galaxie", ist auch nicht gerade Dein Geschmack?
Natürlich ist es Ironie, wann die zwei Zechbrüder mit Ach und Krach ein hervorragenes Examen hingelgt haben. Mathematik ist eine trockene Sache und muss eingeweicht werden, sagte mein Mathe-Professor immer, wenn wir mit ihm mein Saufen waren.

Das Einzige was man den Text vielleicht noch vorwerfen könnte, ist dass er etwas epigonenhaft wirkt. Doch das ist ein Grundübel unserer Epoche. Es ist schon alles gesagt und meistens besser formuliert.
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Selanna
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BeitragVerfasst am: 13.02.2022 16:49    Titel: Antworten mit Zitat

HansGlogger hat Folgendes geschrieben:
@Selanna
ich nehme an, "Per Anhalt durch die Galaxie", ist auch nicht gerade Dein Geschmack?

Doch, das gefiel mir sehr Very Happy
Zitat:
Natürlich ist es Ironie, wann die zwei Zechbrüder mit Ach und Krach ein hervorragenes Examen hingelgt haben.

Für mich passt die Herleitung nicht. Der restliche Absatz, also die Sätze davor, machen für mich die Ironie fragwürdig.
Zitat:
Das Einzige was man den Text vielleicht noch vorwerfen könnte

Ich habe dem Text ausdrücklich gar nichts vorgeworfen, im Gegenteil, ich schrieb, dass es auch an mir als Leser liegen könnte, und habe es dem Autor überlassen, das zu bewerten Smile


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HansGlogger
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BeitragVerfasst am: 13.02.2022 18:18    Titel: Antworten mit Zitat

@Selanna
 Du sieht Widersprüche und fragst nach dem Roten Faden im Text.
Nun, die Geschichte handelt IMHO auch von Begrenzheit unserer Vernunft, was die Erkenntnis der Welt angeht, die uns aufgrund dieser Begrenzheit manchmal unlogisch erscheint. Ich finde, die Form passt ganz gut zum Inhalt.
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Selanna
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BeitragVerfasst am: 13.02.2022 18:38    Titel: Antworten mit Zitat

HansGlogger hat Folgendes geschrieben:
@Selanna
Ich finde, die Form passt ganz gut zum Inhalt.

Ich freue mich für Wunderkerze, dass Dir sein Text so gefällt 👍  Das ist doch wunderbar!
Vielleicht findet Wunderkerze ja auch das ein oder andere, was ich angemerkt habe, hilfreich, was mich freuen würde. Aber natürlich muss dem nicht so sein, das wäre genauso in Ordnung. Warten wir doch einfach mal, dass er selbst sich einmal zu Wort meldet 😉


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wunderkerze
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BeitragVerfasst am: 14.02.2022 19:44    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der Text ist eine Humoreske bis hart an die Grenze zum Absurden. Mir ging es darum den Lesenden ein paar frohe Minuten zu bereiten. Natürlich bin ich auch auf das Urteil der Lesenden gespannt. Vielleicht äußert sich ja noch der eine oder andere, und dann sehen wir weiter.
   Die physikalischen Sätze z.B. sind willkürlich aus Wikip. herausgegriffen und, und wenn jemand unbedingt einen Mehrwert sucht, dann sollen die Sätze hochtrabende Fachtraktate parodieren. Und wenn jamand will, auch die Beschränktheit menschlichen Wissens. Das Wesentliche aber ist der gehobene Nonsense im Kleid der Wissenschaftlichkeit, der im letzten Satz in lichte Höhen führt. Der Text ist etwas für humorbegabte Menschen, nicht für Steinbeißer.
   Natürlich gibt es immer etwas zu verbessern. Er könnte kürzer sein. Doch warum? Eine Geschichte lebt doch vom Erzählen! Wie sagte schon Goethe? Wer vieles bringt, wird manchem etwas bieten.  
  Es steht jedem frei, einen bunten Schmetterling zu sezieren. Doch was bleibt dann übrig? Das soll nicht heißen, dass ich Kritik nicht schätze und umsetze.

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