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Der Codex


 
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jon
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BeitragVerfasst am: 02.08.2016 15:41    Titel: Der Codex eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Da man zwei Einstandstexte braucht, um im Forum Feeback etwas vorstellen zu dürfen, hier also ein zweiter Auszug aus der Zeitspringer-Reihe. Diesmal soll es eine echte Story werden - also nicht nur ein Info-Intermezzo. Allerdings musste ich aus diversen Gründen den Plot abändern und bin mit der aktuellen Szenenplanung noch längst nicht sooo glücklich …

Der Codex
(Oktober 2004)

Peter Tomann war ja immer für eine Überraschung gut, aber das hier war absurd.
„Das ist nicht Ihr Ernst!“, sagte er, Carola fassungslos anstarrend.
Sie wusste nicht, ob sie belustigt, beleidigt oder verletzt sein sollte. Hatte er wirklich gedacht, dass ihr gesamtes Liebesleben daraus bestand, ihn anzuschmachten? Auch nach zehn Jahren voller mehr oder weniger dezenter Abfuhren?
Tomann ließ sich in seinen Chefsessel fallen und starrte durch die Schreibtischoberfläche. Man konnte die Gedanken hinter seiner Stirn kreiseln sehen. Dass ihn die Nachricht von der Schwangerschaft nicht eben erfreuen würde, damit hatte Carola gerechnet – Tomann hasste es, neue Leute zu suchen, auch wenn er das nie im Leben zugegeben hätte. Aber dass er derart aus der Spur geraten würde …?
„Okay“, sagte er und hob den Blick. „Wollen Sie das ganze Babyjahr nehmen?“
Hatte er nicht zugehört? „Ich werde gar nicht wiederkommen.“
„Gar nicht“, wiederholte er. „Aha.“ Und dann fragte er: „Wieso?“
„Weil ich keine zwanzig mehr bin und mit Kind und Job – diesem Job – überfordert wäre?“
„Das kann man regeln. Frau Törmchen arbeitet auch halbtags.“
„Ich weiß. Aber ich bin nicht Frau Törmchen.“
Tomann tat, als lächle er. „Wollen Sie behaupten, Sie wären weniger belastbar? Da hab ich Sie anders erlebt.“
Carola ging nicht darauf ein. Es war schwer genug, wegzugehen. Ihn nie wieder zu sehen.
Tomann kam offenbar ein Gedanke. Er schluckte. Dann sagte er mit belegter Stimme: „Sie können es sich ja noch überlegen. Ich muss den Arbeitsplatz für Sie sowieso freihalten.“
Verstand er nicht oder wollte er nicht verstehen? „Herr Tomann, Sie müssen gar nichts für mich freihalten. Sie müssen einen Ersatz für mich suchen, und zwar am besten, solange ich noch da bin und ihn einarbeiten kann.“ Es klang beschwörender, als Carola beabsichtigt hatte.
Er schien aufzugeben. Fast wirkte es, als sinke er ein bisschen in sich zusammen. Etwas wie Trotz schimmerte durch die Fassade. Oder Trauer. Oder beides. „Ich hoffe, Sie sind finanziell auf der sicheren Seiten“, sagte er.
„Ich bekomme Unterhalt“, log sie. „Das wird völlig ausreichen.“
Er machte ein abschätziges Gesicht. „Dann muss der Typ ja sehr gut verdienen.“
Hatte er eben Typ gesagt? Und klang da sowas wie Eifersucht mit? Carola spürte, wie ihr ein hysterisches Lachen im Hals stecken blieb.
Er bemerkte seinen Fauxpas und sammelte sich. Tief durchatmend setzte er sich aufrecht hin, lächelte sein Cheflächeln und sagte: „Gut. Ein bisschen Zeit ist ja noch. Haben Sie eine Idee, wo ich einen Nachfolger für Sie finden könnte?“
„Nicht ad hoc, nein.“
„Okay.“ Er suchte offenbar nach einem weiteren Gedanken.
Carola nutzte die Gelegenheit zu gehen.
„Herzlichen Glückwunsch“, rief er ihr nach.
Sie nickte dankend. Im Stillen verfluchte sie ihn.

Eine Stunde später – sie war inzwischen zu Hause – rief Carola Bauer ein paar Telefonnummern in der Schweiz an und setzte damit einen ihrer Notfallpläne in Gang. Sie fühlte sich nicht wohl dabei. Nicht, dass sie fürchtete, jemand könnte den Spuren folgen und sie aufstöbern, dazu war alles zu gut abgesichert.
Ihr wurde allerdings bewusst, dass sie das nie mehr hatte tun wollen. Sie hatte das alles hinter sich lassen wollen, all die Jahrtausende und die Pläne und Vorkehrungen und Intrigen, die nötig gewesen waren, um nicht aufzufliegen. Anfangs spielte ihr Anderssein kaum eine Rolle – Schamanen, Weise Frauen und von den Göttern Berührte gehörten zum Alltag der Menschen der Kupfersteinzeit. Später, je aufgeklärter sich die Menschen gaben, desto sorgfältiger musste sie darauf achten, dass niemand merkte, dass sie nicht alterte, musste sie ihre Identitäten sorgfältiger bauen. Dass sie nach dem ersten großen Sturz durch ein Zeitloch auch danach immer wieder unverhofft zurück fiel und dabei keine Chance hatte, etwas wirklich vorzubereiten, hatte die Sache nicht einfacher gemacht. Irgendwann begann sie, ein Netz von Notfallplänen aufzubauen – Zugriffsmöglichkeiten auf Geld vor allem. Für die Zeit nach der Rückkehr war das nie gedacht gewesen.
Jetzt aber brauchte sie das Geld. Thomas Bern würde keinen Unterhalt zahlen. Nicht, weil er sich weigern würde, ganz sicher nicht, sondern weil er es nicht wusste. Carola war sich noch nicht schlüssig darüber, ob sie Tom überhaupt von dem Kind erzählen sollte. Es war nur ein One-Night-Stand gewesen, kein Grund, seine Ehe zu gefährden. Es sah so aus, als hätte er diesmal wirklich die Richtige gefunden. Andererseits: Sowas wie mit Alex konnte sie ihm nicht nochmal zumuten …
Leichte Übelkeit stieg in ihr auf. Sie versuchte, sie wegzuatmen. Das klappte nicht. Es hatte nie geklappt, wahrscheinlich war es nur ein instinktiver Reflex, der sie das tun ließ. Ein bisschen Bewegung an der frischen Luft würde eher helfen, wusste sie und begann abzuwägen, ob die Übelkeit so schlimm war, dass es lohnte, die sechs Etage runter und später wieder hinauf zu steigen. Das Unwohlsein nahm zu, also zog sie ihre Jacke über und verließ die Wohnung.
Die Luft draußen war nicht das, was man frisch nennen konnte. Der Geruch nach Abgasen und Imbissküchen ließ Carola würgen. Einen Moment lang erwog sie, wieder hinauf zu gehen. Sie entschied sich für den Park.
Hier war es angenehmer, es roch nach Wasser und ein bisschen nach frisch gefallenem Laub. Sie liebte diesen Duft. Sie setzte sich auf eine Bank, schloss die Augen und hielt das Gesicht in die untergehende Sonne.
War es das gewesen? Sie hatte gern bei Tomann gearbeitet. Die Atmosphäre in der Firma hatte ihr zugesagt, die Arbeit war perfekt für sie gewesen: ein bisschen schreiben, ein bisschen recherchieren, ein bisschen organisieren. Und sie war gern in Tomanns Nähe. Immer noch. Obwohl sie längst wusste, dass seine anfänglichen Flirts keinen Deut mehr als reflexhafte Reaktionen seiner Eitelkeit auf ihre Verliebtheit waren. Er konnte unglaublich charmant sein. Aber er war auch oft genug rücksichtslos und unsensibel. Anmaßend. Großspurig. Unberechenbar. Carola war inzwischen fast froh, dass er nie etwas mir ihr angefangen hatte – sie wäre gnadenlos untergegangen neben ihm.
Schritte näherten sich. Carola blinzelte der Weg entlang. Ein Mann, kaum mehr als ein Schattenriss im Gegenlicht. Er schien es nicht eilig zu haben. Er erinnerte Carola an Hans: die Statur, der Gang … Sie fühlte, wie sie lächelte. Dabei war die Zeit, in der sie mit Hans zusammen war, alles andere als eine zum Lächeln gewesen. 1943, Deutschland. Er sah schneidig aus in seiner Offiziersuniform, es war ihr leicht gefallen, mit ihm anzubandeln. Im Frühjahr 1945 hatten sie sich verloren, sie hatte ihren Tod durch einen Flugzeugabsturz fingiert, seine Spur verlor sich in den Wirren nach der Bombardierung von Dresden. Mit ihr auch die Spur ihrer Tochter.
Caro wandte den Blick vom dem Mann ab, schloss wieder die Augen und legte die Hand auf ihren Leib. Nein, das war nicht ihr erstes Kind, aber sehr langem wieder mal eines, für das sie ganz da sein würde. Zu oft hatte sie fortgehen müssen, weil ihr Nichtaltern offenbar zu werden drohte, war sie durch einen Zeitsturz fortgerissen worden oder wurde durch andere mehr oder weniger objektive Gründe gezwungen, das Kind aufzugeben.
Der Mann war stehen geblieben. Carola konnte es spüren, weil er die Sonne verdeckte und es plötzlich sehr kühl geworden war. Sie sah auf. Der Mann stand direkt vor ihr, schien sie anzusehen. Sein Gesicht lag im Schatten, aber es schien ihr, als lächelte er.
„Inge?“
Sie schüttelte den Kopf. Ihre Augen stellten sich langsam auf den Schatten ein. Der Mann sah auch von Nahem ein bisschen aus wie Hans.
„Entschuldigen Sie“, sagte er hörbar enttäuscht.
Sie kannte den Tonfall von irgendwoher und setzte sich aufrecht hin, um einen besseren Blickwinkel zu bekommen. Er sah wirklich aus wie Hans.
„Sie haben mich an jemanden erinnert …“
Oh ja, sie kannte die Stimme, definitiv! Und er hatte sie Inge genannt. „Hans?“
Er setzte sich neben sie und strahlte sie an. „Ich wusste es doch! Inge, oder wie immer du jetzt heißt.“
„Carola“, sagte sie und fühlte, wie sie ebenso strahlte. „Mein Gott … Wow! Ist das schön, dich zu sehen. Was machst du hier?“
„Geschäfte. Und du?“
„Ich wohne hier in der Nähe.“ Sie betrachtete ihn. Er sah aus wie damals: Lebendige graue Augen, kantig-männliches Gesicht, kaum eine Falte. Nur die Haare trug er anders.
„Du siehst gut aus“, sagte er. Es klang eher höflich als ehrlich.
„Naja, ein bisschen älter“, half sie ihm.
Sein Strahlen ließ nach. „Tut mir leid.“
Einen Moment lang wusste Carola nicht, was er meinte. Dann begriff sie: Er hielt sie für eine Unsterbliche, die die Gabe verloren hatte. Es überraschte sie, denn das hieß, dass er selbst einer war. Niemand außer den Unsterblichen selbst wusste von der Gabe, zumindest in dieser Zeit nicht. Irgendwann würde es Allgemeinwissen sein, aber das würde noch ein wenig dauern.
Obwohl Carola wusste, dass sie keine Chance hatte, suchte sie an Hans nach Zeichen, die seinen Zustand verraten würden. Er war der erste Unsterbliche, den sie traf. Beziehungsweise von dem sie nun wusste, dass er einer war. Der einzige Hinweis – dass er nach 60 Jahren keinen Deut gealtert war – hätte ebenso gut bedeuten können, dass er ein Zeitspringer war. Um ein Haar wäre sie davon ausgegangen und hätte sich vermutlich verplappert.
Hans machte eine kleine Kopfbewegung in Richtung von Carolas Bauch. „Guter Hoffnung?“
„Sieht man es schon?“, fragte sie und lauschte dem Klang der altmodischen Formulierung nach. „Es kommt im März.“
„Das ist ja noch ein Weilchen. Weißt du schon, was es wird?“
„In der 13. Woche? Nein. Dafür ist es noch zu früh.“
„Wenn es ein Junge wird – wir haben den Boden noch voller Spielzeug.“
„Echt? Du hast Familie? Das ist cool.“
Er strahlte wieder. „Ja. Er heißt Jannik.“
„Jannik? Wie passend!“ Janek war sein Deckname im Widerstand gewesen.
Er lachte. „Stimmt! Und du, hast du schon einen Namen rausgesucht?“
Sie grinste: „Na jedenfalls nicht Jacek.“ Das war ihr Deckname gewesen. „Peter oder Katharina.“
„Aha. Wie die Zaren.“
Carola stutzte. „Stimmt. Ist mir noch gar nicht aufgefallen.“ Eine Moment lang dachte sie darüber nach, ob ihr Sohn eher nach Peter dem Großen oder nach Peter Tomann geraten sollte. Als ihr bewusst wurde, dass das Erbgut von Thomas Bern weder für das eine noch das andere eine brauchbare Grundlage war, wischte sie – über sich selbst den Kopf schüttelnd – den Gedanken beiseite.
Sie sah, dass Hans sie beobachtete. Sie konnte die Frage spüren, die er nicht stellen durfte. Und die sie sie nicht beantworten durfte, wenn sie ihn in dem Glauben lassen wollte, dass sie eine von ihnen war. Unsterbliche sprachen nicht über Vergangenes.
Carola bemerkte, dass es frisch geworden war, und zog die Jacke enger um die Schultern.
Hans stand auf. „Entschuldige, ich muss noch ein paar Anrufe machen.“
Sie erhob sich ebenfalls. „Klar, kein Problem.“ Sie kramte eine Visitenkarte aus ihrem Portmonee. „Hier!“ Sie würde die Firmenkarten sowieso nicht mehr brauchen. „Ruf mich an, wenn du mal wieder in Dresden bist! Die Mobilnummer ist meine private, da erreichst du mich auch nach dem Mutterschutz.“
Hans sah Carola fragend an.
„Naja, ich weiß ja nicht, wann es dich beruflich mal wieder hierher verschlägt.“
Er schien irritiert zu sein; das war wohl nicht das, was er hatte wissen wollen. Er fragte jedoch nicht nach, sondern reichte Carola die Hand. „Auf Wiedersehen, I… Caro. War wirklich schön, dich wiedergesehen zu haben.“
„Ja, das war es. Wär schön, wenn es bis zum nächsten Mal nicht wieder so lange dauert.“
Er lächelte matt. „Versprochen.“ Dann ging er. Caro schaute ihm nach, wie er im Gehen nochmal die Visitenkarte studierte und sie dann in die Manteltasche steckte. Ohne sich noch einmal umzudrehen, verschwand er im Dämmern des hereingebrochenen Abends.



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Diamond
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BeitragVerfasst am: 02.08.2016 21:40    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Jon,

mal ganz vorneweg: Schreiben kannst Du. Ich habe den Auszug gerne gelesen, er ist flüssig, zum Teil auch situationskomisch und zum Schmunzeln, gut geschrieben eben. Aber irgendwie finde ich den Chef etwas ??? in seinen Handlungen... Er ist so anders, nicht Standard. Mir fällt gerade kein passendes Wort ein.

VG Diamond
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Municat
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BeitragVerfasst am: 03.08.2016 08:12    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Jon smile

Es gibt also sowohl Zeitspringer, als auch Unsterbliche in Deiner Welt und beide Spezies dürfen / können / sollen nicht über das reden, was sie sind. Unplanbare Zeitlöcher machen das ganze noch unkalkulierbarer. Klingt schon mal interessant.

Der Chef, der Caro auf Armlänge von seinem Herzen ffernhält und gleichzeitig in seinem Weltbild erschüttert wird, weil sie nicht nur ihn anschmachtet, sondern auch andere Männer trifft, ist gut getroffen, finde ich. Eine Bemerkung stört mich allerdings ein bisschen:

Zitat:
und starrte durch die Schreibtischoberfläche.
Das liest sich irgendwie, als wäre es ein Glastisch und Caro würde unter dem Tisch sitzen.

Zitat:
Tomann tat, als lächle er.
wie wäre es mit: "Tomann lächelte gequält" oder "rang sich ein halbherziges lächeln ab"

Zitat:
Es war nur ein One-Night-Stand gewesen, kein Grund, seine Ehe zu gefährden. Es sah so aus, als hätte er diesmal wirklich die Richtige gefunden. Andererseits: Sowas wie mit Alex konnte sie ihm nicht nochmal zumuten …
Die Stelle verwirrt mich. Warum ist sie die Richtige? Weil sie ihm wegen der Affäre und dem Kind keinen Ärger macht? Hatte er soche Affären schon öter? Und warum weiß Caro das und macht sich Gedanken darüber? ... und was ist mit Alex? Hatte sie vielleicht selbst scohn mal eine Affäre mit Tom und Alex ist ein gemeinsames Kind von den Beiden aus einer früheren Bett-Geschichte?

Zitat:
Carola blinzelte der Weg entlang
. Auch irgendwie ein komischer Satz.

Hans kommt sehr sympathisch an, finde ich. Ich habe sofort ein angenehmes Bild von ihm. Auch die Situation, wie Caro zuerst nur eine Ähnlichkeit erkennt und irgenwann begreift, dass er es wirklich ist, kommt gut an.

Zitat:
Der Mann war stehen geblieben.
Hier würde ich in der Zeit bleiben. Also: "Der Mann blieb stehen."

Zitat:
Er war der erste Unsterbliche, den sie traf. Beziehungsweise von dem sie nun wusste, dass er einer war.
Die Satz-Konstruktion erzeugt Distanz. Wie wäre es mit: "Er war der erte Unsterbliche, den sie traf ... zumindest bewusst."

Zitat:
Carola bemerkte, dass es frisch geworden war, und zog die Jacke enger um die Schultern.
Hans stand auf. „Entschuldige, ich muss noch ein paar Anrufe machen.“
Schade, dass hier nicht mehr Emotion aufkommt. Aber ich denke mal, das ist völlig bewusst so gehalten.

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jon
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BeitragVerfasst am: 03.08.2016 10:04    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke fürs Lesen, ihr beiden. Ich bin ja beruhigt, dass das hier besser ankommt als das Intermezzo.


Zitat:

Zitat:
und starrte durch die Schreibtischoberfläche.
Das liest sich irgendwie, als wäre es ein Glastisch und Caro würde unter dem Tisch sitzen.

Glastisch ist schon okay, es kann aber auch ein normaler sein. Ich meine diesen Blick, den man manchmal ins Nichts richtet (in dem Fall nach unten), wenn man ganz tief in Gedanken versinkt. Eine andere Idee?

Zitat:
Zitat:
Tomann tat, als lächle er.
wie wäre es mit: "Tomann lächelte gequält" oder "rang sich ein halbherziges lächeln ab"

Gequält sieht anders aus als das, was ich meine, und Abringen auch …

Zitat:
Zitat:
Es war nur ein One-Night-Stand gewesen, kein Grund, seine Ehe zu gefährden. Es sah so aus, als hätte er diesmal wirklich die Richtige gefunden. Andererseits: Sowas wie mit Alex konnte sie ihm nicht nochmal zumuten …
Die Stelle verwirrt mich. Warum ist sie die Richtige? Weil sie ihm wegen der Affäre und dem Kind keinen Ärger macht? Hatte er soche Affären schon öter? Und warum weiß Caro das und macht sich Gedanken darüber? ... und was ist mit Alex? Hatte sie vielleicht selbst scohn mal eine Affäre mit Tom und Alex ist ein gemeinsames Kind von den Beiden aus einer früheren Bett-Geschichte?

Hier merkt man tatsächlich, dass es für eine Sammlung ist. Diese Geschichte steht z. B. hier http://www.leselupe.de/lw/titel-Die-Entscheidung--Version2------Teil1-79383.htm

(Die Anmerkungen zu den einzelnen Sätzen merk ich mir mal für die Überarbeitung vor.)

Zitat:
Schade, dass hier nicht mehr Emotion aufkommt. Aber ich denke mal, das ist völlig bewusst so gehalten.

Sie treffen sich ja wieder … *tröst*


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Diamond
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BeitragVerfasst am: 05.08.2016 10:12    Titel: Re: Der Codex Antworten mit Zitat

Hallo Jon,

ich schaue nochmal vorbei, möchte mich aber erst mal nur auf den ersten Abschnitt beschränken. Für den zweiten komme ich nochmal wieder.


Peter Tomann war ja immer für eine Überraschung gut, aber das hier war absurd.

Das "ja" würde ich löschen.

„Das ist nicht Ihr Ernst!“, sagte er, Carola fassungslos anstarrend.

Ich würde die Handlung vorziehen. So z.B. Er starrte Carola fassungslos an. Dann den Dialog eröffnen.

Sie wusste nicht, ob sie belustigt, beleidigt oder verletzt sein sollte. Hatte er wirklich gedacht, dass ihr gesamtes Liebesleben daraus bestand, ihn anzuschmachten? Auch nach zehn Jahren voller mehr oder weniger dezenter Abfuhren?

An der Stelle fehlt mir, zu erfahren, wer Carola denn eigentlich ist.

Tomann ließ sich in seinen Chefsessel fallen und starrte durch die Schreibtischoberfläche. Man konnte die Gedanken hinter seiner Stirn kreiseln sehen. Dass ihn die Nachricht von der Schwangerschaft nicht eben erfreuen würde, damit hatte Carola gerechnet – Tomann hasste es, neue Leute zu suchen, auch wenn er das nie im Leben zugegeben hätte. Aber dass er derart aus der Spur geraten würde …?

Die Nachricht von der Schwangerschaft... Ich fände diesen Aspekt im Dialog besser aufgehoben. Vor allem bleibt der Fokus dann im Absatz auch auf Tomann gerichtet. Den Sprung zu Carola finde ich irritierend.

„Okay“, sagte er und hob den Blick. „Wollen Sie das ganze Babyjahr nehmen?“

Ganzes Babyjahr? - Nimmt man das denn? Ich bin da unsicher. Babyjahr ist Babyjahr oder Mutterschaftsurlaub.

Hatte er nicht zugehört? „Ich werde gar nicht wiederkommen.“

Ohne "gar" klingt es meiner Meinung nach besser.

„Gar nicht“, wiederholte er. „Aha.“ Und dann fragte er: „Wieso?“
„Weil ich keine zwanzig mehr bin und mit Kind und Job – diesem Job – überfordert wäre?“

Keine Zwanzig mehr? Warum so undeutlich?

„Das kann man regeln. Frau Törmchen arbeitet auch halbtags.“
„Ich weiß. Aber ich bin nicht Frau Törmchen.“
Tomann tat, als lächle er.

So wäre es besser: Tomann rang sich ein Lächeln ab.

„Wollen Sie behaupten, Sie wären weniger belastbar? Da hab ich Sie anders erlebt.“
Carola ging nicht darauf ein. Es war schwer genug, wegzugehen. Ihn nie wieder zu sehen.

Bis hierher erst mal. Beim nächsten Besuch mehr. Nimm Dir, was Du brauchst.

VG Diamond
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jon
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BeitragVerfasst am: 05.08.2016 11:38    Titel: Re: Der Codex pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zitat:

Zitat:
Peter Tomann war ja immer für eine Überraschung gut, aber das hier war absurd.

Das "ja" würde ich löschen.

… dann würde das "aber" in der Luft hängen.


Zitat:
An der Stelle fehlt mir, zu erfahren, wer Carola denn eigentlich ist.

Das ist der Anfang der Geschichte, die steigt direkt in die Handlung ein. Wo genau soll denn diese "Vorstellung" da stehen?

Zitat:
Vor allem bleibt der Fokus dann im Absatz auch auf Tomann gerichtet. Den Sprung zu Carola finde ich irritierend.

Der Fokus des Textes liegt an keiner Stelle auf Toman, sondern immer auf Caro.

Zitat:
Ganzes Babyjahr? - Nimmt man das denn? Ich bin da unsicher. Babyjahr ist Babyjahr oder Mutterschaftsurlaub.

Ja, man nimmt sich diese Zeit. Man kann auch nach dem einfachen Mutterschaftsurlaub (6 Wochen) zurückkommen oder nach 6 Monaten. – Keine Ahnung, wie das heute geregelt ist, 2004 war es so.

Zitat:
Keine Zwanzig mehr? Warum so undeutlich?

Was ist daran undeutlich?

Zitat:
Zitat:
Tomann tat, als lächle er.

So wäre es besser: Tomann rang sich ein Lächeln ab.

Wie gesagt: Er ringt nicht, sowas macht der ganz und gar mühelos.


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BeitragVerfasst am: 05.08.2016 12:54    Titel: Re: Der Codex Antworten mit Zitat

[quote]Peter Tomann war ja immer für eine Überraschung gut, aber das hier war absurd.

Das "ja" würde ich löschen.

… dann würde das "aber" in der Luft hängen. - Bezieht sich das "aber" auf das ja? Ich hatte es eher im Bezug auf "immer für eine Überraschung gut" betrachtet. Für mich hat das nichts mit dem Ja zu tun, aber das ist nur meine Meinung.

Zitat:
An der Stelle fehlt mir, zu erfahren, wer Carola denn eigentlich ist.

Das ist der Anfang der Geschichte, die steigt direkt in die Handlung ein. Wo genau soll denn diese "Vorstellung" da stehen?

Keine Vorstellung, so hatte ich das nicht gemeint, denn dann würde es die Handlung unterbrechen. Vielleicht einen Hinweis streuen, dass sie die Sekretärin ist, weiter hinten im Text wäre das dann ein Bezugspunkt. Aber auch hier - nur meine Meinung.

Zitat:
Vor allem bleibt der Fokus dann im Absatz auch auf Tomann gerichtet. Den Sprung zu Carola finde ich irritierend.

Der Fokus des Textes liegt an keiner Stelle auf Toman, sondern immer auf Caro. -  Für mich geht das leider nicht so deutlich aus dem Absatz hervor, denn er beginnt ja auch mit Toman. Er ließ sich fallen, er starrt ... Er tut also etwas. Dass Carola das beobachtet und sich Gedanken machen, könnte ich nur raten. Und dann beginnst Du den folgenden Satz im Passiv "Man"... Deshalb wirkte und wirkt das auf mich undeutlich.

Zitat:
Ganzes Babyjahr? - Nimmt man das denn? Ich bin da unsicher. Babyjahr ist Babyjahr oder Mutterschaftsurlaub.

Ja, man nimmt sich diese Zeit. Man kann auch nach dem einfachen Mutterschaftsurlaub (6 Wochen) zurückkommen oder nach 6 Monaten. – Keine Ahnung, wie das heute geregelt ist, 2004 war es so.

Okay. Wenn man das tatsächlich nimmt, ist das so. Deshalb schrieb ich ja, dass ich unsicher bin. Ich war noch nie in der Situation.

Zitat:
Keine Zwanzig mehr? Warum so undeutlich?

Was ist daran undeutlich?

Weil es auch kein deutlicher Hinweis darauf ist, wie alt sie denn tatsächlich ist. Und nach oben gibt es ja keine Grenzen, Mutter werden kann man auch noch mit 50.

Zitat:
Zitat:
Tomann tat, als lächle er.

So wäre es besser: Tomann rang sich ein Lächeln ab.

Wie gesagt: Er ringt nicht, sowas macht der ganz und gar mühelos.

Ja, das glaube ich Dir. Du kennst ja Deinen Prota. Es war auch nur ein Vorschlag, es anders zu formulieren. Alternativ ginge auch ein Lächeln aufsetzen. Und für Beides muss er sich bemühen. Sagt in meinen Augen dasselbe aus.

Wie gesagt, was Du nicht brauchst oder Dir nicht gefällt, verwirfst Du einfach.

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BeitragVerfasst am: 05.08.2016 13:29    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zitat:
Weil es auch kein deutlicher Hinweis darauf ist, wie alt sie denn tatsächlich ist. Und nach oben gibt es ja keine Grenzen, Mutter werden kann man auch noch mit 50.

Sie will ihm nicht sagen, wie alt sie ist (das weiß er selbst), sie will ihm sagen, dass sie nicht mehr jung genug ist (bzw. sich nicht jung genug fühlt). Ich vermute, du würdest als Leser gern wissen, wie alt sie ist. Ehrlich gesagt ist das einigermaßen unerheblich - deutlich älter als 20 eben. wink


Beim Lächeln: Klar könnte ich sagen, er setzt ein Lächeln auf. Aber das ist ein sooo oft benutztes Bild und sagt am Ende genau das: So tun als ob. Man ist als Schreiber immer in Gefahr, abgegriffene Formulierungen zu benutzen, da mag ich es, wenn mir mal eine (hoffentlich) eigene Phrase einfällt, die ebenfalls (oder manchmal noch besser) passt.


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BeitragVerfasst am: 05.08.2016 13:37    Titel: Antworten mit Zitat

jon hat Folgendes geschrieben:
Sie will ihm nicht sagen, wie alt sie ist (das weiß er selbst), sie will ihm sagen, dass sie nicht mehr jung genug ist (bzw. sich nicht jung genug fühlt). Ich vermute, du würdest als Leser gern wissen, wie alt sie ist. Ehrlich gesagt ist das einigermaßen unerheblich - deutlich älter als 20 eben. wink


Aaah... Gut zu wissen. Und ja... Als Leser möchte ich alles wissen, möglichst genau

Zitat:
Beim Lächeln: Klar könnte ich sagen, er setzt ein Lächeln auf. Aber das ist ein sooo oft benutztes Bild und sagt am Ende genau das: So tun als ob. Man ist als Schreiber immer in Gefahr, abgegriffene Formulierungen zu benutzen, da mag ich es, wenn mir mal eine (hoffentlich) eigene Phrase einfällt, die ebenfalls (oder manchmal noch besser) passt.


Das ist für mich auch völlig in Ordnung.

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jon
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BeitragVerfasst am: 23.09.2016 15:02    Titel: (Fortsetzung1) pdf-Datei Antworten mit Zitat

Die folgenden Tage verliefen ungewöhnlich angespannt. Dank Tomann, der mal wieder sein Plappermaul nicht hatte halten können, wussten alle in der Firma von Caros Schwangerschaft, und die Kollegen versuchten mehr oder weniger geschickt, die Frage nach dem Vater zu stellen. Tomann selbst war entweder nicht da oder er verschanzte sich in seinem Büro. Er schien mit etwas fürchterlich Wichtigem beschäftigt zu sein, denn jedesmal, wenn jemand etwas von ihm wollte, fertigte er ihn ab, bevor er überhaupt eintreten konnte.
Am Wochenende versuchte Carola, sich durch Hausarbeiten abzulenken. Sie fragte sich immer wieder, warum sie sich bei Hans nicht nach Elisabeth erkundigt hatte. Wegen des Schweigecodex der Unterblichen? Sie wusste zwar, dass es in höchstem Maße als unschicklich galt, nach früheren Leben zu fragen oder davon zu erzählen, aber das konnte wohl kaum für gemeinsam erlebte Zeiten gelten. Sie sollte doch ein Recht haben, nach ihrem Kind zu fragen, oder?
Kind. Kinder. Immer häufiger drehten sich Carolas Gedanken um dieses Thema. Sie wusste, dass die Hormone da eine maßgebliche Rolle spielten, aber das änderte nichts daran, dass es sie schwermütig macht.
Sie dachte an den Sohn, den sie als letztes geboren hatte. Er war zu einem Viertel nichtmenschlich, sein Vater war bei einem Urlaub auf der Erde in ein Zeitloch gefallen. Als sie sich trafen, hatte er sein Shuttle schon zur Zeitmaschine umprogrammiert, wollte nach Hause. Inzwischen war Tonha tot, bei einem Unfall gestorben. Jonathan war sowas wie ein Wunderkind gewesen. Sie hatte ihn in der Zukunft zurücklassen müssen.
Oder Ines. Dass sie mit ihr schwanger war, merkte Caro, die damals Johanna Johnson hieß, erst, als sie wieder in Deutschland war. Sie hatte LA verlassen, weil sie der Verbrecherjagd müde geworden war. In Deutschland wollte sie noch ein paar ruhige Jahre verbringen, ehe der Tag X anbrach. Ein alter Rivale aus LA lief ihr jedoch über den Weg und erschoss sie. Da war sie hochschwanger. Die Ärzte – so erfuhr sie nach dem Aufwachen aus dem Koma – hatten das Kind retten können. Sie wollte die Kleine aus dem Kinderheim zu sich holen, doch man hatte sie schon weitergereicht und weitergereicht und weitergereicht … Im fünften Heim konnte man den Unterlagen nicht einmal mehr entnehmen, dass sie überhaupt angekommen war, geschweige denn, wo sie dann hingebracht worden war. Wahrscheinlich war sie längst adoptiert worden und trug einen anderen Namen.
Alexander, Toms erster Sohn. Ihn hatte sie in eine Pflegefamilie gegeben. Elisabeth, geboren 1944 in Berlin. Thomas, geboren 1882 im heutigen New Mexiko; sie ließ ihn nach dem Tod seines Vaters zurück. 1841 Janosh, den sie als 10-Jährigen das letzte Mal sah. 1701 Natalja, die bei der Familie des Schmiedes blieb. Verika. Thedor. Jasom. Er gehörte nicht in die Reihe der von ihr verlassenen Kinder, aber wohl keines war am Ende einsamer gewesen. Gott hatte ihn fallen lassen …
Nicht daran denken! Nur nicht daran denken …
Staub wischen. Wäsche zusammenlegen. Ein Haus suchen. Vielleicht auch nur eine Wohnung. Groß genug für all den Kram, der sich in ihrer jetzigen Wohnung stapelte, und groß genug, dass noch ein Kind Raum bekam. Irgendwas mit Balkon oder Terrasse. Ruhige Lage. Nicht gerade auf dem Land. Oder vielleicht doch auf dem Land. Oder … Carola ließ sich durch die Immobilienportale treiben.

Am Montag Nachmittag rief Hans an. „Ich bleib noch ein paar Tage“, sagte er und lud sie zum Abendessen ein. Tomann war schon weg, also genehmigte sie sich ebenfalls einen frühen Feierabend. Die Kollegen vermuteten Schwangerschaftsbeschwerden; sie widersprach nicht.
In der Stadt lief ihr Tomann über den Weg. Er nickte ihr grüßend zu. Aus der Entfernung erkannte sie nicht, ob er dabei wie üblich lächelte oder nur die Mundwinkel nach oben zog. Letzteres wahrscheinlich, denn Carola hatte das Gefühl, von ihm gemustert zu werden. Sie versuchte, es zu ignorieren, und dachte an Hans.
Die Gabe also. Als Tonha ihr von den Unsterblichen erzählt hatte, hatte sie es im ersten Moment für einen seiner Scherze gehalten. Sie hatte allerdings keine Heiterkeit verspürt, also musste es wohl wahr sein. Es sei eine Art Infektion, hatte er erklärt, immaterielle Wesen würden lebende Körper besiedeln und instand halten. Das sei einfacher für sie, als aus nicht mehr funktionierenden Wirten – er hatte tatsächlich diese Worte benutzt – in eine neue Heimstatt umzuziehen.
Ob Hans die Gabe schon damals hatte? Vermutlich. Er hatte sie oft mit ungewohnten Gedanken überrascht, so als griffe er auf ein umfangreiches Philosophiewissen zurück. Wie alt er wohl war? Sie würde es nicht erfahren, der Codex verhinderte dies.
Mit diesem Gedanken betrat sie das Restaurant. Wärme schlug ihr entgegen und der Geruch nach Bier und Rotkohl. Sie unterdrückte den Würgreflex und schaute sich suchend um. Hans saß ganz hinten in einer schummrigen Ecke des Lokales, Caro entdeckte ihn nur, weil er winkte.
„Du hast noch immer eine Vorliebe für kuschlige Ecken“, sagte Caro, als sie an Tisch trat.
Hans begrüßte sie mit einem Wangenkuss. Die Modegeste irritierte sie.
Er half ihr aus dem Mantel. „Alte Gewohnheit“, bestätigte er, legte den Mantel über eine Stuhllehne rückte Caro einladend einen anderen Stuhl zurecht.
„Also“, begann sie, während sie sich setzte, „was ist der Grund für dieses konspirative Treffen?“
„Eigentlich wollte ich nur ein bisschen Zeit mit dir verbringen.“ Der Ernst in seiner Stimme strafte ihn lügen. „Dresden hat sich verändert …“
„Ja. Der Brand.“
„Ja, wir waren gerade raus. Der Schein am Horizont … Zum Glück hat Eli es damals noch nicht verstanden.“
„Was ist aus ihr geworden?“
„Ich habe sie zu Freunden nach Polen gebracht. Aufs Land. Sie ist Lehrerin geworden, hat Familie. Sie leben inzwischen in Deutschland.“
Caro lächelte. „Schön.“
Der Kellner kam, reichte ihnen die Speisekarte und nahm die Getränkebestellung auf. Als er gegangen war, beugte sich Carola ein wenig vor.
„Im Ernst“, sagte sie, „was ist los?“
Hans atmete tief durch und beugte sich dann ebenfalls vor. „Ich brauche deine Hilfe.“
„Wobei?“
„Ich bin noch nicht sicher.“ Er warf schnelle Blicke nach links und rechts, wie um sicherzugehen, dass niemand lauschte. „Was weißt du über den Orden?“
„Welchen?“
Er zögerte kaum merklich. „Wenn du fragen musst“, sagte er dann, „weißt du offenbar nichts. Also“, er beugte sich noch ein Stückchen vor und senkte die Stimme. „Es gibt eine recht alte Geheimgesellschaft, die ursprünglich die Herrschaft Christi wiederherstellen wollte.“
„Wiederherstellen?“ Sie legte demonstrativ die Stirn in Falten.
„Ja, ich weiß, aber das war eben deren Plan. Vor etwas über hundert Jahren nahmen sie jemanden in den Kreis der Lenkenden auf, weil er der Mutter Jesu begegnet war.“
Caro lehnte sich zurück. „Eine Vision …“
Hans setzte sich ebenfalls gerade hin. „Nein, wahrscheinlich nicht. Er ist einer von uns.“
„Verstehe“, sagte sie und versuchte, sich zu erinnern.
„Jedenfalls hat Christoffer nach und nach weitere …“, er hüstelte, „… in den Ratskreis geholt. Jetzt hat er allerdings die Gabe verloren und wir stehen an einem Wendepunkt.“
„Wir?“ Sie musterte ihn. „Ich wusste nicht, dass du so … religiös bist.“
„Bin ich auch nicht. Sind wir alle nicht. Fast alle jedenfalls. Christoffer hat uns zusammengeholt, weil er eigentlich den Orden kontrolliert abbauen wollte. Man kann so ein Netz nicht einfach für beendet erklären, die Einheiten würden sich selbstständig machen und wer weiß, wozu sie dann die Strukturen nutzen. Deshalb besteht unsere Hauptaufgabe derzeit darin, den Orden zu kontrollieren.“
Sie nickte. Das klang logisch, vor allem, wenn Hans von dem Orden sprach, dessen Wirken sie selbst gelegentlich schon gespürt zu haben glaubte. Er schien tatsächlich über ein interessantes Netz an Einflussnehmern zu verfügen – und zwar weltweit.
„Es gibt im Moment noch ein Gleichgewicht im Rat“, fuhr Hans fort. „Christoffer als charismatische Figur in der Mitte. Die Hälfte des Lenker sind nur deshalb halbwegs engagiert, weil er sie dazu animiert. Zwei oder drei folgen der Absicht, die Organisation systematisch auszulösen. Es gibt aber auch Mitglieder, die ein Erstarken des Ordens befürworten, die so etwas wie eine unter Christus vereinte Welt für eine gute Lösung angesichts all der aktuellen Problem halten.“
Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
Er sah Caro beschwörend an. „Wir brauchen jeden, der …“
„Nein“, unterbrach sie ihn.
„Nein? Hör dir …“
„Nein, Hans, nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ohne mich! Ich …“ Sie zögerte, beugte sich wieder zu ihm vor. „Ich gehöre nicht dazu, Hans. Ich … Verstehst du, ich habe nur noch dieses eine Leben.“ Sie wusste, dass er das falsch interpretieren würde, aber das war auch ihre Absicht. Sie strich sich über den Leib. „Ich habe genug getan, wirklich. Es gibt jetzt Wichtigeres für mich.“
„Inge, bitte!“
„Carola.“
„Ca…? Entschuldige, klar. Carola. Es ist nur …“ Sein Blick fiel auf etwas oder jemanden hinter Caro und er verstummte. Sein Ausdruck veränderte sich. Sie kannte das von damals; es hieß, ein Bekannter kam, der nicht eingeweiht war. Sie hörte, wie jemand zu ihnen trat, und schaute auf.
Charlie, keinen Tag gealtert.
Hans erhob sich und reichte dem Ankömmling die Hand. „Charles.“ Er bat ihn mit einer Handbewegung, Platz zu nehmen. „Das ist Carola“, stellte er sie ihm vor. „Charleston Blackwood“, erklärte er ihr, „ein Freund.“
Charlie musterte sie, zögerte.
Sie befreite ihn von der Unsicherheit, indem sie ihn deutlich anlächelte. „Schön dich zu sehen. Und wie immer perfekt barbiert. Die Erfindung des transportablen Rasierapparates muss ein Segen für dich gewesen sein.“
Er stutzte kurz, dann lachte er laut auf. „Und du bist so kess wie eh und je.“ Er sah sich auf dem noch immer leeren Tisch um. „Nichts zu trinken?“ Dann winkte er dem Kellner und setzte sich. „Also erzähl! Was machst du so?“


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supermichail
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BeitragVerfasst am: 24.09.2016 22:11    Titel: Antworten mit Zitat

Irgendwie mag ich die Geschichte, aber auch finde sie... komisch. Erstens, ich mag den Stil, den Verlauf der Ereignisse, und die insgesamte Thematik. Das, was mir komisch wirkt, ist... die Suppe der genauen Thematiken. Die Mischung von Unsterblichen und Zeitspringer ist interessant. Doch dann stellst du Außerirdische und Verschwörungen, und religiöse Orden vor, und es wird ein bisschen absurd, in meiner Meinung. Weil die Thema Unsterblichen und Zeitspringer mir ziemlich originell wirkt, während alles anderes Klischees ist.

Und es ist nicht unbedingt schlecht, ich frage mich mal, ob du mehr "absurden" Ideen vorhast oder die Geschichte eher seriös fortgehen wird.


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Fion
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BeitragVerfasst am: 26.09.2016 08:46    Titel: Antworten mit Zitat

Moin Jon

Habe ich da die Überarbeitung verpasst?
Kann sie nicht finden.
Schwups nen zweiten Teil reingestellt.

Lieben Gruß
Fion
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jon
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BeitragVerfasst am: 26.09.2016 14:22    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Fion,

nein du hast die Überarbeitung nicht verpasst, ich habe sie hier nicht hier eingestellt. Es waren nur so geringe Änderungen (an Einzelformulierungen), dass man den Unterschied kaum bemerkt hätte. (Ich weiß nicht, wie sinnvoll es wäre, das jetzt noch nachzureichen. Nicht, dass das Hin-und-Her dann irritiert …)



Hallo supermichail,

wie, das alles ist nicht seriös? wink Nein, ich verstehe den Einwand, es sind wirklich viele phantastische Elemente, die sich allerdings mehr oder weniger auseinander ergeben. Die gesamte Geschichte hat sich über sehr viele Jahre entwickelt und so sind nach und nach neue Verwebungen "aufgetaucht". Mehr als jetzt hier zu sehen sind, kommen in dieser Story aber nicht.


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Jenni
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Das goldene Aufbruchstück Die lange Johanne in Gold


BeitragVerfasst am: 02.10.2016 16:23    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo jon,

gerade gestern habe ich einen Film gesehen, der heißt "The Man from Earth", und darin erzählt ein Professor seinen Kollegen recht glaubwürdig, er sei 14.000 Jahre alt und habe durch eine besondere Fähigkeit zur Regeneration so lange überlebt und sei nie gealtert. Der Film spielt damit, ob das nur ein Gedankenexperiment unter Wissenschaftlern ist, Geisteskrankheit oder vielleicht doch die Wahrheit, und berücksichtigt biologische, gesellschaftliche, religiöse Aspekte, nicht uninteressant.
Dein Text hat mich sehr stark daran erinnert, auch dort ging es um das Weiterziehen alle zehn Jahre wegen des fehlenden Alterungsprozesses, um die Problematik neuer Identitäten und um die zurückgelassenen Kinder. Bei dir gibt es aber zusätzlich noch Menschen, die durch die Zeit springen - und trotzdem altern? Ehrlich gesagt hat sich mir dieser Teil nicht ganz schlüssig dargestellt - und dann frage ich mich, ob der Rest mir nur deshalb stimmig erschien, weil er für mich auf der Basis des gestern gesehenen (und weitergedachten) stand. Carola ist also nicht unsterblich und altert, durch Zeitsprünge hat sie dennoch mehrere Jahrhunderte erlebt und über die Zeit v.a. all diese Kinder bekommen, da müsste sie doch schon ziemlich alt sein eigentlich? So wie das beschrieben ist, würde ich sogar glaubwürdiger finden, alterte sie über die Maßen. Vor allem aber dauerte es, bis ich eben diese beiden unabhängigen Mechanismen der Unsterblichkeit und der Zeitreise verstanden hatte.

Interessant finde ich es jedenfalls thematisch schon. Schwierig auch, über Zeitreisen zu schreiben birgt ja viele Stolperfallen. Bis jetzt spannend erzählt. Gerne gelesen.

VG Jenni
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jon
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BeitragVerfasst am: 04.10.2016 12:51    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Jenni,

den Film kenne ich auch, ich fand ihn - rein film-handwerklich - scheußlich. Die ausgebreiteten Argumente sind für Leute, die sich mit sowas beschäftigen, allerdings hörenswert. Aber das ist ein anderes Thema.

Carola altert, das stimmt. Jetzt, da sie wieder in ihrer Zeit zurück ist, zumindest. Als sie in fremden Zeiten unterwegs war, alterte sie nicht. Frag mich aber bitte nicht, wie das geht! Das ist wahrscheinlich der Splitter Fantasy, den man in der „Soft-SF“ manchmal benutzt. wink
(Die Story ist nicht die erste in dem Zyklus, in den Geschichten vorher wird dieser Umstand mehrfach erwähnt; deshalb ist es hier nicht auch nochmal erklärt.)

Gruß von
jon


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Dmitrij
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BeitragVerfasst am: 10.11.2016 17:10    Titel: Re: Der Codex Antworten mit Zitat

Hi, Jon.
Das Thema interessiert mich sehr.  Du nennst deine Geschichte "Codex". Bin gespannt, wann du darüber zu schreiben anfängst.  Bis jetzt ist die Handlung sehr holprig. Vieles ist in diesem Text zerstreut und sehr oberflächlich beschrieben. Ich bekomme Eindruck, dass die Handlung spontan entsteht. man spürt die Hetze in deinem Schreibstil.

jon hat Folgendes geschrieben:
Peter Tomann war ja immer für eine Überraschung gut, aber das hier war absurd..

Das darauffolgende Gespräch ist weder überraschend noch  absurd.
Der erste Satz klingt wie ein Gedicht.

jon hat Folgendes geschrieben:
Sie wusste nicht, ob sie belustigt, beleidigt oder verletzt sein sollte."..

Eigentlich laut deiner Aussage, sollte Carola viel Erfahrung mit solchen Situationen haben. Verstehe nicht, wieso du sie so hilflos erscheinen liest. Sie sollte diejenige sein die Situation beherrscht und den Mann manipuliert. Andersrum ist die gesamte Handlung unglaubwürdig.

 
jon hat Folgendes geschrieben:
„Herr Tomann, Sie müssen gar nichts für mich freihalten. Sie müssen ...

Wenn sie eine Affäre miteinander hatten und niemand im Raum denen zuhört, wieso um alles in der Welt sagt sie zu ihm "Herr Tomann" und wieso siezen sie einander?

 
jon hat Folgendes geschrieben:
Eine Stunde später – sie war inzwischen zu Hause – rief Carola Bauer ein paar Telefonnummern in der Schweiz an und setzte damit einen ihrer Notfallpläne in Gang.  

" Bauer" - diesen Familiennamen könnte man ganz leich in das offizielle Gespräch zwischen ihr und Herr Tomann einfedeln (IMHO). An dieser stelle erscheint  Bauer sehr unnatürlich.

jon hat Folgendes geschrieben:
Ihr wurde allerdings bewusst, dass sie das nie mehr hatte tun wollen. Sie hatte das alles hinter sich lassen wollen, all die Jahrtausende und die Pläne und Vorkehrungen und Intrigen, die nötig gewesen waren, um nicht aufzufliegen.

Das kann man knapper und direkter formulieren, z.B.: "Sie wollte nicht mehr/ bzw. "hat es gehasst", sich von anderen verstecken zu müssen "

jon hat Folgendes geschrieben:
Alltag der Menschen der Kupfersteinzeit. Später, je aufgeklärter sich die Menschen gaben...
  Also die Kupfersteinzeit finde ich übertrieben. Es war auch im 19 Jahrhundert relativ leicht ohne Ausweis zu leben.  

jon hat Folgendes geschrieben:
Dass sie nach dem ersten großen Sturz durch ein Zeitloch auch danach immer wieder unverhofft zurück fiel und dabei keine Chance hatte...
Für die Zeit nach der Rückkehr war das nie gedacht gewesen.
 
Hier verstehe ich nicht wohin sie zurückfiel? Wohin soll sie rückkehren?

jon hat Folgendes geschrieben:
Carola war sich noch nicht schlüssig darüber, ob sie Tom überhaupt von dem Kind erzählen sollte.
  
Wie lange lebt sie schon? Sie sollte es schon längst alles vorgeplant haben. Carola, so wie du sie beschreibst, scheint mir ein naives Schneewittchen zu sein. Mach deine Prota, bitte, stärker. Sonst glaube ich nicht, dass die unsterblich ist.

 
jon hat Folgendes geschrieben:
One-Night-Stand gewesen  
Wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit nach einem One-Night-Stand in ihrem Alter schwanger zu werden?

 
jon hat Folgendes geschrieben:
Es sah so aus, als hätte er diesmal wirklich die Richtige gefunden.
  Die Richtige für was? Und wenn sie die Richtige ist, wieso war es nur eine kurze Affäre?

 
jon hat Folgendes geschrieben:
Carola war inzwischen fast froh, dass er nie etwas mir ihr angefangen hatte – sie wäre gnadenlos untergegangen neben ihm

Mach sie bitte nicht kleiner als sie ist. Vielleicht wird eine Hausfrau mit diesem Männlein untergehen, von einer Unsterblichen wird es eher nicht erwartet.

jon hat Folgendes geschrieben:
Mit ihr auch die Spur ihrer Tochter.
War diese Tochter von Alex? Wenn nicht, warum erwähnst du diese Tochter? Alles was für die Handlung irrelevant ist, kann man streichen. Es verwirrt nur den Leser.

jon hat Folgendes geschrieben:
Zu oft hatte sie fortgehen müssen, weil ihr Nichtaltern offenbar zu werden drohte.

wie meinst du das?

jon hat Folgendes geschrieben:
Unsterbliche sprachen nicht über Vergangenes..
Das begreife ich nicht. Denken dürfen sie darüber, aber sprechen ist nicht erlaubt.  

jon hat Folgendes geschrieben:
„Entschuldige, ich muss noch ein paar Anrufe machen.“..

Irgendwie erscheint mir dieses Dialog viel zu emotionslos. So plaudere ich mit meinem Nachbar auf der Straße. Die zwei waren aber früher ein Paar.

In Großem und Ganzem gefehlt mir diese Geschichte, ich bin gespannt wie es weiter geht (Die Fortsetzung habe ich bereits gelesen).  Ich hoffe, du beherzigst meine Vorschläge/bzw. Überlegungen.

Liebe Grüße,
Dmitrij


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jon
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BeitragVerfasst am: 14.11.2016 10:07    Titel: Re: Der Codex pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke für die Mühe, Dmitrij, allerdings nutzt mir das allermeiste überhaupt nichts. Die Hetze, die du aus dem Text herausgelesen hast, scheint wohl deine beim Lesen gewesen zu sein:


Zitat:
jon hat Folgendes geschrieben:
Peter Tomann war ja immer für eine Überraschung gut, aber das hier war absurd..

Das darauffolgende Gespräch ist weder überraschend noch  absurd.
Der erste Satz klingt wie ein Gedicht.  

Wer behauptet, das folgende Gespräch sei absurd? Die momentane Reaktion von Tomann ist es: Also ich finde es schon absurd, dass eine Frau, die ihrem Chef eben mitgeteit hat, dass sie schwanger ist, angeschaut wird, als hätte sie gerade verkündet, sie sei ein Alien und würde ab heute die Firma leiten.
(zu "Gedicht": Danke!)

Zitat:
jon hat Folgendes geschrieben:
Sie wusste nicht, ob sie belustigt, beleidigt oder verletzt sein sollte."..

Eigentlich laut deiner Aussage, sollte Carola viel Erfahrung mit solchen Situationen haben. Verstehe nicht, wieso du sie so hilflos erscheinen liest. Sie sollte diejenige sein die Situation beherrscht und den Mann manipuliert. Andersrum ist die gesamte Handlung unglaubwürdig.

Wie kommst du darauf, dass sie den Mann manipulieren will/sollte (und auch könnte)? Und nein: Sie war noch nie in so einer Situation. (Ich weiß auch nicht, wo ich das behauptet haben soll.) Abgesehen davon: Gemischte Gefühle zu haben heißt nicht dasselbe wie "so hilflos" zu sein.

Zitat:
jon hat Folgendes geschrieben:
„Herr Tomann, Sie müssen gar nichts für mich freihalten. Sie müssen ...

Wenn sie eine Affäre miteinander hatten und niemand im Raum denen zuhört, wieso um alles in der Welt sagt sie zu ihm "Herr Tomann" und wieso siezen sie einander?

Wie um Himmels willen kommst du darauf, dass sie eine Affäre hatten?

Zitat:
jon hat Folgendes geschrieben:
Ihr wurde allerdings bewusst, dass sie das nie mehr hatte tun wollen. Sie hatte das alles hinter sich lassen wollen, all die Jahrtausende und die Pläne und Vorkehrungen und Intrigen, die nötig gewesen waren, um nicht aufzufliegen.

Das kann man knapper und direkter formulieren, z.B.: "Sie wollte nicht mehr/ bzw. "hat es gehasst", sich von anderen verstecken zu müssen "

Ja, hätte man. Dann hättest du gefragt: Warum musste sie sich verstecken? Wieso denkt sie, damit jetzt aufhören zu können? Und (da die Infos mit den Jahrtausenden fehlt) schließlich: Worum geht es überhaupt?
(Oder meinst du den unterstrichenen Satz? Was ist an dem nicht knapp?)


Zitat:
jon hat Folgendes geschrieben:
Alltag der Menschen der Kupfersteinzeit. Später, je aufgeklärter sich die Menschen gaben...
  Also die Kupfersteinzeit finde ich übertrieben. Es war auch im 19 Jahrhundert relativ leicht ohne Ausweis zu leben.  

… eh … Du hast aber schon den Rest dieser Passage gelesen, oder? Es geht nicht um Ausweise, sondern darum, dass die Mitmenschen das "Nicht-Altern" bemerken. Davon abgesehen: Ja ich hätte schreiben können, dass sie sich im 19. Jahrhundert ohne Ausweis durchgeschlagen hat - aber (wie gesagt) darum geht es nicht und die Andeutung, wie lange sie schon "unterwegs" ist, hätte auch gefehlt.


Zitat:
jon hat Folgendes geschrieben:
Dass sie nach dem ersten großen Sturz durch ein Zeitloch auch danach immer wieder unverhofft zurück fiel und dabei keine Chance hatte...
Für die Zeit nach der Rückkehr war das nie gedacht gewesen.
 
Hier verstehe ich nicht wohin sie zurückfiel? Wohin soll sie rückkehren?

Okay, das "wohin" könnte zu vage sein (wobei "in der Zeit" eigentlich naheliegt, oder?), aber "Rückkehr" (in ihre eigene Zeit) müsste einem aufmerksamen Leser schon klar werden.

Zitat:
jon hat Folgendes geschrieben:
Carola war sich noch nicht schlüssig darüber, ob sie Tom überhaupt von dem Kind erzählen sollte.
  
Wie lange lebt sie schon? Sie sollte es schon längst alles vorgeplant haben. Carola, so wie du sie beschreibst, scheint mir ein naives Schneewittchen zu sein. Mach deine Prota, bitte, stärker. Sonst glaube ich nicht, dass die unsterblich ist.

Wieso um Himmels willen sollte sie vorplanen (können), ungewollt schwanger zu werden, und die draus resultierenden Konsequenzen vorab durchdenken können? Und gibt es an irgendeiner Stelle einen Hinweise darauf, dass sie eine Art Masterplan hat?
Das ist gut, dass du das nicht glaubst, denn in der Tat ist Caro zu diesem Zeitpunkt nicht unsterblich.

Zitat:
jon hat Folgendes geschrieben:
One-Night-Stand gewesen  
Wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit nach einem One-Night-Stand in ihrem Alter schwanger zu werden?

öhh … Meinst du das Ernst???? (Ich will dich ja nicht beunruhigen, aber „einmal ist keinmal“ gilt hierfür nicht.)

Zitat:
jon hat Folgendes geschrieben:
Es sah so aus, als hätte er diesmal wirklich die Richtige gefunden.
  Die Richtige für was? Und wenn sie die Richtige ist, wieso war es nur eine kurze Affäre?

öhh … Die Richtige fürs Leben? Und: Nein, diese Ehe (die kurz vor diesem Satz erwähnt wird!) hält schon ein paar Jahre. Verständlicher hätte ich gefunden, wenn du nach Alex gefragt hättest …

Zitat:
jon hat Folgendes geschrieben:
Carola war inzwischen fast froh, dass er nie etwas mir ihr angefangen hatte – sie wäre gnadenlos untergegangen neben ihm

Mach sie bitte nicht kleiner als sie ist. Vielleicht wird eine Hausfrau mit diesem Männlein untergehen, von einer Unsterblichen wird es eher nicht erwartet.

Mach sie nicht größer, als sie ist. Und: Erwartungen muss man doch nicht auf Teufel komm raus bedienen, oder? Vor allem, wenn sie weder zu den Figuren noch dem Plot passen. (Mit ihm untergehen sowieso nicht, denn Tomann – der trotz aller Macken ganz sicher kein Männlein ist – geht nicht unter.)

Zitat:
jon hat Folgendes geschrieben:
Mit ihr auch die Spur ihrer Tochter.
War diese Tochter von Alex? Wenn nicht, warum erwähnst du diese Tochter? Alles was für die Handlung irrelevant ist, kann man streichen. Es verwirrt nur den Leser.

Öhh … Da ist vorher von Hans die Rede, mit dem sie offenkundig eine Beziehung einging. Wie um Himmels willen kommst du da darauf, dass in dem Zusammenhang von Alex' Tochter die Rede sein könnte?
(Zur Verwirrung: Stimmt, einiges wird nur im Zusammenhang mit den davor erzählten Geschichten klar.)

Zitat:
jon hat Folgendes geschrieben:
Zu oft hatte sie fortgehen müssen, weil ihr Nichtaltern offenbar zu werden drohte.

wie meinst du das?

Jetzt vera… veralberst du mich, oder? Was ist daran nicht zu verstehen? Sie lebt eine Weile an einem Ort, müsste altern, tut es aber nicht – und ehe das auffällt, geht sie weg.

Zitat:
jon hat Folgendes geschrieben:
Unsterbliche sprachen nicht über Vergangenes..
Das begreife ich nicht. Denken dürfen sie darüber, aber sprechen ist nicht erlaubt.  

Stimmt, du vera… mich. Was ist daran nicht zu begreifen?? Ich hätte mir ja noch die Frage gefallen lassen, wer es verbietet, aber das hier?

Zitat:
jon hat Folgendes geschrieben:
„Entschuldige, ich muss noch ein paar Anrufe machen.“..

Irgendwie erscheint mir dieses Dialog viel zu emotionslos. So plaudere ich mit meinem Nachbar auf der Straße. Die zwei waren aber früher ein Paar.

Eben: Früher, in einem anderen Leben. Und selbst wenn sie es noch immer wären – ist dir noch nie passiert, dass du aus einem deutlich privaten Gespräch aussteigen musst, weil noch Geschäftliches wartet? (Abgesehen davon: Ist dir noch nie passiert, dass sich ein "Misston" einschleicht?)


Sorry, wenn ich vergnatzt klinge, aber bei allem Verständnis dafür, dass manches hier wegen der nicht direkt zugänglichen Vor-Geschichten irritieren könnte: 99 Prozenz von dem hier gehört nicht dazu.


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jon
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BeitragVerfasst am: 14.11.2016 12:57    Titel: Gesamte neue Version pdf-Datei Antworten mit Zitat

(durchkorrigierte und erweiterte Fassung)


Der Codex
(Oktober 2004)

Peter Tomann war ja immer für eine Überraschung gut, aber das hier war absurd.
„Das ist nicht Ihr Ernst!“, sagte er, Carola fassungslos anstarrend.
Sie wusste nicht, ob sie belustigt, beleidigt oder verletzt sein sollte. Hatte er wirklich gedacht, dass ihr gesamtes Liebesleben daraus bestand, ihn anzuschmachten? Auch nach zehn Jahren voller mehr oder weniger dezenter Abfuhren?
Tomann ließ sich in seinen Chefsessel fallen und starrte in Gedanken versinkend durch die Schreibtischoberfläche. Dass ihn die Nachricht von der Schwangerschaft nicht eben erfreuen würde, damit hatte Carola gerechnet – Tomann hasste es, neue Leute zu suchen, auch wenn er das nie im Leben zugegeben hätte. Aber dass er derart aus der Spur geraten würde …?
„Okay“, sagte er und hob den Blick. „Wollen Sie das ganze Babyjahr nehmen?“
Hatte er nicht zugehört? „Ich werde nicht wiederkommen.“
„Nicht“, wiederholte er. „Aha.“ Und dann fragte er: „Wieso?“
„Weil ich keine zwanzig mehr bin und mit Kind und Job – diesem Job – überfordert wäre?“
„Das kann man regeln. Frau Törmchen arbeitet auch halbtags.“
„Ich weiß. Aber ich bin nicht Frau Törmchen.“
Tomann tat, als lächle er. „Wollen Sie behaupten, Sie wären weniger belastbar? Da hab ich Sie anders erlebt.“
Carola ging nicht darauf ein. Es war schwer genug, wegzugehen. Ihn nie wieder zu sehen.
Tomann kam offenbar ein Gedanke. Er schluckte. Dann sagte er mit belegter Stimme: „Sie können es sich ja noch überlegen. Ich muss den Arbeitsplatz für Sie sowieso freihalten.“
Verstand er nicht oder wollte er nicht verstehen? „Herr Tomann, Sie müssen gar nichts für mich freihalten. Sie müssen einen Ersatz für mich suchen, und zwar am besten, solange ich noch da bin und ihn einarbeiten kann.“ Es klang beschwörender, als Carola beabsichtigt hatte.
Er schien aufzugeben. Fast wirkte es, als sinke er ein bisschen in sich zusammen. Etwas wie Trotz schimmerte durch die Fassade. Oder Trauer. Oder beides. „Ich hoffe, Sie sind finanziell auf der sicheren Seiten“, sagte er.
„Ich bekomme Unterhalt“, log sie. „Das wird völlig ausreichen.“
Er machte ein abschätziges Gesicht. „Dann muss der Typ ja sehr gut verdienen.“
Hatte er eben Typ gesagt? Und klang da etwas wie Eifersucht mit? Carola spürte, wie ihr ein hysterisches Lachen im Hals stecken blieb.
Er bemerkte seinen Fauxpas und sammelte sich. Tief durchatmend setzte er sich aufrecht hin, lächelte sein Cheflächeln und sagte: „Gut. Ein bisschen Zeit ist ja noch. Haben Sie eine Idee, wo ich einen Nachfolger für Sie finden könnte?“
„Nicht ad hoc, nein.“
„Okay.“ Er suchte offenbar nach einem weiteren Gedanken.
Carola nutzte die Gelegenheit zu gehen.
„Herzlichen Glückwunsch“, rief er ihr nach.
Sie nickte dankend. Im Stillen verfluchte sie ihn.

Eine Stunde später – sie war inzwischen zu Hause – rief Carola Bauer ein paar Telefonnummern in der Schweiz an und setzte damit einen ihrer Notfallpläne in Gang. Sie fühlte sich nicht wohl dabei. Nicht, dass sie fürchtete, jemand könnte den Spuren folgen und sie aufstöbern, dazu war alles zu gut abgesichert. Allerdings hatte sie das alles hinter sich lassen wollen, all die Jahrtausende und die Pläne und Vorkehrungen und Intrigen, die nötig gewesen waren, um nicht aufzufliegen. Anfangs spielte ihr Anderssein kaum eine Rolle – Schamanen, Weise Frauen und von den Göttern Berührte gehörten zum Alltag der Menschen der Kupfersteinzeit. Später, als sich die Menschen immer aufgeklärter gaben, musste sie zunehmend sorgfältiger darauf achten, dass niemand merkte, dass sie nicht alterte. Immer seltener hatte sie sich Identitäten schaffen können, die über längere Zeit glaubhaft blieben und kein Aufsehen erregten. Dass sie nach dem ersten großen Sturz durch ein Zeitloch auch danach immer wieder unverhofft in die Vergangenheit fiel und dabei keine Chance hatte, etwas wirklich vorzubereiten, hatte die Sache nicht einfacher gemacht. Irgendwann begann sie, ein Netz von Notfallplänen aufzubauen – Zugriffsmöglichkeiten auf Geld vor allem. Für die Zeit nach der Rückkehr war das anfangs gar nicht gedacht gewesen.
Jetzt aber brauchte sie das Geld. Thomas Bern würde keinen Unterhalt zahlen. Nicht, weil er sich weigern würde, ganz sicher nicht, sondern weil er es nicht wusste. Carola war sich noch nicht schlüssig darüber, ob sie Tom überhaupt von dem Kind erzählen sollte. Es war nur ein One-Night-Stand gewesen, kein Grund, seine Ehe zu gefährden. Es sah so aus, als hätte er diesmal wirklich die Richtige gefunden. Andererseits: Sowas wie mit Alex konnte sie ihm nicht nochmal zumuten …
Leichte Übelkeit stieg in ihr auf. Sie versuchte, sie wegzuatmen. Das klappte nicht. Es hatte nie geklappt, wahrscheinlich war es nur ein instinktiver Reflex, der sie das tun ließ. Ein bisschen Bewegung an der frischen Luft würde eher helfen, wusste sie und begann abzuwägen, ob die Übelkeit so schlimm war, dass es lohnte, die sechs Etage runter und später wieder hinauf zu steigen. Das Unwohlsein nahm zu, also zog sie ihre Jacke über und verließ die Wohnung.
Die Luft draußen war nicht das, was man frisch nennen konnte. Der Geruch nach Abgasen und Imbissküchen ließ Carola würgen. Einen Moment lang erwog sie, wieder hinauf zu gehen. Sie entschied sich für den Park.
Hier war es angenehmer, es roch nach Wasser und ein bisschen nach frisch gefallenem Laub. Sie liebte diesen Duft. Sie setzte sich auf eine Bank, schloss die Augen und hielt das Gesicht in die untergehende Sonne.
War es das gewesen? Sie hatte gern bei Tomann gearbeitet. Die Atmosphäre in der Firma hatte ihr zugesagt, die Arbeit war perfekt für sie gewesen: ein bisschen schreiben, ein bisschen recherchieren, ein bisschen organisieren. Und sie war gern in Tomanns Nähe. Immer noch. Obwohl sie längst wusste, dass seine anfänglichen Flirts keinen Deut mehr als reflexhafte Reaktionen seiner Eitelkeit auf ihre Verliebtheit waren. Er konnte unglaublich charmant sein. Aber er war auch oft genug rücksichtslos und unsensibel. Anmaßend. Großspurig. Unberechenbar. Carola war inzwischen fast froh, dass er nie etwas mir ihr angefangen hatte – sie wäre gnadenlos untergegangen neben ihm.
Schritte näherten sich. Carola schaute blinzelnd der Weg entlang. Ein Mann, kaum mehr als ein Schattenriss im Gegenlicht. Er schien es nicht eilig zu haben. Er erinnerte Carola an Hans: die Statur, der Gang … Sie fühlte, wie sie lächelte. Dabei war die Zeit, in der sie mit Hans zusammen war, alles andere als eine zum Lächeln gewesen. 1943, Deutschland. Er sah schneidig aus in seiner Offiziersuniform, es war ihr leicht gefallen, mit ihm anzubandeln. Im Frühjahr 1945 hatten sie sich verloren, sie hatte ihren Tod durch einen Flugzeugabsturz fingiert, seine Spur verlor sich in den Wirren nach der Bombardierung von Dresden. Mit ihr auch die Spur ihrer Tochter.
Caro wandte den Blick von dem Mann ab, schloss wieder die Augen und legte die Hand auf ihren Leib. Nein, das war nicht ihr erstes Kind, aber seit Langem wieder mal eines, für das sie ganz da sein würde. Zu oft hatte sie fortgehen müssen, weil ihr Nichtaltern offenbar zu werden drohte. Manchmal war sie auch durch einen Zeitsturz fortgerissen worden oder andere mehr oder weniger objektive Gründe zwangen sie, das Kind aufzugeben.
Der Mann war stehen geblieben. Carola konnte es spüren, weil er die Sonne verdeckte und es plötzlich sehr kühl geworden war. Sie sah auf. Der Mann stand direkt vor ihr, schien sie anzusehen. Sein Gesicht lag im Schatten, aber es schien ihr, als lächelte er.
„Inge?“
Sie schüttelte den Kopf. Ihre Augen stellten sich langsam auf den Schatten ein. Der Mann erinnerte sie auch von Nahem an Hans.
„Entschuldigen Sie“, sagte er hörbar enttäuscht.
Sie kannte den Tonfall von irgendwoher und setzte sich aufrecht hin, um einen besseren Blickwinkel zu bekommen. Er sah wirklich aus wie Hans.
„Sie haben mich an jemanden erinnert …“
Oh ja, sie kannte die Stimme, definitiv! Und er hatte sie Inge genannt. „Hans?“
Er setzte sich neben sie und strahlte sie an. „Ich wusste es doch! Inge, oder wie immer du jetzt heißt.“
„Carola“, sagte sie und fühlte, wie sie ebenso strahlte. „Mein Gott … Wow! Ist das schön, dich zu sehen! Was machst du hier?“
„Geschäfte. Und du?“
„Ich wohne hier in der Nähe.“ Sie betrachtete ihn. Er sah aus wie damals: Lebendige graue Augen, kantig-männliches Gesicht, kaum eine Falte. Nur die Haare trug er anders.
„Du siehst gut aus“, sagte er. Es klang eher höflich als ehrlich.
„Naja, ein bisschen älter“, half sie ihm.
Sein Strahlen ließ nach. „Tut mir leid.“
Einen Moment lang wusste Carola nicht, was er meinte. Dann begriff sie: Er hielt sie für eine Unsterbliche, die die Gabe verloren hatte. Es überraschte sie, denn das hieß, dass er selbst einer war. Niemand außer den Unsterblichen selbst wusste von der Gabe, zumindest in dieser Zeit nicht. Irgendwann würde es Allgemeinwissen sein, aber das würde noch ein wenig dauern.
Obwohl Carola wusste, dass sie keine Chance hatte, suchte sie an Hans nach Zeichen, die seinen Zustand verraten würden. Er war der erste Unsterbliche, den sie traf. Sie korrigierte sich: Er war der erste, von dem sie nun wusste, dass er einer war. Der einzige Hinweis – dass er nach 60 Jahren keinen Deut gealtert war – hätte ebenso gut bedeuten können, dass er ein Zeitspringer war. Um ein Haar wäre sie davon ausgegangen und hätte sich vermutlich verplappert.
Hans machte eine kleine Kopfbewegung in Richtung von Carolas Bauch. „Guter Hoffnung?“
„Sieht man es schon?“, fragte sie und lauschte dem Klang der altmodischen Formulierung nach. „Es kommt im März.“
„Das ist ja noch ein Weilchen. Weißt du schon, was es wird?“
„In der 13. Woche? Nein. Dafür ist es noch zu früh.“
„Wenn es ein Junge wird – wir haben den Boden noch voller Spielzeug.“
„Echt? Du hast Familie? Das ist cool.“
Er strahlte wieder. „Ja. Er heißt Jannik.“
„Jannik? Wie passend!“ Janek war sein Deckname im Widerstand gewesen.
Er lachte. „Stimmt! Und du, hast du schon einen Namen rausgesucht?“
Sie grinste: „Na jedenfalls nicht Jacek.“ Das war ihr Deckname gewesen. „Peter oder Katharina.“
„Aha. Wie die Zaren.“
Carola stutzte. „Stimmt. Ist mir noch gar nicht aufgefallen.“ Eine Moment lang dachte sie darüber nach, ob ihr Sohn eher nach Peter dem Großen oder nach Peter Tomann geraten sollte. Als ihr bewusst wurde, dass das Erbgut von Thomas Bern weder für das eine noch das andere eine brauchbare Grundlage war, wischte sie – über sich selbst den Kopf schüttelnd – den Gedanken beiseite.
Sie sah, dass Hans sie beobachtete. Sie konnte die Frage spüren, die er nicht stellen durfte. Und die sie nicht beantworten durfte, wenn sie ihn in dem Glauben lassen wollte, dass sie eine von ihnen war. Unsterbliche sprachen nicht über Vergangenes.
Carola bemerkte, dass es frisch geworden war, und zog die Jacke enger um die Schultern.
Hans stand auf. „Entschuldige, ich muss noch ein paar Anrufe machen.“
Sie erhob sich ebenfalls. „Klar, kein Problem.“ Sie kramte eine Visitenkarte aus ihrem Portmonee. „Hier!“ Sie würde die Firmenkarten sowieso nicht mehr brauchen. „Ruf mich an, wenn du mal wieder in Dresden bist! Die Mobilnummer ist meine private, da erreichst du mich auch nach dem Mutterschutz.“
Hans sah Carola fragend an.
„Naja, ich weiß ja nicht, wann es dich beruflich mal wieder hierher verschlägt.“
Er schien irritiert zu sein; das war wohl nicht das, was er hatte wissen wollen. Er fragte jedoch nicht nach, sondern reichte Carola die Hand. „Auf Wiedersehen, I… Caro. War wirklich schön, dich wiedergesehen zu haben.“
„Ja, das war es. Wär schön, wenn es bis zum nächsten Mal nicht wieder so lange dauert.“
Er lächelte matt. „Versprochen.“ Dann ging er. Caro schaute ihm nach, sah, wie er im Gehen nochmal die Visitenkarte studierte und sie dann in die Manteltasche steckte. Ohne sich noch einmal umzudrehen, verschwand er im Dämmern des hereingebrochenen Abends.

Die folgenden Tage verliefen ungewöhnlich angespannt. Dank Tomann, der mal wieder sein Plappermaul nicht hatte halten können, wussten alle in der Firma von Caros Schwangerschaft, und die Kollegen versuchten mehr oder weniger geschickt, die Frage nach dem Vater zu stellen. Tomann selbst war entweder nicht da oder er verschanzte sich in seinem Büro. Er schien mit etwas fürchterlich Wichtigem beschäftigt zu sein, denn jedesmal, wenn jemand etwas von ihm wollte, fertigte er ihn ab, bevor er überhaupt eintreten konnte.
Am Wochenende versuchte Carola, sich durch Hausarbeiten abzulenken. Sie fragte sich immer wieder, warum sie sich bei Hans nicht nach Elisabeth erkundigt hatte. Wegen des Schweigecodex der Unsterblichen? Sie wusste zwar, dass es in höchstem Maße als unschicklich galt, nach früheren Leben zu fragen oder davon zu erzählen, aber das konnte wohl kaum für gemeinsam erlebte Zeiten gelten. Sie sollte doch ein Recht haben, nach ihrem Kind zu fragen! Oder?
Kind. Kinder. Immer häufiger drehten sich Carolas Gedanken um dieses Thema. Sie wusste, dass die Hormone da eine maßgebliche Rolle spielten, aber das änderte nichts daran, dass es sie schwermütig machte.
Sie dachte an den Sohn, den sie als letztes geboren hatte. Er war zu einem Viertel nichtmenschlich, sein Vater war bei einem Urlaub auf der Erde in ein Zeitloch gefallen. Als sie sich trafen, hatte er sein Shuttle schon zur Zeitmaschine umprogrammiert, wollte nach Hause. Inzwischen war Tonha tot, bei einem Unfall gestorben. Jonathan war sowas wie ein Wunderkind gewesen. Sie hatte ihn in der Zukunft zurücklassen müssen.
Oder Ines. Dass sie mit ihr schwanger war, merkte Caro, die damals Johanna Johnson hieß, erst, als sie wieder in Deutschland war. Sie hatte LA verlassen, weil sie der Verbrecherjagd müde geworden war. In Deutschland wollte sie noch ein paar ruhige Jahre verbringen, ehe der Tag X anbrach. Ein alter Rivale aus LA lief ihr jedoch über den Weg und schoss auf sie. Da war sie hochschwanger. Die Ärzte – so erfuhr sie nach dem Aufwachen aus dem Koma – hatten das Kind retten können. Sie wollte die Kleine aus dem Kinderheim zu sich holen, doch man hatte sie schon weitergereicht und weitergereicht und weitergereicht … Im fünften Heim konnte man den Unterlagen nicht einmal mehr entnehmen, dass sie überhaupt angekommen war, geschweige denn, wo sie dann hingebracht worden war. Wahrscheinlich war sie längst adoptiert worden und trug einen anderen Namen.
Alexander, Toms erster Sohn. Ihn hatte sie in eine Pflegefamilie gegeben. Elisabeth, geboren 1944 in Berlin. Thomas, geboren 1882 im heutigen New Mexiko; sie ließ ihn nach dem Tod seines Vaters zurück. 1841 Janosh, den sie als 10-Jährigen das letzte Mal sah. 1701 Natalja, die bei der Familie des Schmiedes blieb. Verika. Thedor. Jasom. Er gehörte nicht in die Reihe der von ihr verlassenen Kinder, aber wohl keines war am Ende einsamer gewesen. Gott hatte ihn fallen lassen …
Nicht daran denken! Nur nicht daran denken …
Staub wischen. Wäsche zusammenlegen. Ein Haus suchen. Vielleicht auch nur eine Wohnung. Groß genug für all den Kram, der sich in ihrer jetzigen Wohnung stapelte, und groß genug, dass noch ein Kind Raum bekam. Irgendwas mit Balkon oder Terrasse. Ruhige Lage. Nicht gerade auf dem Land. Oder vielleicht doch auf dem Land. Oder … Carola ließ sich durch die Immobilienportale treiben.

Am Montag Nachmittag rief Hans an. „Ich bleib noch ein paar Tage“, sagte er und lud sie zum Abendessen ein. Tomann war schon weg, also genehmigte sie sich ebenfalls einen frühen Feierabend. Die Kollegen vermuteten Schwangerschaftsbeschwerden; sie widersprach nicht.
In der Stadt lief ihr Tomann über den Weg. Er nickte ihr grüßend zu. Aus der Entfernung erkannte sie nicht, ob er dabei wie üblich lächelte oder nur die Mundwinkel nach oben zog. Letzteres wahrscheinlich, denn Carola hatte das Gefühl, von ihm gemustert zu werden. Sie versuchte, es zu ignorieren, und dachte an Hans.
Die Gabe also. Als Tonha ihr von den Unsterblichen erzählt hatte, hatte sie es im ersten Moment für einen seiner Scherze gehalten. Sie hatte allerdings keine Heiterkeit in ihm gespürt, also musste es wohl wahr sein. Es sei eine Art Infektion, hatte er erklärt, immaterielle Wesen würden lebende Körper besiedeln und instand halten. Das sei einfacher für sie, als aus nicht mehr funktionierenden Wirten – er hatte tatsächlich diese Worte benutzt – in eine neue Heimstatt umzuziehen.
Ob Hans die Gabe schon damals hatte? Vermutlich. Er hatte sie oft mit ungewohnten Gedanken überrascht, so als griffe er auf ein umfangreiches Philosophiewissen zurück. Wie alt er wohl war? Sie würde es nicht erfahren, der Codex verhinderte dies.
Mit diesem Gedanken betrat sie das Restaurant. Wärme schlug ihr entgegen und der Geruch nach Bier und Rotkohl. Sie unterdrückte den Würgreflex und schaute sich suchend um. Hans saß ganz hinten in einer schummrigen Ecke des Lokales; Caro entdeckte ihn nur, weil er winkte.
„Du hast noch immer eine Vorliebe für kuschlige Ecken“, sagte Caro, als sie an den Tisch trat.
Hans begrüßte sie mit einem Wangenkuss. Die Modegeste irritierte sie.
Er half ihr aus dem Mantel. „Alte Gewohnheit“, bestätigte er, legte den Mantel über eine Stuhllehne und rückte Caro einladend einen der anderen Stühle zurecht.
„Also“, begann sie, während sie sich setzte, „was ist der Grund für dieses konspirative Treffen?“
„Eigentlich wollte ich nur ein bisschen Zeit mit dir verbringen.“ Der Ernst in seiner Stimme strafte ihn lügen. „Dresden hat sich verändert …“
„Ja. Der Brand.“
„Ja, wir waren gerade raus. Der Schein am Horizont … Zum Glück hat Eli es damals noch nicht verstanden.“
„Was ist aus ihr geworden?“
„Ich habe sie zu Freunden nach Polen gebracht. Aufs Land. Sie ist Lehrerin geworden, hat Familie. Sie leben inzwischen in Deutschland.“
Caro lächelte. „Schön.“
Der Kellner kam, reichte ihnen die Speisekarte und nahm die Getränkebestellung auf. Als er gegangen war, beugte sich Carola ein wenig vor.
„Im Ernst“, sagte sie, „was ist los?“
Hans atmete tief durch und beugte sich dann ebenfalls vor. „Ich brauche deine Hilfe.“
„Wobei?“
„Ich bin noch nicht sicher.“ Er warf schnelle Blicke nach links und rechts, wie um sicherzugehen, dass niemand lauschte. „Was weißt du über den Orden?“
„Welchen?“
Er zögerte kaum merklich. „Wenn du fragen musst“, sagte er dann, „weißt du offenbar nichts. Also“, er beugte sich noch ein Stückchen vor und senkte die Stimme. „Es gibt eine recht alte Geheimgesellschaft, die ursprünglich die Herrschaft Christi wiederherstellen wollte.“
„Wiederherstellen?“ Sie legte demonstrativ die Stirn in Falten.
„Ja, ich weiß, aber das war eben deren Plan. Vor etwas über hundert Jahren nahmen sie jemanden in den Kreis der Lenkenden auf, weil er der Mutter Jesu begegnet war.“
Caro lehnte sich zurück. „Eine Vision …“
Hans setzte sich ebenfalls gerade hin. „Nein, wahrscheinlich nicht. Er ist einer von uns.“
„Verstehe“, sagte sie und versuchte, sich zu erinnern.
„Jedenfalls hat Christoffer nach und nach weitere …“, er hüstelte, „… in den Ratskreis geholt. Jetzt hat er allerdings die Gabe verloren und wir stehen an einem Wendepunkt.“
„Wir?“ Sie musterte ihn. „Ich wusste nicht, dass du so … religiös bist.“
„Bin ich auch nicht. Sind wir alle nicht. Fast alle jedenfalls. Christoffer hat uns zusammengeholt, weil er eigentlich den Orden kontrolliert abbauen wollte. Man kann so ein Netz nicht einfach für beendet erklären, die Einheiten würden sich selbstständig machen und wer weiß, wozu sie dann die Strukturen nutzen. Deshalb besteht unsere Hauptaufgabe derzeit darin, den Orden zu kontrollieren.“
Sie nickte. Das klang logisch, vor allem, wenn Hans von dem Orden sprach, dessen Wirken sie selbst gelegentlich schon gespürt zu haben glaubte. Er schien tatsächlich über ein interessantes Netz an Einflussnehmern zu verfügen – und zwar weltweit.
„Es gibt im Moment noch ein Gleichgewicht im Rat“, fuhr Hans fort. „Christoffer als charismatische Figur in der Mitte. Die Hälfte der Lenker sind nur deshalb halbwegs engagiert, weil er sie dazu animiert. Zwei oder drei folgen der Absicht, die Organisation systematisch auszulösen. Es gibt aber auch Mitglieder, die ein Erstarken des Ordens befürworten, die so etwas wie eine unter Christus vereinte Welt für eine gute Lösunghalten angesichts all der aktuellen Probleme.“
Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
Er sah Caro beschwörend an. „Wir brauchen jeden, der …“
„Nein“, unterbrach sie ihn.
„Nein? Hör dir …“
„Nein, Hans, nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ohne mich! Ich …“ Sie zögerte, beugte sich wieder zu ihm vor. „Ich gehöre nicht dazu, Hans. Ich … Verstehst du, ich habe nur noch dieses eine Leben.“ Sie wusste, dass er das falsch interpretieren würde, aber das war auch ihre Absicht. Sie strich sich über den Leib. „Ich habe genug getan, wirklich. Es gibt jetzt Wichtigeres für mich.“
„Inge, bitte!“
„Carola.“
„Ca…? Entschuldige, klar. Carola. Es ist nur …“ Sein Blick fiel auf etwas oder jemanden hinter Caro und er verstummte. Sein Ausdruck veränderte sich. Sie kannte das von damals; es hieß, ein Bekannter kam, der nicht eingeweiht war. Sie hörte, wie jemand zu ihnen trat, und schaute auf.
Charlie, keinen Tag gealtert.
Hans erhob sich und reichte dem Ankömmling die Hand. „Charles.“ Er bat ihn mit einer Handbewegung, Platz zu nehmen. „Das ist Carola“, stellte Hans vor. „Charleston Blackwood, ein Freund.“
Charlie musterte sie, zögerte.
Sie befreite ihn von der Unsicherheit, indem sie ihn deutlich anlächelte. „Schön dich zu sehen. Und wie immer perfekt barbiert. Die Erfindung des transportablen Rasierapparates muss ein Segen für dich gewesen sein.“
Er stutzte kurz, dann lachte er laut auf. „Und du bist so kess wie eh und je.“ Er sah sich auf dem noch immer leeren Tisch um. „Nichts zu trinken?“ Dann winkte er dem Kellner und setzte sich. „Also erzähl! Was machst du so?“

Es war ein wunderbar entspannter Abend geworden. Nachdem Hans begriffen hatte, dass Charlie und Caro sich kannten, und Carola sicher war, dass auch Charles sie für eine Unsterbliche hielt, die allerdings die Gabe verloren hatte, hatten sie munter geplaudert und gescherzt. Zwar sprachen sie nicht über den Orden, aber ein kurzer Wortwechsel über den Gesundheitszustand von Pater Christoffer zwischen den Männern ließ Caro annehmen, dass auch Charlie zum Kreis der Lenkenden gehörte. Er schien aber wohl kein Problem auf den Ratskreis zukommen zu sehen, denn er wirkte ausgesprochen gelöst. Etwas, was Caro während ihrer früheren Bekanntschaft nur selten an ihm erlebt hatte. Jetzt, etwas übermüdet am Schreibtisch sitzend, fragte sie sich, ob der ernste oder der fröhliche Charles der echte war.
„Frau Bauer?“, unterbrach Peter Tomann ihr Gedanken.
Sie schrak auf und schaute auf.
Tomann stützte sich lässig am Türrahmen ab. „Guten Morgen“, sagte er.
„Guten Morgen.“
„Sind Sie zufällig auf der Suche nach einer größeren Wohnung?“, fragte er.
Hatte er ihren Computer überwacht? „Em … ja. Warum?“
„Frau Knopfler zieht nach Hamburg zurück und sucht einen Nachmieter.“ Er sagte es in einem Tonfall, als spräche er über etwas extrem Nebensächliches. Dass seine langjährige Freundin nach Hamburg zog, war jedoch alles andere als irrelevant.
„Ich weiß nicht, es …“ Sie suchte eine Ausrede. „… läge wahrscheinlich über meinen finanziellen Möglichkeiten. Trotz Unterhalt“, schob sie schnell nach.
„Da ließe sich bestimmt etwas machen“, erwiderte er, noch immer in diesem Tonfall.
Carola hatte den Eindruck, als versuche er, etwas herunterzuspielen. Eine Trennung? „Ich weiß nicht“, wiederholte sie. „Vielleicht bleibe ich ja gar nicht in Dresden.“
Seine Maske bekam einen Riss. Er bemerkte es und übertünchte es mit einem Lächeln. „Überlegen Sie es sich in Ruhe, die Entscheidung muss ja nicht heute oder morgen fallen.“ Er stieß sich vom Türrahmen ab.
Caro nickte. „Okay.“
Er ging. Sie hörte ihn die Tür seines Büros schließen.
Eine Sekunde lang herrschte Totenstille in allen Büros.
Dann kam Siegtraude Törmchen an Carolas Tür. „Trennen die sich?“, flüsterte sie mit einer vielsagenden Kopfbewegung zu Tomanns Büro hin.
Carola hob die Schultern. Sie hoffte, es würde Desinteresse signalisieren.
„Die waren doch letztens erst noch gemeinsam im Urlaub“, sagte Törmchen und zog hinter sich die Bürotür halb zu. „Ob sie ihn oder er sie verlässt?“
„Sie ihn bestimmt nicht“, entfuhr es Carola. Olivia Knopfler hatte hart um Tomann gekämpft, hatte ihr geliebtes Hamburg verlassen, nur um in seiner Nähe sein zu können. Und auch danach hatte sie eine Menge ertragen – seine Unzuverlässigkeit vor allem, die zu einem Gutteil auch daraus erwuchs, dass er sich eher aus finanziellen als aus emotionalen Gründen für sie entschieden hatte. Sie liebte ihn zutiefst, ohne Frage, und Caro konnte sich keinen Grund vorstellen, warum sie ihn hätte vom Haken lassen sollen. Er andererseits war von ihr abhängig. Es war ein offenes Geheimnis, dass die Firma ohne Knopflers Unterstützung schon vor Jahren hätte dicht machen müssen. Und so, wie Caro es einschätzte, war inzwischen nichts Gravierendes passiert, was die Geschäfte grundlegend verbessert hätte. „Vielleicht“, fasste sie ihre Gedanken zusammen, „braucht sie einfach nur ein bisschen Abstand. Ich meine, er ist nicht einfach.“
„Aber gleich Hamburg?“ Törmchens Gesicht war der reine Zweifel.
Caro hob erneut die Schultern. Sie hatte wirklich keine Lust, weiter über das Thema zu spekulieren. Jedenfalls nicht laut.
Auf dem Gang erklangen Schritte. Tomann. Törmchen huschte davon. Tomann ignorierte sie und ging in die Kaffeeküche.


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Dmitrij
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BeitragVerfasst am: 14.11.2016 13:26    Titel: Re: Der Codex Antworten mit Zitat

Moin, Jon,

Es tut mir Leid, ich habe tatsächlich den Herrn Tomann mit Thomas Bern verwechselt:

Dmitrij hat Folgendes geschrieben:

Wenn sie eine Affäre miteinander hatten und niemand im Raum denen zuhört, wieso um alles in der Welt sagt sie zu ihm "Herr Tomann" und wieso siezen sie einander?

jon hat Folgendes geschrieben:
Wie um Himmels willen kommst du darauf, dass sie eine Affäre hatten?


Da du meine Kommentare sowieso nicht brauchst, betrachte ich weitere Konversation als sinnlos.

Adieu,
Dmitrij


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jon
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BeitragVerfasst am: 14.11.2016 16:49    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Die sinnvollen hab ich schon berücksichtigt. Sogar bei einigen nicht so treffenden hab ich versucht, exakter zu werden. Also trotzdem (ehrlich) Danke!

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Logan
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BeitragVerfasst am: 28.11.2016 04:28    Titel: Antworten mit Zitat

Hoi jon

Thema klingt vielversprechend. Ich mag deinen Schreibstil, er liest sich flüssig und vielbelesen. Für meinen Geschmack ein bisschen viele Sonderzeichen wie ... und –, aber das ist Detail.

Es handelt sich vermutlich um einen Plot des "Inneren. Das heisst die Gedanken der Protagonisten sind etwas dominanter als die Handlung. Trotzdem: Das Büro des Chefs, die Wohnung etc. Ich sehe sie nicht. Beschreibst du nicht gerne? Was ist mit den Personen?

Ich sehe das Ganze noch zu wenig, die Bilder bleiben weg.

Liebe Grüsse,
Logan


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jon
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BeitragVerfasst am: 28.11.2016 12:50    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke für die Kurzeinschätzung, Logan!

Logan hat Folgendes geschrieben:
Beschreibst du nicht gerne?

Das würd ich so nicht sagen, wenn es für irgendwas nötig ist, tu ich das. Wink
Nein im Ernst: Ich gehöre zu denen, die sich für die Leute und die Handlung  interessieren - Kulisse lese ich nur, wenn sie gut und nicht zu ausführlich erzählt wird, beim Schreiben bin ich noch rigoroser. Es gibt bei meiner Erzählweise (ein in der Regel sehr streng personeller Point of View) auch nicht viel Raum dafür. Analoges gilt für die Beschreibung der Figuren.
Mir ist klar, dass das für Leute, die gern sofort alles wissen und sehen, schwierig sein kann, und es gibt durchaus Situationen, in denen ich handlungsbedingt etwas beschreibe, aber ich schreibe schon immer eher wie der Drehbuchautor und weniger wie der Set-Manager, Kostüm-Macher und Beleuchter.


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