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Winterräder


 

 
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Wolfin
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 127
Wohnort: Duisburg


BeitragVerfasst am: 07.03.2016 16:46    Titel: Winterräder eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Hallo,

dieses Erlebnis ist schon eine Weile her, aber so geschehen. Gerne schreibe ich über eigene Erfahrungen. Hier ist sie also:




Winterräder

Es ist mal wieder soweit. Die Zeit der Winterreifen steht vor der Tür. Für viele Menschen kommt der Winter ja immer so überraschend. »Ist denn schon wieder Winter?«, denken die dann. Damit habe ich jetzt aber gar nicht gerechnet, sagen sie. Sie sind total überrascht darüber, dass eine zwei Meter dicke Schneedecke vor ihrem Haus liegt. Meistens ist es dann schon Mitte Dezember. Der Run auf die Werkstätten, Tankstellen und Reifenhändler beginnt, um mal schnell die Winterräder aufziehen zu lassen. Die meisten Autofahrer wirken irritiert, wenn ihnen der Werkstattmeister sagt: »Dat wird dieses Jahr nix mehr. Kommse mal so Mitte April näxtes Jahr vorbei.« Mir passiert das nicht. Früher habe ich mal selbst meine Räder gewechselt. Dafür habe ich mir extra einen Hydraulikwagenheber angeschafft. Tragkraft bis zu zwei Tonnen. So ein richtiges Männerding. Es ist schon ein Erlebnis gewesen, wenn der Räderwechsel angestanden hat. Im April Winterräder runter, Sommerräder drauf. Im Oktober Sommerräder runter, Winterräder drauf. Aber die Lust daran ist mir irgendwie abhandengekommen. Der Männerzweitonnenhydraulikwagenheber verstaubt in meinem Keller und hofft wahrscheinlich auf bessere Zeiten. Im vorigen Jahr habe ich mir ein neues Auto zugelegt. Serienmäßig ist es mit Sommerreifen auf Stahlfelgen ausgestattet. Daher habe ich mir in der Werkstatt meines Vertrauens die passenden Winterreifen gekauft. Die Winterreifen sind dann auf die Stahlfelgen der Sommerreifen montiert worden, und diese haben dann ihr felgenloses Dasein bis zum Frühling in der Nähe des mittlerweile verstaubten Wagenhebers gefristet. Für meine Sommerreifen habe ich mir dann unbedingt schicke Alufelgen gewünscht. Als der Winter sich dann endlich verabschiedet hat, habe ich meinen Wunsch umgesetzt. Wieder habe ich die Werkstatt meines Vertrauens aufgesucht, traumhafte Alufelgen dort gekauft und den Sommerreifen ohne Felgen geholfen, ihr trostloses Leben in meinem Keller zu beenden. Sie haben ihren Platz mit den Winterreifen getauscht, die allerdings ihre Stahlfelgen behalten haben. Der Zweitonnenwagenheber hat neue Gesellschaft bekommen. Wie gesagt, jetzt ist es wieder mal Zeit für die Winterräder. So Mitte September, es herrschen immer noch sommerliche Temperaturen, rufe ich also die besagte Werkstatt meines Vertrauens an. Mir schwebt ein Termin in der zweiten Oktoberhälfte vor. Der freundliche Mann am anderen Ende der Leitung vereinbart mit mir einen Termin am ersten Dienstag im Oktober. Um elf Uhr soll ich vorbeikommen. Super, mit einer so schnellen Terminzusage habe ich gar nicht gerechnet. An diesem Dienstag mache ich mich fertig, um die Werkstatt meines Vertrauens aufzusuchen. Auf dem Esszimmertisch bemerke ich einen zehn Euroschein. Meine Frau bittet mich, noch bei ihrem Arzt vorbeizufahren, um eine Überweisung und ein Rezept abzuholen, welche sie ab elf Uhr bei den Praxishelferinnen telefonisch bestellen kann. Da ein neues Quartal angebrochen ist, soll ich die zehn Euro mitnehmen, um damit die fällige Gebühr zu begleichen. »Schaffst du bis zwölf Uhr da zu sein? Die haben dann Mittagspause.«, fragt meine Frau mich. Ich winke lässig ab. Ich sehe da überhaupt kein Problem. Da ich ja einen Termin in der Werkstatt meines Vertrauens habe, wird der Räderwechsel schnell über die Bühne gehen, sage ich ihr. Ich fahre gegen zehn Uhr zwanzig los, weil ich vorher noch in die Waschanlage möchte. Die befindet sich unmittelbar neben der Werkstatt meines Vertrauens. An der Waschanlage sind nur zwei Autos vor mir dran, also kaum Wartezeit. Ich stelle mein nun wieder blitzblankes Auto um zehn Uhr fünfundvierzig auf dem Parkplatz vor der Werkstatt meines Vertrauens ab. Ich überlege, ob ich direkt zu dem Werkstattmeister, der sich in seiner Werkstatt aufhält, gehe oder doch lieber erst zur Auftragsannahme in den Verkaufsraum. Ich entscheide mich für die Werkstatt, weil ich der irrigen Auffassung bin, bei einem angekündigten Besuch liegt dem Meister der schriftliche Auftrag schon vor. Nun weiß ich es besser. Vielleicht ist es ja im April, wenn ich die Sommerräder aufziehen lassen möchte, wieder ganz anders. Vor mir betreten zwei Damen den Verkaufsraum der Werkstatt meines Vertrauens. Sieh an, ein Generationenpärchen. Denn eine von ihnen ist noch jung, die andere ist alt, eigentlich schon im Rollatoralter, denke ich so vor mich hin, als ich ihnen folge. Im Verkaufsbereich befindet sich eine Theke, die ein circa zehn Quadratmeter großes Viereck umschließt. Innerhalb dieses Karrees halten sich gerade zwei Mitarbeiter auf, die für die Auftragsbearbeitung, Beratung, Verkauf und Kasse zuständig sind. Auf einer Seite des Quadrats stehen zwei Kunden, die von den zwei Mitarbeitern betreut werden. Ich stelle mich hinter die beiden Kunden, um darauf zu warten, dass mein Auftrag und ich bearbeitet werde. Die zwei Frauen stellen sich rechts von mir hin, auf die Seite, an der sich die Kasse befindet. Wir alle harren der Dinge, die da kommen mögen. Nach und nach treffen immer mehr Kunden ein, die sich ungeordnet um das Thekenviereck aufstellen. Ich habe also Zeit, das Geschehen im Verkaufsraum zu beobachten. Meine bevorzugte Körperhaltung in ähnlichen Situationen ist die, dass ich meine Arme vor der Brust verschränke und leicht auf meinen Füßen hin und her wippe. Dieses leichte Schaukeln beruhigt mich irgendwie. Mütter machen das bei ihren Kindern ja auch oft. Ich finde nur niemanden, der bereit wäre mich auf seinen Armen zu wiegen, also mache ich das auf diese Art bei mir selbst. Vor mir, an der Wand, hängt eine Uhr. Zehn Uhr fünfzig. Ich habe noch eine Menge Zeit. Ich sehe mir die emsigen Mitarbeiter an, die von einer Seite des Karrees auf die andere Seite huschen, um irgendwelche Papiere abzulegen, aufzunehmen, zu kopieren, aus dem Drucker zu nehmen. Das sieht wirklich nach Stress aus. Der jüngere von den Beiden bedient den Kunden vor mir. Ich höre aber nicht hin, was die beiden so bereden. Viel Spannenderes spielt sich rechts neben mir ab. Der ältere Mitarbeiter, dessen Frisur mich an meine Jugendzeit erinnert, die in den siebziger Jahren stattgefunden hat, ist mit einem Kunden im Gespräch, der gerade verzweifelt versucht, sich an das richtige Kennzeichen seines Autos zu erinnern. Er will für sein Fahrzeug neue Winterreifen kaufen. Der Harley-Davidson Fahrer, oder auch Spät Hippie, wie ich den älteren Mitarbeiter insgeheim taufe, versucht, gemeinsam mit dem Kunden zu ermitteln, welches Fahrzeug denn jetzt das Richtige ist. »Warum kennt ein Fahrzeugbesitzer die Kennzeichen seiner Autos nicht?«, frage ich mich. Der jüngere Mitarbeiter, der mich irgendwie an Harry Potter erinnert, ist mit dem Kunden vor mir fertig. Das ging ja flott. Ich sehe wieder auf die Uhr vor mir. Zehn Uhr fünfundfünfzig. Noch massig Zeit. Harry Potter fragt in die Runde, wer als Nächstes dran ist. Mittlerweile hat sich eine wahre Menschentraube um die Theke versammelt. Bevor irgendjemand etwas sagen kann, zeige ich auf das Generationenpärchen, ganz Gentleman, der ich nun mal bin, und sage: »Eine von den beiden Damen dort drüben.« Dankbar sehen mich die beiden Frauen an. Vielleicht haben sie Angst, unter den vielen Männern, die den Verkaufsraum füllen, nicht gehört zu werden. Der Mitarbeiter wendet sich der jüngeren der Beiden zu, eine hübsche Brünette. Sie äußert den Wunsch, einen Motorroller kaufen zu wollen. Meine Hoffnung, diese Kundin wäre auch schnell abgefertigt, löst sich in Nichts auf. Nicht immer ist es gut, ein Gentleman zu sein. Ich nehme wieder meine bevorzugte Körperhaltung ein. Vor mir auf der Theke liegt ein Stapel Papiere. Ich sehe, dass erste Blatt trägt mein Autokennzeichen. Ich nehme es genauer unter die Lupe und identifiziere es als meinen Auftrag. Ich bin erleichtert, denn ich brauche nicht viel erläutern, sondern nur auf das Papier zeigen und lässig sagen, das ist mein Auftrag. Wenn dann ein Mitarbeiter Zeit für mich hat. Ein Blick auf die Wanduhr. Elf Uhr. Noch viel Zeit. Harry Potter ist mit der Brünetten nach draußen gegangen, wo die Motorroller fein säuberlich aufgereiht stehen. Die beiden befinden sich im intensiven Beratungsgespräch. Ein schnelles Ende ist nicht in Sicht. Dafür tut sich etwas zu meiner Rechten. Die Ermittlung ist erfolgreich beendet, die Winterreifen bestellt und ein Montagetermin vereinbart. Der Kunde mit der Gedächtnislücke verlässt den Verkaufsraum. Ich beobachte, wie dieser in einem schwarzen Fünfer BMW Kombi vom Gelände fährt. Der Harley-Davidson Fahrer ordnet irgendwelche Papiere in den Ablagen. Jetzt werde ich wohl bald dran sein. Plötzlich, wie aus dem Nichts erscheint eine weitere Mitarbeiterin. Sie macht mit ihrem Lächeln und einer schicken Blondhaarfrisur einen wirklich netten Eindruck. Sie berät sich kurz mit dem Harley-Davidson Fahrer. Die Blondine stellt die ersehnte Frage, wer ist der Nächste? Ich kann einfach nicht anders. Ich zeige auf die alte Dame, wieder ganz der Gentleman. Sie hält einen zerknitterten Zettel in ihren Händen, auf dem irgendwelche Reifennamen und Reifengrößen einschließlich der Preise geschrieben stehen. Es geht um den Kauf von Winterreifen. Klar, was auch sonst. Sie hat von ihrem Sohn, der eifrig im Internet recherchiert hat, ganz genaue Informationen bekommen, welche Reifen sich am besten eignen. Ich wende mich dem Harley-Davidson Fahrer zu. Da ich der Nächste in der Reihenfolge bin, steigt meine Laune. Der Blick zur Uhr zeigt mir, ich liege im Zeitrahmen. Elf Uhr fünf. Die Enttäuschung ist groß, der Mitarbeiter mit der siebziger Jahre Frisur entschwindet. Das Gespräch mit der alten Dame dauert noch an. Jetzt geht es um die Kosten der Reifenmontage. Gelangweilt sehe ich mich um. Viele Männer, meistens älter als ich, füllen den Verkaufsraum Ich kann die Spannung fühlen, die hier herrscht. Alle warten darauf, dass sie an der Reihe sind. Ich bereite mich darauf vor, meinen Platz zu verteidigen, wenn es wieder erneut heißt: »Wer ist der Nächste?« Ich wippe immer noch, wenn auch nicht mehr ganz so entspannt. Ich beuge mich etwas vor. Wo bleibt denn der Harley Fahrer? Aber weit und breit sehe ich keine siebziger Jahre Frisur. Wieder ein Blick auf die Uhr. Elf Uhr zehn. Immer noch viel Zeit. Ich schaffe es ganz sicher, bis zwölf Uhr beim Arzt zu sein. Die alte Dame verhandelt immer noch. Ein schnelles Ende ist nicht abzusehen. Ich denke, hoffentlich schafft sie es noch die Reifen zu kaufen, bevor ihr Leben zu Ende geht. Sie scheint ja wirklich nicht mehr die Jüngste zu sein. Ich wippe wieder. Die Tür geht auf und bei mir macht sich Hoffnung breit. Harry Potter erscheint mit der Brünetten im Schlepptau. Und tatsächlich, nach ein paar letzten Worten, die er mit ihr austauscht, kommt die von mir so sehnlichst erwartete Frage: »Wer ist der Nächste?« Keiner wagt sich, mir meinen Platz streitig zu machen. So kann ich jetzt das machen, was ich in den vergangenen dreißig Minuten immer wieder im Kopf durchgespielt habe. Ich zeige lässig auf den Stapel Papiere und sage: »Bei mir ist es ganz einfach. Das da ist mein Auftrag.« Nun ist es soweit. Der Räderwechsel kann vollzogen werden. Ich schaue noch einmal auf die Uhr vor mir. Elf Uhr fünfzehn. Alles im grünen Bereich. Ich gebe Harry Potter meinen Fahrzeugschlüssel. Er bringt ihn mit dem Auftrag in die Werkstatt. Erleichtert verlasse ich den Verkaufsraum. Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Ich stehe draußen vor den Toren, die zur Werkstatt gehören. Ein Tor wird aufgefahren. Ein Monteur erscheint und am Klang des Schlüsselbundes, den er in der Hand hält, erkenne ich, dass mein Auto jetzt an der Reihe ist. Der Monteur fährt es auf die Bühne. Er holt die Winterreifen aus dem Kofferraum, dann Auto hoch, Schrauben losdrehen, Sommerreifen runter, Winterreifen drauf, Schrauben festdrehen, Auto runter, mit dem Drehmomentschlüssel Schrauben nachziehen, Luft prüfen, Sommerreifen in den Kofferraum legen, Auto rausfahren, fertig. Ich musste gar nicht wippen. Ich betrete wieder den Verkaufsraum. Die Menschentraube ist jetzt etwas kleiner. Der schnelle Monteur legt meinen Autoschlüssel und das Papier mit meinem Auftrag in ein spezielles Fach dafür und wünscht mir noch eine gute Fahrt. Kurz darauf sehe ich, wie er das nächste Fahrzeug in die Werkstatt fährt. Ich wende mich wieder dem Treiben in dem Karree zu. Ich stehe jetzt an der Seite des Vierecks, an der sich die Kasse befindet. Zwanzig Euro wird mich der Räderwechsel kosten. Ein angemessener Preis, finde ich. Die Uhr befindet sich jetzt auf meiner rechten Seite. Elf Uhr fünfunddreißig. Wenn ich jetzt sofort bezahlen kann, schaffe ich es noch mit Leichtigkeit zum Arzt. Ist ja nur fünf Fahrminuten weit entfernt. Die nette Mitarbeiterin mit den blonden Haaren ist jetzt mit einem älteren Herrn beschäftigt, der seine Räder gewechselt haben möchte. Er ist einer der Kunden, der seine ausgewechselten Räder in der Werkstatt meines Vertrauens einlagern lässt. Nichts Außergewöhnliches. Eigentlich. Im Laufe des Gesprächs höre ich heraus, dass der alte Herr seine Sommerreifen im Oktober des vorigen Jahres dort eingelagert hat und er bis heute mit seinen Winterreifen gefahren ist. Aufgefallen ist ihm das aber nicht. Ein Räderwechsel hat sich nun erübrigt, was den alten Herrn sichtlich erfreut. Die Kosten für eine Einlagerung gelten aber nur für sechs Monate, also in seinem Fall bis April dieses Jahres. Die Nachzahlung für die weitere Einlagerung seiner Sommerreifen bis heute, hat ihn dann nicht sehr erfreut. Ich muss schmunzeln. Ich sehe wieder auf die Uhr zu meiner Rechten. Elf Uhr vierzig. Harry Potter ist auch noch in einem Kundengespräch und der Harley Fahrer ist immer noch nicht zu sehen. Ich wippe wieder. Mein nächster Blick auf die Uhr zeigt Elf Uhr fünfundvierzig. Der Harley Fahrer erscheint wieder. Er entnimmt einem Fach einige Papiere und verlässt das Karree wieder. Na ja, die Hoffnung stirbt zuletzt, denke ich. Ein Blick auf die Uhr. Elf Uhr fünfzig. So langsam wird es knapp. Harry Potter ist fertig mit seinem Kunden und kommt zu mir. »Sie möchten zahlen?«, fragt er mich. Ich nicke heftig. Ich kann es noch schaffen. Harry Potter nimmt den erledigten Auftrag und gibt mir schon mal meinen Autoschlüssel zurück. Ich umklammere ihn wie einen Rettungsring. Ich kann es noch schaffen. Jetzt tippt Harry Potter Zahlen in den Computer. Ich kann es noch schaffen. Der Blick zur Uhr zeigt mir elf Uhr zweiundfünfzig. Der Drucker druckt und druckt. Jetzt kommt auch der Harley Fahrer zurück. Er fragt mich, ob ich bezahlen möchte. Nein, Harry Potter hat alles im Griff. Der Drucker druckt. Harry Potter kommt zu mir. Elf Uhr vierundfünfzig. Ich halte den zwanzig Euroschein in der Hand, bereit ihn Harry Potter zu überlassen. Elf Uhr fünfundfünfzig. Endlich nimmt er meine zwanzig Euro, händigt mir meinen Beleg aus und wünscht mir gute Fahrt. Ich haste zu meinem Auto, die Uhr darin zeigt mir elf Uhr siebenundfünfzig. Vielleicht gehen die Praxishelferinnen nicht ganz so pünktlich zur Pause oder ihre Uhren gehen nach. Zwölf Uhr zwei. Ich stehe vor der verschlossenen Praxistür. Ich habe doch alles richtiggemacht, denke ich. Ich habe mit der Werkstatt meines Vertrauens einen Termin vereinbart. Ich bin fünfzehn Minuten vor dem vereinbarten Termin dort gewesen. Die Räder wurden fast in Rekordzeit gewechselt. Ich habe noch eine Stunde Zeit gehabt zwischen dem Termin zum Räder wechseln und der Pause der Praxishelferinnen des Arztes. Nun ja, jetzt habe ich ja sechs Monate Zeit, darüber nachzudenken, was ich beim nächsten Räderwechsel besser machen kann. Eins ist mir aber jetzt schon klar. An der Werkstatt meines Vertrauens kann es nicht gelegen haben. Dreißig Minuten Wartezeit vom Eintreffen dort bis zur Auftragsannahme ist durchaus üblich. Dass der Auftrag schon fertig geschrieben auf dem Stapel lag, hat die Sache sicher beschleunigt. Auch die zwanzig Minuten Wartezeit von der Erledigung des Auftrages bis zur Bezahlung ist vertretbar. Dass zwei Mitarbeiter ungefähr zwanzig Kunden gleichzeitig betreuen, bedeutet ja nur, dass hier der Servicegedanke eine große Rolle spielt. Ein dritter Mitarbeiter hätte da sicherlich nur gestört. Das wird auch der Grund sein, dass der Harley Fahrer sich aus dem Geschehen über vierzig Minuten herausgehalten hat. Also bleibt für mich die Frage: »Was habe ich falsch gemacht?«

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Akiragirl
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BeitragVerfasst am: 07.03.2016 16:50    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Wolfin,

bitte tu den Lesern einen Gefallen und füge deiner Geschichte angemessene Absätze hinzu. In dieser Form, in der es jetzt ist, ist der Text leider nahezug unlesbar.

Liebe Grüße
Anne


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Wolfin
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BeitragVerfasst am: 07.03.2016 17:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke, werde ich.
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nebenfluss
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BeitragVerfasst am: 07.03.2016 21:37    Titel: Antworten mit Zitat

Anne hat recht, aber Absätze allein reichen nicht.
Sorry, aber das liest sich furchtbar langweilig. Habe an dieser Stelle aufgehört, aufmerksam zu folgen:
Zitat:
Im Verkaufsbereich befindet sich eine Theke, die ein circa zehn Quadratmeter großes Viereck umschließt. Innerhalb dieses Karrees halten sich gerade zwei Mitarbeiter auf, die für die Auftragsbearbeitung, Beratung, Verkauf und Kasse zuständig sind.

Was interessieren mich die Öffnungszeiten des Arztes (12 Uhr Mittagspause ist da Standard, denke ich), was interessiert unter dem Oberthema "Winterräder" überhaupt diese ganze Rezept-/Überweisungsgeschichte, und was interessiert mich, wie dieser "Verkaufsbereich" aussieht (Zitat). Wenn der wie ein Nightclub eingerichtet wäre, oder die da auf rosa-türkis-gepunkteten Hüpfbällen ihre Kunden betreuen würden, okay, dann ... Aber Gewöhnliches ist langweilig und gehört nicht erwähnt, weil sich der Leser das eh so vorstellt.
Also bitte bei der Absatz-Überarbeitung auch gleich mal für die Geschichte Relevantes vom Redundanten trennen, und Letzteres rauskürzen.


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Wolfin
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BeitragVerfasst am: 08.03.2016 10:23    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke für den netten Hinweis.
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Babella
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Das goldene Aufbruchstück Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 08.03.2016 12:17    Titel: Antworten mit Zitat

Deine Sätze sind sehr oft sehr kurz, dadurch wirkt alles etwas abgehackt. Dazu die inhaltlichen Längen und die fehlenden Absätze - man kommt nicht rein.

Versuch mal, deinen Lesern das Denken zu überlassen. Nur als Beispiel: Jemand erinnert sich nicht an die Nummer des eigenen Fahrzeugs. Das muss der Autor nicht denken - das denkt jeder beim Lesen selbst, und es macht mehr Spaß, einfach nur durch die Brille des Schreibers zu gucken und sich seinen Teil selbst zu denken.

Hier noch ein Beispiel:

»Schaffst du bis zwölf Uhr da zu sein? Die haben dann Mittagspause.«, fragt meine Frau mich. Ich winke lässig ab. Ich sehe da überhaupt kein Problem.

Dass deine Frau dich fragt: Klar. Die ganzen Erklärungen, warum du es schaffen wirst, die dann noch folgen: Überflüssig.

"Um 12 haben die Mittagspause", erinnert mich Lucy.

Das reicht, um eine gewisse Spannung zu schaffen, wenn alles länger dauert als erwartet.

Die Praxisgebühr ist abgeschafft ... das würde ich rausnehmen.


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M. V. Llosa
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Wolfin
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BeitragVerfasst am: 08.03.2016 13:50    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke. Das mit den Absätzen und den Sätzen ist gerade in Arbeit. Da ich die Geschichte vor längerer Zeit geschrieben habe, ist auch noch die Praxisgebühr drin. (Die kommt aber wieder) Wie gesagt, ich lerne noch und bin dankbar für die Kritik.
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nebenfluss
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BeitragVerfasst am: 08.03.2016 13:59    Titel: Antworten mit Zitat

Dass die Praxisgebühr abgeschafft wurde, habe ich gar nicht mitgekriegt Shocked
Müsste deshalb aber nicht rausfliegen, schließlich liegt die Erzählzeit in der Vergangenheit - man könnte allerdings einen Satz reinbringen wie "Damals gab es noch die Praxisgebühr" oder so.


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Miukumauku
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BeitragVerfasst am: 08.03.2016 17:02    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo und Willkommen smile

Was hat dich dazu veranlasst, genau über diese Situation einen Text zu schreiben?
Ich wundere mich nur, weil das eine absolute Null-Acht-Fuffzehn Situation ist (man schafft es nicht mehr rechtzeitig zu den Öffnungszeiten zum Arzt/Post/usw.), die keinerlei Spannung, Twist oder ähnliches enthält. Es liest sich wie eben eine Nacherzählung, fast im Stile des Unfallberichtes, den man irgendwann mal in der Schule lernt. Es ist alles sehr detailreich beschrieben, ohne dass die Details irgendeine Auswirkung auf die Geschichte haben. Ich kann leider auch nicht so richtig humoristische Züge erkennen
Und ja, den Einfall, diesen einen Mitarbeiter "Harry Potter" zu nennen, ist ganz cool, wenn man das aber 15 Mal am Stück macht, ist das irgendwie ausgelutscht (passiert mir selbst, wenn ich auf irgendeine Wortneuschöpfung ganz besonders stolz bin ^^*)


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Neil Postman
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Wolfin
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BeitragVerfasst am: 08.03.2016 17:28    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ja, das war auch nur eine Übung. Mir ging es nur darum, zu erzählen wie es mir an diesem Tag erging. Trotz meiner Planung ist mir die Zeit davongelaufen. Einen Literaturpreis wollte ich nicht gewinnen. Irgendwie spielt bei meiner Erzählung noch der Wissenschaftler mit. Daher bin ich hier, um zu lernen. Mir ist klar, dass ich von Perfektion noch weit entfernt bin.
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Babella
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Das goldene Aufbruchstück Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 08.03.2016 18:05    Titel: Antworten mit Zitat

Oh, es ist eine hohe Kunst, alltägliche Begebenheiten so zu beschreiben, dass man sie interessiert liest. Es ist wie Fotos machen von Dingen, an denen man sonst blind vorbeirennt.

Es ist eine feine Übung, wegzulassen und noch mehr zu streichen, bis alles knapp und amüsant ist (das soll es wohl werden hier). Ja, der Wissenschaftler lebt im Herzen weiter, aber manchmal muss man ihn schlafen legen Laughing


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BeitragVerfasst am: 08.03.2016 18:10    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich versuche es. Danke.
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Bonston
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BeitragVerfasst am: 09.03.2016 12:02    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo und Willkommen erstmal,

Ich schließe mich dem bisherigen Feedback der Kommentatoren an, wenngleich ich finde, dass die ersten paar Sätze trotz "tristem Thema" durchaus gelungen sind. Der Text hatte für mich zu Beginn etwas von einem Stück, dass man bei einem Poetey-Slam gut vortragen könnte. Kurz, prägnant und mit Witz. Dann driftet es jedoch ab und verliert sich in faden Details und Wortwiederholungen (Werkstatt des Vertrauens).

Bin auf eine überarbeitete Version gespannt und denke dass hier vor allem Kürzen und eine abwechslungsreichere Wortwahl schon viel bewirken würden.
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Wolfin
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BeitragVerfasst am: 09.03.2016 13:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke. Ich arbeite daran. Möchte aber meine Intention nicht verfälschen.
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Wolfin
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BeitragVerfasst am: 10.03.2016 17:10    Titel: Winterräder 1. Überarbeitung pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier meine 1. Überarbeitung mit neuem Titel. So ganz zufrieden bin ich damit nicht. Ich bin auf die Kritiken gespannt.




Was habe ich falsch gemacht?

Es ist mal wieder soweit. Die Zeit der Winterreifen steht vor der Tür. Für viele Menschen kommt der Winter immer so überraschend.
»Ist denn schon wieder Winter?«, denken die dann.
»Damit habe ich jetzt aber gar nicht gerechnet«, sagen sie.
Sie sind total überrascht darüber, dass eine zwei Meter dicke Schneedecke vor ihrem Haus liegt. Meistens ist es dann schon Mitte Dezember. Der Ansturm auf die Werkstätten, Tankstellen und Reifenhändler beginnt, um mal schnell die Winterräder aufziehen zu lassen.
Die meisten Autofahrer wirken irritiert, wenn ihnen der Werkstattmeister sagt:
»Dat wird dieses Jahr nix mehr. Kommse mal so Mitte April näxtes Jahr vorbei.«
Früher habe ich meine Räder immer selber gewechselt. Ich habe mir dafür einen Hydraulikwagenheber angeschafft, Tragkraft bis zu zwei Tonnen. Ein richtiges Männerding. Für mich ist es jedesmal ein Erlebnis gewesen, wenn der Räderwechsel angestanden hat. Im April Winterräder runter, Sommerräder drauf. Im Oktober Sommerräder runter, Winterräder drauf. Der Männerzweitonnenhydraulikwagenheber ist irgendwann in meinem Keller verschwunden und hofft wahrscheinlich auf bessere Zeiten.
Fortan ist die Werkstatt meines Vertrauens für den Räderwechsel zuständig.
Wie gesagt, jetzt ist es wieder mal Zeit für die Winterräder. Ungefähr Mitte September, es herrschen immer noch sommerliche Temperaturen, rufe ich also die besagte Werkstatt an. Mir schwebt ein Termin in der zweiten Oktoberhälfte vor. Der freundliche Mann am anderen Ende der Leitung vereinbart mit mir einen Termin am ersten Dienstag im Oktober. Um elf Uhr soll ich vorbeikommen. Super, mit einer so schnellen Terminzusage habe ich gar nicht gerechnet.
An dem vereinbarten Dienstag mache ich mich auf, damit mein Auto winterfest wird.  Meine Frau bittet mich, noch bei ihrem Arzt vorbeizufahren.
»Schaffst du, bis zwölf Uhr da zu sein?«
Ich sehe da überhaupt kein Problem, der Räderwechsel wird schnell über die Bühne gehen.
Ich fahre gegen zehn Uhr zwanzig los, weil ich vorher noch in die Waschanlage möchte. Dort sind nur zwei Autos vor mir dran, also kaum Wartezeit.
Gegen zehn Uhr fünfundvierzig erreiche ich den Ort des kommenden Geschehens. Mein nun blitzblankes Auto ist bereit.
Ich überlege, ob ich direkt zu dem Werkstattmeister, der sich in seinem Wirkungsbereich aufhält, gehe oder doch lieber erst zur Auftragsannahme in den Verkaufsraum. Ich entscheide mich für die Werkstatt, weil ich der irrigen Auffassung bin, bei einem angekündigten Besuch liegt dem Meister der schriftliche Auftrag schon vor. Nun weiß ich es besser. Vielleicht ist es ja im April, wenn ich die Sommerräder aufziehen lassen möchte, wieder ganz anders. Vor mir betreten zwei Damen den Verkaufsraum.
»Sieh an, ein Generationenpärchen«, denke ich, als ich ihnen folge.
Eine von ihnen ist noch jung, die andere ist alt, eigentlich schon im Rollatoralter.
Im Verkaufsbereich befindet sich eine Theke, die ein circa zehn Quadratmeter großes Viereck umschließt. Irgendwie erinnert mich das an eine Zirkusarena. Innerhalb dieses Karrees halten sich gerade zwei Mitarbeiter auf, die für die Auftragsbearbeitung, Beratung, Verkauf und Kasse zuständig sind. Auf einer Seite des Quadrats stehen zwei Kunden, die von den zwei Mitarbeitern betreut werden. Ich stelle mich hinter die beiden Männer , um darauf zu warten, dass mein Auftrag und ich bearbeitet werden. Die zwei Frauen stellen sich rechts neben mich. Wir alle harren der Dinge, die da kommen mögen. Nach und nach treffen immer mehr Kunden ein, die sich ungeordnet um das Thekenviereck aufstellen. Ich habe Zeit, das Geschehen im Verkaufsraum zu beobachten.
Meine bevorzugte Körperhaltung in ähnlichen Situationen ist die, dass ich meine Arme vor der Brust verschränke und leicht auf meinen Füßen hin und her wippe. Dieses leichte Schaukeln beruhigt mich irgendwie. Mütter wiegen ihre Kinder auch oft, um sie zu beruhigen. Ich finde nur niemanden, der bereit wäre mich auf diese Art zu bemuttern, also mache ich auf diese Weise bei mir selbst.
An der Wand vor mir hängt eine Uhr.
Zehn Uhr fünfzig.
Ich habe noch eine Menge Zeit. Ich sehe mir die emsigen Mitarbeiter an, die von einer Seite des Karrees auf die andere Seite huschen, um irgendwelche Papiere abzulegen, aufzunehmen, zu kopieren, aus dem Drucker zu nehmen. Das sieht wirklich nach Stress aus. Der jüngere von den Beiden bedient den Kunden vor mir.
Spannendes spielt sich rechts neben mir ab. Der ältere Mitarbeiter, dessen Frisur mich an meine Jugendzeit erinnert, die in den siebziger Jahren stattgefunden hat, ist mit einem Kunden im Gespräch, der gerade verzweifelt versucht, sich an das richtige Kennzeichen seines Autos zu erinnern.
Der Harley-Davidson Fahrer, oder auch Spät Hippie, wie ich den älteren Mitarbeiter insgeheim taufe, geht in seinem Computer alle möglichen Kombinationen durch.
Der jüngere Mitarbeiter, der mich irgendwie an Harry Potter erinnert, ist mit seinem Kunden fertig. Das ging ja flott. Ich sehe wieder auf die Uhr vor mir.
Zehn Uhr fünfundfünfzig.
Harry Potter fragt in die Runde, wer als Nächstes dran ist. Mittlerweile hat sich eine wahre Menschentraube um die Theke versammelt. Bevor irgendjemand etwas sagen kann, zeige ich auf das Generationenpärchen, ganz Gentleman, der ich nun mal bin, und sage:
»Eine von den beiden Damen neben mir.«
Dankbar sehen mich die beiden Frauen an. Vielleicht haben sie Angst, unter den vielen Männern, die den Verkaufsraum füllen, nicht gehört zu werden. Der Mitarbeiter wendet sich der jüngeren der Beiden zu, einer hübschen Brünetten. Sie äußert den Wunsch, einen Motorroller kaufen zu wollen. Meine Hoffnung, diese Kundin wäre auch schnell abgefertigt, löst sich in Nichts auf. Nicht immer ist es gut, ein Gentleman zu sein.
Ich nehme wieder meine bevorzugte Körperhaltung ein. Vor mir auf der Theke liegt ein Stapel Papiere. Ich sehe, dass erste Blatt trägt mein Autokennzeichen. Ich nehme es genauer unter die Lupe und identifiziere es als meinen Auftrag. Ich bin erleichtert, denn ich brauche nicht viel erläutern, sondern nur auf das Papier zeigen und lässig sagen, das ist mein Auftrag. Wenn dann ein Mitarbeiter Zeit für mich hat.
Ein Blick auf die Wanduhr.
Elf Uhr
Der Potterähnliche ist mit der Brünetten nach draußen gegangen, wo die Motorroller fein säuberlich aufgereiht stehen. Die beiden befinden sich im intensiven Beratungsgespräch, und ein schnelles Ende ist nicht in Sicht. Dafür tut sich etwas zu meiner Rechten.
Die Ermittlung des Kennzeichens ist erfolgreich beendet, die Winterreifen bestellt und ein Montagetermin vereinbart. Der Kunde mit der Gedächtnislücke verlässt den Verkaufsraum. Ich beobachte, wie dieser in einem schwarzen Fünfer BMW Kombi vom Gelände fährt.
Der Harley-Davidson Fahrer ordnet irgendwelche Papiere in den Ablagen, jetzt werde ich wohl bald dran sein.
Plötzlich, wie aus dem Nichts, erscheint eine weitere Mitarbeiterin. Sie macht mit ihrem Lächeln und einer schicken Blondhaarfrisur einen wirklich netten Eindruck. Sie berät sich kurz mit dem Hippiefrisurträger und stellt die ersehnte Frage:
»Wer ist der Nächste?«
Ich kann einfach nicht anders und zeige auf die alte Dame, wieder ganz der Gentleman. Sie hält einen zerknitterten Zettel in ihren Händen, auf dem irgendwelche Reifennamen und Reifengrößen, einschließlich der Preise, geschrieben stehen. Es geht um den Kauf von Winterreifen. Klar, was auch sonst. Sie hat von ihrem Sohn, der eifrig im Internet recherchiert hat, ganz genaue Informationen bekommen, welche Reifen sich am besten eignen.
Ich wende mich dem älteren Mitarbeiter zu. Da ich der Nächste in der Reihenfolge bin, steigt meine Laune. Der Blick zur Uhr zeigt mir, ich liege im Zeitrahmen.
Elf Uhr fünf.
Die Enttäuschung ist groß, der Späthippie mit der siebziger Jahre Frisur entschwindet. Das Gespräch mit der alten Dame dauert noch an. Jetzt geht es um die Kosten der Reifenmontage. Gelangweilt sehe ich mich um. Viele Männer, meistens älter als ich, füllen den Verkaufsraum Ich kann die Spannung fühlen, die hier herrscht. Alle warten darauf, dass sie an der Reihe sind.
Ich bereite mich darauf vor, meinen Platz zu verteidigen, wenn es erneut heißt:
»Wer ist der Nächste?«
Ich wippe immer noch, wenn auch nicht mehr ganz so entspannt. Ich beuge mich etwas vor. Wo bleibt denn der Harley Biker? Aber weit und breit sehe ich keine siebziger Jahre Frisur. Wieder ein Blick auf die Uhr.
Elf Uhr zehn.
Immer noch viel Zeit. Ich schaffe es ganz sicher, bis zwölf Uhr beim Arzt zu sein. Die alte Dame verhandelt immer noch, ein schnelles Ende ist nicht abzusehen.
»Hoffentlich schafft sie es noch die Reifen zu kaufen, bevor ihr Leben zu Ende geht. Sie scheint ja wirklich nicht mehr die Jüngste zu sein«, denke ich.
Ich wippe wieder.
Die Tür geht auf und bei mir macht sich Hoffnung breit. Harry erscheint mit der Brünetten im Schlepptau. Und tatsächlich, nach ein paar letzten Worten, die er mit ihr austauscht, kommt die von mir so sehnlichst erwartete Frage:
»Wer ist der Nächste?«
Keiner wagt sich, mir meinen Platz streitig zu machen. So kann ich jetzt das machen, was ich in den vergangenen dreißig Minuten immer wieder im Kopf durchgespielt habe. Ich zeige lässig auf den Stapel Papiere und sage:
»Bei mir ist es ganz einfach. Das da ist mein Auftrag.«
Nun ist es soweit. Der Räderwechsel kann vollzogen werden. Ich schaue noch einmal auf die Uhr vor mir.
Elf Uhr fünfzehn.
Ich gebe dem jungen Mitarbeiter meinen Fahrzeugschlüssel. Er bringt ihn mit dem Auftrag in die Werkstatt. Erleichtert verlasse ich den Verkaufsraum. Ich stehe draußen vor den Toren, die zur Werkstatt gehören. Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Ein Tor wird aufgefahren. Ein Monteur erscheint und am Klang des Schlüsselbundes, den er in der Hand hält, erkenne ich, dass mein Auto jetzt an der Reihe ist. Der Mechaniker fährt es auf die Bühne.
Er holt die Winterreifen aus dem Kofferraum, dann Auto hoch, Schrauben losdrehen, Sommerreifen runter, Winterreifen drauf, Schrauben festdrehen, Auto runter, mit dem Drehmomentschlüssel Schrauben nachziehen, Luft prüfen, Sommerreifen in den Kofferraum legen, Auto rausfahren, fertig.
Ich musste gar nicht wippen.
Ich betrete wieder den Verkaufsraum und bemerke, dass die Menschentraube kleiner geworden ist, die vorhin noch die Theke umstellt hat. Der schnelle Monteur legt meinen Autoschlüssel und meinen Auftrag in ein spezielles Fach dafür und wünscht mir noch eine gute Fahrt. Kurz darauf sehe ich, wie er das nächste Fahrzeug in die Werkstatt fährt. Ich wende mich wieder dem Treiben in dem Karree zu.
Zwanzig Euro wird mich der Räderwechsel kosten. Ein angemessener Preis, finde ich.
Ich schaue auf die Uhr.
Elf Uhr fünfunddreißig.
Wenn ich jetzt sofort bezahlen kann, schaffe ich es noch mit Leichtigkeit zum Arzt. Ist ja nur fünf Fahrminuten weit entfernt. Die nette Mitarbeiterin mit den blonden Haaren ist jetzt mit einem älteren Herrn beschäftigt, der seine Räder gewechselt haben möchte. Er ist einer der Kunden, der seine ausgewechselten Räder in der Werkstatt meines Vertrauens einlagern lässt. Eigentlich nichts Außergewöhnliches. Im Laufe des Gesprächs höre ich heraus, dass der alte Herr seine Sommerreifen im Oktober des vorigen Jahres dort eingelagert hat und er bis heute mit seinen Winterreifen gefahren ist. Aufgefallen ist ihm das aber nicht. Ein Räderwechsel hat sich nun erübrigt, was den alten Herrn sichtlich erfreut. Die Kosten für eine Einlagerung gelten aber nur für sechs Monate. Die Nachzahlung für die weitere Einlagerung seiner Sommerreifen bis heute, hat ihn dann nicht sehr erfreut. Ich muss schmunzeln und sehe wieder auf die Uhr.
Elf Uhr vierzig.
Potter ist noch in einem Kundengespräch und der Harley Fahrer ist nicht zu sehen. Ich wippe wieder.
Mein nächster Blick auf die Uhr zeigt Elf Uhr fünfundvierzig.
Der Späthippie erscheint wieder. Er entnimmt einem Fach einige Papiere und verlässt das Karree wieder.
»Na ja, die Hoffnung stirbt zuletzt«, denke ich resignierend.
Ein Blick auf die Uhr.
Elf Uhr fünfzig.
So langsam wird es knapp. Der jüngere Mitarbeiter ist fertig mit seinem Kunden und kommt zu mir.
»Sie möchten zahlen?«
Ich nicke heftig. Ich kann es noch schaffen. Harry Potter nimmt den erledigten Auftrag und gibt mir schon mal meinen Autoschlüssel zurück. Ich umklammere ihn wie einen Rettungsring.
Ich kann es noch schaffen.
Jetzt tippt er Zahlen in den Computer.
Ich kann es noch schaffen.
Der Blick zur Uhr zeigt mir elf Uhr zweiundfünfzig.
Der Drucker druckt und druckt. Jetzt kommt auch der Harley Fahrer zurück. Er fragt mich, ob ich bezahlen möchte. Nein, Harry hat alles im Griff.
Der Drucker druckt.
Elf Uhr vierundfünfzig.
Ich halte den zwanzig Euroschein in der Hand, bereit, ihn dem jüngeren Mitarbeiter zu üerlassen.
Elf Uhr fünfundfünfzig.
Endlich nimmt er meine zwanzig Euro, händigt mir meinen Beleg aus und wünscht mir gute Fahrt.
Ich haste zu meinem Auto, die Uhr darin zeigt mir elf Uhr siebenundfünfzig.
Vielleicht gehen die Praxishelferinnen nicht ganz so pünktlich zur Pause oder ihre Uhren gehen nach.
Zwölf Uhr zwei.
Ich stehe vor der verschlossenen Praxistür.
»Ich habe doch alles richtiggemacht!«
Ich habe mit der Werkstatt meines Vertrauens einen Termin vereinbart. Ich bin fünfzehn Minuten vor dem vereinbarten Termin dort gewesen. Die Räder sind fast in Rekordzeit gewechselt worden. Ich habe noch eine Stunde Zeit zwischen dem Termin zum Räder wechseln und der Pause der Praxishelferinnen des Arztes gehabt.
Nun ja, jetzt habe ich sechs Monate Zeit, darüber nachzudenken, was ich beim nächsten Räderwechsel besser machen kann. Eins ist mir aber jetzt schon klar. An der Werkstatt meines Vertrauens kann es nicht gelegen haben. Dreißig Minuten Wartezeit vom Eintreffen dort bis zur Auftragsannahme ist durchaus üblich. Dass der Auftrag schon fertig geschrieben auf dem Stapel lag, hat die Sache sicher beschleunigt. Auch die zwanzig Minuten Wartezeit, von der Erledigung des Auftrages bis zur Bezahlung, ist vertretbar. Dass zwei Mitarbeiter ungefähr zwanzig Kunden gleichzeitig betreuen, bedeutet ja nur, dass hier der Servicegedanke eine große Rolle spielt. Ein dritter Mitarbeiter hätte da sicherlich nur gestört. Das wird auch der Grund sein, dass der Harley Fahrer sich aus dem Geschehen über vierzig Minuten herausgehalten hat.
Bleibt für mich die Frage: »Was habe ich falsch gemacht?«

1Wie es weitergeht »

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Laurids Anders
Geschlecht:männlichSchreiberassi

Alter: 59
Beiträge: 46
Wohnort: In der Nähe von Itzehoe


BeitragVerfasst am: 11.03.2016 19:31    Titel: Antworten mit Zitat

Ich gehe im Folgenden nur auf die Überarbeitung ein (habe auch nur diese gelesen).
Mein Gesamteindruck heißt: Die Beschreibung der Mühseligkeiten eines Reifenwechsels in einer Fachfirma langweilt ein wenig wegen der Länge des Erzählten, so dass ich dazu überging, nur noch die ersten Sätze der Abschnitte zu lesen (was Deiner Absicht nicht gerecht wird - ich weiß). Aber gerade hierbei fiel auf, dass viele-viele Sätze mit 'Ich bin', 'Ich habe' und 'Ich...' beginnen.
Ohne jetzt in Einzelheiten eintauchen zu wollen (zu können), sag ich mal allgemein: Es ist meines Erachtens ausgesprochen schwierig, eine Ich-Erzählung' zu schreiben, weil Handlungen und eigene Gedanken (als erzählerische Abfolge) einen Leser langweilen, solange die Assoziation für die Momente fehlen. Heißt: Lass die Beobachtungen zu einem Gefühl, Eindruck, Geschmack kondensieren. Letztgenanntes braucht kein 'Ich' mehr. Und so geht der vormals protokollartige Stil in Haltepunkte des Nachdenkens über.

Kannst Du mit meinem Kommentar was anfangen (falls ja: Gib ein Beispiel!)?

Viele Grüße, Laurids
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Wolfin
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 127
Wohnort: Duisburg


BeitragVerfasst am: 11.03.2016 19:45    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke, für diesen Kommentar. Ich sehe so langsam, wo die Schwierigkeiten liegen. Ich habe dieses Erlebnis im Kopf, kann es noch nicht so darstellen, wie ich es möchte. Und die ICH - Form ist vielleicht nicht so gut geeignet.
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schrei.ben.
Schreiber-Lehrling


Beiträge: 100



BeitragVerfasst am: 12.03.2016 09:33    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo ! Smile

Ich denke, an der Ich-Perspektive liegt es nicht. Das Setting ist herausfordernd - also, aus einer derart banalen Situation etwas Keckes, Unterhaltsames zu schaffen.
Und genau darin liegt die Schwäche (imho) deines Textes: Er wirkt schlicht langweilg. Da ist nichts Überraschendes oder witziges, das Spaß am Lesen ausöst.

Andererseits ist gerade eine solche Ausgangssituation eine gute Schreibübung! Also: Aus etwas vermeintlich langweiligem etwas Spannendes zu zaubern!
Weiterhin viel Spass!
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Wolfin
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 127
Wohnort: Duisburg


BeitragVerfasst am: 12.03.2016 09:54    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke. Ist auch nur als Übungstext gedacht. Die Tipps waren aber sehr hilfreich.
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