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Aus einer anderen Zeit


 

 
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ELsa
Geschlecht:weiblichReißwolf

Alter: 71
Beiträge: 1492



BeitragVerfasst am: 23.08.2009 11:33    Titel: Aus einer anderen Zeit eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Aus einer anderen Zeit

X!aia erwachte, weil sie fror. Sie war in der Hitze beim Ziegenhüten unter dem Akazienbaum eingeschlafen. Jetzt war Nacht, der Vollmond verwandelte die Kalahariwüste in einen unheimlichen Schattenriss und die Hyänen lachten nicht allzu fern. Das neunjährige Mädchen aus dem Volk der San rieb sich die Arme und stand auf. Das Baumwolltuch, das sie um den Körper trug, hatte sich gelockert. Sie zog den Knoten fest, nahm den Zweig in die Hand, mit dem sie gewöhnlich die beiden Ziegen antrieb, und schnalzte leise, um sie anzulocken. Doch nichts geschah. Sie fiel auf die Knie nieder und kroch über das harte, trockene Gras ein Stück aus dem Schutz des Baumes hinaus, um nach ihnen zu sehen. Das Mädchen zischte, als sie die beiden aufgerissenen Kadaver entdeckte, Fell, Schädel und Knochen waren übriggelassen worden. X!aia weinte los. Was würde die Familie sagen? Wo würden sie in den nächsten Wochen die Milch herbekommen? Sie schämte sich für ihr Versagen, es war sicher passiert, weil sie am Vortag die Männer gefragt hatte, ob auch sie das Jagdritual mitmachen dürfe. Sie war ausgelacht worden und hatte die ganze Nacht wach gelegen. Die Götter um Hilfe angefleht, weil ihr Herz das einer Jägerin war.
Jetzt fürchtete X!aia sich, weil sie keine Ahnung hatte, wie sie allein durch die Nacht zum Dorf zurücklaufen sollte, ohne selbst Beute der Raubkatzen zu werden. Eine gute Stunde würde der Marsch dauern, X!aia schniefte, wischte die Tränen ab und machte sich auf den Weg. In gebückter Haltung schlich sie entlang der Dornenbüsche. Ihr schwarzes Kraushaar, die ebenholzbraune Haut machten sie selbst zu einem Schattenwesen. Überall raschelte und knackte es, doch X!aia bewegte sich lautlos in Richtung des Dorfes. Als sie einen Moment an den Stamm einer Akazie geschmiegt ausruhte, fauchte es hinter dem Baum. Sie fuhr herum, dem Fauchen folgte ein Maunzen, was ihre Neugier weckte. Zwischen den Wurzeln funkelten Bernsteinaugen. Ein Gepardenjunges! Es stakste auf sie zu. Strich um ihre Beine und schnurrte. Sie machte ein paar Schritte, das Waisenkind folgte ihr auf übergroßen Tatzen. X!aia fasste Mut, sie würde das Junge nicht den Hyänen überlassen, sondern es an Mutter statt beschützen!
Unbehelligt erreichte sie das Dorf. Die Buschleute waren in großer Aufregung, denn keiner hatte geglaubt, dass das Kind am Leben war. Die Freude ihres Clans war größer als die Enttäuschung über den Verlust der Ziegen.
„Ein Gepard, der von Menschenhand aufgezogen wird, ist ein großartiger Jagdbegleiter“, rief der Vater, „natürlich kann er nicht wie unsereins die Beute Stunde um Stunde verfolgen, bis die Huftiere vor Erschöpfung zusammenbrechen, aber seine Sprints werden stets für satte Bäuche sorgen!“
Die San jagten einzig durch ihre Ausdauer, sie feuerten den tödlichen Giftpfeil erst ab, wenn das Tier am Boden lag. Der Gepard könnte die Plage der Verfolgung abkürzen.
Als der Vater sich zu dem kleinen Raubtier herunterbeugte, drängte es sich mit aufgerichtetem Schwanz an X!aias Beine, knurrte und legte die Ohren an. Der Gepard stellte sich als Gepardin heraus.
„Du bist nun ihre Mutter“, sagte der Vater, „hüte sie wie dein Leben.“
„Aber Vater, sie ist mein Leben“, antwortete X!aia, ihr war klar, dass die Götter ihr Gebet erhört hatten, hob das Findelkind hoch und ging schlafen.     
Das Mädchen gab ihm den Namen Damamunga und ernährte es in den ersten Monaten mit Ziegenmilch, die sie mit dem Versprechen, später viel Beute heranzuschaffen, bei den Nachbarn erbettelte.
Während die Gepardin heranwuchs, duldete sie außer ihrer Pflegemutter keinen in ihrer Nähe. Drei Jahre schon lebte Damamunga Seite an Seite mit X!aia. Die Raubkatze war mächtig groß geworden, verhielt sich jedoch genauso friedlich wie alle der Dorfgemeinschaft. Wenn kein Fleisch für sie vorhanden war, schaute sie sich selbst darum um. Dann bewunderten die San das Schauspiel draußen in der Wüste. Die Geschwindigkeit, mit der Damamunga übers Savannengras jagte, die Eleganz des Muskelspiels unterm glänzenden, gefleckten Fell, ihre weiten Sprünge, die aussahen, als flöge sie auf ihre Beute zu, ehe sie auf ihr landete, sie zu Boden riss und mit den Fängen die Kehle bis zum Erstickungstod zudrückte, steigerte den Wunsch der Jäger ins Unermessliche, diese Kraft nutzen zu können.     

Um als Erwachsener zu gelten, mussten die Knaben sich bewähren, indem sie ein Tier zu Tode hetzten. Für Mädchen war dieses Ritual nicht vorgesehen, deswegen war es ein großes Problem für die Jäger des Stammes, dass Damamunga nicht von X!aias Seite wich. Man beratschlagte sich, denn auf die Gepardin als Jagdhelferin zu verzichten, wäre schmerzlich gewesen.
Während die Männer ihre Palaver darüber abhielten, hockten die Frauen und Mädchen in einer der Hütten zusammen, die mit Savannengras gedeckt waren. Die Wände bestanden aus bunten Tüchern, gefüllt mit Heu gegen die nächtliche Kälte. Vor dem Eingang lag Damamunga ausgestreckt, den goldenen Blick nach Katzenart ins Nichts gerichtet und gähnte.

Dann holte man X!aia zur Versammlung. Der Älteste sagte: „Du wirst zur Prüfung antreten.“
Sie verschränkte die Arme und antwortete: „Unter einer Bedingung. Ab nun dürfen sich alle Mädchen des Stammes als Jägerinnen beweisen.“
Damit tauchte ein weiteres Problem für die Männer auf, denn das Mädchen ließ keinen Zweifel aufkommen, dass sie nicht weiter verhandeln würde. Der Tumult war groß. Alle schrien durcheinander, bis Damamunga brüllte. X!aia zog sich mit ihr zurück.
Nach einer neuerlichen Beratungsrunde der Ältesten wurde das Dorfgesetz nach den Wünschen des Mädchens abgeändert. Ein großes Fest fand zu X!aias Ehren statt, die Frauen lachten sich ins Fäustchen vor Freude.

Sie begann ihr Lauftraining. Jeden Morgen ging sie mit Damamunga hinaus in die Weite. Sie rannte, bis sie vermeinte, ihre Brust würde platzen. Während die Gepardin gemächlich einherschritt, musste X!aia alles geben, um halbwegs nachzukommen. Ihre Sohlen bluteten von den Schnitten des harten Grases, die Frauen kneteten die verhärteten Muskeln X!aias. Doch von Tag zu Tag wurden ihre Hornhaut dicker, die Beine schneller, das Herz ausdauernder und schließlich stand sie den Jungen in nichts nach. Sie war bereit und das Zeichen für X!aias Aufbruch wurde vom Dorfweisen gegeben. Mit den traditionellen Worten: „Du kommst und du gehst. Aber wenn du wiederkommst, wirst du bleiben“, begann die Initiation des ersten Mädchens aus dem Stamm der San.
 
Sie ging mit der Gepardin zum „Großen Tanz“, wie die Ausdauerjagd genannt wird, in die Kalahari. X!aia gestattete Damamunga nicht, ihr zu helfen, sie diente lediglich zum Schutz ihrer Herrin. Die Verfolgung der ausgewählten Kudu-Antilope dauerte bis zu deren Zusammenbruch fast vierzig Stunden. Die besten Jäger beobachteten die Hatz als Nachhut und geleiteten X!aia anschließend voller Respekt und mit großem Jubel heimwärts. Damamunga schritt neben ihr her. Beide trugen den Kopf oben, denn sie fühlten, dass sie zwei weibliche Wesen waren, die dem wahren Gesetz folgten.

Golden ging die Sonne über der Kalahari auf, als die Gruppe im Dorf ankam.


by ELsa



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Alogius
Geschlecht:männlichKinnbeber

Alter: 44
Beiträge: 3641

Die Goldene Bushaltestelle Goldene Feder Prosa (Anzahl: 2)


Vom Verschwinden der Muse
BeitragVerfasst am: 23.08.2009 11:45    Titel: Antworten mit Zitat

Hi,

also ich muss sagen:

Wahnsinnig gut geschrieben, denn ich habe mich ebenso vor Ort gefühlt, dabei und voller Erwartung, was geschieht. Echt klasse!
X!aia und ihre Gefährtin - ein unfassbar glaubwürdiges und liebenswertes Gespann. Mit Recht lachen sich die Frauen des Clans ins Fäustchen, denn den Kerlen haben sie es gezeigt!
In meinen Augen nicht nur eine Parabel auf das Erreichen des Unmöglichen, sondern eine der wenigen Emanzipations- und Initiationsgeschichten, die nicht nerven oder aufdringlich wirken, sondern erfrischend neu, anders und nachvollziehbar.
Grandios und mit Freude mehrfach gelesen!

Danke
Gruß
Tom


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Aus einem Traum:
Entsetzter Gartenzwerg: Es gibt immer noch ein nullteres Fußballfeld. Wir werden viele Evolutionen verpassen.
Busfahrer: Tröste dich. Mit etwas Glück sehen wir den Tentakel des Yankeespielers, wie er den Ereignishorizont des Schwarzen Loches verlässt.
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ELsa
Geschlecht:weiblichReißwolf

Alter: 71
Beiträge: 1492



BeitragVerfasst am: 23.08.2009 12:58    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Tom,

herzlichen Dank! Ich freu mich, dass die "Weibersache" natürlich daherkommt.

Liebe Grüße
ELsa


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Bananenfischin
Geschlecht:weiblichShow-don't-Tellefant

Moderatorin

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Wohnort: NRW
Goldene Feder Prosa Pokapro IV & Lezepo II
Silberne Harfe



BeitragVerfasst am: 23.08.2009 13:07    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo ELsa,

ich kann mich Toms Worten nur anschließen.

Und was die Geschichte für mich noch besonders macht: Beim Lesen hat mich - ich weiß selbst nicht genau, warum - die Rührung erwischt. Ich war richtig ergriffen, und das kommt nicht allzu oft vor.

Liebe Grüße
Bananenfischin


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»Ob ich mir eine Dramatisierung meiner Bücher vorstellen kann? Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, in meinen letzten vier Büchern gibt es keine Handlung.« (Andreas Maier im Gespräch mit Raimund Fellinger, 2015)
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ELsa
Geschlecht:weiblichReißwolf

Alter: 71
Beiträge: 1492



BeitragVerfasst am: 23.08.2009 14:00    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Bananenfischerin,

Oh wie schön. Danke dir für die Ergriffenheit, ich war, nachdem ich die Geschichte einige Wochen liegengelassen habe nach dem Schreiben, um ein möglichst objektives Auge dafür zu bekommen, recht erstaunt, dass mich X!aia und ihrer Gepardin berührten.

Lieben Gruß
Elsa


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