13 Jahre Schriftstellerforum!
 
Suchen
Suchabfrage:
erweiterte Suche

Login

Jetzt erhältlich! Eine Anthologie von und mit unseren Usern. Jetzt bestellen! Die erste, offizielle DSFo-Anthologie! Lyrikwerkstatt Das DSFo.de DSFopedia


Walgesänge


 

 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Prosa -> Feedback
 Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  
Autor Nachricht
Nasobem
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber

Alter: 17
Beiträge: 28



BeitragVerfasst am: 06.06.2019 21:35    Titel: Walgesänge eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Diese Geschichte habe ich zu einem Schreibwettbewerb eingesendet. Das Thema war "Freiheit". Ich habe auch in meiner Altersklasse gewonnen, aber ich bilde mir nichts darauf ein, da es ein recht kleiner Wettbewerb war, der vor allem darauf abzielte, Kinder für das Schreiben zu begeistern.
So einen Schreibwettbewerb finde ich immer sehr motivierend.

_______________________________________________________________________________________________________

„Ich werde sie nicht vermissen.“
Leise zog Arthur die Tür ins Schloss. Der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln, als er zum Schlitten ging, der neben dem Haus stand. Sven folgte ihm. Ein leichter Wind schob die knatternden Räder der Mühlen an und trug die Stimmen unsichtbarer Tiere zu ihnen heran. Die Stimmen der Nacht waren die Stimmen des Teufels. Man durfte nicht auf sie hören.
Arthur spitzte die Ohren. Ein Käuzchenschrei, wie ein Warnruf. Flügelschläge. Und, weit entfernt, das Singen der Wale.
Der Schlitten war gerade groß genug für Zwei und stand an der Hauswand unter einem überhängenden Dach. Arthur nahm das Seil und zog ihn hinter sich her. Da hörte er Svens unsichere Stimme.
„Glaubst du, dass es richtig ist?“
Er sah sich nach seinem Freund um und sein Blick glitt über die Häuser, die sich an die Bergwand schmiegten. In seinem Kopf hörte er die Stimmen seiner Eltern, die seiner Freunde und die der Priester. „Nein!“, schrien sie durcheinander. „Es ist falsch!“ „Kämpfe dagegen an!“ „Wenn du uns verlässt, wirst du es für immer bereuen.“ „Wir tun es, weil wir dich lieben.“ „Wir alle haben Fehler, und du kannst deine überwinden.“ „Wir hassen dich nicht. Wir hassen nur, was du tust.“ „Dein Verhalten ist unnatürlich“ „widerlich“ „gefährlich“
„Ja“, sagte Arthur. „Ich kann mir nichts Richtigeres vorstellen.“
Denn wie konnte falsch sein, was sich so richtig anfühlte? Wie konnte gegen die Natur sein, was sich so natürlich anfühlte?
„Ich lasse mich nicht mehr wie Dreck behandeln. Auch nicht mit einem Lächeln.“
Arthur schüttelte sich vor Abscheu, als er das mitleidige Lächeln des Priesters vor sich sah. Sie hatten keine Ahnung, was er fühlte. Sven war der Einzige, der das Gleiche fühlte wie er. Schweigend gingen die beiden Jungen nebeneinander her, bis sie zu der Stelle kamen, wo der Weg in den Wald eintrat. Sie blieben stehen und starrten in die Dunkelheit. Arthur hörte, wie Sven neben ihm tief Luft holte.
„Ich …habe Angst“
Arthur sah ihn vom der Seite an.
„Ich auch.“
„Was, wenn die Leute da drüben wirklich so sind, wie alle sagen? Du weißt schon - dass jeder macht, was er will?“
Wieder hörte Arthur die Stimmen in seinem Kopf.
„Chaos“
„Anarchie“
„Gottlosigkeit“
„Ich lebe lieber in einer Welt, wo jeder sein darf, was er will, als in einer, wo man nicht einmal sein darf, was man ist,“ sagte er.
„Ich hoffe, dass du recht hast.“
„Lass uns gehen.“
Sie setzten sich auf ihr Gefährt, Arthur vorne und Sven hinten, und schoben sich mit den Füßen vorwärts, bis der Schlitten Fahrt aufnahm.
Arthur lehnte sich zurück. Der Wind schlug ihm ins Gesicht. Sein Herz raste. Er wollte schneller fahren, seine Heimat so schnell und weit wie möglich hinter sich lassen.
In Serpentinen wand sich der Weg den Berg hinab. Die Tannen ließen ihre schneeschweren Äste oft gefährlich tief über den Pfad hängen. Ihre Wipfel neigten sich über den dahinsausenden Schlitten und sperrten den Himmel aus. Und doch konnte sich ein Tropfen Sternenlicht zwischen ihnen hindurchzwängen und den Reisenden den Weg erleuchten.
Arthur spürte, wie Sven von hinten die Arme um ihn legte. „Gleich“, flüsterte sein Freund.
Ja. Gleich würden sie die Eisbrücke erreichen, die hinüber führte.
Völlig unverhofft wichen die Bäume zurück und der Weg trat ins Freie. Die Berge öffneten sich zu einem weiten Kessel, dessen Boden in einem brodelnden Meer aus Nebel und Dunkelheit verborgen lag. Darüber spannte sich die Brücke wie ein Spinnenfaden, an dem das Sternenlicht kleben geblieben war.
Arthur atmete die kühle, saubere Luft ein. Er hatte das Gefühl, den Himmel über ihnen zum ersten Mal zu sehen. Er fühlte sich leicht. Alle Furcht war plötzlich von ihm abgefallen und was immer vor ihm lag erwartete ihn mit offenen Armen. Die Brücke unter ihnen war ein Weg aus Sternenlicht, der sie in den Nachthimmel trug.
Sven legte sein Kinn auf Arthurs Schulter. „Hörst du das?“, hauchte er.
Natürlich hörte er es. Die Luft war erfüllt davon, es war überall um sie herum. Süße, langgezogene Töne, klagend und sehnsüchtig. Zwei samtene Melodien, die sich umkreisten und durchkreuzten und ineinander verschlungen über den Köpfen der Jungen hin und her wiegten.
„Sie singen für uns“, flüsterte Sven.
Plötzlich stieß er einen Laut des Erstaunens aus. Neben der Brücke, so nah, dass man ihn fast mit der ausgestreckten Hand berühren konnte, türmte sich ein Berg aus Dunkelheit auf. Ein länglicher Körper wuchs in die Höhe, zwei Flossen kamen zum Vorschein, dann wuchtete sich ein riesiger Wal in die Luft. Er drehte sich mit einer Anmut um seine Achse, die man einem Wesen seiner Größe kaum zugetraut hätte, und tauchte lautlos wieder in das Nebelmeer ein. Von Staunen und Ehrfurcht ergriffen starrten die Jungen ihm hinterher, als sich neben ihnen ein weiterer Körper erhob. Wie schwerelos schwebte das majestätische Tier über die Brücke hinweg.
Begleitet vom Gesang der Wale glitt der Schlitten dahin. Immer wieder tauchten die Tiere ins Nebelmeer ab, nur um an einer anderen Stelle wieder zum Vorschein zu kommen. Sie sprangen übereinander hinweg, überschlugen sich in der Luft, umkreisten sich und schmiegten sich aneinander.
Gebannt beobachteten die beiden Jungen den Tanz der mächtigen Tiere.
Aus der Dunkelheit rückte ihnen langsam das Ende der Brücke entgegen, während die Wale hinter ihnen zurückblieben. Sie konnten die Lichter des Dorfes sehen, als wären die Sterne vom Himmel herabgestiegen. Schließlich verließen sie die Brücke und fuhren in eine flache Senke. Die ersten Häuser des Dorfes kamen näher. Eine Tür öffnete sich und gelbes Licht ergoss sich über den Schnee. Eine Frau trat ins Freie und blickte ihnen entgegen. Eine Zweite folgte ihr, lächelte und winkte ihnen zu.
Arthur winkte zurück, während der Schlitten langsam zum Stehen kam.



_________________
"Moriamur et in media arma ruamus!"
(Vergil, Aeneis)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Thomas74
Geschlecht:männlichSchreiberling

Alter: 45
Beiträge: 259
Wohnort: Annaburg


BeitragVerfasst am: 07.06.2019 21:40    Titel: Antworten mit Zitat

Vielleicht nicht die konstruktivste Kritik, aber mir gefällt dein bildreicher Stil.
Auch deine Interpretation des Themas Freiheit hat was. Nicht solche Holzhammer-Moral, eher subtile Andeutungen. Da passen auch die surrealen Wale ins Bild.


_________________
Optimismus ist, bei Gewitter in einer Kupferrüstung auf dem höchsten Berg zu stehen und "Scheiß Götter!!" zu rufen.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
wunderkerze
Schreiber-Lehrling


Beiträge: 92



BeitragVerfasst am: 08.06.2019 13:52    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Nasobem,
 
du lässt der Fantasie des Lesers viel Raum, und das ist gut so, obwohl natütlich die Wörter 'unnatürlich' und 'Priester' die meine in eine bestimmte Richtung drängen. Unabhängig davon hätte ich gerne gewusst, inwieweit die beiden Frauen am Schluss die Erlösung bringen. Das Ende deiner schönen Geschichte kommt mir etwas abrupt vor.

Zwei Kleinigkeiten:
Ich kann nicht glauben, dass EIN Tropfen Sternenlicht einen langen dunklen Weg beleuchtet und dass man mit einem Schlitten einen gewundenen Pfad in hoher Geschwindigkeit hinunterfahren kann, wenn man sitzt.

'Gefährt' ist zu nah an 'Gefährte', hier schlage ich Fahrzeug vor.

Der Titel führte mich auf eine falsche Spur. Warum nicht schlicht und ergreifend: FREIHEIT?

LG
wunderkerze


_________________
wunderkerze
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Nasobem
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber

Alter: 17
Beiträge: 28



BeitragVerfasst am: 08.06.2019 15:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke für das Feedback!

Zitat:
du lässt der Fantasie des Lesers viel Raum, und das ist gut so, obwohl natütlich die Wörter 'unnatürlich' und 'Priester' die meine in eine bestimmte Richtung drängen

Ich hatte schon eine bestimmte Aussage im Kopf und wollte auch, dass die Leser darauf kommen. Es fehlt mir noch der Mut, die Interpretation vollkommen dem Leser zu überlassen.

Zitat:
Das Ende deiner schönen Geschichte kommt mir etwas abrupt vor.

Mit dem Schluss bin ich auch nicht ganz zufrieden, aber es bestand auch die Gefahr, die Aussage zu offensichtlich zu machen, wenn ich noch weiter erzählte. Es sollte ein eher offenes Ende sein, bei dem impliziert wird, dass es gut ausgeht, man aber nicht ganz sicher sein kann.

Zitat:
Ich kann nicht glauben, dass EIN Tropfen Sternenlicht einen langen dunklen Weg beleuchtet

Du hast vollkommen recht. Ich mochte nur die Formulierung.

Zitat:
Ich kann nicht glauben, dass man mit einem Schlitten einen gewundenen Pfad in hoher Geschwindigkeit hinunterfahren kann, wenn man sitzt.

Man kann mit dem Schlitten einen gewundenen Pfad hinunterfahren! Ich habe es selbst getan. Tatsächlich kam die Idee für den Text nach einer solchen Schlittenfahrt. Natürlich kommt nicht alle paar Meter eine Kurve. Aber so eine Bergstraße, die ja in Serpentinen gelegt ist, kann man schon mit hoher Geschwindigkeit hinunterfahren.

Was den Titel angeht, hast du wohl recht. Ich bin nicht gut mit Titeln.


_________________
"Moriamur et in media arma ruamus!"
(Vergil, Aeneis)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
JESCH
Sonntagsschreiber


Beiträge: 11
Wohnort: Niedersachsen


BeitragVerfasst am: 07.07.2019 17:16    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Nasobem!

Ich bin noch neu hier und das ist mein erstes Feedback. Ich hoffe trotzdem, dass meine Kritik dir etwas bringt (und dass ich den richtigen Button zum Antworten gedrückt habe und du sie überhaupt zu lesen bekommst^^).

Ich kann mich meinen Vorgängern nur anschließen. Deine Geschichte ist sehr schön und bilderreich geschrieben. Außerdem gefällt mir dein klarer Sprachstil sehr gut. Aneinanderreihungen langer Sätze, bei dem man jeden zweiten aufgrund von Überfrachtung mit Adjektiven wieder von vorne beginnen muss finde ich immer sehr ermüdend. Das ist mir bei deiner Geschichte nicht ein Mal passiert.

Zu dem EINEN Tropfen Sternenlicht muss ich meinem Vorredner aber widersprechen. Da man während der ganzen Geschichte über merkt, dass du dein Handwerk verstehst, ist auch ganz klar, dass du diese Formulierung mit Absicht gewählt hast. Und wenn man beim Schreiben nicht ein wenig FREIHEIT haben darf, wo dann wink

Außerdem finde ich das "offene Ende" gar nicht so offen. Alles was gesagt werden muss, ist gesagt. Und ist es darüber hinaus nicht der Sinn einer Kurzgeschichte, das Ende ein wenig offen zu lassen und zum Weiterdenken anzuregen? Ich finde, das hast du erreicht.

Weiter so!

Gruß
JESCH
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Nasobem
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber

Alter: 17
Beiträge: 28



BeitragVerfasst am: 07.07.2019 18:21    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke, JESCH, für dein Lob!

Daran sieht man mal wieder, dass Geschichten von allen Menschen unterschiedlich gelesen werden und was für den Einen ein Kritikpunkt ist, wird von Anderen gelobt. smile


_________________
"Moriamur et in media arma ruamus!"
(Vergil, Aeneis)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
ink_in_mind
Geschlecht:männlichAutor


Beiträge: 865
Wohnort: Köln


BeitragVerfasst am: 12.07.2019 15:34    Titel: Antworten mit Zitat

Hallihallo!

Wirklich schöne Beschreibungen, teilweise wurde ich förmlich davongetragen. Die Dialoge haben dieses Schöne, Flüssige, Märchenhafte, zu einem gewissen Grad kaputt gemacht - liest sich, als ob sie hineingepresst worden wären. Zumindest für mich.
Trotzdem: Hut ab! Daumen hoch²

LG


_________________
“If you pay attention to your inner life, you will see that the emergence of choices, efforts, and intentions is a fundamentally mysterious process."
― Sam Harris

"Did you ever see a cloud that was misshapen?"
― Alan Watts
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Prosa -> Feedback Alle Zeiten sind GMT - 11 Stunden
Seite 1 von 1



 
 Foren-Übersicht Gehe zu:  
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht teilnehmen.
In diesem Forum darfst Du keine Ereignisse posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht herunterladen


EmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungBuchEmpfehlungEmpfehlungBuchEmpfehlungEmpfehlung

von MT

von Tjana

von Rufina

von Kristin B. Sword

von Valerie J. Long

von Soraya

von BlueNote

von Lady_of_words

von silvie111

von JT

Impressum Datenschutz Marketing AGBs Links
Du hast noch keinen Account? Klicke hier um Dich jetzt kostenlos zu registrieren!