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Der Krieg der Rollatoren


 

 
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wohe
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber

Alter: 66
Beiträge: 27
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 30.11.2018 16:35    Titel: Der Krieg der Rollatoren eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Freunde,
ich hatte vor 2 Jahren ein paar Kriminalkomödien geschrieben und Euch damals den Anfang der 1. ("Karl der Knecht") vorgestellt.
Ich würde gern wissen, ob Ihr Euch vorstellen könnt, daß diese Machart (Stil und Protagonisten sind bei allen Geschichten die Gleichen) für mehr als 1 Geschichte geeignet ist und wie Euch der Beginn der unten stehenden 2. Geschichte gefällt.
Vielen Dank im Voraus
Wohe

Der Krieg der Rollatoren

„Wie tot?“, fragte Wohe.
„Na, tot halt. Ohne Leben. Fortpflanzungsunfähig, stoffwechsellos, aktionsunfähig. Alt und tot.“
Die Definition von Tod war Wohe schon bekannt. Nur war er für seinen Geschmack schon zu oft damit konfrontiert worden. Infolgedessen hatte er keineswegs vor, sich näher damit zu beschäftigen. Zu deprimierend das und zu alternativlos. Allein schon der Gedanke brachte ihm auch die eigene Endlichkeit nahe und um sich davor zu drücken, brauchte er stets eine gehörige Menge Bieres.
„Oh“, sagte er.
Schweigen.
„Willst du nichts tun?“, fragte Schröder.
„Nee. Was soll ich tun? Bin ich Jesus? Ich kann niemanden reanimieren, weder Lazarus noch Frau wie-sie-auch-immer-heißt.“
„Hieß.“
„Dann eben hieß.“
Schweigen.
„Fahr hin“, sagte Wohe.
„Ich?“
„Du.“
Wohe griff zum Telefon, rief den Rettungsdienst an und meldete eine verunglückte Person.
Schröder nahm die Hand vom Mikro und erklärte der Anruferin: „Wir kümmern uns drum.“ Er nahm seine Mütze und ging grummelnd davon.
Wohe schnappte sich sein Buch. Das wäre ja noch schöner, wenn er sein Seelenheil durch den Anblick einer altersbedingt Dahingeschiedenen in Gefahr bringen würde. Alt war schon schlimm genug, aber auch noch tot. Für sowas gab es schließlich Rettungssanitäter und Ärzte. Und zumindest Letztere hatten als Ausgleich wenigstens noch ein höheres Einkommen.
Schröder war am Telefon: „Es gibt da ein Problem“, sagte er. „Die Verstorbene ist Frau von Moltke und ihr Tod scheint nicht natürlich zu sein?“
„Wieso?“
„Komm her und sieh es dir an.“
Moltke! Noch dazu von. Wohe dachte an 1870 und 1914 und schüttelte sich.
Er ging um zwei Ecken und stand am Ort des Grauens. Ein Platz mit dem sinnigen Namen Der Platz. Einige Zuschauer, auf ihren Rollatoren sitzend, ein auf der Seite liegender Rollator, das Transportnetz beladen mit Mehl und Zucker, verstreut auf dem Boden Äpfel, Butter, Milch und kleine Backpulverpäckchen, eindeutig ein Indiz für geplante Kuchenfabrikation. Da wurde jetzt wohl nichts mehr draus, da die designierte Bäckerin alle Viere von sich gestreckt auf dem Rücken lag und augenscheinlich tot war. Jedemfalls deuteten die fehlende Atmung und, wie Schröder anzeigte, auch fehlender Herzschlag darauf hin.
Apfelkuchen. Schade eigentlich.
„Wieso ist das kein natürlicher Tod?“ Es war warm, die Sonne schien, der Rollator war schwer bepackt und die Dame war alt. Klarer Fall von Herzinfarkt. Alte Leute sollten fernsehen, die Grauen Panther wählen und sich ansonsten schonen.
„Sie ist überfahren worden“, diagnostizierte Schröder und wies auf schmale Reifenspuren, die quer über den Oberkörper der Verblichenen liefen.
„Womit?“, fragte Wohe.
Schröder zuckte die Achseln.
„Wer hat was gesehen?“, fragte Wohe in die Runde.
„Ich“, antwortete eine der Damen.
„Und was haben Sie gesehen?“
„Nun, wir kamen hier um die Ecke und sahen Frau von Moltke hier liegen. Und dann habe ich Sie angerufen.“
„Das ist alles?“
„Das ist alles.“
Wohe sah die anderen Rollatorchauffeure an.
„Das ist alles“, wurde bestätigt.
Wohe besah sich die auf der weißen Bluse des Opfers gut erkennbaren Spuren und verglich sie mit den Reifen des liegenden Rollators.
Paßte prima. In beiden Fällen ein identisches, grobes Profil.
„VU mit Fahrerflucht“, diagnostizierte er. „Nimm das hier auf und vergiß die Fotos nicht. Und sieh dir die Umgebung genau an.“
Schröder war skeptisch: „Meinst du ernsthaft, die ist von einem Rollator überfahren worden?“
„Wie du an den Reifenspuren siehst, ja. Aber wohl erst postmortal. So schwer ist Mehl ja nun doch nicht.“ Wohe kontrollierte die Rollatoren der Umsitzenden und stellte fest: stets feines Profil. Also unschuldig.
Er ging ins Revier und holte sein Buch aus der Schublade.
Als Schröder zurückkam, war Essenszeit. Sie gingen zu Holgersens Supermarkt-Imbiß-Cafe und bestellten das Mittagsmenü.
„Was ist das nun?“, wollte Schröder wissen.
„Boulette mit Kartoffelsalat“, erkannte Wohe.
„Ich meine das mit der alten Frau. Der Notarzt hat gesagt, daß sie diverse Quetschungen aufweist. Sie wäre sicherlich angefahren worden. Und zwar nicht von einem Rollator, sondern von einem Auto. Und das wäre aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Todesursache. Irgendwelche Spuren gibt es aber nicht. Weder Bremsspuren noch auf den ersten Blick erkennbare Lackreste oder so.“
„Also Verkehrsunfall. Aber kannst du dir einen Fahrerflüchtigen vorstellen, der anhält, zur Verunglückten läuft, deren Rollator nimmt, das Ding über die Tote schiebt und dann erst verschwindet?“
„Nee. Eigentlich nicht.“
„Eben. Also sind das wohl zwei voneinander unabhängige Ereignisse. Möglicherweise ist es aber auch gar kein Unfall.“
Schröder kaute eine Zeit lang vor sich hin. „Aber ich sollte doch einen daraus machen.“
„Jou. So können wir erstmal in Ruhe ermitteln, ohne den Schuldigen aufzurütteln.“
„Wow, genial.“
„Stimmt.“
„Wie ermitteln wir?“
„Erst die Ergebnisse der Pathologie abwarten, dann die alle Erkenntnisse überdenken. Dann handeln. Und wenn die Ergebnisse oder Erkenntnisse nicht vernünftig sind, warten, bis wir vernünftige haben und danach handeln.“
Schröder nickte. Wirklich genial.
Na gut, ordentlich ermitteln mußten sie schon, schließlich waren sie Polizisten und noch dazu die einzigen in Schönebostel und Umgebung.
Holgersen kam aus der Tiefe seines Geschäfts hervor und verkündete: „Man munkelt, es habe einen Unfall mit Fahrerflucht gegeben. Mit einer Toten. Noch dazu einer adligen. Ich wußte gar nicht, daß wir hier in Schönebostel sowas haben. Stimmt es, daß sie von ihrem eigenen Rollator überrollt wurde? Is ja'n Ding.“
Wohe seufzte: „Wer munkelt das?“
„Man. Ein Gerücht halt“
„Normalerweise haben Gerüchte in Schönebostel ihren Ursprung genau hier.“ Wohe zeigte auf Holgersens Mund.
Der blies sich entrüstet seine Haarsträhne aus dem Gesicht: „Also bitte. Das stammt nicht von mir, sondern von Frau Bennigsdorf. Und die hat selbst gesehen wie Sie die Rollatorprofile verglichen haben.“
„Können Sie mir sagen, wie das gehen soll, sich selbst mit seinem Rollator totfahren?“
„Nee.“
„Ich auch nicht. Am besten, dieses Gerücht kommt nicht über diesen Raum hinaus.“
„Also, mundtot machen lassen wir uns nicht.“ Frau Bennigsdorf schob ihren Rennwagen herbei. „Was ich gesehen habe, habe ich gesehen. Wir haben hier freie Meinungsäußerung, keine Zensur, freies Denken, freies Reden, freies Schreiben, alles frei, jawoll!“
„Niemand will Ihnen verbieten, irgend etwas zu was auch immer zu sagen. Aber noch ist nicht ganz klar, wie der Unfallhergang war. Also warten Sie bitte mit Mutmaßungen bis zur endgültigen Feststellung.“
So eine Boulette war auch ohne solchen Quatsch schon schwer genug zu verdauen.
Frau Bennigsdorf warf ihm einen finsteren Blick zu und schob aus dem Laden.
„Der Einkauf ist aber nicht frei.“ Holgersen lief hinter ihr her.
„Los, Abmarsch“, sagte Wohe. „Wir müssen den Vorgang 'von Moltke' eruieren.“

Wohe schrieb seinen Bericht: ... weisen die bisherigen ärztlichen Angaben auf einen Verkehrsunfall als Todesursache hin. Vom Unfallfahrzeug fehlt jede Spur, es existieren keinerlei Zeugen, weshalb genauere technisch-medizinische Untersuchungsergebnisse abzuwarten sind.
Dann griff er sich sein Buch, Schröder faltete die Hände über seinem Bauch und sie eruierten.

„Hallo“, sagte Sanne und ließ sich auf Wohes Schreibtisch nieder. „Ihr habt einen unerklärlichen Todesfall?“
„Haben wir nicht, weil, es gibt diesseits der Quantenmechanik nichts Unerklärliches.“
„Touché.“ Sanne war beeindruckt. „Und wie lautet dann die offizielle Erklärung für den Tod von Frau Moltke?“
„Von.“
„?“
„Frau von Moltke. Sie war blaublütig.“
„Blaublütige hier in Schönebostel? Ich wußte gar nicht, daß wir hier sowas haben. War sie denn wenigstens verwandt mit dem großen Schweiger?“
Wohe dachte nach. Ergebnis: null. „Nun sag's schon.“
„Helmut von Moltke. Chef des Generalstabs im Krieg 70/71. Er war anscheinend etwas wortkarg. Daher der Name.“
„Lernt ihr sowas in der Schule?“, fragte Schröder.
„Nee. Bei uns zu Hause steht eine Zusammenfassung über den Deutsch-Französischen Krieg im Regal. Die war falsch einsortiert und stand unter Physik. Und da ich das Buch schonmal in der Hand hatte, hab ich's dann gelesen.“
Alles klar.
„War sie denn nun mit dem verwandt?“
„Keine Ahnung“, sagte Wohe. „Und ehrlich gesagt, interessiert es mich auch nicht. Und es gibt auch nichts an Frau von Moltkes Tod, was für dich von Interesse wäre. Sie wurde ganz einfach das Opfer eines Verkehrsunfalls.“
„Mit Rollatorspuren auf der Bluse.“
Bennigsdorf, Holgersen. Verdammtes Gesocks. „Da hat halt jemand einen Rollator über die Tote geschoben oder was weiß ich. Es waren schließlich jede Menge Rollatorfahrer in der Gegend. Die können alle nicht mehr so richtig sehen und dann überrollt man schonmal jemanden. Besonders, wenn der oder die andere schön platt auf dem Boden liegt. Allein: gestorben ist sie dadurch bestimmt nicht.“
„Dir ist aber schon klar, daß das ein wenig schwach klingt“, meinte Sanne.
Warum war dieses Kind noch nicht im Gulag? Gegen böse Blicke war Sanne jedenfalls definitiv resistent.
„Ich kümmere mich mal drum“, verkündete sie.
„Nein!“ Wohe und Schröder im Duett.
Weg war sie.

„Ist das nun ein Verkehrsunfall oder nicht?“, fragte Wohes Chef. „Niemand wird von einem Rollator überrollt und stirbt dann auch noch dran.“
„Natürlich nicht“, sagte Wohe. „Wir nehmen an, daß es ein Verkehrsunfall mit Fahrerflucht war und anschließend irgend jemand noch den Rollator des Opfers über dasselbe geschoben hat.“
Schweigen. Dann: „Das ist doch Quatsch.“
„Ist es“, bestätigte Wohe. „Aber die bisherigen Untersuchungsergebnisse lassen nur diesen einen Schluß zu. Am Rollator des Opfers sind jedenfalls keinerlei Spuren vorhanden, sodaß höchstens am Verursacherfahrzeug Hinweise auf die Kleidung der Toten zu finden sein werden. Wer immer also der Schuldige ist, er wird schwer zu fassen sein.“
Schweigen. Dann: „Tun Sie Ihr Bestes.“
„Machen wir“, bestätigte Wohe.
„Was machen wir?“, fragte Schröder, der nur die Hälfte mitbekommen hatte.
„Unser Bestes geben.“
„Klar. Wird erledigt.“
Schröder ging in sich, Wohe blätterte sein Buch um. Sie konnten ja wohl kaum alle Autos dieser Welt nach nicht vorhandenen Spuren untersuchen.
Dann klingelte das Telefon. „Ich bin im Seniorenheim“, sagte Sanne.
„Ist das nicht ein bißchen früh“, fragte Wohe. „Du bist nicht neunzig, sondern zehn.“
Sogar Sanne brauchte ein paar Millisekunden, um das zu verarbeiten: „Ha. ha. Sie wollen mich hier ganz gewiß noch nicht haben. Wahrscheinlich wollen sie mich hier überhaupt nicht haben. Jedenfalls sind sie nur bedingt auskunftsfreudig und ich mußte bis zur Selbstverleugnung schleimen, um überhaupt eine Info von der Verwaltung zu erhalten.“
Da wäre Wohe nun allerdings gern dabei gewesen. „Wie muß ich mir das Schleimen denn so vorstellen?“
„Ich habe denen gesagt, daß ich sofort wieder weg wäre, wenn sie mir erzählten, was ich wissen wollte.“
Das klang schon glaubhafter.
„Und?“
„Frau von Moltke war in Wirklichkeit keine von. Die hat sich das nur ausgedacht oder eingebildet oder was auch immer. Das allerdings hat sie so sehr verinnerlicht, daß sie seit einigen Jahren wohl selbst davon überzeugt war. Klarer Fall von Autosuggestion. Und ich erfuhr von gut unterrichteter Stelle, daß sie im Laufe der Zeit auch die anderen Bewohner davon überzeugt hat. Und damit auch verdammt genervt hat.“
„Von welcher gut unterrichteten Stelle?“
„Informantenschutz. Kann ich dir nicht sagen.“
„Häh?“
„Das ist die einhellige Meinung aller Befragten.“
„Na gut, aber was sagt uns das?“
„Zumindest, daß sie diesem eingebildeten Adelstitel einen sehr hohen Stellenwert beigemessen hat. Die ging damit allen so sehr auf den Senkel, daß sie sie um des lieben Friedens wegen auch so tituliert haben und wegen der Macht der Gewohnheit schlußendlich auch so von ihr gedacht haben.“
„Ah, ja. Danke für die Nachforschung, aber wesentlich weiter bringt uns das auch nicht.“
„Immerhin wissen wir jetzt, daß sie auf Grund des aus ihrer Überzeugung erwachsenen Verhaltens recht überheblich, ja regelrecht unangenehm war. So richtig traurig scheint hier jedenfalls keiner zu sein.“
„Nochmal besten Dank. Dann kannst du ja jetzt Schluß machen und dich auf was auch immer konzentrieren. Ciao.“
„Ich habe den Eindruck“, sagte Sanne, „daß du nicht so recht begeistert von meiner Mitarbeit bist. Irre ich mich da?“
Der mithörende Schröder zog den Kopf ein und auch Wohe schaltete in den Notmodus. „Du irrst. Es ist nur so, daß es hier nur um die Suche nach einem flüchtigen Autofahrer geht. Der kann inzwischen in Hamburg oder Wanne-Eickel oder sonstwo sein. Und du hast doch sicher interessanteres als alte Leute auf der Agenda. Es ist wirklich nicht nötig, daß du dich da reinkniest. Besten Dank nochmal.“
Er hängte auf. „Oh Mann.“
Sanne war wieder am Apparat: „Fein, daß du dir solche Gedanken um meine Zeiteinteilung machst, aber keine Sorge, ich mach das hier sozusagen nebenbei. Ich halte euch auf dem Laufenden.“
„Oh Mann.“ Dann fragte er Schröder: „Sagt uns das was?“
„Nee.“
„Denke ich auch. Überleg dir mal, was Sanne auf andere Gedanken bringt.“
„Ich?“
„Ja.“
Schweigen.
„Mir fällt nichts ein. Kann man sie nicht dazu bringen, Einstein zu widerlegen?“
„Nee. Die Relativitätstheorie hat sie schon als richtig akzeptiert.“
„War ja nur ne Idee.“
Schweigen.
Dann deutliche Atemgeräusche von Schröder, vulgo Schnarchen.
Wohe schlich aus dem Revier zu Holgersen.
Der brachte den üblichen Kaffee und half Wohe beim Nachdenken. „Die kleine Bretschneider war vorhin hier.“
„Bienenstich essen?“
„Das auch. Aber ungewöhnlich war, daß sie mit Frau Fech und Dame Lotte zusammen raus ist. Frau Fech rief noch was von 'ermitteln' und schon saßen sie alle drei in Frau Fechs Käfer und waren mit Karacho weg.“ Er ging zur Kasse.
Sanne sammelte ihre Hilfstruppen. Oh mein Gott.
Wohe rief sie an: „Von wegen Informantenschutz. Du hast dir Mitstreiter gesucht, die nicht mal wissen, was das Wort Verschwiegenheit überhaupt bedeutet. Willst du unsere Arbeit hier diskreditieren?“
„Keine Sorge, ich habe das unter Kontrolle, aber die Alten im Heim reden eher mit Frau Fech als mir. Vielleicht ist das der vielbesprochene Generationenkonflikt, vielleicht sehe ich auch einfach nicht vertrauensvoll genug aus, aber es ist jedenfalls so.“
Vielleicht galten zehnjährige Mädchen bei Neunzigjährigen auch noch nicht als ernstzunehmende Gesprächspartner.
„Ich habe Frau Fech und Dame Lotte erklärt, daß unsere weiteren gemeinsamen Ermittlungen essentiell wichtig sind und nichts davon vor dem offiziellen Verlautbarungstermin nach draußen dringen darf, weil der Täter dann gewarnt ist und fliehen kann. Besonders sollen sie kein Wort zu Herrn Holgersen sagen, denn dann weiß es gleich der ganze Ort.“
Und vermutlich auch noch der Rest der Welt.
„Was für ein offizieller Verlautbarungstermin?“, fragte Wohe.
„Das ist der Zeitpunkt, wenn ich den Fall geklärt haben werde. Noch ist aber nichts so recht klar.“
Wohe beendete das Gespräch und schleppte sich zu Holgersen. „Haben Sie nen Köm?“
„So schlimm?“
„Nen doppelten Köm!“

Wohe weckte Schröder und berichtete.
„Oh“, sagte der. „Sagt uns das was?“
„Nee. Wo sind die Fotos?“
„Hinter dir im Kasten Beweismittel.“
Wohe zog den Schuhkarton aus dem Regal und breitete die Fotos vom Unfallort, Frau Moltke (oder Frau von Moltke, wenn's denn ihrem Seelenheil dienlich war), dem Rollator und den Zuschauern vor sich aus.
„Tja“, sagte er.
„Tja“, sagte Schröder.
„Ich seh mir das nochmal an“, sagte Wohe.
„Ich auch.“
Sie gingen und betrachteten das Pflaster, auf dem Frau von Moltke gelegen hatte. Dann den Platz, die Häuser, den Himmel und setzten sich auf eine Bank.
„Es ist der Weg vom Altenheim zum Markt“, erkannte Schröder.
„Stimmt.“
„Recht ruhig hier.“
„Stimmt.“
Ein großer Platz, mitten drin eine Straße, ringsum Bäume, kein Geschäft, nur stille Wohnhäuser jenseits der Bäume.
„Warum sieht man hier niemanden?“, fragte Wohe.
„Weil das die letzte Ecke des Ortes ist. Außer den Alten auf ihren Shoppingtouren geht hier auch keiner lang. Nach dem Seniorenheim kommt ja dann auch nur noch Feld.“
„Shoppingtouren?“
„Oder Kaffeetrinktouren oder Spaziergänge oder was Alte halt so machen.“
„Ja, was machen die denn eigentlich so den ganzen Tag.“
„Na nix doch. Aufs Essen warten.“
„Eigentlich muß man schön ganz schön blind sein, wenn man hier einen Rollatorfahrer übersieht.“
Schröder nickte.
„Andererseits ist das aber auch die ideale Stelle“, fuhr Wohe fort, „wenn man einen Rollatorfahrer überfahren will.“
„Stimmt. Nur, warum sollte das jemand tun wollen. Ich meine, die Frau von Moltke war doch schon jenseits von Gut und Böse. Da brauchte man doch nur noch ein bißchen zu warten und sie wäre eh hin gewesen.“
„Sag das nicht. Diese Blaublütigen sind ziemlich zäh. Denk mal an die Queen Mum.“
„Ich denke, die von Moltke war gar keine echte Adlige,“
„Stimmt, aber Glaube versetzt Berge. Warum sollte er nicht auch das Leben verlängern.“
Wohe rief Sanne an: „Diese Alten da, sind die eigentlich jünger oder älter als die Frau von Moltke.“
„Sowohl als auch. Da habe ich auch schon dran gedacht. Allzuviel Zeit haben die alle nicht mehr zu verschenken.“
Wohe legte auf. Daran hatte sie auch schon gedacht. Ha!
„Er rief nochmal an: „Hat denn einer der Alten noch ein Auto?“
„Nee. Bis jetzt weiß ich auch noch nicht, ob noch einer von den Bewohnern auch nur näherungsweise fahrtüchtig ist. Die Sekretärin sagt 'nein'. Von den Alten haben wir nichts Entsprechendes gehört. Ist also noch offen.“
„Blas das ab“, sagte Wohe. „Nachher werden die nur noch hellhörig.“
„Verstanden.“
Wohe verstaute sein Handy. Nach einiger Zeit kam Frau Fechs Käfer über den Platz gerollt und verschwand in Richtung Holgersens Laden.
„Wirklich nicht viel los hier“, meinte Schröder.
„Ein Auto in der letzten Viertelstunde und auch das fährt hier normalerweise nicht lang.“
Sie observierten weiterhin den Platz. Dann war Feierabend.

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V.K.B.
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BeitragVerfasst am: 23.12.2018 22:23    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Wohe,
wie, fast ein Monat und noch keine Leser/Antworten? Dann wollen wir mal.

Zitat:
Die Definition von Tod war Wohe schon bekannt.
ich würde hier auch von "tot" statt "Tod" sprechen, sonst passt das nicht.

Zitat:
„Sie ist überfahren worden“, diagnostizierte Schröder und wies auf schmale Reifenspuren, die quer über den Oberkörper der Verblichenen liefen.
lol Scheint ja wieder herrlich absurd zu werden. Wobei mich gerade das Verlangen überkommt, doch nicht weiterzulesen, weil ich das Ende nicht erfahren werde, oder? Bei Karl warte ich immer noch.

Zitat:
ich hatte vor 2 Jahren ein paar Kriminalkomödien geschrieben und Euch damals den Anfang der 1. ("Karl der Knecht") vorgestellt.
Ich würde gern wissen, ob Ihr Euch vorstellen könnt, daß diese Machart (Stil und Protagonisten sind bei allen Geschichten die Gleichen) für mehr als 1 Geschichte geeignet ist und wie Euch der Beginn der unten stehenden 2. Geschichte gefällt.
Etwas schwer zu sagen, Karl der Knecht habe ich ja nur gelesen, bis Sanne das erst Mal vorkam, dann gings nicht weiter. Immerhin sind mir die Geschichte und Charaktere aber gut in Erinnerung geblieben, sodass ich mich hier gleich "zuhause" gefühlt habe. Hat also definitiv was, das muss man dir lassen. Bei einem "Extremcharakter" wie Sanne könnte ich mir vorstellen, dass sie dem Leser irgendwann auf die Nerven geht. Da ich die erste Geschichte nicht zuende lesen konnte, kann ich nicht sagen, ob das hier bereits der Fall ist. Selbiges gilt für die anderen, der Witz könnte irgendwann raus sein, keine Ahnung. Dafür müsste man mehr von ihnen kennen.

Nach meinem jetzigen Wissensstand funktioniert der Anfang hier gut. Ich freu mich über ein Wiedersehen der herrlich verschrobenen (und doch so realistischen) Kleinstadtleute (Sanne mal ausgeklammert, was realistisch angeht). Wohe und Schröder hatte ich noch gut im Gedächtnis, den Klatsch- und Kaffeegeber aus dem Laden auch. Ist Schröder eigentlich inzwischen mit dem Bauen fertig?  Gerne wieder was von denen gelesen, könnte auch ein ganzes Buch sein. Aber erst dann könnte ich beurteilen, ob die für ein zweites funktionieren. Aber so ad hoc würde ich erstmal sagen: ja, mehr davon bitte!

Hoffe, meine Einschätzung hilft dir irgendwie und kommt nicht zu spät, falls du den Thread schon abgeschrieben hast. Dass noch sonst keiner gelesen hat könnte mit der eingestellten Textmenge zusammenhängen. Hätte ich auch nicht gelesen, wenn ich die Charaktere nicht wiedererkannt hätte.

Frohe Weihnachten,
Veith


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Tape Dispenser
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Beiträge: 278



BeitragVerfasst am: 24.12.2018 12:15    Titel: Re: Der Krieg der Rollatoren Antworten mit Zitat

wohe hat Folgendes geschrieben:
Hallo Freunde,
ich hatte vor 2 Jahren ein paar Kriminalkomödien geschrieben und Euch damals den Anfang der 1. ("Karl der Knecht") vorgestellt.
Ich würde gern wissen, ob Ihr Euch vorstellen könnt, daß diese Machart (Stil und Protagonisten sind bei allen Geschichten die Gleichen) für mehr als 1 Geschichte geeignet ist und wie Euch der Beginn der unten stehenden 2. Geschichte gefällt.
Vielen Dank im Voraus
Wohe



Manche Ideen funktionieren im Film besser, als geschrieben, und so geht es mir auch hier. Die oft lakonischen Dialoge treiben die Handlung ja nicht gerade voran, und auch running gags (Bauhaus), zünden bei mir eher nicht, insbesondere, wenn ich den Eindruck gewinne, Sachen werden nur erwähnt, um irgendeinen Gag vorzubereiten. Ein ganzes Buch in dieser Art würde ich jedenfalls nicht lesen wollen. "Neues aus Büttenwarder" wäre so ein Beispiel für mich, das für mich im Fernsehen funktioniert, was ich im aber im Leben nicht als Buch lesen würde, genau so wenig, wie Hubert und Staller.
Allerdings sind gerade im humoristischen/satirischen Bereich die Geschmäcker recht unterschiedlich.
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wohe
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BeitragVerfasst am: 25.12.2018 15:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

@Veith,
Danke für den Hinweis. Ein kleines t ist hier tatsächlich angebracht.
Du hast natürlich Recht: um beurteilen zu können, ob eine Machart für mehrere Geschichten taugt, reichen 2 Leseproben kaum aus, aber Deine grundsätzliche Einschätzung baut schon mal auf. Um Abschreckung zu vermeiden, werde ich zukünftige Beiträge kürzer halten.
@Tape D.,
auch Dir Dank für Deine Einschätzung. Ich sehe also, daß ich nicht zu sehr auf diesen dialogorientierten Stil bauen darf. Allerdings sind es inzwischen schon 5 Geschichten dieser Art geworden. Da muß ich wohl noch mal drüber nachdenken.
MfG Wohe

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V.K.B.
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BeitragVerfasst am: 26.12.2018 19:39    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Ich sehe also, daß ich nicht zu sehr auf diesen dialogorientierten Stil bauen darf. Allerdings sind es inzwischen schon 5 Geschichten dieser Art geworden. Da muß ich wohl noch mal drüber nachdenken.
Nicht zwingend. Wie Tape Dispenser richtig sagte, sind die Geschmäcker sehr verschieden. Du wirst niemals einen Humor schreiben können, der jedem zusagt, genauso wenig wie einen Schreibstil entwickeln, der jeden anspricht, weil das ein Ding der Unmöglichkeit ist. Geschmäcker sind nicht nur unterschiedlich, sondern manchmal auch komplementär. Was der eine genial findet, kann für den anderen Mist sein und umgekehrt. Merke ich zum Beispiel immer wieder, wenn ich mich mit meiner Schwiegermutter über Filme und Serien unterhalte Wink

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