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Die durchsichtige Welt


 

 
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Autor Nachricht
Haruki Okada
Geschlecht:männlichSchreiberassi

Alter: 58
Beiträge: 66
Wohnort: Holstein


BeitragVerfasst am: 07.03.2017 16:14    Titel: Die durchsichtige Welt eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Viele meiner Arbeiten verorte ich zwischen Prosa und Lyrik.
Ich habe mir angewöhnt, das als Mixin the colours zu bezeichnen.
Aber vielleicht denken andere ganz anders darüber. Das halte ich sogar für recht wahrscheinlich. Nachstehende Arbeit ist Teil eines Zyklus mit dem Titel Borderline.


Die durchsichtige Welt

Einst besuchte mich ein Händler aus dem Morgenland,
zurückgekehrt von einer Karawanserei
entlang der Weihrauchstraße.
Die Route führte ihn an Sanaa, Medina
und Petra vorbei.
Getrocknetes Harz des Weihrauchbaumes
und Myrrhe
auf den Rücken der Kamele.
Das Wasser der Oase Tayma, berichtet er,
in einer Senke zwischen den Ausläufern des
Hedscha-Gebirges
und der Nefud-Wüste gelegen,
hat sich eingetrübt.
Das Tageslicht vermag nicht länger einzudringen
und es aufzuhellen,
so dass vieles im Dunkeln bleibt.
Zu vieles.

Eine braun verfärbte Flüssigkeit von
öliger Konsistenz,
abgestorbene, zerfaserte Palmblätter
zersetzen sich in dem faulig riechenden Sud
der einstmals klaren Wasserstelle.
Der lichtdurchflutete, immergrüne Hain hat sich in ein
stinkendes Grab verwandelt,
in dessen Inneren es unablässig
blubbert und gärt.


Der Rauch verbrannten Weihrauchs steigt aus dem Orkus empor.
Die Welt ist im Wandel,
flüstert der Karawanenführer Abu Abdullah
mit monotoner Stimme in mein Ohr.
Seine Augen gleichen matt glänzenden, schwarzen Perlen,
der lidlos starre Blick trifft mich ins weiße Mark.

Die Welt erfriert unter einem eisigen Firmament.
Erderwärmung und die Folgen, gebe ich zu bedenken.
Wir werden alle
erfrieren,
wispert er lidlos.
Alle.

Die demokratische Volksrepublik Korea baut die Bombe,
raune ich müde.
Ein Haufen zahnlos mümmelnder Greise
umringt einen Kretin
mit ausrasierten Schläfen unter schwarzem Haar.

Grauer Mantel, trübe Seele, schwarze Handschuhe, dunkles Herz.

Ein Volk in Sippenhaft,
Gulags,
soweit das Auge reicht.
Heute gehört uns Nordkorea,
morgen die ganze Welt.


Pelzige Worte aus kariösen Mündern unter seidigen Haarschöpfen
vergiften unsere Oasen,
produzieren eklige, braune Blubberblasen
von öliger Konsistenz,
kühlen die Troposphäre um weitere
fünf Grad herunter,
von der Tropopause ganz zu schweigen.
Die Stratosphäre ist auch betroffen,
flüstert der Freund
aus dem Morgenland ergriffen.

Er lädt mich ein ins La Piccola,
gegenüber der gotischen Kirche,
wo wir uns an einem schlecht
ausbalancierten Tisch  
auf zwei einbeinigen,
aus dem Holz der Libanon-Zeder
gedrechselten Stühlen
gegenüber sitzen.

Das Focaultsche-Pendel führt uns
an unsere
bescheidenen Grenzen.
Verzweifelt kämpfen wir um das Gleichgewicht
an dem schwankenden Tisch
auf einem in alle Richtungen wippenden Stuhl.

Jakobsmuscheln in einer Orangen-Vanille-Sauce,
vertikal angerichtet.

Darüber
Tymian, Rosmarin, kleingehackte Petersilie.
Ein wenig Olivenöl.

Gut gekühler italienischer Weißwein
lässt die Muscheln geschmeidig das Nadelöhr
des Ösophagus passieren.

Einbeinige Stühle pendeln ihre Fracht durch die Troposphäre.
Das Lokal hebt und senkt sich in schwerer See.
Gischt sprüht gegen die Brückenverglasung,
das Schiff beginnt zu krängen,
der Muschelsud schwappt durch die Ösophagus-Leitung
nach oben, an Deck,
drängt ins Freie,
hinauf!
Doch ich
sperre mich gegen das Wiederkäuen.

Der Ritt auf dem Focaultschen Pendel verkehrt die Welt ins Gegenteil.
Die Bedienung des Lokals spaziert über die
Holzvertäfelung der Decke
die Wand hinunter
über die vertikal angerichteten Muscheln hinweg.


Nein, wir möchten keinen Grappa,
der Muschelsud ist völlig ausreichend.
Kerzen brennen mit fett zuckenden Flammen
von unten nach oben,
blaken unverschämt durch das schummrige Lokal.
Klebrige Rauchwolken legen sich ungeniert auf feines Tuch.


Ein kleines Mädchen, voller Ruß,
schwarze Fäden verunstalten
das weiße Kleidchen.
Geronnene Blutfäden sickern über den Stoff,
verfangen sich in den Strümpfen
über der dünnen Wade.

Die Kinder,
unsere Zukunft,
sie versickert in den Rissen und Fugen
eines von tausenden Füßen
getretenen Terrakottabodens.
Geckos huschen von dannen,
verstecken sich unter
dem großen Stein
am Eingang dieses Panoptikums.

Gott sei dank.
Eine rußige Halluzination, das Mädchen ist wohlauf.
Die Kerzen blaken, das Kind weint.
Es tropft und blakt und das Kind weint.

Es weint.
Salzige Tränen auf
staubiges
Terrakotta.

Das Herz ist schwer, die Luft so trocken.
Wir müssen
raus.
Der Freund aus dem Morgenland nickt verständnisvoll.

Alleine er versteht mich.
Draußen quietschende Autoreifen,
in den Supermarkt hastende Menschen,
die Sonne färbt sich purpur
gleich den Schnecken,
mit denen die Phönizier ihre Stoffe färben.
 
Übrigens:
Die hocken bei mir im Atrium, die Phönizier.
Ich will sie sehen.  
Nein.  
Doch.
Und noch mal nein.
Du kannst sie nicht kennenlernen.

Odysseus ist auch dort.
Unmöglich!
Habe ich dich jemals angelogen?

Wir ersaufen in dem
schwellenden Stausee der Ödnis,
die uns umgibt.

Die Mauern werden bersten.
Dabei ist die Luft trocken wie nie zuvor.
Wie ist so etwas möglich?
Drowning on dry land.

Was glotzt ihr ?
Meine Taverne, deine Taverne,
was seid ihr für subalterne
Lemminge.
Ich schreie, wann ich will
und ich schweige,
wenn ich will.
Jetzt
will ich
schreien.

Hört doch, was ich sage.
Versteht mich denn niemand?
Abfällige Blicke sind das
schimmlige Brot des Paria.
Erschrockene,
mitleidige,
zornige,
überhebliche,
eingeschüchterte, verlegene, verstohlene
Blicke.

Das lidlose Auge verfolgt jeden Schritt.
So kann es nicht weitergehen.

Wir müssen
raus.
R-A-U-S
Oh Mann, schau Dir die Sauerei an.
Du hast dir in den Kaftan gepisst.

Der Nachtmahr auf des Schlafenden Brust
trägt schwer an seiner dunklen Lust.



_________________
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Perry
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 67
Beiträge: 1992



BeitragVerfasst am: 08.03.2017 23:50    Titel: Hallo Haruki, Antworten mit Zitat

als bekennender Prosalyriker, muss gestehen, dass es mir schwerfällt in deiner überwiegend gebrochenen Prosa lyrische Ansätze zu erkennen.
Aber wie Du selbst schreibst, hast Du dazu deine eigene Sichtweise.
Sorry, dass ich ansonsten nicht auf die Textaussage eingehe, aber als Lyriker bin nicht an so weit ausholenden Texten interessiert.
Aus einigen Passagen ließen sich sicher lyrische Werke gestalten.
LG
Perry
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Haruki Okada
Geschlecht:männlichSchreiberassi

Alter: 58
Beiträge: 66
Wohnort: Holstein


BeitragVerfasst am: 19.03.2017 17:59    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Perry,

ich danke Dir für Deine Antwort.  Gebrochene Prosa - das gefällt mir.



Gruß

Haruki


_________________
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