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Sonnenuntergang der Erkenntnisse


 

 
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Leveret Pale
Geschlecht:männlichAutor

Alter: 21
Beiträge: 760
Wohnort: Jenseits der Berge des Wahnsinns


BeitragVerfasst am: 02.08.2016 19:54    Titel: Sonnenuntergang der Erkenntnisse eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Wird das am Ende zu geschmacklos oder kann das drin bleiben? Fallen jemanden (grobe) Fehler auf und was ist eure Meinung zum Inhalt und Stil?

Sonnenuntergang

Ich wischte lustlos über mein Smartphone, scrollte geistesabwesend durch Facebook-Timelines und refreshte gefühlte zehnmal die Minute meine E-Mails. Ich war von einem langen Tag ausgebrannt und totmüde, weil ich in der Nacht von dem Tastenklappern meines videospielsüchtigen Bruders im Nebenzimmer wachgehalten worden war, und... scheiße. Die Selbstmitleidsnummer interessiert eh keinen. Sache ist, dass ich resigniert mein Smartphone ausschaltete. Ich beschloss, mich waschen zu gehen und trotz des Tastenklapperns und des Fernsehers im Wohnzimmer zu versuchen früher einzuschlafen. Ich erhob mich also und erstarrte. Mein Herz schlug plötzlich höher. Mein Blick war durch das Fenster nach draußen gefallen. Es regnete, aber über den Häuserdächern zeichnete die Natur in purpurlilanen, blassrosanen und wildorangen Pastellfarben einen bezaubernden Sonnenuntergang, ummantelt von voluminösen Wolken. Ein unwiderstehlicher, berauschender Drang ergriff mich, diesem Schauspiel näher zu kommen.
Bevor ich mich versah, war ich die Treppe hinuntergestürzt, hatte mir Barfußschuhe übergezogen und war nach draußen gerannt. Es regnete in Strömen. Ich trug nicht mehr als ein T-Shirt, Shorts und Socken mit Gummisohlen dran. Die Tropfen peitschten mir ins Gesicht, während ich dem Sonnenuntergang entgegeneilte, vorbei an grauen Häusern und der Natur entgegen. Ich lachte, rannte und flog über Asphalt und Gras mit einer Geschwindigkeit und Leichtigkeit, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte. Wenn ich mich doch immer so schnell bewegen könnte, dann wäre ich Weltrekordhalter im Sprint. Ich flog die Straße hinab, verließ die Siedlung und tauchte in den Park ein. Ich rannte einen Hügel hoch und kam erst dort zum stehen. Mein Blick schweifte über die Baumwipfel, über den Horizont und den Sonnenuntergang. Ich fühlte mich lebendig, ja lebendig und ich konnte spüren, dass alles um mich herum ebenso lebendig war. Der Regen hatte meine Kleidung bis auf die Knochen durchnässt und eigentlich hätte ich frieren müssen bei den Temperaturen, aber ich spürte nichts als Freude und ein Gefühl von Geborgenheit und im Einklang mit der Natur zu atmen. Der Moment war real, echt, nicht so wie der tägliche Trott in der Maschinerie der Gesellschaft, nicht so wie die Belanglosigkeit der Zivilisation. Absolut echt. Das Rauschen des Regens, der Gesang der Vögel, das Gras unter meinen Füßen. Ein Rabe flog an mir vorbei und ich dachte:
Du lebst in Freiheit, Vogel, etwas was wir Menschen verlernt und verkauft haben.
Und just in diesem Moment bemerkte ich einen starken Druck auf der Blase. Ich sah mich um, aber bei diesem lebendigen Wetter war kein einziger Mensch unterwegs. Ich ließ die Hose hinunter. Meine Pisse plätscherte im Einklange mit der der Wolken auf das Gras. Es war befreiend. Ja, ich fühlte mich wie ein wahrer Mensch, frei und glücklich, während ich in einer öffentlichen Grünanlage, hoch oben, weit sichtbar auf einem Hügel bei strömenden Regen meinen Schwanz herausholte und auf den Rasen urinierte.
Ich schloss meine Hose und sah zum Himmel, betrachtete den numinosen Sonnenuntergang. Und plötzlich durchdrang mich eine tiefe Erkenntnis:
Man braucht kein Wikipedia, Wikileaks und auch kein Meskalin oder LSD, kein Philosophiestudium, um die Wahrheit zu erkennen, man braucht auch keinen Job, Freunde, THC oder Ethanol, um Glück zu empfinden. Im Gegenteil, diese Dinge führen einen nur weiter weg von der wahren Wahrheit und vom wahren Glück. Für diese beiden braucht der Mensch nichts, als in seine Heimat zurückzukehren, sich von der entfremdenden Zivilisation zu befreien, in die Natur zu gehen. Ich streckte die Arme aus, spürte die Tropfen auf meiner Haut und lachte, genoss den Moment. Nach einiger Zeit, als der Sonnenuntergang beinahe ganz hinter den Bäumen verschwunden war, rannte ich den Hügel hinab, die Wege entlang, vorbei an einem Teich, hinaus aus dem Park auf eine weite Fläche, auf Felder und Wiesen, immer der Sonne entgegen. Ich riss mir das T-Shirt vom Leib, lachte, sprang über und in große Pfützen, in denen sich der Himmel spiegelte. Diese Ekstase dauerte an, bis die Sonne gänzlich verschwunden war, ich mir das Shirt wieder anzog und durch die Nacht nachhause joggte.
Ich sperrte auf und sofort schlugen mir die abgestandene Luft des Hauses und der Lärm des Fernsehers entgegen. Ich trat ein, zog die Schuhe aus und wusch meine Füße. Meine Mutter fragte mich nicht, wo ich die letzten Stunden gewesen war, zu sehr war sie von der Flimmerkiste gebannt.
Arme Menschheit. Wir haben das wahre Paradies gegen falsche, künstliche Paradiese ausgetauscht.
Die Frische des Windes tauschten wir gegen die abgestandene Luft von Bürogebäuden und Schulen; statt frei durch die Welt zu streifen, haben wir uns in Ketten gelegt; statt die Früchte, Nüsse und das gesunde Fleisch der Natur zu genießen, stopfen wir uns mit vorgefertigter Scheiße voll, die uns krank macht. Statt Abenteuer zu erleben, die Welt als Nomaden zu entdecken, hocken wir vor Bildschirmen. Statt zusammen zu jagen, töten wir einander für glitzernde Steine, weiße Pulver und grüne Papierfetzen. Wir vergiften die Meere und Flüsse, verbrennen die Wälder, wir Muttermörder. Ich schüttelte den Kopf über diesen Irrsinn, ging die Treppe hoch, hörte das Klappern der Tasten, schlug die Zimmertür hinter mir zu und ging zu Bett. Ich fühlte mich ausgeglichen vom Laufen und irgendwie auch erleuchtet. Ich schlief so tief und lange, wie seit Monaten nicht mehr.

 Am nächsten Tag wichste ich vor meinem 4K-Bildschirm auf Hentaiporn, fraß 100g 85%ige Schokolade1  und missbrauchte Kodeintabletten. Einschlafen konnte ich an dem Abend wieder nicht.

Fußnote1: Wussten Sie, dass weltweit 200.000 Kindersklaven kostenlos auf Kakaoplantagen schuften? Kein Wunder, dass das Zeug so billig ist, aber Geiz ist ja bekanntlich geil. Übrigens gibt es noch mehr Bücher von mir zu kaufen, einige davon für 99Cent in der eBook-Fassung. Schokolade ist teurer als manche meiner Bücher, obwohl in denen teilweise echt viel Lebenszeit drinsteckt und in dem Kakao nur Kinderblut. Generell ist Schreiben eine brotlose Kunst, aber ich verdiene mein Geld eh mit Crack-Dealen, also ist das egal.
Bei Bukowski, ist das eine scheiß(lange) Fußnote.

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jon
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Alter: 53
Beiträge: 257
Wohnort: Leipzig


BeitragVerfasst am: 04.08.2016 08:41    Titel: Antworten mit Zitat

Schöne Bilder (vielleicht einen Tick zu lang diese Passagen, weniger würde auch reichen), wirkungsvolle Kontraste (auch wenn ich persönlich kein Fan von solchen ordinär-obzönen Zuspitzungen bin). Nur die Fußnote ist to much, einfach eine Wendung zu viel.

Meiner Meinung nach könnten oder müssen dort noch Absätze gemacht werden:

Zitat:
zu versuchen früher einzuschlafen. HIER EVENTUELL Ich erhob mich


Zitat:
schweifte über die Baumwipfel, über den Horizont und den Sonnenuntergang. HIER EVENTUELLIch fühlte mich lebendig, ja lebendig und ich konnte spüren, dass alles um mich herum ebenso lebendig war. ODER HIER EVENTUELLDer Regen hatte meine Kleidung bis auf die Knochen durchnässt



Zitat:
Und just in diesem Moment bemerkte ich einen starken Druck auf der Blase. HIERIch sah


Zitat:
sich von der entfremdenden Zivilisation zu befreien, in die Natur zu gehen. HIERIch streckte die Arme aus, spürte die Tropfen auf meiner Haut und lachte, genoss den Moment. HIER UNBEDINGTNach einiger Zeit,


Zitat:
Menschheit. HIER EVENTUELLWir haben das wahre Paradies gegen falsche, künstliche Paradiese ausgetauscht. HIER KEINEN
Die Frische des Windes


Zitat:
en die Meere und Flüsse, verbrennen die Wälder, wir Muttermörder.  HIER EVENTUELL Ich schüttelte den Kopf



Rechtschreibung: „100 g“ oder besser „100 Gramm“, nicht „100g“
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Leveret Pale
Geschlecht:männlichAutor

Alter: 21
Beiträge: 760
Wohnort: Jenseits der Berge des Wahnsinns


BeitragVerfasst am: 04.08.2016 11:09    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo jon,

vielen Dank für deine Einschätzung und für die Absätze (habe um ehrlich zu sein an die Absätze noch gar nicht gedacht). Ich hadere selber noch mit der Fußnote und bin mir nicht sicher, ob ich sie nicht rausstreichen sollte.

Zitat:
Rechtschreibung: „100 g“ oder besser „100 Gramm“, nicht „100g“

Danke. War mir gar nicht bewusst, dass das falsch ist.
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nebenfluss
Geschlecht:männlichBestseller-Autor


Beiträge: 4003
Wohnort: mittendrin, ganz weit draußen
Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 05.08.2016 15:10    Titel: Re: Sonnenuntergang der Erkenntnisse Antworten mit Zitat

Hallo Inko,

Inkognito hat Folgendes geschrieben:
Wird das am Ende zu geschmacklos oder kann das drin bleiben? Fallen jemanden (grobe) Fehler auf und was ist eure Meinung zum Inhalt und Stil?


sprachlich finde ich das recht solide, wenn auch die Erzählstimme teilweise noch etwas originelleres Gewürz vertragen könnte. "im Einklang mit der Natur" empfinde ich schon fast als Floskel, "just in diesem Moment" unpassend (vielleicht eine Gedankenlosigkeit, wie oft bei solchen Formulierungen, sie "rutschen einem so rein"), auf der anderen Seite "joggt" der Prota von seinem Regentanz nach Hause, ein Begriff aus dem modernen Fitness-Wahn, der mir kaum zur quasi-spirituellen Erleuchtung zu passen scheint.

Inhaltlich ist mir das deutlich zu moralinsauer, besonders gegen Ende. Zwar überrascht der Text dann sozusagen noch positiv durch die negative Wendung, wodurch die "Wahrheitsfindung" vom Vortag für faktisch (nicht theoretisch) irrelevant erklärt wird. Aber spätestens bei der Fußnote entlarvt sich der Erzähler als Sonnen Welt Menschheitsuntergangsgaukler, der nicht mal bei seinem Thema "Entfremdung von der Natur" bleiben kann, sondern der Versuchung nachgibt, den Rundumschlag noch auf Kindersklaven zu erweitern. Ist ja auch praktisch für seine Mission, denn damit hat er ein Thema schon mal "erschöpfend behandelt", ohne anderen Zeit für eine Meinungsbildung (oder gar -äußerung) zuzugestehen.

Ganz böse formuliert: Diese Kinder auf den Plantagen, die atmen wenigstens keine Büroluft und sehen bestimmt sehr viele Sonnenuntergänge und erleben ganz viele Wolkenbrüche unter freien Himmel. Müssten sie dann nicht glücklich sein und ständig ganz nah an der Wahrheit dran? Sollten wir sie nicht beneiden? Ich glaube nicht, dass dies die Intention deines Textes/deines Erzählers war.
Aber so geht's eben, wenn man sich für den Messias hält. Früher oder später schießt man sich argumentativ selbst ins Knie.

Also raus mit der Fußnote, mindestens.
Wenn du das Schicksal von Kindersklaven auf Kakaoplantagen beleuchten möchtest, recherchiere die Hintergründe und schreib einen separaten Text darüber.


_________________
fehlende Quellenangabe: mein Kopf.
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hobbes
Geschlecht:weiblichTretbootliteratin


Beiträge: 3353

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
Ei 4 Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 05.08.2016 22:54    Titel: Antworten mit Zitat

Ist das ernst gemeint? Dieser Text?

Beim ersten Lesen habe ich genau hier aufgehört:
Zitat:
Mein Blick war durch das Fenster nach draußen gefallen.

Ob er sich wohl weh getan hat, beim Fallen?
Klar, Blicke fallen schon mal. So für sich betrachtet ginge das vielleicht sogar. Nein, doch eher nicht. Müsste ein Blick nicht auf etwas fallen? Hier fällt er einfach so ins Nichts. Na gut, nach draußen. Aber was ist da.

Der Satz allein hätte mich nicht dazu gebracht, aufzuhören, das lag hauptsächlich an der Häufung der Adjektive, an totdmüde, einem fehlenden Komma und dann eben diese drei Sätze
Zitat:
Ich erhob mich also und erstarrte. Mein Herz schlug plötzlich höher. Mein Blick war durch das Fenster nach draußen gefallen.

Ein Herz schlägt nicht höher, sondern schneller.
Aber das ist nicht mein Hauptproblem, mein Hauptproblem ist - und das stellte sich dann vor allem beim zweiten Lesen heraus, dass ich mir andauernd die Eingangsfrage stelle, nämlich, ob das ernst gemeint ist.
So etwas zum Beispiel
Zitat:
Die Tropfen peitschten mir ins Gesicht, während ich dem Sonnenuntergang entgegeneilte,

Peitschende Tropfen? Dem Sonnenuntergang entgegen eilen?
Ich habe andauernd das Gefühl, da will mich einer verscheißern. Und dazu habe ich keine Lust.
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Aneurysm
Geschlecht:männlichHobbyautor


Beiträge: 474



BeitragVerfasst am: 06.08.2016 00:02    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inkognito,

ich muss mich leider hobbes anschließen. Der Text ist absurd auf eine vermutlich ungewollte Art, sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Die Handlung wirkt meiner Meinung nach arg konstruiert, um die Botschaft – lasst uns die Zivilisation komplett abschaffen, Tiere jagen und uns mit der Natur verbunden fühlen – in eine Geschichte zu pressen: Der männliche Protagonist beschäftigt sich kurz mal nicht mit seinem Handy, schaut aus dem Fenster und wird dann komplett wahnsinnig – er zieht sich Barfußschuhe¹ an springt stundenlang im Wald herum, hat nach dem Urinieren plötzlich ganz tolle Erkenntnisse à la »Man braucht keinen Job und keine Freunde, nur durch einsames Rumspringen im Wald erfährt man wahres Glück« und am nächsten Tag ist wieder alles wie vorher. Am Ende gibt's dann noch eine Fußnote, die mit dem eigentlichen Text überhaupt nichts zu tun hat. Geschmacklos wird es nicht erst da, sondern schon hier, finde ich:

Inkognito hat Folgendes geschrieben:
Meine Pisse plätscherte im Einklange mit der der Wolken auf das Gras. Es war befreiend.


Und die Logik beim folgenden Satz erschließt sich mir nicht so ganz:

Inkognito hat Folgendes geschrieben:
Du lebst in Freiheit, Vogel, etwas was wir Menschen verlernt und verkauft haben.


Also, ich lebe in Freiheit, du etwa nicht? Und an wen haben wir das verkauft? Solche Phrasen gibt es ziemlich oft im Text, und auch wenn die Argumente gut wären, nähme die Botschaft des Textes für mich zu viel Raum ein.

Sprachlich überzeugt mich das mehr als inhaltlich, aber auch nicht so sehr, dass es den Gesamteindruck wesentlich ändert. Einige Passagen sind solide, anderen fallen komplett aus dem Rahmen; da hat hobbes schon den Finger in die Wunde gelegt.

Liebe Grüße,
Aneurysm

¹ Im ganzen Text wird gepredigt, man solle wieder »echt« sein und in und mit der Natur leben, und dann Barfußschuhe? Barfußschuhe sind der Inbegriff von Künstlichkeit; statt wirklich ohne Schuhe zu laufen, zieht man welche an, mit denen es sich so anfühlt, als ob man keine anhätte. Das macht den Text nicht unbedingt glaubwürdiger.
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Gast







BeitragVerfasst am: 06.08.2016 00:21    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Die Selbstmitleidsnummer interessiert eh keinen. Sache ist, dass ich resigniert mein Smartphone ausschaltete.


Endlich wird sich dem Wesentlichen gewidmet.
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BlueNote
Geschlecht:männlichStimme der Vernunft


Beiträge: 6960
Wohnort: NBY
Ei 4



BeitragVerfasst am: 06.08.2016 05:31    Titel: Antworten mit Zitat

Ich kam bis zu dieser Zeile: Meine Pisse plätscherte im Einklange mit der der Wolken auf das Gras. bis mich die schiere Verzweiflung packte.

Ich bin ja durchaus ein Kind der "Zurück zur Natur" Bewegung, aber was ich hier an Oberflächlichkeit, Schwulst und Ausdrucksfehlern lesen musste, hat mich wahrlich erschüttert. Fallen jemandem grobe Fehler auf, fragt der Unbekannte noch in der Einleitung. Ja, in fast jedem Satz befinden sich grobe Fehler.

Am Schluss, lese ich gerade, wird's auch noch politisch und der Autor "glänzt" mit Statistik. Am nächsten Tag wichste ich vor meinem 4K-Bildschirm auf Hentaiporn. MannMannMann! Was war hier für ein "Literat" am Werk?

Ich bitte um Inkognitoauflösung!

Entsetzt!

BN
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Leveret Pale
Geschlecht:männlichAutor

Alter: 21
Beiträge: 760
Wohnort: Jenseits der Berge des Wahnsinns


BeitragVerfasst am: 06.08.2016 10:18    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zitat:
Ist das ernst gemeint? Dieser Text?

Nein und Ja.

Zitat:
Im ganzen Text wird gepredigt, man solle wieder »echt« sein und in und mit der Natur leben, und dann Barfußschuhe? Barfußschuhe sind der Inbegriff von Künstlichkeit; statt wirklich ohne Schuhe zu laufen, zieht man welche an, mit denen es sich so anfühlt, als ob man keine anhätte. Das macht den Text nicht unbedingt glaubwürdiger.

In diesem Text wird gar nichts gepredigt, das ist weder ein Essay, noch ein Pamphlet noch die Bibel, noch entsprechen die Meinung und die Handlungen des Charakters den meinen. Um was es mir hier eigentlich geht, ist die Absurdität gewisser Abspekte der menschlichen Natur darzustellen, denn letztendlich geht es in diesem Text um Konsum. (Und eine große Portion Trash und Absurdität ist auch drin)

Die ganze Familie des Protagonisten konsumiert Fernsehen oder Videospiele, der Prota ist  dieser Art von Konsum überdrüssig und  geht mit seinem Konsumgut Barfußschuhe nach draußen um die Idee der Natur als Quelle des Glücks zu konsumieren. Aber er konsumiert nur diese Idee, genauso wie er die "Erleuchtung" konsumiert. Sie verändert ihn nicht wirklich und am nächsten Tag fällt er wieder in das alte Konsummuster zurück und konsumiert Porn, ungesundes Essen und Drogen. Ob die Natur jetzt die Erlösung (wenn es soetwas überhaupt gibt) darstellt, ist absolut irrelevant - außer jemand glaubt den vermeintlichen Erkenntnissen des Protas. Ich werde niemanden davon abhalten in den Wald zu ziehen, die Natur zu vergöttern und wahnsinnig zu werden.

Der Text führt den Leser absichtlich etwas an der Nase herum, um ihn am Ende ins Gesicht zu schlagen.
Die Fußnote war zuviel, das sehe ich ein und werde sie streichen.
Und natürlich gibt es in dem Text noch einige stilistische und inhaltliche Mängel (einige sind auch gewollt), aber dazu habe ich ihn in die Werkstatt gestellt, weil man hier am Text arbeiten kann.

Zitat:
Der Text ist absurd auf eine vermutlich ungewollte Art

Nein, auf gewollte und ich musste lachen, weil ihr tatsächlich den Text  ernstgenommen habt. Entschuldigt. Ich hoffe, es fühlt sich niemand verarscht.

Zitat:

Der männliche Protagonist beschäftigt sich kurz mal nicht mit seinem Handy, schaut aus dem Fenster und wird dann komplett wahnsinnig – er zieht sich Barfußschuhe¹ an springt stundenlang im Wald herum, hat nach dem Urinieren plötzlich ganz tolle Erkenntnisse à la »Man braucht keinen Job und keine Freunde, nur durch einsames Rumspringen im Wald erfährt man wahres Glück« und am nächsten Tag ist wieder alles wie vorher.

Ja, fasst die Geschichte perfekt zusammen.

Ich überarbeite den Text nocheinmal und stell ihn im Laufe des Tages ein.
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Rainer Zufall
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 66
Beiträge: 800

Pokapro und Lezepo 2014


BeitragVerfasst am: 06.08.2016 10:39    Titel: Antworten mit Zitat

Huch, da hat sich jetzt was überschnitten, hab telefoniert und deswegen so spät abgeschickt, ich lasse es alles trotzdem mal so, wie ich es vorher geschreiben hatte. Auch wenn du schon Antworten gibst.
 


Hallo Incognito,

mein Vorredner fand das Ende deines Textes, ich rede nicht von der Fußnote, ganz schlimm. Du selbst fragst, ob es vielleicht zu geschmacklos ist.

Ich sag das mal so: ich hab zwar ganz viel an dem Text zu bemängeln, aber gerade das Ende finde ich gut. Ohne dieses Ende wären der Text und seine Botschaft völlig moralisierend und unbekömmlich geworden. Ich habe auch das Gefühl, du hattest eine andere Intention, als einfach nur die, für ein einfaches, natürliches Leben zu werben.

Warum komme ich darauf?
Du zeigst einen Ausschnitt aus dem Leben eines Protagonisten, der normalerweise nur ein Anhängsel seiner Kommunikationsmedien ist, sich Rauscherlebnisse verschafft etc. der nun hüpft überreizt und übermüdet durch einen spontanen Einfall nach draußen und konsumiert fast wahnhaft die Natur.
Da kommen dann einerseits Stellen vor, die ich einfach furchtbar kindlich finde, die Fragen, die der Prot. sich stellt, die Erkenntnisse, all die sind schon sehr naiv, sehr moralisch. Und sie sind tw in einen absurden Zusammenhang gestellt, wirken nicht ernst gemeint, sondern folgenlos.

Ich bin bin mir nicht wirklich sicher, aber gerade angesichts des Endes habe ich das Gefühl, du machst dich über deinen Prot lustig. Über seine Naturekastase, die naiven Fragen usw. Ich denke mir also und frage mich das, ob du die Übertreibungen, die Naivität, nicht gerade deswegen so aufbaust, weil du das Ende der Geschichte vorbereiten willst. Es also absichtlich machst.
Denn schon der Höhepunkt seines abendlichen Ausfluges das Wettpinkeln mit den Wolken, die Urerkennnisse beim Schließen des Hosenstalls, das wirkt so absurd, so unpassend, so übertrieben. Ich finde diese Wettpinkelstelle, an der ausgerechnet er seine Transzendenz erfährt, ziemlich komisch. Aber ich weiß auch nicht, ob du diese Komik überhaupt beabsichtigt hattest.
 
Auch schon die Barfußschuhe habe ich im Unterschied zu meinen Vorlesern als ironisches Augenzwinkern wahrgenommen.
Mit den Wolken um die Wette pissen, (der eine Satz da) das geht natürlich trotzdem nicht. Rein semantisch. Da müsstest du ein weniger schiefes Bild finden.

Wenn ich mit der Annahme recht habe, heißt das aber auch, die Intention klarer zu machen. Und wenn ich unrecht habe, auch.
Denn insgesamt wirkt der Text im Moment noch unentschieden, weiß noch nicht so recht, wohin er will, ob er zynisch-komisch oder moralische Botschaft sein will.


Fazit also: Du müsstest das sprachlich sehr sehr überarbeiten, damit die fürchterlichen Floskeln und solch übertriebene Stellen wie die schon öfters zitierte Piss-Stelle, rausfallen.
Die Pissstelle ist einfach nur unfreiiwillig komisch. Ein sprachlich einfach schiefes Bild.
Beispiele für Floskeln ist sowas:
Zitat:
Der Moment war real, echt, nicht so wie der tägliche Trott in der Maschinerie der Gesellschaft, nicht so wie die Belanglosigkeit der Zivilisation.

Maschinerie der Gesellschaft / Belanglosigkeit der Zivilisation
Auch die Frage an den Vogel:
Zitat:
Du lebst in Freiheit, Vogel, etwas was wir Menschen verlernt und verkauft haben.

Du müsstest dich einfach mal selbst ernsthaft fragen, was die Menschen denn an wen verkauft haben oder was die Maschinerie der Gesellschaft ist.
Ich verstehe schon, wenn ich mit meiner Annahme Recht habe, dann kannst du zwar keine ernsthaften Fragen stellen, aber du solltest halt trotzdem sprachlich und in der Menge seiner Schwärmereien ein bisschen runterfahren. Pointieren vielleicht.


Die Fußnote allerdings würde ich komplett streichen. Die führt inhaltlich ab, ist außerdem in dem gewollt zynischen Vergleich zwischen dem Kindersklaven und dessen Leben und den 99 Cent für ein E-Book zwar inhaltlich ein ziemlicher Tabu-Bruch, trotzdem im Zusammenhang inhaltlich einfach unpassend, führt den Leser wieder auf eine andere Schiene. Das würde ich nicht machen, auch keine Bukowski-Anleihen "bei Bukowski", wer ihn kennt, kreischt da innerlich immer auf, wenn sich jemand so auf ihn bezieht, und die, die ihn nicht kennen, für die ist es eh wurscht.

Viele Grüße
Zufall
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Aneurysm
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BeitragVerfasst am: 06.08.2016 11:04    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inkognito,

nein, ich fühle mich nicht vom Text verarscht – deine Erläuterungen ändern nur wenig an meinem Gesamteindruck. Wenn du dich, wie Rainer Zufall geschrieben hat, über deinen Protagonisten lustig machen willst, solltest du meiner Meinung nach
    – die stark moralisierenden Stellen aus dem Text streichen.
    – die Fußnote ersatzlos streichen.
    – schon früher Hinweise darauf geben, dass der Erzähler auch über den            Protagonisten lacht, sonst lache ich über Erzähler und Protagonisten.
    – leere Phrasen und extrem bildhafte Sprache reduzieren.


Liebe Grüße,
Aneurysm
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nebenfluss
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BeitragVerfasst am: 06.08.2016 14:28    Titel: Antworten mit Zitat

Aneurysm hat Folgendes geschrieben:

– schon früher Hinweise darauf geben, dass der Erzähler auch über den            Protagonisten lacht, sonst lache ich über Erzähler und Protagonisten.


Gibt's bei diesem Ich-Erzähler eine Trennung in Erzähler und Prota Shocked
Vielleicht eine interessante Frage?


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Leveret Pale
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BeitragVerfasst am: 06.08.2016 15:03    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

@Rainer Zufall Es freut mich, dass jemand die Geschicht bzw. ihre Intention einigermaßen versteht. Ich werde versuchen die Verbesserungvorschläge umzusetzen. Vielen Dank!

Zitat:

Zitat:
– schon früher Hinweise darauf geben, dass der Erzähler auch über den Protagonisten lacht, sonst lache ich über Erzähler und Protagonisten.



Gibt's bei diesem Ich-Erzähler eine Trennung in Erzähler und Prota Shocked
Vielleicht eine interessante Frage?

Eigentlich nicht.
Aber ich glaube Aneurysm meint hier die Trennung zwischen Autor und Protagonisten und mit Erzähler den Autor. Und diese Trennung existiert auf jeden Fall, ist ja eine fiktive Geschichte.
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nebenfluss
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BeitragVerfasst am: 06.08.2016 15:11    Titel: Antworten mit Zitat

Die Kinder auf den Kakaoplantagen sind aber nicht fiktiv. Das macht ihre Verwendung (mit Subtext "erhobener Zeigefinger") schwierig.
Aber egal, die Fußnote ist ja wohl eh draußen.

Würde gerne eine Überarbeitung sehen, jetzt, wo die Stoßrichtung bekannt ist.
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Sissi Fuß
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BeitragVerfasst am: 06.08.2016 16:27    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe den Text auch gelesen und wusste nicht so recht, was ich davon halten soll. Erst fand ich die Idee an sich nicht schlecht: Generation Playstation entdeckt die Schönheiten der Natur. Darüber habe ich zumindest etwas amüsiert, weil mir spontan jemand einfiel ... das gehört aber nicht hierher. Die Obszönitäten lassen mich ein wenig peinlich berührt zurück und wie befreiend pinkeln sein kann, weiß jeder, der mal längere Zeit im Stau gestanden hat. In diesem (und auch jedem anderen) Text finde ich die Schilderung dieses Vorgangs allerdings völlig überflüssig, genau wie die Fußnote, die nach diesem ganzen Durcheinander wie ein erhobener Zeigefinger daher kommt - besonders unpassend nach dem abschließenden Absatz davor. Außerdem machen ein paar solcher verbalen Entgleisungen noch lange keinen Bukowski. Ein tiefgründigeres Befassen mit der Materie, dafür weniger Effekthascherei und Flapsigkeit würde dem Text gut tun.
Die Grundidee gefällt mir.
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Leveret Pale
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BeitragVerfasst am: 13.08.2016 14:12    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

So, ich hab jetzt noch ein bisschen dran rumgebastelt. Bin aber auch noch nicht 100% zufrieden damit.

Ich wischte lustlos über mein Smartphone, scrollte geistesabwesend durch Facebook-Timelines und refreshte gefühlte zehnmal die Minute meine E-Mails. Ich war von einem langen Tag ausgebrannt und totmüde, weil ich in der Nacht von dem Tastenklappern meines videospielsüchtigen Bruders im Nebenzimmer wachgehalten worden war, und... scheiße. Die Selbstmitleidsnummer interessiert eh keinen. Sache ist, dass ich resigniert mein Smartphone ausschaltete. Ich beschloss, mich waschen zu gehen und trotz des Tastenklapperns und des Fernsehers im Wohnzimmer zu versuchen früher einzuschlafen. Ich erhob mich und erstarrte.
Mein Herz schlug plötzlich schneller. Es regnete draußen und über den Häuserdächern zeichnete die Natur in purpurlilanen, blassrosanen und wildorangen Pastellfarben einen bezaubernden Sonnenuntergang, ummantelt von voluminösen Wolken. Ein unwiderstehlicher, berauschender Drang ergriff mich, diesem Schauspiel näher zu kommen.
Bevor ich mich versah, war ich die Treppe hinuntergestürzt, hatte mir Barfußschuhe übergezogen und war nach draußen gerannt. Es regnete in Strömen. Ich trug nicht mehr als ein T-Shirt, Shorts und Socken mit Gummisohlen dran. Die Regentropfen peitschten mir ins Gesicht, während ich dem Sonnenuntergang entgegeneilte, vorbei an grauen Häusern und der Natur entgegen. Ich lachte, rannte und flog über Asphalt und Gras mit einer Geschwindigkeit und Leichtigkeit, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte. Wenn ich mich doch immer so schnell bewegen könnte, dann wäre ich Weltrekordhalter im Sprint. Ich flog die Straße hinab, verließ die Siedlung und tauchte in einen Park ein. Ich rannte einen Hügel hoch und kam erst dort zum stehen. Mein Blick schweifte über die Baumwipfel, über den Horizont und den Sonnenuntergang. Ich fühlte mich lebendig, ja lebendig und ich konnte spüren, dass alles um mich herum ebenso vor Lebenskraft pulsierte. Der Regen hatte meine Kleidung bis auf die Knochen durchnässt und eigentlich hätte ich frieren müssen bei den Temperaturen, aber ich spürte nichts als Freude und ein Gefühl von Geborgenheit und im Einklang mit der Natur zu atmen. Der Moment war real, echt, nicht so wie der tägliche Trott in der Maschinerie der Gesellschaft, nicht so wie die Belanglosigkeit des Fernsehens oder die ganze andere Scheiße, mit der ich sonst die Zeit totschlug. Absolut echt. Das Rauschen des Regens, der Gesang der Vögel, das Gras unter meinen Füßen. Ein Rabe flog an mir vorbei und ich dachte: Du lebst in Freiheit, Vogel, etwas was wir Menschen verlernt und verkauft haben.
Und just in diesem Moment bemerkte ich einen starken Druck auf der Blase.
Ich sah mich um, aber bei diesem lebendigen Wetter war kein einziger Mensch unterwegs. Ich ließ die Hose herunter. Meine Pisse plätscherte im Einklange mit der der Wolken auf das Gras. Es war befreiend. Ja, ich fühlte mich wie ein wahrer Mensch, frei und glücklich, während ich in einer öffentlichen Grünanlage, hoch oben, weit sichtbar auf einem Hügel bei strömenden Regen meinen Schwanz herausholte und auf den Rasen urinierte.
Ich schloss meine Hose und sah zum Himmel, betrachtete den numinosen Sonnenuntergang. Und plötzlich durchdrang mich eine tiefe Erkenntnis:
Man braucht kein Wikipedia, Wikileaks und auch kein Meskalin oder LSD, kein Philosophiestudium, um die Wahrheit zu erkennen, man braucht auch keinen Job, Freunde, THC oder Ethanol, um Glück zu empfinden. Im Gegenteil, diese Dinge führen einen nur weiter weg von der wahren Wahrheit und vom wahren Glück. Für diese beiden braucht der Mensch nichts, als in seine Heimat zurückzukehren, sich von der entfremdenden Zivilisation zu befreien, in die Natur zu gehen. Ich streckte die Arme aus, spürte die Tropfen auf meiner Haut und lachte, genoss den Moment. Nach einiger Zeit, als der Sonnenuntergang beinahe ganz hinter den Bäumen verschwunden war, rannte ich den Hügel hinab, die Wege entlang, vorbei an einem Teich, hinaus aus dem Park auf eine weite Fläche, auf Felder und Wiesen, immer der Sonne entgegen. Ich riss mir das T-Shirt vom Leib, lachte, sprang über und in große Pfützen, in denen sich der Himmel spiegelte. Diese Ekstase dauerte an, bis die Sonne gänzlich verschwunden war, ich mir das Shirt wieder anzog und durch die Nacht nachhause joggte.
Ich sperrte auf und sofort schlugen mir die abgestandene Luft des Hauses und der Lärm des Fernsehers entgegen. Ich trat ein, zog die Schuhe aus und wusch meine Füße. Meine Mutter fragte mich nicht, wo ich die letzten Stunden gewesen war, zu sehr war sie von der Flimmerkiste gebannt.
Arme Menschheit. Wir haben das wahre Paradies gegen falsche, künstliche Paradiese ausgetauscht.
Die Frische des Windes tauschten wir gegen die abgestandene Luft von Bürogebäuden und Schulen; statt frei durch die Welt zu streifen, haben wir uns in Ketten gelegt; statt die Früchte, Nüsse und das gesunde Fleisch der Natur zu genießen, stopfen wir uns mit vorgefertigter Scheiße voll, die uns krank macht. Statt Abenteuer zu erleben, die Welt als Nomaden zu entdecken, hocken wir vor Bildschirmen. Statt zusammen zu jagen, töten wir einander für glitzernde Steine, weiße Pulver und grüne Papierfetzen. Wir vergiften die Meere und Flüsse, verbrennen die Wälder, wir Muttermörder. Ich schüttelte den Kopf über diesen Irrsinn, ging die Treppe hoch, hörte das Klappern der Tasten, schlug die Zimmertür hinter mir zu und ging zu Bett. Ich fühlte mich ausgeglichen vom Laufen und irgendwie auch erleuchtet. Ich schlief so tief und lange, wie seit Monaten nicht mehr.

Am nächsten Tag wichste ich vor meinem 4KBildschirm auf Hentaiporn, fraß 85%ige Schokolade und missbrauchte Kodeintabletten. Einschlafen konnte ich an dem Abend wieder nicht, aber eigentlich war das mir relativ egal. Schlaf wird überbewertet, die Natur eigentlich auch, wenn ich so darüber nachdenke. Ziemlich kalt und nass und es gibt dort kein Wlan. Ich verbrachte die Nacht Cartoons schauend und kiffend vorm Rechner. Ich habe mir jetzt eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio besorgt und laufe dort jeden Abend auf dem Laufband um müde zu werden. Klappt.
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V.K.B.
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Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 15.08.2016 01:53    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo, hab auch gerade beide Versionen gelesen und die neue ist definitiv besser. Schon das Fehlen der Fußnote haut es raus, denn die hat die erste Version komplett ruiniert.

Ein Problem habe ich noch: Der Protagonist bleibt für mich irgendwie unglaubwürdig. Erst diese "Erkenntnis", und am nächsten Tag ist plötzlich alles vergessen? Selbst dass man in der Natur laufen kann und deshalb nicht ins Fitnessstudio muss? Klar weiß ich worauf du (als Autor) damit hinauswillst, aber es sollte etwas glaubwürdig bleiben. Für den Protagonisten käme wahrscheinlich eher ein Kompromiss in Frage, ich geh dann halt mal draußen rennen wenn ich nicht schlafen kann, aber das würde nicht zur gewollten Message passen.

Im großen und ganzen erscheint mir die Geschichte immer noch etwas als Beiwerk oder reines Mittel zum Zweck, die sogenannte "moderne Konsumgesellschaft" zu kritisieren. Auch wenn es in der zweiten Version ein bisschen subtiler geworden ist.

LG,
Veith
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