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Annalena und die Alpen


 
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MT
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 47
Beiträge: 1172
Wohnort: Im Süden (Niedersachsens)


BeitragVerfasst am: 05.08.2015 19:04    Titel: Annalena und die Alpen eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Annalena und die Alpen


Die Frau gegenüber spricht in Halbsätzen, sie fuchtelt mit den Händen durch die Luft, sichtlich darauf bedacht, mit ihren Gesten die Wichtigkeit der Worte zu unterstreichen. Dann und wann unterbrechen Tränen ihre Rede, die Frau versucht sie zu unterdrücken.
Der Mann neben mir ist ebenso aufgebracht, er äußert es aber anders: er riecht nach Schweiß und unbedacht gekauftem Rasierwasser, es hängt an ihm wie ein Duftbaum im Raucherauto. Wenn der Mann an der Reihe ist, kann er seine Stimme zähmen, er muss nicht laut werden, sein sonorer Bass erreicht jeden im Saal. Mit Menschen wie ihm verdiene ich mein Geld.
Der Richter ist um Schlichtung bemüht, aber überfordert. Was da an Emotionen, an Verachtung und Missgunst hin- und hergeworfen wird, verursacht selbst bei ihm, dem erfahrenen Juristen, Kopfschütteln.  

Es ist der 30 Juli 2015, ein heißer und schwüler Sommertag. Mein Hemd klebt am Rücken, so wie meine Zunge am Gaumen. Die Luft steht im Raum. Tische und Stühle im Charme einer Amtsstube aus den Achtzigern dünsten einen süßen, fast beißenden Geruch von Reinigungsmitteln aus. Wie viele Hände schon auf der Holzplatte vor mir gelegen haben müssen, zeigt die graue Patina; sie klebt wie ein Kaugummifilm.

Ich schaue nach rechts zum Richter. Er zieht Schultern und Augenbrauen hoch, hat längst akzeptiert, dass sein Messer auch stumpf sein kann, dann hört er eben auf zu schneiden; zwei Jahre trennen ihn von seiner Pension. Ich drehe mich zur anderen Seite. Der fette Schweinskopf neben mir hat sich mit Blut gefüllt, ständig rutscht die Brille von der Nase und muss mit dem dicken Zeigefinger hinaufgeschoben werden. Mein Mandant kommt allmählich in Fahrt, auch seine Stimme wird jetzt lauter, während sich die Frau gegenüber offenbar immer wieder auf die Zähne beißt: ihre Wangenmuskeln puckern wie ein schlagendes Herz.

Meine Gedanken schweifen ab, der Gerichtssaal mit seiner Theateraufführung ohne Drehbuch und Regie rückt von mir fern, Stimmen und Bilder verschwimmen, gehen auf in einem nebligen Schleier. Mein Urlaub steht bevor, nur noch wenige Tage und ich sitze im Flugzeug zehntausend Meter über dem Grund. Unter mir werden die Alpen entlangziehen, im vergangenen Jahr habe ich sie auf dem Fahrrad überquert. Den Bergen ist es einerlei, von wo aus sie betrachtet, in welcher Art sie begriffen werden oder für immer unverstanden bleiben. Sie bilden stets ein und dasselbe Massiv. Ich erinnere meine Angst, meinen Respekt vor dieser stummen Naturgewalt. Die Wucht, mit der diese riesigen Felsbrocken am ersten Tag meiner Tour dort standen, ließen mich auf die Größe einer Ameise schrumpfen, mir entrann der Mut, jemals auf der italienischen Seite anzukommen. Sieben Tage brauchte ich, bis mich – am Ende meiner Kräfte, doch mit einem nie gekannten Stolz – das kleine Städtchen Pietro am Fuße der Südseite in seine Arme schloss. Die Padrona der kleinen Trattoria im Ort lächelte mitleidsvoll und brachte mir einen Krug Wasser, später Wein und Essen. Mir liefen die Tränen vor Glück und mit ein paar Einheimischen trank ich bis in die Nacht, weit, weit weg von der Kündigung meines ersten Arbeitgebers, die mich damals kurz vor meinem Urlaub ereilt hatte und noch viel weiter weg von Schwindel und Kopfschmerz meiner Mutter, über die sie bei jedem Telefonat klagte.

Mein Kippeln mit dem Stuhl habe ich gar nicht bemerkt, fast wäre ich nach hinten übergefallen. Es wäre ein Trugschluss zu glauben, die Gemüter der Streitparteien hätten sich beruhigt, die aktuelle Schreipause ist erfahrungsgemäß nur von kurzer Dauer. Aber: der Moment kommt wie gerufen!
Ich stehe auf, nehme meine Tasche vom Boden, stelle sie vor mir ab und verstaue meine Akte darin.
„Was soll das? Was tun sie da?“ Mein rotbackiger Mandant starrt mich aus großen Augen an.
„Wir sind noch nicht fertig“, quäkt die Frau von gegenüber.
„Ich schon“, gebe ich zur Antwort.
Als ich gehen will, hält mich der Mandant am Arm fest.
„Sie können jetzt nicht abhauen, ich brauche sie.“
„Nein“, antworte ich, löse mich aus seinem Griff und sehe zum Richter.
„Ich lege hiermit mein Mandat nieder.“
Der Richter nickt, als hätte er auf meine Worte gewartet.
Und an den Mandanten gerichtet: „Wir sind beim Amtsgericht, es herrscht kein Anwaltszwang. Sie kriegen das ohne mich ganz sicher besser hin.“
Dann verabschiede ich mich mit einem ‚Leben sie wohl‘.
Und gehe, meine Gedanken nur noch bei Dir, Annalena.

(…)

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MT
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 47
Beiträge: 1172
Wohnort: Im Süden (Niedersachsens)


BeitragVerfasst am: 05.08.2015 19:59    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

... der erste von zwei bzw. drei Teilen eines Kurzprosastücks! Wird Interesse geweckt? Was gilt es ggf. zu verbessern?

Feuer frei, ich bin hart im Nehmen! Laughing

Und: Danke schon mal im voraus für jeden Senf, der dazu gegeben wird!
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Aranka
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger


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Pokapro und Lezepo 2014



BeitragVerfasst am: 06.08.2015 07:54    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,

nur eine ganz kurze Rückmeldung:

Ich würde weiterlesen. Dein Schreibstil gefällt mir. Du erzählst souverän: gute Beobachtungen (ob zu Ort oder Personen), auch interessante Gedanken (sie fließen ganz gekonnt nebenbei ein).

Soweit - so gut.

Wo du mit der Geschichte hin willst, kann ich noch nicht so ganz erfassen. Das wäre jedoch wichtig und für mich neben einem angenehmen Schreibstil entscheidend, ob ich sie als lesenswert betrachte. Ich denke mal, dass Annalena noch eine entscheidende Rolle spielen wird, die Alpen auch (Titel). Da erwarte ich dann als Leser, dass sich mir die Zusammenhänge zur Szene im Gerichtssaal noch erschließen werden.

Die Überschrift würde ich ändern, denn die lockt nicht gerade zum Reinschauen.

Auch denke ich, dass der 2. Abschnitt der erste sein könnte. Du willst vielleicht direkter ins Geschehen einsteigen, weil das spannender ist, aber so, wie es jetzt da steht, wirkt der 2. Abschnitt wie nachgeschoben, wie eine lästige Unterbrechung im Geschehen.
Der Bruch wird durch das Datum besonders markant. Braucht die Geschichte das Datum? Bekommt es noch eine Bedeutung.

Du siehst, die Fragen die ich habe, werden sich vielleicht ganz von alleine innerhalb der Geschichte klären.

Würde ganz zum Schluss dann auch noch mal ins Detail schauen, da wir ja in der Werkstatt sind. Gravierendes ist mir nicht aufgefallen. Am Dialog könnte man etwas feilen, damit er sich besser liest.

Ich bin jedenfalls gespannt auf das Weitere. Habe bis hierher gerne gelesen.

Liebe Grüße Aranka
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EWJoe
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Beiträge: 275
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BeitragVerfasst am: 06.08.2015 14:56    Titel: Antworten mit Zitat

Servus Inko,

auch mir gefällt Dein Stil sehr gut. Einige Formulierungen sind wirklich sehr fein.
Besonders mag ich den Satzteil:
Zitat:
... er riecht nach Schweiß und unbedacht gekauftem Rasierwasser, ...


Er spiegelt eine feine Beobachtungsgabe wider. Eine Geschichte, die in einem Gerichtssaal beginnt, wo ein gelangweilter Anwalt in Erinnerungen an eine Radtour versinkt. Er ist nicht gerade glücklich mit dem Fall, möglicherweise mit den Fällen, die er über hat. Schließlich legt er das Mandat zurück, (für seinen derzeitigen Job auch nicht gerade föderlich) das dürfte so der Einstieg in die Story sein. Offenbar ist er mit seinen anwaltlichen Tätigkeiten bisher nicht recht glücklich gewesen sein.

Am Schluss dieser Episode steht der Gedanke an Annalena, von der (man vermutet mal, dass es ein Mädl ist) man nichts weiter weiß. Der Titel mag die Erwartung nähren, dass sie etwas mit der Alpentour zu tun hat.

Vom Stil her tippe ich auf Inko = (zwei Buchstaben, mit T endend)

Gern gelesen
Ciao, erstmal
EWJoe
[/quote]
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MT
Geschlecht:männlichDichter und Denker

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BeitragVerfasst am: 06.08.2015 15:52    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

EWJoe hat Folgendes geschrieben:

Vom Stil her tippe ich auf Inko = (zwei Buchstaben, mit T endend)

 Shocked Shocked Shocked


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Das Schicksal verzichtet oft auf Kommentare, es begnügt sich damit, zuzuschlagen.

Siegfried Lenz
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MT
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Alter: 47
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BeitragVerfasst am: 06.08.2015 15:58    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Irgendjemand hat mal vor längerer Zeit hier im Forum gesagt, ich könne das INKO bleiben lassen, meinen Stil würden die (mich kennenden) Leser sowieso mit mir in Verbindung bringen. Ich habe das damals nicht ganz geglaubt. Du, EWJoe, hast mich jetzt eines besseren belehrt. Und siehst mich tatsächlich sprachlos!

Aranka und Dir zunächst bis hier erst einmal ein dickes Dankeschön fürs Lesen und Kommentieren!!! Auf Einzelheiten werd ich am Ende eingehen.

Da ich zur Zeit unterwegs bin, wird es mit der Fortsetzung noch ein wenig dauern.

LGMT
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Mermaid
Geschlecht:weiblichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 142

Pokapro 2015


BeitragVerfasst am: 06.08.2015 16:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Nicht-mehr-Inkognito,

mir erscheint es ein wenig unrealistisch, dass jemand in einer solchen Situation (Gericht, Streit, der Erzähler kann jederzeit gefordert sein, als Anwalt einzugreifen) in tiefsinnige Gedanken über die Alpen abgleitet. Da müsste der Auslöser vielleicht ein wenig stärker sein als "nur" der bevorstehende Urlaub. Spielen die Andeutungen am Ende des Absatzes über die Alpenüberquerung (Kündigung, Kopfschmerz der Mutter)später noch eine Rolle? Ansonsten wäre zu überlegen, sie wegzulassen, um den Text nicht mit Problemen/Konflikten zu überladen.

Mir fehlt auch noch ein zweiter Auslöser. Warum legt der Erzähler sein Mandat nieder? Was ist passiert? Das Motiv bleibt hier noch völlig unklar. Ist vielleicht genau so gewollt, für mich wirkt es, bitte entschuldige die platte Ausdrucksweise, ein wenig lieblos "drangeklatscht".

Der letzte Satz passt für mich nicht zum Rest. Auch er wirkt etwas "unmotiviert". Warum spricht er Annalena jetzt direkt an? Hat er seine Gedanken schon die ganze Zeit ihr erzählt?

Ich wüsste gerne, wie es weiter geht, so Aussteiger-Sachen interessieren mich.

Meergrüße,
Mermaid
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Holländer
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber


Beiträge: 16



BeitragVerfasst am: 06.08.2015 17:34    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber MT,

da du mir bis eben nicht bekannt warst, habe ich deinen Stil auch nicht wiedererkennen können.
Allerdings muss ich sagen, dass ich keinen Augenblick verwundert darüber gewesen bin, dass dies anderen hier gelungen ist.
Mir gefällt er nämlich ebenfalls, und Wiedererkennungswert ist eben dabei.

Ebenso stimme ich zu, dass du eine schöne Beobachtungsgabe hast, der du auch sprachlich gerecht werden kannst. Die Atmosphäre in einem deutschen Gerichtssaal wirkt authentisch, dein Fokus liegt eindeutig auf den negativen Eindrücken deines Protagonisten, was die Situation zusätzlich intensiviert, wie ich finde.

Im Gegensatz zu meinem "Vorschreiber" finde ich persönlich es nicht unrealistisch, dass auch ein Anwalt mal in Gedanken abschweift, die ihn seine Umwelt vergessen lassen. Sicher ist das nicht gerade förderlich für das Aufbauen einer klugen Verteidigungsstrategie, aber es passiert eben. Vor allem, wenn jemanden Geschrei, ein desillusionierter und überforderter Richter und eine klebrige Tischplatte umgeben.
Und gerade, dass der Protagonist in dieser Situation aufspringt und alles stehen und liegen lässt (im wahren Leben wohl ein absolutes NoGo) ist wunderbar radikal und fühlt sich beim Lesen "richtig" an.

Weiterlesen würde ich auch!
Allerdings stimme ich zu, dass der Titel deiner Geschichte nicht ganz gerecht wird. Er klingt irgendwie nach "Rosamunde Pilcher" oder Vorabendprogramm in der ARD, nicht nach dem, was den Leser tatsächlich erwartet.

Nun habe ich nicht viel Neues geschrieben, aber vielleicht hilft dir das trotzdem irgendwie weiter.

Zwei Erbsenzähler-Kleinigkeiten noch: Ich bin mir relativ sicher, dass nach einem Doppelpunkt groß weitergeschrieben werden müsste, da waren zwei Stellen in deinem Text, die das beträfe. Und am Ende 'Leben Sie wohl'.

Grüße vom Holländer!
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MT
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BeitragVerfasst am: 06.08.2015 18:10    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Holländer,

auch an Dich zunächst einmal ein dickes Dankeschön! Ich werde auf Einzelheiten noch eingehen, möchte das Ding aber erst einmal im Kasten haben. Nur eines schon jetzt (auch an Dich, Aranka): der Titel ist ein Arbeitstitel, ich bin selbst noch nicht zufrieden mit ihm!

Hier die Fortsetzung:


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MT
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BeitragVerfasst am: 06.08.2015 18:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Die Klimaanlage in meinem Wagen ist defekt, ich habe die Fenster geöffnet, so dass der Fahrtwind zu mir hereinrauscht, heiß, saftig, der Himmel kündigt Gewitter an. Als ich an der Ampel stehe, höre ich lautes Hupen. Im Spiegel erkenne ich einen Mann im Wagen hinter mir, er gestikuliert wild mit den Armen und scheint mir etwas zuzuschreien. Er wirkt sehr aufgebracht, der arme Kerl, gehört vermutlich zu der Sorte Autofahrer, die am Rande eines Herzinfarkts stehen, wenn sie Fehlverhalten anderer Verkehrsteilnehmer erkannt zu haben glauben. Ich war früher auch so, liegt noch gar nicht lang zurück. Wie schnell man leiser werden kann, wenn einem das Leben erst einmal einen harten linken Haken verpasst hat.
Ich steige aus dem Wagen, die Sonne sticht mir ins Gesicht. Inzwischen hupen auch andere Fahrer. Der Mann im Wagen hinter mir öffnet seine Scheibe und starrt mich an. Bei seiner ganzen Erregtheit von vor wenigen Sekunden hätte ich jetzt einen Vorwurf, irgendeine Beleidigung oder Zurechtweisung erwartet. Doch der Kerl schweigt und glotzt mich nur an. Es vergeht ein Moment, andere Fahrzeuge ziehen hupend hinter meinem Rücken vorbei, als er plötzlich doch den Mund aufmacht:
„Warum fahren Sie denn nicht? War doch grün!“
Ich überlege. Es war grün? Das habe ich nicht gesehen. Aber um ehrlich zu sein, ist es ist mir auch vollkommen gleichgültig.
„Wo stehen die Mülltonnen auf Ihrem Grundstück?“
„Was?“, fragt er und zieht die nasse Stirn kraus.
„Streiten Sie manchmal mit Ihren Nachbarn darüber, wo die Tonnen stehen und wo sie nicht stehen dürfen? Geben Sie es zu: Sie haben darüber bestimmt schon bei Gericht gestritten!“
„Sagen Sie mal, ist Ihnen die Hitze zu Kopf gestiegen? Was fragen Sie mich einen solchen Blödsinn. Sehen Sie lieber zu, dass Ihr Auto da weg kommt. Ich hab’s eilig!“
„So? Wo müssen Sie denn so eilig hin? Zum Haareschneiden? Oder den Lottoschein abgeben? Nein, warten Sie, jetzt hab ich’s: Sie sind auf dem Weg zur nächsten Tankstelle, Zigaretten kaufen. Stimmt’s?“
Hektisch dreht sich der Mann zur Seite, sieht nach hinten. Er lässt die Scheibe hochfahren, und hinter dem sicheren Schutz des Glases zeigt er mir einen Vogel. Dann manövriert er in zwei Zügen, schert aus und fährt weg.

(...)


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Aranka
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BeitragVerfasst am: 06.08.2015 18:33    Titel: Antworten mit Zitat

Ein interessanter Typ, der Anwalt und gut geschildert. Ich kauf der Geschichte hier diesen Typen ab. Da bin ich doch gespannt, wie der diesen Urlaub schaukeln wird. Wird bestimmt nicht langweilig.

Doch wer ist Annalena? Bin schon neugierig. Horch ich in den Namen,  würde ich ihr eine Rolle in einem Film "Sommer am Meer" geben, in dem der Anwalt kaum eine Rolle bekäme. Mal sehen, was SIE für eine Frau ist.
Namen sollten in Geschichten irgendwie gut sitzen, schließlich kann der Autor sie wählen, anders als im Leben. Aber vielleicht passt er ja. Mal sehen.

MT, ich werde zum Inhalt erst wirklich etwas sagen können, wenn die Geschichte zu Ende erzählt ist. Im Augenblick finde ich es spannend, mir so nach und nach ein Bild vom Anwalt zu machen. Und schön, dass ich ihn "erleben" kann und mir dann selbst meinen Reim machen darf.

Gefällt mir.  Schönen Abend. Aranka


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MT
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BeitragVerfasst am: 07.08.2015 09:39    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Aranka,

danke bis hierher! Fortsetzung folgt!

LGMT


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BeitragVerfasst am: 07.08.2015 14:13    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Annalena, wir haben noch viel vor, Du und ich. Weißt Du noch, unser Gedanke an Paris? Im offenen Wagen den Champs-Élysées entlang, Frankreichs Sonne über uns, eine Flasche Wein in Deinem Schoß. Ich sehe dieses Bild unentwegt, es ist so plastisch, so zum Greifen nah. Ich halte daran fest, nein: wir tun es gemeinsam. Gemeinsam sind wir stark, doch ich muss gestehen, obwohl Du es bist, deren Körper sich der Teufel bemächtigt hat, ist in Dir so unbändige Kraft, so viel mehr als in mir, der ich im Grunde nichts auszustehen habe. Wo nimmst Du sie her, diese Stärke, dieses Lachen, obwohl Dir zum Heulen zumute ist. Du lachst dem Leben entgegen, streckst ihm die Zunge raus, bietest ihm die Stirn. Das Schicksal kann Dich mal! Ich bewundere Dich, und ich weiß: Du wirst diesen Kampf gewinnen, auch wenn Goliath so viel überlegener scheint. Du wirst diesen Kampf, dessen Führen einzig im Leben des Menschen lohnt, für Dich entscheiden. Alles andere ist ein scheiß atomisiertes Korn im Staub der Welt.
Wenn es darauf ankommt zu gehen, werde ich gehen, und wenn es darauf ankommt innezuhalten, werde ich still sein. Sag mir, was ich tun kann, sag mir, wie ich meine Hilflosigkeit überliste, wie ich die Stille überbrülle und wie ich das Schreien ersticke. Soll auch ich lachen? Dann mache ich das! Aber es bleibt mir in der Brust stecken, es will nicht mit der Leichtigkeit des Heiterseins ans Licht. Oder soll ich weinen? Soll ich den Tränen freien Lauf lassen? Doch wie sollen Dir meine Tränen Hilfe sein, Tränen, die aus Ohnmacht fließen?
Annalena, erinnerst Du Dich an mein Foto im vergangenen Jahr? Die Aufnahme, die ich Dir vor der ersten Bergetappe gesendet habe? Das in den Himmel ragende Alpenmassiv vor mir, als wollte es mich wie eine biblische Meereswelle überschwemmen. Es war für mich die größte Herausforderung meines Lebens. Doch wie klein, wie unwichtig meine Ängste von damals, meine Befürchtungen und Nöte waren, jetzt, im Angesicht Deiner Aufgabe.
Gleich werde ich an Deinem Bett sitzen, werde Deinen Mund küssen und sacht mit meinen Händen Deinen Hals berühren. Wie an jedem Tag wirst Du auch heute lächeln und mir, dem Starken, Hoffnung und Gelassenheit schenken. Wir werden über die Zukunft reden, über die Liebe. Über das, was Menschen bewegt.
Und erneut wirst Du mich unweigerlich Deine selten gewordene Kunst lehren, einen Berg von einem Berg zu unterscheiden.

(Ende)


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Siegfried Lenz
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Aranka
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BeitragVerfasst am: 07.08.2015 14:59    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo MT!

Nur eine erste Rückmeldung. Das ist eine der Geschichten, die vom Ende her gedacht und konzipiert sind und sie ist gut gemacht, so dass das Ende nicht pointisch aufgesetzt wirkt.

Vom Ende her erklärt sich die erste Szene im Gerichtssaal und auch die auf der Straße.  Die Wichtigkeiten im Leben des Prota haben sich verschoben: der Gerichtssaal nur noch Kulisse und das, was er hier tat, nicht mehr als ein verzichtbares Theaterstück.

Andeutungen gab es im Text (gut dosiert gesetzt):

Zitat:
Ich war früher auch so, liegt noch gar nicht lang zurück. Wie schnell man leiser werden kann, wenn einem das Leben erst einmal einen harten linken Haken verpasst hat.


Seitdem er die wirklichen Wichtigkeiten seines Lebens erkannt hat und die Zerbrechlichkeit und die Begrenztheit der verbleibenden Zeit, ist sein Handeln ein anderes, ein für andere irritierendes. Er hat keine Zeit mehr für Nebenschauplätze, sein Tun ist ein radikal Entschiedenes.

Auch mich hat sein Handeln im Gerichtssaal und auch im 2. Teil aufhorchen lassen. Ein Mensch, der aus dem "Rahmen des Normalen" fällt, gut und glaubhaft gezeigt. Der Prota wurde mir interessant und damit die Geschichte. Ich wollte die Hintergründe erfahren, die zu solchem Handeln führen, denn es schien sie zu geben und sie schienen gewichtig. Das sie mit Annalena zusammenhängen mussten, war zwar zu erwarten, aber mehr nicht.

Zitat:
Gleich werde ich an Deinem Bett sitzen, werde Deinen Mund küssen und sacht mit meinen Händen Deinen Hals berühren. Wie an jedem Tag wirst Du auch heute lächeln und mir, dem Starken, Hoffnung und Gelassenheit schenken. Wir werden über die Zukunft reden, über die Liebe. Über das, was Menschen bewegt.
Und erneut wirst Du mich unweigerlich Deine selten gewordene Kunst lehren, einen Berg von einem Berg zu unterscheiden.


Ein wirklich guter Schluss.

Könnte nun noch Vieles sagen: wie geschickt du die Veränderungen des Protas einfließen lässt (in Szenen und Reflexionen / 2. Teil), wie gut du Emotion und nüchterne Festigkeit in eine Balance bringst. Aber das weißt du selbst, denn dass ist nicht per Zufall geschehen. Das ist gute Planung. Eine richtig gute Geschichte, die ich hier im Forum lesen durfte.

Ich werde sie jetzt erst einmal in der Gesamtheit ein wenig genießen und mich dann ggf. noch mal mit Details melden.

Liebe Grüße Aranka


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BeitragVerfasst am: 07.08.2015 15:10    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Aranka,

ich danke Dir von Herzen für Deine Zeilen und Eindrücke. Und Dein Lob, das gibt Auftrieb für einen wie mich, der inzwischen viel zu selten zum Schreiben kommt und bald schon glaubt, alles Rüstzeug dafür verloren zu haben!

Du hast in Deiner Analyse vollkommen Recht. Im Grunde ist das Thema die banale Erkenntnis, dass Wichtigkeit nicht gleich Wichtigkeit im Leben bedeutet, dass wir im Alltag viel zu leicht den Blick für das Wesentliche verlieren.

Freue mich, wenn Du bei Gelegenheit noch Details hinterlässt.

LGMT


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BeitragVerfasst am: 07.08.2015 16:45    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo MT,

manchmal kommt einem eben das stink normale Leben dazwischen und das Schreiben über das Leben tritt in die Warteschleife. Das ist halt so, wir sind eben nicht Hauptberuflich Schriftsteller. Trotzdem, wunderbar, wenn dann hin und wieder doch solche Geschichten geschrieben werden wollen.

Ich mach jetzt einfach mal ein paar Stellen ROT. Es sind Kleinigkeiten, einiges beruht auch auf mein Leseempfinden, alles ist nur so gedacht, dass du einfach noch mal an der markierten Stelle inne hältst und drüber nachdenkst.

Ich erläutere meine Markierungen in Blau. Wenn ich Vorschläge habe, füge ich sie mit einem * hinten an.

Zitat:
Annalena und die Alpen *

Die Frau gegenüber** spricht in Halbsätzen, sie fuchtelt mit den Händen durch die Luft, sichtlich darauf bedacht, mit ihren Gesten die Wichtigkeit der Worte zu unterstreichen. Dann und wann unterbrechen Tränen ihre Rede, die Frau versucht sie zu unterdrücken. (bringt dem Text keinen Mehrgewinn.
Der Mann neben mir ist ebenso aufgebracht, er äußert es aber anders: er riecht nach Schweiß*** und unbedacht gekauftem Rasierwasser, es hängt an ihm wie ein Duftbaum im Raucherauto. Wenn der Mann an der Reihe ist, kann er seine Stimme zähmen, er muss nicht laut werden, sein sonorer Bass erreicht jeden im Saal. Mit Menschen wie ihm verdiene ich mein Geld.
Der Richter ist um Schlichtung bemüht, aber überfordert. Was da an Emotionen, an Verachtung und Missgunst hin- und hergeworfen wird, verursacht selbst bei ihm, dem erfahrenen Juristen, Kopfschütteln.   

Es ist der 30 Juli 2015, ein heißer und schwüler Sommertag.**** Mein Hemd klebt am Rücken, so wie meine Zunge am Gaumen. Die Luft steht im Raum. Tische und Stühle im Charme einer Amtsstube aus den Achtzigern dünsten einen süßen, fast beißenden Geruch von Reinigungsmitteln aus. Wie viele Hände schon auf der Holzplatte vor mir gelegen haben müssen, zeigt die graue Patina; sie klebt wie ein Kaugummifilm.


* Titel:
Ich würde hier vielleicht den Schluss aufnehmen. Die Kunst einen Berg von einem Berg zu unterscheiden. oder: Die Kunst einen Berg zu begehen / zu sehen / zu ...  (das richtige Verb muss noch her! Nicht besteigen, nicht bezwingen, darum geht es nicht. Ein sanftes Verb suche ich.)

** Ich finde der ersten Satz nicht besonders gelungen. Das "gegenüber" hängt so im luftleeren Raum. Aber das ist es nicht alleine. Ich ordne das nachher einfach einmal etwas um.

*** Ist ein seltsamer Zusammenhang. Siehe nachher meine Umstellung.

**** Ich finde es nun, da ich die ganze Geschichte kenne sehr wichtig, das genaue Datum zu setzen. Ich würde damit einsteigen. Ein ganz bemerkenswerter Tag im Leben des Protas. Er trifft eine Entscheidung. Den Tag wird er nie vergessen. Und daher erinnert er sich bis in jede Einzelheit.


Ich stelle nun einmal ganz geringfügig um. Kannst ja mal sehen, was du davon hältst.

***
Es ist der 30 Juli 2015, ein heißer und schwüler Sommertag.

Die Frau mir gegenüber spricht in Halbsätzen, sie fuchtelt mit den Händen durch die Luft, sichtlich darauf bedacht, mit ihren Gesten die Wichtigkeit der Worte zu unterstreichen. Dann und wann unterbrechen Tränen ihre Rede.
Der Mann neben mir riecht nach Schweiß und unbedacht gekauftem Rasierwasser, es hängt an ihm wie ein Duftbaum im Raucherauto. Er ist ebenso aufgebracht, äußert es aber anders. Er kann seine Stimme zähmen. Er muss nicht laut werden, sein sonorer Bass erreicht jeden im Saal. Mit Menschen wie ihm verdiene ich mein Geld.
Der Richter ist um Schlichtung bemüht, aber überfordert. Was da an Emotionen, an Verachtung und Missgunst hin- und hergeworfen wird, verursacht selbst bei ihm, dem erfahrenen Juristen, Kopfschütteln.  

Die Luft steht im Raum. Mein Hemd klebt am Rücken, so wie meine Zunge am Gaumen. Tische und Stühle im Charme einer Amtsstube aus den Achtzigern dünsten einen süßen, fast beißenden Geruch von Reinigungsmitteln aus. Wie viele Hände schon auf der Holzplatte vor mir gelegen haben müssen, zeigt die graue Patina; sie klebt wie ein Kaugummifilm.

***

Zitat:
Ich schaue nach rechts zum Richter. Er zieht Schultern und Augenbrauen hoch, hat längst akzeptiert, dass sein Messer auch stumpf sein kann, dann hört er eben auf zu schneiden; zwei Jahre trennen ihn von seiner Pension. Ich drehe mich zur anderen Seite. Der fette Schweinskopf neben mir hat sich mit Blut gefüllt, ständig rutscht die Brille von der Nase und muss mit dem dicken Zeigefinger hinaufgeschoben werden. Mein Mandant kommt allmählich in Fahrt, auch seine Stimme wird jetzt lauter, während sich die Frau gegenüber offenbar immer wieder auf die Zähne beißt: ihre Wangenmuskeln puckern wie ein schlagendes Herz.


*Hier stolpere ich über die Formulierungen: "offenbar immer wieder" wäre mir ein wenig viel Füllsel. Der Vergleich mit dem schlagenden Herzen will mir auch nicht so ganz gefallen. Ich weiß, was du zeigen willst. Da klappert einer vor Anspannung und Erregung mit den Zähnen, so sehr, das die Wangen zittern. Die Beobachtung ist präzise, aber die Wortwahl zu aufgedonnert. Ich denke, dass dir das etwas schlichter auch gelingt.

Zitat:
Meine Gedanken schweifen ab, der Gerichtssaal mit seiner Theateraufführung ohne Drehbuch und Regie rückt von mir fern, Stimmen und Bilder verschwimmen, gehen auf in einem nebligen Schleier.
(rückt von mir weg / rückt von mir ab)

Zitat:
Den Bergen ist es einerlei, von wo aus sie betrachtet, in welcher Art sie begriffen werden oder für immer unverstanden bleiben. Sie bilden stets ein und dasselbe Massiv. Ich erinnere meine Angst, meinen Respekt vor dieser stummen Naturgewalt. Die Wucht, mit der diese riesigen Felsbrocken am ersten Tag meiner Tour dort standen, ließen mich auf die Größe einer Ameise schrumpfen,(sehr schöne Gedanken / die Stelle gefällt mir gut) mir entrann der Mut,(das Verb "entrann" klingt für mich seltsam) jemals auf der italienischen Seite anzukommen. Sieben Tage brauchte ich, bis mich – am Ende meiner Kräfte, jedoch mit einem nie gekannten Stolz – das kleine Städtchen Pietro am Fuße der Südseite in seine Arme schloss.


Zitat:
Ich stehe auf, nehme meine Tasche vom Boden, stelle sie vor mir ab und verstaue meine Akte darin.
„Was soll das? Was tun sie da?“ Mein rotbackiger Mandant starrt mich aus großen Augen an. (passt nicht zum übrigen Stil. Ein wenig Aufsatzsprache.)
„Wir sind noch nicht fertig“, quäkt (ebenso) die Frau von gegenüber.
„Ich schon“, gebe ich zur Antwort.
Als ich gehen will, hält mich der Mandant am Arm fest.
„Sie können jetzt nicht abhauen, ich brauche sie.“
„Nein“, antworte ich, löse mich aus seinem Griff und sehe zum Richter.
„Ich lege hiermit mein Mandat nieder.“
Der Richter nickt, als hätte er auf meine Worte gewartet.
Und an den Mandanten gerichtet: „Wir sind beim Amtsgericht, es herrscht kein Anwaltszwang. Sie kriegen das ohne mich ganz sicher besser hin.“
Dann verabschiede ich mich mit einem ‚Leben sie wohl‘.
Und gehe, meine Gedanken nur noch bei Dir, Annalena.


* Ich hatte schon erwähnt, dass ich den Dialog als schwächer ansehe, als die übrigen Teile. Die Kennzeichnung der jeweiligen Sprecher und das Vermeiden des einfachen Verbs "sagte" klingt ziemlich verkrampft. In einer Erzählung, dir nur einen geringen Anteil an "Gespräch" hat, sieht man es immer häufiger, das die Dialoge nicht als solche in Szene gesetzt werden, sondern sich ganz unauffällig in die Erzählung einpassen, auch ohne Redezeichen. (Aber das muss der Autor dann auch mögen.) Wichtig ist, das der Leser weiß, wer spricht, und das dies so unauffällig wie möglich angezeigt wird.) Ich schreib es mal ohne Redezeichen und ein klein wenig verändert. Kannst ja mal schauen. Die Redezeichen kannst du ja wieder einsetzen.

***

Ich stehe auf, nehme meine Tasche vom Boden, stelle sie vor mir ab und verstaue meine Akte darin.
Was soll das? Was tun sie da? Mein rotbackiger Mandant starrt mich an.
Wir sind noch nicht fertig, kreischt nun auch die Frau von gegenüber.
Ich schon, gebe ich ruhig zur Antwort.
Als ich gehen will, hält mich der Mandant am Arm fest.
Sie können jetzt nicht abhauen, ich brauche sie, sagt er.
Ich löse mich aus seinem Griff und sehe zum Richter.
Hiermit lege ich mein Mandat nieder. Meine Stimme klingt erstaunlich fest.
Der Richter nickt, als hätte er auf meine Worte gewartet.
Wir sind beim Amtsgericht, erläutere ich meinem Mandanten. Es herrscht kein Anwaltszwang und sie kriegen das ohne mich ganz sicher besser hin.
Dann verabschiede ich mich mit einem ‚Leben Sie wohl‘.
Ich gehe, meine Gedanken nur noch bei Dir, Annalena.

***

MT, erst mal bis hier hin. bis dann. Liebe Grüße Aranka


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BeitragVerfasst am: 12.08.2015 07:17    Titel: Antworten mit Zitat

Hi MT,

mein allererster Leseeindruck: Befriedigung. Nicht umsonst gelesen! Zu 90 % einverstanden.

Kommen wir zu den 10 % - die sich vielleicht bei mehrmaligem Lesen noch legen würden: Dass der Protagonist zu Beginn so erstaunlich vieles über den Geruch wahrnimmt, hat mich ein klein wenig gestört. Geruch ja, aber der Anwalt geht ja schließlich auch nicht als kleines Schüffelschweinchen durch die Welt. Etwas sparsamer die Geruchsimpressionen wäre für mich hier mehr. Oft ist es die Häufung, die die Extravaganz eines Textes an die Grenze schiebt: Manchmal sind mir die Beschreibungen, Adjektive einfach zu literarisch, fast lyrisch, so dass ich schon eine ... seltsame Attitüde des Protagonisten dahinter vermute, die du bestimmt nicht in den Text legen wolltest. (Formulierungen: Ich erinnere meine Angst/mir entrann der Mut erscheinen mir hier zu kurz hintereinander doch ein wenig gewollt und überliterarisch.) Im ersten Abschnitt sind es mir auch zu viele "so wie" - Konstruktionen. In meinem Lesekopf wird beim ersten "wie" immer ein Wortzähler aktiviert, der beim zweiten "wie" Alarm auslöst, wenn die Wortzahl dazwischen zu gering ist.

Dennoch genieße auch ich die Besonderheit der Formulierungen, der Gedanken und Erkenntnisse: Den Bergen ist es einerlei, von wo aus sie betrachtet, in welcher Art sie begriffen werden oder für immer unverstanden bleiben. Sie bilden stets ein und dasselbe Massiv. Schon allein für diese Kleinigkeit lohnte es sich, den Text zu lesen. Die Motive sind gut gewählt, die drei Teile ergeben zusammen einen Sinn. Es geht letztendlich um die Tiefen des Lebens, nicht um Oberflächlichkeiten. Hier plappert jemand nicht über Plapperthemen, sondern darüber, was das Leben und letztlich das Sterben ausmacht. Darüber, was Schicksal ist und wie man die Herausforderungen des Lebens annimmt. Ein großes Thema. Zudem gut konstruiert, arrangiert, geplant. Gut gemacht! Die einzige Gefahr sehe ich im Moment lediglich darin, dass du es mit dem "Literarischen" hin und wieder ein wenig übertreibst.

Wenn man deinen Text mehrfach lesen würde, wären sicherlich noch viele weitere Dinge anzumerken. Dennoch halte ich es für wichtig, auch den Erstleseeindruck zu kommunizieren, da ja wenige Leser den Text mehrfach lesen.

(Den Titel hingegen würde ich mir etwas origineller wünschen. Wenn möglich auch ohne diesen "Modenamen" - aber vielleicht hast du ja einen persönlichen Bezug dazu).

BN
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SonjaB
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BeitragVerfasst am: 12.08.2015 08:29    Titel: Re: Annalena und die Alpen Antworten mit Zitat

Hallo MT,

ich hoffe, es stört dich nicht, wenn ein Newbie sich hier ebenfalls meldet. Ich komme mir gerade wie ein Zwerg mit meinen zweistelligen Beitragszahlen vor, der einem Riesen (über 1.000 Beiträge) irgendwas erklären will.

Der Text gefällt mir sehr gut. Schreiben kannst du, aber das weißt du bestimmt schon. Besonders mochte ich ihre/seine Gedanken über die Alpen, und auch das Ende. Das war schön offen und macht neugierig und verspricht mehr.

Persönlich stört mich, dass du das 'Sie' klein geschrieben hast, aber ich glaube der Duden erlaubt die Kleinschreibung. Ich habe ein wenig an dem Text herumgeschrieben, aber du solltest beachten, dass ich keine Lektorin bin. Ich habe ein wenig Erfahrung als Korrekturleserin, aber ich tue mich manchmal schwer und korrigiere etwas, was nur mir persönlich nicht gefällt. Am besten schaust du einfach, ob sich mein Gemecker mit den anderen deckt, dann ist es sicherlich begründet. Ich habe extra die anderen Beiträge nicht gelesen, damit ich nicht beeinflusst werde.

Wenn du noch Fragen hast, kannst du dich gerne melden smile

Zitat:
Die Frau gegenüber spricht in Halbsätzen, sie fuchtelt mit den Händen durch die Luft, sichtlich darauf bedacht, mit ihren Gesten die Wichtigkeit der Worte zu unterstreichen. Dann und wann unterbrechen Tränen ihre Rede, die Frau versucht sie zu unterdrücken. (Für diese Wiederholung würde ich ein Synonym verwenden, oder besser gleich mit sie ersetzen. Außerdem reißt mich der harte Abbruch durch das Komma aus dem Lesefluss. Vorschlag: Dann und wann unterbrechen Tränen ihre Rede, doch sie versucht sie zu unterdrücken.)
Der Mann neben mir ist ebenso aufgebracht, er äußert es aber anders: er(wird groß geschrieben) riecht nach Schweiß und unbedacht gekauftem Rasierwasser,(Hier würde ich einen neuen Satz machen, sonst ist es zu verschachtelt) es hängt an ihm wie ein Duftbaum im Raucherauto. Wenn der Mann an der Reihe ist, kann er seine Stimme zähmen, er muss nicht laut werden, sein sonorer Bass erreicht jeden im Saal. Mit Menschen wie ihm verdiene ich mein Geld.
Der Richter ist um Schlichtung bemüht, aber überfordert. Was da an Emotionen, an Verachtung und Missgunst hin- und hergeworfen wird, verursacht selbst bei ihm, dem erfahrenen Juristen, Kopfschütteln.(Das gefällt mir nicht, weil das ein sehr grober Sichtwechsel ist. Woher weiß das die Person, aus deren Sicht du geschrieben hast? Vorschlag: Selbst er, der erfahrene Jurist, schüttelt den Kopf. Dann ist das nur eine Beobachtung. Die Hauptperson kann aber nicht wissen, warum der Richter den Kopf schüttelt.)

Es ist der 30 Juli 2015, ein heißer und schwüler Sommertag. Mein Hemd klebt am Rücken, so wie meine Zunge am Gaumen.(Das reißt mich leider aus dem Lesefluss. Wie wäre es einfach mit einem Punk?) Die Luft steht im Raum. Tische und Stühle im Charme einer Amtsstube aus den Achtzigern dünsten einen süßen, fast beißenden Geruch von Reinigungsmitteln aus. Wie viele Hände schon auf der Holzplatte vor mir gelegen haben müssen, zeigt die graue Patina; sie klebt wie ein Kaugummifilm. (Echt schöne Formulierung!)

Ich schaue nach rechts zum Richter. Er zieht Schultern und Augenbrauen hoch, hat längst akzeptiert, dass sein Messer auch stumpf sein kann, dann hört er eben auf zu schneiden; zwei Jahre trennen ihn von seiner Pension.(Hier gefällt mir einerseits nicht, dass das Sicht des Richters ist, andererseits ist es mir zu kompliziert. Musste es zweimal lesen. Vorschlag: Ich schaue nach rechts zum Richter. Er zieht Schultern und Augenbrauen hoch. Vermutlich hat er längst akzeptiert, dass sein Messer auch stumpf sein kann, dann hört er eben auf zu schneiden; zwei Jahre trennen ihn von seiner Pension.) Ich drehe mich zur anderen Seite. Der fette Schweinskopf neben mir hat sich mit Blut gefüllt, ständig rutscht die Brille von der Nase und muss mit dem dicken Zeigefinger hinaufgeschoben werden.Tolle Formulierung! Mein Mandant kommt allmählich in Fahrt, auch seine Stimme wird jetzt lauter, während sich die Frau gegenüber offenbar immer wieder auf die Zähne beißt: ihre Wangenmuskeln puckern wie ein schlagendes Herz. (Nach Doppelpunkt großschreiben. Das Wort puckern kenne ich nicht. Und auch mein Word nicht. Kann ein regionales Problem sein.)

Meine Gedanken schweifen ab, der Gerichtssaal mit seiner Theateraufführung ohne Drehbuch und Regie rückt von mir fern, Stimmen und Bilder verschwimmen, gehen auf in einem nebligen Schleier.(rückt von mir fern finde ich nicht gut fomuliert. Vorschlag: rückt von mir weg) Mein Urlaub steht bevor, nur noch wenige Tage und ich sitze im Flugzeug zehntausend Meter über dem Grund. Unter mir werden die Alpen entlangziehen, im vergangenen Jahr habe ich sie auf dem Fahrrad überquert. Den Bergen ist es einerlei, von wo aus sie betrachtet, in welcher Art sie begriffen werden oder für immer unverstanden bleiben.(Hier fehlt meiner Meinung nach was. Vorschlag: oder ob sie für immer …) Sie bilden stets ein und dasselbe Massiv. Ich erinnere meine Angst, meinen Respekt vor dieser stummen Naturgewalt.(Auch hier fehlt was oder zumindest kapiere ich nicht, was du damit sagen willst. Sowas in der Art: Ich erinnere mich an meine Angst, meinen Respekt vor …) Die Wucht, mit der diese riesigen Felsbrocken am ersten Tag meiner Tour dort standen, ließen mich auf die Größe einer Ameise schrumpfen, mir entrann der Mut, jemals auf der italienischen Seite anzukommen. (Hier ist was falsch. Mit einer Wucht kann man nicht stehen. Eine Wucht ist ein Wort der Bewegung. Wie wäre es mit: Kraft, Stärke?)Sieben Tage brauchte ich, bis mich – am Ende meiner Kräfte, doch mit einem nie gekannten Stolz – das kleine Städtchen Pietro am Fuße der Südseite in seine Arme schloss. Die Padrona der kleinen Trattoria im Ort lächelte mitleidsvoll und brachte mir einen Krug Wasser, später Wein und Essen. Mir liefen die Tränen vor Glück und mit ein paar Einheimischen trank ich bis in die Nacht, weit, weit weg von der Kündigung meines ersten Arbeitgebers, die mich damals kurz vor meinem Urlaub ereilt hatte und noch viel weiter weg von Schwindel und Kopfschmerz meiner Mutter, über die sie bei jedem Telefonat klagte.(Das gefällt mir sehr gut!)

Mein Kippeln mit dem Stuhl habe ich gar nicht bemerkt, fast wäre ich nach hinten übergefallen. Es wäre ein Trugschluss zu glauben, die Gemüter der Streitparteien hätten sich beruhigt, die aktuelle Schreipause ist erfahrungsgemäß nur von kurzer Dauer. Aber: der Moment kommt wie gerufen! (Nach Doppelpunkt wird es groß geschrieben)
Ich stehe auf, nehme meine Tasche vom Boden, stelle sie vor mir ab und verstaue meine Akte darin.
„Was soll das? Was tun sie da?“ Mein rotbackiger Mandant starrt mich aus großen Augen an.
„Wir sind noch nicht fertig“, quäkt die Frau von gegenüber.
„Ich schon“, gebe ich zur Antwort.
Als ich gehen will, hält mich der Mandant am Arm fest.
„Sie können jetzt nicht abhauen, ich brauche sie.“
„Nein“, antworte ich, löse mich aus seinem Griff und sehe zum Richter.
„Ich lege hiermit mein Mandat nieder.“
Der Richter nickt, als hätte er auf meine Worte gewartet.
Und an den Mandanten gerichtet: „Wir sind beim Amtsgericht, es herrscht kein Anwaltszwang. Sie kriegen das ohne mich ganz sicher besser hin.“(hier würde ich noch ein „fügte ich hinzu“ oder ergänzte ich“ schreiben.)
Dann verabschiede ich mich mit einem ‚Leben sie wohl‘.
Und gehe, meine Gedanken nur noch bei Dir, Annalena.
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SonjaB
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BeitragVerfasst am: 12.08.2015 08:58    Titel: Antworten mit Zitat

MT hat Folgendes geschrieben:
EWJoe hat Folgendes geschrieben:

Vom Stil her tippe ich auf Inko = (zwei Buchstaben, mit T endend)

 Shocked Shocked Shocked


Was ist INKO? Embarassed

EDIT: Okay, jetzt habe ich mich schon blamiert. Die Geschichte ging ja schon weiter. Sorry! Ich habe alle drei Teile gelesen und war besonders von dem dritten Teil, dem Ende sehr begeistert. Am besten hat mir Teil 3, am zweitbesten Teil 1 gefallen. Der zweite Teil ist ausbaufähig, finde ich. Der Dialog nimmt mir persönlich zu viel Raum ein, dafür, dass er die Handlung nicht so sehr weiterbringt. Außerdem wird mir die Hauptperson

(es ist nie klar geworden, ob es ein Mann oder eine Frau ist, oder? Und genau das gefällt mir. Wir erfahren das Innenleben, aber solch banale Dinge nicht. Finde ich super! Geheimsnisvoll. Vor meinem inneren Auge habe ich immer eine Anwältin gesehen, auch wenn ich am Ende dann gesehen habe, dass es eine Frau in dem Leben der Anwältin gibt)

Also zurück zu dem Dialog ... der Dialog macht die Hauptperson unsympathisch, weil sie ohne Grund über einen anderen Menschen urteilt Außerdem fand ich seine Pamperei auf der Straße genauso oberflächlich wie ein Streit über Mülltonnen.

Ich glaube, ich würde den Dialog etwas kürzen.

Ansonsten eine echt sehr schöne Geschichte mit einigen Formulierungen, die zum Hinknien sind. Echt schön gemacht. Ganz besonders das Ende.

Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig helfen mit meinen Gedanken zu der Story.
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BeitragVerfasst am: 12.08.2015 10:03    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ihr Lieben!

VIELEN DANK für Eure Arbeit mit und an meinem Text! Da ich noch unterwegs bin, kann ich noch nicht darauf eingehen, hoffe aber, ich schaffe es heute nachmittag!

LGMT


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BeitragVerfasst am: 13.08.2015 08:57    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

So, jetzt habe ich mir Zeit genommen und Eure Anmerkungen in Ruhe gelesen. Nochmals: tausend Dank! Auch wenn ich nicht alles übernommen habe, so waren sie doch an einigen aus meiner Sicht wichtigen Stellen Gold wert. Hier die überarbeitete Version:



Über die Leichtigkeit von Gewicht

Die Frau gegenüber spricht in Halbsätzen, sie fuchtelt mit den Händen durch die Luft, sichtlich darauf bedacht, mit ihren Gesten die Wichtigkeit der Worte zu unterstreichen. Dann und wann unterbrechen Tränen ihre Rede, die Frau versucht sie zu unterdrücken.
Der Mann neben mir ist ebenso aufgebracht, er äußert es aber anders: er riecht nach Schweiß und unbedacht gekauftem Rasierwasser, es hängt an ihm wie ein Duftbaum im Raucherauto. Wenn der Mann an der Reihe ist, kann er seine Stimme zähmen, er muss nicht laut werden, sein sonorer Bass erreicht jeden im Saal. Mit Menschen wie ihm verdiene ich mein Geld.
Der Richter ist um Schlichtung bemüht, aber überfordert. Was da an Emotionen, an Verachtung und Missgunst hin- und hergeworfen wird, verursacht selbst bei ihm, dem erfahrenen Juristen, Kopfschütteln.  

Es ist der 30 Juli 2015, ein heißer und schwüler Sommertag. Mein Hemd klebt am Rücken, so wie meine Zunge am Gaumen. Die Luft steht im Raum. Tische und Stühle im Charme einer Amtsstube aus den Achtzigern dünsten einen süßen, fast beißenden Geruch von Reinigungsmitteln aus. Wie viele Hände schon auf der Holzplatte vor mir gelegen haben müssen, zeigt die graue Patina; sie klebt wie ein Kaugummifilm.

Ich schaue nach rechts zum Richter. Er zieht Schultern und Augenbrauen hoch, hat längst akzeptiert, dass sein Messer auch stumpf sein kann, dann hört er eben auf zu schneiden; zwei Jahre trennen ihn von seiner Pension. Ich drehe mich zur anderen Seite. Der fette Schweinskopf neben mir hat sich mit Blut gefüllt, ständig rutscht die Brille von der Nase und muss mit dem dicken Zeigefinger hinaufgeschoben werden. Mein Mandant kommt allmählich in Fahrt, auch seine Stimme wird jetzt lauter, während sich die Frau offenbar auf die Zähne beißt: ihre Wangenmuskeln puckern wie ein schlagendes Herz.

Meine Gedanken schweifen ab, der Gerichtssaal mit seiner Theateraufführung ohne Drehbuch und Regie rückt in die Ferne, Stimmen und Bilder verschwimmen, gehen auf in einem nebligen Schleier. Mein Urlaub steht bevor, nur noch wenige Tage und ich sitze im Flugzeug zehntausend Meter über dem Grund. Unter mir werden die Alpen entlangziehen, im vergangenen Jahr habe ich sie auf dem Fahrrad überquert. Den Bergen ist es einerlei, von wo aus sie betrachtet, in welcher Art sie begriffen werden oder für immer unverstanden bleiben. Sie bilden stets ein und dasselbe Massiv. Ich erinnere meine Angst, meinen Respekt vor dieser stummen Naturgewalt. Die Wucht, mit der diese riesigen Felsbrocken am ersten Tag meiner Tour dort standen, ließen mich auf die Größe einer Ameise schrumpfen, mir entrann der Mut, jemals auf der italienischen Seite anzukommen. Sieben Tage brauchte ich, bis mich – am Ende meiner Kräfte, doch mit einem nie gekannten Stolz – das kleine Städtchen Pietro am Fuße der Südseite in seine Arme schloss. Die Padrona der kleinen Trattoria im Ort lächelte mitleidsvoll und brachte mir einen Krug Wasser, später Wein und Essen. Mir liefen die Tränen vor Glück und mit ein paar Einheimischen trank ich bis in die Nacht, weit, weit weg von der Kündigung meines ersten Arbeitgebers, die mich damals kurz vor meinem Urlaub ereilt hatte und noch viel weiter weg von Schwindel und Kopfschmerz meiner Mutter, über die sie bei jedem Telefonat klagte.

Mein Kippeln mit dem Stuhl habe ich gar nicht bemerkt, fast wäre ich nach hinten übergefallen. Es wäre ein Trugschluss zu glauben, die Gemüter der Streitparteien hätten sich beruhigt, die aktuelle Schreipause ist erfahrungsgemäß nur von kurzer Dauer. Aber: der Moment kommt wie gerufen!
Ich stehe auf, nehme meine Tasche vom Boden, stelle sie vor mir ab und verstaue meine Akte.
„Was soll das? Was tun Sie da?“ Mein rotbackiger Mandant glotzt mich an.
„Wir sind noch nicht fertig“, quäkt die Frau von gegenüber.
„Ich schon“, gebe ich zur Antwort.
Als ich gehen will, hält mich der Mandant am Arm fest.
„Sie können jetzt nicht abhauen, ich brauche Sie.“
Mit einer leichten Drehung löse ich mich aus seinem Griff und sehe zum Richter.
„Ich lege mein Mandat nieder.“
Der Richter nickt, als hätte er auf meine Worte gewartet.
Und an den Mandanten gerichtet: „Wir sind beim Amtsgericht, es herrscht kein Anwaltszwang. Sie kriegen das ohne mich sicher besser hin.“
Dann verabschiede ich mich mit einem ‚Leben Sie wohl‘ und gehe.
Meine Gedanken nur noch bei Dir, Marie.

Die Klimaanlage in meinem Wagen ist defekt, ich habe die Fenster geöffnet, so dass der Fahrtwind zu mir hereinrauscht, heiß, saftig, der Himmel wird bald seine Schleusen öffnen, am Horizont hängt Grau. Als ich an der Ampel stehe, höre ich lautes Hupen. Im Spiegel erkenne ich einen Mann im Wagen hinter mir, er gestikuliert wüst mit den Armen und scheint mir etwas zuzuschreien. Er wirkt sehr aufgebracht, der arme Kerl, gehört vermutlich zu der Sorte Autofahrer, die am Rande eines Herzinfarkts stehen, wenn sie Fehlverhalten anderer Verkehrsteilnehmer erkannt zu haben glauben. Ich war früher auch so, liegt noch gar nicht lang zurück. Wie schnell man leiser werden kann, wenn einem das Leben erst einmal einen harten linken Haken verpasst hat.
Ich steige aus dem Wagen, die Sonne sticht mir ins Gesicht. Inzwischen hupen auch andere Fahrer. Der Mann im Wagen hinter mir öffnet seine Scheibe und starrt mich an. Bei seiner ganzen Erregtheit von vor wenigen Sekunden hätte ich jetzt einen Vorwurf, eine Beleidigung oder Zurechtweisung erwartet. Doch der Kerl schweigt und glotzt nur. Es vergeht ein Moment, andere Fahrzeuge ziehen hupend hinter meinem Rücken vorbei, als er plötzlich den Mund aufmacht:
„Warum fahren Sie denn nicht? War doch grün!“
Ich überlege. Es war grün? Das habe ich nicht gesehen. Aber um ehrlich zu sein, ist es ist mir auch vollkommen gleichgültig.
„Wo stehen die Mülltonnen auf Ihrem Grundstück?“
„Was?“, fragt er und zieht die nasse Stirn kraus.
„Streiten Sie manchmal mit Ihren Nachbarn darüber, wo die Tonnen stehen und wo sie nicht stehen dürfen? Geben Sie es zu: Sie haben darüber bestimmt schon vor Gericht gestritten!“
„Sagen Sie mal, ist Ihnen die Hitze zu Kopf gestiegen? Was soll der Blödsinn? Sehen Sie lieber zu, dass Ihr Auto da weg kommt. Ich hab’s eilig!“
„Tatsächlich? Wo müssen Sie denn so eilig hin? Zum Haareschneiden? Oder den Lottoschein abgeben? Nein, warten Sie, jetzt hab ich’s: Sie sind auf dem Weg zur nächsten Tankstelle, Zigaretten kaufen. Stimmt’s?“
Hektisch dreht sich der Mann zur Seite, sieht nach hinten. Er lässt die Scheibe hochfahren, und hinter dem sicheren Schutz des Glases zeigt er mir einen Vogel. Dann manövriert er in zwei Zügen, schert aus und fährt ab.

Marie, wir haben noch viel vor, Du und ich. Weißt Du noch, unser Gedanke an Paris? Im offenen Wagen den Champs-Élysées entlang, Frankreichs Sonne über uns, eine Flasche Wein in Deinem Schoß. Ich sehe dieses Bild unentwegt, es ist so plastisch, so zum Greifen nah. Ich halte daran fest, nein: wir tun es gemeinsam. Gemeinsam sind wir stark, doch ich muss gestehen, obwohl Du es bist, deren Körper sich der Teufel bemächtigt hat, ist in Dir so unbändige Kraft, so viel mehr als in mir, der ich im Grunde nichts auszustehen habe. Wo nimmst Du sie her, diese Stärke, dieses Lachen, obwohl Dir zum Heulen zumute ist. Du lachst dem Leben entgegen, streckst ihm die Zunge raus, bietest ihm die Stirn. Das Schicksal kann Dich mal! Ich bewundere Dich, und ich weiß: Du wirst diesen Kampf gewinnen, auch wenn Goliath so viel überlegener scheint. Du wirst diesen Kampf, dessen Führen einzig im Leben des Menschen lohnt, für Dich entscheiden. Alles andere ist ein scheiß atomisiertes Korn im Staub der Welt.
Wenn es darauf ankommt zu gehen, werde ich gehen, und wenn es darauf ankommt innezuhalten, werde ich still sein. Sag mir, was ich tun kann, sag mir, wie ich meine Hilflosigkeit überliste, wie ich die Stille überbrülle und wie ich das Schreien ersticke. Soll auch ich lachen? Dann mache ich das! Aber es bleibt mir in der Brust stecken, es will nicht mit der Leichtigkeit des Heiterseins ans Licht. Oder soll ich weinen? Soll ich den Tränen freien Lauf lassen? Doch wie sollen Dir meine Tränen Hilfe sein, Tränen, die aus Ohnmacht fließen?
Marie, erinnerst Du Dich an mein Foto im vergangenen Jahr? Die Aufnahme, die ich Dir vor der ersten Bergetappe gesendet habe? Das in den Himmel ragende Alpenmassiv vor mir, als wollte es mich wie eine biblische Meereswelle überschwemmen. Es war für mich die größte Herausforderung meines Lebens. Doch wie klein, wie unwichtig meine Ängste von damals, meine Befürchtungen und Nöte waren, jetzt, im Angesicht Deiner Aufgabe.
Gleich werde ich an Deinem Bett sitzen, werde Deinen Mund küssen und sacht mit meinen Händen Deinen Hals berühren. Wie an jedem Tag wirst Du auch heute lächeln und mir, dem Starken, Hoffnung und Gelassenheit schenken. Wir werden über die Zukunft reden, über die Liebe. Über das, was Menschen bewegt.
Und erneut wirst Du mich unweigerlich Deine selten gewordene Kunst lehren, einen Berg von einem Berg zu unterscheiden.


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Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 13.08.2015 13:27    Titel: Antworten mit Zitat

Wow. Das gefällt mir ausnehmend gut.
Kann nicht so genau sagen, warum, aber ich denke, genau das ist der Trick. Eine Geschichte, die auf ein Ziel zu mäandert. Folgt man dem Lauf, blickt man hierhin und dahin, nimmt viel drumherum wahr und erhascht nur kleine Blicke auf das Ende. Und das ist groß.

Aber der Titel?
Könnte mir eine Kurzform des letzten Satzes vorstellen. Die Kunst, einen Berg …

Oder so.

Holg


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