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Salvation


 
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Central
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BeitragVerfasst am: 11.07.2014 21:27    Titel: Salvation eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Hallo an alle! Hier seht ihr einen ersten Schreibversuch und zugleich das erste und momentan auch einzige Kapitel meines zukünftig entstehenden Romans. Sozusagen eine "Kapitel-Beta" Wink
Würde mich über Kritik und Tipps freuen!
Die Überschrift zeigt das Datum, die Uhrzeit und den Tag, also die Zeitspanne, welche die Haupthandlung während des Kapitels einnimmt.
Gute Idee? Schlechte Idee? Sagt es mir! Wink

Kapitel 1: Salvation 3.8.2054 6:30-8:25 Dienstag
Eine elektronische Frauenstimme füllt Akios Raum in einer großen Wohnung mitten in Tokio.
"Es ist Dienstag, der 03.08.2054, 6:30. In einer Stunde und 30 Minuten beginnt der Schulunterricht, in einer Stunde fährt die gewählte Straßenbahn. Weitere Termine sind für den heutigen Tag nicht geplant. Um ihren Zeitplan einzuhalten müssen sie in-"
Akios Zeigefinger trifft langsam den kleinen "Mute"-Button seines Smartphones und die Frauenstimme verschwindet. Gähnend erhebt sich Akio aus seinem Bett und starrt geistesabwesend in die Luft, bis er sich einen Ruck gibt und im Schrank nach seiner Schuluniform sucht. Sie hat viele Falten, man sieht sofort, dass sie lange nicht mehr gewaschen und gebügelt wurde.
"Ziemlich trist, jeden Morgen genau gleich geweckt zu werden..", denkt Akio, während er das Smartphone in seine Hosentasche gleiten lässt und seine Zimmertür öffnet. Der Flur ist bereits von grellem, künstlichem Licht erleuchtet und die Zimmertür, an welcher in pinken Buchstaben "CHIZU" prangt, steht offen.
"Hoffentlich hat sie das Frühstück schon fertig", Akio fährt sich mit der Hand durch die zerzausten, schwarzen Haare und schlendert dabei gemächlich den Gang entlang in Richtung Küche. Die Wände in der Wohnung sind überall weiß und nur an manchen Stellen hängt ein Bild oder ein Poster. Wenn man alleine hier ist, ist die Athmosphäre ziemlich bedrückend, weshalb es zusammen mit den schlechten Erinnerungen, die Akio an diese Wohnung hat, kein Wunder ist, dass er sie hasst. Akio öffnet die Tür zur Küche und blickt zu Boden, um das Bild, welches an der Tür hängt und er am meisten verabscheut, nicht ansehen zu müssen. Auf diesem Bild sind er selbst, seine jüngere Schwester Chizu, sowieso seine Mutter und sein Vater zu sehen. Zu dem Zeitpunkt, als das Bild geschossen wurde, war Akio vier Jahre alt und seine Schwester noch ein Baby. Sie stehen zusammen mit ihren Eltern lächelnd vor der Steinstatue eines Mannes, Akio kann sich nicht daran erinnern, wo sie damals waren, wer das Foto geschossen hat und wen die Statue darstellen soll. Das waren die glücklichen Zeiten, bevor sein Vater sich vollends seiner Arbeit verschrieb, sich zuhause nur noch alle paar Monate blicken ließ und in Folge darauf auch seine Mutter aus Frust viel zu viel arbeitete und sich jeden Abend weinend in den Schlaf getrunken hat. Im Gegensatz zu Akio, welcher seine Eltern dafür hasst, dass sie ihn und die Erziehung von Chizu förmlich dem Zufall überlassen haben, versucht seine Schwester immer nett zu ihren Eltern zu sein und die Zustände in der Familie zu bessern.
Akio betritt die Küche, ein dreckiger Teller steht auf dem Tisch, seine Mutter hat die Wohnung bereits verlassen, am Herd steht Chizu, welche dabei ist das Frühstück zuzubereiten.
"Guten morgen, Akio!", lächelnd dreht sie sich zu ihm um und ihre langen, ebenfalls schwarzen Haare berührten fast die heiße Herdplatte. "Morgen, Chizu..", erwidert Akio und lässt sich auf einen freien Platz am Küchentisch fallen.
"Hast du sie noch gesehen?", fragt Akio mit einem Blick auf den leeren Teller und Chizu schüttelt den Kopf. "Sie muss schon vor 6 Uhr weggefahren sein."
Beide schweigen kurz, und Akio denkt darüber nach, wie erwachsen sie schon geworden ist. Er ist nun 16 Jahre alt und sie gerade mal 13, aber trotzdem schmeißt sie den Haushalt so gut wie alleine.
Mit einer schnellen Handbewegung stellt Chizu den Hitzeregeler des Herdes auf 0, woraufhin dieser auch sofort auf diese Temperatur hinabsinkt, und stellt die heiße Pfanne auf den Küchentisch. Der Geruch von gebratenem Speck erfüllt den ganzen Raum und Akio legt sich eine Menge davon auf den Teller.
"Eigentlich ist unser Leben ziemlich gut", denkt Akio, während er von seinem mit Speck belegten Toast abbeißt. "Wir haben aufgrund des Jobs unseres Vaters keine Geldprobleme, kommen zusammen gut klar und abgesehen davon, dass sich unsere Eltern nicht um uns kümmern, machen sie keine Probleme. Aber trotzdem fühle ich mich so unzufrieden.."
So sitzen sie plaudernd beieinander und genießen das Frühstück, bis sich die elektronische Stimme aus Akio's Smartphone wieder meldet.
"Es ist Dienstag, der 03.08.2054, 7:10. In 50 Minuten beginnt der Schulunterricht, in 20 Minuten fährt die gewählte Straßenbahn. Um ihren Zeitplan einzuhalten müssen sie ihre Wohnung in 5 Minuten verlassen und sich zum g-"
Akios Zeigefinger setzt der Stimme wieder ein Ende und er schiebt sich gleichzeitig den letzten Bissen Toast in seinen Mund.
"Hat gut geschmeckt, Chizu. Du wirst immer besser", sagt Akio, während er aufsteht und seinen Teller zur Spüle bringt.
"So gut wie Mutter bin ich aber trotzdem noch nicht", sagt Chizu lächelnd und stellt auch ihren Teller auf der Spüle ab.
"Es ist ein Wunder, dass du dich überhaupt noch daran erinnern kannst, dass sie jemals Frühstück gemacht hat", erwidert Akio, er hat eigentlich keine Lust über seine Mutter zu reden.
"Hin und wieder hat sie auch noch gekocht, als wir älter waren", sagt Chizu, während sie Akio die Karte zuwirft, die er zum Betreten der Wohnung braucht und auch ihre eigene einsteckt.
Genervt winkt Akio ab und blickt auf sein Smartphone, 7:13.
"Wir müssen los, sonst kriegen wir die Straßenbahn nicht mehr."
Er zieht die Tür auf und geht mit der Hand noch einmal durch seine zerzausten Haare, bevor er zusammen mit Chizu die Wohnung verlässt.

Die Ruhe welche in der Wohnung herrschte ist wie weggeblasen. Chizu und Akio befinden sich nun auf einer Hauptstraße Tokios, und machen sich auf den Weg zur Straßenbahn. Akio hasst es draußen herumzugehen, wenn viele Menschen zugegen sind. Er hält seinen Blick starr auf einen Mann gerichtet, der vor ihm geht, blickt nicht nach links oder rechts, redet mit Chizu, ohne sie anzugucken. Seine Schwester kennt dieses Verhalten bereits, Akio hat ihr, als sie ihn einmal danach gefragt hat, wieso er so starr gucke, geantwortet, er hasse es Blickkontakt mit Fremden herzustellen. Aber die Wahrheit ist eine andere. Der Lärm der Stadt ist für Akio kein Problem, er mag die Großstadt sogar ziemlich gerne. Auch Blickkontakte mit Fremden sind für ihn kein Problem, jedoch sieht er Dinge, die andere nicht sehen können. Akio hält seinen Blick weiterhin starr auf den Mann vor ihm gerichtet, er hat schon früh gelernt, seinen Blick auf etwas zu fixieren und egal was passiert nicht davon abzuwenden. Zwischen all den Menschen, welche sich auf den Straßen Tokios bewegen sieht Akio weitere. Sie haben keinerlei Farbe, selbst ihre Kleidung ist grau. Sie scheinen keinen physischen Körper zu haben, alle Menschen gehen einfach durch sie hindurch, sie können schreien und rufen, niemand außer Akio kann sie hören. Er sieht sie schon sein ganzes Leben lang, und hat gelernt mit ihnen umzugehen. Sollten sie bemerken, dass Akio sie sehen kann, würden sie ihm folgen, da sie sonst niemand bemerkt und sie endlich jemanden gefunden hätten, der sich ihre Sorgen oder Probleme anhören könnte; deswegen ist es für Akio so wichtig, den Blick niemals auf sie zu richten, er muss so tun, als könne er sie auch nicht sehen. Akio weiß nicht, wieso er diese grauen Menschen sehen kann, mittlerweile geht er selbst davon aus, dass er psychisch krank ist, weshalb er niemandem davon erzählt was er sieht.
Der Mann, auf den Akio seinen Blick fixiert hat, wendet sich nach links und Akio heftet seinen Blick nun fest auf die Straßenbahn, in welche er gleich einsteigen wird. Chizu und er kramen ihre Fahrkarten aus ihren Taschen und betreten die Straßenbahn.

"Yoo, Akio!", eine laute Stimme schallt durch die ganze Bahn und Akio läuft sofort rot an, als ihn die anderen Fahrgäste überrascht ansehen. In den hinteren Reihen sitzt ein Schulfreund Akios, Haru Matsuda, und winkt wie wild. Er trägt ein weites weißes T-Shirt und eine weite Jeans, obwohl er in die selbe Klasse wie Akio geht und eigentlich eine Schuluniform bräuchte. Die Lehrer haben es einfach so akzeptiert, nachdem er sich nach unzähligen Ermahnungen immer noch nicht gebessert hatte.
"Komm her, ich hab dir freigehalten!", seine blonden Haare sind genauso zerzaust wie Akios und er grinst gut gelaunt zu diesem hinüber. Während Akio und Chizu sich in der vollen Straßenbahn zu Haru durchkämpfen, lässt Akio seinen Blick durch die Bahn schweifen. Anders als in der Stadt sind in den Straßenbahnen selten graue Menschen, sodass Akio sich hier entspannen kann. Die Straßenbahn nimmt an Fahrt zu und Akio lässt sich neben Haru in den Sitz fallen, Chizu setzt sich in die Reihe hinter ihnen.
"Du glaubst nicht, was mir gestern passiert ist, Akio..", Harus Grinsen verbreitert sich und Akio verzieht genervt sein Gesicht, er weiß, was für eine Art von Geschichte Haru erzählen würde, wenn er so anfängt.
"Ich bin in die Stadt gefahren, um mir ein bisschen was zu futtern zu kaufen, als mich so ein alter, zwielichter Typ in der Straßenbahn angesprochen hat. Ich wusste sofort, dass mit dem etwas nicht stimmt, aber dann hat er versucht mir so eine komische Salbe anzudrehen und ich hab -..."
Ab diesem Zeitpunkt tat Akio nur noch so als würde er zuhören. Haru ist so gesprächig, er merkt es nicht mal, wenn Akio ihm nicht zuhört, weil er die ganze Zeit selbst redet. Akio interessieren seine Geschichten einfach nicht besonders. Er ist ein netter Typ, aber Akio ist um diese Uhrzeit einfach zu müde um ihm die ganze Zeit zuzuhören.
"Murakami High", kündigt nach einer knappen Viertelstunde die hohe Frauenstimme aus dem Lautsprecher der Straßenbahn an und Akio schreckt aus seinem Halbschlaf auf.
"..- am Ende kam ich um 1 Uhr nachts zuhause an und hab die Hälfte meines Geldes an einen Obdachlosen verloren, der mich auf dem Weg überfallen wollte..", Haru beendet seine Erzählung und steht mit Akio auf, um die Straßenbahn zu verlassen. Auch Chizu steht auf, denn obwohl die Schule Murakami High heißt, hat sie zugleich ein Gebäude für Mittelschüler.

"Hast du nichts dazu zu sagen, Akio?! Das war eines der härtesten Erlebnisse in meinem Leben! Ich verstehe nicht warum du nichts dazu zu sagen hast!", nachdem die beiden die Straßenbahn verlassen und Chizu, welche zu dem Mittelschulgebäude gehen muss, verabschiedet hatten, fängt Haru wieder an zu reden.
"Ich verstehe nicht, wieso man so spät noch draußen herumlaufen muss, da bist du doch selbst Schuld", erwidert Akio.
"Das habe ich dir doch die ganze Fahrt über erklärt!", haareraufend seufzt Haru und gibt es auf, Akio seine Geschichte erzählen zu wollen. Akio blickt währenddessen starr auf den Boden, denn auf dem Schulhof sind unglaublich viele dieser grauen Menschen. Wenn Akio sie aus dem Augenwinkel sieht, erkennt er, dass es fast ausschließlich Kinder und Jugendliche sind. Jedesmal fragt er sich, was es zu bedeuten hat und was diese grauen Menschen sind.
Haru und Akio betreten das Schulgebäude, einige Leute klatschen Haru beim Vorbeigehen in die Hände oder begrüßen ihn, die meisten beachten Akio nicht. Er ist nicht sonderlich beliebt bei seinen Mitschülern und hat eigentlich nur zwei Freunde auf der ganzen Schule.
"Akio, deine Uniform sieht ja mal wieder wie neu gekauft aus", die beiden haben ihren Klassenraum erreicht und vor ihnen steht Akios zweiter Freund, das Mädchen Minori Kohara und lächelt ihn spöttisch an.
"Vielen Dank für das Lob, Minori", Akio kratzt sich am Hinterkopf.
"Die hast du ja echt seit Wochen nicht mehr gewaschen, Akio", Haru sind die Falten erst jetzt aufgefallen und lacht laut, woraufhin Minori ihn böse anschaut.
"Jedenfalls kommt er noch mit Schuluniform und nicht in Freizeitklamotten, so wie du!"
Dann fängt auch Minori an zu lachen und auch Akio muss mit einstimmen. Sie trägt mittellange braune Haare, hat ihre Schuluniform an und ist ein sehr fröhlicher Mensch, obwohl man ihre zickige Ader auch nicht übersehen kann.
"Guten Morgen. Bitte macht Platz, damit wir den Klassenraum betreten können", Akios Klassenlehrer drängt sich durch die Schüler und schließt den Raum auf. Nachdem jeder den Raum betreten hat und sich alle begrüßt haben, setzt sich Akio auf seinen Platz in der letzten Reihe, ganz links, am Fenster, sodass er einen Blick nach draußen werfen kann.
"Heute behandeln wir die..-", der Lehrer beginnt den Unterricht, doch Akio hört ihm nicht im Geringsten zu. Ihm ist die Schule egal. Hier lernt er nichts über die Dinge die ihn interessieren, noch erfährt er etwas über die grauen Menschen oder wie er echte Probleme, wie die mit seinen Eltern lösen kann. Die Klasse befindet sich im zweiten Stock, aus den Fenstern hier hat man eine gute Aussicht auf die Sportplätze der Schule. Dort haben einige Schüler Sportunterricht, doch Akio sieht nicht zu ihnen hinunter, sondern blickt auf das hohe Metallgitter, welches den Sportplatz umrundet. Das Gitter ist um die drei bis vier Meter hoch und dazu da, Bälle daran zu hindern aus dem Sportplatz hinauszufliegen. Ganz oben auf dem Gitter sitzt, wie jeden Tag, nur für Akio sichtbar, ein grauer Mensch. Es ist ein Junge, er sieht aus als wäre er genauso alt wie die anderen Schüler hier. Er wirkt, als wäre er sprungbereit, würde sich jeden Moment nach unten fallen lassen und somit den Freitod wählen, doch Akio beobachtet den Jungen in jeder Unterrichtsstunde, er springt nie, sondern sitzt nur da. Zudem ist er der einzige graue Mensch, der auch nachdem er bemerkt hat, dass Akio ihn sehen kann, nicht daran interessiert ist mit ihm in Kontakt zu treten. Auch bewegt er sich nie, sondern sitzt immer nur angespannt auf dem Gitter.
"Wieso sehe ich diesen Jungen? Warum sieht ihn sonst niemand? Weshalb sitzt er dort oben auf dem Gitter und rührt sich nie? Bin ich verrückt? Ist das nur meine Einbildung?"
Akio überfällt, wie jedesmal, wenn er den Jungen beobachtet, eine starke Traurigkeit und während er über alles nachdenkt und die einsame Gestalt des Jungen auf dem Gitter ansieht, erinnert er sich unweigerlich an seine eigenen Vergangenheit zurück


Ich habe mir die letzten Sätze so vorgestellt, dass das nächste Kapitel sich dann ausschließlich mit der Vergangenheit Akios befasst und dann erst im dritten Kapitel die Haupthandlung fortgesetzt wird.



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Just tryin
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HuntedDuke
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BeitragVerfasst am: 12.07.2014 09:39    Titel: Antworten mit Zitat

So habs mal gelesen. Besonders aussagekräftig über den Inhalt ist es ja bisher leider noch nicht aber das macht ja erstmal nichts, die Einführung der Figuren gelingt auf jeden Fall ganz gut.

Ein paar Sachen sind mir aufgefallen:
Du benutzt als Fragewort fast durchgängig "Weshalb". Ich würde auf jeden Fall da für Variation sorgen, weil das insbesondere wenn du das in Romanlänge so weitermachst irgendwann echt auffällig wird.
Du leitest Relativsätze immer mit "welcher" ein also nach dem Motto "X traf Y, welcher Z gemacht". Auch hier unbedingt etwas Abwechslung einbauen. Das ist das was mir jetzt beim ersten lesen aufgefallen ist, wenn mir noch was einfällt werd ich ergänzen

Edit: Achja und ich würde eventuell noch Science-Fiktion als Tag hinzufügen das ganze spielt ja in der Zukunft
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Central
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BeitragVerfasst am: 12.07.2014 12:13    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hey, danke für die Rückmeldung!

Ja, mit Worthäufungen hab ich noch ein paar Probleme.
Ich bin mir aber auch unsicher was man ruhig häufen darf und was nicht, zB die Namen der Charaktere kommen auch ziemlich oft vor. Sollte ich die lieber umschreiben oder ist das in Ordnung so?
Das von dir angesprochene habe ich auf jeden Fall schonmal geändert. smile

Den Science-Fiktion Tag würde ich wohl einstellen, aber ich kann meinen vorigen Beitrag nichtmehr editieren.
Kann ich das irgendwo anders einstellen?


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bibiro
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BeitragVerfasst am: 12.07.2014 12:29    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Central,

zu deiner Frage bezüglich der Kapitelüberschrift mit dem Datum - dies finde ich in dieser Ausführlichkeit völlig deplatziert.

Außerdem versäumst du es, den Leser in Akios Welt mitzunehmen.

Du klatschst ihm vor die Brust: Salvation, 3.8.2054, 6:30 - 8:25 Dienstag

Ehrlich gesagt, entweder überliest der Leser die Infos - oder er liest sie und stellt das Buch zurück ins Regal.

Wenn dir kein gescheiter Titel für deine Kapitel einfällt (und das wird meiner Erfahrung nach auch erst passieren, wenn du ein gutes halbes Dutzend Kapitel geschrieben hast), dann schreib doch einfach: Kapitel 1. Und gut ist.

Und dann - ich bitte dich herzlich darum - nimm den Infowust aus dem Titel und bereite ihn für deinen Leser auf.

Ebenso solltest du generell bei Infodumps vorsichtig sein. Das betrifft auch den Smartphone-Wecker und die Rückblende über seine Kindheit etc. Wink

Mein Vorschlag:

"Einen wunderschönen guten Morgen, es ist 6:30 Uhr."
> Auf das wesentliche kürzen.
Eine ekelhaft gutgelaunte elektronische Frauenstimme reißt Akio aus dem Schlaf.
> "ekelhaft gutgelaut" schubst deinen Leser in Akios Kopf, denn das ist, was er fühlen könnte, wenn es ihn nervt, jeden Morgen so geweckt zu werden.
"In neunzig Minuten beginnt der Schulunterricht, in sechzig Min..."
> kürzen
Akios Zeigefinger trifft langsam den kleinen "Mute"-Button seines Smartphones und die Frauenstimme verschwindettummt.
> gefällt mir
Ziemlich trist, jeden Morgen genau gleich geweckt zu werden, denkt Akio, während er
> Gedanken ohne "" und er könnte sich ja mit einem Gähnen aus dem Bett erheben.
Gähnend erhebt sich Akio aus seinem Bett und starrt geistesabwesend in die Luft, bis er sich einen Ruck gibt und im Schrank nach seiner Schuluniform sucht.
> zwei Adverbien, die solltest du umschreiben. Außerdem könntest du an dieser Stelle Ort und (Jahres)Zeit einfügen, indem du Akio darüber nachdenken lässt, dass eine Schuluniform sicher nicht geeignet ist für einen heißen Augusttag, aber ihn in Tokio keine andere Wahl bleibt, als sie anzuziehen.
Sie hat viele Falten, man sieht sofort, dass sie lange nicht mehr gewaschen und gebügelt wurde.
> wer ist man? Wer sieht denn die Falten? Akio - also beschreibe uns die Uniform, indem du durch Akios Augen blickst und gib uns einen Einblick in seine Emotionen angesichts des Umstandes, dass sie lange nicht mehr gewaschen und gebügelt wurde. Weiter unten führst du ja aus, dass seine Eltern die Kinder vernachlässigen, das kannst du hier schon anklingen lassen.

Nur mal ganz beispielhaft, wie man beim Leser mehr Interesse für Akio wecken könnte.

Momentan glaube ich, das du dein eigenes Interesse an der Geschichte daraus beziehst, dass du sie in die Zukunft in einer exotischen Stadt verlegst.

Für dich ist das spannend, denn du erlebst ja Akio in dieser Umgebung, die du vielleicht aus Filmen kennst - aber deinen Leser, der nicht die Bilder vor deinem inneren Auge sieht, lässt du mit Fragezeichen in den Augen zurück, ganz weit weg von Akio, statt ihm nah zu sein.

Die eigentliche Faszination von Protagonisten geht nicht von exotischen Settings aus, sondern von der Fähigkeit des Autors, ihre Emotionen zu transportieren und dem Leser es zu erlauben, in ihre Haut zu schlüpfen.

Also, wenn du in deinem Kapitel Tokio streichst, und die Zukunft und die elektronischen Gimmicks - was bleibt übrig, wenn deine Geschichte am 12. Juli 2014 in sagen wir mal Sindelfingen spielt?
Dann hast du einen Axel mit einer Schwester Claudia, die Mutter schafft beim Kaufland an der Kasse und der Vater beim Daimler am Band und die haben genausowenig Zeit für ihre Kinder wie irgendwelche Eltern in Tokio.
Du musst versuchen, deinen Protas solches Leben einzuhauchen, dass ihr Alltag spannend ist, auch wenn sie nicht an einem außergewöhnlichen Ort und in einer zukünftigen Zeit leben.
Dazu musst du aber ganz viel tell streichen und ein paar Riemen show drauflegen.

Deine außergewöhnliche Idee ist doch, dass Akio die grauen Menschen sieht, die sonst keiner wahrnehmen kann.

Gut, lass sie bitte farblos sein, sonst fühle ich mich zu sehr an Momo erinnert, aber das ist ein guter Ansatz!

Ich hoffe, dir hilft das weiter.

Grüßle
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Central
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BeitragVerfasst am: 12.07.2014 13:10    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das hilft mir wirklich seeehr. Very Happy
Vielen Dank fürs Durchgucken.

Ich werde den Text jetzt einmal überarbeiten und sobald er fertig ist wieder hier hochladen.

Und zu den "grauen Menschen", die Ähnlichkeit zu Momo wird in einigen Kapiteln, sobald erklärt wurde was sie wirklich sind, verschwinden.
Aber vielleicht ist farblos trotzdem besser. Laughing


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Rainer Prem
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BeitragVerfasst am: 12.07.2014 13:49    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

wenn du schon dabei bist:

1) schmeiß alle Zahlen raus, die bremsen den Lesefluss, 13 => dreizehn 6:30 sechs Uhr dreißig

2) Im Bezug auf den Schauplatz bin ich mit bibiro einer Meinung. Oder weißt du, wie es in einer typischen Wohnung in Tokio aussieht? Oder was passiert, wenn da einer im ÖPNV plötzlich rumschreit. Und du weißt natürlich, dass es in ganz Tokio nur noch eine einzige Straßenbahnlinie - https://de.wikipedia.org/wiki/Toden_Arakawa-Linie - gibt?

3) Bevor du dich ein ganzes Kapitel lang mit der Vergangenheit einer der Hauptpersonen befasst, solltest du darüber nachdenken, wie viel davon der Leser braucht, um die eigentliche Geschichte zu verstehen. Schreib das einfach stichpunktartig untereinander. Dann überlege dir, wie viel du davon bröckchenweise in anderen Kapiteln unterbringen kannst, und wahrscheinlich schrumpft die Liste auf nichts.

Grüße
Rainer
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HuntedDuke
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BeitragVerfasst am: 12.07.2014 15:23    Titel: Antworten mit Zitat

der Kritik an der mangelnden Kenntnis über den Handlungsort wird ein bisschen dadurch der Wind aus den Segeln genommen, dass die Geschichte in der Zukunft spielt.
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BeitragVerfasst am: 12.07.2014 16:14    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Bei Punkt 1 muss ich dir zustimmen da hast du Recht! Smile

Bei Punkt 2 kann sich ja in den 40 Jahren die die Geschichte in der Zukunft spielt einiges ändern. Dein Punkt war auch einer der Gründe, warum ich die Geschichte in der Zukunft angesiedelt habe. Da muss ich keine extrem gründliche Recherche anstellen. Laughing

Bei Punkt 3 bin ich mir noch etwas unsicher. Die Vergangenheit würde eben helfen Akios Verhalten besser zu verstehen. Dazu würde sie erklären, warum Akio eben nur diese 2 Freunde hat, einige Informationen über die "farblosen Menschen" (sind umbenannt Smile) liefern, klarmachen wieso Akio seine Eltern so sehr hasst und Infos bringen, die für Nebenstorys wichtig sind.
Aber ob ich das jetzt wirklich in einem Kapitel mache überlege ich mir noch, erstmal überarbeite ich Kapitel 1.

Danke aufjedenfall für die Tipps, ich kann sie alle gut gebrauchen! Smile


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BeitragVerfasst am: 12.07.2014 18:41    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Okay hier ist die überarbeitete Version von Kapitel 1!
Ich bitte wieder um Tipps, damit das Kapitel so gut wie möglich wird.

Kapitel 1

"Guten Morgen, es ist sechs Uhr dreißig."
Die altbekannte, monotone Frauenstimme reißt Akio aus dem Schlaf.
"In neunzig Minuten beginnt der Schulunterricht, in sechzig Min...-"
Akios Zeigefinger trifft den kleinen "Mute"-Button seines Smartphones und die Frauenstimme verstummt.
Ziemlich deprimierend, jeden Morgen genau gleich geweckt zu werden, denkt Akio, während er sich gähnend aus dem Bett erhebt. Das letzte bisschen Schlaf aus den Augen reibend öffnet Akio seinen Kleiderschrank und lässt seinen Blick über die wenige Kleidung, die er besitzt, wandern.
Anfang August, die heißeste Jahreszeit in Tokio und trotzdem muss ich mich in diesem Aufzug totschwitzen, denkt Akio, als er seine Schuluniform in der hintersten Ecke des Schrankes entdeckt.
Lustlos bückt er sich, nimmt die Uniform aus dem Schrank und begutachtet sie.
So schlecht sah sie wirklich schon lange nicht mehr aus. So viele Falten und Flecke.. Ich denke ich werde sie Chizu die Tage mal zum Waschen geben.
Seufzend zieht er sich die graue Hose und das schwarze Oberteil über, lässt das Smartphone in seine Hosentasche gleiten und öffnet seine Zimmertür.

Akio kneift die Augen zusammen, als ihm das grelle Licht, welches den Flur erleuchtet, in die Augen strahlt.
Chizu muss schon wach sein, denkt Akio, mit einem Blick auf die offenstehende Tür ihm gegenüber, auf der mit pinken Buchstaben der Name Chizu geklebt wurde.
Hoffentlich hat sie das Frühstück schon fertig, er fährt sich mit der Hand durch die zerzausten, schwarzen Haare und schlurft den Gang entlang in Richtung Küche.
Wäre Chizu nicht hier, würde ich es nicht lange in dieser Wohnung aushalten. Die weißen Wände sind kalt und jedes der wenigen Bilder erinnert mich daran, dass sich unsere Eltern einen Scheiß um uns scheren. Ich hasse diese Wohnung.
Akio senkt seinen Blick, als er die Küchentür erreicht hat und legt seine Hand an den Türgriff.
Es ist egal, ob ich meinen Blick senke. Jeden Morgen muss ich diesen Gang entlanggehen und starre zu Boden, nur um dieses Bild nicht ansehen zu müssen. Und trotzdem erblicke ich es jedesmal vor meinem inneren Auge. Ein einfaches Familienfoto, wie es jeder hat. Alle stehen lächelnd nebeneinander, ich war vielleicht vier Jahre alt und halte die Hand meines Vaters, meine Schwester war noch ein Baby. Jeder war fröhlich. Wie konnte es nur so weit kommen, dass uns unsere Eltern nun so im Stich lassen? Es ist alles ihre Schuld!
Wütend krampft sich Akios Hand um den Türgriff, aber entspannt sich zugleich wieder.
Ich darf nicht jeden Morgen so emotional werden. Chizu soll nichts davon mitkriegen, dass es mich so mitnimmt.

Akio atmet einmal tief ein und wieder aus, drückt die Türklinke hinunter und öffnet die Tür. Auf dem Küchentisch steht bereits ein dreckiger Teller, Chizu steht am Herd und ist dabei das Frühstück vorzubereiten.
"Guten morgen, Akio!", lächelnd dreht seine Schwester sich zu ihm um und ihre langen, ebenfalls schwarzen Haare berührten fast die heiße Herdplatte.
"Morgen, Chizu..", erwidert Akio und lässt sich auf einen freien Platz am Küchentisch fallen.
"Hast du sie noch gesehen?", fragt er mit einem Blick auf den schmutzigen Teller und Chizu schüttelt den Kopf. "Sie muss schon vor sechs Uhr weggefahren sein."
Chizu hat sich seit damals wirklich positiv entwickelt, denkt Akio während er seiner Schwester, welche sich wieder zum Herd gedreht hat, zusieht. Ich bin nun sechzehn Jahre alt und sie gerade mal dreizehn, dennoch schmeißt sie den Haushalt so gut wie alleine.
Mit einer schnellen Handbewegung stellt Chizu den Hitzeregeler des Herdes auf Null, woraufhin dieser auch sofort auf diese Temperatur hinabsinkt, und stellt die heiße Pfanne auf den Küchentisch.
"Gebratener Speck mit Toast, dein Lieblingsfrühstück, Bruderherz", Chizu lächelt Akio an.
"Vielen Dank, Schwesterherz", entgegnet Akio lächelnd, seine schlechte Stimmung ist für den Moment verflogen. Der Geruch von gebratenem Speck erfüllt bereits den ganzen Raum und Akio legt sich eine Menge davon auf den Teller.
Eigentlich ist unser Leben ziemlich gut, denkt Akio, während er von seinem mit Speck belegten Toast abbeißt. Wir haben aufgrund des Jobs unseres Vaters keine Geldprobleme, kommen zusammen gut klar und abgesehen davon, dass sich unsere Eltern nicht um uns kümmern, machen sie keine Probleme. Aber trotzdem fühle ich mich so unzufrieden..
Die beiden sitzen plaudernd beieinander und genießen das Frühstück, bis sich die elektronische Stimme aus Akio's Smartphone wieder meldet.
"Guten Morgen, es ist sieben Uhr zehn. In fünfzig Minuten beginnt der Schulunterricht, in zwanzig Minuten fährt die gewählte Straßenbahn. Um ihren Zeitplan einzuhalten müssen sie ihre Wo..-"
Akios Zeigefinger setzt der Stimme erneut ein Ende und er schiebt sich gleichzeitig den letzten Bissen Toast in seinen Mund.
"Hat gut geschmeckt, Chizu. Du wirst immer besser", sagt Akio, während er aufsteht und seinen Teller zur Spüle bringt.
"So gut wie Mutter bin ich noch lange nicht", sagt Chizu lächelnd und stellt auch ihren Teller auf der Spüle ab.
"Es ist ein Wunder, dass du dich überhaupt noch daran erinnern kannst, dass sie jemals Frühstück gemacht hat", erwidert Akio.
"Hin und wieder hat sie auch noch gekocht, als wir älter waren", sagt Chizu, während sie ihm die Karte zuwirft, die er zum Betreten der Wohnung braucht und auch ihre eigene einsteckt.
Genervt winkt Akio ab und blickt auf sein Smartphone, sieben Uhr dreizehn.
"Wir müssen los, sonst fährt die Straßenbahn ohne uns."
Er zieht die Tür auf und geht mit der Hand noch einmal durch seine zerzausten Haare, bevor er zusammen mit Chizu die Wohnung verlässt.

Die Ruhe der Wohnung ist wie weggeblasen. Chizu und Akio befinden sich nun auf einer Hauptstraße Tokios, und machen sich auf den Weg zur Straßenbahn.
Ich weiß nicht, was ich mehr hasse. Die Kälte der Wohnung, oder diese Gemütsprobe jeden Morgen, denkt Akio und richtet seinen Blick starr auf einen Mann der vor ihm geht.
"Hast du deine Fahrkarten dabei, Akio?"
"Natürlich. Du bist die Einzige die sie hin und wieder vergisst."
Selbst während er mit Chizu redet, lässt Akio seinen Blick nicht von dem Mann vor ihm ab.
Ich glaube, ich hasse den Weg sogar noch mehr als unsere Wohnung, denkt Akio und seine schlechte Laune ist wieder da.
Chizu seufzt und Akios Laune verschlechtert sich noch mehr.
Natürlich seufzt sie, denkt Akio. Es ist ja auch nicht normal, dass ich sie beim Reden nicht ansehen kann, sobald wir diesen Weg gehen. Aber ich kann ihr auch schlecht die Wahrheit erzählen und ihr sagen, dass, wenn ich in der Gegend umherschaue, ich schon mein ganzes Leben lang nicht nur die normalen Menschen, sondern auch sonderbare, farblose Menschen sehe, welche überall herumstehen und mich verfolgen, sobald sie bemerken, dass ich sie sehen und hören kann, um mir von ihren Problemen und Sorgen zu berichten. Deshalb ist es so wichtig, so zu tun, als könne ich sie nicht sehen und ihnen nichtmal zufällig in die Augen zu sehen. Niemand außer mir sieht sie. Jeder geht durch sie hindurch, sie scheinen keinen physischen Körper zu haben.
Unweigerlich muss Akio grinsen.
Wenn ich diese Tatsache einmal überdenke hört es sich an, als wäre ich irgendein Verrückter. Wahrscheinlich bin ich wirklich einer.
Der Mann, auf den Akio seinen Blick fixiert hat, wendet sich nach links und Akio heftet seinen Blick nun fest auf die Straßenbahn, in die er gleich einsteigen wird. Chizu und er kramen ihre Fahrkarten aus ihren Taschen und betreten die Straßenbahn.

"Yoo, Akio!", eine laute Stimme schallt durch die ganze Bahn und Akio läuft sofort rot an, als ihn die anderen Fahrgäste überrascht ansehen.
Warum so laut, Haru?, denkt Akio zähneknirschend, als er seinen Schulfreund Haru Matsuda wild winkend in den hinteren Reihen sitzen sieht. Er trägt ein weites weißes T-Shirt und eine weite Jeans, obwohl er in die selbe Klasse wie Akio geht und eigentlich eine Schuluniform bräuchte. Die Lehrer haben es einfach so akzeptiert, nachdem er selbst nach unzähligen Ermahnungen immer noch in Freizeitkleidung kam.
"Komm her, ich hab dir freigehalten!", seine blonden Haare sind genauso zerzaust wie Akios und er grinst gut gelaunt zu diesem hinüber. Während Akio und Chizu sich in der vollen Straßenbahn zu Haru durchkämpfen, lässt Akio seinen Blick durch die Bahn schweifen.
Anders als in der Stadt sind in den Straßenbahnen selten farblose Menschen, die Straßenbahn ist der einzige Ort an dem ich mich morgens entspannen kann, denkt Akio und lässt sich neben Haru in den Sitz fallen. Chizu nimmt eine Reihe hinter ihnen Platz.
"Du glaubst nicht, was mir gestern passiert ist, Akio..", Harus Grinsen verbreitert sich und Akio verzieht genervt sein Gesicht, er weiß, dass Haru wieder eine endlose Geschichte erzählen wird, wenn er so anfängt.
"Ich bin in die Stadt gefahren, um mir ein bisschen was zu futtern zu kaufen, als mich so ein alter, zwielichter Typ in der Straßenbahn angesprochen hat. Ich wusste sofort, dass mit dem etwas nicht stimmt und dann hat er auch noch versucht mir so eine komische Salbe anzudrehen und ich hab -..."
Akio dreht seinen Kopf Richtung Fenster und nickt manchmal, während er Harus Erzählung nicht mehr zuhört.
Haru ist so gesprächig, er merkt es nicht mal, wenn ich ihm nicht zuhöre, weil er die ganze Zeit selbst redet, denkt Akio, während er seine Augen halb schließt. Diese Hitze macht ganz schön schläfrig..

"Murakami High", kündigt nach einer knappen Viertelstunde die hohe Frauenstimme aus dem Lautsprecher der Straßenbahn an und Akio schreckt aus seinem Halbschlaf auf.
"..- am Ende kam ich um ein Uhr nachts zuhause an und hab die Hälfte meines Geldes an einen Obdachlosen verloren, der mich auf dem Weg überfallen wollte..", Harus Stimme dringt sofort wieder an Akios Ohr.
Hat er mir die ganze Zeit etwas erzählt?, fragt sich Akio und steht zusammen mit Haru auf, um die Straßenbahn zu verlassen.
Auch Chizu steht auf, denn obwohl die Schule Murakami High heißt, hat sie zugleich ein Gebäude für Mittelschüler.

"Hast du nichts dazu zu sagen, Akio?! Das war eines der härtesten Erlebnisse in meinem Leben! Ich verstehe nicht, warum du nichts dazu zu sagen hast!"
Nachdem die beiden die Straßenbahn verlassen und Chizu, da sie zu dem Mittelschulgebäude gehen muss, verabschiedet hatten, fängt Haru wieder an zu reden.
"Ich verstehe nicht, wieso man so spät noch draußen herumlaufen muss, da bist du doch selbst Schuld", erwidert Akio.
"Das habe ich dir doch die ganze Fahrt über erklärt!", haareraufend seufzt Haru und gibt es auf, Akio seine Geschichte erzählen zu wollen.
Heute sind hier unglaubliche viele farblose Menschen und wieder fast ausschließlich Kinder und Jugendliche, denkt Akio, während er seinen Blick starr auf den Boden richtet und trotzdem merkt, wie er an einigen der farblosen Menschen vorbeigeht.
"Helft mir, bitte! Bitte helft mir! Ich warte auf meinen Bruder! Bitte helft mir ihn zu suchen!", ein kleiner Junge nahe Akio spricht mit zitternder Stimme die Schüler an und Tränen strömen über sein farbloses Gesicht. Niemand bemerkt ihn und auch Akio hält seinen Blick starr auf den Boden gerichtet.

Haru und Akio betreten das Schulgebäude.
In der Schule sind wenige der farblosen Menschen, denkt Akio, atmet erleichtert auf und sieht wieder in die Umgebung.
"Tag, Haru", ein Junge klatschte Haru im Vorbeigehen in die Hand.
"Yo, altes Haus", ein weiterer nickt ihm zu.
Haru ist ziemlich beliebt, denkt Akio betreten lächelnd. Mich kennt dafür so gut wie niemand. Aber ich sollte froh sein, dass ich zwei Freunde habe und die anderen mich in Ruhe lassen. Im Gegensatz zu früheren Zeiten hat sich schon einiges gebessert.
Die beiden steuern auf eine Gruppe Schüler zu, welche vor einem Klassenzimmer stehen und reden.
"Akio, deine Uniform sieht ja mal wieder wie neu gekauft aus", hallt den beiden eine spöttische Stimme entgegen.
Und da ist sie auch schon, denkt Akio seufzend. Die alte Stichlerin, Minori Kohara.
"Vielen Dank für das Lob, Minori", sagt Akio als er den Klassenraum erreicht hat und kratzt sich verlegen am Hinterkopf.
"Die hast du ja echt seit Wochen nicht mehr gewaschen, Akio", Haru beäugt die Falten und Flecken der Uniform und lacht laut, woraufhin Minori ihn böse anschaut.
"Jedenfalls kommt er noch mit Schuluniform und nicht in Freizeitklamotten, so wie du!"
Dann fängt auch Minori an zu lachen und auch Akio muss mit einstimmen.
Sie trägt mittellange braune Haare, hat ihre Schuluniform an und ist ein sehr fröhlicher Mensch, obwohl man ihre zickige Ader auch nicht übersehen kann.
Die Schülermenge bewegt sich, als sich ein Erwachsener zwischen sie drängt.
"Guten Morgen. Bitte macht Platz, damit wir den Klassenraum betreten können."
Akios Klassenlehrer schiebt sich durch die Schüler und schließt den Raum auf. Nachdem jeder den Raum betreten hat und sich alle begrüßt haben, setzt sich Akio auf seinen Platz in der letzten Reihe, ganz links, am Fenster, sodass er einen Blick nach draußen werfen kann.
"Heute behandeln wir die..-", der Lehrer beginnt den Unterricht, doch Akio hört ihm nicht im Geringsten zu.
Wen interessiert schon der Unterricht, denkt Akio, während er seinen Blick nach draußen richtet. Nichts was ich hier lerne hilft mir auch nur im Geringsten. Ich erfahre nichts über die farblosen Menschen oder wie ich die Probleme mit meinen Eltern lösen kann.
Die Klasse befindet sich im zweiten Stock, aus den Fenstern hier hat man eine gute Aussicht auf die Sportplätze der Schule. Dort haben einige Schüler Sportunterricht, doch Akio sieht nicht zu ihnen hinunter, sondern blickt auf das hohe Metallgitter, dass den Sportplatz umrundet. Das Gitter ist um die drei bis vier Meter hoch und dazu da, Bälle daran zu hindern aus dem Sportplatz hinauszufliegen.
Da sitzt er wieder, denkt Akio und starrt gedankenverloren auf den farblosen Jungen, welcher ganz oben auf dem Gitter sitzt. Ob er heute springen wird? Bestimmt nicht. Immerhin beobachte ich ihn schon seit ich diesen Klassenraum das erste Mal betreten habe. Er sitzt zwar immer sprungbereit oben auf dem Gitter, jedoch wird er niemals springen. Er muss mittlerweile sicher bemerkt haben, dass ich ihn sehen kann, dennoch scheint es ihn nicht zu interessieren. Er verhält sich so anders, als die anderen Farblosen..
Wieso sehe ich diesen Jungen? Warum sieht ihn sonst niemand? Wozu sitzt er dort oben auf dem Gitter und rührt sich nie? Bin ich verrückt? Ist das nur meine Einbildung?, wie jedesmal wenn Akio den Junge beobachtet versinkt er tief in Gedanken.
Er wirkt so einsam. Er erinnert mich an mich selbst. An die guten Zeiten und die Zeit, ab der alles falsch lief..


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bibiro
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BeitragVerfasst am: 12.07.2014 19:28    Titel: Antworten mit Zitat

Nur ganz kurz, ich hab Besuch da, aber ich wollte dir einfach nur die Rückmeldung geben, dass du die Hinweise echt klasse umgesetzt hast!

Dein Akio ist mit einem Mal ein Mensch aus Fleisch und Blut geworden - und ganz und gar nicht farblos Very Happy

Weiter so!

Bei solch einer Steigerung in der ersten Überarbeitung freue ich mich schon sehr darauf, mehr von dir zu lesen!
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Rainer Prem
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BeitragVerfasst am: 13.07.2014 10:30    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

ich sehe, du hast viel daran gemacht.

Ich kann deiner Argumentation zwecks "40 Jahre in der Zukunft erspart Recherche" nicht folgen. Eine Geschichte in die Zukunft zu verlegen erfordert normalerweise noch sehr viel mehr Aufwand, um einen glaubwürdigen Hintergrund zu schaffen.

Eine Sache stört mich sehr. Ich habe festgestellt, dass in dem kurzen Text siebzehnmal "denkt Akio" vorkommt. Zum Teil handelt es sich da um ganze Abschnitte, mit sehr langen Sätzen. Zum Teil taucht auch diese Markierung extrem spät auf. Zum Teil gehen seine Gedanken auch noch in den nächsten Abschnitten weiter.

Da solltest du etwas daran tun, denn diese Gedanken bringen grundsätzlich deine Geschichte nicht weiter.

Ansonsten eine Reihe Schreibfehler:

Guten morgen => Morgen
Chizu.. => fehlt ein Punkt, kommt noch öfter vor
Hitzeregeler => regler
jedesmal => jedes Mal
Akio's  => http://de.wikipedia.org/wiki/Apostrophitis
nichtmal => nicht einmal
zwielichter => zwielichtiger
sodass => so dass
das hohe Metallgitter, dass => das
Einbildung?, wie jedesmal => Wie (neuer Satz)


Grüße
Rainer
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Central
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BeitragVerfasst am: 13.07.2014 12:03    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi, danke schonmal für die Rückmeldungen. Freut mich, dass die Geschichte nun besser ankommt. Smile

1)
Zu der Sache mit der Zukunft : Auch wenn es zB momentan nur eine Straßenbahn in Tokio gibt, kann sich dies aber in 40 Jahren so geändert haben, dass wieder mehrere Bahnlinien entstanden sind. Egal wie die momentane Entwicklung in diesem Bereich aussieht, niemand weiß, ob diese sich in den 40 Jahren nicht schon komplett geändert hat.
Ich muss mir zwar schon Gedanken machen, wie die Technik was verändert haben kann, aber nicht alles mögliche, wie zB die Sache mit der Straßenbahn, zu 100% wissen.

2)
Dass Akio in dem Kapitel so viel nachdenkt ist ja auch einerseits darin zu begründen, dass der Leser verstehen muss in was für einer Situation sich Akio befinden. Er kann ja mit niemandem über seine Situation reden, da niemand außer ihm darüber Bescheid weiß oder seine Gedanken teilt. Es dient eben der Charaktervorstellung von Akio. Ich werde aber auf jeden Fall versuchen, es nochmal zu überarbeiten und die Gedankengänge etwas einzuschränken, sowie besser zu kennzeichnen.

3)
Danke dafür, werde ich berichtigen.


Die weitere Überarbeitung und das neue Kapitel werden aber wahrscheinlich erst kommendes Wochenende erscheinen, da ich ab heute auf Klassenfahrt nach England bin.
Bis dahin, frohes Schaffen. Very Happy


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bibiro
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BeitragVerfasst am: 14.07.2014 07:35    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Central,

1) Zukunft: ein Tipp zu Recherche in Sachen Straßenbahn-Wiedereinrichtung:

Genau das passiert derzeit in Heidelberg und es ist a) nicht einfach, überhaupt einen Platz zu finden, um die Schienen verlegen zu können, b) gibt es z. B. im Neuenheimer Feld, wo sich die Universitätsinstitute und Kliniken befinden, Problematiken, dass die vorüberziehenden elektromagnetischen Felder der Straßenbahn empfindliche Geräte stören könnten und c) braucht so eine Planung unglaublich viel Zeit (nicht nur in Deutschland)

Ganz zu schweigen von der Bauzeit, ich darf dich an BER und Elbphilharmonie erinnern? Von Stuttgart21 ganz zu schweigen?

Warum so viele Probleme schaffen - warum kann Akio nicht mit der U-Bahn oder dem Bus fahren?

2) Gedankenmonologe:
Ich gehe schriftstellerisch gerade in die andere Richtung als du, gut 1100 Jahre in die Vergangenheit, statt 40 in die Zukunft - aber ich habe das gleiche Problem, dass ich die Gefühlswelt meiner Protas rüberbringen muss.
Aber solche Gedanken kann man auch etwas auflockern.
a) durch Handlung
b) durch Beobachtung der Umgebung
c) durch Dialoge
Bei allen drei Möglichkeiten, hast du, wenn du es geschickt anstellst, die Möglichkeit, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, nämlich nicht nur die Gedanken und Hintergründe deines Protas rüberzubringen, sondern auch noch ein gesellschaftliches Bild deiner Zeit zu zeichnen.

3) Inquits - insbesondere Gedanken-Inquits
Dies sprach schon Rainer an, jedes "denkt Akio" reißt deinen Leser aus dem Kopf von Akio heraus, setzt ihn in einen übergeordneten Erzähler, der über Akio schwebt. Insbesondere bei der Häufung, die du gebrauchst.

Die Szene mit Haru ist zum Beispiel prädestiniert dadurch, dass du Harus Erzählungen von dem Überfall, und wie es dazu kam, aufschreibst und Akio sich seine Gedanken dazu machen lässt, während er vorgibt, zuzuhören.
Dadurch könntest du viel über Tokio in deiner Zukunft transportieren.

Dann noch eine Frage:
Dieser Satz hier
Central hat Folgendes geschrieben:
Die Kälte der Wohnung, oder diese Gemütsprobe jeden Morgen, denkt Akio und richtet seinen Blick starr auf einen Mann der vor ihm geht.

Der Mann vor Akio, ist das einer der Farblosen?
Wenn ja, dann solltest du das auch erwähnen.

Die Farblosen sollten dadurch eingeführt werden, dass Akio sie sieht - und danach erst solltest du uns seine Gedanken darüber wissen lassen.
Ist einfach eine bessere, logischere, natürlichere Reihenfolge.

Viel Spaß in England.
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Rainer Prem
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BeitragVerfasst am: 14.07.2014 07:52    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

laut Wikipedia ist diese Straßenbahn die einzigem, die eine große Aufräumaktion in den Siebzigern überlebt hat, weil es größtenteils gar keine Straßenbahn ist, sondern auf einer Trasse neben der Straße läuft.

Aber grundsätzlich - ich weiß nicht wie es bei anderen Lesern ist - passen die Bilder "Straßenbahn" und "Tokio" nicht wirklich zusammen. Aus irgendwelchen Filmen und Berichten habe ich immer das Bild von schrecklich vollen U-Bahnen mit dedizierten "Reinschiebern" vor Augen.

WENN es in deiner Geschichte eine Bedeutung hat, DANN kannst du das Bild natürlich verändern, aber es dann auch explizit schreiben. "Akio fuhr viel lieber in der neueröffneten - wiedereröffneten - Straßenbahn"

WENN es für dich aber nur einfacher ist, dein Bild über das Standardbild von Tokio zu stellen, DANN solltest du es besser lassen.

Eine solche Veränderung eines Bildes muss einen Grund haben, den der Leser a) gesagt bekommt und b) nachvollziehen kann.

Central hat Folgendes geschrieben:
Hi, danke schonmal für die Rückmeldungen. Freut mich, dass die Geschichte nun besser ankommt. Smile

1)
Zu der Sache mit der Zukunft : Auch wenn es zB momentan nur eine Straßenbahn in Tokio gibt, kann sich dies aber in 40 Jahren so geändert haben, dass wieder mehrere Bahnlinien entstanden sind. Egal wie die momentane Entwicklung in diesem Bereich aussieht, niemand weiß, ob diese sich in den 40 Jahren nicht schon komplett geändert hat.
Ich muss mir zwar schon Gedanken machen, wie die Technik was verändert haben kann, aber nicht alles mögliche, wie zB die Sache mit der Straßenbahn, zu 100% wissen.

...

Die weitere Überarbeitung und das neue Kapitel werden aber wahrscheinlich erst kommendes Wochenende erscheinen, da ich ab heute auf Klassenfahrt nach England bin.
Bis dahin, frohes Schaffen. Very Happy


Viel Spaß auf der Klassenfahrt.
Grüße
Rainer
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Central
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BeitragVerfasst am: 19.07.2014 22:32    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

So, da bin ich wieder. Werde heute nichtmehr am Roman schreiben, aber hab mir die Antworten angesehen und sage eben etwas dazu, bevor ich schlafen gehe.

@bibiro
1)
Okay, ich sehe das mit der Straßenbahn ein. Ich glaube, ich steige auf Busse um. smile

2)
Könntest du vielleicht ein Beispiel dazu geben, wie du irgendeinen von Akios Gedanken anders verpacken würdest? Ich kann mir zwar vorstellen, wie du es meinst, aber gut umsetzen kann ich es ohne Beispiel nicht.

3)
Dazu nochmal eine Frage. Wird generell zuviel "gedacht" oder ist es nur das folgende "denkt Akio" was beim Lesen stört?
Wenn es nur das "denkt Akio" ist was stört, könnte ich doch theorethisch einfach alle Gedanken in kursiver Schrift niederschreiben.

zB. anstatt
Ziemlich deprimierend, jeden Morgen genau gleich geweckt zu werden, denkt Akio, während er sich gähnend aus dem Bett erhebt.
schreibe ich
Ziemlich deprimierend, jeden Morgen genau gleich geweckt zu werden. Akio erhebt sich gähnend aus dem Bett.

Dazu würde ich gerne wieder Meinungen hören. smile

Antwort auf die Frage:
Der Mann, auf den Akio starrt, ist ein "normaler" Mensch. Akio starrt ihn ja an, damit er nicht zufällig einen der Farblosen ansieht.

Gut, ich bedanke mich wieder für die Rückmeldungen und lege mich jetzt schlafen.


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bibiro
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BeitragVerfasst am: 20.07.2014 09:27    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Central,

ich hoffe, es war schön. Oder lehrreich. Oder wie auch immer Wink

Central hat Folgendes geschrieben:

@bibiro
1)
Okay, ich sehe das mit der Straßenbahn ein. Ich glaube, ich steige auf Busse um. smile


Hach, ich liebe vernünftige junge Leute. Kriegst ein Schulterklopfen.

Central hat Folgendes geschrieben:
2)
Könntest du vielleicht ein Beispiel dazu geben, wie du irgendeinen von Akios Gedanken anders verpacken würdest? Ich kann mir zwar vorstellen, wie du es meinst, aber gut umsetzen kann ich es ohne Beispiel nicht.


Na, du, im Manipulieren bist ja auch nicht schlecht, gell?

Erst schmierst du mir Honig um's Maul von wegen Busse, und dann so ...

Nein, ich muss kichern ...
... und etwas als Beispiel suchen.

Ich markiere einfach mal farbig
Beschreibung
Wörtliche Rede
Handlung
Gedankenrede

Central hat Folgendes geschrieben:
Die Ruhe der Wohnung ist wie weggeblasen. Chizu und Akio befinden sich nun auf einer Hauptstraße Tokios, und machen sich auf den Weg zur Straßenbahn.
Ich weiß nicht, was ich mehr hasse. Die Kälte der Wohnung, oder diese Gemütsprobe jeden Morgen, denkt Akio und richtet seinen Blick starr auf einen Mann der vor ihm geht.
"Hast du deine Fahrkarten dabei, Akio?"
"Natürlich. Du bist die Einzige die sie hin und wieder vergisst."

Selbst während er mit Chizu redet, lässt Akio seinen Blick nicht von dem Mann vor ihm ab.
Ich glaube, ich hasse den Weg sogar noch mehr als unsere Wohnung, denkt Akio und seine schlechte Laune ist wieder da.
Chizu seufzt und Akios Laune verschlechtert sich noch mehr.
Natürlich seufzt sie, denkt Akio. Es ist ja auch nicht normal, dass ich sie beim Reden nicht ansehen kann, sobald wir diesen Weg gehen. Aber ich kann ihr auch schlecht die Wahrheit erzählen und ihr sagen, dass, wenn ich in der Gegend umherschaue, ich schon mein ganzes Leben lang nicht nur die normalen Menschen, sondern auch sonderbare, farblose Menschen sehe, welche überall herumstehen und mich verfolgen, sobald sie bemerken, dass ich sie sehen und hören kann, um mir von ihren Problemen und Sorgen zu berichten. Deshalb ist es so wichtig, so zu tun, als könne ich sie nicht sehen und ihnen nichtmal zufällig in die Augen zu sehen. Niemand außer mir sieht sie. Jeder geht durch sie hindurch, sie scheinen keinen physischen Körper zu haben.
Unweigerlich muss Akio grinsen.
Wenn ich diese Tatsache einmal überdenke hört es sich an, als wäre ich irgendein Verrückter. Wahrscheinlich bin ich wirklich einer.
Der Mann, auf den Akio seinen Blick fixiert hat, wendet sich nach links und Akio heftet seinen Blick nun fest auf die Straßenbahn, in die er gleich einsteigen wird. Chizu und er kramen ihre Fahrkarten aus ihren Taschen und betreten die Straßenbahn.


So, wenn ich das auf mich wirken lasse, dann stelle ich fest, dass es nicht nur einen fetten orangefarbenen Gedankenrede-Block gibt, sondern dass es überhaupt sehr wenig echte Handlung gibt.

Vielleicht krankt dein Text überhaupt mehr daran?

Central hat Folgendes geschrieben:
Die Ruhe der Wohnung ist wie weggeblasen.

Wenn ich ehrlich bin - darunter kann ich mir alles vorstellen - und nichts.

Wenn bei uns zu Hause die Ruhe weggeblasen ist, dann liegt das daran, dass unsere Kater ihre fünf Minuten kriegen oder dass unsere Jungs mit ihrem Papa die ferngesteuerten Panzer anwerfen oder dass sie ihre Schwester kitzeln, bis die Tränen lacht, oder ...

Show, don't tell, please.

Chizu und Akio befinden sich nun auf einer Hauptstraße Tokios,

Huch, frage ich mich da, haben sie sich dorthin teleportiert?

Again, show don't tell:

Beschreibe einfach, wie sie von der Wohnung auf die Straße kommen. Aufzug? Treppenhaus? Wie viele Stockwerke? Gemeinschaftsräume sauber oder verdreckt? Gerüche im Treppenhaus, vielleicht von vielen verschiedenen Küchen?

und machen sich auf den Weg zur Straßenbahn.

Auch hier: Just to please me, show, don't tell.

Ich weiß nicht, was ich mehr hasse. Die Kälte der Wohnung, oder diese Gemütsprobe jeden Morgen, denkt Akio und richtet seinen Blick starr auf einen Mann der vor ihm geht.

Zwei Sätze draus machen und so liest sich das doch angenehmn.

"Hast du deine Fahrkarten dabei, Akio?"

Vorschlag meinerseits:
Wieso klingt Chizu immer so unbeschwert? Macht ihr es nichts aus, dass ... [und hier könntest du einen Happen von der Gedankenrede einbauen, die er hinsichtlich der Behandlung durch die Eltern hegt]

Ich glaube, ich hasse den Weg sogar noch mehr als unsere Wohnung,

Punkt dahinter und das nach vorne schieben.

"Natürlich. Du bist die Einzige die sie hin und wieder vergisst."

Hier fehlt mir eine Aktion von Akio. Vorschlag.
Akio verzieht sein Gesicht zu einer Andeutung eines Grinsens und lässt Chizu den Vortritt,

Selbst während er mit Chizu redet,  Akio seinen Blick nicht von dem Mann vor ihm ablässt.

Hier könntest du eine Beschreibung einsetzen, der uns klar macht, dass dieser Mann eben nicht farblos ist.
Warum nicht, indem du die Buisinessmode des Jahres 2054 beschreibst?
Vielleicht tragen Bänker dann pinkfarbene Knickerbocker und türkis-weiß gestreifte Kurzarmhemden?
Und daran erkennt Akio, dass der Typ ein Bänker ist?

denkt Akio und seine schlechte Laune ist wieder da.
Chizu seufzt und Akios Laune verschlechtert sich noch mehr.

Dass Akios Laune schlecht ist, hatten wir ja schon oben.
Mich würde doch viel mehr interessieren, wie er mit seiner seufzenden Schwester umgeht.
Vorschlag:
und Akio schaut sie vorsichtig von der Seite an.

Natürlich seufzt sie, denkt Akio.

Dieses "denkt" kannst du lassen, aber ersetze Akio durch "er"

Es ist ja auch nicht normal, dass ich sie beim Reden nicht ansehen kann, sobald wir diesen Weg gehen.

Er stößt mit seinem Fuß einen Kiesel beiseite.

Aber ich kann ihr auch schlecht die Wahrheit erzählen und ihr sagen, dass, wenn ich in der Gegend umherschaue, ich schon mein ganzes Leben lang nicht nur die normalen Menschen, sondern auch sonderbare, farblose Menschen sehe, welche überall herumstehen und mich verfolgen, sobald sie bemerken, dass ich sie sehen und hören kann, um mir von ihren Problemen und Sorgen zu berichten.

Seine Hand rückt wie von selbst den Gurt seiner Umhängetasche zurecht, die wie immer anfängt zu rutschen, sobald er schneller läuft. Sein Blick wird angesogen von der zierlichen Gestalt seiner Schwester neben ihm. Es fühlt sich fast so an, als würde er mit ihr über das reden, was ihn beschäftigt. Aber das kann er nicht, denn

niemand außer ihm scheint sie zu sehen. Jeder geht durch sie hindurch, sie scheinen keinen physischen Körper zu haben.

Deshalb, liebe Chizu, ist es so wichtig, so zu tun, als könne ich sie nicht sehen und ihnen nichtmal zufällig in die Augen zu sehen.
Unweigerlich muss Akio er grinsen.

Wenn ich diese Tatsache einmal überdenke hört es sich an, als wäre ich irgendein Verrückter. Wahrscheinlich bin ich wirklich einer.
Der Mann, auf den Akio seinen Blick fixiert hat, wendet sich nach links und Akio heftet seinen Blick nun fest auf die Straßenbahn, in die er gleich einsteigen wird.

Dieser Halbsatz: in die er gleich einsteigen wird ist wieder so sehr tell.
Zeige und doch lieber, wie der - es soll ja jetzt ein Bus werden - aussieht.
Ist er mit bunter Reklame beklebt? Muss er sich durch einen Verkehrsstau quälen, um auf die Busbucht zu gelangen? So, wie du es beschreibst, hat man das Gefühl, Akio und Chizu seien auf der ausgestorbenen Dorfstraße von Hintertupfingen, aber nicht in einer der größten Agglomerationen der Welt!

Chizu und er kramen ihre Fahrkarten aus ihren Taschen und betreten die Straßenbahn.


Central hat Folgendes geschrieben:
3)
Dazu nochmal eine Frage. Wird generell zuviel "gedacht" oder ist es nur das folgende "denkt Akio" was beim Lesen stört?
Wenn es nur das "denkt Akio" ist was stört, könnte ich doch theorethisch einfach alle Gedanken in kursiver Schrift niederschreiben.

zB. anstatt
Ziemlich deprimierend, jeden Morgen genau gleich geweckt zu werden, denkt Akio, während er sich gähnend aus dem Bett erhebt.
schreibe ich
Ziemlich deprimierend, jeden Morgen genau gleich geweckt zu werden. Akio erhebt sich gähnend aus dem Bett.

Dazu würde ich gerne wieder Meinungen hören. smile


Nein! Bitte nicht!

Für mich wäre das ein glatter Fall von Verschlimmbesserung.

Man versteht sehr gut, wann Akio denkt und wann nicht, so wie du es formuliert hast.

Du kannst ruhig mindestens 2/3 der "denkt er" streichen.

Es geht eher darum, die Blöcke, die ich oben gezeigt habe, aufzulockern.

Und du kannst wirklich gut mit Sprache umgehen und seine Gedanken auch sehr schön aufgelockert einfließen lassen!

Aus deinem eigenen Text, ein nicht so gelungenes Beispiel, streich hier einfach das "denkt er" und es passt:

Central hat Folgendes geschrieben:
Anfang August, die heißeste Jahreszeit in Tokio und trotzdem muss ich mich in diesem Aufzug totschwitzen, denkt Akio, als er seine Schuluniform in der hintersten Ecke des Schrankes entdeckt.


Und hier eine Passage, die ich einfach nur prima finde, dieses Niveau solltest du einheitlich anstreben:

Central hat Folgendes geschrieben:
Wütend krampft sich Akios Hand um den Türgriff, aber entspannt sich zugleich wieder.
Ich darf nicht jeden Morgen so emotional werden. Chizu soll nichts davon mitkriegen, dass es mich so mitnimmt.


Central hat Folgendes geschrieben:
Antwort auf die Frage:
Der Mann, auf den Akio starrt, ist ein "normaler" Mensch. Akio starrt ihn ja an, damit er nicht zufällig einen der Farblosen ansieht.


Das habe ich oben im Beispieltext versucht einzubinden.

Schönen Sonntag!

Grüßle und weiter so!
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Central
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BeitragVerfasst am: 20.07.2014 22:38    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Okay, ich habe es jetzt nocheinmal überarbeitet! Habe versucht die Tipps miteinzubringen, danke nocheinmal dafür. Zudem habe ich beschrieben, wie Akio und Chizu das Haus verlassen, sowie Harus Erzählung "erzählt". Smile
Hoffe es ist wieder etwas besser geworden, freue mich auf Feedback!

Kapitel 1

"Guten Morgen, es ist sechs Uhr dreißig."
Die altbekannte, monotone Frauenstimme reißt Akio aus dem Schlaf.
"In neunzig Minuten beginnt der Schulunterricht, in sechzig Min...-"
Akios Zeigefinger trifft den kleinen "Mute"-Button seines Smartphones und die Frauenstimme verstummt.
Ziemlich deprimierend, jeden Morgen genau gleich geweckt zu werden, denkt Akio, während er sich gähnend aus dem Bett erhebt. Das letzte bisschen Schlaf aus den Augen reibend öffnet er seinen Kleiderschrank und lässt seinen Blick über die wenige Kleidung, die er besitzt, wandern.
Anfang August, die heißeste Jahreszeit in Tokio und trotzdem muss ich mich in diesem Aufzug totschwitzen. Er entdeckt seine Schuluniform in der hintersten Ecke des Schrankes.
Lustlos bückt er sich, nimmt die Uniform aus dem Schrank und begutachtet sie.
So schlecht sah sie wirklich schon lange nicht mehr aus. So viele Falten und Flecke. Ich denke ich werde sie Chizu die Tage mal zum Waschen geben.
Seufzend zieht er sich die graue Hose und das schwarze Oberteil über, lässt das Smartphone in seine Hosentasche gleiten und öffnet seine Zimmertür.

Akio kneift die Augen zusammen, als ihm das grelle Licht, welches den Flur erleuchtet, in die Augen strahlt.
Sie muss schon wach sein.
Akio betrachtet kurz die pinken Buchstaben, welche auf der offenen Tür ihm gegenüber angebracht sind. Sie bilden den Namen Chizu.
Hoffentlich hat sie das Frühstück schon fertig.
Er fährt sich mit der Hand durch die zerzausten, schwarzen Haare, tritt aus seinem Zimmer und schlurft den Gang entlang in Richtung Küche.
Wäre Chizu nicht hier, würde ich es nicht lange in dieser Wohnung aushalten. Die weißen Wände sind kalt und jedes der wenigen Bilder erinnert mich daran, dass sich unsere Eltern einen Scheiß um uns scheren. Ich hasse diese Wohnung.
Akio senkt seinen Blick, als er die Küchentür erreicht hat und legt seine Hand an den Türgriff.
Es ist egal, ob ich meinen Blick senke. Jeden Morgen muss ich diesen Gang entlanggehen und starre zu Boden, nur um dieses Bild nicht ansehen zu müssen. Und trotzdem erblicke ich es jedes Mal vor meinem inneren Auge. Ein einfaches Familienfoto, wie es jeder hat. Alle stehen lächelnd nebeneinander, ich war vielleicht vier Jahre alt und halte die Hand meines Vaters, meine Schwester war noch ein Baby. Jeder war fröhlich. Wie konnte es nur so weit kommen, dass uns unsere Eltern nun so im Stich lassen? Es ist alles ihre Schuld!
Wütend krampft sich Akios Hand um den Türgriff, aber entspannt sich zugleich wieder.
Ich darf nicht jeden Morgen so emotional werden. Chizu soll nichts davon mitkriegen, dass es mich so mitnimmt.

Akio atmet einmal tief ein und wieder aus, drückt die Türklinke hinunter und öffnet die Tür. Der leere Teller auf dem Küchentisch fällt ihm sofort ins Auge. Chizu steht am Herd und ist dabei das Frühstück vorzubereiten.
"Guten Morgen, Akio!", lächelnd dreht seine Schwester sich zu ihm um und ihre langen, ebenfalls schwarzen Haare berührten fast die heiße Herdplatte.
"Morgen, Chizu", erwidert Akio, schließt die Küchentür und lässt sich auf einen freien Platz am Küchentisch fallen.
"Hast du sie noch gesehen?", fragt er mit einem Blick auf den leeren Teller und Chizu schüttelt den Kopf. "Sie muss schon vor sechs Uhr weggefahren sein."
Chizu hat sich seit damals wirklich positiv entwickelt. Akio betrachtet seine Schwester, welche sich wieder zum Herd gedreht hat. Ich bin nun sechzehn Jahre alt und sie gerade mal dreizehn, dennoch schmeißt sie den Haushalt so gut wie alleine.
Mit einer schnellen Handbewegung stellt Chizu den Hitzeregler des Herdes auf Null, woraufhin dieser auch sofort auf diese Temperatur hinabsinkt. Danach nimmt sie zwei Teller aus der Schublade neben dem Herd und stellt sie zusammen mit der heißen Pfanne auf den Küchentisch.
"Gebratener Speck mit Toast, dein Lieblingsfrühstück, Bruderherz", Chizu lächelt Akio an.
"Vielen Dank, Schwesterherz", entgegnet Akio lächelnd und seine Miene hellt sich das erste Mal heute etwas auf. Der Geruch von gebratenem Speck erfüllt bereits den ganzen Raum und Akio legt sich eine Menge davon auf den Teller.
Eigentlich ist unser Leben ziemlich gut. Er beißt von seinem mit Speck belegten Toast ab. Wir haben aufgrund des Jobs unseres Vaters keine Geldprobleme, kommen zusammen gut klar und abgesehen davon, dass sich unsere Eltern nicht um uns kümmern, machen sie keine Probleme. Aber trotzdem fühle ich mich so unzufrieden..
Die beiden sitzen plaudernd beieinander und genießen das Frühstück, bis sich nach einiger Zeit die elektronische Stimme aus Akios Smartphone wieder meldet.
"Guten Morgen, es ist sieben Uhr zehn. In fünfzig Minuten beginnt der Schulunterricht, in zwanzig Minuten fährt der gewählte Bus. Um ihren Zeitplan einzuhalten müssen sie ihre Wo..-"
Akios Zeigefinger setzt der Stimme erneut ein Ende und er schiebt sich gleichzeitig den letzten Bissen Toast in seinen Mund.
"Hat gut geschmeckt, Chizu. Du wirst immer besser", sagt Akio, während er aufsteht und seinen Teller zur Spüle bringt.
"So gut wie Mutter bin ich noch lange nicht", sagt Chizu lächelnd und stellt auch ihren Teller auf der Spüle ab.
"Es ist ein Wunder, dass du dich überhaupt noch daran erinnern kannst, dass sie jemals Frühstück gemacht hat."
"Hin und wieder hat sie auch noch gekocht, als wir älter waren", sagt Chizu, während sie ihm die Karte zuwirft, die er zum Betreten der Wohnung braucht und auch ihre eigene einsteckt.
Genervt winkt Akio ab und blickt auf sein Smartphone, sieben Uhr dreizehn.
"Wir müssen los, sonst fährt der Bus ohne uns."
Er zieht die Tür auf und geht mit der Hand noch einmal durch seine zerzausten Haare, bevor er die Wohnung verlässt.

Akio vergräbt seine Hände tief in den Hosentaschen und wartet, bis Chizu hinter ihm die Wohnungstür wieder zugezogen hat. Sein Blick trifft die große "4", welche an der Wand des Treppenhauses angebracht ist.
Es ist nur dem Wohlstand unserer Eltern zu verdanken, dass wir in einer so großen Wohnung, welche auch noch in einem solch niedrigen Stockwerk liegt, leben dürfen.
Die Beiden fangen an auf die Betontreppe zuzugehen, welche in das dritte Stockwerk führt. Nur wenige Geräusche, abgesehen von ihren Schritten auf dem harten Boden, dringen an Akios Ohr, da die massiven Wände alle Geräusche von außen unterdrücken.
Unbewusst fängt Akio an langsamer zu gehen, je näher sie dem Erdgeschoss kommen und Chizu stößt ihn mit dem Ellenbogen an. Er verzieht den Mund, fängt aber wieder an schneller zu gehen.
Das Geräusch ihrer Schritte vermischt sich mit dem Surren des Fahrstuhls, welcher an ihnen vorbei nach unten fährt.
Aus dem vierten Stockwerk lohnt es sich nicht auf den Fahrstuhl zu warten. Das Hochhaus hat vierzig Stockwerke, sodass sich der Fahrstuhl oft in den höheren Etagen befindet.
Sie gelangen ins erste Stockwerk und Akio sieht zu der Tür mit der Nummer "7" hinüber.
Herr Kamawa müsste gleich kommen, denkt Akio und kurz darauf wird die Tür aufgerissen und ein großer Mann verlässt die Wohnung. Er schließt die Tür und geht sogleich in Richtung Erdgeschoss, ohne zu Akio und Chizu hinüberzusehen.
Er ist wirklich immer um diese Zeit fertig und wie immer in Eile. Ich bin ihm mittlerweile schon so oft gefolgt, dass ich seine Zeiten kenne. Es ist wirklich hilfreich, dass er jeden Morgen so zuverlässig anzutreffen ist und die selbe Route wie ich gehen muss.
Akio kratzt sich am Hinterkopf und geht zusammen mit Chizu weiter. Im Erdgeschoss angekommen, hat der Mann das Hochhaus bereits durch die große Tür verlassen, und die beiden öffnen die Tür.

Die Ruhe der Wohnung ist wie weggeblasen. Die Stimmen vieler Menschen welche durcheinander reden, das Geräusch fahrender Autos, das Klirren von Glas, sowie der Aufprall von irgendetwas Hartem in der Ferne. All dies, was bis jetzt durch die Wände des Hochhauses unterdrückt wurde, schlägt den Beiden sofort entgegen.
Die normalen Geräusche der Großstadt. Wenn man von klein an damit aufwächst, sind sie kein Problem.
Schnell tritt Akio mit Chizu nach draußen, die Haustür fällt hinter ihnen zu und Akio wendet sich sofort nach rechts, um Herr Kamawa nicht aus den Augen zu verlieren. Er kann ihn kurz vor sich entdecken, richtet seinen Blick starr auf ihn und geht zusammen mit Chizu in Richtung Bushaltestelle.
Ich habe noch nie mit Herr Kamawa geredet. Ich sehe ihn nur jeden Morgen aus seinem Zimmer hinauseilen.
Akio mustert die Kleidung des großen Mannes. Heute trägt er wieder eine Jeans und sein weißes Hemd. Anscheinend sein Lieblings-Outfit. Bestimmt hat er wieder seine Namensplakette angesteckt. Deswegen weiß ich auch, wie er heißt. Als was er wohl arbeitet?
"Hast du deine Fahrkarten dabei, Akio?", Chizu reißt ihn aus seinen Gedanken.
"Natürlich. Du bist die Einzige die sie hin und wieder vergisst."
Akio kann einen Lacher nicht unterdrücken und bemerkt wie Chizu ihn von der Seite ansieht, wendet seinen Blick aber trotzdem nicht von Kamawa ab.
Chizu seufzt und Akio kann nicht anders, als sie nun doch kurz von der Seite anzusehen, um danach aber sofort wieder den Mann zu fokussieren.
Natürlich seufzt sie. Es ist ja auch nicht normal, dass ich sie beim Reden nicht ansehen kann, sobald wir diesen Weg gehen. Er spürt, dass er mit dem Fuß in ein Kaugummi getreten ist und flucht leise.
Aber ich kann ihr auch schlecht die Wahrheit erzählen und ihr sagen, dass, wenn ich in der Gegend umherschaue, ich schon mein ganzes Leben lang nicht nur die normalen Menschen, sondern auch sonderbare, farblose Menschen sehe, welche überall herumstehen und mich verfolgen, sobald sie bemerken, dass ich sie sehen und hören kann, um mir von ihren Problemen und Sorgen zu berichten.
Seine Hand rückt wie von selbst den Gurt seiner Umhängetasche zurecht, die wie immer anfängt zu rutschen, sobald er schneller läuft. Herr Kamawa scheint es heute noch eiliger zu haben als sonst. Akios Blick wird angesogen von der zierlichen Gestalt seiner Schwester neben ihm, er muss sich mit aller Kraft davon abhalten sie anzusehen. Es fühlt sich fast so an, als würde er mit ihr über das reden, was ihn schon seit Jahren beschäftigt. Aber das kann er nicht, denn niemand außer ihm scheint die Farblosen zu sehen. Jeder geht durch sie hindurch, sie scheinen keinen physischen Körper zu haben.
Deshalb, liebe Chizu, ist es so wichtig, so zu tun, als könne ich sie nicht sehen, um ihnen nicht mal zufällig in die Augen zu sehen.
Unweigerlich muss Akio grinsen.
Wenn ich diese Tatsachen einmal überdenke, hört es sich an, als wäre ich irgendein Verrückter. Wahrscheinlich bin ich wirklich einer.
Akio festigt seinen Blick wieder und lässt ihn auf Kamawa ruhen, sein Grinsen ist bereits wieder verschwunden.
Ich hasse beides. Die Kälte der Wohnung, sowie diese Gemütsprobe jeden Morgen. Aber dieser Weg ist für mich weitaus schlimmer, als mich in unserer Wohnung zu befinden.
Aus den Augenwinkeln sieht Akio bereits den Bus, in welchen er gleich einsteigen wird.
Er heftet seinen Blick sofort an ihn.
Herr Kamawa biegt jeden Morgen kurz vorher ab und geht in eine andere Richtung weiter. Es ist sicherer sofort den Bus anzusehen.
Er ist mit bunter Reklame versehen und wartet bereits auf dem Bushalteplatz.
Als er und Chizu den Bus erreicht haben, hat sich bereits eine große Traube Menschen vor dem Einstieg gebildet. Akio kramt seine Fahrkarte aus seiner Tasche und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
Den Blick die ganze Zeit auf einen bestimmten Punkt gerichtet zu haben, strengt, zusammen mit der brütenden Hitze, nach einiger Zeit ziemlich an.
Dann sind er und Chizu an der Reihe und beide steigen in den Bus ein.

"Yoo, Akio!", eine laute Stimme schallt durch den ganzen Bus und Akio läuft sofort rot an, als ihn die anderen Fahrgäste überrascht ansehen.
Er knirscht mit seinen Zähnen, als er seinen Schulfreund Haru Matsuda wild winkend in den hinteren Reihen sitzen sieht.
Warum so laut, Haru?
Haru trägt ein weites weißes T-Shirt und eine weite Jeans, obwohl er in die selbe Klasse wie Akio geht und eigentlich eine Schuluniform bräuchte. Die Lehrer haben es einfach so akzeptiert, nachdem er selbst nach unzähligen Ermahnungen immer noch in Freizeitkleidung kam.
Akio zeigt dem Busfahrer seine Fahrkarte, dieser winkt ihn und danach auch Chizu durch.
"Komm her, ich hab dir freigehalten!"
Harus blonde Haare sind genauso zerzaust wie Akios und er grinst gut gelaunt zu diesem hinüber. Während Akio und Chizu sich durch die Menschen zu ihm durchkämpfen, lässt Akio seinen Blick durch den Bus schweifen.
Anders als in der Stadt sind in den Bussen selten farblose Menschen. Der Bus ist der einzige Ort an dem ich mich morgens entspannen kann. Er hat Haru erreicht und lässt sich neben ihm in den Sitz fallen. Chizu nimmt eine Reihe hinter ihnen Platz.
"Du glaubst nicht, was mir gestern passiert ist, Akio..", Harus Grinsen verbreitert sich und Akio verzieht genervt sein Gesicht, er weiß, dass Haru wieder eine endlose Geschichte erzählen wird, wenn er so anfängt.
"Ich bin in die Stadt gefahren, um mir ein bisschen was zu futtern zu kaufen, als mich so ein alter, zwielichtiger Typ in der U-Bahn angesprochen hat. Ich wusste sofort, dass mit dem etwas nicht stimmt und dann hat er auch noch versucht mir so eine komische Salbe anzudrehen und ich hab -..."
Akio dreht seinen Kopf Richtung Fenster und versucht Harus Erzählung nicht mehr zuzuhören.
Haru ist so gesprächig, er merkt es nicht mal, wenn ich ihm nicht zuhöre, weil er die ganze Zeit selbst redet.
Akio schließt die Augen, jedoch verhindert die viel zu kalte Luft der Klimaanlage, welche ihm von oben ins Gesicht bläst, dass er schlafen kann und Fetzen von Harus Erzählung dringen trotzdem an sein Ohr.
"Ich bin also eine U-Bahn Station eher ausgestiegen, um diesem Mann zu entkommen, als ich einige Punks gesehen habe, die wahllos Leute anpöbelten. Natürlich bin ich sofort zu ihnen gegangen und habe sie zur Rede gestellt, aber einer von ihnen hat direkt versucht mich anzugreifen. Seine Augen sahen wirklich verrückt aus. Der hätte mich eiskalt abgestochen, wäre ich nicht gerannt."
Kein Wunder. In den letzten Jahren ist die Kriminalrate und Gewaltbereitschaft in Tokio wirklich sehr gestiegen. Auch die Anzahl der Selbstmorde erhöht sich drastisch. Akio unterdrückt ein Gähnen, er weiß, dass es so sowieso nicht schlafen kann und lässt Harus Erzählung weiter über sich ergehen.
"Weil ich so schnell rennen musste, habe ich die Orientierung verloren und stand plötzlich irgendwo in Tokio. Es ist unmöglich sich hier auszukennen, selbst wenn man hier wohnt! Natürlich hatte ich mein Smartphone auch nicht dabei. Dann..-"
Heutzutage sein Smartphone nicht immer bei sich zu tragen kann auch nur Haru passieren. Immerhin ist es in vielen Bereichen unverzichtbar geworden. Und stören tut es auch niemanden, immerhin kann es jeder mit sich tragen wie er will. Man kann es sogar als Armband tragen. Typisch Haru.
"Ich bin dazu noch ziemlich spät losgefahren und als ich dann endlich jemanden gefragt habe, wohin ich gehen muss, war es schon elf Uhr nachts. Aber ohne Navi kann man die Geschäfte einfach nicht finden, ich hab mich nochmal verirrt. Ich bin also weiter herumgeirrt und bin dann in einem dieser Viertel gelandet, in denen man nicht landen will." Haru raunt die letzten Worte in einem unheilvollen Ton und Akio kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Er muss wirklich ziemlich lange herumgelaufen sein, um dahin zu gelangen. Akio sieht aus dem Fenster auf die an ihnen vorbeiziehenden Menschen. Trotz der Tatsache, dass es so viele Menschen in Tokio gibt wie noch nie, gelingt es der Polizei einen Großteil der Gebiete zu überwachen. Trotzdem gibt es einige Bereiche in denen viel mehr Kriminalität herrscht als in anderen. Dass Haru gerade in diese hineinstolpern musste..
"In diesem Viertel bin ich dann eine Ewigkeit herumgeirrt, bis mich eine Gruppe Obdachloser überfallen hat, und mir fast meine gesamten Wertsachen geklaut hat. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel Angst ich hatte!"
Die Zeiten scheinen wirklich immer schlechter zu werden. Eigentlich sollte niemand mehr obdachlos sein, auch wenn es so viele Menschen hier gibt. Es wurde extra dafür gesorgt, dass selbst weniger qualifizierte Menschen einen Job und eine Wohnung erhalten können. Der Grund, dass trotzdem viele Obdachlose existieren sind viele Bewohner Tokios selbst, indem sie ihnen die Arbeit verweigern oder keine Wohnung vermieten. Es macht wirklich den Eindruck, als würden die Menschen in den letzten Jahren immer bösartiger werden.
Haru öffnet gerade den Mund um mehr zu erzählen, als die hohe Frauenstimme aus dem Lautsprecher des Busses ihn unterbricht.
"Murakami High", kündigt sie nach einer knappen Viertelstunde Fahrt an und viele Fahrgäste erheben sich.
Akio und Haru verlassen ihren Sitzplatz und auch Chizu steht auf, denn obwohl die Schule Murakami High heißt, hat sie zugleich ein Gebäude für Mittelschüler.

"Hast du nichts dazu zu sagen, Akio?! Das war eines der härtesten Erlebnisse in meinem Leben! Ich verstehe nicht, warum du nichts dazu zu sagen hast!"
Nachdem die beiden den Bus verlassen und Chizu, da sie zu dem Mittelschulgebäude gehen muss, verabschiedet hatten, fängt Haru wieder an zu reden.
"Alles was ich gehört habe, war deine eigene Schuld. Kein Handy, in eines dieser Viertel laufen. Das kann wirklich nur dir passieren, Haru.", erwidert Akio.
"Dafür kann ich doch wirklich nichts. Ich hatte einfach nur Pech!" Haareraufend versucht Haru sich zu rechtfertigen, gibt es aber auf, weiter mit Akio über die Geschichte reden zu wollen.
Die Beiden gehen auf das große Tor zu, welches nicht weit von der Bushaltestelle entfernt ist und auf den Schulhof führt. Zusammen mit den anderen Schülern treten sie durch das Tor und vor ihnen ragt das große, moderne Gebäude in die Luft, in welchem die meisten der Schüler unterrichtet werden.
Trotz des beeindruckenden Anblicks richtet Akio seinen Blick starr auf den Boden und merkt wie er an einigen der farblosen Menschen vorbeigeht.
Heute sind hier wieder unglaubliche viele Farblose und fast ausschließlich Kinder und Jugendliche.
"Helft mir, bitte! Bitte helft mir! Ich warte auf meinen Bruder! Bitte helft mir ihn zu suchen!" Ein kleiner Junge nahe Akio spricht mit zitternder Stimme die Schüler an und Tränen strömen über sein farbloses Gesicht und fallen zu Boden. Eine Gruppe Mädchen geht an ihm vorbei, sie lachen und der Junge ruft ihnen nach. Niemand bemerkt ihn. Selbst seine Tränen sind für alle anderen unsichtbar.
Wieso muss nur ich es ertragen, diesen Jungen sehen zu können? Es ist so grausam, nicht helfen zu können, selbst wenn man es so sehr will. Akio ballt seine Faust und hält seinen Blick starr auf den Boden gerichtet, während er weiter mit Haru auf das Schulgebäude zugeht.
Die beiden steigen die steinernen Stufen, welche in das Gebäude führen empor und reihen sich in den Strom Schüler ein, welche sich in das Gebäude drängen.

Sobald die Beiden im Gebäude stehen ist das einzige wahrnehmbare Geräusch das Lärmen der anderen Schüler. Sogar der Großstadtlärm wird davon überschallt.
In dem Schulgebäude sind wenige der farblosen Menschen. Akio atmet erleichtert auf und sieht wieder in die Umgebung. Überall stehen Schüler in Gruppen, welche sich unterhalten oder zu ihren Klassenräumen eilen.
Auch Haru und er machen sich auf den Weg zu ihrem Klassenraum.
"Tag, Haru", ein Junge klatscht Haru im Vorbeigehen in die Hand.
"Yo, altes Haus", ein weiterer nickt ihm zu.
Haru ist ziemlich beliebt, denkt Akio betreten lächelnd, während der den Gang entlanggeht. Mich kennt dafür so gut wie niemand. Aber ich sollte froh sein, dass ich zwei Freunde habe und die anderen mich in Ruhe lassen. Im Gegensatz zu früheren Zeiten hat sich schon einiges gebessert.
Die beiden steuern auf eine Gruppe Schüler zu, welche vor einem Klassenzimmer stehen und reden.
"Akio, deine Uniform sieht ja mal wieder wie neu gekauft aus", hallt den beiden eine spöttische Stimme entgegen.
Und da ist sie auch schon. Die alte Stichlerin, Minori Kohara.
"Vielen Dank für das Lob, Minori", sagt Akio als er den Klassenraum erreicht hat und kratzt sich verlegen am Hinterkopf.
"Die hast du ja echt seit Wochen nicht mehr gewaschen, Akio." Haru beäugt die Falten und Flecken der Uniform und lacht laut, woraufhin Minori ihn böse anschaut.
"Jedenfalls kommt er noch mit Schuluniform und nicht in Freizeitklamotten, so wie du!"
Dann fängt auch Minori an zu lachen und Akio muss mit einstimmen.
Sie trägt mittellange braune Haare, hat ihre Schuluniform an und ist ein sehr fröhlicher Mensch, obwohl man ihre zickige Ader auch nicht übersehen kann.
Die Schülermenge bewegt sich, als sich ein Erwachsener zwischen sie drängt.
"Guten Morgen. Bitte macht Platz, damit wir den Klassenraum betreten können."
Akios Klassenlehrer schiebt sich durch die Schüler und schließt den Raum auf. Er betritt den Raum und die Schüler folgen ihm. Auch Akio, Haru und Minori gehen mit der Menge.
Sobald alle den Raum betreten haben, stellt sich jeder vor seinen Platz.
Akio begibt sich in die letzte Reihe, ganz links, am Fenster.
"Guten Morgen!"
"Guten Morgen, Herr Osaka!"
Der Lehrer gibt das Zeichen, dass sich jeder setzen darf und die Schüler nehmen Platz.
Auch Akio setzt sich, lässt seinen Blick aber sofort aus dem Fenster schweifen.
"Heute behandeln wir die..-", der Lehrer beginnt den Unterricht, doch Akio hört ihm nicht im Geringsten zu.
Wen interessiert schon der Unterricht. Nichts was ich hier lerne hilft mir auch nur im Geringsten. Ich erfahre nichts über die farblosen Menschen oder wie ich die Probleme mit meinen Eltern lösen kann.
Die Klasse befindet sich im zweiten Stock, aus den Fenstern hier hat man eine gute Aussicht auf die Sportplätze der Schule. Dort haben einige Schüler Sportunterricht, doch Akio sieht nicht zu ihnen hinunter, sondern blickt auf das hohe Metallgitter, das den Sportplatz umrundet. Das Gitter ist um die drei bis vier Meter hoch und dazu da, Bälle daran zu hindern aus dem Sportplatz hinauszufliegen.
Akio bemerkt, dass alle Schüler ihre Laptops herausgeholt und auf den Tisch gestellt hatten, und auch er wendet seinen Blick eilig vom Fenster ab und öffnet seine Tasche, um den Laptop herauszuholen.
Kaum hat er ihn aufgeklappt und binnen weniger Sekunden hochgefahren, wendet sich Akio wieder dem Gitter zu.
Da sitzt er wieder, denkt Akio und starrt gedankenverloren auf den farblosen Jungen, welcher ganz oben auf dem Gitter sitzt. Ob er heute springen wird? Bestimmt nicht. Immerhin beobachte ich ihn schon seit ich diesen Klassenraum das erste Mal betreten habe. Er sitzt zwar immer sprungbereit oben auf dem Gitter, jedoch wird er niemals springen. Er muss mittlerweile sicher bemerkt haben, dass ich ihn sehen kann, dennoch scheint es ihn nicht zu interessieren. Er verhält sich so anders, als die anderen Farblosen..
Wieso sehe ich diesen Jungen? Warum sieht ihn sonst niemand? Wozu sitzt er dort oben auf dem Gitter und rührt sich nie? Bin ich verrückt? Ist das nur meine Einbildung?
Wie jedes Mal wenn Akio den Junge beobachtet, versinkt er tief in Gedanken.
Er wirkt so einsam. Er erinnert mich an mich selbst. An die guten Zeiten und an die Zeit, ab der alles falsch lief..


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BeitragVerfasst am: 21.07.2014 16:32    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Central,
Ich verfolge hier interessiert Deinen Thread und freue mich, wie engagiert Du die Hinweise und Kommentare umsetzt.
Und jetzt komme ich auch noch mit meinem Senf  Smile:

Die Sache mit den farblosen Menschen ist doch sicher ein zentrales Thema.
Ich würde es durch mehr "show" einführen. Dafür eignet sich doch der Weg von der Wohnung bis zum Klassenzimmer hervorragend. Lass den Leser rätseln und gib ihm nach und nach mehr Informationen, bis er die Situation ganz versteht.
In Deiner zweiten Version hast Du es ansatzweise ja auch schon praktiziert (der weinende farblose Junge auf dem Schulhof, der seinen Bruder sucht). Versuch das doch weiter oben auch schon, anstatt Akio nur darüber nachdenken zu lassen ("tell"). Ich habs mal beispielhaft angedeutet, damit Du besser nachvollziehen kannst, wie ichs meine
Überhaupt: erklär dem Leser lieber nicht zuviel über die inneren Monologe von Akio, das wirktt schnell gekünstelt.

Bin gespannt, wie's weitergeht.

Zitat:

Kapitel 1

Akio betrachtet kurz die pinken pinkfarbenen Buchstaben, welche auf der offenen Tür ihm gegenüber angebracht sind.

Akio senkt seinen Blick, als er die Küchentür erreicht hat und legt seine Hand an den Türgriff. (Es ist egal, ob ich meinen Blick senke. Jeden Morgen muss ich diesen Gang entlanggehen und starre zu Boden, nur um dieses Bild nicht ansehen zu müssen. Und trotzdem erblicke ich es jedes Mal vor meinem inneren Auge.) Wie jeden Morgen starrt er dabei zu Boden und vermeidet verbissen, das Foto auf der Zür ansehen zu müssen. Wie jeden Morgen erscheint dieses Foto aber trotzdem vor seinem inneren Auge: Ein einfaches Familienfoto. Alle stehen lächelnd nebeneinander, Akio ist vielleicht vier Jahre alt und hält die Hand seines Vaters, seine Schwester ist noch ein Baby. Jeder wirkt fröhlich. Wie konnte es nur so weit kommen, dass uns unsere Eltern nun so im Stich lassen? Es ist alles ihre Schuld!
Wütend krampft sich Akios Hand um den Türgriff, aber entspannt sich zugleich wieder.
Ich darf nicht jeden Morgen so emotional werden. Chizu soll nichts davon mitkriegen, dass es mich so mitnimmt.


Unbewusst fängt Akio an langsamer zu gehen, je näher sie dem Erdgeschoss kommen und Chizu stößt ihn mit dem Ellenbogen an. Er verzieht den Mund, fängt aber wieder an schneller zu gehen.

Sie gelangen ins erste Stockwerk und Akio sieht zu der Tür mit der Nummer "7" hinüber.
Herr Kamawa müsste gleich kommen, denkt Akio und kurz darauf wird die Tür aufgerissen und ein großer Mann verlässt die Wohnung. Er schließt die Tür und geht sogleich in Richtung Erdgeschoss, ohne zu Akio und Chizu hinüberzusehen.
Akio kratzt sich am Hinterkopf und geht zusammen mit Chizu weiter. Im Erdgeschoss angekommen, hat der Mann das Hochhaus bereits durch die große Tür verlassen, und die beiden öffnen die Tür.
Schnell tritt Akio mit Chizu nach draußen, die Haustür fällt hinter ihnen zu und Akio wendet sich sofort...

Ich sehe ihn nur jeden Morgen aus seinemr Zimmer Wohnung hinauseilen.

Akio kann einen Lacher nicht unterdrücken und bemerkt wie Chizu ihn von der Seite ansieht, wendet seinen Blick aber trotzdem nicht von Kamawa ab. Chizu seufzt und Akio kann nicht anders, als sie nun doch kurz von der Seite anzusehen. Der Schreck fährt ihm in die Glieder, denn kaum hat er dem Blick von Herrn Kamawa gelöst, tauchen schon die ersten Schatten am Rande seines Blickfelds auf. Er konzentriert sich und fokussiert sofort wieder auf den Rücken des Mannes.
(Natürlich seufzt sie. Es ist ja auch nicht normal, dass ich sie beim Reden nicht ansehen kann, sobald wir diesen Weg gehen. Dieser Absatz müsste dann natürlich inhaltlich angepasst werden) Er spürt, dass er mit dem Fuß in ein Kaugummi getreten ist und flucht leise.
Er blickt sich suchend nach einer Kante um, an der er den lästigen Kaugummi abstreifen kann und gibt nun endgültig den sicheren Haltepunkt an Kamawas Rücken auf. Und wie immer sind sie da: Die "Farblosen", wie er sie bei sich nennt. Überall stehen und laufen sie herum. Ein farbloses Mädchen bewegt sich genau auf ihn zu.
Lass dir bloß nicht anmerken, dass du sie wahrnimmst, ermahnt sich Akio und entfernt angeekelt den lästigen Kaugummi an der Bordsteinkante.


(Aber ich kann ihr auch schlecht die Wahrheit erzählen und ihr sagen, dass, wenn ich in der Gegend umherschaue, ich schon mein ganzes Leben lang nicht nur die normalen Menschen, sondern auch sonderbare, farblose Menschen sehe, welche überall herumstehen und mich verfolgen, sobald sie bemerken, dass ich sie sehen und hören kann, um mir von ihren Problemen und Sorgen zu berichten. Diesen inneren Monolog- "tell"- könntest Du dann zugunsten von mehr "show" weglassen)
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Central
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BeitragVerfasst am: 21.07.2014 19:09    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke für die Rückmeldung.
Ich glaube ich streiche den Großteil des "erklärenden" Gedankenblocks, welchen du angesprochen hast und lasse im ersten Kapitel erstmal die Fragen offen, was die Farblosen sind, was passiert wenn Akio sie ansieht usw. und erkläre nur wenig.
Somit kann ich sie auftauchen lassen und auch zeigen, dass Akio sie unter keinen Umständen ansehen will (also "show" Smile), werfe gleichzeitig die Frage nach dem "Warum?" auf und erzeuge damit (hoffentlich) etwas Spannung.

Die Erklärungen folgen dann im zweiten Kapitel, welches sich ja ohnehin mit der Vergangenheit von Akio befassen soll und somit auch gut die Geschehnisse mit den Farblosen erklären kann.
Da kann ich dann auch direkt mehr Infos geben, welche somit das vorige Kapitel erklären.

Somit dient das erste Kapitel erstmal sozusagen der Einführung in die Geschehnisse und weniger deren Erklärung.


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BeitragVerfasst am: 21.07.2014 19:30    Titel: Antworten mit Zitat

Central hat Folgendes geschrieben:
Danke für die Rückmeldung.
Ich glaube ich streiche den Großteil des "erklärenden" Gedankenblocks, welchen du angesprochen hast und lasse im ersten Kapitel erstmal die Fragen offen, was die Farblosen sind, was passiert wenn Akio sie ansieht usw. und erkläre nur wenig.
Somit kann ich sie auftauchen lassen und auch zeigen, dass Akio sie unter keinen Umständen ansehen will (also "show" Smile), werfe gleichzeitig die Frage nach dem "Warum?" auf und erzeuge damit (hoffentlich) etwas Spannung.
Das hört sich hervorragend an! Daumen hoch

Central hat Folgendes geschrieben:

Die Erklärungen folgen dann im zweiten Kapitel, welches sich ja ohnehin mit der Vergangenheit von Akio befassen soll und somit auch gut die Geschehnisse mit den Farblosen erklären kann.
Da kann ich dann auch direkt mehr Infos geben, welche somit das vorige Kapitel erklären..
Aber bitte auch hier aufpassen: kein Infodump, nicht zuviel "tell"

Central hat Folgendes geschrieben:

Somit dient das erste Kapitel erstmal sozusagen der Einführung in die Geschehnisse und weniger deren Erklärung.
Ich denke, genau das ist auch die Funktion eines ersten Kapitels.

Ich bin gespannt, wie Du es hinkriegst und hoffe sehr, dass wir zu gegebener Zeit auch Dein zweites Kapitel zu lesen bekommen. Pfiffig Blinzeln
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BeitragVerfasst am: 22.07.2014 18:52    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

So, hatte die Tage etwas mehr zu tun, sodass ich nicht wirklich weiterschreiben konnte.
Setze mich jetzt aber daran, alles wieder zu überarbeiten. (Das wird dann schon die 4.te Version von Kapitel 1 sein Shocked)

Je nachdem wie lange es dauert kommt die neue Version entweder heute Nacht oder morgen im Laufe des Tages online.


Das zweite Kapitel werde ich anfangen zu schreiben, sobald das erste nicht mehr überarbeitet werden muss. Dann kann ich versuchen es direkt gut zu schreiben. Kommt dann natürlich auch wieder hier rein. Smile


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BeitragVerfasst am: 22.07.2014 21:01    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Und hier ist die Überarbeitung auch schon!


Habe jetzt unnötige, "erklärende" Gedankengänge komplett gestrichen, aber dafür einige neue Szenen eingefügt. Zum Beispiel das Verhalten der Farblosen und deren Einfluss auf Akio wird deutlicher.
Hab auch noch einiges anderes geändert, zB habe ich einige Szenen etwas genauer und andere weniger genau beschrieben. Hoffe es ist alles in allem wieder eine Steigerung geworden. Daumen hoch
(Mir ist aufgefallen, dass der Text mit jeder Überarbeitung immer größer wird. Ist ja mittlerweile eine Textwand geworden. Shocked)

Also Meinungen sind wieder erwünscht! (Lasst euch ruhig Zeit. Muss bestimmt langweilig werden, immer und immer wieder das Selbe, nur mit einigen Veränderungen zu lesen. Laughing)

Kapitel 1

"Guten Morgen, es ist sechs Uhr dreißig."
Die altbekannte, monotone Frauenstimme reißt Akio aus dem Schlaf.
"In neunzig Minuten beginnt der Schulunterricht, in sechzig Min...-"
Blind trifft Akios Zeigefinger den kleinen "Mute"-Button seines Smartphones, welches auf dem Nachttisch neben seinem Bett liegt, und die Frauenstimme verstummt.
Ziemlich deprimierend, jeden Morgen genau gleich geweckt zu werden.
Akio streift seine Decke zur Seite und richtet sich langsam auf. Er reibt sich die Augen und blinzelt schläfrig auf das Display seines Smartphones. Dritter August, Dreiundreißig Grad.
Mist, das wird ein harter Tag. Ohne die Klimaanlage würde ich jetzt schon komplett durchgeschwitzt sein.
Lustlos steht er auf und drückt auf den kleinen Lichtschalter neben der Zimmertür. Sobald das matte Licht den Raum erfüllt hat, öffnet er den Kleiderschrank, der seinem Bett direkt gegenübersteht und lässt seinen Blick über seine wenige Kleidung schweifen.
Nach kurzer Zeit entdeckt er die zusammengeknüllte Schuluniform in der hintersten Ecke des Schrankes.
Anfang August, die heißeste Jahreszeit in Tokio und trotzdem muss ich in diesem Aufzug herumrennen. Etwas Besseres könnte ich mir wirklich nicht vorstellen.
Ächzend bückt er sich, hebt die Uniform aus dem Schrank, schüttelt sie einmal und begutachtet sie.
So schlecht sah sie schon lange nicht mehr aus. Überall Falten und Flecke. Ich denke, ich werde sie Chizu die Tage mal zum Waschen geben.
Seufzend zieht er sich die enganliegende graue Hose und das langärmelige schwarze Oberteil über und versucht ohne Erfolg, einige Falten aus diesem hinauszustreichen.
Dann packt er die Umhängetasche, welche mitten im Raum liegt, greift nach seinem Smartphone und öffnet die Zimmertür.

Akio kneift die Augen zusammen, als ihm das grelle Licht, welches den Flur erleuchtet, in die Augen strahlt.
Wann lernt sie es endlich, die Helligkeit richtig einzustellen?
Hoffentlich hat sie wenigstens das Frühstück schon fertig.
Er betrachtet kurz die pinkfarbenen Buchstaben, welche auf der offenen Tür ihm gegenüber angebracht sind. Sie bilden den Namen Chizu.
Er fährt sich mit der Hand durch die zerzausten, schwarzen Haare, tritt aus seinem Zimmer und fängt an, dem Gang in Richtung Küche zu folgen.
Unverwandt betrachtet Akio die weißen Wände, an welchen er vorbeigeht. Sie sind kalt und erdrückend, jedes der wenigen Bilder erinnert ihn an seine Eltern.
Wäre Chizu nicht hier, würde ich es nicht lange in dieser Wohnung aushalten. Ich hasse so ziemlich alles an ihr.
Akio erreicht die Küchentür und legt seine Hand an den Türgriff.
Wie jeden Morgen starrt er dabei zu Boden und vermeidet verbissen, das Foto auf der Tür anzusehen. Und trotzdem erscheint es wie immer vor seinem inneren Auge: Ein einfaches Familienfoto. Alle stehen lächelnd nebeneinander, Akio ist vielleicht vier Jahre alt und hält die Hand seines Vaters, seine Schwester ist noch ein Baby. Jeder wirkt fröhlich.
Wie konnte es nur so weit kommen, dass uns unsere Eltern nun so im Stich lassen? Es ist alles ihre Schuld!
Wütend krampft sich Akios Hand um den Türgriff, aber entspannt sich zugleich wieder.
Ich darf nicht jeden Morgen so emotional werden. Chizu soll nichts davon mitkriegen, dass mich all das so mitnimmt.

Akio atmet einmal tief ein und wieder aus, drückt die Türklinke hinunter und öffnet die Tür. Der leere Teller auf dem Küchentisch fällt ihm sofort ins Auge. Chizu steht am Herd und ist dabei das Frühstück vorzubereiten.
"Guten Morgen, Akio!", lächelnd dreht seine Schwester sich zu ihm um und ihre langen, ebenfalls schwarzen Haare berührten fast die heiße Herdplatte.
"Morgen, Chizu", erwidert Akio, schließt die Küchentür und lässt sich auf einen freien Platz am Küchentisch fallen und legt die Umhängetasche neben sich ab.
"Hast du sie noch gesehen?", fragt er mit einem Blick auf den leeren Teller und Chizu schüttelt den Kopf.
"Mutter muss schon vor sechs Uhr weggefahren sein."
Besser so. Sonst gäbe es nur wieder Streit.
Akio betrachtet seine Schwester, welche sich wieder zum Herd gedreht hat.
Chizu hat sich seit damals wirklich positiv entwickelt. Ich bin sechzehn Jahre alt und sie gerade mal dreizehn, dennoch schmeißt sie den Haushalt so gut wie alleine.
Mit einer schnellen Handbewegung stellt Chizu den Hitzeregler des Herdes auf Null, woraufhin dieser auch sofort auf diese Temperatur hinabsinkt. Danach nimmt sie zwei Teller aus der Schublade neben dem Herd und stellt sie zusammen mit der heißen Pfanne auf den Küchentisch.
"Gebratener Speck mit Toast, dein Lieblingsfrühstück, Bruderherz", Chizu lächelt Akio an.
"Vielen Dank, Schwesterherz", entgegnet Akio lächelnd und seine Miene hellt sich das erste Mal heute etwas auf. Der Geruch von gebratenem Speck erfüllt bereits den gesamten Raum und Akio legt sich eine Menge davon auf den Teller.
Chizu setzt sich ihm gegenüber an den Tisch und belegt ihr Toast mit Speck.
"Hast du gut geschlafen?"
Akios Mund ist bereits randvoll mit Essen, sodass seine Antwort nur als unverständliches Geschmatze zu hören ist.
Chizu grinst ihn an und beißt nun auch von ihrem Toast ab, ohne eine neue Antwort zu erwarten.
Die Pfanne leert sich immer mehr, während die beiden beisammensitzen und essen. Akio greift sich gerade das letzte Toast, als sich die elektronische Stimme aus seinem Smartphone wieder meldet.
"Guten Morgen, es ist sieben Uhr zehn. In fünfzig Minuten beginnt der Schulunterricht, in zwanzig Minuten fährt der gewählte Bus. Um ihren Zeitplan einzuhalten müssen sie ihre Wo..-"
Akios Zeigefinger setzt der Stimme erneut ein Ende und er legt das Toast widerwillig zurück in die Verpackung.
"Hat gut geschmeckt, Chizu. Du wirst immer besser", sagt Akio, während er aufsteht und seinen Teller zur Spüle bringt.
"So gut wie Mutter bin ich noch lange nicht", sagt Chizu lächelnd und stellt auch ihren Teller auf der Spüle ab.
"Es ist ein Wunder, dass du dich überhaupt noch daran erinnern kannst, dass sie jemals Frühstück gemacht hat."
"Hin und wieder hat sie auch noch gekocht, als wir älter waren", sagt Chizu, während sie ihm die Karte zuwirft, die er zum Betreten der Wohnung braucht und auch ihre eigene einsteckt.
Genervt winkt Akio ab, verstaut die Karte in seiner Tasche und blickt auf sein Smartphone, sieben Uhr dreizehn.
"Wir müssen los, sonst fährt der Bus ohne uns."
Er legt sich die Tasche um, zieht die Tür auf und fährt sich noch einmal durch seine zerzausten Haare, bevor er mit Chizu die Wohnung verlässt.

Akio vergräbt seine Hände tief in den Hosentaschen und wartet, bis Chizu die Wohnungstür hinter ihm wieder zugezogen hat. Sein Blick trifft die große "4", welche an der Wand des Treppenhauses angebracht ist und er fühlt zugleich wieder unzufrieden.
Es ist nur dem Wohlstand unserer Eltern zu verdanken, dass wir in einer so großen Wohnung, welche auch noch in einem solch niedrigen Stockwerk liegt, leben dürfen.
Die beiden fangen an auf die Betontreppe zuzugehen, welche in das dritte Stockwerk führt. Nur wenige Geräusche, abgesehen von ihren Schritten auf dem harten Boden, dringen an Akios Ohr, da die massiven Wände alle Geräusche von außen unterdrücken.
Unbewusst fängt Akio an langsamer zu gehen, je näher sie dem Erdgeschoss kommen und Chizu stößt ihn mit dem Ellenbogen an. Er verzieht den Mund, geht nun aber wieder schneller. Je näher sie dem Ausgang kommen, desto stärker wird sein Wunsch, das Hochhaus nicht zu verlassen.
Das Geräusch ihrer Schritte vermischt sich mit dem Surren des Fahrstuhls, welcher an ihnen vorbei nach unten fährt.
Aus dem vierten Stockwerk lohnt es sich nicht auf den Fahrstuhl zu warten. Das Hochhaus hat vierzig Stockwerke, sodass sich der Fahrstuhl oft in den höheren Etagen befindet.
Sie gelangen ins erste Stockwerk und Akio sieht zu der Wohnung mit der Nummer "7" hinüber.
Herr Kamawa müsste gleich kommen, denkt Akio und kurz darauf fliegt die Wohnungstür auf und ein großer Mann kommt herausgestürmt. Nachdem er die Tür wieder geschlossen hat, eilt er sogleich in Richtung Erdgeschoss, ohne Akio und Chizu zu beachten.
Er ist wirklich immer um diese Zeit fertig und natürlich in Eile. Mittlerweile kenne ich seine Zeiten. Es ist hilfreich, dass er jeden Morgen so zuverlässig anzutreffen ist und die selbe Route wie ich gehen muss.
Akio kratzt sich am Hinterkopf und geht zusammen mit Chizu weiter.
Als die beiden im Erdgeschoss angekommen sind, ist von dem Mann bereits keine Spur mehr zu sehen. Er hat das Hochhaus schon verlassen.
Auch Akio und Chizu gehen auf den Ausgang zu und Akio öffnet die schwere Tür.

Die Ruhe ist wie weggeblasen. Die Stimmen vieler Menschen, welche durcheinander reden, das Geräusch fahrender Autos, das Klirren von Glas, sowie der Aufprall von irgendetwas Hartem in der Ferne. All dies, was bis jetzt durch die Wände des Hochhauses unterdrückt wurde, schlägt den beiden sofort entgegen.
Die normalen Geräusche der Großstadt. Wenn man von klein an damit aufwächst, sind sie kein Problem.
Schnell tritt Akio nach draußen und wendet sich sofort nach rechts, um Herr Kamawa nicht aus den Augen zu verlieren. Er kann ihn kurz vor sich entdecken, richtet seinen Blick starr auf ihn und geht zusammen mit Chizu in Richtung Bushaltestelle.
Ich habe noch nie mit Herrn Kamawa geredet. Ich sehe ihn nur jeden Morgen aus seiner Wohnung hinauseilen.
Akio mustert die Kleidung des großen Mannes. Heute trägt er wieder eine Jeans und sein weißes Hemd. Anscheinend sein Lieblings-Outfit. Bestimmt hat er wieder seine Namensplakette angesteckt. Deswegen weiß ich auch, wie er heißt. Als was er wohl arbeitet?
"Hast du deine Fahrkarte dabei, Akio?", Chizu reißt ihn aus seinen Gedanken.
"Natürlich. Du bist die Einzige, die sie hin und wieder vergisst."
Akio kann einen Lacher nicht unterdrücken, da sie dieses Gespräch schon so oft geführt hatten und bemerkt wie Chizu ihn von der Seite ansieht, wendet seinen Blick aber trotzdem nicht von Kamawa ab.
"Und du kannst mich beim Reden wieder nicht angucken. Eigentlich sollte es mich nicht mehr stören", sagt Chizu mit betretener Stimme.
Akio beißt wütend die Zähne aufeinander. Er hasst es, wenn er sie deswegen belügen muss.
"Natürlich nicht. Ich habe es dir schon oft gesagt, ich kann es einfach nicht ab, ausversehen Blickkontakt mit Fremden herzustellen."
Die selbe dumme Ausrede, wie immer.
Chizu seufzt traurig und Akio kann sich nun doch nicht davon abhalten, kurz zu ihr hinüberzulinsen.
Er bereut es sofort, denn kaum hat er den Blick von Herrn Kamawa gelöst, bemerkt er, zwischen den anderen Fußgängern, schon die ersten farblosen Schemen. Er konzentriert sich wieder und fokussiert sofort wieder den Rücken des Mannes.
Nicht ablenken lassen. Ich muss mit dieser Lüge leben. Bloß nicht ablenken lassen.
Sie gehen ein kurzes Stück weiter, als Akio spürt, dass er mit dem Fuß in ein Kaugummi getreten ist und flucht leise.
Es wird mich mehr stören, wenn ich es einfach kleben lasse, als wenn ich es jetzt loswerde.
Ich muss nur aufpassen, dann kann ich das Kaugummi ohne Probleme entfernen.
Er senkt seinen Blick und gibt den sicheren Haltepunkt an Kamawas Rücken für einen Augenblick auf, um nach einer Möglichkeit zu suchen, das Kaugummi abzustreifen. Trotz seines gesenkten Blickes sieht er sie sofort. Überall auf diesem Platz stehen Menschen, welche keinerlei Farbe an sich haben. Weder ihre Kleidung noch sie selbst. Akio nennt sie die "Farblosen". Sie gestikulieren wie wild, einigen steht Schmerz ins Gesicht geschrieben, andere sitzen nur auf dem Boden, während alle normalen Menschen durch sie hindurchgehen, als würden sie nicht existieren, und haben den Blick nach unten gerichtet.
Ich darf mir nicht anmerken lassen, dass ich sie sehe. Konzentration!
Akio sieht auf die Bordsteinkante, die er gleich erreicht hat, um das Kaugummi abzustreifen und blendet die Farblosen aus.
Er hebt seinen Fuß an und schabt mit seinem Schuh über die Kante, doch das Kaugummi klebt stärker als er erwartet hat und Akio bleibt kurz an der Kante hängen, bevor sich das Kaugummi löst, sodass er nach vorne stolpert.
Der Moment der Unachtsamkeit reicht, damit Akios Konzentration völlig verschwindet und er für  die Sekunde, während er versucht nicht hinzufallen, den gläsernen, von Leid erfüllten Stimmen der Farblosen, welche er normalerweile wie von selbst ausblendet, wenn er diesen Weg entlang geht, lauscht.
"Es ist alles meine Schuld.. Meine Schuld.. Vergib mir.."
"Wieso antwortet ihr mir nicht? Bitte helft mir! Warum bemerkt ihr mich nicht? Was geht hier vor sich?.."
"Iona wo bist du?! Bitte versteck dich nicht mehr! Ich weiß, dass du hier bist!"
"Ich h-halte es n-n-nicht mehr aus.. B-b-bitte gib es zurück.. Nur e-einmal noch.."
Akio hat sich wieder gefangen und reißt seinen Blick hoch, er atmet tief ein und starrt gebannt auf Herrn Kamawa, welcher immer noch gut sichtbar ist.
"Alles in Ordnung bei dir, Akio?", Chizu ist stehen geblieben und sieht Akio verwundert an. "Dein Gesichtsausdruck.."
Akio hat die Augen weit aufgerissen, Leid und Trauer spiegeln sich in seinem Gesicht wider.
Die Worte der Farblosen hallen in seinem Gedächtnis wider, wie sie es früher bereits oft taten.
"Ja, es ist alles gut. Komm, wir müssen weiter."
Nur mit Mühe kann Akio das Zittern verstecken, welches ihn überkommen hat.
Seine Hand rückt wie von selbst den Gurt seiner Umhängetasche zurecht, die wie immer anfängt zu rutschen, sobald er schneller läuft. Herr Kamawa scheint es heute noch eiliger zu haben als sonst. Akio will ihn unter keinen Umständen aus den Augen verlieren.
Er schluckt schwer und spürt, dass Chizus Blick auf ihm ruht.
Wie gerne würde ich mit ihr über alles reden, was ich durchmache, aber ich kann es nicht. Wie gerne würde ich aufhören ihr diese Lüge zu erzählen..
Während sie weitergehen klebt Akios Blick unveränderbar am Rücken des Mannes. Er blinzelt kein einziges Mal, die Angst, die Stimmen wieder hören zu müssen, hält seine Augen offen.
Nach einiger Zeit erkennt Akio aus den Augenwinkeln den Bus, in welchen er gleich einsteigen wird. Herr Kamawa biegt jeden Morgen kurz vor der Bushaltestelle ab und geht in eine andere Richtung weiter, sodass Akio seinen Blick nun an den, mit bunter Reklame versehenen, Bus heftet.
Es ist sicherer sofort diesen anzusehen, sollte Kamawa einmal eher die Richtung wechseln.
Als er und Chizu den Bus erreicht haben, hat sich bereits eine große Traube Menschen an der Bushaltestelle gebildet. Akio kramt seine Fahrkarte aus seiner Tasche und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Er reiht sich zusammen mit Chizu in die Schlange vor dem Einstieg ein, wartet, bis sie an der Reihe sind und steigt in den Bus ein.

"Yoo, Akio!", eine laute Stimme schallt durch den ganzen Bus und einige Leute sehen Akio verwundert an.
Dieser knirscht mit den Zähnen, als er seinen Schulfreund Haru Matsuda wild winkend in den hinteren Reihen sitzen sieht.
Der Schock von vorhin sitzt Akio noch tief in den Knochen, doch bessert sich seine Laune beim Anblick Harus und der Tatsache, dass er sich nun im Bus befindet, etwas.
Warum musst du immer so laut sein, Haru?
Der Junge trägt ein weites weißes T-Shirt und eine weite Jeans, obwohl er in die selbe Klasse wie Akio geht und eigentlich eine Schuluniform bräuchte. Die Lehrer haben es einfach so akzeptiert, nachdem er selbst nach unzähligen Ermahnungen immer noch in Freizeitkleidung kam.
Akio zeigt dem Busfahrer seine Fahrkarte, dieser winkt ihn und danach auch Chizu durch.
"Komm her, ich hab dir freigehalten!"
Harus blonde Haare sind genauso zerzaust wie Akios und er grinst gut gelaunt zu diesem hinüber. Während Akio und Chizu sich durch die Menschen zu ihm durchkämpfen, lässt Akio seinen Blick durch den Bus schweifen.
Anders als in der Stadt sind in den Bussen selten farblose Menschen. Der Bus ist der einzige Ort an dem ich mich morgens entspannen kann.
Er hat Haru erreicht und lässt sich neben ihm in den Sitz fallen. Chizu nimmt eine Reihe hinter ihnen Platz.
"Du glaubst nicht, was mir gestern passiert ist, Akio..", Harus Grinsen verbreitert sich und Akio verzieht genervt sein Gesicht, er weiß, dass Haru wieder eine endlose Geschichte erzählen wird, wenn er so anfängt.
"Ich bin in die Stadt gefahren, um mir ein bisschen was zu futtern zu kaufen, als mich so ein alter, zwielichtiger Typ in der U-Bahn angesprochen hat. Ich wusste sofort, dass mit dem etwas nicht stimmt und dann hat er auch noch versucht mir so eine komische Salbe anzudrehen und ich hab -..."
Akio dreht seinen Kopf Richtung Fenster und versucht Harus Erzählung nicht mehr zuzuhören.
Er ist so gesprächig, er merkt es nicht mal, wenn ich ihm nicht zuhöre, weil er die ganze Zeit selbst redet.
Akio schließt die schmerzenden Augen, um diese von dem langen Starren auszuruhen, jedoch verhindert die viel zu kalte Luft der Klimaanlage, welche ihm von oben ins Gesicht bläst, dass er sich entspannen kann und Fetzen von Harus Erzählung dringen trotzdem an sein Ohr.
"Ich bin also eine U-Bahn Station eher ausgestiegen, um diesem Mann zu entkommen, als ich einige Punks gesehen habe, die wahllos Leute anpöbelten. Natürlich bin ich sofort zu ihnen gegangen und habe sie zur Rede gestellt, aber einer von ihnen hat direkt versucht mich anzugreifen. Seine Augen sahen wirklich verrückt aus. Der hätte mich eiskalt abgestochen, wäre ich nicht gerannt."
Kein Wunder. In den letzten Jahren ist die Kriminalrate und Gewaltbereitschaft in Tokio wirklich sehr gestiegen. Auch die Anzahl der Selbstmorde erhöht sich drastisch. Akio unterdrückt ein Gähnen, er weiß, dass er sowieso nicht schlafen kann und lässt Harus Erzählung weiter über sich ergehen.
"Weil ich so schnell rennen musste, habe ich die Orientierung verloren und stand plötzlich irgendwo in Tokio. Es ist unmöglich sich hier auszukennen, selbst wenn man hier wohnt! Natürlich hatte ich mein Smartphone auch nicht dabei. Dann..-"
Heutzutage sein Smartphone nicht immer bei sich zu tragen kann auch nur Haru passieren. Immerhin ist es in vielen Bereichen unverzichtbar geworden. Und stören tut es auch niemanden, immerhin kann es jeder mit sich tragen wie er will. Man kann es sogar als Armband tragen.
Akio reibt sich die Augen, der Schmerz ist verschwunden.
"Ich bin dazu noch ziemlich spät losgefahren und als ich dann endlich jemanden gefragt habe, wohin ich gehen muss, war es schon elf Uhr nachts. Aber ohne Navi kann man die Geschäfte einfach nicht finden, ich hab mich nochmal verlaufen. Ich bin also weiter herumgeirrt und bin dann in einem dieser Viertel gelandet, in denen man nicht landen will." Haru raunt die letzten Worte in einem unheilvollen Ton und Akio kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Er muss wirklich ziemlich lange herumgelaufen sein, um dahin zu gelangen. Akio sieht aus dem Fenster auf die an ihnen vorbeiziehenden Menschen. Trotz der Tatsache, dass es so viele Menschen in Tokio gibt wie noch nie, gelingt es der Polizei einen Großteil der Gebiete zu überwachen. Trotzdem gibt es einige Bereiche in denen viel mehr Kriminalität herrscht als in anderen. Dass Haru gerade in eines von diesen hineinstolpern musste..
"In diesem Viertel bin ich dann eine Ewigkeit herumgeirrt, bis mich eine Gruppe Obdachloser überfallen hat, und mir fast meine gesamten Wertsachen geklaut hat. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel Angst ich hatte!"
Die Zeiten scheinen wirklich immer schlechter zu werden. Eigentlich sollte niemand mehr obdachlos sein, auch wenn es so viele Menschen hier gibt. Es wurde extra dafür gesorgt, dass selbst weniger qualifizierte Menschen einen Job und eine Wohnung erhalten. Trotzdem landen viele Menschen auf der Straße und können dort meist nur knapp überleben. Schuld daran ist nicht das System, sondern meist die Menschen selbst. Es macht wirklich den Eindruck, als würden sie in den letzten Jahren immer bösartiger werden.
Haru öffnet gerade den Mund um mehr zu erzählen, als die hohe Frauenstimme aus dem Lautsprecher des Busses ihn unterbricht.
"Murakami High", kündigt sie nach einer knappen Viertelstunde Fahrt an und viele Fahrgäste erheben sich.
Akio und Haru verlassen ihren Sitzplatz und auch Chizu steht auf, denn obwohl die Schule Murakami High heißt, hat sie zugleich ein Gebäude für Mittelschüler.

Akio verlässt den Bus, Haru und Chizu folgen ihm.
"Bis später, Akio", Chizu steht lächelnd vor ihm.
Scheinbar denkt sie schon nicht mehr über das Ereignis von vorhin nach. Ein Glück.
Akio hebt seine Hand zum Abschied.
"Viel Spaß in der Schule, Chizu."
Sie entfernt sich winkend und Akio und Haru gehen in die andere Richtung.
"Was ist los Haru? Warum guckst du so?!"
Haru starrt Akio ununterbrochen an, während sie gehen. "Dabei kommt man sich nach einer Weile ziemlich komisch vor, also lass es bitte.."
Haru holt tief Luft und sieht Akio entrüstet an.
"Hast du nichts dazu zu sagen, Akio?! Das war eines der härtesten Erlebnisse in meinem Leben! Ich verstehe nicht, warum du nichts dazu zu sagen hast! Nichtmal einen Kommentar?!"
Akio verdreht die Augen erwidert Harus Blick.
"Alles was ich gehört habe, war deine eigene Schuld. Kein Handy, in eines dieser Viertel laufen. Das kann wirklich nur dir passieren, Haru."
"Dafür kann ich doch wirklich nichts. Ich hatte einfach nur Pech!" Haareraufend versucht Haru sich zu rechtfertigen, gibt es aber auf, weiter mit Akio über die Geschichte reden zu wollen und wendet seinen Blick schmollend ab.
Sie gehen auf das große Tor zu, welches nicht weit von der Bushaltestelle entfernt ist und auf den Schulhof führt. Zusammen mit den anderen Schülern treten sie durch das Tor und vor ihnen ragt das große, moderne Gebäude in die Luft, in welchem die meisten der Schüler unterrichtet werden.
Trotz des beeindruckenden Anblicks richtet Akio seinen Blick starr auf den Boden und merkt wie er an einigen der farblosen Menschen vorbeigeht.
Heute sind wieder viele von ihnen hier. Fast ausschließlich Kinder und Jugendliche.
Auf dem Schulhof konzentriert Akio sich nicht so stark darauf, die Farblosen zu ignorieren, da ihn dies sehr anstrengt und sie hier nicht in einer solch riesigen Menge auftreten wie auf dem Weg zum Bus.
"Helft mir, bitte! Bitte helft mir! Ich warte auf meinen Bruder! Bitte helft mir ihn zu suchen!" Ein kleiner Junge nahe Akio spricht mit zitternder Stimme die Schüler an und Tränen strömen über sein farbloses Gesicht und fallen zu Boden. Eine Gruppe Mädchen geht an ihm vorbei, sie lachen und der Junge ruft ihnen nach. Niemand bemerkt ihn. Selbst seine Tränen sind für alle anderen unsichtbar.
Wieso muss nur ich es ertragen, diesen Jungen sehen und hören zu können? Es ist so grausam, nicht helfen zu können, selbst wenn man es so sehr will. Akio ballt seine Faust und hält seinen Blick starr auf den Boden gerichtet, während er weiter mit Haru auf das Schulgebäude zugeht.
Die beiden steigen die steinernen Stufen, welche in das Gebäude führen empor und reihen sich in den Strom Schüler ein, welche sich in das Gebäude drängen.

Sobald sie im Gebäude stehen ist das einzige wahrnehmbare Geräusch das Lärmen der anderen Schüler. Sogar der Großstadtlärm wird davon überschallt.
In dem Schulgebäude sind wenige der farblosen Menschen. Akio atmet erleichtert auf und hebt seinen Blick. Überall stehen Schüler in Gruppen, welche sich unterhalten oder zu ihren Klassenräumen eilen.
Auch Haru und er machen sich auf den Weg zu ihrem Klassenraum.
"Tag, Haru", ein Junge klatscht Haru im Vorbeigehen in die Hand.
"Yo, altes Haus", ein weiterer nickt ihm zu.
Haru ist ziemlich beliebt, denkt Akio betreten lächelnd, während er den Gang entlanggeht. Mich kennt dafür so gut wie niemand. Aber ich sollte froh sein, dass ich zwei Freunde habe und die anderen mich in Ruhe lassen. Im Gegensatz zu früheren Zeiten hat sich schon einiges gebessert.
Die beiden steuern auf eine Gruppe Schüler zu, welche vor einem Klassenzimmer stehen und reden.
"Akio, deine Uniform sieht ja mal wieder wie neu gekauft aus", hallt den beiden eine spöttische Stimme entgegen.
Und da ist sie auch schon. Die alte Stichlerin, Minori Kohara.
"Vielen Dank für das Lob, Minori", sagt Akio als er den Klassenraum erreicht hat und kratzt sich verlegen am Hinterkopf.
"Die hast du ja echt seit Wochen nicht mehr gewaschen, Akio." Haru beäugt die Falten und Flecken der Uniform und lacht laut, woraufhin Minori ihn böse anschaut.
"Jedenfalls kommt er noch mit Schuluniform und nicht in Freizeitklamotten, so wie du!"
Dann fängt auch Minori an zu lachen und Akio muss mit einstimmen.
Sie trägt mittellange braune Haare, hat ihre Schuluniform an und ist ein sehr fröhlicher Mensch, obwohl man ihre zickige Ader auch nicht übersehen kann.
Die Schülermenge bewegt sich, als sich ein Erwachsener zwischen sie drängt.
"Guten Morgen. Bitte macht Platz, damit wir den Klassenraum betreten können."
Akios Klassenlehrer schiebt sich durch die Schüler und schließt den Raum auf. Er betritt den Raum und die Schüler folgen ihm.
Sobald alle den Raum betreten haben, stellt sich jeder vor seinen Platz.
Akio begibt sich in die letzte Reihe, ganz links, am Fenster.
"Guten Morgen!"
"Guten Morgen, Herr Osaka!"
Der Lehrer gibt das Zeichen, dass sich jeder setzen darf und die Schüler nehmen Platz.
Auch Akio setzt sich, lässt seinen Blick aber sofort aus dem Fenster schweifen.
"Heute behandeln wir die..-", der Lehrer beginnt den Unterricht, doch Akio hört ihm nicht im Geringsten zu.
Wen interessiert schon der Unterricht. Nichts was ich hier lerne hilft mir auch nur im Geringsten. Ich erfahre nichts über die farblosen Menschen oder wie ich die Probleme mit meinen Eltern lösen kann.
Die Klasse befindet sich im zweiten Stock, aus den Fenstern hier hat man eine gute Aussicht auf die Sportplätze der Schule. Dort haben einige Schüler Sportunterricht, doch Akio sieht nicht zu ihnen hinunter, sondern blickt auf das hohe Metallgitter, das den Sportplatz umrundet. Das Gitter ist um die drei bis vier Meter hoch und dazu da, Bälle daran zu hindern aus dem Sportplatz hinauszufliegen.
Akio bemerkt, dass alle Schüler ihre Laptops herausgeholt und auf den Tisch gestellt hatten, und er reißt seinen Blick eilig vom Fenster los und öffnet seine Tasche, um den Laptop herauszuholen.
Kaum hat er ihn aufgeklappt und binnen weniger Sekunden hochgefahren, wendet er sich erneut dem Gitter zu.
Da sitzt er wieder, denkt Akio und starrt gedankenverloren auf den farblosen Jungen, welcher ganz oben auf dem Gitter sitzt. Er hockt nur mit den Füßen auf dem Metall und befindet sich in einer angespannten, sprungbereiten Pose. Jedoch wird er nicht springen. Seit Akio ihn das erste Mal gesehen hat, hat er diese Pose nie verlassen.
Ein Ball prallt an das Gitter und bringt es so zum Schwingen. Der Junge gerät weder ins Straucheln, noch scheint ihn das Schwingen irgendwie zu stören. Sein Blick ist in die Ferne gerichtet.
Es ist Akio noch nie gelungen, seinen Gesichtsausdruck zu deuten. Reue? Trauer? Wut? Teilnahmelosigkeit? Seine Gesichtszüge verraten nichts.
Akio ist nun vollens in Gedanken versunken und bekommt nichts davon mit, was Herr Osaka unterrichtet.
Er ist so anders, als die anderen Farblosen. Er versucht nicht mit mir zu reden, obwohl er sicher schon bemerkt haben muss, dass ich ihn jeden Schultag beobachte. Ich habe noch nie seine Stimme gehört. Ist sie wohl genauso kalt und traurig wie die der anderen Farblosen?
Gerade die Tatsache, dass der Junge so unterschiedlich zu den anderen ist, bringt Akio jedesmal zum Nachdenken.
Der Junge ist wie ein stiller Beobachter, er sitzt nur da und starrt in die Ferne, blendet alles andere aus und denkt nach. Wie er wohl so anders geworden ist? Waren es ähnliche Gründe, wie die meinen?
Wann begann meine Zeit als Sonderling? Schon damals war ich anders..


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