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Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig Die Phasenprüfung


 

 
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Dienstwerk
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 50
Beiträge: 1315
Wohnort: Gera/Markkleeberg
DSFo-Sponsor Goldene Harfe


BeitragVerfasst am: 29.04.2010 00:26    Titel: Die Phasenprüfung eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das Leben schreibt die besten Geschichten!!!

Ich wäre über jegliche Kritik, literarischer Art, ungemein dankbar.
Vielleicht kann ich den Text ja an die Bild-Zeitung schicken und bekomme so mein Lehrgeld zurück. Wink
Mit moralischen Vorwürfen haltet euch bitte bedeckt. Schadenfreude ist erlaubt - aber bitte gemäßigt.
Es handelt sich nicht um eine Recherche mit dem Ziel, eine Geschichte draus zu basteln (ich heiße ja nicht Winona Ryder). Nein, die Sache ist mir wirklich passiert - vorgestern im Leipziger Globus-Baumarkt! Rolling Eyes

LG, Ana


Die Phasenprüfung

Baumärkte sind Männerdomizile, und das sollte auch so bleiben.
Ein Mann weiß bereits vor dem Kauf, wie das Werkzeug heißt, was er will und wofür es gebraucht wird. Ich kenne nicht mal den Namen von dem Ding, was ich geklaut haben soll. Männer gehen auch nicht mit einem freudig erregten Dackel einkaufen, Frauen schon. Also ich.
Aber der Reihe nach…

Wir haben Tapete ausgesucht - eine edle Wandbekleidung in Streifenoptik für popelige zwölf Quadratmeter, im Angebot nur 61,99 €!
Der Hund beschnüffelt die Rollen und wedelt zustimmend mit dem Schwanz. Scheint ihm also auch zu gefallen.
Auf dem Weg zur Kasse kommen wir an der Beleuchtungsabteilung vorbei. Mir sticht ein chromblitzender Deckenleuchter ins Auge, für schlappe 69,99 € statt 160 € - Auslaufmodell, wunderschön! Die Lampe würde hervorragend zu unseren hellen Möbeln passen, zumal seit vier Jahren ein überdimensionaler Weihnachtsstern aus Hartpappe im Wohnzimmer hängt, der durchs Fenster sogar von der Straße aus zu sehen ist. Mein Mann ist schnell überzeugt.
Nun brauchen wir nur noch Glühbirnen.
„…und so was da auch, meiner ist abgebrochen“, sagt mein Mann und deutet auf ein schraubenzieherähnliches Teil, das neben einer kaputten Plastikverpackung liegt.
Ich greife danach.
Inzwischen hat die Verkäuferin den Leuchter in einen riesigen, unhandlichen Karton verpackt. Er wäre leicht, versichert sie und drückt ihn mir in die Hand. Ich stütze die Schachtel mit meinem Kinn; am rechten Handgelenk baumelt meine Tasche, mit der linken Ellbeuge zerre ich den Dackel an seiner Leine hinterher.
Vor mir läuft mein Mann und balanciert mit  selbstbewusster Leichtigkeit vier Tapetenrollen auf seiner Schulter. Es fehlt nur noch, dass er mit den Glühbirnen in seiner Hand jongliert.

Kurz vor dem Ausgang versperren uns drei Männer den Weg.
„Kommen Sie bitte mal mit ins Büro, wir würden uns gern mit Ihnen unterhalten.“ Dabei schauen sie mich an.
Sie sehen verdammt gut aus - ein bisschen wie Türsteher, muskulös, braungebrannt, einer ist an beiden Armen tätowiert. Der jüngste, ein grinsender Farbiger, kaut Kaugummi. Ich verfluche insgeheim den Regen, der meine Haare auf dem kurzen Weg vom Parkplatz zum Baumarkt in nasse Bindfäden verwandelt hat.
Mein Mann schaut verwundert.
„Sie können ruhig schon die Einkäufe in den Wagen packen, wir brauchen Sie hier nicht“, kappt der Tätowierte seine unausgesprochene Frage, und zu mir gewandt mit einladender Geste: „Bitteschön.“
Ich stelle den Karton vor der Tür ab.
Eine Umfrage, denke ich beim Eintreten.
Keine Umfrage!
Das Büro ist so winzig, dass unmöglich mehr als drei Personen hineinpassen! Wir sind zu viert und sogar der Dackel hat noch Platz.
„Sicherheitsdienst“, stellen sich die drei vor und zücken ihre Ausweise. Die restlichen Worte versinken im plötzlichen Bewusstseinsnebel; ich setze mich wie in Zeitlupe auf einen von zwei Stühlen. Auf dem anderen nimmt der Tattoo-Mann Platz und haut auf die Entertaste seines PCs.
„Geht es um die Glühbirne, die ich fallenlassen habe?“
Wohl nicht. Der Hund fiept, der Blonde hebt ihn hoch und krault seine Ohren. Alle drei sehen mich freundlich an.
Den Schaden ersetze ich natürlich, möchte ich sagen, doch die Worte bleiben mir in der Kehle stecken.
„Haben Sie vielleicht etwas bei sich, wofür Sie keinen Kassenzettel besitzen?“
Ich spüre, wie mir die Hitze vom Brustansatz nach oben schießt und schaue an mir herunter. Aus meiner Jackentasche lugt ein transparenter Griff. Mit spitzen Fingern ziehe ich den Gegenstand, dessen Namen ich sicher gleich erfahren werde, heraus.
„Das da?“
„Genau“, meint der Blonde fröhlich, während der Mulatte eine zerfetzte Packung hinter seinem Rücken vorholt. „Kann ja mal vorkommen.“
„Wie bitte?“
„Das nennt man Diebstahl.“
Inzwischen dürfte mein Gesicht puterrot sein. „Das war ein Versehen. Ich klaue doch nichts, von dem ich nicht mal weiß was es ist!“
„Ach, was stehlen Sie denn sonst so?“
Ich bin für einen Moment sprachlos, während ich das verlangte Personaldokument aushändige. Meine Hand zittert leicht.
„Ok, was kostet das - äh, Ding?“, frage ich und krame nach meiner Geldbörse.
„Phasenprüfer“, hilft der Blonde. „Einzeln normalerweise 99 Cent.“
„Im Kombipack“, dabei wedelt er mit der kaputten Verpackung, in der irgendwas Buntes zu erkennen ist, „kostet es 5,99 € - aber wer soll das so noch kaufen!“
Ich zum Beispiel?
„Jetzt kommen allerdings noch 100 Euro Vertragsstrafe obendrauf.“
„Das ist nicht Ihr Ernst“, frage ich ungläubig.
„Doch.“
Es klopft, mein Mann steckt seinen Kopf durch die Tür.
„Wir sind gleich fertig“, sagt der Blonde, reicht ihm unseren Dackel und drängt ihn wieder nach draußen.
„Diebstahl ist Diebstahl, verstehen Sie, da helfen auch keine Ausreden.“
Ich habe nicht vor mich herauszureden. Langsam beschleicht mich jedoch der Verdacht, dass sich das Ganze um einen makabren Scherz handelt. Bügelt der Baumarkt damit die Differenz zu seinen Schnäppchen aus? Das ist natürlich Unsinn. Wer außer mir selbst soll den Phasenprüfer (diesen Namen werde ich nie vergessen!) in meine Jacke gesteckt haben?
„Sie bekommen natürlich noch eine Anzeige. Wenn Sie die Strafe allerdings gleich bezahlen, sieht unser Auftraggeber vielleicht davon ab.“
Inzwischen komme ich mir vor wie ein Schwerverbrecher und will nur noch weg.
„Kann ich die Summe überweisen?“
„Nein, aber Sie können innerhalb einer Woche hier an der Info persönlich zahlen.“
Ich komme garantiert nicht noch mal hierher, denke ich genervt, und zähle mein Bargeld: Fünfundneunzig in Scheinen und ein paar Münzen. Es reicht gerade so.
„Das ist Ihnen peinlich, stimmt’s“, fragt der junge Detektiv kauend.
Ich sage nichts mehr.
Der Tätowierte tippt ein Formular voll, reicht mir eine Quittung und meinen Ausweis.
„Wollen Sie die Ware jetzt kaufen?“
„Kann ich mir nicht mehr leisten“, knurre ich und flüchte ohne Abschied.

„Was war denn los?“ fragt mein Mann und gibt mir die Hundeleine.
Der Dackel erklimmt freudig mein Hosenbein. Ich schüttele ihn ab.
„Ein Missverständnis. Die haben mir doch allen Ernstes unterstellt, was geklaut zu haben.“
„Und, hast du?“
„Natürlich nicht“, empöre ich mich.
In den nächsten Wochen wird es nur noch Eintopf geben!

Zu Hause bringt er sofort die Lampe an.
„Na, wie sieht sie aus?“
„Wunderschön“, lobe ich.
Schweineteuer, denke ich.
„Das staubige rote Monster schmeißen wir am besten gleich weg“, sagt mein Mann, während er von der Leiter steigt.
„Kommt überhaupt nicht in Frage“, fauche ich und entreiße ihm den Weihnachtsstern. „Den können wir nächstes Jahr noch benutzen.“
Sorgfältig falte ich ihn zusammen und überschlage dabei, was so eine Deko neu kosten würde, wenn jemand beispielsweise eine Schraube in meiner Tasche findet…

„Du hast gar keinen Phasenprüfer benutzt?“, frage ich vorsichtig.
„Nö, ging auch ohne.“

28.04.2010

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Michael1960
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber


Beiträge: 28



BeitragVerfasst am: 29.04.2010 03:00    Titel: Antworten mit Zitat

Ich fand es sehr unterhaltsam zu lesen.

Ciao,
Michael

P.S.
Schadenfreude? Keineswegs. Eher Bedauern für die armen Kerle, die so tief sinken müssen, um ihr Brot zu verdienen.


_________________
Wenn du lange genug vor einem perfekten Spiegel stehst, verschwindet irgendwann der Unterschied zwischen dieser und der anderen Seite.
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Ilona
Autor


Beiträge: 593
Wohnort: irgendwo in Hessen


BeitragVerfasst am: 29.04.2010 22:07    Titel: Antworten mit Zitat

Schön geschrieben, da weiss ich doch gleich wieder, weshalb ich Baumärkte meide Smile Genauso habe ich die Dinger nämlich in Erinnerung.

Grüße

Ilona
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Canyamel
Geschlecht:männlichSchreiberling


Beiträge: 296
Wohnort: Paris/France


BeitragVerfasst am: 29.04.2010 22:31    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Dienstwerk!

Für mich ist Deine Geschichte ein Beispiel, dass mit genauer Beobachtungsgabe und guter Schreibe aus einem im Grunde sehr abgedroschenen Thema (Diebstahl/Frauen im Baumarkt) eine absolut lesenswerte Geschichte werden kann!

Prima geschrieben - und viel zu gut für die Bild!

LG

Canya

PS: Gestolpert bin ich nur über die Kaufhausdetektive. Wenn Du nicht oben geschrieben hättest, dass die Geschichte wahr ist, ich hätte Dir die Beschreibung nicht geglaubt! Die Türsteher, die ich kenne, sehen nicht gut aus, sondern sind meistens hässliche Boler. Und aus fünfjähriger beruflicher Erfahrung im Einzelhandel kann ich sagen, dass viele Kaufhausdetektive schlimmer aussehen als Goofy!  wink


_________________
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur die langweilige nicht. (Voltaire)
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Dienstwerk
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 50
Beiträge: 1315
Wohnort: Gera/Markkleeberg
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BeitragVerfasst am: 29.04.2010 23:10    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke für's Lesen, ihr Drei.  Wink

@Canya - ja, Scheiße, die sahen wirklich gut aus - und eigentlich wie Kerle, denen man eher zutrauen würde, was zu klauen.

Ich werde die Geschichte an die Globus-Zentrale schicken, mal sehen, ob die Humor beweisen und mir die Kohle zurückgeben.

Die Bild würde den Text wahrscheinlich nur zerpflücken und zum Schluss stehe ich dann wirklich noch als gemeiner Dieb da.

LG, Ana
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Sir Charles Blackwood
Gast






BeitragVerfasst am: 02.05.2010 10:36    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Dienstwerk,

gerne habe ich deine Geschichte gelesen. Flüssig, leicht zu lesen und irgendwie nachvollziehbar. Eine Handlung, wie sie tagtäglich jedem passieren kann. Trotz meines Mitgefühls in deiner Sache, kann ich ein Schmunzeln beim Lesen nicht verhehlen.

Liebe Grüße

Sir Charles
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Dienstwerk
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

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Beiträge: 1315
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BeitragVerfasst am: 05.05.2010 15:44    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Dankeschön für's Mitgefühl, Sir Charles wink

Mal sehen, ob noch was passiert. Der Marktleiter hat sich bereits persönlich bei mir gemeldet und versichert, dass es keine Anzeige geben wird.
Außerdem hängt der Text intern am schwarzen Brett des Globusmarktes aus. smile extra

Nur meine Kohle habe ich nicht wieder - muss ich wohl tatsächlich unter Lehrgeld verbuchen. grr

LG, Ana
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Dienstwerk
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 50
Beiträge: 1315
Wohnort: Gera/Markkleeberg
DSFo-Sponsor Goldene Harfe


BeitragVerfasst am: 02.09.2010 17:06    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Öhem, es kam tatsächlich noch zu einer Anzeige, Monate später - ich vermute mal ein Versehen oder Automatismus.

Habe die Geschichte als Anhang zur Anhörung an die bearbeitende Polizeidienststelle geschickt. Bereits eine Woche später kam ein Schreiben der Staatsanwaltschaft - Verfahren eingestellt, Kosten werden erstattet. Am unteren Briefrand ein Smiley.

Na, wenigstens konnte ich dem Staatsdienst ein Schmunzeln entlocken, was will man als Schreiberling mehr. wink

LG, Ana
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